Strandgut

StöpselEigentlich müsste es wohl Wassergut heißen, denn dort habe ich ihn gefunden. Und nein, das Meer ist nicht gluckernd abgeflossen, als ich den Stöpsel zog … ;)

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das Meer aufräumen

Als hätten wir noch nicht genug damit, die Keller leerzuräumen … Heute Morgen sind wir endlich mal wieder bei mildem Wetter am Strand gelaufen – er ist, trotz steter Reinigungsarbeiten, immer noch sehr schmutzig: Hier liegen Baumgerippe, Teppiche, Schuhe, Plastikfolien, Rohre, Regalbretter neben allerhand Kleinmüll, der alle paar Meter schon zu Haufen zusammengeschoben wurde.

Regale am StrandMüll am StrandEine Woche lang gab es hier überall ein strenges Badeverbot, wegen allem, was so an Hausmüll mit den Regenfluten ins Meer geschwemmt worden war. Heute war das Meer auf den ersten Blick wieder sauber und das Wasser klar und azurblau. Aber der Schein trügt. Immer noch findet man Müll im scheinbar so klaren Wasser. Ein bisschen was haben wir heute rausgefischt.

AbflussrohrBergung eines Ablussrohrs

Abflussrohr und anderesMüll rausgefischt

 

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Fundsachen

c'est finiIm dritten Keller, den wir dank der unermüdlichen Hilfe von Freunden gestern auch noch leegeräumt haben (alle drei Keller sind nun zumindest von den Wasser- und Schlammtriefenden Büchern befreit, einer ist sogar geputzt, aber fragen Sie nicht, wie alt wir uns heute fühlen und wie ächzend wir uns bewegen, aber heute ist Sonntag und wir ruhen uns etwas aus, es regnet übrigens schon wieder, aber es ist nur ein leichter Nieselregen …), fanden wir neben Büchern auch noch andere alte Schätzchen aus Monsieurs Vergangenheit oder der seiner Familie: eine alte Wanduhr,

WanduhrVisitenkarten der Urgroßeltern, ein internationales Briefmarkenalbum mit Briefmarken (teilweise) noch von vor dem Ersten Weltkrieg,

Briefmarkenalbumeine Art frühe Diaschau mit auf Glas gezeichneten Tieren, Pflanzen und Landschaften,

frühe DiaschauVulkanausbruchgroße Holzkisten voller fragiler, mundgeblasener Ampullen,

Ampullen

sterile KochsalzlösungParfümfläschchen aus einer Produktion der Fünfziger Jahre  …

ParfümEau de CologneWir öffnen die noch mit (jetzt leider schlammverschmierten) Seidenpapier verpackten Eau de Cologne-Fläschchen, und schnuppern vorsichtig: Es riecht grauenhaft. „Schmeiß‘ das alles weg!“, sagen die Freunde abschätzig, aber ich muss Vieles zunächst aufheben, auch die Ampullen, von denen manche aussehen wie alter Weihnachtsbaumschmuck. Bei der Wanduhr zögere ich, es erklingt ein schöner Ton, als ich sie auf die Büchermassen stelle, behalte ich sie? Finde ich noch einen Uhrmacher, der sie repariert? Will ich wirklich eine stündlich schlagende Uhr im Haus? Ich fotografiere sie und sehe, wie ein alter, zahnloser und schlecht angezogener Mann sie gierig betrachtet. Kaum drehe ich mich um, hat er sie an sich genommen und geht damit davon. Als ich mit der nächsten Ladung Bücher wieder aus dem Haus komme, hat er sie ein paar Meter weiter in seine Einzelteile zerlegt. „Reparieren Sie sie?“, frage ich staunend. „Reparieren? Nein, ich hole das Metall raus“, nuschelt er, steht auf, steckt das Uhrwerk ein und gibt dem Rest der Uhr einen Fußtritt, bevor er seines Weges zieht.

Wanduhr späterSo ist es hier. Auch das ist Cannes. Die Ärmsten der Armen suchen aus den feuchten Müllmassen das, was noch brauchbar ist oder vielleicht nur gereinigt werden muss. Eine Gruppe Afrikaner zieht Profit aus dem überschwemmten Depot eines Billigkleiderladens, und sie haben in der Straße meterlang feuchte T-Shirts über aufgestellte Paletten, Hecken und Zäune ausgebreitet und warten davor, bis alles von der Sonne halbwegs getrocknet ist und ziehen schließlich mit großen Plastiksäcken voller T-Shirts in allen Farben davon. Und nicht alles, was hier weggeworfen wird, ist von Wasser durchtränkt, von manchen Sachen trennt man sich nun im Zuge des allgemeinen Garagen- oder Keller-leer-Räumens, denn wann darf man schon mal ungestraft einfach alles aufs Trottoir werfen?

ein StuhlBügelbrettKofferGeschirr

Zwischen Müll steht ein noch brauchbares Bügelbrett, liegen Deckenlampen, findet man Stühle, ein altes Fahrrad, einen Koffer, Geschirr … und all das findet hier, jenseits des reichen Cannes, ganz schnell neue Besitzer.

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Ici reposent …

TraueranzeigeAls ich der Dame von der Mairie am Telefon sagte, wir brauchen keine Mülltonnen, wir brauchen einen richtig großen Müllcontainer, weil wir etwa zehntausend Bücher wegzuwerfen hätten, sagte sie « nana, nun übertreiben Sie mal nicht » und gestand mir vier große Mülltonnen zu. Vier Mülltonnen waren binnen einer halben Stunde voll und wir werfen nun wieder einfach alles aufs Trottoir. Nach drei Tagen, die wir mit vollen Bücherkisten Treppen rauf und mit leeren wieder runter gelaufen sind, einschließlich einem Zickzackkurs zwischen den fahrenden Autos hindurch zur anderen Straßenseite, tut uns beiden so ziemlich alles weh. Monsieur kann in dem niedrigen Keller nicht einmal aufrecht stehen und hat vor allem Rückenschmerzen. Seit gestern haben wir immer mal wieder stundenweise Hilfe von Freunden, und es geht endlich ein großes Stück voran. Monsieur und ich sind Buchliebhaber und können nur sehr schlecht Bücher wegwerfen. Monsieur muss außerdem fast jedes Buch zum Abschied anschauen und überlegen, ob er es nicht doch behalten könnte, denn irgendein Bücherdoktor hat behauptet, man könne feucht gewordene Bücher retten, wenn man sie in Stickstoff tauchte … Und ich versuche ständig noch Fotos von all den Serien zu machen, damit sie irgendwo dokumentiert sind.

LieblingscoverUnd dann halten wir uns gegenseitig Bücher mit ausdrucksvoll gezeichneten Covern oder witzigen Titel hin und Monsieur sagt immer voller Wehmut « ah oui, ils sont si magnifique ». Alles mögliche muss ich fotografieren : eine wunderschöne Fadenheftung eines auseinanderfallenden Romans,

Fadenheftungeinen Schutzumschlag …

Brighton RockSo kamen wir nicht wirklich schnell voran. Die Freunde aber warfen ohne jegliche Gefühlsregung einfach nur sehr sachlich zackzack Bücher weg.

Je weiter wir uns nach hinten und unten durcharbeiteten, desto schlammiger wurde es und selbst Monsieur hat nun Kisten mit Büchern komplett weggeworfen, es war ohnehin nichts mehr zu erkennen und ich habe irgendwann auch aufgehört Fotos zu machen. Ein paar Bücher konnten wir retten und Monsieur hat heute Abend ein ihm wertvolles Exemplar Seite für Seite trockengebügelt.

A und B Ich habe auch schon gebügelt : meine neulich geretteten und aufgequollenen Zeitungsartikel und Seiten meines ebenso halb abgesoffenen Wörterbuchs. Da nur das A und das B wirklich nass geworden sind, dachte ich, ich versuche es. Ich legte Küchenrollenpapier zwischen die feuchten Seiten und lernte dabei neue Wörter. Dann bügelte ich die Seiten glatt. Es gibt aber schon eine kleine Pilzkultur und ich weiß nicht, ob ich den Geruch auf Dauer ertrage. Ein weiteres Problem ist, dass Bügeln nur gleichzeitig mit Fernsehen wirklich erträglich ist und bei uns geht immer noch rein gar nichts. Ich schaue jetzt also nicht sehr komfortabel DVD’s im Laptop.

So weit war ich gekommen, und jetzt am Freitag Abend haben wir endlich wieder alles, Telefon, Internet und Fernsehen … Sie hören also wieder von mir … aber jetzt muss ich schlafen gehen, morgen früh geht die Aufräumarbeit weiter!

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La serie noire est morte

Mort un dimanche de pluieIn drei Kellerräumen eines alten Hauses in einer Nebenstraße des Boulevard de la République hatte Monsieur den größten Teil seiner Kriminalromansammlung aufbewahrt. In diesen Kellern und in einer benachbarten Souterrainwohnung stand das Wasser einen Meter fünfzig hoch, das kann man an den Wänden schön sehen. Die Feuerwehr hat das Wasser ausgepumpt und die Mieterin der kleinen Souterrainwohnung Wasserstandsliniehat all ihr aufgeweichtes Hab und Gut in den Garten geworfen, Teile der Einbauküche sahen wir schon auf der Straße liegen. Alles hat sie verloren, schreit sie hysterisch. Und der Nachbar aus dem Hochparterre nickt mit düsterer Miene dazu. Sie hatte nicht viel : Kühlschrank, Mikrowelle, Fernseher, ein Bett und einen Sessel, und versichert ist sie natürlich nicht. Wer ist hier schon versichert. Ein großer Haufen Kleider und Wäsche liegt auch im Garten. « Alles ist hin ! » hört sie nicht auf zu lamentieren und als reiche das nicht, malt sie sich und uns dramatisch aus, was passiert wäre, wenn sie zu Hause gewesen wäre, als das Wasser stieg : Tot hätte sie sein können !  Nun, sie ist es glücklicherweise nicht, aber sie kann nicht aufhören zu jammern und zu klagen und ich lasse sie irgendwann stehen und versuche Monsieur zu helfen seine Kriminalromansammlung aus den drei überschwemmten Kellern zu retten. Zunächst müssen wir hier die Türen aufbrechen und herausheben, denn die Bücherregale mitsamt den Büchern waren dahinter gefallen und blockierten sie. Türen aufbrechen muss man ja auch mal gemacht haben, wenn man Kriminalromane schreibt, nicht wahr ? Auf Französisch heißt das Brecheisen sehr hübsch Pied de Biche, Rehbein also, und ich finde es bei aller Tristesse amüsant, dass ein Rehbein beim Retten von Kriminalromanen hilft, hieß doch die Sekretärin des Kommissars Erik Ode auch Rehbein. « Rehbeinchen, machen Sie uns doch mal einen Kaffee », ist ein Satz, der sich mir ins Gedächtnis gegraben hat (vor langer Zeit, wenn Sie nach 1970 geboren sind, können Sie sich vielleicht nicht erinnern). Aber trotz Rehbein ist von Retten leider keine Rede. Hier ist auch alles hin, und Monsieur könnte vermutlich ebenso laut heulen wie die Nachbarin, aber er ist nur sehr still und weint vermutlich leise im Innern.

Keller 1Keller 2Mehr als zehntausend Bände standen hier. Sämtliche französischen Kriminalromanserien seit dem Zweiten Weltkrieg hatte Monsieur gesammelt, vollständig, einschließlich der Spionageromane, wie er ausdrücklich sagt, denn die BiLiPo, die Bibliothèque de la littérature policière in Paris hat die Spionageromane nicht in ihr Sammelgebiet aufgenommen. Offiziell wurden sie als « zu vulgär » eingestuft, aber vermutlich war es der antisowjetische Tenor, der den überwiegend politisch links stehenden Bibliothekaren nicht gefallen habe, meint Monsieur. Nein, er habe nicht die größte Sammlung nach der BiLiPo gehabt, sagt er bescheiden, in Avignon gäbe es noch jemanden, der die gleiche Sammlung habe, und zusätzlich seien die Bücher dort in einem besseren Zustand.

Wir haben uns heute Zentimeterweise vorgearbeitet. Die Bücher sind mit Wasser vollgesogen wie Schwämme, manche sind schlammig, sie kleben aneinander und sie sind schwer. Sie haben in der vergangenen Woche bereits angefangen zu schimmeln, man sieht es und man riecht es.

SchimmelpilzSchimmel

Vermutlich eignen sich die Keller künftig nur noch zur Pilzzucht. In einem anderen niedrigeren und fensterlosen Kellerraum ist es nicht nur feucht, sondern zusätzlich entsetzlich warm, und hier riecht es zusätzlich nach Gärung. Ich überlege, ob man nicht einen Bücherschnaps brennen könnte, ein Buchparfüm gab es ja auch schon, aber Monsieur hat nur ein müdes Lächeln dafür übrig.

Wir haben heute viele Serien komplett weggeworfen, darunter die Collection Feu, eine antimilitaristische Serie und sehr, sehr viele Bänder der berühmten Série Noire, deren Titel ich heute sehr sprechend fand. Lustigerweise ist eines der wenigen Bücher, das die Überschwemmung trocken überstanden hat, den Titel Apres moi le déluge: nach mir die Sintflut.

ici reposentgrosse WäscheNach mir die Sintflutwarum aufregen?

C’est la fin, sagt Monsieur betrübt, als er die glitschigen Bücher der Collection Mystère und der Collection Angoisse in die Plastikkisten legt, mit denen wir sie aus dem Keller tragen, on ne les trouve plus. Alle diese Bücher, die populäre Literatur der fünfziger Jahre, teils mit eindringlich gezeichneten Covern, aber auf schlechtem Papier gedruckt, findet man kaum noch bei den bouquinisten, und die bouquinisten selbst verschwinden ebenso, einer nach dem anderen. C’est la fin.

MystereAngoisseSpionageTitelCoverWir hingegen haben noch ein paar Tage zu tun, allein mit dem Entsorgen der Bücher. Heute haben wir alles zunächst zur Straßenecke getragen, am Nachmittag haben wir sie dann, schon etwas müde geworden, auf der gegenüberliegenden Straßenseite entsorgt, für Morgen bekommen wir mehrere große Mülltonnen geliefert. Der Anfang vom Ende einer großen Sammlung.

Anfang vom Ende

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Cannes, eine Woche danach (Sonntag)

Bis eben (Freitag Abend, das heißt knapp zwei Wochen lang) funktionierte bei einerm Drittel der Bevölkerung Cannes‘ (wir eingeschlossen) weder die Telefonlinie noch das Internet und wir hatten entsprechend auch kein Fernsehen. Das Zentrum für die Telefonlinie liegt unterirdisch im Boulevard de la République, eine Straße in einem Viertel, das schwer getroffen ist von der Hochwasserkatastrophe, und noch immer sind nicht alle der zigtausend Drähte gereinigt, wie ich in der Zeitung gelesen habe. Die Zeitung ist in den Zeiten ohne Internet und TV wieder wichtigstes Informationsmittel, und als wir am Sonntag Abend ankamen, habe ich die Ausgaben der letzten Tage durchgeblättert und fassungslos die Bilder betrachtet, die Sie vermutlich alle schon gesehen haben, und ich vermute ebenso, dass das Hochwasser in Cannes und Umgebung ist für Sie schon ein alter Hut und vielleicht sogar abgehakt ist. Für uns, die wir während der letzten Woche in den Bergen waren, beginnt es gerade.

Schlammiger HInterhofDas Stadtviertel stinkt. Der Geruch nach modriger Feuchtigkeit liegt in der Luft. Und das, obwohl es schon eine Woche lang warm und sonnig ist, aber die Häuser, die Keller, die Straßen und Trottoirs sind noch vollgesogen mit Wasser und die sonst roten Trottoirs sind noch matt und braun vom weggeputzten Schlamm. Das alte Arbeiterviertel um den Boulevard de la République ist schlimm getroffen von der Hochwasserkatastrophe. Der Boulevard ist an manchen Stellen geradezu explodiert, der darunter verlaufende kleine Wasserlauf war aufgrund der extremen Menge an Regen, der innerhalb kürzester Zeit fiel, so angeschwollen, dass er dort, wo er überbaut war, die Straße an vielen Orten zum Bersten brachte.

explodiertgeborstenkaputtDort aber, wo er (und andere kleine Wasserläufe) frei floss, überschwemmte er Gärten, Keller, Garagen und Souterrainwohnungen.

WasserlaufAlle Häuser und alle Läden sind hier schwer getroffen. Die Haustüren stehen offen, aus jedem Haus, aus jedem Keller und jeder Tiefgarage werden immer noch triefende und verschlammte Dinge geschleppt und an Straßenecken oder einfach vor dem Haus aufgetürmt : vollgesogene Polstermöbel, Matratzen und Deckbetten, aufgequollene Pressspanmöbel, Mikrowellengeräte, Staubsauger, Computer, Fernseher, Wäsche, Kleidung, Kisten und Tüten mit Büchern, Papier … Die Müllabfuhr fährt seit Tagen ununterbrochen Müll ab.

PharmacieSeitenstraßeMüllan jeder Ecke90% der Läden hier im Viertel sind geschlossen. Ihre Scheiben sind durch das Hochwasser, meist aber durch hineinrutschende Autos zu Bruch gegangen und Wasser und Schlamm schossen mit einer Wucht hinein, dass die Inneneinrichtung und selbst schwere Kühlschränke darin herumpurzelten wie Bauklötze. Der Friseur, die Apotheke, der gerade neu umgebaute Tiefkühlsupermarkt, der Patissier, die jüdische Bäckerei, der arabische Metzger, der russische Tante-Emma-Laden, der Zweiradladen, das Bistro, der Pizzalieferant, der Schlüsseldienst und, und, und … und selbst eine kleine Filiale einer Versicherung ist betroffen, und an den Spanplatten, die die Glascheiben vorübergehend ersetzen, kleben Zettel wo man sich im Schadensfall nun hinwenden solle.

assuranceNiemand weiß, ob die Läden hier wieder öffnen werden. Zu groß ist der Schaden, selbst wenn eine Versicherung einen Teil ersetzt, und viele Besitzer der kleinen Läden hatten nicht mal eine Versicherung abgeschlossen. Die Stimmung ist trotz der solidarischen Hilfe der letzten Tage im Völkergemisch des Viertels gedämpft, mitunter verzweifelt. « Tout le quartier est à reconstruire. Moralement aussi. », schreibt heute Nice Matin.

Die Filiale der Credit Agricole hat ebenfalls geschlossen, einschließlich des Geldautomaten. Auch zehn Tage nach dem Hochwasser funktioniert nicht ein Geldautomat im Zentrum von Cannes und viele Filialen der Banken sind weiterhin geschlossen. Kreditkartenzahlung ist in den Bars, Restaurants und Geschäften und selbst an Tankstellen bis auf Weiteres ausgeschlossen. Kein Bargeld am Automaten, keine Kreditkartenzahlung … tausende von Gästen, die zu einem Kongress angereist waren und der Kommerz Cannois kommen dieses Jahr nicht zusammen.

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Morgenröte

MorgenrotEin letzter Gruß aus den Bergen, Sonnenaufgang heute morgen … wir fahren gleich ins verwüstete Cannes, und wie ich gerade erfahren habe, gibt es dort bislang weder Telefon noch Internet. Ich melde mich mit den aktuellen Wasserstandsmeldungen (hmpf) sobald ich kann!

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Parallelwelt Nachtrag

Hier noch ein paar Bilder, weils so schön ist. Morgens noch schönster Sonnenschein, nachmittags bewölkte es sich zusehends. Für morgen ist Regen angesagt. Herbst eben.

BergdorfKreuzHeute gabs überraschenden Besuch. Fünf Menschen wagten mit kleinen Mobilettes den Aufstieg. Wenn Sie wüssten, in welchem Zustand der Feldweg ist, der hier hinauf führt, würden Sie unsere Überraschung verstehen.

MobilettesMobilette bleualtes SchätzchenHund und Katze haben sich nach fast einer Woche aneinander gewöhnt – von Mögen ist aber keine Rede. Obwohl der Hund allerliebst und wirklich brav ist. Meine Katze hingegen ist Prinzessin und dementsprechend zickig. SyraEindrücke vom Herbstspaziergang.

HerbstzeitloseDistelDistel

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Parallelwelten

Blick aus dem FensterNein, keine Katastrophenbilder, damit kann ich nicht dienen. Wir sind in einer anderen Welt, und die Bilder von Cannes und Umgebung scheinen hier sehr unwirklich. Ende der Woche fahren wir wieder bergab und dann sehen wir das, was das Wasser unten angerichtet hat, mit eigenen Augen. Zur Zeit aber sind wir hier, in den Bergen, und es ist schönstes Herbstwetter. Kalt ist es allerdings schon, kaum ist die Sonne hinter den Bergen verschwunden, und im Haus waren es gerade mal 8°C als wir ankamen. Jetzt haben wir den großen alten Schulsaal mit manchmal stark rauchendendem Kaminfeuer immerhin auf 15°C hochgeheizt, in unserem Schlafzimmer sind es jedoch immer noch nur 11°C und es erinnert mich an meine Zeit auf dem Hof, wo ich genau wie hier mit Mütze geschlafen habe (und mit Wärmflasche, Socken und Fleecepullover).

Ansonsten ist es das Paradies. Stille. Abgesehen von den brünftigen Hirschen, die gerade  Tag und Nacht röhren, von Ferne allerdings nur, gesehen habe ich noch keinen von ihnen. Schafe hingegen kommen einmal täglich fressend, mäh mäh, bimmel, bimmel direkt am Haus vorbei.

Schafe von FerneSchafe kommenZiegenkokettunterhalb des HausesIch habe mal einen kleinen Film aufgenommen, schon wegen der Geräusche … ist das nicht hübsch?

Die Sonne scheint, die Laubbäume färben sich wunderbar orangerot, die Lärchen werden langsam gelb und die Pilze sprießen. Wir fanden nur les petits gris, kleine graue Pilze, die sich gut im Laub verstecken, aber wenn man mal den Blick dafür hat, findet man umso mehr. Es gab heute schon eine Pilzpfanne, und eben habe ich versucht Pilze in Öl einzulegen. Das ist auf dem Land ein beliebter Apéro-Snack. Ich bin nicht sicher ob das Rezept gelungen ist. Es gibt so viele unterschiedliche Rezepte wie Pilzsammler würde ich sagen, oder um genau zu sein, wie es Gattinnen von Pilzsammlern gibt. Pilze sammeln ist nämlich eine Männerangelegenheit (wir erwähnen hier nur am Rande, dass ich die ersten petits gris entdeckt habe), Pilze putzen und zubereiten wird dann wiederum gerne der treuen Gattin anvertraut, die zu später Stunde aus tausendundeinem Rezept das vermeintlich richtige aus dem Internet klaubt. Vor zwei Jahren habe ich es schon einmal versucht und die ranzig gewordenen Pilze nach Monaten weggeworfen. Diesmal ließ ich mir das Rezept einer älteren Dorfbewohnerin geben. Die Menge an Essig, in denen ich die Pilze dafür zu kochen hatte, scheint mir aber zweifelhaft. Warten wir’s ab.

un petit grispetit grisdiverse Pilzekleine Ernte

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Wir leben noch!

DANKE! Herzlichen Dank allen, die mich auf welchen Wegen auch immer angeschrieben haben, sich sorgen und sogar Hilfe angeboten haben: es geht uns gut! Wir hatten Glück, haben nachts nur 5 cm Wasser im Erdgeschoss rausgewischt, ein bisschen Sachschaden, Bücher, Papiere, Ordner und ein paar Kleinigkeiten, die ich dummerweise auf dem Boden gelagert hatte, habe ich weggeworfen. Die Nachbarn im Erdgeschoss haben sich von ihrem Teppichboden getrennt, aber sonst keine weiteren Schäden bei uns. Wir haben an unserem Wohnort keinen Keller, keine Garage und fanden das Auto unberührt in der Straße …

Wir hatten uns trotz der Wassermassen, die abends vom Himmel stürzten und den Sirenen der Feuerwehr, die wir hörten, nicht allzusehr gesorgt, es regnet oft gewaltig hier im Süden, Keller sind schnell überschwemmt und Gullis laufen über, einmal mehr also, wir haben keinen Keller und wohnen etwas hügelaufwärts, kein Grund sich zu sorgen. Gegen zehn hörten wir die afrikanischen Nachbarn im Erdgeschoss laut im Flur diskutieren, aber sie sprechen immer etwas laut, und wir dachten, so lange sie uns nicht rufen, geht es uns nichts an. Dann brachen TV und Internet zusammen, Monsieur hob den Telefonhörer ab, die Linie war tot, auch das kennen wir schon, tant pis, gehen wir mal früh schlafen … aber vorher ging ich doch mal nach unten, um zu sehen, warum die Nachbarn so aufgeregt waren. Oups: Das Wasser stand knöchelhoch im Flur, die Nachbarn trugen ihr Hab und Gut nach draußen und sahen ansonsten ziemlich hilflos zu, wie das Wasser stieg. Nachdem wir den Gulli im Hinterhof, der von einer angeschwemmten Holzplatte blockiert war, wieder befreit hatten, lief das Wasser wenigstens wieder halbwegs normal ab, aber Flur und beide Wohnungen (eine davon mein Arbeitszimmer) im Erdgeschoss waren leicht überflutet. Ich watete durchs Wasser und versuchte in Eile alles hochzuräumen, und wischte dann eimerweise Wasser raus.

avanti gerettet K800_DSCN6918Meine persönliche Katastrophenrettung war ein klitschnasser Haufen zusammengeklebtes Papier, der letzte Beweis meiner mehrjährigen Kolumnentätigkeit, nachdem man mir einst den Computer mit den elekronischen Daten gestohlen hatte, den ich nachts noch Blatt für Blatt auf Küchenkrepp auf jedem freien Stück Fußboden in der oberen Wohnung ausbreitete. Dann sank ich ins Bett.

Am nächsten Morgen immer noch kein Telefon, kein Internet, kein TV, egal, wir wollten eh in die Berge fahren und taten das auch. In unserem Viertel keine sichtbaren Schäden, wir wussten von nichts. Erst auf der Autobahn, als wir urplötzlich im Stau standen, schaltete ich das Radio an, um zu hören, ob es besser wäre, die Autobahn vielleicht wieder zu verlassen: jede Menge Anrufer boten auf dem Regionalsender Bleuazur Hilfe an „wir können zwei Personen aufnehmen“, „wir haben Platz für Tiere“ wir haben ein Klappbett abzugeben“, „wir haben Decken und Matratzen“ … Monsieur und ich sahen uns verständnislos an. Erst bei den nächsten Nachrichten erfuhren wir von der Katastrophennacht in und um Cannes: Tote bei einer Flutwelle in einem Altersheim in Biot. In Biot? Das liegt doch so hoch? Es erschien uns unglaublich. Tote, Verletzte, Vermisste … Menschen, die ihr Auto aus der Tiefgarage retten wollten und dabei ertranken, Autos, die bis ins Meer gespült worden sind, Menschen, die spurlos verschwunden sind, als sie nach den Nachbarn schauen wollten, entwurzelte Palmen auf der Promenade des Anglais in Nizza, Plünderungen in den Geschäften der Rue d’Antibes … und der Präsident persönlich wurde in Biot erwartet … und dann sahen wir die ersten Zeichen der Verwüstung: langsam krochen wir auf der schlammigen und schon wieder einspurig befahrbaren Autobahn entlang; das kleine Flüsschen la Brague, das mit den sintflutartigen Regenfällen zu einem reißenden Strom angeschwollen war, hatte dort kilometerweit alles überflutet. Rechts sahen wir übereinandergestapelte Wohnwagen auf einem Campingplatz und entwurzelte Bäume, Schlamm, Schlamm und Steine überall … wir zögerten kurz und überlegten vielleicht umzudrehen und nach Hause … aber auf der Gegenseite war der Stau noch viel schlimmer und im Radio hieß es: bleiben Sie zuhause, alle Straßen sind gesperrt … so fuhren wir langsam weiter in die Berge und wurden hier wie Überlebende einer Katastrophe begrüßt. Aber wir haben wirklich erst hier bei funktionierendem Internet (hier gibt es kein TV) das Ausmaß der Schäden in Biot, Mandelieu, Nizza und Cannes entdeckt. Das haben Sie sicher alles schon früher als wir im Fernsehen gesehen. Uns schockiert es, weil wir die Orte so gut kennen: Meine kleine Bankfiliale der Credit Agricole, die vor kurzem noch umgebaut worden ist, der kleine Parkplatz, auf dem sich jetzt zerdrückte Autos stapeln, die Apotheke an der Ecke des Boulevard République sind völlig verwüstet; Straßen, die ich täglich fahre, sind aufgeborsten wie nach einem Erdbeben, der Supermarkt, wo ich einkaufe, der nagelneue Bahnhof, der gerade erst eingeweiht worden ist, die Rue d’Antibes unter Wasser und Schlamm …

Ich habe versucht, alle Freunde in Cannes und Umgebung zu erreichen, nicht alle habe ich bislang erreicht: in manchem Stadtteil von Cannes (von den anderen Städten und Gemeinden weiß ich es nicht) gibt es immer noch keinen Strom und kein Telefon, geschweige denn Internet, und nicht bei allen ist es so harmlos gewesen wie bei uns: wir haben von weggespülten Motorrollern gehört, von verwüsteten Autos, überfluteten Kellern, Garagen und Souterrainwohnungen … aber das alles sind nur Sachschäden, auch wenn es einem die Tränen in die Augen treibt und man vielleicht deprimiert und verzweifelt vor den Verwüstungen steht.

Unsere Gedanken sind bei allen, die von dieser Katastrophe noch stärker betroffen sind und/oder Angehörige verloren haben.

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Ich war fremd – die Blogparade

Voilà, hier kommt also das Ergebnis der Blogparade, die Friederike vom Landlebenblog ausgerufen hatte. Ich verlinke den Artikel –> HIER. Darin finden Sie wiederum links zu 30 Menschen, die auf ihren Blogs erzählen, dass sie sich fremd fühlen, sei es in der Familie, in der Stadt, im Land oder in der Welt. Meinen Text finden Sie auch noch einmal, es ist vielleicht nicht der stärkste zum Thema, es brannte mir wohl gerade nicht so auf der Seele das Fremdsein, ich habe es irgendwie integriert in mein Leben, meistens zumindest. Dabei begleitet mich das Anderssein, das Fremdsein schon immer, das Gefühl nur am Rand zu stehen und zuzuschauen bei dem, was alle tun und das für alle anderen so selbstverständlich scheint. „Bereust du es nicht, keine Kinder zu haben?“, wurde ich neulich gefragt. Nein, antwortete ich, ich bereue es nicht. Ich weiß nicht mal, wie es ist Kinder haben zu wollen, ich kenne dieses Gefühl, dieses Bedürfnis nicht, das für die meisten Frauen (und Männer?) so normal zu sein scheint. Ich wollte keine Kinder. Heute kann ich es so sagen, aber ich wusste es lange selbst nicht und wartete immer darauf, dass sich der Wunsch nach einem Kind einstellen möge, aber er kam nicht. Eine Familie wollte ich auch nicht. Aber ich wollte einen Partner, einen echten Seelen-Partner, oder wollte ich eine Partnerin? War das vielleicht die Antwort auf mein Fremdsein? Aber nirgends fand ich, wen oder was ich suchte, I still haven’t found what I’m looking for, war lange meine Hymne. Fremd, fremd immer und immer wieder. Immer stand ich als aufmerksame Beobachterin dabei, versuchte alles genau so zu machen wie die anderen, aber ich dachte „es fühlt sich nicht richtig an, das ist es nicht“. Als ich beruflich da war, wo ich sein wollte, stand ich fremd auf den damals so beliebten Gartenparties herum, alle schienen sich so gut zu amüsieren und ich konnte am nächsten Tag lesen, dass es ein rauschendes Fest gewesen war, aber ich hatte mich den ganzen Abend gefragt, was mache ich hier? Vielleicht kann man gut weggehen, wenn es so ist. Immer wieder weg und weiter weg. Fremd bin ich sowieso. So zu tun als ob, habe ich gelernt. Anpassen tue ich mich schon mein ganzes Leben. Vielleicht ist dann das Ausland auch nur eine weitere Station, unvermeidbar geradezu. Aber es war dann schon ein Schock, das habe ich ja schon mehrfach erzählt. Und die Einsamkeit und das Fremde waren so präsent wie nie zuvor. Und warum es ausgerechnet dieses Bergdorf geworden ist, in dem ich mich endlich hinsetzen konnte, Ruhe fand und bleiben wollte, das verstehe ich manchmal auch nicht. Der Film Out of Rosenheim oder Bagdad Café mit Marianne Sägebrecht fällt mir gerade wieder ein.

Vielleicht erklärt der Film mein Leben, denke ich gerade: An dem so verlassenen und absurden Ort, an den es einen verschlagen hat, einfach zu bleiben und dort anzufangen zu leben. Und sich dabei selbst finden. Vielleicht ist es das, was mir passiert ist. Fremd bin ich deshalb nicht weniger, aber das kenne ich ja schon. Das gehört wohl zu meinem Leben und es drückt mal mehr, mal weniger, und immerhin ist es weniger befremdlich sich im Ausland fremd zu fühlen als in Deutschland. Und wie tröstlich, dass ich mit meinem Fremdeln nicht alleine bin. Sehr oft habe ich beim Lesen der anderen „Ich war fremd-Texte“ genickt und gedacht „Ja, genau! Das hätte ich auch noch sagen sollen!“ oder „Kenne ich!“ und „So ist es bei mir auch!“ Vielleicht geht es Ihnen beim Lesen ähnlich?

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Poesie und Jazz

poesie et jazzBeinahe unbemerkt, nur wenige unscheinbare Plakate kündigten das Event an, fand gestern im Suquet, genauer gesagt im kleinen, versteckten Garten der ehemaligen Ölmühle Moulin de Forville, später Wohnhaus des Bildhauers Victor Tuby, ein kleines, feines Konzert statt: la poésie rencontre le jazz. Ich erwartete ehrlich gesagt nichts Besonderes, freute mich nur auf einen netten Abend an einem ungewöhnlichen Ort jenseits des cannoiser BlingBling. Das Publikum war, wie üblich in Cannes, überwiegend … äh …, nun sagen wir, nicht besonders jung, und der Abend begann wie erwartet auch ganz klassisch: Richard Rivault interpretierte Chansons von Claude Nougaro, Serge Gainsbourgh und Henri Salvador. Der vielleicht letzte große Straßenpoet Pierrot deklamierte Rimbaud, Baudelaire, Louis Aragon und gab zu späterer Stunde noch einige der kalauerigen Chansons von Boby Lapointe zum Besten. Nach der Pause aber begann das angekündigte événement musical und man bekam was auf die Ohren. Der Schriftsteller und Poet Alain Isaac Sasson interpetierte seine eigenen Texte, musikalisch begleitet von Philippe Balatier. Wow! Letzterer war für mich eine wahrhaftige Entdeckung. Niemals zuvor habe ich mich für elektronische Musik begeistert. Es war nicht nur ein Vergnügen ihn zu hören, sondern auch ihn so virtuos und leidenschaftlich auf mehreren „Instrumenten“ spielen zu sehen. Das Zusammenspiel von Stimme und Text, elektronischer Musik und Gesang (eine Cellistin spielte und sang) war großartig. Und hat sogar das nicht gerade junge Publikum mitgerissen. Zuhause musste ich natürlich googeln: Philippe Balatier ist Mitbegründer der Gruppe NoJazz, die eine, laut eigener Aussage, explosive Mischung aus kubanischen Rhythmen, Funk und Elektro-Jazz spielen, Jazz für Leute, die keinen Jazz mögen … NoJazz eben. Anbei ein Stück, das aber nur annähernd die gestrige Live-Stimmung trifft.

Das Video sprengt ein wenig den Rahmen … die Musik ist einfach zu groß ;) aber das Video passt so schön zu dem Mondspektakel der letzten Nacht!

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Viva Italia – ein Ausflug

K800_DSCN6609Bizarrerweise verreise ich, seit ich in Frankreich lebe, nicht mehr wirklich gern. Ich, die ich immer nur weg wollte, will jetzt nirgends mehr hin. Das Leben in Frankreich hat mein Fernweh geheilt, ich habe meine tägliche Dosis Fremdheit im Alltag. Wenn man aber da lebt, wo andere Urlaub machen, dann hat man da leider Alltag und keinen Dauerurlaub, wie ich ja nicht müde werde zu erklären. Es ist Alltag, trotz Sonne, Strand und Meer, trotz Palmen und alledem, was für andere den Urlaub hier ausmacht. Mir zumindest gelingt das Abschalten nicht, selbst wenn ich, was für ein Luxus, noch jetzt unter der milden Septembersonne morgens im Meer schwimmen gehen kann. Aber wo kann ich denn mal die Leichtigkeit der Côte d’Azur spüren?

PamplemousseKatze AgaveBrunnen

Sie werden es nicht glauben, gleich nebenan, an der Riviera! In Italien, nur ein knappes Stündchen entfernt von hier. Es funktioniert wirklich, ich schalte ab, lasse mich treiben, flaniere durch kleine Gassen, sitze auf Mäuerchen mit Blick auf das Meer und lasse mir die Sonne auf den Rücken scheinen. Un vrai dépaysement, und ich muss ich mich nicht mal anders anziehen, alles ist wie hier, der Himmel, die Sonne, die Palmen und doch ist alles anders. Same, same, but different. Und vor allem der caffé ist besser. Quel plaisir!

Fassade roseWäscheFassade grünMotorradkatzeSpiegelBalkonHimmelSakrale Fassade

Das letzte Wochenende haben wir mit Freunden in Italien verbracht: Beginn und Ende am Meer …

RivieraBlick aufs MeerTerrasseBordighera

dazwischen die Berge

TrioraFriedhofTerrassenEingang FriedhofTür 1HochhausSteinmacchinasonnendurchflutetFassadenDetailOratoireDelphineDurchgangschwarze KatzeTür 2Brücke in Taggia

Wundervoll! Merci Vero und Christian pour l’organisation de ce week-end parfait et superbe!

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Zeichen von früher

Türen öffnen sich langsamSie kennen das schon, ich mag das alte Cannes, das Cannes der kleinen Leute und ich schaue gern in die schäbigen kleinen Ecken, für die man sich hier schämt, und die dann auch, so scheint es mir, kaum habe ich darüber geschrieben, aus dem Stadtbild verschwinden. Erinnern Sie sich noch an die kleine Parfümerie Spurway? Weg. Dort ist jetzt eine Großbaustelle, ein ganzer Häuserkomplex musste einem Hotelprojekt weichen. Das Restaurant Pacific? Auch weg. Ach, sagen  Sie vielleicht abschätzig, nicht so schlimm, so gut war es da nicht. Nein, das Essen war vielleicht nicht top, aber das Ambiente war so einzigartig. So etwas finden Sie in Cannes nicht mehr. Einst wollte ich über den Hundefriedhof der englischen Aristokratie schreiben, aber bis ich dort war, klaffte an der Stelle des kleinen Friedhofs ein Loch, eine moderne Villa ist dort in der Zwischenzeit entstanden, es gibt nur noch ein paar Marmorplatten in der Wand. Ich muss mich beeilen, wenn ich die paar alten Ecken von Cannes noch dokumentieren will, bevor sie der Stadtbereinigung zum  Opfer fallen. Etwas, über das ich schon ein paar Mal buchstäblich gestolpert bin, zeige ich Ihnen hier.

qu'est-ce que c'est?Wissen Sie, was das ist? Nein? Nie gesehen? Kein Wunder, diese unscheinbaren Dinger befinden sich auf Bodenhöhe, man muss den Blick senken oder man stolpert vielleicht darüber (mit ein Grund, weshalb die komischen kleinen Gebilde verschwinden!) Nein, keine Hundeanleinstation, diese Dinger stammen aus einer Zeit, als die Straßen und Wege noch nicht asphaltiert waren und man die Schuhe noch vom daran klebenden Straßendreck befreien musste. So etwas kennt man in der Stadt ja nicht mehr, aber laufen Sie mal auf dem Land durch matschige Feldwege, wenn sich lehmige Erde an Ihren Gummistiefeln festsaugt, dann wissen Sie von was ich spreche. So war es in der guten alten Zeit überall, auch im damals noch nicht so feinen Cannes. Décrottoir heißen die Dinger hier, Fußabkratzer zu deutsch. Und man kratzte bei schlechtem Wetter, wenn der Straßenmatsch an den Schuhen klebte, diesen an den kleinen Metallstangen vor der Haustür ab, sodass man nun mit sauberen (naja, alles ist relativ) Schuhen hineingehen konnte.

K1600_DSCN6588Ich finde den Begriff ein bisschen eklig, la crotte ist heute nämlich das Synonym für Kot und meint häufig auch das Hundehäufchen, la crotte de chien, und ich dachte anfangs, es wäre eine Hundekotabkratzstange. Naja, so falsch ist das nicht, wenn man die Menge an herumliegenden Hundehaufen sieht. Aber früher meinte „je suis tout crotté“ nicht, dass man voller Hundekot sei, nein, man hatte Lehmklumpen an den Schuhen oder Lehmspritzer an der Kleidung. Im Zuge der Asphaltierung der Straßen und Gehwege ist der Lehm aus der Stadt verschwunden und damit verschwanden auch die Fußabkratzer. Heute hat man gegen den Sraßenstaub nur noch Fußmatten, le paillasson. Da steckt übrigens noch la paille, das Stroh drin. Ich habe gestern eine kleine Tour durch die Altstadt gemacht, ich dachte vor den alten Häusern fände ich vielleicht noch einige décrottoirs, aber nein, zu touristisch und zu sauber (naja, auch hier ist alles relativ) ist die Altstadt, les décrottoirs, die Zeugen einer anderen Zeit sind heute nur noch unnütze kleine Stolperfallen und wurden dort schon lange entfernt. Die hier gezeigten décrottoirs stammen alle aus dem Wohnviertel entlang der Avenue de Grasse, die früher wie heute eine Ausfallstraße war, Richtung Grasse wie der Name schon sagt, und zunächst weniger städtisch.

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Über das Fremdsein

Das erste Mal bewusst fremd fühlte ich mich, als wir von der hessischen Kleinstadt (aber immerhin neben der Großstadt) in ein Dorf im vorderen Odenwald gezogen sind. Knapp dreihundert Einwohner damals, unsere Telefonnummer hatte nur drei Stellen, ich kann sie noch immer auswendig. Ein Jahr lang ging ich im Nachbardorf in eine nageleue sogenannte Mittelpunktschule, die die Zwergschulen in den einzelnen Dörfern ersetzt hatte. Dort wurde ich bestaunt wie ein alien. Weiterlesen

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Wool War I … kleine Soldaten im Großen Palais

Großartig! Die Installation Wool War I, an der ich strickend teilgenommen habe (wir berichteten hier und hier) wird anlässlich der diesjährigen Journées du Patrimoine, (Tage des offenen Denkmals) im Grand Palais in Paris zu sehen sein.

wool warDas Grand Palais, ursprünglich als Ausstellungshalle gebaut und auch heute wieder Ausstellungsort verschiedener Museen, war im Ersten Weltkrieg in ein Lazarett umgewandelt worden. Die ersten 780 Verwundeten des Großen Krieges wurden hier verarztet und gepflegt. 780 ist exakt die Zahl der kleinen, fragilen Wollsoldaten, die Anna von Délit Maille nun dort aufgestellt hat, eine berührende Installation, wie ich in Roubaix (dem ersten Ausstellungsort) selbst erleben konnte. Das Grand Palais hat für diese nur vier Tage dauernde Installation (davon zwei Tage exklusiv für Schulklassen und Museumsangestellte (!)) immerhin ein dossier pédagogique erstellt, eine Begleitbroschüre, die das Projekt erklärt. Sehr liebevoll gemacht mit einem zu Herzen gehenden und leicht verständlichen Text (leider bislang nur in französisch).

Falls Sie am übernächsten Wochenende zufällig in Paris sein sollten, vielleicht haben Sie die Gelegenheit sich die Installation anzusehen?! Und falls Sie dort Damen entdecken, die ein blaues Wollfädchen an ihrer Kleidung tragen … das sind einige der 500 tricoteuses der kleinen Wollarmee.

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Sommergedanken

Noch habe ich den Text über meine Sommererlebnisse nicht fertig, schon ist er zeitlich quasi überholt, denn seit gestern ist bereits wieder la rentrée, Schulanfang und Arbeitsbeginn nach den langen Sommerferien. Allez! On y va! Auf gehts! Wer will da noch Vergangenes aus den letzten Wochen lesen? Weiterlesen

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Sansibar oder der letzte Grund

Führen wir das Schreib-Thema doch noch ein bisschen aus. In meinem Kopf brodelt es gerade, eine Idee, ein Thema formt sich zu einem Text, der irgendwie bald ans Licht will. Das sind so Momente, in denen ich Monsieur beim Essen schweigend gegenübersitze und anscheinend nur leer vor mich hinstarre. Dass er mich so lassen kann, über Stunden schweigend, versunken und abwesend, ist eine seiner besonderen Qualitäten. Weiterlesen

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Über das Schreiben

„Schreibst du jetzt was?“, fragt mich gespannt meine kleine Enkelin, als ich den Klapprechner öffne und lehnt sich weit vor, um gleichzeitig mit in den Computer zu schauen. Ich habe immer so nette bunte Hintergrundbilder, die schaut sie gerne an. „Schreiben?“ Fast hätte ich hysterisch gelacht. Aber ich bemühe mich freundlich zu bleiben. Immerhin habe ich ihr einmal erklärt, dass Schreiben am Computer auch Arbeit sein kann und dass ich in der Regel arbeite, wenn ich am Computer sitze. „Nein“, sage ich, „ich schaue nur mal kurz, ob ich elektronische Post habe, die dringend beantwortet werden will“ Weiterlesen

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Zehn Jahre

K800_IMG_20150705_132906Heute vor zehn Jahren bin ich nach Frankreich aufgebrochen. Vorhin habe ich mein erstes französisches Tagebuch wieder rausgekramt und bin beim Lesen in Erinnerungen versunken.“Ich bin auch nicht nervöser als sonst beim Verreisen“ schrieb ich sehr cool am Flughafen eine halbe Stunde vorm Einsteigen in den Flieger. Vermutlich musste ich mich selbst beruhigen. Ich war sehr nervös. Und das Ankommen auf meinem Biohof war ein Schock. Das habe ich in meinem ersten Büchlein ja schon einmal beschrieben und will Sie damit nicht langweilen. Aber ich dachte damals wirklich, auf einer stillen romantisch-schönen Alm zu landen, und dann war es so ein lautes und alternativ-chaotisches Durcheinander. Weiterlesen

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