Sonntag. Ich wache auf und liege lange im Bett herum, ich genieße es, es ist mollig warm, denn wir haben gestern endlich die Leintuch-Decken-Variante gegen das Übergangsdeckbett getauscht, es ist eine Wohltat, außerdem ist seit gestern die Heizung an; ich denke an das Telefonat, das ich gestern Abend geführt habe (ein Freund aus Göttinger Tagen, stark erkrankt an MS, hat sich assistiert das Leben genommen, ich wusste nicht, dass das in Deutschland jetzt geht), und ich denke an den Film, den ich gestern spät noch gesehen habe (Nyad). Als Pepita noch da war, konnte ich das nicht, lange wach im Bett liegen – sie hörte sofort, wenn ich aufwachte und miaute sogleich neben dem Bett, egal ob Sonntag oder Montag: Hallo! Futter! Wenn ich nicht baldigst aufstand, hüpfte sie ins Bett und quengelte und schnurrte und stapfte auf meinem Bauch herum.
Und schon weine ich ein bisschen. Ich denke den ganzen Tag an sie. Beim Frühstück hüpft sie nicht auf meinen Schoß, beim Mittagessen sitzt kein Kätzchen auf dem Stuhl links von mir und legt das Köpfchen auf den Tisch. Sie läuft auch nicht angelegentlich in die Küche, wenn ich koche, um dann, je nachdem, nach was es roch, jämmerlich bis wild miauend um Fleisch oder Fisch zu betteln, oder, wenn es weniger interessant roch, bei Tomatensoße vielleicht, energisch die Tür des Unterschranks zu bearbeiten, hinter der ihr Futter lagerte. Und auch das zeitlich stets unpassende Geräusch des Schabens und Kratzens im Katzenklo, das durch die ganze Wohnung drang, wenn etwa Monsieur gerade mit einer wichtigen Person telefonierte oder wenn wir mit Gästen zu Tisch saßen: Schrrrbbb, schrrrbbb, schrrrrbbb, dann ein kurzer Moment Stille, gefolgt von noch energischerem Schrrrbbb, schrrrbbb, schrrrrbbb, ist nicht mehr. Ich höre allerdings manchmal Fress- und Schrrrbbb-Phantomgeräusche. Dabei habe ich das Futter verschenkt und das Katzenklo entsorgt. Phantombilder habe ich auch. Aber das dunkle Ding unter dem Couchtisch ist keine zusammengerollte Katze, sondern sind die nachlässig abgestellten Schuhe des Gatten.
Ich stehe auf, mache mir einen Kaffee, lese im Internet herum und beantworte eine Mail. Dann schaue ich nach den abgetropften Quitten. Ich fürchte, es wird nicht mal zwei Gläser Gelee geben.
Die Sonne scheint wieder (nach mehreren Tagen Regen), aber es ist sehr windig. Am Donnerstag war ich in Nizza, es war grau und das Meer war aufgewühlt wie selten. Es passte zu meiner Stimmung. Schwere See, schwere See, mein Herz klang es in meinem Kopf. Seitdem höre ich wieder alte Alben von Element of Crime. Entdecke das neue Album, verlässlich schwermütig. Und immer wieder Texte mit Katzen. Ist mir vorher nie aufgefallen.
Monsieur aber legt jetzt Moustaki auf, passt stimmungsmäßig auch.
Ich gehe ins Bad, dusche und wasche mir die Haare. Bis ich fertig bin, ist es Zeit zu gehen. Zur Vorpremiere dieses Films mit dem komischen Titel La passion de Dodin Bouffant – es geht ums Kochen und um die Liebe.
So viel wusste ich zumindest vorher. Nun, es ist ein sehr ästhetisch gedrehter Film, ruhig, lang und langsam, es wird viel französisches Essen zubereitet und gegessen, andeutungsweise lieben sich der Schlossherr (Benoît Magimel) und seine Köchin (Juliette Binoche), sie haben über die Jahre eine stille Vertrautheit erreicht (sie waren btw. im echten Leben ein Paar und kochen beide leidenschaftlich gern), und sprechen wenig, die Handlung ist eher nebensächlich. Monsieur musste mehrfach mit einem beherzten Kneifen ins Knie vor dem Einschlafen bewahrt werden. Anschließend gingen wir essen. Klar. Aber jetzt dann doch nicht, wie vorher angedacht, zum Griechen, sondern zu einem klassischen Franzosen, ich hatte Lust auf Pot au Feu. Trotz des Windes sitzen die Menschen auf den Restaurantterrassen und schauen verweht in die Sonne. Für einen Platz mussten wir anstehen, bekommen aber recht bald einen netten Tisch, wenn auch im Inneren, dafür ohne Wind (Pot au Feu gabs nicht, wir essen gegrillte Sardinen und Ceviche de Dorade als Entrée, Magret de Canard und eine Variante von Bouillabaisse als Hauptspeise, sehr satt, daher kein Dessert, Espresso). Während des Essens erfahre ich, dass der Jugendfreund von Monsieur nebst Gattin nicht am Donnerstag zum Mittagessen kommen, sondern schon am Mittwochnachmittag und sie zum Abendessen bleiben. Das wirft meine ganze Planung durcheinander.
Zuhause liegt ein Paket von A***, wo ich der Schnelligkeit halber zwei Bücher von Rebecca Dautremer, meiner langjährigen Lieblingsillustratorin, bestellt habe, damit ich sie am Mittwoch von ihr signieren lassen kann. In der Mediathek von Ranguin, einem eher sozial schwachen Stadtteil von Cannes, ist derzeit eine überraschend tolle Ausstellung über sie und ihre Buchillustrationen. Am Mittwochnachmittag wird sie ebendort einen Vortrag halten. Da kann ich jetzt leider nicht mehr dabeisein, es betrübt mich, bin aber froh, dass ich mir wenigstens die Bücher gegönnt habe. Vergnügt blättere ich im “Stundenbuch des Jacominus Gainsborough” und in ihrem Artbook.

Die Ausstellung hatte ich mir am Freitag angesehen, um mir etwas tröstlich Schönes zu gönnen – ich habe ehrlich gesagt nicht viel erwartet, aber die Ausstellung, die Mediathek selbst, insbesondere die Abteilung für Kinder- und Jugendbücher dort, sind toll und bedauerlicherweise an einem verregneten Nachmittag in den Schulferien so gut wie gar nicht besucht.


Zurück zu dem, was wir heute machen. Sechzehn Uhr. Zeit für eine späte Sieste.
Um siebzehn Uhr nehme ich mich dem Quittengelee und dem Quittenbrot an, das ich gestern vorbereitet habe. Letztes Jahr habe ich zum ersten Mal Quittengelee gemacht und Quittenbrot – beides mochte ich bislang nicht besonders, aber ich hatte die super aromatischen Quitten der Nachbarin aus dem Bergdorf geschenkt bekommen und wollte sie nicht umkommen lassen. Man kann es ja immer auch verschenken, dachte ich, und siehe da, das Gelee gelang und ebenso das Quittenbrot, man riss es mir aus den Händen, und ich selbst mochte es zu meiner großen Überraschung auch.

Dieses Jahr bekam ich erneut die wundervollen Quitten, kann mich aber beim besten Willen nicht mehr erinnern nach welchem der tausendundein Rezepte, die es gibt, ich vorgegangen bin. Ich habe mir nichts notiert und erinnere mich an gar nichts mehr. Das erschüttert mich auch zunehmend, ich hatte früher mal so ein gutes Gedächtnis, jetzt vergesse ich Dinge quasi sofort. Habe ich es mit Zitronensaft gekocht? Oder mit einer Vanilleschote? Habe ich die zerkochten Quitten mit dem Pürierstab kleingekriegt oder nur durch ein Sieb gestrichen? Oder hatte ich mir einen Flotte Lotte geliehen? Dieses Jahr schreibe ich es auf, wenn es gelingt, weiß ich, wie es ging, wenn nicht, probiere ich es beim nächsten Mal anders.
Mit den Quitten verbringe ich den Abend bis 21Uhr. Ächz. Ich weiß, warum ich mich nicht mehr daran erinnere, zu viel Arbeit. Das Quittenbrot scheint gelungen zu sein, es trocknet jetzt vor sich hin, und Monsieur hat den Topf ausgeleckt. Ob das Gelee fest werden wird, sehen wir morgen (nur dreieinhalb Gläser!).
Keine Ahnung, ob etwas im TV läuft. Zu mehr habe ich jetzt keine Kraft mehr.
So war mein Tag. Danke fürs Lesen!
Ich reihe diesen Text in die gesammelten Tagebuchbloggereien bei Frau Brüllen ein, die uns jeweils am 5. des Monats fragt: Was machst du eigentlich den ganzen Tag? Kurz: Wmdedgt. Wissen Sie natürlich schon alles. Hier sind die anderen November-TagebuchbloggerInnen.





































































































































