Deutschland, Ostern und ein Film

Frohe Ostern zunächst noch (fast) nachträglich gewünscht! Der Blogtext wurde nicht rechtzeitig fertig, aber immerhin habe ich Ostereier gefärbt.

Und dann wurde alles anders, da Monsieur gefallen ist und sich die Rippen verletzt hat. Kein Ausflug in die Berge – ich habe dann ein halbes Familien-Oster-Menü gekocht, wobei “halb” sich auf die Familienmitglieder bezieht, die in Cannes geblieben waren, nicht etwa auf die Hälfte des Menüs oder gar die Hälfte der Arbeit. Egal, das kennen Sie schon zur Genüge, das wollen Sie auch nicht immer wieder hören. Es gab grünen Spargel (in Papilloten) im Ofen gebacken, das ist auf diese Art zubereitet unschlagbar lecker und verdanke ich, wie schon mehrfach erwähnt, Arthurs Tochter! Spargel werden hier mit Vinaigrette als Vorspeise angeboten – der dazu servierte hauchdünn geschnittenen italienische Schinken wurde nicht verstanden, aber dennoch gegessen.

Dann gab es Lammbraten – da ich das alles für eine Zubereitung in den Bergen eingekauft und dort (derzeit) keinen Backofen habe, wurde eine Variation gewählt, die ich auch in einem Bräter auf dem Herd hätte machen können (gerollter und von Knochen befreiter Rücken), aber das war ja nun nicht nötig; dazu gabs – nicht ganz saisonal, daher auch nicht regional und dann leider auch geschmacklich eher fade, grüne Bohnen. Für die ich extra nochmal einkaufen gegangen bin, weil alle angepriesenen Lamm-Rezepte im Internet grüne Bohnen als Beilage vorschlugen. Das ist mir eine Lehre, nächstes Mal werden es karamellisierte Karotten oder Lauch. Außerdem wollte ich knusprige Ofenkartoffeln machen. Dann ist es wie immer – die Kartoffeln (dies ist kein Kartoffelland, jedes Mal, wenn ich glaube, die optimalen Kartoffeln gefunden zu haben, gibt es sie beim nächsten Mal nicht mehr und ich probiere wieder andere aus) waren viel schneller fertig als erwartet und wurden, während sie auf das halbrohe Lammfleisch warteten, weich und etwas angematscht. Nun gut, die Variation von Ziegenkäse (Schafs- und Kuhmilchkäse wollte ich ursprünglich von den Erzeugerm auf dem Markt im Bergdorf dazu kaufen) war fein, und die von mir, wegen zu wenig “zitronig”, nicht sehr geschätzte, aber natürlich selbst gebackene Zitronentarte (mit Merengue), schmeckte den Gästen genau deshalb besonders gut. Das war in etwa das Menü. Das alles dauert (ohne Vorbereitungszeit) den halben Tag: man zieht vom Apero am Wohnzimmertisch an den Esstisch, und von dort, Stunden später, wieder zurück, wo dieses Mal dann Kaffee, Tee oder Tisane, (Kräutertee) mit Schokolädchen gereicht wurden. Am späteren Nachmittag gabs erneut Kräutertee und nun etwas Osterbrioche, in Form einer italienischen Colomba. Gegen Halb Sieben war das Mittagessen beendet. So ist es hier. Kein “Verdauungs-“Osterspaziergang zwischendurch – auch wenn die Sonne so lieblich schien, wie man es sich für Ostern nur wünschen konnte, man sitzt rum, isst und erzählt.

Danach bin ich erschöpft. Das ist leider immer so, auch nach anderen und noch so schönen “Socialize Moments”. Fünf Tage Deutschland zum Beispiel. Ob ich von Nizza wegkommen würde war ja nicht so sicher. Streiks und so, Sie erinnern sich. Der Flughafen war so leer wie selten. Viele Flüge gecancelt. Klappte aber alles. Aber dann war am Frankfurter Flughafen, wie schon beim letzten Mal, kein Zug in Sicht. Man muss, während einer vermutlich noch lang dauernden gesamtdeutschen Bahn-Baustellensituation, mit einer Regionalbahn zum kleinen Bahnhof Frankfurt Süd fahren, der zum Umsteigebahnhof upgegradet wurde, ohne jedoch logistisch mithalten zu können. Aber immerhin fuhren noch Züge. Ich wurde am Ende freundlicherweise abgeholt und auch in den nächsten Tagen viel herumgefahren, denn der regionale ÖPNV streikte. Und zwar komplett, es gab nicht mal einen Minimalservice für Schulkinder oder Berufspendler. In Deutschland wohlgemerkt.

Am Abend der Lesung aber fuhr alles noch, glücklicherweise, es hätte mir in der Seele weh getan, wenn die Leserin aus Genf (Hallo Karin!), die aus Hamburg (Hallo Ulrike!) und der Überraschungsgast von der Schwäbischen Alb (Hallo Marianne!) irgendwo unterwegs festgesessen hätten. Andere Leserinnen flüsterten mir zu, sie hätten auch 400 km Anfahrt auf sich genommen, ohne aber ins Detail zu gehen, von wo Sie kamen. Ich danke aber allen, die da waren, egal, ob Sie von Nah oder Fern gekommen sind! Es war ein toller und gelungener Abend! Danke auch erneut an das geduldige Team der Buchhandlung Schmitt und Hahn, das so lange ausgeharrt hat, bis ich alles signiert hatte.

Der Freitagstermin, den ich eigentlich geplant hatte, wurde kurzfristig abgesagt, der Samstagstermin, ein runder Geburtstag, für den ich ursprünglich angereist war, und um den ich alles andere herum gelegt hatte, wurde genauso kurzfristig abgesagt, wegen Covid. Außerdem wurde der Montagsflug gecancelt wegen Generalstreik. In Deutschland! Ich verbrachte den Freitagvormittag damit, einen Ersatzflug zu buchen, ein Hotel abzusagen und die kommenden Tage umzuorganisieren. Auf diese Art sah ich andere Freundinnen, die mich auch spontan, unkompliziert und fürsorglich beherbegten (Merci Sabine!) und ich machte eine berührende kleine Darmstadt Revival Tour.

Zufällig führte mich der Weg zunächst ins Johannesviertel – blühende Magnolienbäume überall, Menschen, die in kleinen Straßencafés in die Sonne blinzelten, nette Second-Hand- und Bio-Läden – und suchte dort als erstes den Stolperstein von Klara (eigentlich Clara) Joseph. Was Sie nicht wissen ist, dass einer meiner Leser, Herr W. aus Darmstadt, gerade das Schicksal von Inge Joseph auf seinem privaten Blog vorstellt. Inge Joseph aus Darmstadt, die in einem “Kindertransport” über Belgien, Frankreich letztlich bis in die USA gelangte und so den Holocaust überlebte. Anders als ihre Mutter Clara, die deportiert wurde und in Polen, im Durchgangslager Piaski, ums Leben kam.

Nun, Herr W., der Blogger aus Darmstadt, möchte seinen privaten Blog aus vielerlei Gründen nicht verlinkt haben, was ich verstehen kann – bat mir aber freundlicherweise an, seine Ergebnisse der Spurensuche, Texte, Fotos und Dokumente, hier zu verwenden, da ich aber die Geschichte von Inge Joseph nicht selbst erarbeitet habe, auch nicht so tief im Thema bin, kann und möchte ich, zumindest im Moment, nicht viel dazu schreiben.

Herr W. entdeckte Inge Josephs Namen mit dem Zusatz “aus Darmstadt” in einer romanhaften Erzählung (Eveline Hasler, “Mit dem letzten Schiff”), war intrigiert, (haha, sagt man im Deutschen gar nicht!) neugierig geworden, suchte und entdeckte, dass Inge Joseph keine erfundene Figur war. Dann begann seine geradezu leidenschaftliche Spurensuche, wie es so ist, wenn man plötzlich über etwas oder jemanden aus seiner Heimatstadt stolpert, von dem man vorher noch nie gehört hat. Kleiner Exkurs: Mir ging es seinerzeit so, als ich die Geschichte des Darmstädter Buchhändlers Alfred Bodenheimer entdeckt habe, der nach einigen Wochen, die er im KZ Buchenwald verbrachte, zwar nach USA auswandern konnte, dort dann in Baltimore als Hausierer Bürsten verkaufte, gesundheitlich angeschlagen dem Treppauf- und Treppabschleppen von Körben auf dem Rücken aber nicht gewachsen war und früh, mittellos, verstarb. Gerade mal gesucht und diese Seite hier gefunden. Alfred Bodenheimer ist aufgenommen, Inge Joseph hingegen erscheint nicht, die müsste vielleicht noch nachgetragen werden.

Herr W. fand unter anderem ein von Inge Joseph begonnenes und von ihrem Neffen zu Ende gebrachtes Buch über ihre europäische Odyssee. Ich verlinke mal auf diese englischsprachige Seite. “A Girl’s Journey through Nazi Europe” kann über den Internetbuchhandel erworben werden und ist (immer laut Herrn W. ) lobenswerterweise im Bestand der Darmstädter Bibliotheken.

Ich entdeckte danach noch ganz viele Stolpersteine in Darmstadt.

Am Samstag sah ich andere Freundinnen und wir besuchten gemeinsam ein Grab auf dem Alten Friedhof, und am Sonntag traf ich Freundinnen und einen Freund aus Jugendtagen wieder (haha, ich bin schon so alt, dass ich sowas jetzt schreiben kann!). Genau genommen sind es FreundInnen aus dem Dorf, in das wir gezogen sind, als ich elf war und das ich vor über vierzig Jahren verlassen und nach dem frühen Tod meines Vaters auch (so gut wie) nicht mehr aufgesucht habe. Dem Leben im Dorf und den FreundInnen widmete ich ein Kapitel in meinem Buch “Von hier bis ans Meer”, und niemals hätte ich gedacht, dass ich sie noch einmal wiedersehen würde. Wie war ich verblüfft und gerührt, als eine von ihnen mir letztes Jahr zu meinem 60. Geburtstag gratulierte und den Wunsch äußerte, mich wiederzusehen. Sie organisierte jetzt unser Treffen in einem netten Café in einem der Dörfer des vorderen Odenwalds, und wie unglaublich, dass alle gekommen sind und sich so gefreut haben, mich wiederzusehen: “Die Chrissi!!!” riefen sie und umarmten mich. “Die Chrissi”, so hieß ich damals. Das sagt heute eigentlich so keiner mehr zu mir, aber hier in diesem Rahmen fühlte es sich für mich richtig an. Es war soo nett! Und erstaunlicherweise so vertraut! Wir tauschten uns stundenlang aus – und was ich so ganz nebenbei schätzte, war dieses tiefe Wissen vom Dorfleben, das alle haben. Sie verstehen meine Bergdorfgeschichten, ohne fassungslos zu fragen “aber was macht man denn da?”. Sie kennen die soziale Enge, die manchmal erstickend ist, aber auch die große Hilfsbereitschaft, die es in einem kleinen Dorf gibt. Sie verstehen auch, was es heißt, wenn ich sage “es ist eine unabhängige Gemeinde mit einer eigenen Bürgermeisterin” – und wenn diese Gemeinde nun 60.000 Euro für die Erneuerung der Sickergrube aufbringen muss. Nun ja, das aber nur am Rande.

Anschließend fuhr ich gerührt und glücklich und müde gequatscht zurück zum Frankfurter Flughafen, um den letzten Flieger vor dem Generalstreik zu nehmen. Der dann knapp drei Stunden Verspätung hatte (der Flieger, nicht der Streik), aber immerhin flog, wenn auch ohne Gepäck, denn es gab schon mal kein Personal mehr, das die Koffer verladen wollte. Also musste man gleich bei Ankunft seinen Koffer als “verloren” melden – meiner wurde immerhin relativ bald geortet und mir zwei Tage später auch brav zugestellt.

Zuhause war ich zwei Tage lang “h.s.” (gesprochen ‘asch äss) meint hors service, kaputt. Nach so vielen intensiven Begegnungen bin ich einerseits euphorisiert und glücklich, aber sie fressen mein Energiedepot so leer – dass ich lange tief erschöpft bin. Ich sage nur hochsensibel.

Das kümmert die Katze aber wenig, die neuerdings, vermutlich eine Alterserscheinung, mal nachts, mal in aller Herrgottsfrühe neben meinem Bett miaut – und weder mit Futter, das ich ihr schlaftrunken gebe, noch mit Wasser aus dem Wasserhahn und auch nicht mit einem (eigentlich untersagten) Besuch im Bett ruhig zu stellen ist. “Aufstehen!” jammert sie. “Raus jetzt! Ich will, dass ihr mit mir wach seid!” Kaum stehen wir müde in der Küche und trinken den ersten Kaffee, hüpft die Katze aufs Sofa, rollt sich ein und schläft.

Einmal sperrte Monsieur sie nach dem nächtlichen Zusatzfutter im hinteren Wohnungsteil ein, damit sie uns schlafen ließ. Das hat sie uns übel genommen und setzte uns später, als sie wieder Zugang zum Schlafzimmer hatte, ein stinkendes Häufchen neben das Bett.

Heute früh erbarmte sich Monsieur und quälte sich trotz Schmerzen aus dem Bett und leistete der Katze Gesellschaft, damit ich noch ein bisschen ruhen konnte.

So, ich schicke das mal in die Welt, sodass es noch an Ostern bei Ihnen ankommt. Fotos folgen sind jetzt da. Ich gehe jetzt ins Kino. Dazu später auch mehr.

Anscheinend ist der Filmtrailer bei Ihnen nicht abspielbar – das tut mir leid, ich versuche es mit der Youtube-Version. Es handelt sich um die Verfilmung eines Buches von Sylvain Tesson: Sur les chemins noirs.

Sylvain Tesson ist ein Abenteurer, der spektakuläre Reisen unternommen hat und darüber schrieb. Jemand, der keine Grenzen kannte, auch nicht beim Alkohol. Eines Nachts, als er (angetrunken) auf dem Dach eines Hauses herumklettert (im Film ist es die Fassade eines Hotels), fällt er aus 8 Meter Höhe auf die Straße. Er überlebt, allerdings in einem üblen körperlichen Zustand. Man kündigt ihm an, dass er vielleicht nicht mehr laufen können wird. Er setzt alles daran, es doch zu schaffen und schon ein Jahr später durchquert er Frankreich zu Fuß – und zwar auf den chemins noirs, den schwarz gezeichneten Wegen, mit denen kleine Feld- oder Wanderwege, manches Mal unwegsame Schotterpisten auf den Wanderkarten des IGN kartiert sind. Er wählt die “diagonale du vide”: ländliche und meist menschenleere (zumeist) Bergregionen, ausgehend vom Mercantour im Südosten über den Cantal bis zum Meer im Norden. Menschenleer, weil die Landschaften so rau und karg sind und das überwiegend landwirtschaftliche Leben so hart, dass die Menschen andere Berufe wählten und wählen und in Städte abwandern. In den verlassenen Dörfern leben nur noch ein paar alte, und vielleicht ein paar zugezogene junge Menschen, die ein alternatives Leben suchen. Aber es gibt kaum noch Infrastruktur, keine Kinderkrippen, keine Schulen, keinen Metzger und keinen Bäcker mehr, weder Arzt noch Apotheker, nur noch einen Tante Emma-Laden, der auch die Poststation ist. Das kenne ich aus meinem französischen Tal, aus meinem deutschen Heimatdorf im hessischen Odenwald und im badischen Odenwald berichtet Friederike immer wieder davon, etwa hier. (Eigentlich suchte ich einen anderen Beitrag, den, in dem sie von der “Poststelle” berichtet, aber den habe ich jetzt auf die Schnelle nicht mehr gefunden, aber der hier passt auch prima, hören Sie sich auch gerne den Kommentar am Ende des Textes an!) Im Film sieht man einmal im Hintergrund ein großes Plakat : “Diese Region sucht einen Arzt”. Ein ähnliches Plakat hängt an der Straßengabelung auf dem Weg zu meinem französischen Dorf, dort, wo man nach einem Tunnel in die Bergregion abzweigt. Der dort oben vierzig Jahre praktizierende Landarzt hat seine verdiente Rente angetreten und ist gleichmal, damit man ihn nicht weiterhin behelligt, denn es gibt keinen Nachfolger, in den Libanon gereist, um dort in einem Altersheim auszuhelfen.

Durch diese menschenleeren Gegenden und über meist steiles und unwegsames Gelände wanderte Sylvain Tesson, im Film dargestellt von Jean Dujardin. Eine Art Pilgerwanderung, wobei Sylvain Tesson, von dem ich mehrere Interviews gesehen habe, er ist (so finde ich) kein besonders sympathischer Mensch, nicht unbedingt geläutert aus dieser Herausforderung geht. Er will diese Wanderung über 1300km unbedingt schaffen, auch wenn er unterwegs stürzt, sich erneut verletzt, einen epileptischen Anfall erleidet und ihm alle, Ärzte, aber auch Abenteurer-Freunde aus früheren Tagen, raten, es abzubrechen.

Seine Gedanken, die er beim Wandern niederschreibt, sind vielleicht nicht transzendent, mir gefiel in dem Film vor allem die großartige Landschaft. Die ersten hundert Kilometer wandert er durch den Mercantour und die Hautes Alpes, “meine” französische Heimat. Ich erkenne die Lärchenwälder, das Schiefergeröll und die rote Erde. Tatsächlich ist er quasi an meinem Dorf vorbeigelaufen, wie ich im Abspann sehen kann.

Vielleicht müssen Sie auf “Ansehen auf Youtube” klicken – ich hoffe, es klappt.

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Die Renten, der Streik und das Meer

Was ist denn da los in Frankreich?, werde ich mal wieder gefragt. Sie hören mich seufzen. Frankreich eben. Ich dachte, ich schaue mal eben die Veröffentlichungen all der von mir auf irgendwelchen Plattformen abonnierten Französinnen an, die einen Bezug zu Deutschland haben, eine wird es vielleicht erklären und ich hänge mich dran. Aber nein, die Lehrerinnen erklären uns das deutsche Pfandsystem oder wie man sich in beiden Sprachen zum Geburtstag gratuliert, andere zeigen Bilder vom Markt, denn hurrah, es gibt die ersten Erdbeeren, und sie geben uns Rezepte für Hühnersuppe oder einen Pistazienflan. Wieder andere zeigen uns Urlaubsfotos aus dem Elsass. Auch die Deutschen, die in Paris leben und doch mittendrin sind im Müllchaos und den Demos, zeigen sich schweigend und am PC tippend oder schicken Audrey Hepburn vor, die “Good Morning” aus Paris wünscht. Rückzug ins Private allüberall. Und ich solls jetzt erklären?

Es geht um die Rentenreform, die Präsident Macron jetzt mithilfe des Artikels 49.3 der Verfassung durchgesetzt hat, weil er, obwohl alle an der Reform herumgeschrieben haben, letzten Endes im Parlament doch keine Mehrheit dafür bekommen hat. So viel wissen Sie vermutlich auch schon aus der Tagesschau. (Hier ein nicht ganz kurzer, aber anschaulicher Text zur französischen Politik mit dem Artikel 49.3) Auch die Konservativen, die die Rentenreform ursprünglich mal gefordert haben, haben jetzt dagegen gestimmt, weil die Reform in der Bevölkerung so unpopulär ist, niemand will bis 64 arbeiten (derzeit liegt das Rentenalter bei 62), und man will ja wiedergewählt werden, also besser man hat das Volk nicht gegen sich. Und jetzt geht das Volk, das sich ungehört fühlt, auf die Straße, wie das hier so üblich ist. Es wird demonstriert, dass es kracht. Gewalt auf allen Seiten. Gestreikt wird auch, klar; gerade werden mal wieder die Raffinerien blockiert, sodass es, wie zur besten Gelbwesten-Zeit, an vielen Orten schon wieder kein Benzin an den Tankstellen gibt. Wir leben in der touristischen Stadt ja eher provinziell vor uns hin, die Gewalt kommt nur durch den Fernseher bei uns an, hier wird (bislang) nicht (gewalttätig) demonstriert, zumindest nicht, dass ich wüsste, und noch gibt es Benzin, wir haben heute morgen aber auch vorsichtshalber getankt, wir brauchen das Auto nicht täglich, aber am Mittwoch früh will ich nach Deutschland fliegen, und ob Züge oder Busse zum Flughafen fahren, ist unsicher. Die deutsche Fluglinie wird dann wohl hoffentlich starten. Ein Grund warum ich nie mit AirFrance fliege ist die hohe Streikfrequenz ihrer Mitarbeiter.

Ich verlinke Ihnen mal den Text von Annika Joeres aus der ZEIT, der zwar von Ende Januar stammt und somit noch von vor der umgesetzten Rentenreform, aber dennoch die brodelnde Stimmung wiedergibt und auch einiges erklärt.

Heute beginnen in Frankreich die schriftlichen Abiturprüfungen, los gehts mit Mathe, die angeheiratete Enkelin ist kurz vor 14 Uhr erstaunlich munter losgezogen. Morgen Nachmittag dann Bio. Tatsächlich sind aber auch Lehrer im Streik, die an manchen Orten die Abiturprüfungen nicht beaufsichtigen wollen. Es gibt erstmals sogar eine Ausnahmeregelung für die Schüler, die aufgrund von Streiks zu spät zur Abiprüfung kommen könnten. Sie dürfen die eventuell verlorene Zeit dranhängen.

Rückzug ins Private: Am Samstag war ich zum ersten Mal mit den Füßen im Meer, wäre es nicht so windig und die Wellen nicht so hoch gewesen, hätte ich einen kleinen Hüpfer ins Meer vielleicht gewagt. Soo kalt war es nämlich nicht.

Ich schwimme aber immer noch im Hallenbad, langsam kenne ich die anderen Damen, die dort ebenso regelmäßig Bahnen ziehen. Man grüßt sich und nickt und lächelt sich von Bahn zu Bahn zu. Ich habe jetzt eine “chronometrierte” Karte, damit habe ich also nicht 20 zeitlich unbegrenzte Eintritte, sondern eine Karte für zwanzig Stunden gekauft, die deutlich günstiger ist, und die für die junge Seniorin nochmal weniger kostet. Allerdings ist es jetzt eine ziemliche Hetzerei, wenn ich weiterhin vierzig Minuten schwimmen will und nur noch jeweils zehn Minuten fürs Aus- und Anziehen inkl. Duschen und Haareföhnen habe. Heute bin ich aber vierzig Minuten Rad gefahren, auf dem Heimtrainer, wo ich beim auf-der-Stelle-radeln dann manchmal Videos ansehe, manchmal Podcasts höre (sonst ist es zu langweilig!). Sehr gern höre ich den Podcast von mare, Sie wissen schon, diese Zeitschrift. Heute hörte ich ein Interview mit einer Freiwasser-Langstreckenschwimmerin Nathalie Pohl, deren Ziel es ist, die sieben schwierigsten Meerengen, die “Ocean’s Seven” zu durchschwimmen. Sehr sehr beeindruckend und spannend! Was ich übrigens nicht gerne und auch nicht zu Ende gelesen und daher entrümpelt habe (ich mache dieses Jahr wieder bei der Aufräum-Fastenchallenge mit!) ist das Buch “Bahnen ziehen”. Das einzige, was ich daraus mitnahm ist die Erkenntnis, dass Leistungssport eine Tortur ist. Schrecklich. Und dass man als Schwimm-LeistungssportlerIn nie mehr Lust hat, Urlaub am Meer oder am Pool zu verbringen, weil man das Wasser nie mit Freizeit oder Ausspannen verbindet. Letzteres sagt Nathalie Pohl übrigens auch.

Gerne gehört habe ich gerade auch (ging auch viel schneller als Harrys “Reserve”) “Die Träume anderer Leute” von Judith Holofernes. Das war ein Tipp von Herrn Buddenbohm, den ich hier verlinke, weil er bei sich schon so viel dazu gesagt hat. Muss ich nicht wiederholen. Ich habe noch einen Gutschein für ein weiteres Hörbuch, bevor die Kündigung beim Hörbuchanbieter durch ist (weil das eher nix für mich ist), falls Sie einen guten Tipp haben, nur her damit.

So, und hier nochmal die Erinnerung : Donnerstag, 23.03.2023 um 20.15 Uhr lese ich in der Buchhandlung Schmitt und Hahn in Heidelberg, Hauptstraße 8 aus “Von hier bis ans Meer” und “Verhängnisvolle Lügen an der Côte d’Azur”. Freu’ mich auf Sie!

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Dies und das am 12ten

Heute ist der 12. des Monats, man könnte bei 12 von 12 mitmachen, aber ich bin schon den ganzen Tag unentschieden, ob ich das will oder nicht.

Letzten Endes erzähle ich Ihnen ein bisschen von meinem (heutigen) Tag, dies und das, und nicht nur vom 12ten.

Die Katze warf sich in aller Frühe auf mich, normalerweise verkrümelt sie sich dezent ans Fußende, heute aber genügte es ihr nicht. So bin ich ziemlich früh schon wach, obwohl ich bis kurz nach Mitternacht noch “The Crown” geschaut habe. Ich hatte große Schwierigkeiten, mich an die nun mittelalte “neue” Queen der dritten und vierten Staffel zu gewöhnen. Den Prinzgemahl Philip habe ich gleich gar nicht erkannt, er ist so unscheinbar und klein geworden. Die Synchronstimmen passten auch nicht mehr. Ganz schrecklich. Da ich ja aber nicht streame, sondern die DVDs schon erworben hatte, brach ich die Serie nicht ab, sondern versuchte es in mehreren Anläufen. Deutsch ging gar nicht, Französisch auch nicht. Ich sehe die Serie jetzt auf Englisch mit englischem Untertitel. Bin kurz vor Ende der vierten Staffel, danach wird die Queen nochmal ausgewechselt, seufz, nicht sicher, ob ich das kann …

Harrys “Reserve”-Buch habe ich nun auch zu Ende gehört. 19 Stunden, gelesen von Steffen Groth. 19 Stunden! Ich habe viel vorgespult, es ist doch weitschweifig und detailreich, nicht immer so spannend, doch auf jeden Fall ist es nicht so shocking wie man nach der Ankündigung hätte annehmen können. Gähn. Auch wenn die darin vorkommende Familie sicherlich nicht amused ist. Keine Ahnung, ob Sie, meine lieben Leserinnen und Leser, dieses Buch bereits gelesen haben, ob Sie es noch lesen wollen, ob Sie schon alles über dieses Buch gelesen haben oder es Sie grundsätzlich gar nicht interessiert: Sie können dann die nächsten Absätze getrost runterscrollen und weiter unten wieder einsetzen. Wenn Sie aber meine Küchenpsychologie zu diesem Buch lesen wollen, dann geht es hier entlang:

Es ist die Coming of Age und Boy meets Girl-Geschichte eines Jungen, der früh seine Mutter verloren hat und lange Zeit glaubt, dass seine Mama den nervigen Journalisten nur ein Schnippchen geschlagen hat, sich versteckt und eines Tages wieder auftauchen wird. Was für eine Überlebensstrategie! Der Junge ist ziemlich verloren, einsam; Internatsleben, distanzierte Familie. Er wird Klassenkasper, später Fetenkönig. Ok, die Schilderung aller Besäufnisse und Drogenexzesse – geschenkt. In Kapitel 130 bedauert er, dass er mit seinem Vater nicht über seine Penis-Erfrierung sprechen kann, weshalb wir es uns jetzt lang und breit anhören müssen. Er hat sie sich am Nordpol geholt, wohin er mit Kriegsveteranen wanderte. Dann lernt er die Liebe kennen, aber seine Freundinnen machen alle früher oder später mit ihm Schluss, nein, nicht wegen seines Penis’ sondern wegen der Presse, die den Mädchen überall auflauert und vor ihrem Haus campiert undsoweiter. Harry, der den Tod seiner Mutter der Presse und vor allem den Paparazzi anlastet, verbeißt sich in seinen Hass gegen sie. Den immer wieder erteilten Rat seines Vaters, es “einfach nicht zu lesen”, kann er nicht befolgen. Fast zwanghaft liest er die Presse und wird immer grimmiger, weil alles erlogen und zusammenfantasiert ist, und auch, weil er zumeist eine schlechte Presse (Feten-Harry, dummer Harry) bekommt. Er unterstellt Camilla und seinem Vater, dass es ihnen nicht unrecht sei, Harry als “bad boy” in der Presse zu haben, um so besser sähen sie aus. Nun gut. Es geht um Neid und Eifersucht zwischen Brüdern; “nur” der zweite, die “Reserve” für den Thron zu sein, falls William etwas zustoßen würde, nagt an ihm. Diese Unzufriedenheit mit dem “Schatten”-leben hatte schon die Generation vorher: Margaret litt auch unter ihrer “Unwichtigkeit” neben ihrer disziplinierten Queen-Schwester, dann verbot man ihr auch noch Pete Townsend zu heiraten (geschieden, nicht standesgemäß) und sie feierte, liebte, trank und rauchte sich verzweifelt durchs sinnleere aber luxuriöse Prinzessinnenleben.

William heiratet Kate, sein Vater lebt mit Camilla zusammen. Harry fühlt sich trotz aller Kumpels, Mädchen und Saufereien einsam, wen wunderts. Er verliert Freunde bei einem dummen Autounfall. Dann geht er zum Militär. Ordnung, Autorität aber auch Zusammenhalt. Das tut ihm gut, er darf auch in den Krieg, obwohl er das auserwählte Ziel der Taliban-Krieger ist (da habe ich dann bestimmt 30 Kapitel übersprungen), und schließlich selbst Menschen getötet hat. “Es ist Krieg, Mann!”, raunzt er den Journalisten an, der ihn das fragt und die Antwort des Prinzen empörend findet.

Nun, Harry ist bei allem auch ein sehr privilegierter junger Mann, und er ist sich dessen nicht so richtig bewusst, finde ich. Nord- und Südpolexpeditionen, spontane Reisen nach hier und da, wiederholte Safaris in Botswana, Leibwächter, die ihn klaglos überallhin fahren, persönliche Berater, “Taschengeld”, später hat er (verdienstvollerweise) die Idee für die “Invictus-Games” (Internationaler Sportwettbewerb der Kriegsversehrten), die er mal eben irgendeinem königlichen Komitee (ich kanns leider nicht mehr nachschlagen) vorschlägt und schwupps wird das in Rekordzeit realisiert, ohne dass er für sein Projekt mühsam Organisatoren, Mitarbeiter oder Geldgeber suchen oder gar Kredite erbitten muss. Aber dann meckern, dass er im Palast einmal nur ein Zimmer neben den Angestelltenbüros erhält und später (zunächst) “nur” in irgendeinem Rez-de-Jardin Apartment wohnen darf, vor dessen Fenstern irgendein Berater der Königin achtlos oder absichtlich parkt. Das nervt mich doch ein bisschen, auch wenn ich ihm sonst ganz gewogen bin.

Dann kommt Meghan. Und Kate und William werden (sagt Harry) ein bisschen eifersüchtig, weil Meghan, ähnlich wie Diana seinerzeit, anfänglich so beliebt ist, und Harry und Meghan dem zukünftigen Königspaar den Rang ablaufen. Dabei ist Meghan so unbritisch und so wenig royal, sie knickst nicht richtig, sie spricht zu viel und zu laut, ist zu direkt, trägt schwarzen Nagellack und schließt Autotüren selbst. So shocking. Harry macht seit einiger Zeit eine Therapie, sieht die royale Welt zunehmend kritisch, was seiner Familie nicht gefällt. Er sei krank, sagt ihm sein Bruder, und brauche Hilfe, Harry hingegen findet, er sei gerade dabei gesund zu werden und sich aus dieser eigenartigen Familien-Firma zu befreien. (William rastet daraufhin aus und schlägt ihn gleichmal zusammen, sagt zumindest Harry). Auf jeden Fall bekommen Harry und Meghan zunehmend schlechte und Meghan zusätzlich rassistische Presse, sie wird immer unglücklicher und verliert ein Kind, Harry wird immer wütender. Er will gegen die gehasste Presse prozessieren, sein Vater und die royalen Berater sind aber dagegen. Man müsse mit der Presse leben und kooperieren. Das junge Paar fühlt sich im royalen Käfig und mit der penetranter werdenden Presse immer unwohler und flüchtet zunächst nach Kanada. …

Ich hätte das Blättern in einem Buch bevorzugt, muss ich sagen, auch, um einen Satz Harrys wiederzufinden, wo er in etwa sagt, “wird in dieser Familie endlich mal jemand wirklich leben” – nun, es ist klar, Harry glaubt, dass er es sein wird. Am Ende gibt es ein hübsches symbolisches Bild eines in die Freiheit fliegenden Kolibris.

Uff. Hörbuch ist (noch) nicht meins, auch wenn Steffen Groth sein Bestes gab.

Next.

Hier ist seit drei Tagen aber sowas von Frühling, mein Körper kommt kaum mit, diese überraschende Wärme (22 Grad) ist so anstrengend. Am Freitagabend waren wir nach einer Lesung von Henning Ahrens (im Centre Culturel Franco Allemand in Nizza) zusammen mit dem Autor noch in der Altstadt essen. Die Stadt war voll und laut, fast wie im Sommer, wir haben meteorologisch gesehen noch Winter. Aber Nizza ist nicht umsonst als “Winterurlaubsstadt an der Riviera” Teil des UNESCO-Weltkulturerbes geworden. Henning Ahrens ist ein sehr nahbarer und sympathischer Autor und er las aus “Mitgift”, ein Roman, der 2021 auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis stand. Der Roman wurde ins Französische übersetzt und ist in diesen Tagen unter dem Titel “Les péchés des pères” (Die Sünden der Väter) bei der Edition Gallmeister in Paris erschienen. Ich zitiere den Rückseitentext “Seit sieben Generationen in Folge bewirtschaften die Leebs ihren Hof in der niedersächsischen Provinz. Es gilt das Familienerbe zu wahren, allen historischen Umbrüchen zum Trotz. Doch über die Opfer, die jeder Einzelne erbringen muss, wird geschwiegen.” Der Roman ist biographisch inspiriert. Henning Ahrens ist auf diesem Hof groß geworden. Düster. Aber ganz große Lese-Empfehlung.

In meiner Instagram-Timeline tauchen seit Tagen immer wieder überquellende Müllcontainer in Paris auf. Die Müllabfuhr streikt. Alle Berufszweige streiken hier ja immer mal wieder aus Gründen, und jetzt besonders, weil sie mit der Rentenreform, die vermutlich kommen wird, nicht einverstanden sind. Züge fallen aus, Busse fahren nicht, sogar die Feuerwehr und Sanitäter sind im Streik, letztere fahren dann zwar trotzdem, wenn sie müssen, haben aber “Grève”-Schilder aufs Auto geklebt, und jetzt eben auch die Müllabfuhr. In Cannes hat die Müllabfuhr, so wie es aussieht, nur drei Tage lang gestreikt, und in der Innenstadt sogar heute, am Sonntag, wieder begonnen, die überquellenden Container abzufahren. Ich machte eine kurze Runde in der Stadt, da wurde ich Zeugin dieser Aktion. Ich fuhr Monsieur zum Bridge und dachte, es könnte nett sein, bei diesem Wetter in der Stadt einen Kaffee zu trinken, aber es war mir zu voll, zu laut und zu warm, und das, obwohl ich extra nur eine Jeansjacke übergeworfen und meine leichten Allroundschuhe gewählt hatte. Am Freitag trug ich noch Daunenjacke und Stiefel, und vor einer Woche lief ich damit noch frierend bei Plusminus 1 Grad um den Bodensee herum. Jetzt ist es warm. Die Innenstadt ist noch immer eine hässliche und teilweise verbarrikadierte Großbaustelle, alles wird neu, möglicherweise wird es auch schön, auch wenn ich den “typisch provenzalischen Platz”, der uns angekündigt wurde, noch nicht richtig erkennen kann. Zugegeben, besonders schön waren Les Allées vorher auch nicht. Derzeit sind die in die Erde gepflanzten Bäume noch mickrig und kahl und auch die Orangenbäumchen, die man jetzt tendenziell in riesige Blumentöpfe pflanzt, von denen zig herumstehen, sind noch klein. Ganz verstehe ich auch die Anordnung der Wasserspiele nicht, die heute aber nicht funktionierten. Baustelle wie gesagt.

An einem anderen neu gestalteten Platz stehen (festzementierte) Stühle um einen Springbrunnen. Alle Restaurants und Bistros haben geöffnet, Menschen sitzen überall auf den Terrassen. Essen, reden, lachen und halten ihre blassen Wintergesichter mit großen Sonnenbrillen in die Sonne. Ein einzelner Stuhl am Springbrunnen ist frei, es sieht nett aus, und einen Moment lang setze ich mich dorthin. Boah, ist es laut hier. Aus jedem Restaurant dringen andere Musikfetzen zu mir, hinter mir singt Aretha Franklin Arr Ieh Ess Pie Ieh Cie Tie, von rechts höre ich lange nur die Bässe wummern, ohne das Stück zu erkennen. Irgendwann fällt es mir ein: Music von Madonna, das habe ich seither im Kopf. Vier langhaarige junge Mädchen lassen sich auf die zwei Stühle neben mir fallen und diskutieren auf Spanisch, ich weiß nicht was, aber sie diskutieren laut. Rechts hinter mir ebenso laut italienische Töne. Sogar das Wasserplätschern ist laut. Der Geräuschpegel ist so hoch, dass die Autos, die hinter dem Springbrunnen vorbeifahren, scheinbar lautlos vorüberziehen. Und nein, ich glaube nicht, dass es Elektroautos waren. In der Sonne ist es mir zu warm, meine Füße dampfen, ich reiße die Jacke von mir und ziehe die Socken aus. Ein paar Stühle weiter sitzt unbeweglich eine ältere Dame in einem Daunenmantel mit Kapuze. Daneben ein Paar mit kurzen Hosen, sie trägt ein Oberteil mit Spaghettiträgern, beide löffeln Eis. Ein Eis wäre nicht schlecht und ein Espresso, deswegen bin ich ja eigentlich in die Stadt gegangen. Alle Tische der kleinen italienischen Eisdiele meiner Wahl sind besetzt, am Tresen steht eine lange Schlange. Dann eben nicht. Zurück zum Parkhaus.

Dort ist es überparfümiert: Sapin frais. Mit Kopfnote Konifere und Herznote Rose. Und was bitte ist Eichenschaum? Und das alles ergibt frische Tanne? Auf jeden Fall riecht es zu stark, vermutlich um all die Urinausdünstungen der dort übernachtenden SDFs zu überlagern. Das sind Momente, da vermisse ich die Masken. Mit dem Auto fahre ich zum Strand, vielleicht könnte ich ein bisschen die Wellen über die Füße laufen lassen und dort einen Kaffee trinken, überlege ich, aber ich finde schonmal keinen Parkplatz. Stattdessen stehe ich im Stau. Bin ich eigentlich verrückt? Am Sonntagnachmittag rauszugehen, wenn alle rausgehen? Ich fahre kurzentschlossen nach Hause und trinke meinen Kaffee auf dem Balkon und höre Madonna über Kopfhörer. So gleiten auch hier die vorbeifahrenden Autos scheinbar geräuschlos vorbei.

Ungeschönt, mit Wäsche im Hintergrund. Für mehr Realität im Internet.

Und nochmal Bücher. Dieses Mal meine. Ist es nicht großartig? Die Buchhandlung Schmitt und Hahn in Heidelberg hat mir und meinen Büchern ein Fenster gewidmet und mir die Bilder davon geschickt! Ich werde dort am 23. März lesen. Los gehts um 20.15 Uhr. Kommen Sie?

Und Pepita, gerade eben, bei ihrem nächtlichen Ausgang im Vorgarten.

Es ist schon der 13. Gute Nacht!

ps: Ich vergaß zu erwähnen, dass man sich für die Lesung bitte anmelden muss! Entweder direkt im Laden (Hauptstraße 8), per Telefon: 06221-138371, per Mail: hauptstrasse8@schmitt-hahn.de oder auf der Homepage unter Veranstaltungen. Merci!

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Ein Jahr Krieg

Stand with Ukraine

Sie sehen mich merkwürdig stumm. Ich möchte so viel sagen und habe keine Worte. Ein Jahr schon dauert Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine. Mich bedrückt er mehr und mehr. Das letzte Jahr war getragen von der Hilfe für die kleine ukrainische Familie – ich hätte nicht gedacht, dass diese Hilfe auch uns, oder sagen wir mir, so guttun würde. Dass ich aktiv etwas gegen diesen Krieg getan habe, hat mein Herz erleichtert, der Krieg und all die schrecklichen Nachrichten und grausamen Bilder, die ich im Fernsehen gesehen habe, haben mich nicht deprimiert. Ich tue etwas. Wir tun etwas.

Seit September ist die kleine Familie zurück in der West-Ukraine. Es ist dort “relativ” ruhig, aber was heißt das schon. Überall ist Militär unterwegs, schrieb mir Tetiana, und die Alarmsirenen gehen häufig los. Stromausfall ist an der Tagesordnung und sie machen daher “romantische Candlelight-Dinners”. Internet funktioniert nur stundenweise oder auch gar nicht. Immerhin aber funktioniert die kollektive Heizung in dem Haus, in dem sie leben und ihre Wohnung ist warm. Sie versuchen ein “normales” Leben zu führen, der große M. geht in die Schule, und Tetiana und ihr Mann haben ihr Theater wieder geöffnet, proben und geben Aufführungen; selbst wenn immer wieder Theaterproben und Schulunterricht in einem Schutzkeller stattfinden müssen. Ich bekam ein Foto, auf dem man den großen M. mit seiner Schulklasse in einem Schutzkeller sah: die Kinder lächelten alle tapfer und machten ein Victory-Zeichen mit ihren Fingern, aber mir kamen die Tränen.

Um Weihnachten herum bekamen wir ein riesiges Paket aus der Ukraine, darin ukrainische Spezialitäten, Kaffee, Pralinen, scharfer Senf (übrigens habe ich gestern wieder den ersten französischen Senf im Supermarkt gefunden, der auch nur etwa dreimal so teuer ist wie vorher!), ein vermutlich ebenso starker Alkohol und ein unbekannter Brotaufstrich; es handele sich um eine “ukrainische Droge”, hatte Tetiana dazu geschrieben. Letztlich war es Schweineschmalz vermischt mit einem säuerlichen Gemüse, ein neuer Geschmack, aber lecker und tatsächlich “süchtigmachend”, ich habe das Glas am Ende noch mit Brot ausgewischt. Vermutlich wäre es auf Schwarzbrot (so die Anleitung) noch besser gewesen, aber wir haben es mit frischem Baguette auch genossen.

“ukrainische Droge”

“Wir hätten ihr ein Stück von Frankreich gegeben, und sie wolle uns ein Stück von ihrer Ukraine zurückgeben” schrieb Tetiana.

Es gab noch allerhand anderes, darunter dieses Wollpüppchen in den ukrainischen Nationalfarben. Es hängt bei uns im Eingangsbereich und wird hier in seiner fragilité solange hängen, bis dass die russische Armee sich aus der Ukraine zurückzieht.

Stand with Ukraine!

Und noch ein ps: ich habe über Herrn Buddenbohm, dem ich für sein unermüdliches Herumlesen in Büchern, Zeitungen und auf Blogs und das Verlinken derselben danke, über ihn also habe ich diesen Text von Frau Herzbruch gefunden. Sie schreibt, was mir nur ungeordnet im Kopf herumschwirrte. Danke dafür.

Ich möchte ergänzen, dass wir gerade Geschichte wiederholen: 1938, beim sogenannten Münchner Abkommen, wurde entschieden, dass man Hitler, um einen größeren Krieg zu vermeiden, einen Teil der Tschechoslowakei (die Sudetengebiete) überlassen würde; wie wir wissen, hat diese “Appeasementpolitik” bei der die Tschechoslowakei “geopfert” wurde, den Krieg nicht verhindert. Wie geht man mit einem Aggressor um, der eine exzessive Konfliktbereitschaft an den Tag legt? Mit Putin kann man genauso wenig verhandeln, wie man es mit Hitler konnte. Ein Archivtext zum Münchner Abkommen aus dem Deutschlandfunk.

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St. Tropez

Ein in jeder Hinsicht alter Freund von Monsieur bat uns, nach St. Tropez zu kommen. Um mal ein bisschen anzugeben sage ich Ihnen, dass er der Begründer der international bekannten Bademodenmarke Vilebrequin ist, was übrigens Kurbelwelle heißt, die eiserne Wendeltreppe im ersten Laden in St. Tropez erinnerte den autoverrückten ehemaligen Formel 1-Fotografen an eine solche. Nun, die Generation Brigitte Bardot, wie ich gerne etwas respektlos sage, ist nun fast neunzig, besser man sieht sich nochmal in, hmhm, sagen wir alter Frische. Wir verbrachten einen wundervollen Nachmittag in einem der angesagten Restaurants am Strand Pampelonne, die, nachdem man vor ein paar Jahren alle seit mehr als fünfzig Jahren existierendenden, aber zumeist illegal erbaut und zumindest improvisiert aussehenden “Restaurant-Hütten” abgerissen und nun nicht nur juristisch neu aufgestellt hat, nun keine Hütten mehr sind, sondern schickissime Restaurants, denen man die gesetzlich vorgeschriebene “Leichtbauweise” (wieder abbaubar) nicht ansieht, anders als in Cannes, wo die neuen Strandpavillons alle aus Containern zusammengebastelt wurden, nur äußerlich halbwegs kaschiert unter ein paar Holzlatten und etwas maritimer Deko. Die Restos am Strand Pampelonne, der, um korrekt zu sein nicht zu St. Tropez sondern zu Ramatuelle gehört, sind schick und teuer, und das ist auch so in der tiefsten Wintersaison, in der etwa neunzig Prozent der Hotels, Restaurants und Geschäfte in St. Tropez geschlossen sind. Ein Resto am Strand hatte immerhin geöffnet, man kann in diesen Tagen auch unreserviert einen Platz finden und muss dafür auch nicht unbedingt mit einem lokalen VIP auftauchen. Es war sonnig und windstill – das Mittelmeer und auch die meisten Tischnachbarn angenehm ruhig – und nein, ich habe es in diesem Ambiente nicht mal gewagt, mein Handy zum Instagram-Beweisfotomachen herauszuziehen.

Freitagsnachmittags dann fanden wir nicht nur einen freien sondern vor allem kostenfreien (bis April!) Parkplatz mitten im Zentrum. Die Schilder, die auf den samstäglichen Markt hinwiesen, schienen uns nicht verdächtig. Wir glaubten, den am äußersten Rand des Geschehens geparkten Wagen auf sicherem Terrain. Die Dame an der Rezeption des einzigen geöffneten Hotels nickte meine Frage, ob wir dort stehenbleiben könnten, ab. Alles gut. Aber vermutlich habe ich die Frage nicht richtig gestellt oder die Antwort missverstanden. Denn richtig müsste es lauten: Natürlich können Sie von Freitag auf Samstag am Place des Lices stehenbleiben, wenn Sie das Auto dann auf der fourrière, dem Abschleppparkplatz der Police Municipale, wiederfinden wollen. Nun gut.

Das ganze kostete einen kleinen Spaziergang (glücklicherweise liegt die fourrière in St. Tropez, anders als in Cannes, nicht weit entfernt und St. Tropez ist wirklich sehr klein, was einem im Sommer mit all den die Straßen verstopfenden Autos und Menschen nicht so bewusst wird), insgesamt eine knappe Stunde für das administrative Prozedere und 127 Euro, plus einen Strafzettel für widerrechtliches Parken, der noch erwartet wird.

Aber ich habe vorgegriffen, zunächst nämlich promenierten wir frohgemut durch das beinahe komplett geschlossene und menschenleere Städtchen, bestaunten im Hafen ein paar Schiffe und genossen den Sonnenuntergang.

Unser Abendessen nahmen wir in einem kleinen Restaurant ein, wo das Sehen und Gesehenwerden, komplett egal ist, es war gut und erschwinglich, und wir waren dieses Mal, so schien es uns, fast ausschließlich von echten Tropezien umgeben. Am nächsten Tag, nachdem wir das Auto wieder ausgelöst und anderweitig geparkt hatten, trafen wir uns mit der jungen Autorin und Verlegerin Natalie Fischer und André Rondini (er stammt aus der Familie der St. Tropez-Sandalen-Manufaktur Rondini) auf dem (im Winter nur kleinen) Markt. Monsieur erstand dort bei einem Bouquinisten, wie könnte es anders sein, ein Buch, ich erwarb einheimischen Lavendelhonig und wir ließen uns später von Natalie und André ihr St. Tropez auf weniger bekannten Wegen zeigen, soweit im kleinen St. Tropez Wege noch weniger bekannt sein können. André Rondini ist eine lebende Enzyklopädie, nichts, was er nicht wüsste über St. Tropez, und niemand, den Natalie und er nicht kennen: Wir kamen so überall ins Gespräch mit Fischern und echten Einwohnern von St. Tropez, und manches Mal hatte ich bei den Gesprächen das Gefühl an einem Pagnol-Stück teilzunehmen. Sehr charmant und sehr authentisch. Ein herzlicher Dank für diese persönliche Stadtführung an Natalie und André!

Falls Sie des Französischen mächtig sind, können Sie hier einem der älteren Fischer aus St. Tropez (den wir während unseres Spaziergangs kennengelernt haben!) und seinem Sohn zuhören, wie sie über ihr Metier erzählen und wie es sich von früher zu heute verändert hat. Falls es mit der Sprache schwierig sein sollte, genießen Sie vielleicht einfach die Bilder. (Leider haben Sie über eine Minute Werbung, bevor es losgeht.)

Natalie, die seit ihrer Kindheit mit St. Tropez verbunden ist, hat zusammen mit ihrer Schwester vor ein paar Jahren den kleinen Mons Verlag gegründet; die Schwestern geben zusammen ein anspruchsvolles und nicht alltägliches Buchprogramm heraus. Ich erwarb die letzte Neuerscheinung des Verlages, Natalie Fischers großformatiges, liebevoll gestaltetes und zweisprachig angelegtes Werk (französischer Text von André Rondini), das Geschichte und Geschichten über und aus St. Tropez enthält, von Künstlern, Schriftstellern und Intellektuellen. Im Buch stellt die Autorin die noch ansässigen Fischer (die, die Sie auch im Video sehen, und die wir bei unserem Spaziergang kennengelernt haben) vor, ebenso Landwirte, Schäfer, Winzer, Imker und Handwerker. Man bekommt ebenso traditionelle Rezepte und Ausflugstipps in die Umgebung; dieses “Kaleidoskop der Region”, wie der Untertitel lautet, wird angereichert durch zahlreiche Abbildungen von Gemälden, alten Postkarten, Briefen, Fotos und Dokumenten, manches davon erstmals in die deutsche Sprache übersetzt.

Der Band ist schwer, aber nicht zu sehr, man könnte ihn gerade noch mitnehmen und unterwegs darin lesen, so wie ich es für meine Bilder heute Nachmittag machte, aber vielleicht liegt er doch besser auf einem Tisch (das Buch ist fadengebunden und lässt sich gut aufschlagen!) und man schmökert und blättert vor oder nach seinen Spaziergängen in und um St. Tropez darin herum, ein marineblaues Lesebändchen hilft, manche Seite des in fünf Kapiteln aufgeteilten Buches wiederzufinden. Sehr hochwertig gemacht, mit einem griffigen und matt gestrichenen Bilderdruckpapier, das die Abbildungen, darunter viele ganz- und doppelseitige, kräftig und leuchtend strahlen lässt. Ein mehrseitiger Anhang mit Quellen-, Literatur- und Personenregister macht aus diesem Werk, das eine große Liebeserklärung an St. Tropez ist, auch ein ernstzunehmendes Nachschlagewerk.

Wir haben noch lange nicht alles gesehen in St. Tropez, es gibt noch viele Sträßchen zu durchlaufen, auch das Musée de L’Annonciade oder das kleine und originelle Maison des Papillons, zu dem man über im Asphalt eingelassene Schmetterlinge findet, haben wir dieses Mal ausgelassen. Wir werden also wiederkommen! Bis dahin werde ich noch ein bisschen lesend in die Geschichte und Geschichten von St. Tropez eintauchen.

ps: gerade erfahren, dass das morsche Pointu St. Tropez (erstes Foto des Artikels), das laut Natalie Fischer seit Jahr und Tag am Hafen von St. Tropez auf dem Trockenen lag (Natalie kennt die Geschichte dieses und vieler anderer Pointus, die im Hafen liegen), abtransportiert wurde. Ich bin so froh, es noch gesehen zu haben!

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12 von 12 – Februar 2023

Heute ist der zwölfte des Monats und ich habe nicht nur rechtzeitig daran gedacht, sondern auch genug Muße, um mitzumachen und zwölf Bilder von meinem Tag zu knipsen oder noch ein paar mehr, aber letzten Endes zwölf davon zu veröffentlichen. Gesammelt wird dieses Fotoprojekt dankenswerterweise seit Jahr und Tag von Caro Kännchen.

Ich wache sehr früh auf, gegen 5 Uhr nämlich mit einem großen Knäuel wilder Gedanken im Kopf, die mich am Wiedereinschlafen hindern. Um 6 Uhr stehe ich endlich auf und schreibe alles auf. Ich bin nicht meine Gedanken. Ich denke meine Gedanken. Während ich es aufschreibe, nehme ich Abstand und werde wieder ruhiger. Das schnurrende Fellknäuel auf meinen Knien tut ein übriges.

Ich bleibe aber wach und lese im Internet herum, trinke später einen Kaffee und ziehe meinen Badeanzug an. Nein, ich schwimme nicht im Meer, wie ich es im Herbst großspurig angekündigt hatte; habe ich nicht geschafft. Ich schwimme zweimal in der Woche im Hallenbad: dienstags und sonntags. Sonntags macht das Bad um 9 Uhr auf und ich bin gerne so früh wie möglich da, wenn noch wenige Menschen dort schwimmen. Die Sonne scheint, aber es ist frisch draußen. Im Auto sehe ich die Temperatur, nur 3,5°C. Foto leider verschwommen.

Ich schwimme vierzig Minuten, das macht bei meinem Tempo in etwa einen Kilometer. Im Schwimmbad darf man nicht fotografieren, ich versuche es trotzdem und mache einen Haufen verwischter Fotos, die nix werden. Letzten Endes mache ich ein Selbstporträt in der Umkleidekabine. Kleiner Gedanke an Journelle.

Ich habe Hunger, bin aber müde und mache ein uninspiriertes Mittagessen mit Schweinefilet und Kartoffeln, Karotten und Lauch, was ich ungeschickterweise zusammen in einem gusseisernen Topf koche, und am Ende schmeckt es wie Suppe. Nun gut.

Ich hänge die schnell durchgespülten Handtücher auf dem Balkon zur Straße hin auf. Das macht man hier eigentlich nicht, schlechter Stil, “à l’italienne” sagt man hier mit hochgezogenen Augenbrauen dazu. Aber es ist mir in diesem Winter egal – ich nutze die Sonne auf dem Südbalkon (im Hof hinter dem Haus haben wir im Winter keinen einzigen Sonnenstrahl) und spare mir so den Wäschetrockner.

Sieste. Symbolbild.

Danach fährt Monsieur zum Bridge, ich bestelle die 3. Staffel von The Crown, vermutlich bin ich die letzte, die die Serie “gerade” entdeckt hat, und der nun ich geradezu verfallen bin, und ich bestelle auch die erste Staffel von Fauda, eine israelische Serie, die mir gestern empfohlen wurde. Da ich gerade so drin bin im britischen Königshaus, schlage ich aus einer Laune heraus bei Prinz Harrys Biographie zu. Gibts als Hörbuch nämlich gratis und außerdem ist es sofort da – den Rest des Nachmittags laufe ich mit Kopfhörer herum und höre mir Jung-Harrys Kinder-und Teenagererinnerungen an.

Ich laufe Harry hörend durch La Croix des Gardes und freue mich an der Sonne und den Mimosen. Zur besten Spaziergehzeit am Sonntagnachmittag sind dort, wie konnte ich das vergessen, jede Menge Menschen unterwegs. Immerhin isoliert mich mein Hörbuch bzw. der Kopfhörer von all den anderen. So richtig fesselt mich die Geschichte bislang nicht, aber beim Hörbuch ist das Vorblättern irgendwie schwierig.

Für abends koche ich ein Fenchel-Kartoffel-Süppchen. Ohne Foto.

Wir gehen noch ins Kino. Tu choisiras la vie. Ich bin gespannt, er hat sehr gute Kritiken bekommen.

https://www.youtube.com/watch?v=DzngcFQuYcs

Der Film hat mir gut gefallen. Auch wegen der italienischen Sommerlandschaft und dem attraktiven Schauspieler.

Auf dem Nachhauseweg nächtliche Mandelblüten entdeckt.

Voilà, so viel heute von hier. Danke fürs Anschauen und Lesen. Die anderen 12 von 12er gibt es hier.

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Mimosen, Crêpes und eine Lesung

Da bin ich wieder. Ich arbeite mich langsam wieder nach vorne. Habe hunderte von Themen zum Nachtragen, vermutlich wird es mir nicht gelingen. Ebensoviele Themen sind unverblogbar. Machen wir einfach mit der Aktualität weiter: Die Mimosen blühen, und heute ist Chandeleur, Mariä Lichtmess, und in Frankreich werden traditionell Crêpes gegessen. Ich mache natürlich auch welche. Die runden goldgelben Crêpes haben einen symbolischen Bezug zur Sonne, und wenn man beim Crêpe-wenden (man wirft es elegant in die Luft) zusätzlich ein Geldstück in der Hand hält, soll einem das Geld nie ausgehen. Die ganze Crêpe-Tradition kann man ausführlich zum Beispiel bei Hilke Maunder nachlesen. In die Luft werfen. Von wegen. Gerade bei mir selbst nachgelesen, dünn und rund habe ich die Crêpes noch nie wirklich hingekriegt, aber dieses Jahr wurden sie abstrakte Kunstwerke, teilweise erinnerten sie mich an Quallen, und ich schabte sie mühsam aus der Pfanne. Dies ist ein ehrlicher Blog, ich hoffe, Sie wissen das zu schätzen. Ich habe übrigens drei verschiedene Pfannen ausprobiert. Sie gelangen heute in keiner. Dünne, runde Crêpes schüttelt man wohl nur aus dem Handgelenk, wenn man das von kleinauf gelernt hat. Lecker waren sie trotzdem und die Tradition ist auch gewahrt. Das ist ja das Wichtigste.

Wir aßen sie mit Zucker und Zitrone, mit Grand Marnier (Monsieur), und erstmals mit Caramel beurre salé. Hmmm, lecker! Und mit selbstgemachter bitterer Orangenkonfitüre. Die hingegen ist dieses Jahr gelungen!

Und, tatata, eine (etwas verpixelte) Ankündigung:

Am 23. März 2023 wird die Autorin in Heidelberg lesen und zwar in der Buchhandlung Schmitt & Hahn (in der Hauptstraße). Es geht um 20.15 Uhr los, Eintritt beträgt 12 bzw. 10 €, dafür gibt es ein Glas Wein, viele nette Menschen und ich lese aus “Von hier bis ans Meer” und “Verhängnisvolle Lügen an der Côte d’Azur”. Die Buchhandlung bittet um Anmeldung, wegen der Stühle und dem Wein, Sie verstehen. Anmelden kann man sich direkt im Laden (Hauptstraße 8), per Telefon: 06221-138371, per Mail: hauptstrasse8@schmitt-hahn.de oder auf der Homepage unter Veranstaltungen. Vielleicht sind Sie in der Nähe und haben am 23. März abends noch nichts vor? Würde mich freuen, viele von Ihnen dort zu sehen!

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Alle Jahre wieder …

… findet der kleine Weihnachtsmarkt in Châteauneuf d’Entraunes statt. So auch dieses Jahr. Meinen Text und ein paar Fotos davon finden Sie dieses Mal bei Hilke Maunder im schönen Frankreichblog –> click “Mein Frankreich”.

St. Nicolas

Natürlich schneite es rechtzeitig zum Weihnachtsmarkt – was hier aber so idyllisch aussieht, hat am Tag selbst alles durcheinandergebracht. Am Folgetag dann war es traumhaft: klirrende Kälte, Sonne und Puderzuckerschnee auf allen Berggipfeln rundherum.

am nächsten Tag: kalt, aber sonnig
Puderzucker-Schnee

So viel für heute. Ich wünsche Ihnen eine gute Woche!

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Catania

Möglicherweise erinnern Sie sich nicht, aber im Prinzip schulde ich Ihnen noch Catania – die letzte Station auf unserem kleinen Äolischen-Insel-Urlaub vom letzten Jahr, das ist schon acht Monate her, meine Güte, ich werde es vielleicht später anders datieren, damit es zeitlich am richtigen Ort steht, aber zunächst finden Sie es mal hier.

Catania. Ich war sehr schockiert, muss ich sagen, wir kamen von den traumhaft schönen Inselchen Stromboli, Salina und Lipari jede ein kleines Paradies, wo wir bis zum Horizont Meer und Himmel sahen, in einen grauen Moloch mit dunklen Straßenschluchten. Ich habe gerade nochmal die Geschichte der Stadt nachgelesen: Piratenüberfälle, Erdbeben, Vulkanausbrüche – die Stadt wurde im 17. Jahrhundert fast vollständig zerstört, und dann im barocken Stil wiederaufgebaut, und zwar mit dem was man hatte, nämlich Lavagestein; das ist grau und schwarz und so sieht die Stadt bis heute aus (es gab nochmal Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg, es macht die Sache nicht besser), und wird daher auch als die “schwarze Tochter des Ätna” bezeichnet. Unser Taxifahrer verfuhr sich zunächst in ein paar dieser dunklen schmalen Straßen mit hohen düsteren Häusern mit teilweise vergitterten Fenstern und voller Grafitti. Auch der Barockpalast, in dem sich in den zwei oberen Etagen das Hotel befindet, wirkte auf den ersten Blick nicht besonders einladend. Wo sind wir nur gelandet, dachte ich.

Der Blick aus dem Hotelzimmer begeisterte mich, trotz Himmel, auch nur bedingt.

Nun gut. Es war Nachmittag, wir hatten einen Abend, eine Nacht und noch fast den ganzen folgenden Tag in dieser Stadt zur Verfügung. Monsieur hatte Hunger, die Überfahrt war aufgrund des hohen Wellengangs stark verlangsamt worden, der Taxifahrer hatte am Hafen in Milazzo schon ungeduldig über eine Stunde auf uns gewartet, um uns nach Catania zu fahren, es war keine Zeit, um irgendwo schnell ein Sandwich zu kaufen. Mit hängendem Magen suchten wir zu einer sehr untypischen Zeit, wie die besten Touristen, etwas zu Essen und fanden ein kleines Bistro, in dem man uns zwar kein richtiges Essen aber einen üppigen “Apéritivo” servieren konnte, mit Schinken und Salami, Oliven und öliger Focaccia. Passte. Der Kellner war supernett, freute sich, dass er mit uns sein Französisch wiederbeleben konnte. Es fing also doch gar nicht so schlecht an. Wir schlenderten durch die Gegend,

und besuchten den Dom St. Agata; die Heilige Agathe, die Schutzheilige von Catania, ist dort beerdigt;

irgendwie kam mir die Geschichte der Heiligen Agathe vertraut vor: Eine fromme junge Frau, die den Heiratsantrag eines heidnischen römischen Statthalters ablehnte, woraufhin er sie zunächst in ein Freudenhaus verschleppen ließ, als sie ihn dann ein paar Wochen später aber immer noch nicht wollte, ließ er sie foltern und ihr die Brüste abschneiden. Wo hatte ich das schonmal gelesen? Es fällt mir erst am nächsten Tag ein – in einem meiner eigenen Krimis nämlich. Ich habe für den 5. Kriminalroman das fiktive Dorf Ste. Agathe geschaffen und mich damals schon einmal mit der Geschichte der Heiligen Agathe beschäftigt. Die Heilige Agathe mit ihren abgeschnittenen Brüsten verfolgte uns in Catania auf Schritt und Tritt: die “minne di St. Agata”, “Nonnenbrüstchen”, eine Süßigkeit, die es in jedem Café und in der Auslage jeder Patisserie gibt. Bisschen schrecklich finde ich das. Ich schaffte es auch erst am Flughafen, eine dieser “minne” zu essen. Sehr süß irgendwie. An mehr kann ich mich nicht erinnern.

Am Abend gingen wir in das Restaurant “l’Horloge”, von dem uns der Direktor unseres letzten Hotels auf Lipari vorgeschwärmt hatte. Wie unglaublich günstig unser Hotel in Catania liegt, wird uns erst im Laufe der Zeit bewusst. Alles ist fußläufig zu machen, sogar dieses Restaurant liegt nicht sehr weit entfernt. Wir laufen durch ein paar Straßen, in denen irgendein Nachbarschaftsfest stattfindet, es ist sehr lebendig, die Straßen sind mit Lämpchen dekoriert, es gibt Streetart und das Viertel wirkt nun gar nicht mehr so düster, wie es mir anfangs schien.

Das von uns gesuchte Restaurant liegt in einer ebenfalls mit Lämpchen dekorierten Restaurantstraße, es ist laut, es ist voll, man schlängelt sich zwischen Menschen und Tischen hindurch, die überall vor und rund um die Lokale stehen (die Menschen und die Tische ;-) ). Vermutlich ist es egal, welches Restaurant man wählt. Die Menükarten sehen überall ähnlich aus und das Publikum ist überall jung, gut gelaunt und hipp.

Wir passen altermäßig nicht so ganz, werden aber total nett begrüßt und bekommen sogar, obwohl wir nicht reserviert haben, den letzten freien Tisch. Ich aß Nudeln mit Pistazienpesto, da ham wirs wieder, die Pistazien, Monsieur aß vielleicht Carbonara, ich weiß es nicht mehr ganz sicher.

Und auf dem Rückweg sah ich erstmals die allerliebste, wenn auch schon etwas ramponierte angeleuchtete Regenschirmdeko um einen Kiosk.

Am nächsten Morgen bekamen wir Frühstück auf der kleinen Dachterrasse des Hotels, die so klein ist, dass man sich ein Frühstücks-Zeitfenster buchen musste. Wir hatten ganz früh gebucht und ich daher ausreichend Zeit, über, oder besser inmitten der Dächer von Catania zwei leckere Cappuccini zu genießen.

Anschließend gingen wir zum Fischmarkt. Es war noch so früh, dass überall geputzt wurde. Am Fischmarkt dann wildes Stimmengewirr, viel Fisch, viel Blut, und nur Männer.

Dann besichtigten wir ein römisches Theater, das heute mitten in der Wohnbebauung liegt und von außen fast nicht zu erkennen ist. Auch hier wurde noch geputzt und für die im Denkmal herumliegenden Katzen schüttete der aufsichtführende Herr allen Ernstes Futter in die Vertiefung einer römischen Säule.

Wir schlenderten durch die Stadt, gingen in eine Buchhandlung und in ein paar Klamottenläden – ich war von einem Plakat angezogen, das auf ein Museum für Gegenwartskunst hinweist, aber erst mussten wir Mittagessen.

Das taten wir wieder am Fischmarkt, um den herum auch zig Restaurants liegen. Wir aßen unter bunten Regenschirmen frischesten frittierten Fisch.

Danach machte Monsieur eine Pause und ich suchte erneut das Museum und irrte nun im Straßengewirr herum.

Als ich schon fast aufgeben wollte, stand ich plötzlich davor. Ein kleines privates Kunstmuseum, das von zwei jungen und ganz reizenden Menschen geleitet wurde, wenn ich es richtig verstanden habe. Ich war sehr begeistert von der Ausstellung, die auschließlich Frauenporträts und -skulpturen zeigte, oder sagen wir, es ging um die Bandbreite zwischen Feminität und Feminismus: Verletzlichkeit, Jungfräulichkeit, Muttersein, Alter, Liebe, Sexualität aber auch sexueller Missbrauch und Gewalt, Frauen-Freundschaft, Stolz, Freiheit und Selbstbestimmtheit. Es wundert nicht, dass St. Agata auch wieder vertreten war. Ich habe nur eine kleine Auswahl der eher “heiteren” Bilder und Plastiken dokumentiert, das ist mir aber erst zuhause aufgefallen.

Es war eine erstaunliche Fülle an Kunst in diesem kleinen verwinkelten Haus, schön präsentiert, gut ausgeleuchtet. Eine echte Entdeckung! Im winzigen Museumsladen erstand ich originelle Ohrringe, die von der jungen Frau, die das Museum leitet, in einem aufwändigen Prozess aus verschiedenen Schichten Plastik geschaffen wurden. Ganz konnte ich der Erklärung nicht folgen, aber sie sind auch ein Kunstwerk, so viel habe ich verstanden, und ich liebe sie! (ich hatte auch noch ein Paar in Rot, aber da habe ich leider schon einen verloren.)

Auf dem Rückweg zum Hotel fand ich den Gatten lesend in einem Straßencafé, wir tranken noch einen Espresso und erzählten uns unsere jeweiligen Entdeckungen. Catania kam mir am Ende gar nicht mehr grau und unfreundlich vor. Am späten Nachmittag gings weiter an den Flughafen und zurück nach Hause.

Ciao Sicilia! Arrivederci!

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Lipari

Ok, machen wir das mal ein bisschen flotter heute – weniger Text dafür mehr Fotos. Lipari ist die Hauptinsel und Lipari-Stadt ist wirklich (klein-)städtisch, “was Sie hier nicht finden, finden Sie auch auf keiner anderen Insel” heißt es im Reiseführer. Während auf Stromboli etwa 400 Menschen ganzjährig leben, sind es hier etwa 10.000 und es gibt etwa 350 aktive Fischer. Zum Vergleich, zwischen Monaco (ein einziger Fischer!) und Marseille gibt es etwa 30 Fischer, und nein, ich habe keine Null vergessen.

Lipari ist natürlich trotzdem nur ein Inselchen mit ein paar Dörfern entlang der 27 Kilometer langen, die Insel umrundenden Straße, – es lohnt sich nicht wirklich, ein Auto zu mieten. Wir haben den netten französischsprachigen Taxifahrer engagiert, der uns herumfährt – natürlich macht er nicht an jedem Kieselstein Halt, wie ich es vielleicht getan hätte, auf der Suche nach dem ultimativen Fotomotiv, aber wir sehen trotzdem etwas von der Insel. Viel Meer natürlich, die benachbarte Insel Vulcano, den berühmten Aussichtspunkt mit dem “Vier-Augen”-Blick (man braucht vier Augen, um alles Schöne gleichzeitig zu sehen), leider im Gegenlicht, und ein ehemaliges Bimssteinabbaugebiet durch dessen beeindruckende weiße Schluchten wir ein bisschen stolpern.

Blick auf Vulcano

Nach der Tour lässt uns unser Chauffeur am netten kleinen Hafen Marina Corta raus, der mich vom ersten Augenblick an Venedig erinnert, vermutlich wegen dem kleinen geschwungenen Brückchen, den vielen kleinen Booten und den am Wasser gestapelten Häuschen.

Er empfiehlt uns, noch am gleichen Nachmittag auf den Schlossberg zu steigen, nicht nur wegen des Archäologischen Museums, sondern vor allem wegen des Blicks von da oben, denn am nächsten Tag würde es regnen. Das machen wir dann natürlich auch brav, trotz all der Stufen (ächz) mir sind es dann aber zu viele alte Scherben, das Museum ist in mehrere thematische gegliederte Gebäude aufgeteilt, und ich lasse den Gatten sich alleine daran berauschen. Lipari hat nicht nur eine griechischen und römische sondern bereits eine prähistorische Geschichte und Monsieur kommt irgendwann müde, aber begeistert aus dem letzten Museum heraus. Ich warte derweil, blinzele in die Sonne, fotografiere dies und das und natürlich auch schlafende Katzen.

Am nächsten Tag regnet es tatsächlich. Es stürmt und schüttet, wie auch schon auf Salina. Glücklicherweise haben wir in der Hotelbibliothek unter den zurückgelassenen Büchern Nachschub gefunden, denn ich habe Zur See nun durch, und mit Annie Ernaux’ Les Années fremdele ich nach den ersten Seiten erneut, auch wenn Monsieur es “lesbar” findet und die Lektüre ihn in seine eigenen Erinnerungen versetzt.

(Kleiner Exkurs: Ich habe Les Années, Die Jahre in der Zwischenzeit auf Deutsch gelesen, und ich verstehe, warum es mir in französischer Sprache fremdblieb: es ist so wahnsinnig französisch, voller Anspielungen, Werbetexten, Liedzeilen, so voller politischer, kultureller und gesellschaftlicher Entwicklung, so viele Namen, die mir nichts sagen, und die ich alle nachschlage, um tiefer zu verstehen, mir fehlt der Zugang zu diesen Erinnerungen, die ich nicht habe. Vieles bleibt auch in der deutschen Übersetzung unübersetzt, weil es sich eben nicht übersetzen läßt; das einzige, was ich an dieser Übersetzung von Sonja Finck, über die ich wie gesagt sehr froh und dankbar bin, weil sie mir das Buch überhaupt zugänglich gemacht hat, zu kritisieren habe, ist, dass ich an dem einen oder anderen umgangssprachlichen Ausdruck hängenblieb, von dem ich finde, dass die gewählte deutsche Entsprechung sprachlich mitunter etwas zu “jung” ist. Niemand in der Generation vor mir sagt meines Wissens “geil”, selbst ich sage es nicht, es sei denn mit ironischem Unterton. Aber das fällt vielleicht auch nur mir auf, weil ich mich beim Lesen fragte, wie wohl das ursprüngliche französische Wort gelautet hat und ich es nachlas. Egal. Die Lektüre hat mich nicht entmutigt und ich lese jetzt Eine Frau, das Buch, das Annie Ernaux über ihre Mutter schrieb, Monsieur liest in der Zwischenzeit amüsanterweise zeitgleich La place, über den Vater der Autorin. Exkurs Ende.)

Ich beginne aber an diesem Regentag den Roman von Petra Reski über die sizilianische Mafia, und auch das fühlt sich, wie auch schon der Inselroman von Dörte Hansen, absolut richtig an, es hier im Süden von Italien zu lesen. Ich sehe die Landschaft vor mir und fühle mich mittendrin. Ich spüre, dass Petra Reski weiß, von was sie schreibt und denke, vermutlich findet das alles genauso statt, auch wenn es unter dem Deckmäntelchen der Fiktion daherkommt. Die Geschichte, eine italienische Staatsanwältin, die, weil die Eltern “Gastarbeiter” in Deutschland waren, im Ruhrgebiet aufgewachsen ist, und deutsche Sprache und Kultur verinnerlicht hat, ermittelt in Palermo hartnäckig aber ziemlich erfolglos gegen die italienische Mafia und ihre Verstrickungen in Deutschland, lässt mich mit einem unguten Gefühl zurück. Ich lese über Petra Reski und abonniere ihren Newsletter; ich verstehe, dass sie ihre Recherche über die Mafia jetzt lieber als Fiktion verkauft, damit sie weniger einstweilige Verfügungen und Prozesse am Hals hat. Ich lese auch über ihren Kampf gegen den #overtourism, den Ausverkauf Venedigs, wo sie lebt. Und auch dieses Thema passt auf die Insel, durch deren niedliche Altstadtgassen sich Touristengruppen drängeln, und so auch wir, und wir finden uns mittags alle in derselben, im Reiseführer gelobten und wirklich guten, kleinen Sandwich- und Weinbar. Bei uns gab es aber Bier, Wasser und Lemon Soda, die köstliche sizilianische Variante von Bitter Lemon.

Nun, ich lebe selbst in einer touristischen Stadt, aus der ich im Sommer, so ich kann, fliehe, ich finde Reisen generell durchaus nicht unproblematisch, aber ich habe auch keine Lösung; man kann den Menschen das Reisen ja nicht verbieten. Über all das auf dieser kleinen süditalienischen Insel nachzudenken, ist durchaus passend.

Nachdem Sturm und Gewitter etwas nachgelassen haben, ziehen wir unter tief hängenden Wolken Richtung Hafen und essen dort in einem Restaurant die Hälfte der fangfrischen Variante einer Dorade, und am Nachmittag bummele ich noch einmal durch die Stadt, kaufe Kapern als Mitbringsel

und schaffe es gerade noch rechtzeitig zum rosafarbenen Sonnenuntergang an den kleinen Hafen Marina Corta, wo jetzt, nachdem die Tagestouristen weg sind, die Einheimischen über den Platz flanieren und die Älteren auf Mäuerchen sitzen und plaudern. Ich will da nicht stören und zoome das von Weitem (mit dem Handy) diskret heran, weshalb die Aufnahmen bei dem wenigen Licht so ein bisschen flau sind.

Am nächsten Tag reisen wir zurück aufs Festland und verbringen noch anderthalb Tage in Catania.

wird noch einmal fortgesetzt

Und hier noch etwas Werbung in eigener Sache:

Am Sonntag, den 13.11.2022 um 16 Uhr lese ich in den schönen Räumen des CCFA, des Centre Culturel Franco-Allemand in Nizza aus meinem Buch “Von hier bis ans Meer”. Die Lesung wurde (nicht nur) wegen Covid bereits x-Mal verschoben und findet jetzt statt! Hurrah! Kommen Sie gerne, die Lesung ist in deutscher Sprache, der Eintritt ist kostenlos; Sie müssten sich bitte nur auf der Seite des CCFA anmelden.

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Salina

So, jetzt aber endlich Salina, sonst wird das nix mehr. Ich will ja auch noch über Lipari und Catania schreiben – aber kaum waren wir zurück von unserer wahnsinnslangen Reise (9 Tage!), schwappt der Alltag schon wieder über unseren Köpfen zusammen. So was schreibe ich und denke dann, das sagt man so nicht im Deutschen, oder? Zusammenschwappen über den Köpfen. Hm. Es schwappt hinein, und irgendetwas bricht über unseren Köpfen zusammen, eine Welle? Die Welle schwappt über? Die Welle bricht? Schlägt? Ich denke hin und her und tippe es dann bei Google ein und finde nichts. Ich schreibe und lese ja fast ausschließlich auf Deutsch und dennoch entgleitet mir meine Muttersprache und geht mir das Sprachgefühl verloren, und leider ohne dass mir das französische Sprachgefühl dafür sehr viel näher kommt. Also sehr viel näher als mir Französisch derzeit ist, kommt mir die Sprache wohl nicht mehr. Klar spreche ich besser Französisch als zu Beginn meines Hierseins, aber Spracherwerb jenseits der 40 bleibt wohl limitiert. Ich denke beim Schreiben über jeden deutschen Satz, über manchen Ausdruck und über die Schreibweise von Wörtern nach. Selbst “dass” oder “das” wird zunehmend zum Problem. Ich schreibe ohnehin langsam, so wird es nicht schneller, und der Alltag schwappt, schlägt, bricht oder dominiert schon wieder und raubt mir Zeit und Energie.

Salina also, die zweite der Äolischen Inseln, die wir besuchten. Ich finde ja immer, man kann noch so viel lesen, es ist dann doch anders, zumindest anders. als ich es mir vorgestellt habe. Wir verließen Stromboli mit der Abendfähre – eigentlich hätten wir die Fähre vormittags nehmen sollen, aber das habe ich nicht richtig verstanden (so viel zur Sprachkompetenz) und so warteten wir lange mit unserem Gepäck am Anleger (“Hafen” habe ich unwissende Landratte im letzten Beitrag geschrieben, Hafen ist das keiner! Nur ein Anleger, ein grauer Betonsteg, und die Fischerboote werden nebenan auf den schwarzen Strand gezogen) auf die letzte Möglichkeit, um an diesem Tag von dieser struppigen Insel wegzukommen. Wir sehen das Kommen und Gehen neuer Inselgäste, Wanderer, Rollkofferzieher, die meisten kommen in Gruppen. Ein junges Paar stürzt sich auf den Taxifahrer (in einem Golfcart!) und fragt auf Englisch, ob er sie schnell noch zum Vulkan fahren könne. Sie diskutieren lange. Nein, sie erwarten nicht, dass er sie zum Kraterrand führe, versicherten sie, aber so nah wie möglich ran eben, um Fotos zu machen, hallo! Instagram lässt schön grüßen. Neben uns döste eine der vielen Katzen und ich finde es absolut erstaunlich wie viele vorbeilaufende Touristen diese Katze anfassen mussten. Als hätten sie noch nie eine dösende Katze gesehen. Oh! Entzückensschrei! Eine Katze! Streichel, streichel. Oh wie süß, schau mal eine Katze! Streichel, streichel, Foto. Oh! Wie niedlich diese Katze schläft! Foto, streichel, streichel. Übergriffig, denke ich und warte darauf, dass die Katze irgendwann unwillig faucht oder ihre Krallen ausfährt. Aber nein, sie ist es wohl gewohnt und nahm es klaglos hin.

Auf Stromboli war es aufgrund der Aschewolke dunkel und kühl geworden und ich suchte in meinem Koffer nach einer warmen Fleecejacke, die ich über mein Sommerkleid zog; ich wusste, dass wir auf Salina in das ein paar Kilometer entfernt liegende Dorf Malfa und zu unserem Hotel kutschiert werden würden, und erwartete ein ähnliches Gefährt wie das auf Stromboli.

Zunächst kamen wir noch bei Panarea vorbei. Die kleinste der Inseln, angeblich die schönste und daher die Millionärsinsel, beim Jetset genauso angesagt wie Portofino oder Capri. Zwei Carabinieri in einem lächerlich wirkenden wenig Autorität ausstrahlendem Golfcart (!) beobachten, wer aus der Fähre ein- und aussteigt. Sicher ist sicher. Es kursieren Gerüchte, dass eine der angesagten Bars auf der Insel den russischen Oligarchen Abramowitch mit den Worten “We are full” nicht reingelassen hätte. Und nein, Abramovitch hat dann weder die Bar noch die Insel gekauft. Vermutlich ist man dort anderweitig geschützt.

Wir erreichen Salina, ich ziehe den Reißverschluss meiner Fleecejacke hoch und suche den Anleger nach einem Golfcart ab. Aber nein, ein Mann in einem schwarzen Anzug hält dezent ein Schild mit meinem Namen hoch und führt uns zu einem silbernen Mercedes Bus. Monsieur und ich fühlen uns kurzzeitig etwas unwohl in unserem Stromboli-verwilderten Outfit. Während der Fahrt tönt leise jazzige Musik aus den Lautsprechern. Wir fahren in einem richtigen Auto über richtige Straßen. Man lässt uns an einem Gassengewirr aussteigen und wir folgen im Dunkeln dem Kofferträger. Herrjeh. Ich suche unauffällig nach einem kleinen Schein in meiner Brieftasche. “Willkommen! Endlich sind Sie da!” Wir werden überschwänglich begrüßt wie lang verschollene Freunde, sie hatten uns eigentlich schon am Vormittag erwartet. Man platziert uns auf der Terrasse, serviert uns dort etwas Wasser, während die Anmeldeformalitäten erledigt werden. Dann geleitet uns die Besitzerin zu unserem Zimmer, unter freiem, jetzt nachtdunklen Himmel stolpern wir treppab, treppauf, treppab und wieder hinauf. Die Hotelanlage ist wie ein kleines Dorf angelegt, kleine lauschige Plätze, maximal einstöckige Häuschen und alles ist maximal verwinkelt.

Wir erreichen gerade noch das Zimmer, als es zu regnen anfängt. Regen, sage ich, es schüttet. Wir entschließen uns, der Einfachheit halber, im, mit einem Stern ausgezeichneten, Restaurant des Hotels zu essen, machen uns so schick, wie wir können, ziehen unsere Regenjacken darüber und kommen dennoch komplett durchnässt an. Man nimmt unsere durchweichten Jacken mit einer höflichen Eleganz entgegen, als handele es sich um edle Pelzmäntel. Wir werden in einen, mit Antiquitäten eingerichteten, Saal geleitet und Monsieur und ich kommen an einem großen runden Tisch zu sitzen, so weit voneinander entfernt, dass wir uns nicht einmal unbemerkt etwas zuzischen können. Wir sind die einzigen Gäste, in der Ecke drängelt sich Personal à gogo. Man reicht uns höflich die Karte an. Möchten wir die Karte auf Englisch oder Italienisch? Monsieur und ich, wir haben beide verschüttete Italienischkenntnisse und einen Teller Nudeln können wir durchaus auf Italienisch bestellen. Wir nehmen also die italienische Karte und sehen uns dann von weitem verzweifelt an. Wir verstehen nichts. Nur die Preise. Die englische Karte, die wir dann erbitten, ist auch nicht viel aufschlussreicher. Es gibt natürlich Degustationsmenüs, da müsste man sich nicht zwischen all dem Unverständlichen entscheiden und bestellte nur lässig das fünf-, sieben-, oder neungängige Menü und basta. Aber das ist uns, auch finanziell, etwas zu aufwändig, wir wählen beide einen Teller Nudeln, die natürlich nicht so heißen, aber Linguine und Tortelloni können wir herauslesen.

Wasser wird gereicht, als handele es sich um einen ausgewählten Champagner. Mehrere junge Servicekräfte nähern sich dem Tisch und servieren uns zunächst einen “Willkommensgruß aus der Küche”. In einem, wie es scheint, exakt ausgezirkelten Radius werden vor uns drei Schälchen installiert. Man tritt einen Schritt zurück und erläutert uns, was wir vor uns sehen. Ein etwa (ungelogen!) ein Zentimeter großes Stück Aubergine, deren aufwändige Zubereitung sich mir leider sofort wieder entzieht, eine Scheibe einer orangefarbenen Kaktusfeige, in irgendetwas Außergewöhnlichem mariniert, das weder Monsieur noch ich verstehen, und ein kleines Stückchen Weißbrot mit drei Würfelchen Tomate darauf. Bonne dégustation!

“Können wir bitte etwas Brot bekommen”, ruft Monsieur leicht verzweifelt, der fürchtet, dass er hier heute Abend verhungern wird. Aber nein, was für ein faux pas! Man verneint höflich, das Brot käme später, die reizenden Kleinigkeiten müssten wir “pur” genießen, um den Geschmack in seiner ganzen Komplexität auskosten zu können. Hahaha. Wir sind eindeutig zu hungrig und eindeutig zu wenig kulinarisch gebildet, um der Aubergine und der Kaktusfeige, geschweige denn den Tomatenwürfelchen irgendetwas Besonderes abschmecken zu können. “Aber er hat doch gar nichts an”, denke ich, und versuche Monsieur halblaut das Märchen von “Des Kaisers neue(n) Kleider(n)” zu erzählen, was sich aufgrund des Abstands als unmöglich erweist, der Gatte ist schwerhörig und ich will in diesem Ambiente die Stimme nicht heben. Es folgen weitere Grüße aus der Küche, ein cremiges Irgendwas im Kupfertöpfchen und ein weiteres Hmhm, an das ich mich bedauerlicherweise nicht mehr erinnere, jedes Mal mit dem gleichen heiligen Ernst serviert. Aber dann kommen, unter je einer verzierten silbernen Kuppel, synchron serviert, unsere Nudeln, hurra, endlich was Richtiges zu essen, und zwei Grissini bekommen wir auch. Ich habe (eine natürlich viel kompliziertere Version von) Linguine Vongole und bin zufrieden, der Gatte, der sich mit Lamm gefüllte Tortelloni versprochen hatte, weiß nicht, was er da eigentlich isst, nach Lamm schmeckt es nicht und auch nach nichts, was wir kennen (ich probiere es natürlich). Es ist, im besten Sinne, neu und, ähm, überraschend. Wir entschließen, zusätzlich ein Dessert zu wählen – und, hurrah, die Zusammenstellung von hausgemachten Eissorten und Sorbets verstehen wir und können wir auch geschmacklich schätzen. Köstlich. Aber oh weh, wie anstrengend das alles!

So ähnlich verläuft auch das Frühstück am nächsten Morgen, man ist umwuselt von zu viel und überaufmerksamem Service, man hält es kaum aus, aber immerhin ist der Cappuccino ausgezeichnet.

Es regnet wieder und Monsieur zieht es vor, sich in dem luxuriösen Zimmer und dem bequemen Kingsize-Bett aufzuhalten und zu lesen. Ich bedaure rückblickend, dass ich mich nicht entschließen konnte, alleine die Insel zu erkunden, im Nachbardorf wurde nämlich der wundervolle Film “Il Postino – Der Postmann” gedreht, mit Massimo Troisi und Philippe Noiret in den Hauptrollen. Und so wie es aussieht, habe ich hier den gesamten Film in deutscher Sprache gefunden. Ich hoffe, Sie können ihn in Ihrem Land auch ansehen.

https://www.youtube.com/watch?v=ccXooa3Tb84

[Exkurs Stromboli]

Der Film Stromboli ist übrigens sehr beeindruckend! Ingrid Bergman hat darin allerdings keine sympathische Rolle: Am Ende des Zweiten Weltkriegs findet sich Karen in einem italienischen Internierungslager; nach Litauen (ihrem Film-Heimatland) kann (will) sie nicht zurück, zu ihrer Familie, die nach Argentinien ausgewandert ist, lässt man sie nicht reisen. Um dieser ausweglosen Situation zu entkommen, heiratet sie kurzentschlossen einen italienischen Soldaten, der um ihre Hand angehalten hat und ihr von seiner Mittelmeerinsel vorschwärmt. Als sie auf Stromboli ankommen und sie den aktiven Vulkan sieht und die drei ärmlichen Häuschen, ist sie fassungslos und wütend. Worauf hat sie sich da eingelassen? Sie, eine Tochter aus gutem Haus, modern, gebildet und frei, tut sich schwer in dieser archaischen Welt und mit ihrem ungebildeten Mann, der sich als Fischer verdingt. Sie ist unzufrieden und benimmt sich arrogant, und wird im Gegenzug von ihrer italienischen Familie und den meisten Einwohnern abgelehnt.

In dem Film wird übrigens auch eine Mattanza gezeigt, die sizilianische (gewaltsame) Art, Thunfisch zu fangen. Karen nimmt zufällig daran teil und ist so schockiert und angewidert, dass sie unter diesen “brutalen Schlächtern” definitiv nicht mehr leben will. Als sie schwanger wird, beschließt sie, die Insel zu verlassen.

Ich habe tatsächlich auch hier den gesamten Film gefunden, allerdings in der italienischen Fassung mit englischen Untertiteln.

Ingrid Bergman und Roberto Rossellini haben sich während der Dreharbeiten auf Stromboli leidenschaftlich ineinander verliebt, und lebten in dem kleinen und heute roten Haus zusammen, ein Skandal, da beide bereits verheiratet waren.

https://www.youtube.com/watch?v=xWYj9B6HR-o

[Exkurs Stromboli Ende]

Zurück zu Salina: Viel mehr sehen wir nicht von der sehr grünen Insel, die anders als Lipari, wo das Wasser mit Tankschiffen vom Festland zur Insel gebracht wird, Quellen hat. Auf der Insel wird Wein angebaut, aus dem sie einen besonderen Süßwein machen, und überall wachsen Kapernbüsche; Kapern sind überhaupt die Entdeckung für mich auf diesen Inseln. Man fragt sich, wie man bisher ohne Kapern hat leben können, denn hier isst man sie in und zu allem (Sandwiches, Salat, Pizza, Nudeln mit Kapernpesto, es gibt sogar Kapernmarmelade!); sie haben einen ganz anderen Geschmack, als den, den ich kenne, sie sind ganz mild, da sie in Salz und nicht in Essig eingelagert werden. (Vor dem Zubereiten muss man sie entsalzen!) Zu Kapern werden übrigens die unreifen Blütenknospen, die dann, ähnlich wie Oliven, vorbehandelt werden müssen, um genießbar zu sein. Die Früchte der Kapern, wenn man sie reifen lässt, heißen (im Italienischen) Cucuncu. Und die Kapernblüte, leider nicht in echt gesehen, sieht wohl wunderschön aus, sehr zart, weiß, mit rosavioletten Staubblättern.

Es regnet weiterhin viel, wir trödeln so herum, und am Nachmittag, als es aufhellt, spaziere ich ein wenig durch das verschlafene und am Hang hängende winzige Dorf Malfa,

erstehe in der Apotheke erneut Hustensaft und Aspirin,

sehe von überall das Meer, den Hafen und den einzigen Strand von oben, zu dem ich nicht absteige.

Dann gönne ich mir, im geheizten Hotelpool herumzuplantschen (um meinen tapferen Knien eine andere Bewegung zu ermöglichen), kuschele mich anschließend in den dickflauschigen Bademantel ein und lese ebenfalls im gemütlichen Bett. Am Abend essen wir im Bistro am Platz, dort ist das Essen so schlecht, dass ich meinen Teller quasi unangetastet zurückgehen lasse.

Später erfahre ich, dass die Besitzerin des Hotels in den Neunziger Jahren aus den USA zurückgekommen ist; ihre Familie war zwei Generationen früher dorthin ausgewandert. Sie aber zog es zurück, back to the roots und auf die Insel und baute das Hotel auf – in dem seinerzeit die Filmcrew von “Il postino – Der Postmann” logierte und aß. Damals kochte aber natürlich noch nicht die Tochter der Hotelbesitzerin edle Sternemenüs, sondern der Gatte zauberte aus “Nichts” üppige Köstlichkeiten. Das hätte uns vermutlich auch (und besser) gefallen.

Am nächsten Tag reisen wir weiter nach Lipari.

wird fortgesetzt

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Tetiana

Zwischen zwei Vulkaninseln ein Update zu Tetiana und ihrer Familie. Ich werde immer wieder privat gefragt, und vielleicht interessiert es Sie ja auch, wie es ihnen in der Zwischenzeit geht.

Vor einem Monat, am 18. September, sind sie abgereist. Ich weilte an diesem Wochenende in Deutschland, die Lesung, Sie erinnern sich, und habe habe mich daher am Freitagnachmittag schon verabschiedet. Ich sagte ihr, dass wir froh seien, in dieser Situation etwas für sie haben tun zu können, sie sagte tausendmal Merci und sie würde die Zeit bei uns nie vergessen, wir umarmten uns fest und weinten beide ein bisschen. Ich sei wie eine zweite Mama für sie gewesen, sagte sie. Wir versicherten uns gegenseitig, dass wir uns für immer im Herzen behalten würden. Der große M nickte und lächelte stolz, als ich ihm sagte, dass er ein toller Junge sei, wie großartig er alles gemeistert und Französisch gelernt habe, und dass es mir/uns eine Freude war, ihn und sie bei uns gehabt zu haben. Dem kleinen M ist das alles herzlich egal, er spielt ein Spiel auf dem Handy und kann es nicht unterbrechen, um sich von mir zu verabschieden.

Es gab ein paar Tage vorher noch einen Schreck, denn Tetianas Mann war überraschend krank geworden. Ich habe bis heute nicht verstanden, was er hatte, aber er hatte eine schwere Infektion und man hatte ihn umgehend ins Krankenhaus eingewiesen, wo er innerhalb von nur 24 Stunden zweimal operiert wurde. Sein Leben war wohl in Gefahr und Tetiana war, verständlicherweise, vollkommen durch den Wind. Sie wollte sofort abreisen. Mit dem Flieger. Jetzt sofort oder am nächsten Tag, es gab aber nur teure und vor allem sehr umständliche Flugverbindungen, bei denen sie mit den Kindern und Gepäck hätten umsteigen müssen, um letzten Endes ab Krakau dann doch wieder in einem Überlandbus zu sitzen. Sie harrte hier also aus bis zum 18. September, versuchte den Alltag zu überstehen und ging jeden Tag mit den Kindern stundenlang an den Strand.

Wir hätten gerne ein Aschiedsessen gemacht, wenigstens mit den Freunden aus den Bergen, wir planten hier oder da, aber es war ihr alles zu viel, sie war gedanklich abwesend und konnte sich auch nicht mehr genügend konzentrieren, um Französisch zu sprechen oder zu verstehen. Wir haben es abgeblasen und ließen sie in den letzten Tagen weitestgehend in Ruhe.

Tetiana konnte auch all das administrative Höflichkeitsgedöns nicht machen; ich ging an ihrer Stelle zum Elternabend und erklärte der Direktorin die Situation und dankte für die herzliche Aufnahme der Kinder, desaktivierte ihr Konto beim Resto du Coeur und dankte den Damen ebenso für ihre Arbeit. Man versicherte mir, dass man das Konto, falls sie zurückkämen, jederzeit ebenso unproblematisch wieder altivieren werde. Was für ein Segen! Bank- und Sécurité Sociale lassen wir momentan noch laufen – wer weiß, was noch alles passiert.

Ihr Mann blieb weiterhin im Krankenhaus. Ich folge seinem privaten Konto auf Instagram, er ist dort normalerweise sehr munter und aktiv – in dieser Zeit aber meldete sich nur einmal, er sei sehr schwach, schrieb er, und er bat seine Freunde, für ihn zu beten.

Nun, als ich aus Deutschland zurückkam, waren sie weg – ich habe zwei, drei herzschwere Tage gebraucht, bis ich unten in “mein” Büro gehen, mich umsehen, den Kühlschrank leeren und die Handtücher und Bettwäsche wieder bei uns in den Schrank integrieren konnte. Ich dachte, alles, was sie vielleicht nicht mitgenommen hätten, an die Ukraine-Hilfe weiterzugeben, aber ich war erstaunt, die Wohnung ziemlich leer vorzufinden.

Vielleicht freut es Sie, die Sie sie mit Büchern und anderem unterstützt haben, zu wissen, dass sie beinahe alles mitgenommen haben. Ich habe keine Ahnung, wie sie sich organisiert haben, sie waren seinerzeit nur mit einem Koffer angereist. Sie müssen mit mindestens drei Koffern oder Kisten zurückgereist sein. Sogar die kleinen Tretroller (dank eines Decathlon-Gutscheins erworben!) sind mit in die Ukraine gefahren (ich sehe die Jungs via kleiner Instagramfilmchen in ihrer Stadt darauf herumsausen!), ebenso der Schulranzen und meine ins Russische übersetzten Krimis, die hier erworbenen Jeansjacken für die Kinder, die Sonnenbrillen, die Golfkappen, die Sport-Trikots und die T-Shirts (Das Dinosaurier-T-Shirt hat definitv das Spiderman-T-Shirt auf der Beliebtheitsskala des kleinen M abgelöst). Mich rührt das sehr, weil ich denke, die Dinge, die wir für Tetiana und die Kinder gefunden haben, oder die sie sich, dank Ihrer Spenden und dank der Gutscheine, angeschafft haben, haben ihnen wirklich etwas bedeutet.

Was bleibt sind ein Spiderman-Ball, mein abgeliebtes Kuschelschaf, das geliehene Playmobilhaus, ein paar Bücher und Schulhefte, Zeichnungen, ein Stück bemaltes Holz in Form eines Gewehrs, eine Bastelarbeit des kleinen M, und ein großes Gemälde, das der große M zum Ferienbeginn aus der Schule mitgebracht hatte.

Ich habe in der Zwischenzeit zwei sehr liebevolle auf Französisch verfasste Nachrichten von Tetiana bekommen. Sie denke täglich an uns, schrieb sie, mit dem großen M spräche sie weiterhin ein bisschen Französisch. Und sie war gerade rechtzeitig zurück, um ihrem Mann bei der dritten (!) OP beizustehen. Zeitgleich war ihre Mutter mit Covid ins Krankenhaus eingeliefert worden. Uff!

Mann und Mutter geht es wieder besser, beide haben das Krankenhaus verlassen. Ihr Mann schrieb mir vor ein paar Tagen, dass er nie vergessen würde, was wir für seine Familie getan hätten, und dass wir, wenn “alles” vorbei sei, zu ihnen in die Ukraine kommen müssten, wir gehörten nämlich jetzt zur Familie.

Der große M ist mit seinen Schulfreunden in die weiterführende Schule gekommen. Er strahlt auf dem Foto vor der Schule so erleichtert und glücklich, ich bin sehr froh, ihn so zu sehen. Der kleine M rollert derweil vergnügt und (Schul-)unbeschwert mit dem Tretroller herum.

Tetiana, ihr Mann und ich folgen uns gegenseitig auf Instagram und schicken uns Herzchen, hin und wieder ein paar Worte. Nach den letzten russischen Angriffen, klickte ich nervös auf Instagram herum; erleichtert sehe ich Ausflugsfotos mit Mann und Hund im Herbstlaub – die Jungs posieren cool vor Graffiti, Tetiana trägt die große Sonnenbrille im von der südfranzösischen Sonne gebleichten honigblonden Haar. Tetiana Arm in Arm mit ihrem Mann. Sie sehen ernst in die Kamera, #standwithukraine posten sie.

Das tue ich und habe in diesem Zusammenhang noch etwas auf dem Herzen: Ich habe einen weiteren Kontakt in der Ukraine, Victoria, ich habe schon einmal von ihr geschrieben. Eine junge Fotografin, die ich letztes Jahr während des Stipendiums in Nürnberg kennengelernt habe. Ich hatte Victoria zu Beginn des Krieges angeboten, zu helfen, das hatte sie damals noch abgelehnt. Kurz vor dem ukrainischen Nationalfeiertag, für den man starke russische Angriffe in der Ukraine fürchtete, hat sie dann doch ihre umkämpfte Stadt Kharkiv/Charkiv verlassen. Sie ist nun in Berlin gelandet. Hatte ein paar Tage hier und da in Übergangszimmern unterkommen können, für eine gewisse Zeit kann sie jetzt bei einer deutschen Familie mitleben, aber sie sucht eine eigene kleine Wohnung. Ich weiß, Berlin ist voll, es ist auch für Deutsche nicht leicht, etwas zu finden; ich habe schon meine sämtlichen privaten Kontakte in Berlin befragt, es gab Ideen und Hinweise, aber es hat sich bislang nichts Konkretes ergeben. Victoria ist 36, Nichtraucherin, Fotografin, spricht Englisch und hat ein Budget, um eine (kleine) Wohnung zu bezahlen. Falls Sie etwas wissen oder hören sollten, würde ich mich freuen, wenn Sie sich bei mir melden. Herzlichen Dank!

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Stromboli

Auch Südfrankreichbewohner müssen mal woandershin, um den Alltag für ein paar Tage hinter sich zu lassen – wir fahren da immer gerne nach Italien. Dieses Mal sind wir nicht nur nach nebenan gehüpft, sondern etwas südlicher gereist, wirklich gereist, mit Kofferpacken und Flug und Umsteigen und Fähre bis … auf die Äolischen Inseln, die Vulkaninseln vor Sizilien. Sieben gibt es, und sie sind allesamt vulkanischen Ursprungs, Stromboli und Vulcano haben auch noch aktive Vulkane zu bieten. Wir haben drei von ihnen bereist, Stromboli, Salina und Lipari, und um es vorwegzunehmen, alle (drei) sind unterschiedlich und bieten in kurzer Zeit ein Maximum an dépaysement, wie man hier sagt, Szenenwechsel.

Wir begannen mit Stromboli und es war eine gute Wahl, weil sie, zumindest von den drei von uns besuchten Inseln, die “wildeste” ist. Sagenhaft schöne Blicke aufs Meer, weiße kleine Häuschen im Würfelstil, eine Postkarten-Idylle sozusagen –

und dreht man sich um, hauen einen die struppige Natur, der raue kleine Hafen und der aktive Vulkan um. Dass der Vulkan stets und ständig grummelt und Lava spuckt, und an unserem Abreisetag einen derartigen Ausbruch hinlegte, dass die Aschewolke die Sonne verbarg und es am helllichten Tag grau und kühl wurde, ist durchaus beeindruckend. Ein paar Tage in Folge spuckte der Stromboli nun Feuer, Lava und Asche, und sämtliche Wandertouren zu seinem Gipfel wurden untersagt. Umso mehr fuhren die kleinen Boote hinaus und auf die Rückseite der Insel – zur Sciara del Fuoco, der “Lava-Rutsche”.

Davon leben sie auf der Insel – von den Touristen, die kommen, um den Vulkan zu bestaunen und/oder zu besteigen. Wandern ist für uns nicht mehr drin, so sind wir an einem Abend mit Kapitän Pippo und seinem Ausflugs-Boot rausgefahren, und ich habe etwa eine Million eher unscharfer Handy-Fotos vom Sonnenuntergang auf dem Meer und vom Mondbeschienenen Felsen Strombolicchio gemacht, wir hörten den Vulkan grummeln, graue Wölkchen erhoben sich, habemus papam, dachte ich, alle Gedanken führen nach Rom, und hin und wieder explodierten Steine, Asche und Lava rot im Nachthimmel. Ich fand es ausreichend beeindruckend.

Am nächsten Vormittag aber spuckte der Vulkan ein bisschen mehr als üblich – die Fischer und Ausflugsboot-Kapitäne hatten dramatische Fotos auf ihren Handys, die sie uns zeigten. Heute müssten wir nochmal rausfahren!, versuchten sie uns zu überzeugen. Heute fahren wir weiter nach Salina, sagte ich. Ach Salina, winkten sie ab, was ist schon Salina, wenn der Stromboli so dramatisch aktiv ist! Wir sind trotzdem nicht noch einmal rausgefahren, wir sehen es dann im Fernsehen.

So, ich habe mit dem Ende unseres Aufenthalts auf Stromboli begonnen, aber so haben Sie gleich ein bisschen Insel gesehen. Und auch den Bürgermeister, der von Lipari, der “Hauptinsel” angereist war, und von einem Carabinieri in einem der Inselwägelchen, im Prinzip ein (elektrisches) Golfwägelchen, Golfcart heißt das offiziell, abgeholt wurde. So wurden wir auch abgeholt und eierten auf der etwa einen Kilometer langen Straße zum Hotel. Es war mir vorher nicht klar, dass Stromboli lediglich ein langgestrecktes Dorf am Fuß des Vulkans ist, im Prizip nur ein Sträßchen mit ein paar Verästelungen hat, einen winzigen Dorfkern mit Kirche, Apotheke, Tante-Emma- und einem Trekkingladen und 400 Einwohner, basta! Es gibt zwar noch einen anderen Ort, Ginostra, der lediglich aus ein paar am Hang klebenden Häuschen besteht, es gibt aber keinen Fußweg dorthin, man kann es nur mit dem Boot erreichen, und sind die Wellen zu hoch, fährt die Fähre den Ort schonmal nicht an.

Ginostra, von der Fähre aus

Für den einen Kilometer Straße und engste Sträßchen gibt es verhältnismäßig viele Golfcarts, mit denen die Hotelgäste oder wenigstens ihre Koffer abgeholt werden, und für den Transport von allem anderen dienen die kleinen Ape 50, die dreirädrigen italienischen Lieferwägelchen. Ape heißt übrigens Wespe, Biene, wie ich gerade gelernt habe. Dazwischen rauschen noch ein paar Scooter durch, die meisten sind elektrisch.

Wir waren morgens um 4 Uhr aufgestanden, von Nizza über München nach Catania geflogen, dort wurden wir abgeholt und mit einem sehr effizienten Fahrer über die Autobahn quasi zur Fähre nach Milazzo geschossen; da wir bereits Verpätung hatten und zusätzlich einer der Koffer ums Verrecken nicht übers Band rollen wollte, war alles sehr knapp, wir kamen an und das Boarding auf der Fähre hatte schon begonnen! Die Fähre, ein Hydroglisseur, mit ausgefahrenen Skien, zischte uns dynamisch weiter bis nach Stromboli. Abends liefen wir schon bei lauen Temperaturen und rosa-gelbem Licht über die Insel, hörten zum ersten Mal den Vulkan grummeln, so dass ich vor lauter Ehrfurcht nur ganz leise sprach. Und von überall sieht man aufs Meer. Ich war gleich sehr verliebt in den Leuchtturm-Felsen vor Stromboli, den Strombolicchio, den ich in den nächsten Tagen in allen Farb- und anderen Variationen fotografiere.

Wenn man nicht auf den Vulkan wandern will oder kann, bleibt, im Meer zu schwimmen. Wir haben direkten Meerzugang (mit ein paar Treppenstufen immerhin),

ich höre und sehe morgens juchzende Schwimmerinnen im Wasser, die mir fröhlich winken, und oh, wie ich sie beneide! Ich kann zu meinem großen Bedauern nicht Schwimmengehen, denn ich habe mir kurz vor der Abreise eine Bronchitis zugezogen (beim Schwimmen im saukalt gewordenen Meer!) und mein Sport ist es, in den nächsten Tagen alle Insel-Apotheken aufzusuchen und immer wieder Hustensaft, Aspirin und Kodein-Tropfen zu erwerben. Da es auf den Inseln, außer auf Lipari, keine Krankenhäuser gibt, haben die Apotheker größere Handlungsfreiheit und geben auch Medikamente ab, für die man andernorts ein Rezept bräuchte.

Die Apotheken-Katze

Ansonsten lese ich gemütlich mit Meerblick auf der Terrasse vor dem Zimmer, und alle paar Minuten hebe ich den Blick und finde das Licht noch wundervoller und muss noch ein Foto machen,

Blick vom Bett aus

und lasse mich nur von kleinen Spaziergängen ins Dorf unterbrechen, um irgendwo Essen zu gehen.

Ich lese zunächst von Dörte Hansen Zur See und finde es ausgesprochen passend, dieses Buch, das auf einer kleinen Nordeseeinsel spielt, auf einer kleinen sizilianischen Insel zu lesen. Schon wenn man nur eine Stunde am Hafen herumlungert sieht man genug Ähnlichkeiten. Bärtige Fischer und Seemänner, die barfuß herumlaufen, und manch einer, der auch mittags schon vom Alkohol rotgeränderte Augen hat und die Inselstraße entlangschlingert, gibt es auch hier. Die Fähre spuckt mehrmals am Tag sehr viele Touristen aus, die dann ratternd über den Landesteg rollkoffern, und das, obwohl die Saison schon fast zu Ende, und die meisten Häuser und manch einer der Souvenirläden schon für den Winter verrammelt sind. Wir rollkofferten ja auch und ich lese von den Personen des Buches, die das Rollkoffergeräusch auf ihrer Insel nicht mehr ertragen und die sich nur noch zu den Touristenfreien Stunden, an den “Rändern” des Tages, frühmorgens oder spätabends bewegen. Ach ja.

Zur See ist kein Feelgood-Buch, ich mag es trotzdem und lese es nur in kleinen Häppchen, um lange etwas davon zu haben. Ich habe sonst nur noch Les Années von Annie Ernaux dabei, das ich vor Jahren schon einmal nur bis zur Seite 29 geschafft habe, das Lesezeichen liegt noch drin. Ich denke, ich sollte ihr als Nobelpreisträgerin eine zweite Chance geben. Aber so richtig reizt es mich nicht.

Stromboli und die Äolischen Inseln haben eine bewegte Geschichte, mit prähistorischen Siedlungen, griechischen und römischen Kolonialisten, später Piratenüberfällen, die die Siedlungen zerstörten und die Bevölkerung als Sklaven verschleppten, und immer wieder dramatische Erdbeben und Vulkanausbrüche. Der letzte Ausbruch, der große Zerstörungen anrichtete und zu einer Auswanderungswelle in die USA führte, war 1930. Erst der Film “Stromboli” den Roberto Rossellini 1954 mit Ingrid Bergman dort gedreht hat, machte die Insel(n) bekannt und zog fürderhin Touristen an. Das Haus, in dem Ingrid Bergman während des Drehs wohnte, ist noch zu sehen. In unserem Hotel hängen Schwarz-Weiß-Fotos von den Filmaufnahmen an den Wänden. Ich habe den Film, den es anscheinend nur in italienischer Sprache gibt, bestellt und bin gespannt! (Trailer am Ende)

Ingrid-Bergmann-Haus

Wir essen in den nächsten Tagen zweimal im Restaurant “Retrovo Ingrid” mit einem noch großartigeren Meerblick, als wir ihn sowieso schon haben.

Monsieur geht an einem der nächste Tage, ganz unsolidarisch mit mir, schwimmen. Das Mittelmeer ist hier noch nicht so kalt wie bei uns zu Hause, ich gehe trotzdem nur mit den Füßen rein, ich huste noch zu viel, bin aber ziemlich stolz, weil wir bis zu einer kleinen Bucht durch Lavagestein klettern, meine Knie halten gut durch!

Ich sehe überall Wesen …

Der größte Strand der Insel, der gleichzeitig auch am wenigsten steinig ist, liegt links vom Anlegersteg. Ich finde ihn wenig einladend, aber ich weiß noch nicht, oder sagen wir, ich weiß es schon, kann es mir aber nicht vorstellen, dass die anderen Inseln keinen oder fast keinen Strand haben, und wenn, dann ist der Weg dorthin lang und steil und damit für mich nicht machbar, und der Strand dann unbequem grobsteinig. Insofern gelten die schwarzen und beinahe sandigen schwarzen Strände von Stromboli als “besonders schön”.

Irriterend find ich die Hinweisschilder auf Fluchtwege bei Tsunamigefahr. Könnte ich im Zweifelsfall wirklich so schnell weg und bergauf fliehen? Und renne ich dann nicht dem Vulkanausbruch entgegen?

So viele Kontraste und gleichzeitig so viel Befremdliches auf so wenig Insel rütteln einen, selbst, wenn man den Vulkan nicht besteigt, aus seinem Alltag.
Zum Abschluss von Stromboli den Blick von der Frühstücksterrasse.

Und hier der Trailer zu Stromboli, Terra di Dio.

wird fortgesetzt …

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Malpasset

Vielleicht haben Sie es schon gesehen, Hilke Maunder hat auf ihrem Blog einen Text meines Mannes Thierry Cazon, Ihnen eher als “Monsieur” bekannt, veröffentlicht. In der Serie “Mein Frankreich” gibt Hilke auf ihrem Blog anderen Menschen Raum zu erzählen: in der Regel erzählen sie, wie sie Frankreich entdeckten oder welches Ereignis ihre Liebe zu Frankreich begründet hat. Thierry ist Franzose, er musste Frankreich nicht entdecken, aber er erzählt von einem Ereignis, das sein Leben geprägt hat: Der Staudammbruch von Malpasset.

Das Thema kommt Ihnen bekannt vor? Kein Wunder, ich habe die Geschichte des Staudammbruchs, basierend auf den Nachforschungen von Thierry, für meinem letzten Kriminalroman “Verhängnisvolle Lügen an der Côte d’Azur” verwendet.

Wenn Thierry sich nicht seit fast zehn Jahren so an diesem Thema festgebissen hätte, wäre dieser Roman nicht entstanden. Ihn hat die Arte Dokumentation vom 22. Januar 2013, die sich eigentlich um die schwierige deutsch-französische Annäherung drehte, und in der, quasi in einem Nebensatz, gesagt wurde, dass der Staudammbruch von Malpasset, den er als Vierzehnjähriger miterlebt hat, und der in Frankreich bis heute als tragisches Unglück gilt, in Wahrheit ein terroristisches Attentat gewesen sei, aufgerüttelt und schockiert.

Seit dieser Zeit wollte ich die Überreste des Staudamms, heute eine Gedenkort unter freiem Himmel, besuchen. Einmal konnten wir nicht bis an den Ort vordringen, da die Zufahrtsstraße vom wieder frei fließenden Flüsschen Reyran nach ein paar Regentagen geflutet war, dann war Covid und das Herumfahren war nicht erlaubt, aber Anfang letzten Jahres, als klar war, ich werden den Krimi darüber schreiben, ließen wir uns auch von der erneut gefluteten Zufahrtsstraße nicht mehr abhalten und zischten mit unserem Mini-Auto, das somit eine unfreiwillige Unterbodenwäsche bekam, mutig durch die Furt, um den Gedenkort Malpasset zu erkunden.

Beginn des Rundwegs

Es ist interessant, zu erwähnen, dass es, solange ich an meinem Kriminalroman arbeitete, stets dieselben kleinen Videos und Zeitungs- und andere Artikel im Internet gab, alles in allem nicht mehr als eine Handvoll deutscher und ein paar mehr französischer Quellen.

Nachdem Thierry seinen Text an ein paar Menschen in seinem Umfeld gesandt hatte, explodierten quasi über Nacht die Beiträge im Internet und “ertränkten” somit die Domain(s) die Thierry kreiert hatte. Gerade habe ich erneut probehalber “Malpasset” bei Google eingegeben, das mir heute erstaunliche 280.000 Einträge findet! 280.000, stellen Sie sich das mal vor! Darunter, und stets an prominenter Stelle ein Beitrag von France Météo, dem französischen Wetterdienst, der eine Seite “pluiesextremes” (extremer Regen) geschaffen hat, die einen Experten zitiert, der Malpasset als Beispiel für einen Staudammbruch aufgrund starken Regens aufführt. Alle anderen der angeblich alten, aber im Prinzip neuen zweihundertachtzigtausend Beiträge, Sie denken sich das, verteidigen (in zum Teil für den Laien unverständlichen technischen Veröffentlichungen) ebenso die These des Unglücks. Natürlich liest (überfliegt) man nur die ersten zehn oder zwanzig Texte oder sieht ein paar Videos, dann gibt man es auf. Malpasset war ein Unglück. Sagen doch alle.

Wenn Sie uns helfen wollen Thierrys Domains wieder aus den Fluten der anderen Artikel zu fischen und sichtbar zu machen, dann klicken Sie gerne hier (Text deutsch) oder hier (Text englisch) oder hier (Text französisch).

Gerade habe ich in Massen bei Unna unter anderem aus ebendiesem Krimi (“Verhängnisvolle Lügen …”) gelesen; das Thema des Staudammbruchs berührte die Menschen dort vielleicht mehr als an anderen Orten, denn Unna hat vor fast 80 Jahren seinen eigenen Staudammbruch erlebt. Die nahe liegende Möhnetalsperre wurde, ebenso wie die Edertalsperre, in der Nacht vom 16. zum 17. Mai 1943 von der britischen Luftwaffe während der “Operation Chastise” (meint “Züchtigung”) bombardiert, und riesige Flutwellen zerstörten die umliegenden Orte. Brücken, Viadukte, Häuser wurden von der Wucht des Wassers davongespült, mehr als tausend Menschen ertranken. Darunter, und das ist besonders tragisch, über 700 französische und ukrainische Zwangsarbeiterinnen, die in der dort ansässigen Rüstungsindustrie arbeiten mussten, und die in einem Lager unterhalb der Möhnetalsperre, eingesperrt waren. Fast keine von ihnen hat überlebt.

Das Buchhändlerehepaar hatte für mich einen Ausflug dorthin organisiert, da sich aber aufgrund des verspäteten Fluges alles verzögerte, sah ich die wieder aufgebaute und intakte Möhnetalsperre nur beeindruckend groß und düster und, aufgrund neuer Energiesparmaßnahmen, beinahe unbeleuchtet in der Nacht. Wir liefen durch Wind und Wetter über den Damm. Aber den riesigen Stausee, der in der Gegend als “kleines Meer” bezeichnet wird, und an dessen Ufer wir entlangfuhren, konnte ich nur erahnen.

Zum Abschied schenkte man mir ein Buch (alle Anwesenden haben es mir signiert!): “Nachtauge” (von Titus Müller), der die tragische Geschichte der Bombardierung der Möhnetalsperre in einen fesselnden Roman gepackt hat. “Nachtauge”, das denken Sie sich, ist derzeit meine Bettlektüre. Es ist sehr spannend, zwei Handlungsstränge werden nebeneinander erzählt und stoßen schließlich aufeinander, – einmal der, um die kaltblütige deutsche Spionin “Nachtauge”, die mit allen Mitteln versucht, etwas über die ultra-geheimgehaltene “Operation Chastise” (die Bombardierung der Möhnetalsperre) in Erfahrung zu bringen, sowie der, um die ukrainische Zwangsarbeiterin Nadjeschka, die mit anderen russischen und ukrainischen jungen Frauen in der Munitionsfabrik in Neheim Schwerarbeit leistet. Gerade bin ich lesend an der Stelle angelangt, wo die Möhnetalsperre bombardiert wurde und die Flutwelle das unterhalb liegende Städtchen Neheim erreicht. Dass ich selbst gerade vor Ort war, macht mir die Lektüre noch eindringlicher.

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Über das Schwimmen

Gerade habe ich Journelles Instagram-Schwimm-Account #schwimmschön durchgesehen und alle Beiträge der Gesellschaft für schönes Schwimmen, einer Facebookgruppe, der ich angehöre – ich wollte gerne einen Beitrag nachlesen, nämlich den, in dem Journelle im Londoner Ladies’ Pond, einem kleinen Naturbadesee, schwimmen geht, und zwar, meiner Erinnerung nach, mitten im Winter. Ich habe den Text und die Bilder leider nicht mehr gefunden, vielleicht war es auf ihrem Blog – der jetzt geschlossen ist.

Die unter Ihnen, die sie kannten, wissen es schon, Journelle ist vor kurzem plötzlich gestorben. Manche haben etwas geschrieben. Smilla hat einen liebevollen und einfühlsamen Nachruf verfasst, der Journelles Liebe zum Schwimmen in den Mittelpunkt stellt. Ich wollte dem eigentlich Nichts hinzufügen, denn ich kannte Journelle nicht persönlich. Aber ich denke in den letzten Tagen so viel an sie. Jedes Mal, wenn ich schwimmen gehe, ist sie präsent.

Journelle hat einmal einen Vortrag gehalten mit dem bizarren Titel “Das Internet hat mich dick gemacht!” – da geht es um weibliche Vorbilder und darum, wie gut es tut, in den Medien selbstbewusste dicke Frauen zu sehen. Dicke Frauen, die sich in ihrem Körper wohlfühlen, die Sport machen, Mode präsentieren oder einfach nur “da” sind. Sie verstehen schon, es ist nicht das Ziel dick zu werden, aber es geht darum, es sein zu dürfen und als dicke Frau ohne Scham sichtbar zu sein.

Mich haben die Bilder von Journelle, die sich manchmal fast kämpferisch stolz im Badeanzug zeigte, seinerzeit ermutigt, meinen Körper nach Jahrzehnten des Versteckens in viel schwarzem Stoff, im Bikini am Strand zu zeigen. Allerdings habe ich den entsprechenden Text auf meinem Blog nur ganz kurz geschaltet, und ihm kein Foto beigegeben, so verschämt war ich noch. In der Zwischenzeit weiß ich schon gar nicht mehr, wie unwohl ich mich gefühlt habe, so normal und befreit bewege ich mich jetzt. Das Internet hat mich, auch Dank Journelle, schambefreit.

In der Gesellschaft für schönes Schwimmen, in die ich aus Bewunderung und Respekt für Journelle eingetreten bin, und weil sie mit ihrer Wasser- und Schwimmliebe etwas in mir zum Klingen gebracht hat, fühlte ich mich dennoch die meiste Zeit fehl am Platz. Ich bin zwar bekennende Baggersee- und Kiesgrubenliebhaberin und verbrachte in einem früheren Leben viel Zeit im wundervollen Naturfreibad Woog in Darmstadt, und lebe jetzt mit dem Meer quasi vor der Haustür, kann aber nicht wirklich gut schwimmen, habe es trotz Schwimmunterricht in der Schule (mit rabiaten Sportlehrern, die einen grob kopfüber ins Wasser geworfen haben) auch nicht wirklich gelernt, und schwimme daher auch nicht so leidenschaftlich gerne wie all die anderen, die in dieser Gruppe Mitglied sind, aber dennoch rührten die dort veröffentlichten begeisterten Schwimmberichte und die Fotos von Seen und Bädern etwas in mir an. Eine Zeitlang stellte Dirk (nicht nur Berliner) Schwimmbäder vor. Großartige Serie!

Seit Mai schwimme ich nun aus gesundheitlichen Gründen (fast) jeden Tag im Meer, mit Flossen, um meine Beinmuskulatur zu trainieren, die die fragilen und schmerzenden Knie halten soll. Anfangs bin ich mit den Flossen und dem Schwimmbrett fast abgesoffen, so wenig wussten meine Beine und Muskeln, was sie tun sollten. Ich strampelte trotzdem tapfer durchs Wasser. Sie wissen es, ich bin sehr kurzsichtig und trage eine Brille – mit der ich lange Zeit verkrampft und hoch erhobenen Hauptes schwamm, nur nicht die Brille verlieren, schwimme ich hingegen ohne, bin ich verloren. Die Angst vor dem Wasser und insbesondere die, mit dem Kopf unter Wasser zu gehen, hängt sicherlich damit zusammen. Ich weiß nicht, wann sich diese Angst eingeschlichen hat, aber sie ist seit langer Zeit da.

Immerhin besorgte ich mir Einmal-Kontaktlinsen, sie sind nicht an meine Augen angepasst (das wäre viel zu teuer), aber ich sehe damit annähernd alles und fühle mich im Wasser nun freier. Eine Schwimmbrille erstand ich auch und ich versuchte damit mutig, eine Ausatmung lang, den Kopf unter Wasser zu halten – das erste, was ich dabei sah, war ein kleiner Schwarm silbriger Fischchen, die um meine Füße herumschwammen! Ich war darüber so beglückt, dass ich von nun an den Kopf immer wieder unter Wasser stecke. Ich bin so stolz, das hingekriegt zu haben! Ich kann in der Zwischenzeit auch entspannt bäuchlings schwimmen und locker mit den Füßen paddeln, und habe seit neuestem ein Paar richtiger (kurzer) Sportflossen.

Ausgebremst wurde ich in diesem Sommer nur hin und wieder von Feuerquallen, von zu viel Wind und damit zu hohen Wellen und manchem Bergaufenthalt. Seitdem die Quallen weitestgehend abgewandert sind, bei Ostwind werden sie tatsächlich immer noch und wieder vermehrt angetrieben, schwimme ich jetzt auch weitere Strecken. Also weit ist relativ, ich schwimme bis zur Boje, die den Schwimmbereich im Meer signalisiert, das sind etwa 350 Meter, dann biege ich nach rechts oder links ab, wenn irgendwo ein Fischer arbeitet oder ein Fischnetz signalisiert ist, nehme ich die andere Richtung. Andere SchwimmerInnen wählen in der Regel jetzt die Richtung gegen den Strom, damit das Schwimmen auf dem Rückweg, wenn man schon müde ist, mit dem Strom leichter wird. Mir ist das egal, ich schwimme nur zwei Bojen weit. Und dann eben alles wieder zurück. Das ist eine Schwimmstrecke von etwa einem Kilometer. Das ist vielleicht nicht viel, ich schwimme sie aber erstens täglich und zweitens entspannt und darauf bin ich ziemlich stolz! Für mich ist es auch ausreichend, um danach meinen Körper zu spüren, aber ohne für den Rest des Tages erschöpft zu sein.

Schwamm ich anfangs nur aus “Vernunftsgründen” wegen der Knie, was übrigens wirklich funktioniert, weshalb ich “dranblieb”, so fing ich langsam an, das Schwimmen wirklich zu lieben. Morgens, noch vor dem Frühstück und leicht unausgeschlafen, gehe ich los und beginne den Tag im Meer. Kann es etwas großartigeres geben?

Zwischen Möwe und Fischer

Das Meer aber beeindruckt mich auch. Jetzt im Herbst, wenn es windig ist, ist es sehr bewegt. Am Montag früh hingen die schwarzgrauen Wolken vom verregneten Wochenende noch tief und ich war erstmals ganz alleine am Strand. Wirklich ganz alleine – auch im Meer. Ich schwamm meine Strecke, aber erstmals habe ich mich nicht so richtig wohl gefühlt. Daher habe mich einer losen Schwimmgruppe angeschlossen, eine andere “Gesellschaft für schönes Schwimmen”, wenn man so will: alles erfahrene Schwimmer und Schwimmerinnen, die sich täglich treffen und dann zwischen zwei und drei Kilometer schwimmen. Auch im Winter! Anfang der Saison habe ich sie schon einmal aufgesucht, mich damals aber noch nicht getraut, mit ihnen schwimmen zu gehen. Jetzt werde ich es tun! Ich will weiterhin jeden Tag im Meer schwimmen, vielleicht auch den ganzen Winter über (so das Wetter es zulässt). Ich freue mich so!

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Eine Lesung!

Ich bin noch ganz erfüllt von meinem Lese-Sonntag in Unna-Massen! Der Saal war voll und das trotz Regenwetter und Stau auf der Autobahn! Viele Menschen “von außerhalb” hätten sich angemeldet, teilte mir der Buchhändler mit, er hatte Zweifel, ob die bei dem schlechten Wetter (wenn man den Regen, auf den wir alle so lange gewartet haben, schon gleich wieder als “schlechtes Wetter” bezeichnen will) wirklich kämen. Aber ja, sie kamen alle und haben die weite Anfahrt von Wuppertal und Köln und von ichweißnichtwoher nicht gescheut! Von ganzem Herzen Dank dafür, ich habe mich sehr gefreut, treue Leser und Leserinnen kennenzulernen, die seinerzeit sogar bis nach Châteauneuf gereist waren und mich dort aber knapp verpasst haben. Dieses Mal hat es geklappt! Es hat mich ebenso wahnsinnig gefreut, überraschend angereiste Freundinnen (und Ex-Kolleginnen) in die Arme zu schließen! Und ich habe mich über alle anderen Leser- und Leserinnen gefreut! Wie toll, dass Sie da waren!

Dabei fing es gar nicht gut an. Monsieur fuhr mich am Samstag in aller Frühe an den Flughafen. Die Sicherheitskontrolle dauert nicht allzu lang, ich habe genug Zeit zu frühstücken, denke ich zumindest, aber die Warteschlange für den Kaffee ist schier unendlich. Ich schütte den Kaffee in mich hinein, esse nur das halbe Sandwich und stehe erneut unendlich lange an der Toilette an. Dann soll schon gleich das Boarding beginnen, das Flugzeug ist da, die Menschen stehen bereits an, aber nichts passiert. Wir warten. Ich erhalte alle paar Minuten eine Nachricht auf meinem Handy, dass sich das Boarding verzögere, als merkte ich das nicht auch so. Ein Mitarbeiter der Flugcrew benötige medizinische Hilfe dringt irgendwann zu uns durch. Ich hoffe, es ist nicht der Kapitän, scherze ich mit einer Dame, die das offenbar nicht witzig findet. Wir warten. Dann schreit eine deutlich überforderte Bodenstewardess (keine Ahnung, ob man das noch so nennt) in Französisch und unverständlichem Englisch, dass sie nur ihren Job mache und es gebe eben Regeln und sie könne auch nichts dafür. So richtig verstehen wir nicht, was los ist, aber nun erscheint der deutsche Kapitän und erklärt auf Deutsch, dass auf dem Hinflug aufgrund der Turbulenzen eine Flugbegleiterin gestürzt sei und sich verletzt habe. Sie habe sich einen Zahn ausgeschlagen, habe starke Blutungen und musste zunächst verarztet werden. Es gehe ihr besser, aber sie könne nicht mehr auf dem Rückflug eingesetzt werden. Man habe also nur noch zwei FlugbegleiterInnen, die Regel besage, dass das Flugzeug dann nur mit 100 Passagieren besetzt sein dürfe. Wir seien 150. Man suche, verspricht er, für die 50 Passagiere, die nicht mitkämen, eine Lösung noch am gleichen Tag. Aufruhr in der wartenden Menge. Manche Passagiere hatten schon am Vorabend das Vergnügen, dass ihr Flug annuliert worden war. Wie werden die Passagiere, die ins Flugzeug dürfen, ausgewählt, fragen wir uns. Werden die ausgelost? Nun, zunächst dürfen die Businessclass-Passagiere hinein, dann Familien mit Kindern, davon gibt es mehrere, dann ältere Menschen, auch ein Paar mit einem Hund ist dabei. Ich erkläre drei Franzosen, die sich von hinten durchgeschlagen, aber den Kapitän nicht verstanden haben, auf Französisch den Sachverhalt. “Wir müssen mitfliegen”, sagen sie entschieden, “wir arbeiten morgen!” Ich sehe, wie sie sich nach vorne durcharbeiten, die Dame am Schalter scannt ihre Bordkarte und die drei Franzosen verschwinden im Gang zum Flieger. Hallo! Ich arbeite auch morgen! Ich habe eine Veranstaltung! Ich drängele mich jetzt also auch nach vorne durch, etwas, was ich nicht richtig kann und auch nicht mag. In Frankreich stehe ich oft als erste irgendwo an und komme, weil ich nicht drängeln mag, als letzte rein. Franzosen stehen keinesfalls so diszipliniert in einer Schlange, wie wir es gerade in England gesehen haben, und sie sind irgendwie gewieft im Vorfrängeln, das aber nur am Rande. Ich erreiche den Schalter. Vor mir stehen noch drei Personen, als die Bodenstewardess sagt “nur noch eine Person!” Mir wird heiß. Ich sehe die Lesung ausfallen, all die Menschen die kommen wollten! Der Buchhändler, der so viel vorbereitet und geplant hat, mit Musik und Kaffee, Crepes und Kuchen. Ich bleibe trotzdem stehen. Die Bodenstewardess überprüft die Liste. Lange. Sie diskutiert mit einer hinzugekommenen Kollegin. Es ist unklar, wieviele Personen noch rein dürfen. Drei? Fünf? Zwei Businessclass-Passagiere haben sich verspätet und werden ausgerufen. Sie kommen abgehetzt von irgendwoher und ziehen an uns vorbei. Die junge Frau direkt vor mir ist eine Stand-by-Fliegerin und steht nicht auf der Liste, während sie mit der abgekämpften Stewardess verhandelt, nimmt die neu hinzugekommene Kollegin mein Handy, scannt wortlos meine Bordkarte und scheucht mich ins Flugzeug, den Mann hinter mir auch. Schluss.

Uff! Ich sitze im Flugzeug, aufgrund der Umstände allein in einer Reihe und habe ausnahmsweise einen Fensterplatz. Hinter mir sitzt das Ehepaar mit dem Hund. Ich rufe den Buchhändler an, sage dass wir uns verspäten. Es geht aber nicht los, im Gegenteil, es rumpelt unter mir. Der Kapitän informiert uns, dass das Gepäck der Menschen, die nicht mitfliegen, wieder ausgeladen werden muss. Ich sehe aus dem Fenster wie sich zwei Männer mit einer Liste in der Hand mühsam durch die auf dem Rollfeld herumstehenden Koffer wühlen und die suchen, die dableiben. Ich nehme mir vor, für die nächste Reise ordentliche Kofferetiketten anzuschaffen. Dieses Mal bin ich nicht betroffen, ich habe nur ein winziges Handgepäckstück bei mir. Das mit den Koffern dauert gut anderthalb Stunden. Der Kapitän läuft durchs Flugzeug und checkt die Stimmung, hier und da scherzt er auch: “Sorgen müssen Sie sich erst machen, wenn Sie sehen, dass ich das Flugzeug verlasse”. Das Ehepaar hinter mir rechnet aus, seit wann der Hund in der Tasche sitzt und wie lange er es problemlos aushalten kann.

Zack, die Klappe unter mir wird geschlossen. Es geht los. Die beiden verbleibenden Flugbegleiterinnen beginnen mit der Sicherheitunterweisung. Ich schaue ausnahmsweise zu. Es geht aber doch nicht los. Der Kapitän informiert uns, dass aufgrund des schlechten Wetters im Rest von Europa (in Nizza ist bestes Wetter) nur wenige Flugzeuge von der Flugsicherung die Erlaubnis erhalten zu starten. Wir sind nicht dabei. Manche Eltern laufen mit ihren ungeduldigen Kleinkindern durch das Flugzeug. Andere wechseln weinenden Babys die Windeln. Ich schicke dem Buchhändler, der mich in Unna abholen wollte, eine SMS.

Vor ein paar Tagen habe ich in einem Beitrag auf Instagram die “5 Tipps einer Flugebegleiterin” gelesen. Einer der Tipps war, immer einen Snack dabeizuhaben, denn “you never know” … warum auch immer ich genau diesen Tipp dieses Mal beherzigt habe, ich weiß es nicht, aber ich habe noch ein halbes Sandwich, hatte zusätzlich Kekse, Wasser und ein kleines Fläschchen Orangensaft gekauft. Das hilft in den folgenden Stunden, denn es gibt nix, absolut nix zu essen oder zu trinken, weder jetzt und schon gar nicht später, als wir durch die Turbulenzen hüpfen, denn ja, irgendwann fliegen wir dann doch los. Aber der Kapitän, der schon eine verletzte Stewardess zu beklagen hat, untersagt, dass die beiden Verbleibenden durchs Flugzeug laufen und was auch immer servieren.

Es geht los

Außerdem habe ich ein Buch dabei, das ich beim letzten Deutschlandaufenthalt in einem fast neuen Zustand aus einer der Ex-Telefonzellen-Tausch-Bibliotheken mitgenommen habe. Mariana Leky “Was man von hier aus sehen kann”. Ich schaue, was ich von meinem Bullauge in Reihe 18 aus sehen kann. Ein bisschen Flugzeugflügel und grauen Betonboden. Das Buch passt. Auf dem Vorsatzpapier hat ein Mann seine Handynummer hinterlassen, für die Frau, die einen “richtigen Mann” suche. Er gibt seine Maße mit an. Ob sowas funktioniert? Ich rufe ihn nicht an. Aber ich liebe das Buch, von dem ich zwei Drittel auf dem Hinflug (und später im Zug) lese, das letzte Drittel auf dem Rückflug.

Durchs Ruhrgebiet

Ich komme an, auch der Zug hat noch ein bisschen Verspätung aufgrund außerplanmäßiger Halts, aber ich komme an, ich werde abgeholt und von da an ist alles gut. Das Buchhändlerpaar ist reizend, ich werde rundumversorgt, mit Essen, Schokoladentorte, sogar mit warmer Kleidung, denn ich habe viel zu leichte Kleidung an und dabei. Auf die plötzlichen 12 Grad in Deutschland konnte ich mich bei warmen 26 Grad in Cannes nicht richtig einstellen.

Ich habe noch nie bei einer Veranstaltung gelesen, wo alles so liebevoll gestaltet war. In einem Gemeindesaal sind die Tische für Kaffee und Kuchen gedeckt, mit Blumen, rot-weiß-blauen Servietten, selbst gestalteten Karten mit Fotos von Cannes und der Côte d’Azur. Es gibt Crêpes und Kuchen, später salzige tartes, Crémant und Mineralwasser, das Eau la la heißt.

Eau la la

Eine Sängerin mit ihrer kleinen Band singt französische Chansons, ich lese, ich signiere, plaudere und mache Selfies mit LeserInnen. Es war sehr schön! Herzlichen Dank an Klaus Steinlage, Irmtraud Schega und allen Helfern und Helferinnen, und herzlichen Dank Ihnen allen, die da waren!

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Das 2. DEFA-Festival in Cannes

Es war toll! Wir sollten mehr dieser Veranstaltungen machen, bat uns der derzeitige Kinobetreiber des Olympia in Cannes, denn bei den von uns gezeigten Filmen, obwohl sie nicht einmal plakatiert waren, d.h. es war eine reine Insider-Veranstaltung, Geheimtipp sozusagen, waren die Säle voller als bei anderen Filmen, die derzeit im Kino laufen. Das muss man erstmal schaffen, an einem sonnigen Sonntagmorgen um halb elf 50 Leute für einen alten unbekannten Schwarz-Weiß-Film ins Kino zu bekommen. Der Saal war halbvoll, ja, stimmt, beim letzten Defa-Festival waren wir doppelt so viele, aber damals stand das Festival im Kontext 30 Jahre Mauerfall und allüberall sprach man von der DDR. Jetzt musste sich unser kleines Festival gegen x andere Veranstaltungen, darunter das riesige Yacht-Festival in Cannes und gegen unzählige TV-Dokumentationen zum Tode von Queen Elizabeth II durchsetzen. Und nach zwei Jahren Covid gehen die Menschen deutlich weniger ins Kino, meiden Veranstaltungen in geschlossenen Räumen generell. Wenn man all das berücksichtigt, dann war dieses kleine Festival ein großer Erfolg!

Ich meckere oft über Cannes, aber dieses Mal bin ich stolz, denn eines ist sicher, Cannes hat ein cinephiles, Film-erfahrenes und auch an außergewöhnlichen Filmen interessiertes Publikum.

Die DEFA-Filme sind außergewöhnlich, man konsumiert sie nicht einfach so, und sie bleiben im Gedächtnis hängen. Allerdings, das wissen Sie noch vom letzte Mal, muss man, um sie wirklich zu verstehen, etwas von der Geschichte der DDR allgemein und von den Umständen im besonderen wissen. Glücklicherweise hatte uns Franka Günther, die ehemalige Leiterin des Institut Francais in Erfurt, auf deren Idee und Betreiben die DEFA-Filmfestivals in Cannes überhaupt entstanden sind, und die zusammen mit dem Goethe-Institut und Serge Basilewsky, dem Vereinspräsidenten von Cinécroisette, nicht nur die Filmauswahl mitgestaltet, sondern uns auch den sympathischen und kompetenten Wieland Koch von der DEFA-Stiftung mitgebracht hat, der uns über die Filme, die Regisseure und Schauspieler und vor allem über die Einordnung der Filme in die Geschichte der DDR, erhellte.

Und dennoch. Ich sagte es vorgestern schon, nachdem ich Konrad Wolfs Film “Der geteilte Himmel” (nach einem Roman von Christa Wolf, nicht verwandt mit dem Regisseur, und übrigens überall falsch übersetzt in “Le ciel partagé”, anstelle von “Le ciel divisé”) gesehen hatte: Ich bin Deutsche, ich kenne unsere deutsche zweigeteilte Geschichte (die der DDR zumindest etwas), ich sehe einen deutschen Film, die Schauspieler sprechen deutsch, und ich habe den Eindruck, ich verstehe nichts oder zumindest nicht alles. Die Art, wie die Menschen in den Filmen miteinander sprechen, was sie sagen, beibt mir fremd. Jedes Wort, jeder Satz, jedes Zitat ist spürbar bewusst gewählt und hat, so scheint es mir, eine tiefere Bedeutung, spielt auf etwas an, was sich mir entzieht. Der Film ist groß und großartig! Die expressionistische Bildsprache (Licht, Schatten, Regen) ist beeindruckend, ebenso der Kontrast der proletarischen Arbeitswelt in einem Waggonwerk und der Hochschule, zwischen denen die Heldin Rita pendelt. Und er spielt vor dem Hintergrund des durch eine Mauer geteilten Deutschlands (damals also ein aktueller Gegenwartsfilm!), ohne die Mauer je zu zeigen! Es passiert so viel in diesem Film, jenseits der Liebesgeschichte zwischen der jungen Rita und dem Chemiker Manfred, die letzten Endes zerbricht. Manfred kommt von einem Kongress im Westen nicht zurück; Rita aber bleibt im Osten, denn, ich zitiere hier nur aus dem Gedächtnis “bei der zukünftigen Gestaltung des Landes kommt es auf jeden einzelnen von uns an”. Ich müsste ihn noch mehrfach sehen, um alles darin zu erfassen, etwa die Diskussionen unter den Arbeitern und die zwischen Manfred und Rita, die Details in den gezeigten Räumen! die Bilder an der Wand, die Musik, die aus dem Radio schallt und die Vinyl-Platten, die aufgelegt werden) und alles zu begreifen, wie etwa die Kritik an den “Normen”: Wieviele Fenster kann man an einem Tag in einen Zugwaggon einbauen? Die Brigade, der Rita zugeteilt wird, schafft zwei Fenster mehr als vorgegeben. Ein heikles Thema vor dem Hintergrund der Arbeiteraufstände von 1953, wo man seinerzeit wegen ebendieser Normerhöhungen (und Verschlechterung der Arbeitsbedingungen) auf die Straße ging, ein Aufstand, der von sowjetischer Seite niedergeschlagen wurde und der (kleine Info für die eventuell jüngeren LeserInnen unter Ihnen), zu unserem vormaligen Tag der deutschen Einheit am 17. Juni geführt hat.

Der Film bekam viel verdienten Applaus!

Nachmittags sahen wir in einem kleinen und fast noch nagelneuen Vorstadtkino “Jadup und Boel” – einen Film aus den achtziger Jahren gedreht von Rainer Simon, einem Schüler von Konrad Wolf; Rainer Simon war ein kritischer Geist, dem man schon den ersten Film, den er drehen wollte (über eine rebellische Jugend), nicht erlaubte; stattdessen wurde er beauftragt Märchenfilme für die Defa drehen. Dass man ihm später dennoch “Jadup und Boel” drehen ließ, hatte auch damit zu tun, dass man ihn, der immerhin ein begabter Regisseur war, im Land halten und “sinnvoll” beschäftigen wollte.

Jadup, der Bürgermeister einer kleinen Stadt, weiht ein Kaufhaus ein, als direkt daneben ein altes Haus einbricht. Ein angereister “Historiker” (der im Prinzip Flohmarkthändler ist und den Leuten alte Schätzchen abschwatzt, die er in Berlin teuer weiterverkaufen will) mit dem sprechenden Namen “Gwissen” (amüsanterweise gespielt vom (bereits verstorbenen) Michael Gwisdek), findet in den Trümmern des Hauses ein Buch, dass der Bürgermeister als junger Mann kurz nach dem Krieg dem “Flüchtlingsmädchen” mit dem “komischen Namen” Boel gewidmet hatte. Boel war damals aus dem Dorf verschwunden, man munkelt, dass sie vergewaltigt worden sei. Es wurde nie geklärt, was wirklich geschehen war. Mit dem gefundenen Buch lebt die Erinnerung an Boel wieder auf. Der Kleinstadtklatsch geht los. Hat der Bürgermeister sich etwas vorzuwerfen?

Mich hat der Film bedrückt, nicht nur wegen der realistischen Darstellung der armseligen 80er Jahre Kleinstadt-Piefigkeit, die mich so trifft, weil sie mich an meine eigene 70er/80er Jahre West-Jugendzeit erinnert. So weit waren wir nicht davon entfernt. Vor dem Haus standen dieselben verdellerten verzinkten Mülltonnen, es gab frühreife Mädchen mit ebenso kunstvoll geföhnter Außenwelle in meiner Schulklasse und coole Jungs, die mit den “richtigen” Mofas herumknatterten, und lange Zeit hatte ich auch nicht die “richtige” Jeans, weil sie zu teuer war. An all das erinnere ich mich, und auch daran, dass ich später, kurz nach dem Mauerfall, kreuz und quer in der Ex-DDR herumfuhr und versuchte, ein Land zu erkunden. Vergeblich, um es gleich zu sagen, oder sagen wir so, gesehen habe ich viel, verstanden nichts. In Quedlinburg, einem überraschend komplett erhaltenen Fachwerkstädtchen, sahen viele alte Häuser so fragil aus, dass ich dachte, wenn hier einer das Hoftor zu fest zuwirft, wird das Haus darüber zusammenkrachen. Insofern wunderte mich das zusammengerutschte Haus im Film überhaupt nicht.

Der Film wurde während seiner Entstehung bereits zensiert, immer wieder musste Rainer Simon die gedrehten Szenen vorlegen, musste sie ändern oder ganz streichen. Zwar ließ man ihn den Film zu Ende drehen, doch dann wurde er sofort verboten, so viel tristen Realismus wollten die Kulturverantwortlichen nicht sehen. Erst 1988, aufgrund der veränderten politischen Situation, konnten 7 Kopien des Filmes in ausgewählten Kinos gezeigt werden.

Warum?, fragte nach dem Film ein Zuschauer verständnislos. Er habe nichts Kritisches in dem Film entdeckt.

Das Kritische war, die Gesellschaft so zu zeigen, wie sie ist. Denn, wenn die Menschen in “Der geteilte Himmel” noch in positiver Aufbruchsstimmung und voller Hoffnung waren und es damals “auf jeden einzelnen ankam, die neue Gesellschaft zu gestalten”, so sieht man hier, zwanzig Jahre später, wie müde und resigniert die Menschen sind. Sie nehmen lustlos und gelangweilt an offiziellen Veranstaltungen teil. Sogar die Kinder kennen die floskelhaften Reden der Politiker auswendig und machen sich darüber lustig. Der Bürgermeister selbst unterbricht ein Mädchen, das, zumindest der Form nach, eine engagierte kleine Rede halten will. Er winkt ab. Auch er hat alles schon so oft gehört.

Man sieht, wie ärmlich der Alltag ist: Die Menschen stehen Schlange vor Geschäften, sie leben in abgewohnten Häusern, der Bürgermeister etwa über einer lauten Tischlerei, und er muss sein außerhalb der Wohnung gelegenes Waschbecken nebst Toilette über den alten Balkon erreichen. Auch das brandneue HO-Kaufhaus ist kein Erfolg, und dessen unzufriedener Kaufhausleiter beschwert sich darüber, dass man ihn gezwungen hat, das Kaufhaus mit einem Gesamtwarenangebot zu füllen, an dem nichts geändert werden kann. Die Verkäuferin zeigt derweil ihren Kundinnen missmutig Oberteile in der Größe 44, und muss sich dafür beschimpfen lassen, aber sie hat einfach keine andere Größe vorrätig. Das gäbe es doch bei uns (in Frankreich) auch, Engpässe in der Versorgung, meinte ein Zuschauer (klar, ich sage nur Senf). Er versteht nicht, dass schon das Zeigen dieser Unzufriedenheit und der Versorgungsengpässe in der DDR, die ein idealer Staat sein wollte, zu viel an Kritik ist.

Was in der Kleinstadt kurz nach Kriegsende wirklich geschehen ist, erfährt man in Flashbacks, Erinnerungen, nicht nur denen des Bürgermeisters. Dennoch bleibt die Frage nach dem Täter offen. Aber die Aufklärung ist auch nicht das entscheidende Thema des Films; viel wichtiger ist es zu zeigen, dass es in dieser Stadt ein Geheimnis gibt, und dass Vieles aus der Vergangenheit nicht aufgearbeitet wurde. Auch diesen Film müsste ich mindestens ein zweites Mal sehen, um “alles” zu sehen und zu verstehen.

Heute gestern früh dann sahen wir vom selben Regisseur “Die Frau und der Fremde” – auch dieser Film adaptiert nach einer Novelle (“Karl und Anna” von Leonhard Frank). Ein Kriegsgefangener, der aus russischer Haft flieht, nimmt die Identität eines anderen Gefangenen an und sucht dessen Frau auf, von der ihm der andere sehnsuchtsvoll erzählt hat, und dabei selbst intime Details preisgab. Obwohl die junge Frau weiß, dass er nicht ihr Mann ist, lebt sie mit ihm, verliebt sich und wird letzten Endes schwanger. Dann aber kehrt ihr richtiger Mann aus der Kriegsgefangenschaft zurück.

Nach dem Debakel um seinen Film “Jadup und Boel” hatte Rainer Simon sich vorgenommen, nur noch historische Stoffe zu drehen. Der Film spielt während und nach dem Ersten Weltkrieg; Kritik übt Rainer Simon dennoch, nicht nur am Krieg: gleich in der ersten Szene singen glockenhelle Kinderstimmchen ein Loblied auf den tapferen Soldaten und wie schön es ist fürs Vaterland zu sterben, die Kamera schwenkt über auf die Kriegsgefangenen in einer öden Steppe, die einen riesigen Graben ausheben, wobei, völlig absurd, einer ihn aushebt und der andere ihn zuschüttet. Später hält die Kamera lange auf eine von Tauben “beschissene” Hindenburg-Skulptur, und ebenso werden die “Verhältnissen” beklagt, die “Schuld seien”, wenn man kein Zimmer fände und daher zu dritt (wohlgemerkt in einer ménage à trois) in einer Wohnküche leben müsse. Die Wohnungsnot in der DDR ist mitgemeint.

Der Film ist mit wenigen Mitteln gedreht und Simon hatte einerseits den Anspruch realistisch zu sein, andererseits aber wollte er dieses Mal auch Gefühle à la Hollywood erzeugen und dem Zuschauer ein Happy End bescheren. Ist ihm gelungen. Sehr angetan waren wir alle auch vom Spiel der sehr jungen Kathrin Waligura, die Anna verkörpert (die wir später fast nur noch in TV-Produktionen wie “Für alle Fälle Stefanie” zu sehen bekommen), und nett zu sehen, dass die junge Katrin Knappe, die das Mädchen Boel gespielt hat, in diesem Film wieder auftaucht. Mich persönlich rührte, den jungen Ulrich Mühe in einer kleinen Rolle zu entdecken.

Der Film hat die im Durchschnitt älteren ZuschauerInnen sehr bewegt; viele erzählten, teils mit zitternder Stimme, aus ihrer Kindheit, und wie die Mutter im Krieg auf den Vater wartete oder auch nicht. Oder wie gebrochen die Väter aus dem Krieg gekommen waren und wie unglücklich die Mutter (und die Kinder) war(en), die mit diesem so veränderten Mann und Vater weiterleben mussten. Niemand aus dem Publikum verurteilte Karl, der sich die Identität seines Kameraden angeeignet hatte, denn er liebte das Mädchen schließlich wirklich, und schon gar nicht verurteilten sie das junge Mädchen. Alle waren der Ansicht, dass wir alle nach Glück und Liebe streben, das alles sei menschlich, und dass es auch in Friedenszeiten vorkomme, dass man sich in einen anderen Menschen verliebe, obwohl er oder sie verheiratet sei. Für den verlassenen Richard, der uns natürlich trotzdem leid tut, wird auch ein mögliches Happy End angedeutet.

Sie merken, die Filme haben uns nachhaltig berührt. Und nach allen drei Filmen standen immer Menschen zusammen und sprachen und diskutierten. Das DEFA-Festival war wirklich ein kulturelles Highlight. Ein großer Dank gebührt dem Verein Cinécroisette, der sich für den Vorschlag, DEFA-Filme zu zeigen, erneut begeisterte, Dank geht an die Goethe-Institute Lille und Marseille, die uns die Filme zur Verfügung gestellt haben, besonderer Dank an Franka Günther, die “Frontfrau” im Hintergrund, und an Wieland Koch von der DEFA-Stiftung, dass sie uns die Filme aus dem anderen Deutschland, das es nicht mehr gibt, nahegebracht haben. Und nicht zuletzt Dank an das Publikum, dass so zahlreich ins Kino gekommen ist! Dankeeee! Und bis zum nächsten Mal :-)

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Nach Hause

Brisez la routine!

Bei Crocos August-Twitterlieblingen las ich neulich, dass die Dating-App Tinder der beste Ort sein, um einen Ehemann zu finden. Gut, es sei dann zwar der Ehemann von jemand anderem, aber eben ein Ehemann. Haha. Kürzlich fuhr ich hinter einem Bus her, auf dem Werbung für eine Ehebruch-App prangte. Gemacht von Frauen für Frauen. Ich war so schockiert, dass ich das Plakat fotografieren musste. Monsieur verstand nicht, warum. “Findest du das nicht schockierend”, fragte ich ihn, “eine Dating-App für verheiratete Frauen, die ein außereheliches Abenteuer suchen?!” Nö. Findet er nicht. Ehebruch ist an der Tagesordnung in französischen Ehen. Brisez la routine! Das gibt mir zu denken. Nur wir leben so eine monogame Langweiler-Ehe scheint mir.

Eine unserer Kakteen gibt derzeit alles, um sich zu vermehren. Agave potatorum. Sie blüht einmal, dann stirbt sie. Ich finde es ziemlich ausgeklügelt, wie sie ihre Blüten an einem über zwei Meter langen Blütenstand (gerade nachgelesen) langsam eine nach der anderen öffnet, um Bienen oder Schmetterlingen ein Maximum an Zeit zu geben, mit ihrem Pollen weiterzureisen.

Tragisch nur, dass wir, zumindest scheint mir das so, kaum noch Bienen oder Schmetterlinge in Cannes haben. Vermutlich gehen sie, dank der Stechmückenausrottung, mit diesen zeitgleich in die ewigen Jagdgründe. (Dieser Ausdruck ploppte gerade im Hirn auf, ich habe das Karl May-Thema, das in Deutschland diskutiert wurde, nur am Rand verfolgt, aber es genügt wohl, um mein Unterbewusstsein mit spezifischem Vokabular zu versorgen.) Den Rest machen die Plastikgärten. Es gibt zunehmend Hecken und Rasen aus Synthetik, da würde ich als Biene auch abwandern. Echte Hecken wollen gegossen und gepflegt werden. Beides kostet Zeit und Geld (oder einen Gärtner, der kostet auch Geld), und Wasser war in diesem Sommer knapp. Habe sie also Recht, die Plastikgartenbesitzer?

Plastikhecke Detail

Putin hat Frankreich heute den Gashahn abgedreht.

Heute ist Schulbeginn. La rentrée! Der kleine M. hat vorgestern viel Protestgeweint, er will nicht in die Schule gehen! NEIN! NEIN! Der große M. ist auch zögerlich, obwohl er traurig war, als die Ferien begannen, in den letzten zwei Monaten hat er sich gut von der Schule entwöhnt. Ich wünsche ihm, dass er seine Freunde wieder in seiner Klasse hat und sich an der Schule wohlfühlt.

School’s out

So viel hatte ich am 1. September geschrieben. Jetzt ist alles anders.

Der Schulbeginn hat sich nicht so geschmeidig entwickelt, wie ich gehofft hatte; der kleine M brüllte protestierte weiterhin lautstark jeden Morgen und ging nicht zur Schule, der große M, älter, ruhiger, verständiger, der nicht zusätzlich die Nerven seiner Mutter strapazieren wollte, ging brav hin, hat aber nervöse Ticks bekommen. Er geht nämlich nicht nur zur französischen Schule, sondern versucht ebenso, dem ukrainischen Schulunterricht zu folgen. Das ist ganz klar etwas zu viel. Das Leben in Ternopil funktioniert wohl vergleichsweise normal, die Schulen bieten zumindest wieder Präsenzunterricht an, und M sehnt sich nach seinen ukrainischen Schulfreunden, die jetzt alle in der weiterführenden Schule sind, während er hier noch in der Grundschule herumhängt. Alle drei der kleinen Familie sehnen sich nach zu Hause, vermissen Papa, Mann, Hund, Familie. Vermissen ihre Sprache, ihre Kultur, ihr Leben. Vorgestern Abend hat Tetiana uns mit vor Aufregung bebender Stimme informiert, dass sie zurückgehen werden. “Vorläufig”, sagte sie. “Mal schauen. Ich schreibe Euch, wenn wir dort bleiben.” Wir rieten ihr vorgestern, nicht alles definitiv zu beenden, das Wort “provisoirement” habe ich ihr buchstabiert. Wir baten ihr an, mit ihr zusammen einen verbindlichen Brief an die Schulbehörde zu schreiben, oder morgen beim offiziellen Elternsprechtag die Situation zu erklären, aber heute hat sie die Kinder kurzerhand per Mail von der Schule abgemeldet. Schluss mit dem Stress. Nicht nur der kleine M ist erlöst, auch der große M muss ab sofort nicht mehr zur französischen Schule gehen und Tetiana atmet ebenfalls auf.

Gerade noch haben wir die lange Liste der zu erwerbenden Schulsachen abgearbeitet, gerade noch haben wir den kleinen M von seiner Sonderbehandlung in der Kantine befreit, gerade noch hat Tetiana ihre Aufenthaltsgenehmigung für weitere sechs Monate verlängert, gerade noch haben wir mit einer Bekannten versucht, für Tetiana etwas im Theaterbereich zu finden, und gerade haben wir erfahren, dass sie bereits ein Busticket gefunden haben. Ganz praktisch, Cannes – Ternopil in 48 Stunden, wer hätte gedacht, dass es so etwas gibt, aber erst am 18. September, seufzt sie. Es dauert ihr jetzt, wo sie sich entschieden hat, alles zu lange. Sie ist aufgeregt und hofft, noch ein früheres Flugticket nach Krakau zu finden, und von dort wird es dann ebenfalls mit einem Bus weitergehen. Nach Hause. Nach Hause. Tetianas Französisch ist fast genau so holprig wie bei ihrer Ankunft, sie versteht nicht mehr, was wir sagen und fragen (Hat sie sich bereits vom Resto du Coeur abgemeldet? Von Pole emploi? Was sollen wir mit dem Bankkonto machen?), und sie findet auch keine französischen Worte mehr.

Ich bin betrübt, sie sind mir so ans Herz gewachsen. Aber ich kann sie auch verstehen. Der Krieg ist noch lange nicht zu Ende, dieses provisorische Leben zu dritt in einer kleinen Einzimmerwohnung, wie lange soll das dauern? Tetiana war von Anfang an gespalten – einerseits wollte sie etwas aufbauen, die Sprache lernen, einen Job finden, und gleichzeitig wollte sie es auch nicht. Sie wollte, dass die Kinder in die Schule gehen, aber gleichzeitig wollte sie nicht, dass sie dadurch zu französisch werden. Wir sind Ukrainer, und wir gehen auf jeden Fall zurück.

Ich habe es schon mehrfach hier erzählt, mein Studienschwerpunkt war Zeitgeschichte und besonders “Exilliteratur” – ich habe meine Magisterarbeit über eine jüdische österreichische Schriftstellerin und Verlegerin geschrieben, die in die USA emigriert war. Ich war sehr beseelt von diesem Thema und habe alles gegeben. Aus heutiger Sicht aber denke ich, wie wenig habe ich damals wirklich verstanden von dieser Exilsituation der emigrierten Schriftsteller und Schriftstellerinnen.

Unser gemeinsames Abenteuer nähert sich also seinem Ende. Bald werde ich mein Büro wieder nutzen können, das ist mir nicht unlieb; und nein, wir werden niemand anderen aufnehmen. Nicht nur, weil die Zeit mit der kleinen ukrainischen Familie so besonders war, sondern auch, weil ich Tetiana versprochen habe, dass sie zurückkommen können, wenn es, wir wollen es nicht hoffen, in Ternopil früher oder später “ein Problem” geben sollte.

Von Herzen Dank Ihnen allen, die Sie die kleine Familie unterstützt haben, unaufgefordert und großzügig, einmal und wiederholt. Es hat ihnen, vor allem zu Beginn ihres Aufenthalts, wirklich weitergeholfen. Die letzte Spende, die uns hier erreichte, und die für “Ferienunternehmungen” gedacht war, wollte Tetiana nicht mehr annehmen (sie war von Anfang an jedes Mal sehr beschämt, wenn ich ihr Geld, dass man mir für sie hat zukommen lassen, übergab; dieses Mal war es besonders schwierig), ich ließ die Scheine trotzdem auf dem Tisch liegen. Vielleicht finanziert diese Spende jetzt das Rückfahrtticket mit.

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Noch eine kleine Bergauszeit

Wir sind der erneuten Hitzewelle entflohen und haben noch einmal ein paar Tage in den Bergen verbracht. Dieses Mal nur Monsieur, Pepita und ich. Auf halbem Weg, am helllichten Nachmittag, kommen uns plötzlich Autos mit eingeschaltetem Licht entgegen. Deutliches Zeichen für ein Gewitter weiter oben. Und tatsächlich, es gibt sie noch die guten Dinge, das Wasser von oben, landläufig Regen genannt, ist plötzlich da, platscht und prasselt auf die Windschutzscheibe, der alte Scheibenwischer, so lange ohne Bewegung, funktioniert noch, hektisch wischt er streifig das Wasser davon, nicht sehr erfolgreich, es gießt und fließt über die Scheiben. Die Welt draußen ist verschwommen und schwarzgrau. Es regnet! Mehr als das, es schüttet, es gießt, es stürmt und es blitzt und donnert. Ein großes Gewitter entlädt sich über uns und begleitet uns eine ganze Weile. Dann, genauso plötzlich wie es da war, ist es vorbei, wir fahren aus dem Wasser und der Scheibenwischer, eben noch überlastet, quietscht auf der nun zu trockenen Scheibe.

Dort, wo das Gewitter schon durchgezogen ist, sieht die Welt aus wie frisch gewaschen, grüner die Bäume und Wiesen, klarer das Licht, die Berge plastisch, sie scheinen zum Greifen nah. Der Himmel ist wieder blau und die Sonne scheint. Hier und da ziehen ein paar Nebelfetzen durch das Tal. Die kurvige Bergstraße allerdings ist stellenweise voller Geröll und Matsch; Steine und Erde rutschen mit den Wassermassen von den steilen Hängen, dort, wo nicht Metallnetze gespannt wurden, die dies verhindern oder zumindest verhindern sollen. Steinschlag kommt dennoch immer wieder vor. Ich habe auf der Strecke nach oben ein paar fette Felsbrocken ausgemacht, die ich bei jedem Weg nach oben und unten und nicht nur nach Gewitter misstrauisch beäuge, denn, da bin ich sicher, eines Tages werden sie auf die Straße fallen. Ich hoffe, wir und auch sonst niemand, sind dann an diesem Ort.

Am frühen Abend kommen wir im Bergdorf an, die sommerliche Kleidung von der Küste, Flipflops und das dünne Flatterhemdchen, sind hier völlig unangebracht. Die Menschen tragen Fleecejacken und festes Schuhwerk und das nicht umsonst. 16 Grad sind es gerade mal. Wir können gar nicht schnell genug Socken (wie ungewohnt!) und Pullover anziehen, schon haben wir Halsschmerzen und Monsieur macht ein Feuer! Ende August werfen wir tatsächlich den Kaminofen an! Und ich koche Suppe zum Abendessen, etwas Warmes braucht der Mensch, als sei es schon Herbst.

Gerade habe ich auf Facebook einen Eintrag gelesen, wo sich jemand über die inflationäre Verwendung des Wortes “tatsächlich” ereiferte. Tatsächlich verwende ich “tatsächlich” ziemlich gerne, ich weiß aber nicht, woher es kommt, bin ich doch vom deutschen Mode-Wortmarkt ziemlich abgeschnitten. Wie Sie aber gemerkt haben, bin ich ein Kind des deutschen Werbefernsehens, und davon langfristig beeinflusst. Als wir durch das Gewitter fuhren und die Landschaft danach wie frischgewaschen aussah, fiel mir diese Werbung mit dem Grauschleier ein, den eine energische Faust damals von der Wäsche riss – mit dem richtigen Waschmittel natürlich. (Ich weiß es noch, wissen Sie’s?)

Nun gut, zwei Abende heizen wir, trinken Tee mit Honig und essen abends Suppe, bis wir uns an die Temperaturen gewöhnt haben. In den Bergen gibt es fast jeden Nachmittag ein Gewitter. Das ist (in den Bergen) normal im August. Manchmal blitzt und donnert es so heftig, dass wir kurzzeitig den Strom abstellen. Da wir eh nichts tun können, erlauben wir uns, die Sieste zu verlängern, ich lese alte Bände von Sempé und Monsieur erzählt mir Geschichten von früher.

Wie verwundert war ich, als ich vor jetzt 17 Jahren auf dem Bauernhof auf dem Nachbarberg jenseits des Flusses gelandet war und dort bei Gewitter alles stillstand – und regelmäßig die Sicherungen rausflogen. Alle diese alten Höfe und Häuser, die manchmal so exponiert stehen, haben bis heute keinen Blitzableiter. Als gäbe es diese Erfindung nicht. Unser Haus hat natürlich auch keinen. Gerade habe ich Monsieur gefragt, warum man die Häuser nicht damit ausstattet, er zuckt die Achseln. Die Kirche habe einen, erfahre ich so. Da kann man sich dann hinretten und beten, dass das Haus verschont bleibt.

An einem der ersten Tage organisiert der kleine Verein, Les écureuils en marche (nein, es hat nichts mit Macron zu tun, wir waren schon vor Macron en marche), dem ich angehöre, ein Loto. Das ist hier ein großer Klassiker und falls Sie es nicht kennen, es geht so ähnlich wie Bingo – das ich aber auch nicht kannte, als ich hierher kam. Man trifft sich in einem Saal, erwirbt ein paar Kartons, auf denen 15 Zahlen stehen, und dann werden Zahlen gezogen (in unserem Fall fallen kleine Holzkugeln aus einer ebenso kugeligen Metallkonstruktion) – findet man die ausgerufene Zahl auf einem der Kartons, legt man ein Spielsteinchen darauf, hat man die Zahlen einer Linie voller Spielsteinchen, ruft man “quine” (kinä) – und wenn alles mit rechten Dingen zugegangen ist, dann hat man etwas gewonnen. Die Gewinne werden größer, wenn man zwei Linien voll hat, und besonders groß bei einem carton plein, das heißt, wenn man alle Zahlen auf dem Karton mit einem Spielsteinchen abgedeckt hat. Die Gewinne beginnen bei einer Tüte Gummibärchen, einem Kinderbuch, einem Wanderführer, lokal hergestelltem Honig, Minzsirup und Käse, gehen über ein Gläserset, Seife und Handtücher, einem Wanderrucksack, bis hin zu ausgezeichnetem Wein. Loto ist ein leichtes und familienfreundliches Spiel, eine nette Nachmittagsbeschäftigung im ereignisarmen Dorfleben, und bei uns versammeln sich entsprechend alt und jung und auch Menschen aus anderen Dörfern und sogar eine Familie, die dort Urlaub macht. Die haben tatsächlich (!) sage und schreibe dreimal gewonnen und zusätzlich den Trostpreis, eine Flasche Champagner, abgestaubt, die ich an ihrer Stelle fairerweise an jemanden abgegeben hätte, der tatsächlich (!) wirklich nichts gewonnen hat, aber nun ja, jeder, wie er will. Das große Los, eine Eismaschine, ein riesiges Trumm, das zehn Kilo wiegt, und das ich keinesfalls in meiner Küche hätte unterbringen können, aber blieb im Dorf und wurde von einer alte Dame (95) gewonnen.

Samstags gibt es ein Konzert aus der (von der Region geförderten) Veranstaltungsreihe “Les soirées estivales”; alle Dörfer im Hinterland, so klein sie auch sein mögen, kommen darüber während der Sommermonate kostenlos (!) in den Genuss eines (oder zweier) Konzerte(s), eines Theaterstücks oder einer Zirkusveranstaltung. Wir erleben dieses Mal ein Konzert einer Gruppe aus Nizza, die ihre Lieder zu Weltmusik-angehauchten Tönen in nissart, im Nizzaer Dialekt, singen. Ich fühle mich so ähnlich wie seinerzeit bei einem Bap-Konzert, man denkt, man verstehe etwas, aber im Prinzip versteht man nix. ;-) Natürlich bewege ich mich dennoch zu den Salsa und Flamencotönen, schon, um es warm zu haben. Es hatte den ganzen Nachmittag durchgeregnet, man hatte in weiser Voraussicht für die Musiker und ZuhörerInnen zwei große Zelte aufgestellt, und ein drittes für die Außenküche des neuen Aubergists, der Fritten und Würstchen anbietet. Wir sind also, zumindest von oben, geschützt, allerdings wird es kein, wie erhofft, laues Sommerabendkonzert, wir sind mal wieder herbstlich mit langen Hosen, festen Schuhen und Fleecejacken angezogen, und nach drei Stunden ziemlich ausgefroren. Sommerabendkonzert in den Bergen bei 16 Grad. Danach gehe ich mit Wollsocken ins Bett.

Was mich in den Bergen zunehmend glücklich macht, ist, mit lokalen Produkten ein Essen zu machen. Ich erwarb auf dem Markt reife Tomaten, Schafskäse (von einem Schäfer aus G.) und frisches Basilikum und machte daraus eine viel schmackhaftere Variante von “Tomaten und Mozzarella”; beim Metzger gab es gutes Fleisch und von ihm hergestellte Panisse aus Kirchererbsenmehl. Und zum Nachtisch aufgeschlagenes Joghurt aus Schafsmilch von Marie, der Schäferin des Dorfes, zusammen mit, von einer Nachbarin gekochter, Marmelade aus wilden Pflaumen. Es macht mich so zufrieden, Lebensmittel zu essen, die direkt vor der Haustür entstehen. Und die zusätzlich so geschmackvoll und lecker sind!

I see faces

Ein Nachbar schenkte mir Zucchini, Kartoffeln und vom Regen etwas beschädigte vollreife Tomaten – aus denen ich Tomatensauce koche, und aus den Zucchini und den Kartoffeln mache ich kleine Puffer. Wir laden, wie man das so macht, mal diese, mal jene Nachbarn zum Essen ein. So viel zum Thema Einsamkeit im Bergdorf. Ja, wir sind wenige, aber wir hängen eng zusammen, man sozialisiert auf Teufel komm raus. Als ich einen sonnigen Nachmittag nutzen will, um draußen am Tisch etwas zu arbeiten, setzt sich eine andere Nachbarin dazu und erzählt mir, dass sie an Alzheimer erkrankt sei. Selbstverständlich schicke ich sie nicht weg, sondern höre zu, auch wenn ich so natürlich nie zum Arbeiten komme. Meine Art zu arbeiten wird ja sowieso nie verstanden (Monsieur, der lautstark heimwerkt, wird viel weniger gestört!), aber was für eine verrückte Idee auch, im August arbeiten zu wollen. Der August ist ein Ferienmonat in Frankreich, niemand arbeitet im August (außer natürlich die, die im Tourismusbereich tätig sind). En France les grandes vacances commencent le 1. juillet. Le 1. aout les usines ferment aussi, hieß es schon in meinem Französischlehrbuch und so ist es immer noch.

Heute morgen sind wir wieder an die Küste gefahren, ich habe das Flatterhemdchen an, aber eine Fleecejacke darübergezogen. Die Temperaturen steigen mit jedem Kilometer, den wir bergab fahren. Die Fleecejacke ziehe ich bei 24 Grad auf halber Strecke nach Nizza aus. Gleichzeitig mache ich die Klimaanlage an. 29 Grad werden es, die haben wir draußen und auch in der Wohnung, aber alles unter dreißig Grad ist erträglich. Geregnet hat es hier keinen Tropfen. Morgen früh gehe ich schwimmen!

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Ostwind, Filme und la rentrée

abends am Strand

Es sei der Ostwind, der uns die Quallen herantreibe, wissen die neuen Strandbekanntschaften. In der Zwischenzeit gehöre ich zu dem uneinheitlichen Grüppchen um das braungebrannte Paar. Also so richtig natürlich nicht, dafür gehe ich zu früh, ich komme ja nur zum Schwimmen und hänge nicht den Rest des Tages, oder wenigstens den Rest des Vormittags plaudernd am Strand ab. Ich frage auch nicht ständig nach der Wasser- oder Lufttemperatur. Aber da mich die Niederländerin als neue Gesprächspartnerin erwählt hat und mir schon von weitem zuwinkt, wenn sie an den Strand kommt und sich gern neben mir niederlässt, gehöre ich jetzt, zumindest am Rand, dazu. Der Ostwind also. Gerade gegoogelt, scheint zu stimmen. Wieder was gelernt.

Ich sehe den Wetterbericht. Man kündigt uns wieder steigende Temperaturen an, dabei haben wir gerade leicht aufgeatmet. Die Sonne scheint seit ein paar Tage weniger brennend, das Licht wird milder, die Touristen in Cannes werden weniger, am Strand bekommt man auch um 9 Uhr noch einen Platz in der ersten Reihe und im Viertel gibt es wieder Parkplätze.

La rentrée, dieses unübersetzbare und sehr französische allgemeine Wiederanfangsgewusel nach der langen Sommerpause, kommt spürbar näher. Im August geht so gut wie nichts, alle Betriebe haben geschlossen, sogar die Pharmakonzerne produzieren nicht, so dass sich die Regale in den Apotheken und Parapharmacien (nur in etwa den deutschen Drogerien vergleichbar) im Sommer leeren. Sie brauchen eine Orthèse? Müssen wir bestellen, kommt aber erst im September. Oder ein Schuppenshampoo von X? Erst wieder im September. Vielleicht gibt es auch wieder Senf im September. Hoffen kann man ja, denn alles geht im September wieder los, auch die Schule beginnt wieder, und morgen heute wollte ich mit Tetiana endlich die fournitures scolaires erstehen, für die wir von der Schule eine lange Liste erhalten haben: all die Dinge, die im kommenden Schuljahr gebraucht werden. Liest es sich für den kleinen M noch recht schlicht, so wird es für den großen M schon anspruchsvoller. Kugelschreiber in mehreren Farben (nein, französische Kinder schreiben nicht mit Füller, was mich wirklich grämt), Textmarker, eine moderne Tafel und auswischbare Stifte, riesige Schulhefte, ein Paket Druckerpapier und erstaunliche 8 große Tuben Klebstoff UND zusätzlich Klebestifte! In die Hefte wird so gut wie nichts geschrieben, sondern Übungen werden ausgedruckt, darauf wird gemalt oder geschrieben und das wird letztlich in die Hefte geklebt, so dass sie am Ende auseinanderklaffende Heftmonster sind, die man unmöglich aufbewahren kann, sie sprengen jede Schublade und jedes Regal. Aber vielleicht ist das in Deutschland heute auch so?

Morgen Heute also wollte ich zu einer kleinen Papeterie (im August nur vormittags geöffnet, eine Variante des Betriebsurlaubs), die vielleicht ein bisschen teurer ist als der Supermarkt an der Ecke (alle Supermärkte bieten jetzt les fournitures scolaires an), aber man findet alles an einem Platz und die komplizierte Auswahl der Hefte überlasse ich gerne der freundlichen und erfahrenen Schreibwarenangestellten. Morgen Heute aber ist nicht nur der Tag der Libération von Cannes, sondern auch der Ukrainische Nationalfeiertag, Asche auf mein Haupt, das wusste ich bis vor ein paar Stunden tatsächlich nicht, und es gibt eine Versammlung irgendwo in Cannes. Das ist deutlich wichtiger als Schulsachen kaufen. In der kleinen Wohnung hängt nun auch eine große ukrainische Flagge, die, wie ich gerade gesehen habe, der große M stolz über seinen Schultern trägt, auf dem Weg zum Ukrainischen Fest.

Als wir neulich aus den Bergen zurückfuhren und wegen eines Defekts an einem Reifen nicht die Autobahn nahmen, sondern über die Küstenstraße zurückschlichen, waren die Jungs ganz aus dem Häuschen, dass in Villeneuve-Loubet demonstrativ die ukrainische Flagge wehte, und sogar ein zweites Mal, eingefügt in die lange Reihe der europäischen Flaggen, wehte es blau-gelb zwischen Italien und Frankreich. Die Jungs waren so stolz! Niemals zuvor habe ich die Symbolik von Flaggen so gespürt.

Hier gibt es neuerdings kritische Stimmen, weil ein paar riesige und sehr neue Geländewagen durch Cannes fahren, die ukrainische Kennzeichen haben. Das sind doch keine (armen) Flüchtlinge, raunzt mich aggressiv (nicht nur) meine Friseurin an. Da wird gleich wieder Verschwörung vermutet. Das ist die Mafia, oder? Ich zucke mit den Schultern. Muss ich jetzt alles wissen? Muss ich allen die komplizierte Geschichte der Ukraine erklären können, nur weil ich eine ukrainische Familie aufgenommen habe?

Ich habe Graue Bienen von Andrej Kurkow gelesen. Ein Buchtipp von Herrn Buddenbohm vor langer Zeit, ich habs jetzt auf die Schnelle nicht mehr gefunden, daher keine Verlinkung. Falls Sie etwas davon erahnen wollen, wie es sich in der (Ost-)Ukraine so lebt, dann kann ich es empfehlen. Ich bin nicht sicher, ob ich es gelesen hätte, hätten wir nicht Tetiana und die beiden Ms aufgenommen. Keine leichte Lektüre, obwohl es sich leicht liest; erzählt aus der Sicht eines Bienenzüchters, der seine Bienen aus dem umkämpften Gebiet in der Ostukraine in andere Gegenden, einschließlich der Krim, transportiert, damit sie in Freiheit und im Grünen herumsummen und Pollen sammeln können, und der ein liebenswerter Kerl, aber nicht der allerhellste Geist ist. Die Geschichte ging mir lange nach, obwohl ich viel dramatischere Filme über die Konflikte im Donbass gesehen habe.

Anderes Thema, wir haben in einer Vorpremiere “Les volets verts” gesehen, den neuen Film mit Gérard Dépardieu und Fanny Ardant. Sehr berührender Film, der, wie ich gerade der Zeitung entnehmen konnte, schlechte Kritiken bekam. Der Film ist eine Adaptation eines Buches von Georges Simenon, und um das Szenario etwas zu entstauben, aber nicht zu sehr zu verfremden, hat man ihn in die Siebziger Jahre transformiert. Die Rolle des alternden Schauspielers ist Dépardieu auf den Leib geschrieben, wenn ich das mal so sagen darf. Er begann mit Fanny Ardant in La femme d’à coté und er endet (zumindest in diesem Film) mit Fanny Ardant.

Und: das nächste DEFA-Festival in Cannes naht, dieses Jahr gehen wir in die Vollen mit den deutschen Filmen! Am 10. und 11. September werden wir mit Cinécroisette und in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut “Der geteilte Himmel” zeigen, gefolgt von “Die Frau und der Fremde” und “Jadup und Boel”.

Wieland Koch von der DEFA-Stiftung wird anwesend sein und über die Filme und ihre Rezeption sprechen, begleitet, unterstützt und übersetzt von der genialen und rührigen Franka Günther, vom Institut Francais in Erfurt.

https://www.youtube.com/watch?v=KLTwZtEUCTQ

Das wird bestimmt hochinteressant und spannend! Die Filme werden im Original mit französischen Untertiteln gezeigt. Kommen Sie zahlreich!

Und eine kleine Ankündigung in eigener Sache: Am 18. September lese ich auf Einladung einer kleinen Stadtteilbuchhandlung in Unna-Massen. Es wird ein Nachmittag mit Kaffee, Kuchen und Kultur – ich lese aus meinen persönlichen Büchern und aus dem letzten Krimi. Falls Sie da in der Gegend zuhause sind, kommen Sie gerne dazu!

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