Drei Filme

Auch Cinécroisette, der Filmclub, dem wir angehören, macht sich stark für die Ukraine. Die Kinos, Filmclubs und Festivals in Frankreich zeigen eine Filmauswahl ukrainischer Filme und sie verzichten, wie auch sämtliche Filmverleiher vollkommen auf die eingenommenen Gelder. Sämtliche Eintrittsgelder und zwar komplett, nicht nur der häufig symbolische Euro, gehen an die Ukraine (in unserem Fall an einen Verein, der mit der Stadt Cannes zusammenarbeitet). Das Kino wurde extra dafür geöffnet und alle (Kassierer, Filmvorführer) haben ohne Bezahlung gearbeitet. Wir haben heute früh “Olga” gesehen. Olga ist eine 15jährige Kunstturnerin, die in Kiew für die Europameisterschaften trainiert. Als auf ihre Mutter, eine Journalistin, die über den damaligen Präsidenten ermittelt und schreibt, ein Anschlag verübt wird, schickt man Olga zum Trainieren in die Schweiz, die Heimat ihres verstorbenen Vaters. Sehr starker Film! Ich schäme mich mal wieder, so wenig über die Revolution auf dem Maidan mitgekriegt zu haben. Hier eine Besprechung und ein Interview mit dem Filmemacher.

Am Abend sahen wir Donbass von Sergej Lotznitska. Hmpf. Endet Olga mit einer positiven Grundstimmung, demoralisiert Donbass umso mehr, und deswegen kriegen Sie den Link zum Trailer dazu nur indirekt auf der am Anfang des Satzes verlinkten Seite. Wenn Sie wissen wollen, wie sich der alltägliche Krieg (in der Ostukraine) heute (!) anfühlt (ich dachte immer wieder, das kann doch nicht im 21. Jahrhundert stattfinden!), dann sehen Sie den Film an, aber seien Sie gewappnet. Ich musste danach erstmal viel darüber lesen. Sieben der dreizehn nicht miteinander verknüpften Szenen, aus denen der Film besteht, hat der Filmemacher von privat veröffentlichten Videos übernommen und nur etwas “akzentuiert”. Umso schlimmer. Der Film lief in Cannes beim Filmfestival 2018 und ich verlinke Ihnen dieses Interview, das damals in der taz erschienen ist.

In Nice Matin zu lesen, dass einer der russischen Waffenhersteller (Kalashnikov-Group) in Cannes eine Villa besitzt, macht dann auch keine richtig gute Laune. Allerdings hat unser Bürgermeister mit seinem ausdrücklichen Engagement für die Ukraine eindeutig seine Seite gewählt. Es wird dem Tourismus in Cannes allerdings wehtun, wenn Oligarchengattinnen nicht mehr Luxus-Boutiquen leer kaufen und Sternerestaurants nicht mehr für ausschweifende Feiern privatisiert werden. Davon lebt Cannes schon auch. Nun gut, man muss sich entscheiden.

Ok, alles etwas Ukrainelastig derzeit, aber die französischen Nachrichten sind auch nicht prickelnder: Depardieu hat nicht nur seine Auftritte mit seinem Programm “Depardieu singt Barbara” abgesagt, (Sie erinnern sich vielleicht, wir haben ihn gehört/gesehen und waren sehr begeistert. Doch doch, waren wir. Ich stehe dazu auch immer noch, ich finde Depardieu als Schauspieler ziemlich großartig), aber nun ist seine herzliche Zugewandtheit zu Putin doch etwas problematisch, dazu kommt, dass man (frau vielmehr) ihn der Vergewaltigung bezichtigt. Nee, verlinke ich Ihnen jetzt nicht, ist mir zu trashig.

Hier kommt ein weiteres Filmchen unseres Präsidenten-Kandidaten. Es ist schon von letzter Woche, aber bei uns passiert gerade zu viel, ich sehe es eben erst. Macron hat in der Zwischenzeit auch sein Programm vorgestellt. Im Film sieht man ihn im QG, quartier général, Hauptquartier seiner Wahlkampagne und umringt von den Leuten, die seine Kampagne machen und ihn unterstützen. Was ich zum ersten Mal so wahrnehme (vermutlich das neu kriegsgeschulte Auge, seufz) sind die Sicherheitsbeamten, die (bei der Szene im Innenhof, etwa ab Minute 4) ununterbrochen die Fenster und Dächer scannen, während alle anderen nur Macron ansehen. Mon Dieu. Später ein erstes Gespräch (Fragen und Antworten) in Poissy. Gewonnen ist die Wahl erst am Ende, sagt er mal wieder. Auf die Frage, was er machen würde, wenn er die Wahl verliere, verweist er auf Angela Merkel, die gesagt habe, sie mache erstmal nichts und überlege.

Ich muss sagen, ich kriege im Moment nicht so viel mit von den anderen Kandidaten, abgesehen von der Nachricht, dass Marion Maréchal sich nicht ihrer Tante Marine, sondern dem noch konservativeren Eric Zemmour angeschlossen hat. Und das, obwohl Marine le Pen derzeit in den Sondagen, vermutlich wegen ihrer weniger aggressiven Kampagne, besser abschneidet als alle anderen, wenn sie auch weit hinter Macron liegt. Für den zweiten Wahldurchgang käme es dann, wie beim letzten Mal, zu einem Wahlduell Macron – Le Pen.

So viel für heute. Morgen früh werde ich mit Tetiana zum Ukraine-Büro der Stadt gehen und schauen, was wir an weiterführender Hilfe beantragen können. Sie hat tatsächlich ihre vorläufige Aufenthaltsgenehmigung (für sechs Monate) bekommen, nachdem sie mit ihrem Bruder die Nacht vor der Präfektur ausgeharrt haben. Seit gestern kann man diese Papiere nun auch in Cannes bekommen und muss dafür nicht mehr bis nach Nizza fahren, wo man dann mit Leuten aus dem ganzen Departement ansteht, das hat der Bürgermeister, der gerade als Präsident aller Bürgermeister gewählt wurde und damit einiges durchsetzen kann, erreicht. Das sage ich den erschöpften beiden jetzt aber nicht mehr. Einerseits ist man mit einem gültigen (biometrischen) Pass und einer Unterkunft zwar für drei Monate en règle, aber wenn man zum Beispiel einen (von der Stadt angebotenen kostenlosen) Sprachkurs machen will, dann braucht man die Aufenthaltsgenehmigung der Präfektur schon. Um aber den Sprachkurs (der tagsüber angeboten wird) machen zu können, müssten die Kinder in der Schule sein. Eins hängt am anderen. Lebensmittelhilfe wäre auch schön, finanziell ist es doch etwas eng, so wie ich das mitkriege. Nun, das sehen wir morgen. Jetzt (24 Uhr schon wieder) gehe ich ins Bett.

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Ohne Titel

recyceltes Foto: Blau und Gelb

Sie wollen natürlich wissen, wie es hier weitergeht mit Tetiana (nicht Tatjana, wie ich in der Zwischenzeit weiß) und ihren Kindern. Es passiert so viel, dass ich kaum nachkomme und ich weiß immer noch so wenig von ihr. Die fünf Tage, die wir in den Bergen verbracht haben, waren intensiv und traurig – es gab eigentlich noch eine zweite Beerdigung, am ersten und am letzten Tag nämlich, und nur weil meine Lesung am Sonntag in Nizza wegen eines Radsportevents ausgefallen war (das CCFA lag mitten in der Einfuhrschneise von Paris-Nice und die komplette Innenstadt war zu diesem Zwecke gesperrt) fuhren wir nicht hin und her, sondern blieben da oben, was mir überraschende Begegnungen mit Freundinnen von früher ermöglichte – die junge Schäferin Marie schleppte mich und zwei andere Frauen nämlich zu einem Frauenabend (die ganze Woche gab es im kleinen Sozialzentrum von Guillaumes Veranstaltungen im Rahmen des Weltfrauentags) und das war toll! Am nächsten Tag war Markttag und ich kaufte Unmengen von Schafs- und Kuh-Käse und Joghurt von fast allen producteurs. Love that!

Vor der Abfahrt in die Berge hatte ich in der Buchhandlung zwei bebilderte Kinderwörterbücher, Filzstifte und Papier erstanden, und ein franco-ukrainisches Wörterbuch bestellt. Dann zeigte ich ihnen noch schnell den Park mit dem kleinem Spielplatz, die beiden Jungs, auch der große, rutschten begeistert auf der kleinen Rutschbahn, kletterten juchzend auf dem Klettergerüst und rannten ansonsten einfach herum. Endlich Bewegung! Mit Tetiana unterhielten wir uns satzweise via einer franco-ukrainischen App auf dem Telefon und genossen die warmen Sonnenstrahlen auf einer Parkbank. Die Frage nach leichterer Kleidung kam auf, da es aber in den folgenden Tagen regnete und stürmte, und auch wieder kalt wurde, wurde es weniger dringlich. (In den Bergen fiel entsprechend Schnee.) Sie verbrachten die nächsten Tage drinnen, aber eine Freundin und die beiden Nachbarinnen aus dem Haus hatten Spielzeug (Puzzle, Autos, Playmobil, Knete) Bilderbücher und Kinderzeitschriften (Wapiti) angeschleppt, ich gab zusätzlich mein kleines Kuschelschaf an den kleinen Jungen weiter, ich glaube, er braucht es nötiger als ich.

Die großherzige Freundin, bei der wir in den Bergen logierten, gab mir selbstgemachte Marmelade, Honig und Käse für die kleine Familie mit, und einen Umschlag. Das alles führt jedes Mal dazu, dass Tetiana hundertmal Merci sagt und mich mit Tränen in den Augen umarmt. Dann aber genug bedankt, mussten wir schnell eine attestation d’hebergement schreiben, also bestätigen, dass Tetiana mit den Kindern so lange es nötig ist, bei uns wohnen kann, suchten zusätzlich eine aktuelle Telefonrechnung (die es natürlich nur im persönlichen Internet-Serviceraum auszudrucken gibt, den wir in all den Jahren nie eröffnet hatten, die Suche nach Passwörtern, bzw. die Kreation neuer sicherer Passwörter begann, nervig, Sie kennen das.) Die Telefonrechnung, die an uns adressiert ist, ist quasi unsere Meldebestätigung, da es so etwas in Frankreich nicht gibt.

So. Gerade (20 Uhr) habe ich Tetiana und Ivan gesehen. Sie sind erschöpft von ihrem Tag, sie haben erneut mit den Kindern und etwa 600 anderen Personen an der Präfektur vergeblich Schlange gestanden. Der Schalter schloss als sie nur noch etwa einen Meter davon entfernt waren. Jetzt werden sie sich gegen Mitternacht anstellen, und hoffen, dass sie morgen dran kommen. Herrjeh. Die Kinder bleiben derweil in der Obhut einer ukrainischen Bekannten. Bislang waren die Kinder so etwas von still und leise, dass sie mir ganz unheimlich waren. Vorhin weinte der Große, weil er in der Nacht nicht ohne seine Mama verbringen wollte. Jetzt (23 Uhr) giggeln sie und lachen und kreischen und rennen durch die kleine Wohnung, dass ich sie nicht nur im Zimmer direkt darüber, sondern noch zwei Zimmer weiter hören kann. Eigentlich macht mich Lärm unter meinem Schlafzimmer, ganz gleich welcher Art, nicht glücklich. Aber heute denke ich, dieses ausgelassene (Stress rauslassende) Kindergeschrei ist ein gutes Zeichen. Sie sind ganz normale, lebendige Kinder, denen das Leben von jetzt auf gleich in einem anderen Land, ohne ihren Vater, und mit der spürbaren Sorge ihrer Mutter natürlich zusetzt.

Morgen gibt es eine Informationsveranstaltung der Stadt für die ukrainischen Familien und ihre Gastgeber. Da werden vielleicht auch die etwas widersprüchlichen Ankündigungen zum Schulbesuch eindeutig geklärt, und wir wollen die Lebensmittelhilfe, die wir beantragt hatten, reklamieren. Und für Katrin von Côte d’Azur unlimited, die ganz großartig ihre kleine Ferienwohnung in Théoule für eine vierköpfige Familie zur Verfügung stellte (morgens angerufen, abends sind die Menschen da, das geht hier ruckzuck, alles andere holpert und stolpert dann etwas hinterher), für Katrin also frage ich, wie man der Familie eine Anschlusswohnung auf Zeit oder besser noch eine richtige Wohnung vermitteln kann, denn erstens liegt die (zu) kleine Wohnung weit weg von Schule und Läden (eine Ferienwohnung eben) und irgendwann will Katrin schon gerne selbst wieder in ihrer Ferienwohnung Urlaub machen.

Gerade trudelte noch eine Nachricht der Bürgermeisterin meines Bergdorfes ein: sie werden in der derzeit leerstehenden Auberge Flüchtende aus der Ukraine aufnehmen. Boah, denke ich und hoffe gleichzeitig, es verschlägt nicht irgendwelche Großstädter dorthin. Ich liebe mein kleines Dorf, aber es ist nicht allzu viel los da und ohne Auto wird es schwierig.

Ich möchte Ihnen noch von einer jungen ukrainischen Fotografin @victoria_liholet erzählen, die ich letztes Jahr im Internationalen Haus in Nürnberg kennengelernt habe (da sehen Sie mal, diese Städtepartnerschaften führen zu echten Begegnungen! Cannes übrigens hat sich gerade mit Lviv verpartnerschaftet!) Sie kommt aus Kharkiv (= französische Schreibweise), wie mir plötzlich erschrocken klar wurde. Kharkiv, ups, was haben wir da nicht für schreckliche Bilder im Fernsehen gesehen. Ich bin mit Victoria lose über Instagram verbunden und suchte sie. Seit zwölf Tagen postet sie aus ihrer Wohnung im obersten Stock eines Hochhauses Nachtaufnahmen der wenigen Lichter ihrer Nachbarschaft. Heute schrieb sie: “Die Lichter werden immer weniger.” Es gehe ihr “gut”, antwortete sie, als ich sie vor ein paar Tagen anschrieb. Sie sei “relativ sicher” und sie dankt mir für meine Sorge und mein Hilfsangebot, lehnt es aber ab, es gehe ihr gut und sie wolle nicht weg. Ich warte jetzt jeden Tag auf ihr gepostetes Foto, so weiß ich, dass sie noch lebt. Bei @photovogue gibt es derzeit eine mehrteilige Serie A tribute to Ukraine über ukrainische FotografInnen. Auch von ihr gibt es einen Beitrag. Doch sie ist unzufrieden, schreibt sie mir, dass man ukrainische Kunst und Künstler erst durch diesen Krieg entdecke, und dass man nicht mehr über Kunst um der Kunst willen sprechen könne, sondern immer nur im Kontext Krieg. “I really want to get back to pure enjoyment of art, when this whole nightmare is over.” Auch ihre Fotos sind ja vom Krieg beeinflusst, aber nun gut. In Nürnberg erzählte sie und die anderen FotografInnen aus Kharkiv mir von ihrem Projekt, Nacktaufnahmen zu machen, ohne dass sie als sexualisiert oder pornografisch angesehen würden. “Aha”, dachte ich, alte weiße Frau aus einem alten westeuropäischen Land, ein bisschen müde. Ich habe mich nicht besonders dafür interessiert, scrolle erst jetzt neugierig durch ihre über tausend Instagram-(nicht nur Nackt-)Fotos, und ja, die Ukraine und manche Künstlerin entdecke auch ich gerade erst durch diesen Krieg. Mea culpa. Aber soll ich deshalb jetzt nicht darüber sprechen?

Dieses ukrainische Orchester zum Beispiel begeistert mich mit jedem Hören mehr und mehr. Gefunden über @stasiasavasuk.

Wenn Sie noch nicht genug haben, hier wäre nochmal eine zusätzliche Stunde DakhaBrakha.

ps: Diesen Text habe ich schon gestern Abend geschrieben, aber mir wollte ums Verr*** keine Überschrift einfallen. Deswegen ließ ich ihn über Nacht liegen, mir fällt immer noch nix ein, aber da wir von Kunst sprechen, erlaube ich mir meine Lieblingsbezeichnung von Kunstwerken in Museen und Galerien zu verwenden: Ohne Titel.

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Abschiede – Des adieux

Wir haben fünf Tage in einer Parallelwelt verbracht. In den Bergen sterben die Leut. Überhaupt sterben in und um Guillaumes, dem Zweihundert-Seelen- Dorf im oberen Vartal, in dem ich seinerzeit in der kleinen Cooperative, dem Genossenschaftsladen, gearbeitet habe, ziemlich viele Menschen, denen ich Futtermais, Gummistiefel oder Saatkartoffeln verkauft habe. Es tut mir weh, all die Menschen, die “meine Welt” dort oben ausmachen, verschwinden zu sehen. Besonders weh tut es, wenn es die Menschen aus “meinem” Dorf sind, Châteauneuf d’Entraunes, das noch kleiner ist und noch ein paar hundert Meter höher liegt. Vor zwei Monaten starb schon Rosette, eine Schäferin und eine besondere Persönlichkeit des Dörfchens. Vier wild aussehende Schäfer trugen ihren Sarg vom kleinen Dorfplatz, an dem ihr Haus steht, bis zur Kirche. Der Diakon, gleichzeitig der Landarzt und Freund der Familie sprach sehr persönlich und liebevoll von ihr und ihrer Familie, die ein stets offenes Haus führten. Bei ihnen sagt man “guten Tag” wenn man im Dorf ankommt und “Auf Wiedersehen” wenn man wieder geht. Fast alle Bewohner des Dorfes lassen ihren Schlüssel dort am riesigen Schlüsselbrett, für den Fall dass … Dieses Haus ist Dreh- und Angelpunkt des Dorfes. Hier gibt der Briefträger Post ab, die bei dem einen oder anderen nicht in den Briefkasten passt und liefert gleichzeitig die Neuigkeiten aus dem Tal. Nachrichtenzentrale. Alles weiß man hier. Im Winter ist es dort immer gut geheizt, häufig ist es so warm, dass ich mir sofort die Jacke vom Leib reiße und schwer atmend und mit hochrotem Kopf an der Tür stehen bleibe. Meistens aber wird man genötigt, sich zu setzen, etwas zu trinken, je nach Tageszeit einen Kaffee, einen Minzsirup oder einen Pastis, oder wenigstens zu erzählen, was es Neues gibt. Sucht man jemanden im Dorf, dann fragt man am besten hier nach. Entweder weiß man, wo der oder diejenige sich befindet, oder er oder sie ist sowieso gerade da und plaudert. Alle sind früher oder später hier. Es herrscht ein Kommen und Gehen. Alle reden durcheinander, Hunde und Katzen wuseln herum, der Fernseher läuft, das Telefon klingelt. Kommt man überraschend um die Mittagszeit, rücken sie auf dem engen Canapé zusammen, quetscht man sich dazwischen und wird mit verköstigt. Früher war es Rosette, die kochte, seit ein paar Jahren konnte sie es nicht mehr. Sie saß zusammengesunken mit dem kleinen Hund oder einer der Katzen auf dem Canapé und atmete nur noch mithilfe eines Sauerstoffgeräts. Ich erinnere mich noch an sie, wie sie früher war, rasant rothaarig und mit langen roten Fingernägeln, auf ihre Art sehr kokett und gleichzeitig brüsk. Besser war es, gut mit ihr auszukommen. Ich hatte die Ehre, dass sie mich mochte. Mir bot sie noch einen Platz an, als sie schon sehr müde war, auf dem Sofa nicht mehr saß, sondern lag und sich kaum noch erhob. Ihr Mann hatte mir gesagt, ich solle nach dem Essen bei Ihnen den obligatorischen Kaffee trinken. Bis ich aber kam, hatte er sich schon zur Sieste zurückgezogen. Sie leben in all dem Trubel doch ihren eigenen Rhythmus. “Setz dich”, sagte sie zu mir und richtete sich mühsam auf. “Willst du einen Kaffee?” Ich wehrte ab, sie insistierte. Der Kaffee war von ihrem Mann versprochen worden. Das hielt sie ein. Ich könne mir auch selbst einen Kaffee machen, schlug ich vor. Sie winkte nur ab und erhob sich langsam von ihrem Canapé, schlurfte zur Kaffeemaschine und ließ mir einen Espresso durchlaufen. Sie stellte das kleine Glas vor mich hin und suchte die Zuckerdose im Schrank. Dann ließ sie sich schwer atmend wieder auf das Canapé fallen und stöpselte sich an ihre Sauerstoffflasche an. “Nimm dir einen Keks” forderte mich Maria, ihre Mutter, auf, und machte eine Geste zur riesigen Suppenschüssel mit dem gesprungenen Deckel, in der immer Gebäck, im Winter selbst gebackenes Spritzgebäck, aufbewahrt wird. Ich nahm mir einen Keks, tunkte ihn in den Espresso und erzählte dies und das. Ein paar Tage später war Rosette so erschöpft, dass ihr Mann sie ins Krankenhaus fuhr. Sie wollte nicht. Niemand will hier ins Krankenhaus. Er fuhr sie trotzdem. Es war Freitag Abend. Im kleinen Regionalkrankenhaus eine Dreiviertelstunde entfernt sagten sie, dass sie vor Montag nichts machen könnten. Kein Arzt da. Was wollen Sie machen, wir sind auf dem Land. Ihr Mann fuhr sie noch eine weitere Dreiviertelstunde bis nach Nizza in die Notaufnahme eines Stadtkrankenhauses. Dort starb sie noch in derselben Nacht. Ihr Mann ist untröstlich, sie ausgerechnet in dieser Nacht verlassen und ihr nicht die Hand gehalten zu haben.

Foto: Jean Pierre Champoussin

Und jetzt ist Maria gestorben. Sie war außer sich und blieb untröstlich, dass ihre Tochter vor ihr gegangen war. Maria. Sie war Schäferin mit Leib und Seele. Ziegen und Schafe waren ihr Leben. Sie war kaum in der Schule gewesen, konnte kaum lesen und schreiben, aber sie hatte ein anderes Wissen: Ein tiefes Wissen von Pflanzen und Tieren und dem Wetter, von der uns umgebenden Natur und von den Menschen. Sie hat ihr langes Leben lang gearbeitet und immer Tiere gehabt. In den letzten Jahren immer weniger, meistens päppelte sie nur noch die Schafe auf, die zu schwach waren, um bei der jährlichen Transhumance, dem Auftrieb der Schafe in die Berge, mitzulaufen. Alle paar Stunden gab sie ihnen die Flasche. Einmal habe ich ihr eines gebracht, das entkräftet am Straßenrand liegengeblieben war. Seine Mutter hatte es abgelehnt und es war fast verhungert. Als ich mit dem kleinen Schaf im Arm in die Küche kam, nickte sie nur und erhob sich. Dass das Schäfchen nach ein paar Wochen dennoch gestorben war, hat sie nie vergessen. Tiere sterben eben manchmal, sagte sie damals und zuckte mit den Schultern. Man kann nicht um jedes Tier weinen. Überhaupt wird hier nicht geweint. Das Leben in der Natur und mit Tieren ist hart. Ich riss mich damals zusammen und wischte mir nur verstohlen die Tränen aus den Augen. Vor ein paar Wochen sagte sie mir, sie habe vermutlich die Milch aus dem Milchpulver nicht nahrhaft genug gemacht. Bei all den zigtausend Schafen, die sie aufgezogen und gehütet hat, hat sie “mein” kleines Schaf, das nicht überlebt hat, nie vergessen. Überhaupt hat sie nie etwas vergessen. Sie kennt Monsieur noch aus dessen Kindertagen und fragte und erinnerte sich immer mal wieder an dieses und jenes, das über siebzig Jahre zurücklag. Eine Zeitlang waren Monsieurs Mutter, die Bankierstochter und Maria, die Schäferin, zwei Frauen, die kaum gegensätzlicher sein konnten, die beiden ältesten Damen des Dorfes. Beide strebten an, hundert Jahre alt werden zu wollen und erkundigten sich durchaus respektvoll immer wieder, wie alt denn nun die jeweils andere sei. Aber nur Maria hat die Hundert, gar die Hundertzwei erreicht. Kleiner Triumph am Ende eines Lebens.

Seit ich Maria kenne, hatte sie Schwierigkeiten zu laufen und ließ sich quasi von ihrer Motor-Schubkarre ziehen, mit der sie von einem Stück Garten zu einem Stück Wiese rumpelte, um hier Bohnen zu ernten und dort mit einer Sense Gras zu mähen für die Stallkaninchen. Die Sense diente ihr dabei gleichzeitig als Stütze. Sie konnte nicht nichts tun. Im Winter saß sie zwar bei gutem Wetter in der Sonne vor der Scheune, aber niemals war sie dabei untätig, sondern sie flocht mit ihren rheumatisch verformten Händen Körbe. Und später zog sie in einem auf Skiern montierten Waschkorb Holz für den Ofen aus der Scheune bis ins Haus. Erst die letzten Jahre, als ihre Beine sie nicht mehr trugen und sie ans Haus gefesselt war, hörte sie gezwungenermaßen auf zu arbeiten, und sie hörte nicht auf, darüber zu klagen. Sie sei zu nichts mehr nütze, meinte sie. Sie saß schwer auf ihrem Stuhl und wartete auf das Essen und darauf, dass man ihr die Neuigkeiten der Welt hineintrug in die überheizte Küche. Vor knapp zwei Wochen war sie trotz all der Pflege der Krankenschwestern, und vor allem trotz der aufopfernden Zuwendung von Cathy, der Haushaltshilfe, die so viel mehr war als nur eine Haushaltshilfe, und des Schwiegersohns (beide am Ende ihrer Kräfte) in einem so schlechten körperlichen Zustand, dass entschieden wurde, sie könne nicht mehr zu Hause bleiben und müsse ins Krankenhaus. Ich war an dem Tag anwesend und es war herzzerreißend. Sie wollte nicht und weinte laut und bitterlich. “L’hopital c’est la fin.” Das Krankenhaus ist das Ende. Wir alle weinten auch. Sie war bis zum Schluss hellwach im Kopf, aber ihr Körper war müde. Und der Kummer darüber, ihre Tochter verloren zu haben, hat ein Übriges getan.

Rosette und Maria sind nicht mehr unter uns, aber für immer in unseren Herzen. Rosette war unsere Trauzeugin. Und sie hat mich auch für eine meiner Romanfiguren inspiriert. Wir werden beide nie vergessen.

Nous avons passé cinq jours dans un monde différent. Dans les montagnes, les gens meurent. À Guillaumes, le village de deux cents âmes de la haute vallée du Var où je travaillais à l’époque dans la petite coopérative, les personnes à qui je vendais du maïs, du blé, des bottes en caoutchouc ou des semences de pommes de terre meurent. Cela me fait mal de voir disparaître toutes ces personnes qui ont été “mon monde” là-haut. Cela me fait particulièrement mal quand ce sont des gens de “mon” village, Châteauneuf d’Entraunes, qui est encore plus petit et qui se trouve encore quelques centaines de mètres plus haut. Il y a deux mois déjà, Rosette, une bergère et une personnalité particulière de ce petit village, est morte. Quatre bergers ont porté son cercueil depuis la petite place du village, où se trouve sa maison, jusqu’à l’église. Le diacre, qui était aussi le médecin de campagne et un ami de la famille, a parlé d’elle et de sa famille de manière très personnelle et affectueuse, car elle et sa famille tenaient une maison toujours ouverte. Chez eux, on dit “bonjour” en arrivant au village et “au revoir” en repartant. Presque tous les habitants du village laissent leurs clés sur l’immense tableau des clés, au cas où … Cette maison est le centre névralgique du village. C’est ici que le facteur dépose le courrier qui ne rentre pas dans la boîte aux lettres de l’un ou l’autre et qu’il livre en même temps les nouvelles de la vallée. C’est une centrale d’information. Tout se sait ici. En hiver, on est toujours au chaud, il fait souvent si chaud que j’arrache ma veste et que je reste à la porte, respirant difficilement avec la tête toute rouge. Mais la plupart du temps, on nous invite à s’asseoir, à boire quelque chose, selon le moment de la journée, un café, un sirop de menthe ou un pastis, ou au moins de raconter ce qu’il y a de nouveau. Si l’on cherche quelqu’un dans le village, le mieux est de demander ici. Soit on sait où se trouve la personne, soit elle est de toute façon là, en train de bavarder. Tout le monde est là tôt ou tard. Il y a des allées et venues. Tous parlent en même temps, les chiens et les chats s’agitent, la télévision est allumée, le téléphone sonne. Si l’on arrive par surprise à l’heure du déjeuner, ils se serrent sur l’étroit canapé, on se presse entre eux et on est aussi nourri. Avant, c’était Rosette qui faisait la cuisine, mais depuis quelques années, elle ne le pouvait plus. Elle s’asseyait sur le canapé avec le petit chien ou l’un des chats et ne respirait plus qu’à l’aide d’un appareil à oxygène. Je me souviens encore d’elle telle qu’elle était autrefois, rousse et avec de longs ongles rouges, à la fois très coquette et brusque à sa manière. Il valait mieux être en bons termes avec elle. J’ai eu l’honneur qu’elle m’appréciait. Elle m’a encore proposé une place alors qu’elle était déjà très fatiguée, qu’elle n’était plus assise, mais allongée sur le canapé et ne se levait presque plus. Son mari m’avait dit que je devais prendre le café obligatoire chez eux après le repas. Mais le temps que j’arrive, il s’était déjà retiré pour la sieste. Dans toute cette agitation, ils vivent tout de même à leur propre rythme. “Assieds-toi”, me dit-elle en se redressant péniblement. “Tu veux un café ?” J’ai refusé, elle a insisté. Le café avait été promis par son mari. Elle a tenu sa promesse. Je peux aussi me faire un café moi-même, ai-je suggéré. Elle se contenta d’un signe de la main et se leva lentement de son canapé, se traîna jusqu’à la machine à café et me fit passer un expresso. Elle posa le petit verre devant moi et chercha le sucrier dans l’armoire. Puis elle se laissa à nouveau tomber sur le canapé en respirant difficilement et se rebrancha sur sa bouteille d’oxygène. “Prends un biscuit” m’a demandé Maria, sa mère, en faisant un geste vers l’énorme bol de soupe au couvercle fêlé dans lequel sont toujours conservés des biscuits faits maison. J’ai pris un biscuit, je l’ai trempé dans l’expresso et j’ai raconté ceci et cela. Quelques jours plus tard, Rosette était si épuisée que son mari l’a conduite à l’hôpital. Elle ne voulait pas. Personne ne veut aller à l’hôpital ici. Il l’a quand même conduite. C’était vendredi soir. Dans le petit hôpital régional à trois quarts d’heure de là, ils ont dit qu’ils ne pouvaient rien faire avant lundi. Il n’y a pas de médecin. Que voulez-vous faire, nous sommes à la campagne. Son mari l’a conduite trois quarts d’heure plus loin jusqu’à Nice, aux urgences d’un hôpital de la ville. C’est là qu’elle est décédée la nuit même. Son mari a le cœur brisé de l’avoir abandonnée cette nuit-là justement, de ne pas lui avoir tenu la main.

Foto: Jean Pierre Champoussin

Et maintenant, Maria est morte. Elle était hors d’elle et restait inconsolable que sa fille soit partie avant elle. Maria était une bergère. Elle était bergère corps et âme. Les chèvres et les moutons étaient sa vie. Elle n’avait guère été à l’école, savait à peine lire et écrire, mais elle avait un autre savoir : Une connaissance profonde des plantes, des animaux et du temps, de la nature qui nous entoure et des hommes. Elle a travaillé toute sa vie et a toujours eu des animaux. De moins en moins ces dernières années, la plupart du temps elle se contentait de nourrir les agneaux qui étaient trop faibles pour participer à la transhumance annuelle, la montée des moutons dans les montagnes. Toutes les deux heures, elle leur donnait le biberon. Une fois, je lui ai apporté un agneau qui était restée sur le bord de la route, affaibli. Sa mère l’avait rejeté et il était presque mort de faim. Lorsque je suis arrivée dans la cuisine avec le petit mouton dans les bras, elle a simplement hoché la tête et s’est levée. Elle n’a jamais oublié que le petit mouton était mort quelques semaines plus tard. Les animaux meurent parfois, disait-elle alors en haussant les épaules. On ne peut pas pleurer pour chaque animal. D’ailleurs, on ne pleure pas ici. La vie dans la nature et avec les animaux est dure. Je me suis alors ressaisie et j’ai seulement essuyé furtivement les larmes de mes yeux. Il y a quelques semaines, elle m’a dit qu’elle n’avait probablement pas rendu le lait en poudre assez nourrissant. Parmi les dizaines de milliers de moutons qu’elle a élevés et gardés, elle n’a jamais oublié “mon” petit mouton qui n’a pas survécu. D’ailleurs, elle n’a jamais rien oublié. Elle connaît Monsieur depuis l’enfance de ce dernier et lui posait de temps en temps des questions et se souvenait de telle ou telle chose qui remontait à plus de soixante-dix ans. Pendant un certain temps, la mère de Monsieur, la fille du banquier, et Maria, la bergère, deux femmes qui ne pouvaient guère être plus opposées, étaient les deux doyennes du village. Toutes deux aspiraient à devenir centenaires et se demandaient sans cesse, avec respect, quel âge avait l’autre. Mais seule Maria a atteint la centaine, voire les cent deux ans. Une petite victoire en fin de compte.

Depuis que je connais Maria, elle avait du mal à marcher et se laissait pratiquement tirer par sa brouette motorisée, avec laquelle elle se déplaçait d’un bout de jardin à un bout de pré pour récolter des haricots ici et couper l’herbe là, avec une faux, pour les lapins. La faux lui servait également de support. Elle ne pouvait pas ne rien faire. En hiver, par beau temps, elle s’asseyait au soleil devant la grange, mais elle ne restait jamais inactive : elle tressait des paniers avec ses mains déformées par le rhumatisme. Et plus tard, elle tirait du bois pour le poêle depuis la grange jusqu’à la maison dans un panier à linge monté sur des skis. Ce n’est que les dernières années, lorsque ses jambes ne la portaient plus et qu’elle était clouée à la maison, qu’elle a été contrainte d’arrêter de travailler, et elle ne cessait de s’en plaindre. Elle ne servait plus à rien, disait-elle. Elle était assise lourdement sur sa chaise et attendait le repas et qu’on lui apporte les nouvelles du monde dans la cuisine surchauffée. Il y a à peine deux semaines, malgré tous les soins des infirmières, et surtout malgré le dévouement de Cathy, l’aide ménagère et bien plus, et de Damiano, son gendre (tous deux à bout de forces), elle était dans un tel état physique qu’il a été décidé qu’elle ne pouvait plus rester à la maison et devait être hospitalisée. J’étais présente ce jour-là et c’était déchirant. Elle ne voulait pas et pleurait fort et amèrement. “L’hôpital c’est la fin”. Nous avons tous pleuré aussi. Jusqu’à la fin, elle était bien éveillée dans sa tête, mais son corps était fatigué. Et le chagrin d’avoir perdu sa fille a fait le reste.

Rosette et Maria ne sont plus là, mais restent dans nos cœurs. Rosette était notre témoin de mariage. Et elle m’a aussi inspiré l’un de mes personnages de roman. Nous ne les oublierons jamais.

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Tatjana

Sie haben es schon gemerkt, dieser Krieg berührt mich mehr als all die anderen, die es zeitgleich auch irgendwo gibt. Ich glaube, es liegt daran, dass mir Putin vorkommt wie Hitler, ein Größenwahnsinniger, der sein Volk indoktriniert hat und einen gnadenlosen Angriffskrieg führt. Damit werde ich in unsere Geschichte katapultiert, mit der ich mich, wie Sie wissen, schon immer und immer wieder auseinandersetze. Ich habe für meinen letzten Kriminalroman über die Geschichte der versteckten jüdischen Kinder hier im Südosten Frankreichs recherchiert; bei all dem Leid, dass es im Zweiten Weltkrieg gab, haben immer auch Menschen andere Menschen aufgenommen, mitunter jahrelang versteckt und unter schwierigen Bedingungen mit ernährt. Und sich dabei selbst in Lebensgefahr gebracht.

Ich habe mich, trotz so vieler herzzerreißender anderer Bilder, die ich auch gesehen habe, noch nie vorher in der Flüchtlingshilfe engagiert. Erstmals aber hat es mich nicht ausreichend beruhigt, Geld zu spenden oder von den drei verbleibenden Etsy-Händlerinnen in der Ukraine etwas zu erwerben. Es gibt hier unten auch kaum erwähnenswerte Demos, bei denen man sich solidarisch zeigen kann, und die einem vielleicht das Gefühl geben, etwas getan zu haben.

In der Nacht von Samstag auf Sonntag habe ich so gut wie nicht geschlafen. Monsieur ebensowenig. “Kannst du dir vorstellen, dein Büro zur Verfügung zu stellen?”, fragte Monsieur, noch bevor er mir seinen Guten-Morgen-Kuss gegeben hat. Ich weiß, was er meint. “Ja”, nicke ich, ebenfalls noch bevor ich “guten Morgen” sage und fühle mich unendlich erleichtert und mit einem Mal auch ruhig. Ich kann aktiv etwas tun in diesem Wahnsinn!

Am Montagmorgen um 10 Uhr öffnet das Büro für die Ukraine-Hilfe, das sich in einem Mehrzwecksaal in einer Außenstelle der Mairie befindet. Wir sind die ersten an diesem Morgen, die eine Unterkunft anbieten. Wir denken dabei an ein Paar oder an eine Mutter mit einem Kind, es ist nur eine kleine einfache Einzimmerwohnung mit einem Klappsofa. Die beiden Damen notieren sich unser Angebot. “Wie lange?”, fragen sie. Ich sehe Monsieur an. “So lange es nötig ist”, entscheidet er. Sie nicken und lächeln. “Und ab wann?”, fragen sie. Wir zucken die Schultern und überlegen. “Ab sofort vielleicht?”, fragen die Damen nach. Monsieur und ich sehen uns an. So schnell? “Dann müssen wir ein bisschen Möbel schieben”, überlegen wir laut, denn ich werde meinen Schreibtisch und meinen Stuhl in unser Wohnzimmer integrieren, “aber doch, das können wir hinkriegen. Ab sofort, ja”, nicken wir den Damen zu.

Nicht mal eine Stunde später werde ich angerufen: Im Laufe des Tages käme eine junge Frau mit zwei Kindern, ob sie zu uns kommen könnten? “Klar”, sage ich, zögere aber, denn für drei Personen haben wir keine Schlafgelegenheit, wir haben nur ein Klappsofa für zwei. “Wie alt sind die Kinder?”, erkundige ich mich, mit zwei kleinen Kindern könnte man vielleicht auch zu dritt in dem, wenn ausgeklappt, ziemlich breiten Sofa schlafen. Aber die Kinder sind etwa 8 und 10 Jahre alt. Unser Angebot ist raummäßig das größte, das derzeit zur Verfügung stehe, erfahre ich, und klar, es ist dringend. “Können Sie nicht noch eine Schlafgelegenheit dazustellen?”, fragt die Dame der Mairie. “Ja, vielleicht”, überlege ich. Ein Sofa, gebraucht gekauft für das Haus im Bergdorf, hat sowieso vorübergehend seinen Platz im Büro, “aber dann wird es wahnsinnig eng”, wende ich ein. “Glauben Sie mir, das ist den Leuten egal, die brauchen nur überhaupt einen Raum, um zur Ruhe zu kommen und in Sicherheit zu sein”, versichert mir die Dame. “Gut, dann machen wir das”, stimme ich zu.

Monsieur und ich wuchten Möbel in die erste Etage (fragen Sie nicht nach den Knien!) und schieben Sudokumäßig Möbel im Büro hin und her. Das Sofa ist etwas kurz, aber vielleicht kann ein Kind dort schlafen? Ich suche Kissen und Deckbetten und zusätzlich einen Schlafsack, Bettwäsche und Handtücher zusammen. Ich lüfte den alten Schlafsack und besehe ihn mit kritischen Augen; waschen kann ich ihn so schnell nicht mehr, wir kaufen aber eilig noch einen Innenschlafsack. Einerseits bin ich total energiegeladen, gleichzeitig nervös und flatterig. Was für Leute werden es sein? Ich suche einen großen Topf mit Glasdeckel, um die karge Küchenausstattung des dafür nicht gedachten Büros etwas anzureichern, der Topf gleitet mir aus den zitternden Händen und der Deckel zerbricht krachend auf dem gekachelten Fußboden in tausende von Glassplittern. Ich stehe dumm herum, während Monsieur schweigend die Glassplitter zusammenfegt. Die “Glasdeckel-Explosion” hat mich zwar von meiner Übernervosität heruntergeholt, der Topf aber ist hin.

Ich erhalte einen Anruf einer (mittelmäßig gut) französisch sprechenden Ukrainerin, die für die Mairie vermittelt und übersetzt. Die Familie käme gegen 18 Uhr an, man würde sie zu uns begleiten. “Alles gut”, sage ich und überlege bereits, was ich zu Essen machen könnte.

Mit dem, was ich im Haus habe und dem, was universell passen könnte, plane ich eine Gemüsesuppe, Nudeln mit Tomatensoße, eventuell angereichert mit steak haché (Rinderhacksteaks, das französische Kinderessen schlechthin) und einen Apfelstreuselkuchen. Damit bin ich den Rest des Nachmittags beschäftigt. Ich erhalte einen weiteren Anruf, es wird später, vielleicht würde es auch sehr spät, ob sie trotzdem kommen könnten? “Selbstverständlich”, versichere ich. “Wir warten auf jeden Fall und es gibt auch etwas zu essen.” Mir wird überschwänglich gedankt.

Gegen 22 Uhr ist es soweit. Vier Erwachsene und ein Kind stehen vor mir. Ein anderes Kind schläft auf dem Arm einer schmalen jungen Frau mit großen Augen. Das Kind ist noch klein. Sie habe sich etwas mit dem Alter der Kinder vertan, entschuldigt sich die ukrainische Vermittlerin, die mit ihrem Mann und dem Bruder der jungen Frau gekommen ist. Alle drei erklären, warum sie Tatjana, denn so heißt die junge Frau, und die Kinder nicht selbst aufnehmen können, sie wohnen selbst schon wahnsinnig beengt. Der Bruder wohnt in einer 9 Quadratmeter”wohnung”, einem sogenannten chambre de bonne, einem ehemaligen Dienstmädchenzimmer. Sie finden unsere kleine einfache Einzimmerwohnung groß und großartig und danken mir alle immer wieder. Ich finde es beruhigend, dass es einen (wenn auch nur mäßig französisch sprechenden) Bruder gibt, der sich um all das Administrative (Aufenthaltsgenehmigung, etc.) kümmern will, über das wir uns natürlich auch schon Gedanken gemacht haben. “Wir machen das!”, versichern sie mir alle. Dass wir die Wohnung zur Verfügung stellen, ist schon so eine Erleichterung, alles andere werden sie übernehmen. Dann sind wir aber doch erstmal alleine mit Tatjana und den zwei Jungens, die vier und neun Jahre alt sind. Sie sind alle drei reizend. Niemand spricht Französisch oder Englisch, der Junge immerhin kann ein paar Brocken Schulenglisch, wir wurschteln uns so durch. Die Suppe ist gut, die Nudeln schmecken und der lauwarme Apfelstreusel ganz besonders. Merci, sagt der große Junge plötzlich in akzentfreiem Französisch und strahlt mich an. Ich muss mich zusammenreißen, um ihn nicht zu küssen und streichle auch nur ganz wenig über das blonde Flaumhaar des kleineren Jungen, der mit Pepita um die Wette maunzt und plötzlich laut pupst. “Oh!” macht er erschrocken und sieht schuldbewusst von mir zu seiner Mutter und zurück. Auch der große Junge hält kurz den Atem an. Was muss ihre Mutter ihnen nicht alles eingeschärft haben. “Benehmt euch, seid höflich und brav, gepupst wird nicht und schon gar nicht am Tisch!” Ich lache laut, uff, alle lachen und sind erleichtert. Tatjana entspannt sich zunehmend und umarmt mich plötzlich lange. Ich erinnere sie an die Großmutter, erfahre ich, an die Mutter ihres Mannes. Das ist ein Kompliment, vermute ich und bin gerührt. Gegen halb zwölf schläft der kleine Junge fast am Tisch ein und wir bringen die kleine Familie ins Erdgeschoss in ihre Wohnung.

Später gehe ich noch einmal nach unten und schließe vorsichtig die Fensterläden von außen, was ihnen, wie ich heute früh erfahren habe, Sorgen machte, weil sie dachten, sie müssten versteckt leben und dürften die Fensterläden nicht öffnen.

Eigentlich dachte ich, sie würden heute früh noch einmal zum Frühstück zu uns kommen, aber Tatjanas Bruder, Ivan, brachte schon eine Tüte voller Lebensmittel und außerdem Blumen für Tatjana und mich (es sei unser Tag, sagte er, klar, 8. März ist Weltfrauentag, war mir nicht besonders präsent dieses Jahr). Wir klären ein paar Fragen zur Heizung, Toilette, insbesondere die Mülltrennung beschäftigte sie. Ich frage, ob sie Nachrichten von ihrem Mann habe. Der Bruder nickt. Er lebt. Die Nacht war relativ ruhig, aber alle zwei Stunden gab es einen Alarm. Mehr erfahre ich erstmal nicht. Der Bruder hat heute einen Tag freigenommen und kümmert sich um das Dringendste. Ich frage wegen der Schule für die Kinder. Sie sehen mich skeptisch an. “So lange wird es doch nicht dauern”, winken sie ab. Ich fürchte, es wird noch sehr lange dauern, aber na gut, ich will sie damit nicht noch zusätzlich belasten. Eigentlich will Ivan zurück in die Ukraine, um sein Land zu verteidigen. “Alle meine Freunde kämpfen und ich tue nichts!” Aber erstmal wollte er seine Schwester in Sicherheit wissen. “Stabilität”, sagt er wiederholt. Sie brauche erstmal Stabilität. Erst dann wird er zurückgehen.

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Herzzerreißend

Des images déchirantes, sagen die Journalisten mehrfach. Herzzerreißende Bilder. Ich kann mich nicht erinnern, Journalisten jemals so tief ernst und berührt gesehen zu haben. Ich, emotional wie immer, habe Tränen in den Augen, während ich die aktuellen Bilder im TV sehe. Ein Franzose, der (im derzeit noch wenig betroffenen Lviv im Westen der Ukraine) eine französische Supermarktkette leitet, sagt, auf die Frage, warum er nicht nach Frankreich ausreise: “Alle meine Mitarbeiter sind da, niemand ist gegangen, alle sind mutig und engagiert; in einem Supermarkt geht es darum, die Menschen mit Lebensmitteln und allem Notwendigen zu versorgen. Das tun wir. Ich kann meine Mitarbeiter doch jetzt nicht alleine lassen.” Ob er keine Angst habe, wurde er auch gefragt. “Noch nicht”, antwortet er.

Das französische Filmarchiv INA hat heute eine (klick–>) Balade dans Kiew, einen kleinen Spaziergang in Kiew in den 60er Jahren, ausgekramt. Kiew gehörte damals allerdings zur UdSSR. (Achtung: Dies ist nur ein kopiertes Foto. Ich kann das INA-Video hier nicht direkt einbetten. Sie müssen bitte auf den oben angegebenen Link klicken und dort den Film öffnen.)

Die Ukraine habe so viele Eroberer gesehen, aber keiner konnte die Vitalität der Ukrainer zerstören, lautet einer der letzten Sätze. “Ruhm für die Ukraine!” ruft Vitali Klitschko stolz zum Abschluss seiner Posts auf Instagram.

Ich habe daraufhin ein paar aktuelle Reisevideos angesehen. Ich gebe Ihnen mal dieses hier, weil es am meisten von der Ukraine zeigt. Ich, die ich im Kalten Krieg aufgewachsen bin, habe ja immer noch diese grauen, tristen Bilder im Kopf von all diesen “armen” Ländern im Osten, die ich dann auch nach dem Mauerfall und der Öffnung des Ostens so gut wie nie besucht habe. Als eine (Internet-)Freundin vor ein paar Jahren sagte, sie habe sich “in Bukarest verliebt” (erst in die Stadt, dann in einen Mann) und dort hinzog, konnte ich es nicht fassen. Ich sehe immer nur Ceaucescu und diesen überdimensionierten Palast und all die hungernden Menschen vor mir. Geht aber nicht nur mir so. Manche Amerikaner, die Reisevideos gedreht haben, sind offensichtlich auch mehr als überrascht, dass sie dort im Osten etwas Richtiges zu essen kriegen und sogar schnelles Internet haben. Wow! Und alles ist so billig! Ich entschuldige mich für alle meine Vorurteile. Die Ukraine werde ich jetzt wohl nie mehr so sehen. (Achtung: Man konnte sogar Tchernobyl besichtigen. Das wird von uns bleiben, denke ich, im Fall dass …)

Bei INA gab es heute auch Serge Reggiani, der einen Text von Boris Vian interpretierte: le Java des bombes atomiques. Klingt, wenn man nicht auf den Text hört, wie ein heiteres Liedchen. Der Text hat es in sich. Er ist vor allem terrible. Schrecklich, furchtbar. Aus dem zunächst amateurhaft Bomben bastelnden Onkel wird ein Fanatiker, der seine Bomben immer weiter perfektioniert. Alle Staatsoberhäupter statten ihm einen Besuch ab. Der Onkel sperrt sie ein und bombt sie in die Luft. Es sei ein unglücklicher Zufall gewesen, stammelt er später vor Gericht, und dennoch sei er überzeugt, Frankreich damit gedient zu haben. Er wird verurteilt, amnestiert und … zum neuen Regierungschef gewählt.

Ist natürlich eine pazifistische Botschaft.

Fließender Übergang zur Wahlkampagne. Macron hat gestern Abend ein kleines erstes Video veröffentlicht, der Auftakt einer mehrteiligen Serie Le Candidat, deren Folgen immer freitags veröffentlicht werden. Man folgt ihm (und seinem Hund, nur kurz im Bild) in sein Büro im Elysée, sieht, wie er seinen Brief an die Franzosen verfasst und er spricht assez décontracté, ziemlich locker, zu den Franzosen. Über seine Erfolge in den letzten Jahren (niedrige Arbeitslosigkeit, viele Ausbildungsplätze) zum Beispiel. Er habe auch weiterhin ehrgeizige Pläne für Frankreich. Als amtierender Präsident aber müsse er, insbesondere in dieser außergewöhnlichen Situation, weiterhin seine Arbeit tun, er habe zum Beispiel lange mit Putin und mit Zelensky telefoniert, aber er verspricht, sein Programm vorzustellen und sich, wie die anderen Kandidaten, den Fragen der Franzosen zu stellen. Nichts sei bislang entschieden, sagt er, auf die Frage, ob er die Wahl nicht eigentlich schon “in der Tasche habe”.

Nun gut. Gerade steigen seine Umfragewerte, denn er macht als “Mediator” eine bemerkenswerte Arbeit. Insbesondere die älteren WählerInnen (die, die in der Regel auch wählen gehen) setzen auf Sicherheit und wollen keine Experimente mit einem neuen unerfahrenen Kandidaten oder einer unerfahrenen Kandidatin. Aber nichts ist sicher in dieser Welt, wie wir gerade erfahren. Alles kann passieren. Auch das Schlimmste.

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Stand With Ukraine

Über Macrons Brief an die Franzosen können Sie zum Beispiel hier nachlesen, das muss ich Ihnen nicht alles übersetzen. Es war auch noch nicht sein Programm, sondern nur seine Ankündigung, dass er wieder kandidiere, und dass sein Wahlkampf aufgrund der Situation nicht wie üblich stattfinden könne.

Süß, oder?

Habe ich gerade auf Etsy als digitalen Print erstanden. Hat die Tochter einer Kiewer Künstlerin gemalt, und es ist eine Möglichkeit direkt Menschen in der Ukraine zu unterstützen. Ich habe auch noch einen traditionellen Schal von einer anderen ukrainischen Etsy-Händlerin erworben. Es gäbe auch traditionell bemalte Holz-Ostereier, Stickvorlagen oder traditionelle Blusen … Etsy hat sich bereit erklärt, ukrainischen Händlern die Gebühren zu erlassen.

Derzeit quill Etsy über mit Blau-Gelben Kunstwerken, Schmuck und bedruckten T-Shirts #StandWithUkraine und F** Putin. Es ist zuweilen etwas unübersichtlich, wer daran etwas verdient. Ich war sofort sehr verliebt in ein kleines blau-gelbes Filzherz, es wurde aber von einer Italienerin in Italien genäht. Ich zweifle nicht an ihren guten Absichten, aber ich wollte lieber Menschen direkt in der Ukraine unterstützen.

Es sieht so aus, dass auch AirBnB derzeit bei Buchungen von “Feriendomizilen” in der Ukraine den “Gastgebern” die Gebühren erlässt und das Geld direkt überweist, ohne zu (er)warten, dass der/die Buchende dort wirklich eincheckt. Text dazu in Englisch.

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Das Schlimmste kommt noch

Le pire est à venir, ist das Fazit, das Macron nach dem heutigen Telefonat mit Putin zieht. Ich muss sagen, ich bin heute so schockiert von dem, was man von dem Telefonat von Macron mit Putin erfährt, dass es mir schwerfällt, irgendetwas, außer dem Lebensnotwendigen, zu tun. Ich starre auf die Fernsehbilder der Zerstörung in der Ukraine und bin wie gelähmt.

Gestern Abend hat unser Präsident angekündigt, welche wirtschaftlichen Probleme auf uns zukommen werden, wenn Russland und die Ukraine als Wirtschaftspartner ausfallen. Heute Abend wird er seine Kandidatur als Präsidentschaftskandidat bekannt geben. Wir warten nur auf die Art und Weise und auf die Worte, die er wählen wird. Es wird 11 oder 12 Kandidaten geben, je nachdem, ob Philippe Poutou (Nouveau Parti anticapitaliste (NPA), seine 500 Patenschaften bis einschließlich morgen noch zusammenkriegt oder nicht. Christiane Taubira hat sie nicht bekommen und sich zurückgezogen.

Oh Mann, ich saß hier doof vor dem TV und wartete ganz allein auf die Ankündigung Macrons … Nix is. Letzten Endes hat er “nur” einen lettre aux Francais geschrieben, einen offiziellen dreiseitigen Brief, der morgen überall (auch) in der regionalen Presse zu lesen sein wird. Ok. Wir wissen also, dass er Kandidat werden wird. Immerhin. Morgen mehr.

Beim morgendlichen auf-der-Stelle-Radfahren schaue ich Videos. Die Themen wechseln je nach Aktualität: vor Weihnachten sah ich mir Kochrezepte von Sternekoch Philippe Etchebest (trotz seiner polternden Prolligkeit mein neuer Held!) an. Heute war es ein Video zur Geschichte der Ukraine, das kurz vor dem Ausbruch des aktuellen Kriegs aufgenommen wurde (wie vorausschauend), also aktuell ist und sehr informativ. Ich verstehe nun, warum Putin einen Anspruch auf die Ukraine zu haben glaubt.

Der junge Mann hat auch ein Video zum Atomkrieg gemacht, das ich natürlich auch angesehen habe, es ist bereits ein paar Jahre alt, damals befürchte man eher einen aggressiven Akt aus Nordkorea. Seit Herr Putin die Atomwaffen, zumindest verbal, ins Spiel gebracht hat, denke ich darüber nach, was wäre wenn. Frankreich hat auch Atomwaffen, nicht so viele wie Russland, aber immerhin so viele, dass unser Außenminister (und früherer Verteidigungsminister) Jean-Yves Le Drian auf Putins Drohung mit den Atomwaffen, knallhart antworten konnte: “Wir haben auch Atomwaffen!” Ich hoffe, das reicht erstmal als Abschreckung. Das Video ist aus heutiger Sicht nicht sehr beruhigend, weswegen ich es auch nicht verlinke, können Sie aber leicht finden, wenn Sie mögen.

Ich hoffe, das geht heute als Blau-Gelbes Symbolbild durch. Das Blau der ukrainischen Flagge ist ja eher hell. Fröhlicher wirds heute nicht mehr.

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… und aus Frankreich

Ich bin ganz und gar nicht sicher, ob ich diesen Rhythmus beibehalten kann, aber das Folgende will ich gerne schnell teilen.

Marine Le Pen schreddert Millionen Exemplare eines achtseitigen Hochglanzflyers, der für den Wahlkampf gedacht war. Darin ein heute nicht mehr ganz politisch korrektes Foto von ihr, sie posiert nämlich lächelnd und Hände schüttelnd mit Vladimir Putin. Das hübsche Foto von Marine im dunkelblauen Kostüm können Sie auf der Seite der Zeitung (klick–>) Libération ansehen. (Zuerst gefunden über Jürgen Hollstein)

An der Côte d’Azur sollen nach unserem Wirtschaftsminister Bruno Le Maire die Luxusvillen, die Luxusjachten und Luxuslimousinen Putins, seiner “Familie” und seiner Freunde “eingefroren” werden. Selten bekommen wir in unserer Zeitung so viel People News geliefert: Obwohl Putins Privatleben das bestgehütete Geheimnis Russland sei, erfahren wir, dass die junge Begleiterin Putins, Alina K., eine ehemalige rhythmische Sportgymnastin, ehemals Abgeordnete der Douma, in der Zwischenzeit millionenschwere Besitzerin von Putins Villa in Roquebrune Cap Martin sei. Es wird aber schwer nachzuweisen sein, weil die Villa mehrfach den Besitzer wechselte und alles über unzählige Offshore-Firmen abgewickelt wurde. Das Immobilienbüro, das den 240 Millionen-Dollar-Deal vorgenommen hatte, “leide an Amnesie”, heißt es. Man kann sich ja auch nicht an alles erinnern. So wird es vermutlich auch mit allen anderen Luxusvillen der Damen und Herren im Umkreis des russischen Präsidenten sein: sie gehören ihnen gar nicht, sie wohnen dort im besten Fall nur zur Miete. Ich fürchte, Bruno Le Maire wird sich die Zähne daran ausbeißen.

Gérard Dépardieu, 2013 bei den Franzosen in Ungnade gefallen, weil er wegen einer Steuergeschichte nach Russland emigrierte, dort die russische Staatsbürgerschaft annahm und Herrn Putin nicht nur herzlich an seine fleischige Brust drückte, sondern ihn zudem als Wohltäter pries, ist in der Zwischenzeit wieder häufiger in seiner alten Heimat und wird auch wieder geschätzt. Gerade erschien ein hochgelobter Film, in dem er Maigret spielt. Er sei DER Maigret schlechthin, heißt es. Von Dépardieu wurde natürlich ein Statement zum Ukraine-Krieg erwartet. Er gab es heute. In einer Nachricht an AFP (Agence France Presse) schrieb er, er sei gegen den Krieg, den er als “Bruderkrieg” (une guerre fratricide) bezeichnet. Russland und die Ukraine seien Bruderländer (des pays frères). Man solle die Waffen niederlegen und verhandeln. Ob es von den beiden Bruderländern gehört wird, sei dahingestellt. Für die Ukraine steht Dépardieu vermutlich auf der Liste der Feinde, denn 2014 hat er sich dazu hinreißen lassen, zu sagen, “er liebe Russland und die Ukraine, die zu Russland gehöre.” (Quelle: Courrier international von heute)

Erster Tag der Fastenchallenge. Sie erinnern sich vielleicht noch vom letzten Jahr. Es ging wieder los mit den Brillen, das passte mir gut, die Schublade mit den Brillen und Krimskrams quoll schon wieder über. Kaum hatte ich letztes Jahr das Päckchen an lunettes sans frontières geschickt, fielen mir noch weitere Brillen (von der verstorbenen Schwiegermutter) in die Hände. Die durften jetzt gehen. Auch die (Sonnen-) Brillen, denen ich letztes Jahr noch eine “Chance” gab, die aber nie getragen wurden, dürfen jetzt weg. Und viel Kleinkram ebenfalls. Letzten Endes habe ich sogar alle Masken in dieser Schublade untergebracht 💪 Hurra, Aufgabe 1 erledigt! Und ich fand einen blau-gelben Schlüsselanhänger (aus Vence), der aussieht wie die ukrainische Flagge, der durfte bleiben und wird heute zu meinem Alltags-Blau-Gelb.

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Blau-Gelb und anderes

Blau-Gelb

Kein Internet. Das wünschte ich mir ja in den letzten Monaten immer mal wieder, in einem internetfreien Raum zu sein. Heute aber finde ich es eher unangenehm, dass wir kein Internet haben, nicht nur, weil ich vielleicht Entscheidendes im Ukraine Krieg verpassen könnte, Fernsehen (und Telefon) haben wir ohne Internet nämlich auch nicht, sondern weil ich tatsächlich heute mal wieder das Bedürfnis habe, einen Blogtext zu schreiben, der morgen vielleicht schon veraltet sein wird, es dreht sich ja alles so schnell.

Klar, es ist schon alles gesagt, auch die, die gesagt haben, dass sie nichts zu sagen haben, haben das schon gesagt. Mein Spezialgebiet ist die Ukraine auch nicht, mein Spezialgebiet ist Frankreich, Südfrankreich, und wenn wir es genau nehmen wollen, dann auch nur die östliche Ecke Südfrankreichs, die Côte d’Azur, Cannes, um ganz genau zu sein. Nur hier bin ich und kann wirklich beurteilen, ob etwas stattgefunden hat oder nicht. Eine winzige Demonstration von einer Handvoll Ukrainern auf der Croisette hat es gegeben, da glaubten wir anderen noch, Putin würde sich mit den zwei kleinen Pro-russischen Regionen, die hier Donbass und Lougansk heißen, zufriedengeben. Derzeit wird in Cannes nicht demonstriert, in Nizza vielleicht, das kann ich gerade nicht googeln (Nachtrag: am Sonntag demonstrierten dort etwa 500 Personen!) Aber in Cannes sind schon ein paar Hilfs-Lkws bestückt worden und Richtung Ukraine losgefahren (und in der Zwischenzeit sogar heil angekommen!). Das immerhin hat die Mairie mit ihrem dynamischen Bürgermeister geschafft. Dieser Bürgermeister, mit dem ich aus Gründen nicht immer einverstanden bin, hat auch Jean-Luc Mélenchon “parrainiert” (Parrain = Pate), damit der seine 500 Bürgermeister”patenschaften” bekommt, ohne die man hier nicht auf eine Präsidentschaftskandidatsliste kommen kann. Mit Jean-Luc Mélenchon bin ich auch die allermeiste Zeit nicht einverstanden, aber dass ein deutlich konservativer Bürgermeister aus “demokratischen Gründen“, einen extrem linken Präsidentschaftskandidaten „parrainiert“ ist überraschend und zumindest bemerkenswert. Der Bürgermeister hat aber vor allem auch eine gute Com‘ wie man das hier nennt, eine sehr gute Kommunikationsabteilung.

Dabei sind wir vom Wahlkampf derzeit sehr weit entfernt. Niemand interessiert sich in der aktuellen Situation dafür, Politiker und Präsidentschafskandidaten ziehen sich von angesetzten Wahlkampf-Fernsehsendungen zurück, weil sie Wichtigeres zu tun haben. Offiziell hat Macron immer noch nicht gesagt, ob er kandidiert oder nicht, aber er hat heute gestern Nachmittag lange mit Putin konferiert (was haben die sich denn anderthalb Stunden zu sagen, wurde hier im Fernsehen gefragt), und selbst Macron-Gegner zollen ihm Respekt, das Gespräch mit Putin gesucht zu haben (außer Mélenchon, der sich gerade etwas wenig respektvoll dazu äußerte). Das erste Treffen der Abgeordneten beider Länder heute gestern Nachmittag in Belarus war wohl dennoch nicht erfolgreich. Das hat ja vermutlich auch niemand erwartet, wichtig waren les Pourparlers (das integrierte deutsche Korrekturprogramm schlug mir gerade Purpurbär vor, entzückend, was?), wie es hier heißt, meint die Verhandlungen, auf alle Fälle.

Dass der ukrainische Präsident ursprünglich tingelnder Komödiant war, und der Bürgermeister von Kiew einer der zwei Klitschko-Brüder, ehemals für Deutschland antretende Boxer, wissen Sie natürlich schon. Dass sich die Brüder Klitschko, die einst nuschelnd für die Milchschnitte Werbung machten (diesen Hinweis habe ich über Buddenbohm bei Novemberregen vom 26.2.2022 gefunden), sich schon 2014 bei der Revolution in der Ukraine politisch engagiert haben, hat mich damals schon beeindruckt. Wie mutig sie sind und wie mutig auch der eher schmächtige ukrainische Präsident ist, beeindruckt mich heute. “Demonstriert!” Ruft Wladimir (oder ist es Vitali?) uns auf Instagram zu. “Zeigt euch! Erhebt eure Stimme!” Wir sollen von diesem demokratischen Recht Gebrauch machen, da wir, anders als die Demonstranten in Russland, die es auch gibt und die zu Tausenden verhaftet werden, dabei nichts zu befürchten haben.

Demonstriert! Erhebt eure Stimme! In Köln, wo man traditionell am Rosenmontag auf den Straßen unterwegs ist, wurde heute gestern Rosenmontagsdemonstriert! Und vermutlich nicht nur da. Ich bin im Herzen dabei und schreibe.

Nice Matin hat seinen Titel seit Kriegsbeginn in Blau und Gelb gehalten, sämtliche Fernsehsender haben rechts oben eine kleine ukrainische Flagge eingeblendet, in Paris leuchtet(e?) der Eiffelturm und im Süden der Pont du Gard in Blau und Gelb durch die Nacht. In Ermangelung einer blau-gelben Flagge, die ich wehen lassen könnte, teile ich hier solidarisch mein Alltags-Blau-Gelb.

In Frankreich war 1981 auch ein Komödiant angetreten, um Präsident zu werden: Coluche, mit bürgerlichem Namen Michel Colucci. Erst war es nur eine spaßige Idee, er wolle der Kandidat für all die Franzosen sein, die sich nicht gesehen fühlten, sagte er. Mit seiner clownesken Art und seinen flapsigen Reden, in denen er kein Blatt vor den Mund nahm, wurde er immer erfolgreicher. Als er in den Prognosen schon mit 16 % gehandelt wurde, wurde es den etablierten Politikern langsam unwohl. In der Folge wurde Coluche mehr und mehr unter Druck gesetzt, man kramte Skandale aus, und er bekam sogar Morddrohungen. Aber erst, nachdem sein langjähriger Regisseur, mit dem er auch die „Wahlkampagne“ organisiert hatte, Vater von zwei Kindern, ermordet wurde, offiziell ein „Verbrechen aus Leidenschaft“, gab Coluche auf und zog sich von der Präsidentschaftswahl zurück. Coluche selbst kam fünf Jahre später bei einem Motorradunfall in der Nähe von Opio ums Leben, ein kleiner Ort nicht weit von hier. Dort hat man ihm in der Zwischenzeit einen Kreisverkehr gewidmet, und alljährlich findet dort an seinem Todestag eine Biker-Demo statt. Coluche ist im Gedächtnis der Franzosen nicht nur als genialer Clown und seriöser Schauspieler (etwa in Tchao Pantin!) verankert, sondern vor allem als Gründer der Restos du coeur, (Die Restaurants der Herzen), die er ins Leben gerufen hat; die Organisation versorgt bis heute mittellose Menschen mit Lebensmitteln.

Die 500 Bürgermeister-Paten, die man als Präsidentschaftskandidat zusammenkriegen muss, sollten solche “Spaß-Kandidaten” wie Coluche verhindern. Bis heute ist nicht geklärt, ob Coluche wirklich 623 Patenschaften erhalten hatte, wie es damals hieß, oder tatsächlich nur eine einzige, wie es kürzlich in einer Abendshow “enthüllt” wurde. Wie dem auch sei, die Erinnerung an Coluche löst selbst bei Monsieur, einem eher konservativen Wähler, Bedauern aus. Er wäre vermutlich ein besserer und mutigerer Präsident geworden, als alle anderen, die wir seither hatten, meint er.

Nun, wir hoffen, dass der mutige Präsident der Ukraine, die Brüder Klitschko und ihre Familien am Leben bleiben.

Es ist der erste Krieg, den ich miterlebe, bei dem ich den Anfang nicht verpasst habe. Ich dachte immer, ich hätte den Jugoslawienkrieg nur deswegen nicht richtig verstanden, weil mir irgendeine Info am Anfang gefehlt habe. Und jetzt hat es genauso überraschend angefangen wie 1939 mit dem Überfall auf Polen, was mir bis heute immer unglaublich erschien. Das kann doch nicht so “einfach” gewesen sein? Aber doch, so “einfach” hat es begonnen. Damals wie heute. (Gut, es gibt immer auch eine Geschichte davor, schon klar.) Nur geht heute alles noch viel schneller und gestern vorgestern wurde mir schwindlig, als plötzlich die Atomwaffen ins Gespräch kamen. Herrjeh, ich bin im Kalten Krieg aufgewachsen, ich dachte, wir wären davon heute weit entfernt, aber nein, wir sind näher dran als je zuvor. Aber Europa ist auch solidarischer als je zuvor, vielleicht überhaupt erstmals solidarisch, und das ist ermutigend.

Und auch wenn wir hier sehr an der Nabelschnur von BFMTV und anderen Nachrichtensendern hängen, manchmal muss ich abschalten, ausschalten, etwas anderes hören, denken, tun. Das alles wird nicht so schnell vorbei sein, wir können nicht die folgenden Monate, Jahre (?) vor dem Fernseher hängen, um nur keine Entwicklung zu verpassen. Das bedeute nicht, dass ich nicht informiert bin. Aber ich brauche auch Musik oder Stille. Will einen Kuchen backen oder Aufräumen. Wer hätte gedacht, dass ich mal Spaß am Aufräumen finden könnte! Ich habe mich kurzfristig entschlossen, wieder an der Fastenchallenge “Entrümpeln” teilzunehmen. Vielleicht werde ich nicht so engagiert dabeisein wie letztes Jahr, muss ich auch nicht, aber Ordnung machen kommt mir gerade als ein sehr friedliches und wohltuendes Projekt vor.

Noch etwas anderes: In Paris findet gerade der Salon de l’agriculture statt. Die Landwirte werden damit für einen Moment ins Lampenlicht gerückt und sie teilen vor laufender Kamera ihre Besorgnis, denn sie sind von den Konsequenzen des Ukraine-Kriegs auch betroffen: der Preis für Futtergetreide zum Beispiel, normalerweise aus der Ukraine oder Russland importiert, schießt gerade in die Höhe. Werden sie ihre Tiere noch ernähren können? Wie schwierig es ist, heutzutage mit einem Hof zu (über-)leben, zeigt die Statistik: Jeden Tag bringt sich in Frankreich ein Landwirt um. Im Fernsehen wurde gerade der absolut sehenswerte Film Au nom de la terre (deutscher Titel Das Land meines Vaters) ausgestrahlt. Der Regisseur erzählt darin die tragische Geschichte seiner Familie bzw. seines Vaters, der versucht, den Hof seines Vaters erfolgreich(er) weiterzuführen und damit scheitert. Ich hatte den Film schon im Kino gesehen, er hat mich erneut getroffen; Sie wissen, mir liegen die (kleinen) französischen Landwirte (und nicht nur die) seit meiner eigenen Bauernhofzeit am Herzen; der Film hat erneut mein Bewusstsein über das, was wir essen, aufgerüttelt. Wir ernähren uns gut, ich kaufe Gemüse die meiste Zeit auf dem Markt, aber ich möchte viel mehr Produkte direkt vom Erzeuger erwerben, nicht nur wegen der Qualität, sondern auch damit mehr Geld bei ihnen ankommt. Und tatsächlich habe ich (nach nur knapp zwölf Jahren) am anderen Ende von Cannes (eigentlich in Mandelieu) einen Erzeugermarkt gefunden! Hurrah! Letzte Woche habe ich dort zum ersten Mal eingekauft und war sehr begeistert. Auf dem Gelände der ehemaligen Baumschule Orso (der Betrieb der Großeltern der jetzigen Besitzer) stehen heute Obst- und Olivenbäume, laufen Hühner frei herum und wird Gemüse angebaut. Sie bieten im Verkaufs-Haus weiterhin eine große Auswahl an Gemüse, Obst, Fleisch, Milchprodukten, Wein, Säfte und Brot von regionalen (nicht nur bio-)Erzeugern an. Das, was sie nicht verkaufen, transformieren sie in aromatisch duftende Ragouts, salzige Tartes oder süße Kuchen. (Es gibt leider nur eine Facebookseite)

Ein anderer Direktverkauf ist Crowdfarming: Letztes Jahr habe ich Mangos aus Spanien erworben und ein Reisfeld in der Camargue “adoptiert”. Heute habe ich Avocados aus Spanien bestellt. Gut, für einen Einpersonenhaushalt ist es vermutlich ungeeignet, wenn man vier Kilo Avocados auf einen Schlag erhält, aber ich werde sie hier mit den Nachbarn teilen. Ja, hallo, wir müssen hier weitermachen, es gibt auch andere Themen, die weiterhin wichtig sind, und Essen müssen wir sowieso, wie es in Frankreich immer gerne heißt.

Édouard Bergeon, der Filmemacher, hat übrigens mit aunomdelaterre.tv einen Streamingkanal geschaffen, der derzeit hundert Stunden Dokumentationen und originelle Reportagen zu Landwirtschaft, Ernährung, besser Essen etc. anbietet. Ich bin zwar nicht bei Netflix und Co. Hier aber bin ich jetzt dabei. Offiziell geht die neue Seite am 21. März an den Start, sie läuft aber schon (der Streamingdienst existierte bereits und war vorher schon anderswo gehostet, man trennte sich aber wegen unterschiedlicher Ansichten). Und ja, natürlich ist das alles nur in französischer Sprache, ich wollte es trotzdem teilen.

Und zu guter Letzt, zwei andere Events, falls wir nicht in den nächsten Tagen von einer Atombombe getroffen werden, was die Götter verhüten mögen, wird es zwei Lesungen geben, eine live (hohoo!) in Nizza im Centre Culturel Franco-Allemand, schon mehrfach aus Pandemiegründen verschoben, ich wünsche mir sehr, dass sie am 13. März tatsächlich stattfinden kann. Es ist ein Sonntag, um 16 Uhr gehts los. Ich lese aus “Von hier bis ans Meer” und freue mich, wenn Sie kommen!

Die zweite Lesung wird im Rahmen der Städtepartnerschaft Nürnberg-Nizza stattfinden. Am 7. April, am Tag des offiziellen Erscheinens des 9. Duval-Krimis “Verhängnisvolle Lügen” wird es, wie schon im vergangenen Jahr, eine Online-Lesung geben, die auch aufgezeichnet wird. Die Lesung findet ab 19 Uhr statt. Noch ist die Lesung hier nicht angekündigt, (aber vielleicht interessiert Sie ja auch der Vortrag zu den französischen Wahlen?) Sie werden Sie aber demnächst an derselben Stelle finden! Falls Sie (an meiner Lesung oder einem der Vorträge) teilnehmen möchten, melden Sie sich bitte zu gegebener Zeit (via der verlinkten Seite) bei Frau Birgit Birchner vom Amt für Internationale Beziehungen an. Sie bekommen dann rechtzeitig einen Zoom-Link zugeschickt.

So. Next day. Internet kam abends spät erst wieder, ich schrieb bis 1 Uhr morgens, dann wollte ich lieber nochmal darüber schlafen, eine Überschrift hatte ich auch noch nicht. Heute früh war ich beim Friseur, dann ging das Auto kaputt, mittags bekamen wir Besuch, und am Nachmittag besuchten wir jemanden. In der Zwischenzeit hat Präsident Zelensky via Video-Konferenz vor dem Europäischen Parlament gesprochen und ihm (und dem ukrainischen Botschafter) wurde lange applaudiert. Alles andere können Sie selbst mitverfolgen und jetzt schicke ich diesen Text mit unorigineller Überschrift raus, bevor zu viel anderes passiert und mein Text schon nicht mehr aktuell ist.

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Erschöpfung

Ich bin erschöpft. Lange schon und viel tiefer, als ich es selbst glaubte. Ich dachte anfangs, ich bräuchte nur mal ein paar ruhige Tage. Aber nach ein paar ruhigen Tagen spürte ich die Erschöpfung noch viel mehr. Es ging nichts mehr. Oder nur noch sehr wenig. Der Alltag gerade so. Alles andere hätte ich zwar gerne getan, ging aber nicht. Ich schob alles vor mir her und schubste es immerwährend in ein undefiniertes “Später”. Auf Mails antworten, etwa. Das Projekt “Weihnachtskarten schreiben” wechselte in “Ich werde zum neuen Jahr schreiben”, das darf man in Frankreich den ganzen Januar lang. Aber der Januar verging, ohne dass ich auch nur eine Mail geschweige denn Briefpost geschrieben hätte. Ich habe niemandem geschrieben. Auch Ihnen allen nicht, die mich zunehmend dringlicher und überall (Kommentare, Mail, Briefpost, Instagram und Facebook) fragen, ob es mir gut gehe, ob ich grundsätzlich nicht mehr schriebe oder was denn nur los sei. Ich danke Ihnen sehr. Es ist schön, schmeichelhaft und tröstlich, dass Sie mich und meine Texte vermissen und ich danke Ihnen allen für Ihre Nachrichten. Aber schreiben ging erstmals nicht. Wirklich gar nicht.

Lesen, also richtiges Lesen, ging auch nicht. Ich huschte über einen Blogtext hier und da, und über ein paar Einträge bei Instagram. Ich las erstaunlich oft von Erschöpfung, was mich aber nur wenig tröstete, denn immerhin konnten die Menschen schon oder noch von ihrer Erschöpfung schreiben. Ich war so erschöpft, ich konnte es nicht mehr.

Wieviel Energie es kostet, ständig Fotos zu machen und sie etwa bei Instagram einzustellen, ein paar launige Worte zu schreiben und alles mit den sogenannten Hashtags zu versehen und in die Welt zu schicken, merkt man erst, wenn die Energie dafür nicht mehr da ist. Und damit ist es ja nicht getan. Denn man will ja gelikt werden, Herzchen kriegen, nette Worte im besten Fall, auf die man dann ebenso nett zurückschreibt, selbst Herzchen verteilt und anderer Leute Fotos anschaut. Never ending Story. War und ist mir alles zu viel.

Ich habe es schon ein paar Mal ansatzweise gesagt, zitiere mich hier auch gerne nochmal selbst, die vielen Kontakte, überhaupt das viele nach Außen gehen, virtuell oder reell, erschöpft mich viel schneller als andere. Das letzte Jahr war anstrengend und ich bin rückblickend schon monatelang über meine Kräfte gegangen. Ich hätte letztes Jahr eine Pause machen sollen, aber man ist eben so drin im Rhythmus, es geht immer alles so weiter und selbst, als mir beide Knie quasi zeitgleich “wegbrachen”, machte ich trotzdem weiter. Wäre ja auch noch schöner. Die Knie schmerzten sehr und das Leben wurde noch anstrengender. Dann bekam ich das Hermann-Kesten-Stipendium und damit eine Einladung nach Nürnberg. Vierzehn Tage Kunst, Kultur und Begegnungen. Großartig, wollte ich nach anderthalb Jahren ereignisloser Pandemie unbedingt machen. Etwas anderes sehen und erleben. Es wurde auch großartig, aber am ersten Tag dachte ich, ich schaffe es gerade mal zur Apotheke um die Ecke, um mir Schmerztabletten zu besorgen. Wenn der Treffpunkt für einen Ausflug die U-Bahnhaltestelle war, war ich, bis ich dort ankam, schon am Ende. Man kümmerte sich aber lieb um mich, ich durfte mit dem Taxi fahren. Es gab tolle Begegnungen, Kontakte zu anderen AutorInnen, ÜbersetzerInnen. Nürnberg als Stadt war eine echte Entdeckung. Das alles euphorisierte mich einerseits, andererseits ermüdete es mich körperlich und geistig. Den als Gegenleistung erwarteten Text über meinen Aufenthalt dort, habe ich aber bis eben nicht geschrieben. Kaum zurück, musste der Krimi fertig werden und spätesten seit diesem Moment hechelte ich allem hinterher.

Ich hatte nämlich zusätzlich eine Ausbildung als Intueat-Coach begonnen; Anfang letzten Jahres, als man auf mich zukam, schien mir diese Ausbildung absolut das Richtige zu sein und ich meldete mich spontan und begeistert an. Los gings dann zu der Zeit, in der ich schon außer Atem war. Ich mache es kurz, ich habe die Ausbildung vor zwei Wochen abgebrochen, obwohl ich in den letzten Monaten viel gelernt und tolle Menschen kennengelernt habe. Ich mache aber nicht weiter, weil ich spüre, ich würde als zukünftiger Coach erneut zu viel “nach Außen” gehen, zu viel für mich, ich habe dauerhaft einfach keine Energie, mich wirklich auf andere Menschen und ihre (Ess-)Probleme einzulassen und ihnen dabei herauszuhelfen. Vielleicht wäre ich ein guter Coach geworden, wenn ich diesen Weg früher, nicht Monate, sondern Jahrzehnte früher, gegangen wäre.

Immerhin ist bei so einer Ausbildung der Weg das Ziel – man lernt dabei nicht nur andere, sondern eben auch sich selbst zu coachen. Was würde ich jemandem raten, der/die so erschöpft, wie ich es bin, vor mir stünde?

Lass es los. Kümmere dich um dich. Atme.

Ich lasse also vieles los und mache Medien-Detox. Gar nicht so leicht. Im Kopf ist immer dieser Drang zum “Foto machen” und “dokumentieren”. Hin und wieder mache ich sogar Fotos. Der Januar war hier dieses Jahr so schön (und so trocken), dass es beinahe wehtat. Diese Sonne, diese Wärme. Die Mimosen wiegen ihre zarten gelben Puschel im leichten Wind, im Vorgarten blühen Narzissen üppig in Weiß und Gelb wie noch nie zuvor, und die ersten Kapmargeriten mischen sich magentafarbig dazwischen. In der Nebenstraße haben sich wie jedes Jahr quasi über Nacht die Mandelbäume in zarte weiße und rosafarbene Wolken verwandelt. Es ist Frühlingsstimmung. Das will ich doch zeigen. Aber die Fotos vom blauen Meer und den gelben Mimosen bleiben ungezeigt. Mal eben schnell was tippen und hochladen ist plötzlich unendlich schwer und ich mache es nicht. Dann entscheide ich, es bewusst sein zu lassen, aber wie lange es dauert, bis ich etwas Schönes, das ich erlebe (tolles Essen im Strandrestaurant, Füße in den Wellen) nicht mehr dokumentiere und es einfach nur lebe, ohne überhaupt daran zu denken, es zu teilen, ist erstaunlich. Dass ich Instagram und Facebook vorübergehen hätte deaktivieren können, habe ich erst kürzlich erfahren; das wäre vielleicht hilfreich gewesen. Tiktok habe ich immerhin deinstalliert. Diese Plattform, wo alle tanzen und ansonsten ultrabescheuerte, mit hysterischem Lachen unterlegte Mann-Frau Videos machen (Eifersucht, idiotische Scherze, Schadenfreude, Anmache, Geld, Betrug, Klauen) wie weit sind wir von einem gleichberechtigten Leben entfernt, denk ich jedes Mal, wenn die Menschheit sich diesen Mist anschaut?

Muss ich da überall noch mitrennen? Ich werde dieses Jahr sechzig. 60. Kurz vor der Rente, sozusagen. So fühle ich mich zwar trotz der Erschöpfung und der körperlichen Beschwerden nicht, aber dennoch. Sechzig, hallo! Seniorin sozusagen, zumindest für die Bahn, da bekomme ich jetzt schicke SeniorInnenangebote. Da darf ich vielleicht ein bisschen müder sein, etwas weniger energiegeladen als noch mit vierzig. Pause machen. Ausruhen. Ausatmen. Einatmen.

Es geht mir dezent besser, wie Sie der Tatsache entnehmen können, dass ich heute hier schreibe. Die Knie aber sind immer noch malade, die diversen Spritzen mit Hyaluronsäure in verschiedenen Viskositäten haben bislang nur bedingt geholfen. Ich gehe am Stock und meide Treppen und weite Wege und kann dezidierte Aussagen zu Schmerzmitteln machen, die helfen oder auch nicht. Der Heimtrainer, der immerhin angeschafft wurde, damit ich mich überhaupt ein bisschen bewege, hat zumindest nicht geschadet. Ein Termin bei einem Orthopäden (sprich Chirurgen), der mir anempfohlen wurde, wurde jetzt immerhin ausgemacht. Und nein, vorher habe ich es nicht geschafft; außerdem wurde ja auch immer von der langfristigen Wirkung der Spritzen geredet, die es abzuwarten gälte.

Ausatmen
Einatmen

Ein paar Neuigkeiten aus Frankreich kriegen Sie heute auch: Das Wichtigste zuerst: Wir nähern uns der Präsidentschaftswahl! In zwei Monaten ist es soweit. Erstmals darf ich den Präsidenten mitwählen und informiere mich. Wir haben (in etwa) die “üblichen Verdächtigen”, die Sie vielleicht noch vom letzten Mal kennen, (mein Gott, was habe ich da nicht alles geschrieben!) zusätzlich aber noch einen Kandidaten aus der extrem rechten Ecke, der Marine Le Pen das Wasser abgräbt: Eric Zemmour. Für die Konservativen, die vor fünf Jahren von François Fillon repräsentiert wurden, geht Valérie Pécresse ins Rennen. Für die Sozialisten haben sich Anne Hidalgo (Bürgermeisterin von Paris) und Christiane Taubira (ehemalige Justizministerin) aufstellen lassen, und Yannick Jadot repräsentiert die Ökologische Partei. Der amtierende Präsident Emmanuel Macron hat seine Kandidatur offiziell noch nicht bekannt gegeben. Frankreichs Wahlkampf spiele sich eher rechts ab, zitiere ich den Deutschlandfunk, der die wichtigsten Kandidaten ebenfalls vorstellt.

Wir sind derzeit noch in der Phase, in der die Kandidaten 500 sie unterstützende Bürgermeister (aus mindestens 30 Départements) finden müssen; dies wird zwar jedes Mal von den “kleinen” Kandidaten lautstark kritisiert, soll aber Spaßkandidaturen vermeiden und Kandidaturen von nationaler Bedeutung absichern. Im Fernsehen gab es aber gestern Abend schon einen zweieinhalbstündigen Schlagabtausch mit einem Präsidentschaftskandidaten: Mehrere Journalisten befragten Jean-Luc Mélenchon zu seiner Einstellung zu Klima, Energie, Gesundheit, Sicherheit und pouvoir d’achat, also wieviel Geld die Franzosen zur Verfügung haben (wenn Strom, Benzin, Lebensmittel immer teurer werden). Was würde er tun, wenn er morgen Präsident sei? Bis zur Wahl am 10. April wird jeden Donnerstag ein anderer Kandidat/Kandidatin so vorgestellt.

Ich habe mir spaßeshalber Elyze aufs Handy geladen, eine App, (die sich an junge Wähler wendet und) mit deren Hilfe man spielerisch erfahren soll, welche/r Kandidat/Kandidatin seinen politischen Überzeugungen am ehesten entspricht: Man kann Aussagen der Kandidaten zustimmen oder ablehnen und sich auch zusätzliche Informationen holen. Ob es den jungen WählerInnen weiterhilft? Ich fand zumindest das Ergebnis, das die App mir ausspuckte, recht zweifelhaft.

Anderes Thema zum Wochenende: Wir haben Les jeunes amants gesehen, ein wundervoller Film mit Fanny Ardant. Eine Liebesgeschichte zwischen der siebzigjährigen Shauna (Fanny Ardant) und einem sehr viel jüngeren Mann. Es wird nicht einfacher dadurch, dass er verheiratet ist und Kinder hat. Der Film ist nach einer wahren Geschichte entstanden, die die Eltern der bereits verstorbenen ersten Regisseurin so erlebt haben. Die Regisseurin, die den Film letztlich drehte, wollte für die Rolle der Shauna eine Schauspielerin haben, die an sich keinerlei Schönheitschirurgie hat machen lassen. So viele gibt es da wohl gar nicht. Fanny Ardant sieht toll aus und sie ist hinreißend. Und nein, nichts ist peinlich und der Film endet nicht kitschig. Falls Sie können, unbedingt ansehen!

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12 von 12 im November 2021

Ich bin so froh, dass es 12 von 12 gibt, das ist gerade das passende Format für mich. Mehr geht gerade nicht.

In aller Herrgottsfrühe fährt Monsieur zu einer Baustelle in die Berge. Ich werde zwei Tage alleine sein. Mit Pepita natürlich. Nachdem Monsieur davongefahren ist, trinke ich Kaffee im Bett. Mit Pepita natürlich.

Kleine Pflegestunde im Bad. Keine Ahnung, warum das Foto so wurde.

Ich erledige ein paar dringende Sachen und bringe einen Brief zum kleinen Tabakladen, der auch Poststelle ist. Am Ende der Straße sehe ich den Weihnachtsbaum des Viertels und beschließe, ihn mir näher anzusehen.

Sieht schön aus, von Weitem zumindest, ist aber hundert Prozent Plastik.

Ein paar Schritte gehe ich noch: Lieblingsblick.

Zurück, entdecke ich im Vorgarten die letzte Rose. Ist sie nicht schön?

Auf dem Sofa. Ich sehe eine Aufzeichnung von etwas. Mit Pepita natürlich.

Ich mache grüne Tapenade (Olivenpaste). Köstlich. Bringt allerdings meinen Mixer an den Rand seiner Möglichkeiten. Drei Scheibchen geröstetes Brot mit frischer Tapenade gibts als Vorspeise

Mittagessen: ein kleines Stück Bavette mit carbonisierten karamellisierten Zwiebeln, dazu Reste vom gestrigen Kartoffepüree.

Sieste ohne Foto. Danach bekomme via Mail den nächstjährigen Duval erneut zurück zur weiteren Bearbeitung. Ist jetzt nicht mehr so viel, ich sitze aber allein fürs erste “schnelle Drübergucken” bis abends und höre erst auf als der Magen knurrt.

Viel Hunger, es muss schnell gehen. Es gibt selbstgebastelte chinesische Suppe.

Fernsehen. Mit Pepita natürlich (dieses Mal nicht im Bild). Da ich alleine bin, kann ich den Krimi auf arte in Deutsch ansehen.

So viel von hier. Gerade noch am 12. geschafft. Danke fürs Lesen und Ansehen. Danke für Ihre Treue. Die anderen 12 von 12er gibts es hier.

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12 von 12 im Oktober 2021

Da bin ich wieder. Nur kurz heute, 12 Fotos, wenig Text. Nur, damit Sie sehen, ich bin wieder da, und es geht mir halbwegs gut. Danke für Ihre Treue, alle Mails und Nachrichten und (Nahrungs-Umstellungs/Ergänzungsmittel- und OP-)Tipps. Ich kann Ihnen derzeit leider nicht allen persönlich antworten, aber ich habe alles gelesen und bin sehr gerührt, dass Sie sich sorgen und an mich denken! Zum Dank mache ich heute bei 12von12 mit. Sie kennen es schon, 12 Bilder vom 12. des Monats sammelt Caro von “Draußen nur Kännchen”, die heute außerdem einen runden Geburtstag hat! Das passt doch! Bon anniversaire! Herzlichen Glückwunsch von hier!

  1. Frühstück im Bett

2. Derzeitige “Nahrungsmittelergänzung” (2 x täglich)

3. Neue Brille! Seit Samstag. (Hat erstaunlicherweise noch keine/r bemerkt) Eigentlich sogar zwei neue Brillen, eine für Nah- und eine für Normal. Das ist die “normale”. Die Brillen sind Teil einer neuen ergonomischen Arbeitsplatz-Ausstattung. Nachdem ich neun Jahre lang immer dachte, reicht doch, in einem Eckchen und am Küchentisch … bis mir in diesem Sommer dann alles wehtat, ich viel Kortison brauchte und Krankengymnastik, und es immer noch nicht so richtig gut ist. Drei Wochen nicht zu schreiben, und auch das Handy nur selten in der Hand zu halten, haben mir definitiv gutgetan. (Die Knie sind ein anderes Problem, kamen aber auch dazu). Ich weiß, die Haare … Friseur ist morgen dran.

4. Arbeit am neuen Arbeitsplatz: Stuhl, Schreibtisch, sogar eine ergonomische Maus habe ich jetzt.

5. Wir haben mehrere zukünftige Baustellen. Nein, das ist kein Katzenpipi, hier ist etwas undicht. Der plombier kommt vielleicht morgen.

6. Überraschend kommt Post! Die Belegexemplare der russischen Edition des 3. und 4. Duvals sind angekommen! Bin sehr begeistert!

7. und 8. Wir besichtigten heute Mittag (zur besten Essenszeit!) das Maison Bernard, un Palais des Bulles in Théoule. Es ist eines von drei Häusern in diesem Stil, die Anttti Lovag gebaut hat (und wird oft fälschlicherweise Pierre Cardin zugeschrieben, aber Cardin hat das zweite Haus später gekauft, nicht konstruieren lassen; es ist derzeit übrigens zu erwerben für (Achtung!) 350 Millionen Euro!). Man kann das Palais des Bulles hin und wieder sehr ausführlich besichtigen, es gilt dort aber strenges Fotografierverbot. Daher nur zwei eher unspektakuläre Bilder von fern und von “hinter dem Haus” (die beiden Bulles im zweiten Foto gehören nur zu einem “Schuppen” für Motorräder und Gartengeräte). Über dieses Haus (und die Blicke!) müsste ich einen ganzen Text machen (mir fehlt es etwas an Muße und Zeit) – es ist époustouflante, atemberaubend! Leider absolut nicht barrierefrei, ächz! (Aber das Haus wurde “organisch” an das Gelände angepasst bzw. in die Felsen hineingebaut) Und es ist auch nicht sicher, ob man wirklich ganzjährig so leben möchte. Aber es war immer nur Zweitwohnsitz für die Familie Bernard. Ich gebe Ihnen hier einen Link zur Seite der Stiftung, die die Besichtigungen organisiert, dort bekommt man ein paar Blicke. Ein Buch über dieses Haus, seinen Architekten und seinen Besitzer (Pierre Bernard, ein Industrieller, und seine Familie) wird Anfang November erscheinen.

Hier ein relativ aktuelles Filmchen über das dritte Haus in Tourettes-sur-Loup im Hinterland von Nizza.

9. Wir essen danach an einem Kiosk mit Blick aufs Meer. Sehr leckerer Salat mit Linsen, Foto leider etwas unscharf.

Später kurze Sieste, danach telefoniere ich zweimal, arbeite noch ein bisschen, antworte auf Mails, Nachrichten und Kommentare.

10. Bis Pepita neben mir maunzt. Sie hat Hunger.

11. Es ist irgendwie sehr kalt. Die Heizung (und der Warmwasserboiler) sind en panne, kann kurzfristig behoben werden, fallen aber (seit Tagen immer schneller) alle paar Stunden wieder aus.

12. Der Gatte sieht fern, ich tippe hier, später habe ich noch eine angenehme Bettlektüre: Das sehr schön gestaltete Büchlein von Wibke Ladwig ist in den letzten Tagen angekommen. Ich freue mich sehr darauf, die neue Lesebrille mit den Geschichten aus der Heimbürokantine einzuweihen.

So viel von hier! Danke fürs Schauen und Lesen. Die anderen 12 von 12er wie immer bei Caro Kännchen.

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Neues von der Côte d’Azur

“Il reste pour toujours le Magnifique” twitterte Macron gestern. Eine Anspielung auf den Filmtitel “Le Magnifique” – der im Deutschen weniger gelungen “Der Teufelskerl” heißt, meint, er bleibt für immer der großartige wundervolle räusper nunja “Teufelskerl”. Jean-Paul Belmondo, Bébel, wie ihn die Franzosen liebevoll genannt haben, ist gestorben. Nachrufe gibt es überall, auch in der deutschen Presse, da muss ich Ihnen nichts verlinken. Aber Frankreich trauert. Nicht nur Macron, alle haben sich geäußert, auch unser Bürgermeister hat einen langen Text auf Facebook veröffentlicht, Belmondo war viel und häufig an der Côte d’Azur, hat hier Filme gedreht und mit seinen Kumpels und Familie seine Urlaube verbracht. “Bébel éternel” titelt heute Nice Matin und bringt acht Sonderseiten mit den Erlebnissen Belmondos an der Côte d’Azur. Das Fernsehen hat das Programm der gesamten Woche umgeworfen und alle Kanäle zeigen nun Belmondo-Filme und Dokumentationen.

Alles kann man nicht sehen, wir entschieden uns gestern Abend für “Le Magnifique” – der Film switcht zwischen einer Art James-Bond-Handlung und dem ärmlichen Alltag des Autors, der sie schreibt, hin und her. Ziemlich viel, von dem, was der Autor erlebt, fließt in die Krimihandlung ein. Ich musste sehr lachen, als er den “plombier”, den Installateur, in seiner Handlung auftauchen und erschießen lässt. Der plombier ist eine geradezu mythische Gestalt im französischen Alltag. Gibt es ihn wirklich? fragt man sich oft, denn er kommt so gut wie nie, kaum ist er da, ist er auch schon wieder weg, und das, was er anfasst, funktioniert schon Stunden später nicht mehr. Ich hatte in diesem arbeitsreichen Sommer ebenso das Vergnügen, darüber wird es zu gegebener Zeit auch eine Kolumne geben. Auf jeden Fall fühlte ich mich Belmondo in seiner Krimi-Autor-Rolle gestern sehr nah. (die plombiers im Film fahren übrigens Vélo Solex! Das ist vermutlich auch etwas, was Sie von mir noch nicht wissen: ich hatte mit 16 eine Vélo Solex! Und das aufm Dorf, wo damals alle, die etwas auf sich hielten, eine Herkules M5 fuhren; mein Weg nach Frankreich war vorgezeichnet!)

Die Krimiautorin hat ihr Manuskript übrigens abgegeben, und nicht, wie Belmondo am Ende des Films, aus dem Fenster geworfen.

Mir persönlich ist Belmondo als Vierzehnjähriger in “l’Animal” zum ersten Mal erschienen. “Ein irrer Typ” heißt der Film auf Deutsch. Ich ging damals nicht oft ins Kino. Gefühlt einmal im Jahr vielleicht. Ich lebte in einem Dorf und für Kino musste man “in die Stadt” fahren. Diesen Film habe ich mit meiner katholischen Mädchengruppe (Frohschar IV, was einem alles wieder einfällt!) gesehen. Ich fand es damals ein bisschen unerhört, für einen Film mit diesem Titel überhaupt Geld auszugeben. Aber dann war ich hin und weg, schockverliebt sagt man heute. So etwas Freches und Charmantes und Lustiges hatte ich vorher noch nie gesehen. Und ich fand Belmondo hinreißend gut aussehend, ohlàlà!

Vermutlich ist mir Belmondo zeitlich sogar schon früher begegnet. In “Die tollen Abenteuer des Monsieur L.” nämlich (ich erspare Ihnen den französischen Titel), den es vor kurzem auf arte zu sehen gab und den es jetzt auch wieder zu sehen gibt. Es war einer der Filme, den ich aus meiner Kindheit erinnere, ohne dass ich Titel oder Schauspieler hätte benennen können. Aber die Geschichte des lebensmüden reichen Mannes, der erst dann wieder Lust am Leben verspürt, als ihm, von ihm selbst angeheuerte, Killer nach dem Leben trachten (ok, etwas verkürzt, das ist in etwa das, was ich erinnerte, und außerdem abenteuerliche Szenen, in denen rasant schnell von Boot zu Boot gesprungen wurde), hat sich mir ins Gedächtnis gegraben, und als ich ihn neulich eher zufällig sah – “Les tribulations d’un chinois en Chine” sagte mir nämlich nichts, womit Sie den französischen Titel jetzt doch bekommen, war ich ganz aus dem Häuschen. “Das ist er, der Film, den ich schon so lange mal wieder sehen wollte!”, rief ich Monsieur ekstatisch zu. Bedauerlicherweise finde ich ihn heute weniger amüsant als seinerzeit als Kind, und weniger schnell auch, die Zeiten ändern sich.

Immer noch gerne sehe ich “Le professionnel” (Der Profi) oder auch “L’alpagueur” (Der Greifer) mit dem sehr jungen Bruno Cremer, der dort einen so kalten Killer spielt, dass ich ihm in seinen späteren Film-Rollen nie einen “guten” Kommissar abnahm. Sehr viel besser als früher gefällt mir heute hingegen “A bout de souffle”. Kein Wunder eigentlich. Belmondo aber sagte, dass er sich in den Action-Filmen viel mehr amüsiert habe, als in den sogenannten Autoren-Filmen. Er wäre auch gerne Sportler geworden und konnte sich nicht so richtig zwischen Film und Sport entscheiden, und mit dieser Art von Filmen, in denen er seine Stunts in der Regel selbst spielte, konnte er beide Seiten ausleben und amüsierte sich zusätzlich großartig, und das französische Publikum liebte ihn dafür! Dass Belmondo am Donnerstag eine nationale Ehrung zuteilwird, ist für Frankreich selbstverständlich.

Themenwechsel. Bei Herrn Buddenbohm gab es heute Links, unter anderem zum Wahlomat. Was es alles gibt, nicht wahr. Ich wähle nicht mehr in Deutschland, obwohl ich es könnte, aber ich folge der deutschen Politik nicht mehr ausreichend, um etwas Sinnvolles zu wählen. Ich habe den Wahlomat für die Bundestagswahl nämlich ausprobiert und wissen Sie was rauskam? Inhaltlich stehe ich dem Südschleswiger Wählerverband am nächsten. Und bevor es mich zu den “etablierten” Parteien verschlägt, steht eine lange Liste von anderen Kleinparteien dazwischen. Gut, nicht die AfD, das hat mich beruhigt. Der Südschleswiger Wählerverband setzt sich als nordische Minderheitenpartei für eine dezentrale und bürgernahe Politik ein, heißt es. Vielleicht eine andere Alternative? Seien Sie froh, dass ich in Deutschland nicht wähle!

Gerne gelesen habe ich auch einen anderen dort verlinkten Artikel “Kaufen Sie kein Elektroauto”. Spricht mir aus der Seele.

Und noch ein eleganter Themenwechsel. Die Autorin, die sich zwar in einen mittleren körperlichen Behindertenstatus geschrieben hat, wird demnächst nach Deutschland fliegen (mit Betreuungsdienst am Flughafen, so weit sind wir schon), denn, tatatatammm, sie wurde als eine der Teilnehmerinnen des diesjährigen Hermann-Kesten-Stipendiums im Rahmen der Städtepartnerschaft Nürnberg – Nizza ausgewählt! Dort werde ich also zwei mit Kultur und Begegnungen vollgestopfte Wochen erleben, und darauf freue ich mich riesig! Ich werde sogar eine Lesung geben. Ganz in echt UND virtuell, eine Hybrid-Veranstaltung sozusagen, keine Ahnung, wie das funktionieren wird, aber ich lade Sie zu beidem ein, am 14. September, um 19 Uhr entweder ganz in echt ins Zeitungs-Café Hermann Kesten, Wespennest 4, in Nürnberg oder via ZOOM. Ich lese allerdings wieder aus “Lange Schatten über der Côte d’Azur”, das haben Sie möglicherweise schon einmal erlebt – darüber hinaus lese oder erzähle ich auch aus meinem französischen Leben, für die, die vor Ort sind, die Krimilesung schon erlebt haben, mich und mein Leben aber noch nicht kennen. Solls ja geben. SIE wissen das natürlich alles, gähn. Wählen Sie sich trotzdem ein, oder noch besser, kommen Sie hin, wenn Sie in der Ecke leben und Zeit haben, ich freue mich so sehr auf echte (und klar, auch virtuelle) Begegnungen! Anmelden müssen Sie sich aber schon, schicken Sie, wie beim letzten Mal, eine Mail an den Veranstalter Hier lesen Sie mehr! oder hier. (Anmeldeschluss am Vortag!)

Meine derzeitige Lektüre ist aus gegebenem Anlass dieses sehr schön gemachte und leider schon vergriffene Buch aus dem Nimbus Verlag.

Hier noch ein bisschen Belmondo. Iesch wähle die franssöhssische Version, niescht wahr.

Ok, hier die deutsche Version, der französische Trailer hat eine miserable Qualität (aus heutiger Sicht, sehr ähm klamaukig)

à bientôt!

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Feli, Elton und ich

Sie erinnern sich, dass ich im Januar, lang ist es her, Feli vom Blog Berlinerin in Frankreich in Nizza besucht hatte? Wir liefen damals lange durch Nizza und erzählten uns aus unserem deutschen und vor allem aus unserem französischen Leben. Ich verlinke es Ihnen nochmal, damit Sie ein paar blaue Bilder sehen, denn dieses Jahr bin ich sehr unbeweglich, leider, die Knie, Sie wissen schon, dabei war MOVE doch mein Wort des Jahres geworden, auch das habe ich in diesem Januar-Text wieder gefunden. Also, ich move seit Wochen leider nirgends hin, höchstens frühmorgens an den Strand zum Schwimmen, da aber nehme ich kein Handy mehr mit, einmal geklaut reicht. Das können Sie auch gerne hier noch einmal nachlesen. Insofern keine aktuellen blauen Bilder, dabei ist hier wirklich viel Sommer und der Himmel ist sehr blau. Im Nachbardepartement Var allerdings ist der Himmel sehr rot oder sehr schwarz, um das auch zu sagen, nur dreißig Kilometer Luftlinie von hier brennen Wälder, Häuser und Campingplätze ab. Es ist sehr ernst. Es sind auch Menschen und Tiere verbrannt, denn so schnell haben sich die Feuer noch nie ausgebreitet, der Wind hilft da leider ordentlich mit, und auch nach drei Tagen sind die Feuer noch nicht unter Kontrolle. Und dieses Inferno nur, weil vermutlich jemand auf einer Autobahnraststätte achtlos seine Kippe aus dem Fenster geschnippt hat.

Alle anderen dramatischen und besorgniserregenden Themen des Weltgeschehens bekommen wir hier auch mit, seien Sie gewiss. Und während all das Schreckliche passiert, ist überraschend Elton John in Cannes an einem der schickeren Strände (der nur mit einem Boot erreicht werden kann) aufgetaucht und hat sich zu einem Song hinreißen lassen. Sie sehen Elton John und Partypeople in Cannes. (Sie sehen ebenso, Masken tragen nur die KellnerInnen und die Bodyguards von Elton.) “Elton John entflammt das Publikum in einer Strandbar in Cannes” titelte irgendeine Gazette geschmacklos, angesichts der Flammen ein paar Kilometer weiter. Das alles passiert gleichzeitig. So ist die Welt.

(Klicken Sie die schreckliche Werbung (bei mir Prostata-Mittel *augenroll*) vor dem Video weg, sobald Sie können!)

Dennoch höre ich Elton John immer gerne, swinge hier vor dem PC mit, und keinesfalls wollte ich Ihnen DAS spontane Sommerevent von Cannes vorenthalten. Jetzt aber wieder zurück zu Feli und mir, denn Feli hat auf ihrem Blog über meine und ein bisschen auch über ihre Erfahrungen des Auswanderns nach Frankreich geschrieben. Sehr nett, sehr frisch. Das Foto hier ist nur ein Screenshot, wenn Sie den Beitrag lesen wollen, dann klicken Sie bitte hier. Herzlichen Dank Feli! Ich winke nach Nizza!

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Gelesen und gehört

Hier ganz schnell ein paar Lesetipps, viel Zeit habe ich nicht. Daher nur zwei Fotos und ein paar knappe Sätze.

“Trümmermädchen” von Lilly Bernstein war ein Lesetipp von Marion. Ich habe es gern gelesen, weil es mir Köln, die Kriegs- und Nachkriegszeit sehr nahe gebracht hat. So nahe, dass ich manchmal ein Tränchen verdrückte, was bei mir zwar schnell vorkommt, aber das ganze Buch hat mich doch bei den Gefühlen gepackt. Ich hatte Köln, als ich dort lebte, nie so richtig gemocht, weil ich die Stadt, gerade die Innenstadt, so furchtbar hässlich fand. Ich fand keinen Lieblingsort. Durch dieses Buch, in dem man einmal mit den Protagonistinnen im Luftschutzkeller sitzt (sehr eindrückliche und beklemmende Szene) und die Zerstörung der Stadt “direkt” miterlebt, habe ich mich Köln sehr angenähert.

ps: Leider liegt das Lesen von „Trümmermädchen“ schon so lange zurück, dass mir die Hälfte dessen, was ich dazu erzählen wollte, gestern entfallen war. Es hat mich sehr angerührt, es liest sich leicht, ist aber keinesfalls seicht, und ich konnte so sehr mit den Kindern mitfühlen, die sagen „ich will es nicht mehr kalt haben“ und „ich habe Hunger“. Ich bin auch gefühlt mit Anna und Marie weite Wege durch Köln gelaufen; ich erinnerte mich, dass ich einmal an Karneval in Sülz gelandet war, dort aber mitten im Getümmel einer Kneipe schlagartig hohes Fieber bekam und im Nieselregen bis nach Deutz nach Hause lief -fuhr ja keine Straßenbahn- ich zitterte und fror und heulte und fühlte mich schwach und lief und lief. Daran musste ich denken, als Marie jeden Tag so weit zu Bülls Backstube laufen musste.

Ebenso in Köln spielt das dokumentarische “Sieben Heringe”. Es ist das sachlich-intellektuelle Gegenstück zu “Trümmermädchen”. Jürgen Wiebicke dokumentiert das späte Erzählen über Kriegs- und Nachkriegszeit (das Organisieren, “Fringsen”, nach dem Kölner Kardinal Frings, in Notzeiten “erlaubtes Stehlen”, kommt in beiden Büchern vor) von Mitgliedern seiner Familie. Ich lese diese Art von Büchern gerne, aber ich bin froh, dass ich auch “Trümmermädchen” gelesen habe und mich einmal gefühlsmäßig und nicht immer nur streng intellektuell diesem Thema angenähert habe.

Anne Weber, “Annette, ein Heldinnenepos”, war ein Lesetipp und (in der Büchergilde-Ausgabe) ein Geschenk von Wiebke. Schon lange wollte ich etwas von Anne Weber lesen, eine deutsche Autorin und Übersetzerin, die in Paris lebt und die es schafft, ihre Bücher immer zeitgleich in einem deutschen und in einem französischen Verlag erscheinen zu lassen. Wir sind immer noch im selben Thema: Anne Weber erzählt das unwahrscheinliche Leben der Anne Beaumanoir, die erst in der französischen Résistance und später im algerischen Befreiungskrieg agiert hat. Einmal wird sie als Heldin gefeiert und später landet sie als “Terroristin” im Gefängnis. Hat mich beeindruckt!

Ein BD/Graphic Novel über Beate und Serge Klarsfeld. Nicht viele Worte. Ein Muss geradezu.

In Juan-les-Pins steht seit Jahrzehnten die Bauruine eines alten Grandhotels “Le Provençal”. Lutz Hachmeister entpuppt sich als “intimer” Kenner nicht nur der Geschichte dieses Grandhotels, sondern der gesamten Côte d’Azur. Nicht so amüsant wie ich hoffte, aber ein Insiderschmöker. Das Buch war ein Geschenk von Frau Ackerbau. Über Herrn Ackerbau kam ich (indirekt) zu diesem Musiktipp bzw. zu dem Album “The French Mademoiselle” von Jacqueline Taieb, die gerade mal 14 oder 15 war, als sie diese Songs schrieb und sang. Ein zu Unrecht vergessenes Album aus den Sechzigern. “7 heures du mat” kannte ich, ohne es zu kennen, es wurde mehrfach in Werbespots verwendet. Ich hoffe, das Video ist in Ihrem Land abspielbar.

“111 Lieux à Toulouse à ne pas manquer” verfasst von Hilke Maunder, der Autorin des für Frankreich unumgänglichen Blogs “Mein Frankreich“, gibt es auch in Deutsch, ich habe es aber aus familiären Gründen in Französisch erworben. So verstehen wir alle was wir lesen, wenn wir das nächste Mal in Toulouse sind, denn dort lebt Monsieurs Sohn. Sehr schöner Insider-Reiseführer, der eher Unbekanntes und Abwegiges in der rötlichen Backsteinstadt vorstellt. Ich habe oben einen Toulouse-Artikel von Hilke verlinkt; dort gibt es auch die Bestellmöglichkeiten für beide Ausgaben. Wenn Sie über die angegebenen Links bestellen, erhält Hilke zusätzlich ein paar wenige Cents.

Ein anderes Insider-Büchlein ist “Menschen in Paris” des Hamburger Fotografen Stephan Gabriel (von dem meine letzten Autorinnenfotos stammen), ein in BoD hergestellter kleiner Bildband, den ich als ehemalige Buchhändlerin als Geschenkband für ParisliebhaberInnen empfehlen würde, vereint, wie der Titel verspricht, eine Menge kleiner Porträts besonderer Menschen in Paris: der Imker, der auf den Dächern von Paris Bienenstöcke aufgestellt hat und dort den unter dem unromantischen Namen “miel béton” bekannten Honig produziert. Eine deutsche Kneipe, ein deutscher Tante Emma-Laden, eine deutsche Köchin werden vorgestellt, Frankreichs erste weibliche Barbierin bekommt ein Kapitel, ein Regenschirmreparateur (was mich so an die Comédie Musicale “Les parapluies de Cherbourg” erinnert), ein Kioskbesitzer, der Nachbarschaftshilfe anbietet, und noch ein paar andere. Das Porträt, das mich besonders berührte, ist das der Concierge im 11. Arrondissement, die am 13. November 2015, beim Anschlag auf das Bataclan, die sonst fest verschlossenen Türen zum Hof und zu ihrer kleinen Concierge-Wohnung öffnete, damit Menschen sich in Sicherheit bringen konnten. Der Band kann beim Autor bestellt werden, und wird, auf Wunsch mit Widmung, gut verpackt und umgehend versendet.

Und hier ein weiterer Link zu einem wunderbaren Literatur-Podcast, der im Moment ausschließlich über das Regionalradio Okerwelle, gehört werden kann. In Zeiten, in denen Literatursendungen bei den großen Sendern weggekürzt werden, ist es wohltuend zu erleben, dass diese Literatursendung neu geschaffen wurde. Eine knappe Stunde sprechen Julia Bekurs und ihre Kollegin Britta Schinke im Podcast mit dem Titel “Der erste Satz” freundlich, engagiert (und mit sympathischen Stimmen) über Bücher, die sie lesen, gelesen haben oder lesen werden. Die vorgestellten Bücher bekommen viel Raum, es geht nicht nur um den ersten Satz, in der letzten Folge wurden ganze Seiten vorgelesen, und häufig kommt auch der Schutzumschlag “zu Wort”, der hin und wieder ein Anreiz gewesen ist, das Buch zu wählen! Trotz der angenehmen Ruhe, mit der in diesem Podcast gesprochen wird (Langsamkeit würde es nicht treffen) schaffen beide Frauen es, viele und ganz unterschiedliche Titel vorzustellen. In der letzten Folge ist mir persönlich Mirna Funk “Winternähe” sehr nah gekommen und wird ein Lesewunsch. Die Krimireihe der Autorin Christine Cazon wird übrigens ab etwa Minute 24 vorgestellt.

Einen schönen Lesesommer wünsche ich Ihnen! Für mich ist und bleibt es, wie jedes Jahr, ein Schreibsommer. À bientôt!

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Dies und das

Ich war versucht, den Text “Alfred, Amy, Amal und Ahrweiler” zu übertiteln, hatte aber Angst, dass die Menschen aus anderen Hochwassergebieten sich gekränkt fühlen könnten. So, damit wissen Sie aber schon, was Sie hier heute erwartet. Bisschen Klatsch und am Ende wirds ernst.

Ich hänge allem hinterher, herrjeh. Alfred Biolek ist gestorben, das wissen Sie schon und muss ich Ihnen nicht verlinken, da gab es bestimmt in den deutschen Medien genug Rückblicke. Ich mochte ihn und vor allem seine Sendung Bios Bahnhof sehr gerne. Die Kochsendungen ging ein bisschen an mir vorbei, Sie wissen, dass ich früher nicht gerne gekocht habe. Ich erinnere mich trotzdem an ein Guiness Stew, das Heike Makatsch bei Alfredissimo gekocht hat. Ich habe Biolek fassungslos in Erinnerung, Rindfleisch mit Bier im Ofen und basta. Habs leider nicht mehr gefunden.

Amy Winehouse hatte gestern ihren zehnten Todestag, auch zu ihr gabs Nachrufe und Sendungen, auch in Frankreich, gestern Abend spät. Mein Lieblingssong. Erstmals (dank der Sendung gestern Abend) den Text verstanden. Nicht lustig.

Kommen wir zu lebendigen Stars: Amal und George haben ihr Landgut in Brignoles erworben (wir berichteten), sind erstmals dort gewesen, und sie haben den Bürgermeister zu sich eingeladen! Das ist doch nett, ich glaube, das hat bisher keiner der Stars hier unten gemacht. Entsprechend stolz hat der Bürgermeister ein Foto auf seiner Facebook-Seite gepostet. Hätte ich vermutlich auch gemacht. Brignoles ist ein Städtchen mit etwas mehr als 17.000 Einwohnern, übrigens, gerade beim Googlen erfahren, mit Groß-Gerau in Südhessen verschwistert! Bei uns hieß Groß-Gerau auch immer nur französisch angehaucht Gra(h)n-Scheroh, obwohl ich damals noch gar nichts von Brignoles wusste. Groß-Gerau ist ein eher unscheinbares Städtchen, das man vom Vorbeifahren Spargel- und Erdbeeranbau im Ried kennt, ebenso vom Zuckerrübenanbau (Südzucker) und via Rüsselsheim für Opel. Am charmantesten fand ich seinerzeit das Kino Riedcasino, für dessen alternativen Charme und das besondere Kinoprogramm ich weite Wege auf mich genommen habe, es scheint aber nicht mehr zu existieren. Womit wir immerhin den Reigen zu Clooneys geschlossen hätten. In Brignoles also. Und nun machen sich alle über den kleinen Bürgermeister mit seinem Bäuchlein und seinem stolzen FB-Foto lustig. Egal, wir erfahren, dass Amal Clooney ausgezeichnet Französisch spricht. Sehr charmant seien beide und der Bürgermeister hofft, dass die Präsenz des Ehepaars Clooney Brignoles etwas Aufschwung geben möge. Warum auch nicht. Sehen Sie nicht alle drei entzückend aus?

Ex-ex-Präsident Sarkozy wurde für zwanzig Minuten (braungebrannt und unrasiert) in Le Lavandou gesehen, wo er zu einer Restaurant-Eröffnung eingeladen war. Wie Sie vielleicht wissen, wurde Sarkozy aber zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, die er zwar in einer Art Luxus-Knast, nämlich im Anwesen seiner Schwiegermutter ganz in der Nähe von Le Lavandou verbringt, Hausarrest hat er aber, Restauranteröffnung hin oder her, trotzdem. Zwanzig Minuten Ausgang stand man ihm dann wohl zu, bevor ihn seine sogenannten Body-Guards wieder “nach Hause” fuhren. Er ließ sich also nur im Restaurant sehen, gegessen hat er dort nicht.

So viel aus unserer Rubrik People.

Was sonst? Das neue Frankreich Magazin kam heute gleich dreimal an! Toll! Ich bin derzeit allein zu Haus, genieße es, in meinem Rhythmus zu leben, komme aber trotzdem zu nix. Hier hat die 4. Welle begonnen, die Krankenhäuser sind schon mit Patienten der Delta-Variante voll, die sogenannten 7-Tage-Inzidenzzahlen meines Departements verrate ich Ihnen besser nicht, sie explodieren nämlich, und der Sommer mit all den Urlaubern ist noch nicht vorbei. Ich sehe mich im September schon wieder im Lockdown, dabei war ich noch gar nicht wirklich draußen. Daher haben wir jetzt den umstrittenen “Pass-Sanitaire”, mit dem man nachweist, dass man zweimal geimpft oder negativ getestet ist, wenn man irgendwo reinwill (Kino, Restaurants, Einkaufszentren). Konzerte, eben noch vollmundig angekündigt, werden wieder abgesagt, weil nun nicht mehr 1000, sondern nur noch 50 Menschen versammelt sein dürfen. Noch ist die Maskenpflicht im öffentlichen Raum nicht wieder Pflicht geworden, das wird aber möglicherweise nicht mehr lange auf sich Warten lassen.

Zum Hochwasser in Deutschland. Wie Sie sich vielleicht erinnern, waren wir seinerzeit in Cannes auch betroffen. Wir haben bestimmt 5000 verschlammte Bücher weggeworfen. Und ja, wir haben nur Bücher verloren, nicht viel mehr, ein Hobby, die Sammlung des Gatten. Es tat weh, aber wir können ohne weiterleben. In Deutschland haben so viele Menschen alles verloren, es ist erschütternd. Ich bin, aus Gründen, den Büchermenschen besonders nah und möchte hier ein paar Links teilen.

Es gibt zwei konkrete Hilfsaktionen über Gofundme.com für eine Buchhandlung in Bad Münstereifel und eine Buchhandlung in Kall. Ich bin sehr gerührt zu sehen, dass in beiden Fällen, die erhoffte Zielsumme schon überschritten wurde. Ob die wirklich reicht, um weiterzumachen und monatelang ohne Einkünfte zu überleben, sei dahingestellt. Es gibt aber noch andere Buchhandlungen, die “ertrunken” sind, das Börsenblatt zählt sie hier auf. Man kann die Buchhandlungen direkt oder auch über das Sozialwerk des Deutschen Buchhandels, Stichwort “Hochwasser 2021” unterstützen; die Bankverbindung findet sich im verlinkten Artikel.

Über diesen Text von Friederike vom Landlebenblog habe ich von der Autorin Karin Joachim erfahren, der die Ahr das Haus durchgespült hat. Sie hat dabei alles verloren. Sie jammert nicht, bittet aber um Unterstützung durch den Kauf ihrer Bücher. Über Isabel Bogdan hörte ich von dem Antiquar und Versandbuchhändler Tobias Wimbauer in Hagen, dem das halbe Buchlager (50.000 Bände) abgesoffen ist und der dringend einen neuen Lagerraum für die restlichen Bände und vielleicht auch sonst Hilfe benötigt. Ich habe leider keinen richtigen Link gefunden, aber Tobias Wimbauer sucht derzeit über ebay nach einem Lagerraum.

Geldspenden, auch Sachspenden sind eine Sache, aber falls Sie Zeit und körperliche Kraft haben, bitte helfen Sie aktiv irgendwo. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie mühsam das Wühlen im Schlamm ist und wie die körperliche Kraft nachlässt und wie sehr die Unterstützung von HelferInnen motivieren kann, weiterzumachen. Es ist eine Scheiß-Arbeit, und man wagt nicht, jemanden damit zu behelligen. Ich werde unseren HelferInnen, vor allem denen, die auch nach mehreren Tagen noch da waren, nie vergessen, was sie getan haben. Vielleicht können Sie auch mit Kaffee oder gekochtem Essen helfen oder mit dem Belegen von Sandwiches oder was weiß ich. Ich verlinke dazu jetzt aber keinen Text, ich vermute, Ihre Zeitungen sind voll davon. Wenn nicht, suchen Sie einfach im Internet nach “Hochwasser wie kann ich helfen”. Danke.

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Sommer, Sonne, Cinéma, die Zweite

Es ist vorbei das Festival. Ich war häufiger im Kino als gedacht, ich hätte auch noch viel mehr Filme sehen können, denn es gab Freikarten à gogo; es war deutlich weniger Publikum da als sonst, und man wollte die Filme ungern in halbleeren Sälen vorführen. Ich habe morgens um Acht den neuen Film von Jacques Audiard gesehen, Les Olympiades, und ebenso morgens in aller Frühe einen marokkanischen Film Haut et Fort von Nabil Ayouch.

Jacques Audiard hat mich mit De Rouille et d’Os “Von Rost und Knochen” seinerzeit sehr beeindruckt und Nabil Ayushs “Much loved”, ein Film über Prostituierte in Marokko, fand ich auch sehr gut.

Die neuen Filme sind beide weniger stark. Les Olympiades habe ich dennoch gerne gesehen: Ein in Schwarz-Weiß gedrehter Film über multikulturelle Liebe im 13. Arrondissement in Paris, Chinatown, in der Hochhaussiedlung, die Les Olympiades heißt. Kein weltbewegender Film, aber angenehm, französisch, es wird viel gevögelt geliebt. Der Saal war voll. Das Publikum hat zwischendurch gelacht und am Ende viel applaudiert.

Nabil Ayouch will hingegen die Welt verändern; zumindest versucht sein zunächst nicht besonders sympathisch wirkender Held, Anas, ein ehemaliger Rapper, in einem ärmlichen Vorort von Casablanca Jugendlichen (Jungen und Mädchen) den Rap näherzubringen und damit Musik, Tanz, Ausdruck. Das gefällt natürlich nicht allen. Es passiert nicht viel in diesem Film, Haut et Fort meint “Laut und Deutlich” und er hat eine deutliche Botschaft: Jugendliche diskutieren über ihr Leben und werden zunehmend mutiger, freier und kritischer. “Wir sind kein Religionskurs” schimpft Anas einmal, als die Diskussionen der Jugendlichen zu sehr von dem getragen sind, was “die Religion erlaubt” und was nicht. Er betet auch als einziger nicht, und beobachtet vom Dach aus, wie sich die ganze Stadt zur Gebetszeit niederkniet. Mich erinnerte es an eine moderne marokkanische Variante von “Der Club der toten Dichter”. Auch hier Applaus, der Saal aber war weniger voll.

Ein Doku-Film, der hier sehr gemocht wurde, ist Charlotte Gainsbourgs Film über ihre Mutter Jane Birkin Jane par Charlotte. Das ist natürlich superfranzösisch. Charlotte wird hier ebenso geliebt wie Jane und alle Journalisten sind hingerissen von dieser Zartheit, wie beide Frauen miteinander kommunizieren. Eine Liebeserklärung. Ein Mutter-Tochter-Tête-à-tête. Es gab berührende Standing Ovations.

Titane von Julia Ducourneau habe ich bewusst nicht angesehen und ich verlinke nichtmal den Vorfilm. Zu bizarr, zu gewalttätig. Sex mit Autos. So etwas will ich nicht sehen, auch wenn er mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde. Nicht nur ich hatte den Eindruck, dass es dieses Jahr bei der Preisvergabe sehr politisch korrekt zuging. Man wollte die Goldene Palme wohl unbedingt einer Frau geben, und die zweite Frau im Rennen kam aus Ungarn. Ungarn ist politisch wieder nicht ganz so korrekt und Titane ist sicher der bizarrste Film der Auswahl – passt. Spike Lee, wieder in einem sehr speziellen Anzug, hat leider die Dramaturgie des Abends durcheinander gebracht, indem er die Gewinnerin der Goldenen Palme als Erstes nannte, statt den “ersten Preis”. Irgendwie wirkte danach alles etwas verrutscht. Überhaupt fand ich die ganze Zeremonie komisch unprofessionell, als würden sie das alles zum ersten Mal machen.

Jetzt ist es also rum. Es hat hier noch einmal viel geregnet, was auch für uns im Juli ungewöhnlich ist; bis eben hatten wir richtig kühle Nächte und haben sogar wieder eine Decke aus dem Schrank geholt. Das ist natürlich die Überleitung zur Hochwasserkatastrophe in Deutschland, von der ich erst mit etwas Verspätung erfahren habe. Als ich Monsieur davon erzählte, sagte der “nun übertreib mal nicht!”, aber schon kamen unfassbare Bilder in den französischen Abendnachrichten, und sie kamen sogar auf die Titelseite der Tageszeitung, und das während des Festivals! Die Stadt Cannes, die 2015 eine vergleichbare Katastrophe erlitten hat, aber regional begrenzter, (Sie erinnern sich vielleicht) hat den betroffenen Gebieten in Deutschland finanzielle Unterstützung zugesagt. Weltumspannende Solidarität, denn die hat Cannes damals auch erfahren. Dabei arbeiten wir im Süden auch noch an den Schäden, die die Hochwasserkatastrophe letztes Jahr im Hinterland in den Tälern Tinnée, Vesubie und Roya angerichtet hat; das ist hier noch lange nicht überstanden. Ich kenne also diese Bilder von den verschlammten und teilweise weggeschwemmten Häusern, von den weggebrochenen Brücken und aufgeplatzten Straßen, gestrandeten Möbeln, Holz, Kühlschränken, Autos. Aber Bilder von Menschen, die “in meinem sicheren Deutschland” auf Dächern ihrer Häuser sitzen und gerade noch so gerettet werden, treiben mir Tränen in die Augen. Für mich sind die deutschen Häuser, Dörfer und Städte der Inbegriff von Solidität. Und dann werden sie in minutenschnelle genauso weggeschwemmt wie kleine Holzchalets in Südfrankreich, das erschüttert mich sehr. Ich bin tout coeur mit allen Menschen, die betroffen sind.

Ich will ja immer noch viel mehr erzählen, habe seit Wochen einen anderen Blogbeitrag in Arbeit, aber man kommt ja zu nix. Hier jetzt also nur schnell und in eigener Sache den Hinweis auf das Interview am Mittwoch, 21. Juli 2021 im WDR 5 – in der Sendung “Neugier genügt” bekomme ich eine halbe Stunde “Redezeit”: ein Live-Gespräch zwischen 11 und 11.30 Uhr. Wenn Sie auf den Link zum WDR klicken, sollten Sie dann direkt zur Sendung kommen.

ps: Hier der Link zur Aufzeichnung des Interviews, falls Sie es live verpasst haben sollten oder auch, wenn Sie meine Stimme nochmal hören wollen ;-)

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12 von 12 im Juli 2021

Blick aus dem Fenster.

Vermutlich das erste Mal, dass ich im Juli an 12 von 12 teilnehme. Schon am Morgen dachte ich, dass es zumindest farblich ein doofes 12 von 12 werden wird, es sah zumindest sehr nach Gewitter aus, hat sich im Laufe des Tages dann aber zu einem schwülwarmen halbbedeckten Tag entwickelt. Es hat schon zweimal geregnet im Juli, absolut ungewöhnlich, auch die sonnige Côte d’Azur hat einen “Schlechtwetter-Sommer”. Hat vielleicht auch mit dem Filmfestival zu tun, denn es regnet immer (!) während des Filmfestivals, darauf kann man wetten. Da kann man es verschieben so viel man will, Mai oder Juli, vollkommen egal.

Frühstück. Manche Dinge ändern sich nicht. Pepita wartet vor dem Küchenunterschrank.

Am Mittwoch ist Nationalfeiertag, ich bekomme heute außerdem vermutlich Spritzen in die Knie und weiß nicht, wie es mir danach gehen wird, deswegen machen wir heute früh umfassende Einkäufe. Da ich auch starke Schmerzen in der Schulter habe, bitte ich den Gatten, mich zu begleiten, ich kann fast nix mehr mit dem Arm machen, schon gar nichts Schweres (2 x 6 Flaschen Perrier zu Beispiel) heben. Seit dem Beginn von Corona vor anderthalb Jahren ist Monsieur nicht mehr im großen Supermarkt am Rande der Stadt gewesen. Er hat alle möglichen Veränderungen verpasst und versteht schonmal nicht, dass man nur noch zu zweit im Aufzug sein darf. Er starrt auch das dünne Papiertütchen verständnislos an, das ich ihm am Obststand reiche. Was ist das? Das ist eine Papiertüte, erkläre ich ihm, die haben die komischen Maisfasertüten abgelöst. Die gibt es jetzt hier für Obst und Gemüse. Aha.

Mit dem Gatten einzukaufen ist für mich ein doppeltes Logistikproblem. Zunächst muss ich eine zweite Einkaufsliste für ihn machen. Eindeutige und leicht auffindbare Dinge soll er in seinen Wagen werfen, den Rest nehme ich. Wir haben zwei Wagen, denken Sie sich schon. Die sind auch beide voll am Ende, das erstaunt mich immer wieder. Vor allem erstaunt mich, dass zwei Wochen später alles aufgegessen und aufgebraucht ist und wir von vorne beginnen. Erschwerend kommt hinzu, dass unser Metzger eine schlimme Bandscheibengeschichte hat und die Metzgerei bis auf Weiteres geschlossen ist. Der Kühl-Lieferwagen meiner Gemüsekisten-Mädels ist ebenso zusammengebrochen, sie können nicht mehr liefern. Ich komme also zeitgleich weder an gutes Fleisch noch an frisches Gemüse – zumindest in meinem derzeitig eingeschränkten Bewegungsradius. Der Gatte hat wenig Ambitionen meinen aufwändigen Markt (Gemüse, Obst, Fisch, Käse, Eier) – Supermarkt (Kaffee, Nudeln, Waschmittel, Katzenstreu, Klopapier, Rosé uvm.) – Metzger – Bäcker – Einkaufsmarathon zu übernehmen. Also wird heute ganz pragmatisch etwas mehr im Supermarkt eingekauft. Monsieur findet aber vieles nicht, der Supermarkt hat in der Zwischenzeit mehrfach umgeräumt, dafür nimmt er, wie von der Umräumaktion beabsichtigt, anderes mit. So haben wir am Ende doppelt Schinken, doppelt Melone, doppelt Desserts (nicht schlimm, wird aufgegessen) aber auch Dinge, die sich mir nicht erschließen: Mülltüten (wir haben Mülltüten bis Ende des Jahres) Dosenaprikosen (in Zeiten, in denen es frische Aprikosen gibt), salziges Popkorn, Chips, Kapern. Ich muss mich mit meiner Einkaufsliste und dem, was er nicht gefunden hat, beeilen, denn Monsieur geht schon zielstrebig zur Kasse. Ich schärfe ihm ein, dass er VOR der Kasse auf mich WARTEN soll! Sie lachen? Ich sags Ihnen, ich lache da nicht mehr.

Eingekauft

Zurück, räume ich alles dahin, wo es hingehört und freue mich wieder einmal über den neuen geräumigen Kühlschrank. Schon mache ich Mittagessen, früh heute, den ich habe zu bester Mittagspausenzeit mein (kurzfristig früheres) Rendezvous mit der Rhumatologue. Es gibt rohe Artischocken als Vorspeise für den Gatten, ich aß zwei Scheiben Wassermelone, dann von gestern aufgewärmtes Ofengemüse und frische Lammleber. Kein Käse, wir haben gerade einen anspruchsvollen (geschmacklich und olfaktorisch) Reblochon beendet. Als Nachtisch gibts Eis. Foto etwas spät aufgenommen.

Dann warte ich vor dem Haus; Monsieur fährt mich in die Innenstadt und parkt das Auto.

Ich gehe ein paar Schritte durch die belebte Rue d’Antibes und sehe Filmküsse im nur noch leicht bedeckten Himmel. Hier Simone Signoret und Yves Montand.

Wartezimmerromantik. Ich bekam erneut Kortison in die schmerzende Schulter/Oberarm, außerdem das Rezept für zweimal drei Hyaluronspritzen, die es in wöchentlichen Abständen demnächst in beide (!) Knie geben wird. Aber eben noch nicht heute.

Monsieur holt das Rezept für mich und dann das Auto, ich trinke, während ich auf halbem Weg auf ihn warte, einen Espresso, das Foto ist leider verschwommen, auch sehr unspektakulär, aber wer weiß wie lange das noch möglich ist, es wird ja alles schon wieder schlimmer. Kein Wunder eigentlich.

Wieder zuhause, beantworte ich ein paar Mails, daddel mit dem Telefon herum, klaue dieses schöne Foto meiner Kunst-Cousine @petrapan, die bereits das neue Frankreichmagazin liest!

Kümmere mich um die Katze, die einen 17 Uhr Snack einklagt, Wasser trinken will und außerdem Streicheleinheiten braucht.

Kleines Telefonat, schon gibts Abendessen. Wir bekamen Leisa-Nudeln von der Alb auf Linsenbasis geschenkt, die probiere ich heute Abend aus; ich esse sie mit selbstgemachtem Pesto und finde sie toll! Monsieur isst ein Stück Lammleber von heute Mittag und kaut unzufrieden auf den Nudeln herum, sie können ihn nicht überzeugen. Nichts geht über Nouilles (komische kurze Bandnudeln).

Monsieur schaut bereits einen alten Western, ich setze mich vielleicht dazu; später habe ich diese Nachtlektüre zu beenden.

So viel für heute. Danke fürs Anschauen und Lesen. Die anderen 12von12er wie immer hier!

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Sommer, Sonne, Cinéma

Ok, die Alliteration klappt nur bedingt. Aber wir wollen nicht zu kritisch sein, es ist Sommer, es ist heiß, das Hirn dampft. Ich habe sogar den 5. und “Was machst du eigentlich den ganzen Tag” vergessen. Keine Entschuldigungen, was alles nicht geht, nur jetzt schnell ein paar Eindrücke aus Cannes, der sommerlichen Festivalstadt, denn es hat gestern begonnen, das diesjährige Filmfestival. Letztes Jahr fiel es aus, dieses Jahr wurde es noch von Mai in den Juli verschoben, und man bangte lange ob, und ja, jetzt ist es da, und vielleicht ist es nicht so voll wie sonst, aber es ist ausreichend Getümmel in der Innenstadt, die wir jetzt großräumig meiden.

Das 74. Filmfestival in Cannes wurde also gestern Abend eröffnet. Und ich war dabei! Zumindest habe ich die Eröffnungszeremonie und die ersten “montée des marches” der Jury und der Schauspieler des Eröffnungsfilms gesehen, allerdings via Live-Übertragung von Canal+ in einem kleinen Stadtteilkino. Es war das erste Mal, dass ich “so nah dran” war und es war schon beeindruckend. Vor allem ist es wahnsinnig laut, hunderte Fotografen im Smoking, rechts und links des roten Teppichs positioniert, brüllen ununterbrochen, dass sich die Stars bitte zu ihnen drehen möchten, die Stars drehen sich dann auch gehorsam und lächelnd in alle Richtungen und gehen laaangsam den Teppich entlang und die Stufen hinauf.

Am Rand stehen Journalisten von Canal+ und ziehen immer mal eine Schauspielerin (Jodie Foster, Carla Bruni, Marion Cotillard), Filmschaffende oder die Kulturministerin Roselyn Bachelot vom roten Teppich und vor die Kamera und die Mikros und fragen stakkatomäßig dies und das. Viel Zeit ist nicht. Schon formiert sich die Jury des Filmfestivals um den in fluo-pink gekleideten Spike Lee. Mit ihm hat erstmals ein Afroamerikaner die Rolle des Jury-Präsidenten inne. Und wir haben fünf Frauen, darunter die französische Sängerin Mylène Farmer, und drei Männer (aus insgesamt sieben Ländern) in der Jury. Und als erstes bekommt Jodie Foster eine Ehrenpalme für ihr Werk: Sie spricht zu meiner Überraschung perfekt französisch und dankt mehrfach ihrer Frau Alexandra. Mehr political correctness geht nicht am ersten Abend.

Spike Lee hat gestern zwar ziemlich wenig Text, macht aber von sich reden, dank des farbigen Outfits bis hin zur fluo-pinkfarbigen Sonnenbrille, und zieht klar, alle Blicke auf sich. Monsieur, der seit Jahren eine fluo-grüne Sonnenbrille trägt, ist vermutlich plötzlich ziemlich hip.

Es drängeln sich auch trotz COVID ziemlich viele Menschen (vorwiegend ohne Masken) am Absperrgitter, stehen auf Leitern und rufen ihren Stars ebenso zu. Manche bekommen sogar ein Autogramm – Marion Cotillard war sehr freundlich und schrieb ihren Namen ziemlich oft auf ihr entgegengestrecktes Papier und lässt sogar Selfies machen.

Der große Saal im Palais des Festivals ist voll, nicht alle tragen Maske, aber die meisten. Nach der Eröffnungszeremonie (wie gesagt Jodie Foster bekommt die Ehrenpalme und hält eine lange Rede in perfektem Französisch; ist sie nicht großartig?)

sehen wir im Kino, genau wie das Publikum im Saal, den Eröffnungsfilm “Annette” von Leos Carax, von dem ich zu meiner Schande noch nie gehört habe. Ich bin also komplett neutral und gespannt auf den Film. Er wird uns als eine tragédie musicale angekündigt, ein tragisches Musical, ein gesungener Film. Aber eben kein heiterer.

Es beginnt dynamisch, Marion Cotillard, Adam Driver, ein paar Musiker (Sparks) und ein Chor laufen durch die Straßen und singen, “so may we start”, vielleicht singen sie auch was anderes, aber das ist das, was ich verstehe, “Lasst uns anfangen”, sie singen in Englisch. Es gibt aber französische Untertitel. Wollen Sie den Inhalt? Wenn nicht, überspringen Sie den Absatz nach dem Trailer.

Ich hoffe, das Video ist in Ihrem Land zu sehen.

Eine zarte Opernsängerin Ann (Marion Cotillard) und ein, wie man später erfährt, gewalttätiger Komiker Henry (Adam Driver), der sein Publikum mit provokanten Szenen zum Lachen bringt, sind überraschend ein Liebespaar geworden. Sie bekommen ein Kind, ein Mädchen, Annette, die beinahe bis zum Schluss von einer Marionette gespielt wird. Sehr bizarr. Der Komiker trinkt zu viel, ist eifersüchtig und bringt erst die Sopranistin um, später noch den besten Freund, der vielleicht der echte Vater von Annette ist, denn er hatte eine kurze Liebesaffäre mit der Sängerin. Außerdem beutet er seine kleine Tochter “Baby Annette” aus, die von ihrer Mutter auf mystische Weise eine magische Stimme “geerbt” hat. Die Tochter singt dann eines Abends vor einem Millionenpublikum nicht mehr, sondern klagt ihren Vater an, Menschen getötet zu haben. Ende im Gefängnis. Hier jetzt singt ein echtes kleines Mädchen, dass sie ihrem Vater nie verzeihen wird, was er getan hat. Das alles wird gesungen, dauert 2 Stunden und 20 Minuten und ist damit sehr lang. Ich hatte Hunger, Schmerzen im Knie, das ich nicht bewegen konnte, gähnte hinter meiner Maske und war versucht, mein Smartphone zu öffnen, um zu sehen, ob es etwas Interessanteres gäbe. Zu meiner Beruhigung ging es dem Publikum im Saal nicht anders. Die ZuschauerInnen waren im besten Fall verstört. Die meisten gelangweilt und genervt. Niemand klatschte. Die Kritiken in Nice Matin gehen heute von “Punk Oper” über “meisterhafter Märchenerzähler” bis zu “Unklar” und sie vergeben 1 bis 3 (von 5) Palmen. Telerama aber, das intellektuelle Kulturblatt, spricht von einem Gesamtkunstwerk.

So viel zum Kino in Cannes. Das Sommerliche folgt (hoffentlich bald) in einem Sommer-Special.

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Le deuxième tour – Regionalwahl

Für den zweiten Wahldurchgang habe ich Procuration beantragt. Man muss ja alles mal gemacht haben, nicht wahr. Dazu muss man sich zunächst das Dokument cerfa 14952*02 herunterladen, online ausfüllen, wozu man wiederum die Angaben der Person benötigt, die für einen wählen soll, man druckt es aus und begibt sich damit zur Polizei oder zur Gendarmerie.

Ich wählte das nächstliegende Commissariat, indem auch Commissaire Duval tätig ist, ich dachte, ich zwinkere ihm mal wieder zu; ich kam extra kurz nach 14 Uhr, der Beginn der Mittagsschicht, er war aber vermutlich noch in der Mittagspause.

Ich stand um diese Uhrzeit nicht allzulange in der Sonne vor dem Commissariat herum; es dürfen derzeit immer nur sechs Personen gleichzeitig hinein, man muss sein Anliegen an einer Sprechanlage formulieren und dann öffnet sich eine Türschleuse. Die zweite Tür öffnet sich, sobald die erste wieder geschlossen ist. Ich durfte aber zusätzlich hinein und mich, nachdem ich mein Anliegen vorgetragen und sämtliche Dokumente vorgezeigt hatte, sogar setzen, Gehstock sei Dank.

Man muss nicht begründen, warum man nicht selbst wählen geht, aber man muss en règle sein und die Person, die anstatt wählt, natürlich ebenso. Und sie muss im gleichen Wahlbezirk wählen dürfen. Ich bin zwar en règle, aber ich habe noch kein französisches Ausweisdokument, insofern schleppte ich den Brief vom Innenminister mit mir herum, der mir bestätigte, dass ich Französin sei.

Ein Teil meines Antrags auf Procuration blieb bei der Polizeidienststelle, die ihn an die Mairie in Châteauneuf weiterleiten wird. Ich bekam meinen Teil datiert und abgestempelt, schickte ein Foto davon für alle Fälle an die Freundin, dann rief ich sie an und flüsterte ihr ins Ohr, wen sie bitte für mich wählen möge.

So viel Auswahl haben wir nicht mehr. Vielleicht haben Sie in einem Kommentar zum letzten Beitrag gelesen, dass in unserer Region der Kandidat der Grünen gezwungen worden war, sich zurückzuziehen. Er hatte zunächst verlauten lassen, dass er auch beim zweiten Durchgang zur Wahl stehen wolle, dann aber wurde er von seiner Parteileitung angewiesen, sich zurückzuziehen, um, wie so oft, die Wahl von Marine Le Pen “zu verhindern”.

Der zweite Wahldurchgang funktioniert im Verhältniswahlrecht – wer die meisten Stimmen hat, hat gewonnen. Mariani, der Kandidat, der Marine Le Pen nahesteht, und der im ersten Durchgang schon über 35% Stimmen bekommen hatte, würde, wenn sich nichts ändert, vermutlich gewinnen, denn Muselier und Felizia, der Kandidat der ökologischen Partei, würden sich die “Gegenstimmen teilen” (31% Muselier, 16% Felizia). Indem Felizia seine Liste zurückzieht, hofft man, dass dessen Wähler nun, zumindest zu einem gewissen Prozentsatz, Muselier, als das “kleinere Übel” wählen, sodass dieser mehr Stimmen als Mariani erhält, und man so einmal mehr Marine Le Pen verhindert hat.

Das Verhältniswahlrecht des zweiten Durchgangs gilt aber nur für die Wahl, es gilt nicht für die Aufstellung des Regionalparlaments. Der, dessen Partei gewonnen hat, regiert. Die anderen bekommen ein oder zwei Personen ihrer Wählerliste ins Parlament, damit könnten sie sich vielleicht hin und wieder Gehör verschaffen, wirklich erreichen können sie so gut wie nichts. Da ich aus dem Land des Verhältniswahlrechts und der Koalitionen komme, bleibt mir dieses “alles oder nichts”-System fremd. Der Gatte sagt, anders könne man dieses (ohnehin schwer regierbare) Land nicht regieren, weist aber darauf hin, dass Muselier von Anfang an auch Macrons Partei LREM La République en marche hinter sich habe, also bereits eine Art “Koalition” geschaffen habe, was ihm von “Partei-Puristen” übrigens übel genommen wird.

Um 16.25 Uhr erfahre ich, dass ich gewählt habe, im Dorf sind tatsächlich noch ein paar Personen mehr im Wahlbüro erschienen als bei der ersten Runde, 76 von 90. So sieht es auch im Rest unserer Region aus: Hier, wo es um etwas geht, haben sich die Menschen doch aufgemacht und gewählt (aber dennoch nur etwa 35%).

Im Rest Frankreichs ist die Wahlbeteiligung jedoch extrem gering. Noch geringer als beim ersten Wahldurchgang. Gerade haben wir erfahren, dass es die niedrigste Wahlbeteiligung ever war. Die einen erklären es gerne mit dem Wetter: es regnet in einem Teil des Landes, die Sonne scheint zu verlockend in unserem Teil. Die anderen sagen, die jungen Leute (die größte Gruppe der Nichtwähler) haben anderes im Kopf nach Monaten mit COVID-Maßnahmen. Wieder andere sagen, die Regionen sind grundsätzlich überflüssig, was sie tun ist undurchsichtig und im Zweifelsfall haben sie keine Macht, daher ist die Wahl für die WählerInnen uninteressant.

Wie dem auch sei, um 20 Uhr haben wir erfahren, dass in unserer Region, wie zu erwarten, Muselier gewählt wurde, und zwar mit deutlichen 56% (exakte Zahlen gegen 22 Uhr). Uff!

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