Was machst du eigentlich den ganzen Tag

Diese Frage (kurz WMDEDGT) stellt eine gewisse Frau Brüllen jeden Monat am 5. und ich wollte schon lange mal mitmachen, bislang fiel es mir aber immer erst ein, wenn ich die Ergebnisse der diversen TagebuchbloggerInnen dann am 6. oder 7. las. Ich habe zwar einen Terminkalender, aber ich nutze ihn kaum. Ich arbeite zuhause, habe selten Außerhaustermine, und die drei Verabredungen, die ich im Monat so treffe, behalte ich auch so im Kopf. Für mich ist es auch nicht wichtig, ob es der 4. oder der 7. ist, sondern ob es Montag (Muskeltraining), Dienstag (Schwimmen) oder Samstag (Einkaufen) oder eben Sonntag (frei, in der Regel) ist. Diesen Monat ist es anders. Ich hatte einen Zahnarzttermin am 5. morgens um Viertel nach Zehn. Prima, dachte ich, darüber kann ich dann ja bloggen.

Gerade habe ich mal auf den Blog von Frau Brüllen gespickt, und OMG, es ist noch nicht mal 18 Uhr und so viele haben schon von ihrem Tag geschrieben. Ich fürchte, ich werde erst kurz vor Mitternacht fertig.

Ich habe extrem tief geschlafen und wache erst auf, als Monsieur um 8Uhr die Fensterläden aufreißt mit den Worten C’est une magnifique journée! Er lässt dabei das Fenster aufstehen und ich habe das Gefühl als rolle der Straßenverkehr direkt durchs Schlafzimmer. Ich bin wahnsinnig lärmempfindlich und dieser Lärm ist der Grund, weshalb ich quasi sofort aufstehe. Ich ertrage ihn nicht. Ich ertrage auch nicht das (für meine Begriffe) zu laut eingestellte Radio in der Küche und drehe es automatisch leiser, egal, ob es France Info ist, was Monsieur morgens schon gern hört oder der Schnulzensender Radio Nostalgie, der schöne französische Schlager bringt. Ich komme morgens schwer in die Gänge, ich brauche Zeit, einen Kaffee und ich will erstmal nichts reden, hören oder entscheiden müssen. Für Monsieur, der schon seit zwei Stunden wach ist, und der bereits im Moment des Augenaufschlagens einsatzbereit ist, ist mein Morgenzustand immer nur schwer auszuhalten. Er hat schon Geschirr gespült, ist über alle politischen Ereignisse informiert und braucht einen Gesprächspartner. Ohne zu reden schnippele ich zwei Schüsselchen Obstsalat, eines fülle ich mit Müsli und Joghurt auf, das andere schiebe ich Monsieur hin. Ich braue mir meinen eigenen Kaffee, den von Monsieur zubereiteten kann ich nicht trinken, flüssiger Teer nenne ich das. Dann verschwinde ich mit dem Müsli und dem Kaffee vor den PC und lese Mails, blättere ein bisschen in Facebook und lese den einen oder anderen Blogbeitrag. Kurzfristig mache ich für das Mittagessen als Dessert einen Flan patissier. Das ist eine Art Vanillepudding, der nach dem Kochen noch vierzig Minuten in den Backofen geschoben wird. Es ist ein Pudding aus einem Anrührpülverchen, aber ich liebe ihn. Ich rede mir ein, dass der weiche Pudding, das einzige sein wird, was ich nach dem Zahnarztbesuch essen kann, aber vermutlich brauche ich einfach einen Trostnachtisch. Dann ins Bad, kurzentschlossen wasche ich doch die Haare, es wird spät, ich brauche etwa eine halbe Stunde zu Fuß bis zum Zahnarzt, der seine Praxis in der Innenstadt hat. Der Flan ist auch noch nicht fertig. Letztlich bringt Monsieur mich näherungsweise mit dem Auto hin, er fährt weiter und kauft Farbe, Pinsel und eine Rolle. Wir haben nämlich Baustelle zu Hause. Seit Mittwoch letzter Woche. Davon aber später. WartezimmerJetzt zum Zahnarzt. Seit einer Woche, seit ich weiß, dass unter einem Inlay und zwei Kronen Karies ist, überlege ich, was ich machen soll. Hier in Frankreich werden die zu überkronenden Zähne in der Regel devitalisiert. Sonst zahlt die Krankenkasse nicht. Ich habe gar keine Krankenkasse und könnte also frei entscheiden, ob devitalisieren oder nicht, ich habe viel im Internet gelesen, ohne zu einer Lösung zu kommen. Der Zahn ist sensibel, das heißt, ich spüre ihn. Letztlich entscheiden wir mit dem Zahnarzt, ihn zu devitalisieren und zu überkronen. Ich unterzeichne einen Kostenvoranschlag, der mich schlucken lässt. Klar ist, die anderen beiden Kronen, Karies hin oder her, kommen erst nächstes Jahr dran. Dann fahre ich auf dem Zahnarztstuhl nach unten, ich hatte vorher überlegt, ob ich für den Blog vielleicht ein Foto von den Gerätschaften machen könnte, aber daran denke ich nicht mehr. Ich könnte einen ganzen Blogeintrag über Zähne machen, aber ich habe mich bislang nicht getraut. Ich denke an die vielen zahnlückigen Menschen in den Bergen, die sich solch teure Reparaturen nicht leisten können.Dort lässt man sich kaputte Zähne einfach ziehen und wenn alle Zähne weg sind, eben einen Zahnersatz machen. Docteur T. ist mein x-ter Zahnarzt in Frankreich, bislang war ich nirgends richtig zufrieden, der einzige, mit dem ich halbwegs klar kam, starb letztes Jahr beim Schwimmen im Meer an einem Herzinfarkt. Dieser hier wurde mir von einer seriösen (deutschen) Bekannten empfohlen, ich will ihm vertrauen, aber wie überall, auch im medizinischen Bereich ist man in Südfrankreich lockerer. Da wird mit der Assistentin geplaudert und gelacht, zwischendurch telefoniert, auch die Assistentin telefoniert, als ihr Handy klingelt und lässt den Absaugschlauch in meinem Mund hängen. „Keine Sorge,  ich bin in ihrem Zahn“, beruhigt mich der Zahnarzt, der meine Verunsicherung zu spüren scheint. Gottseidank spüre ich nichts, die Anästhesie wirkt gut und nachhaltig. Fast zu gut, erst jetzt, am Abend, habe ich das Gefühl, dass sie komplett nachgelassen hat. Dafür spüre ich jetzt den Zahn, aber „das ist normal“, sagt er mir zum Abschied und es wird noch ein paar Tage so sein, bevor der devitaliserte Zahn wirklich Ruhe gibt. Wir sehen uns in einer Woche wieder.

Es ist halb zwölf. Der Zahnarzt hat seine Praxis neben einem Laden von Fragonard. Ich habe mich die ganze Zeit schon darauf gefreut, dort mal wieder reinzugehen. Ich mache es auch, aber noch ist mein Unterkiefer rechts betäubt und fühlt sich dick an, ich fühle mich unwohl, obwohl man es, wie ich natürlich weiß, nicht sieht, aber auch die Aussicht auf die Zahnarztrechung lässt mich Fragonard nicht genießen, ich gehe nur mal schnell durch und gekauft wird nix. Außer drei Bananen, Steinpilzravioli und einem Stück Käse für das MittagesseK800_DSCN7360n, die ich in einem kleinen Supermarkt an der Ecke mitnehme. Die Stadt ist laut, Baustellen und knatternde Scooter überall. Ich würde gern mit dem Bus hochfahren, aber vor dem Bahnhof ist auch eine laute Riesenbaustelle und die Busse werden mal wieder umgeleitet, die nächste Haltestelle ist werweißwo, also laufe ich nach Hause, es geht den Berg hoch. Ich schwitze, die Sonne scheint und die Jacke von heute früh ist jetzt zu warm. Um Viertel vor Eins bin ich endlich zu Hause und Monsieur hat Hunger.

In Windeseile gibt es Radieschen, Steak Haché, Steinpilzravioli, Kopfsalat, Käse und den FlaKatzensiesten, was hier als „schnelles, einfaches Mittagessen“ durchgeht. Ich esse vorsichtig und nur links, beiße trotzdem immer mal unten rechts auf die Unterlippe und genieße daher vor allem den Flan, den ich an den Gaumen drücke. Dann Sieste. Halbe Stunde. Pepita macht ihre Sieste etwas länger. Kleiner Kaffee zum Aufwachen. Danach Baustellenzeit. Ich ziehe mich um und wickele mir einen Turban um den Kopf.

Nein, ich rede nicht von den überschwemmten Kellern, da haben wir letzte Woche vorübergehend einen Baustopp eingelegt. Nur, um zu Hause eine neue Baustelle aufzumachen. Irgendwann muss diese Wohnung ja mal fertig renoviert werden, und wenn wir immer andere Baustellen haben wird das nix mehr. Jetzt also unser Eingangsbereich, der eigentlich auch unser Esszimmer ist. Meistens liegt der große Esstisch aber mit allem voll, was man so nach Hause schleppt und nicht sofort irgendwo hinräumt. Geöffnete und nicht geöffBaustellenete Post, Zeitungen, Bücher, Schlüssel und Bücher liegen, stehen und stapeln sich natürlich auch hier und da wir hier keinen Keller haben, steht hier auch alles rum, was eigentlich bei Gelegenheit irgendwoanders hingeräumt gehört. Das soll jetzt anders werden, vor allem auch, damit ich keine Ausrede mehr habe, ich könnte niemanden einladen in dieses vollgestopfte, vergilbte Chaos. (Wenn Sie wissen wollen, wie es hier seit einer Woche ist, können Sie einfach meine ein, zwei Texte vom letzten Jahr lesen. Sie sind von ungeheurer Aktualität). Heute aber sind wir schon relativ weit mit der Renoviererei, wir K800_DSCN7365brüllen uns schon fast gar nicht mehr an, und es war dieses Mal auch nur punktuell und dauerte nicht lang. Wir machen Fortschritte. Ich darf natürlich immer noch nicht wirklich viel machen, aber ich grundiere heute zum dritten Mal den hässlichen aber praktischen dunklen Eichenholzeinbauschrank, der am Ende weiß werden soll. Schwupps ist es siebzehn Uhr und ich muss ein paar Menschen anrufen, da wir uns am Samstag in den Bergen verabredet haben. Um achtzehn Uhr schaut Monsieur seine Lieblingspolitiksendung C dans l’air, da ging es heute um einen Antimafiaprozess in Italien. Ich habe nicht geguckt, ich tippe nämlich hier, auch eben tippe ich, obwohl jetzt eigentlich meine Lieblingssendung C à vous läuft und ich höre nur mit einem Ohr, dass der Schauspieler Daniel Auteuil eingeladen ist. Ich weiß noch nicht, was ich heute Abend zum Essen kochen soll. Normalerweise gibts im Winterhalbjahr abends Suppe, aber ich habe kein Gemüse mehr da, es wäre sowieso schon etwas zu spät dafür, und eine Fertigsuppe habe ich auch nicht mehr. Da muss gleich improvisiert werden. On y va?, ruft Monsieur wie aufs Stichwort. „Wohin?“ rufe ich zurück, als verstünde ich nicht. Manger! kommt die Erklärung. Aber natürlich gehen wir nicht aus zum Essen, wir sind ja beide noch in den farbkleksigen Klamotten. Wir gehen nur in die Küche :-) Und dann ist Feierabend. Ich vermute, wir werden später im TV das Remake von Dr. Kimble ansehen, mit Harrison Ford und Tommy Lee Jones.

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Kein Örtchen. Nirgends.

WC„Nein“, sagte der Zugbegleiter des Regionalzugs, mit dem ich vor kurzem ins Hinterland gefahren bin, nein, das sei kein Versehen, alle Toiletten seien wegen Vandalismusgefahr gesperrt, und er könne leider keine Ausnahme machen, selbst wenn ich schwöre, dass ich in meiner Handtasche weder Graffitti-Sprayflaschen habe, noch einen Hammer, um den Spiegel zu zertrümmern und dass ich auch keinen Fußball in den Abfluss stopfen werde. „Alles schon da gewesen“, sagte er düster und vertröstete mich auf den Ankunftsbahnhof. Am Bahnhof angekommen, stand ich mit meinem nun schon ziemlich dringlichen Bedürfnis nur vor versperrten Türen. Kein Örtchen, kein Mensch, nur ein Fahrkartenautomat blinkte monoton und teilnahmslos. Er war auch HS, (sprich ‚asch ess) hors service, meint „außer Dienst“. Was für ein Elend.

45 Minuten kann ich ohne, im Normalfall. Schlimmer ist es nach Kaffee oder Tee. Oder beim Anblick von fließenden oder wellenschlagenden Gewässern. Letzteres löst bei mir ein derart dringendes Bedürfnis aus, dass ich quasi schon nach fünf Minuten nach einem stillen und vor allem uneinsehbaren Örtchen suche. Problem ist, es gibt keines. Nur im Sommer, für etwa zwei Monate, stehen am Strand von Cannes etwa alle hundert Meter weiße Dixiklos. Den Rest des Jahres müssen Sie improvisieren. Einmal balancierte ich über die Steine eines Wellenbrechers, kletterte an seinem äußersten Ende hinab und ging dort in die Hocke. Als ich mit meiner Verrichtung fertig war, glücklicherweise ohne dass mich eine große Welle davongespült hatte, kletterte ich wieder hinauf und fand mich überraschend Nase an Nase mit einer langen Schlange italienischer Touristen, die nun einer nach dem anderen neugierig dort hinabsahen, wo ich gerade noch gesessen hatte. Mein Verschwinden hatte sie wohl intrigiert, vermutlich dachten sie, ich sei in ein unbekanntes unterirdisches Höhlensystem abgestiegen oder was auch immer. Nun, ich tat unbeteiligt und ging erhobenen, wenn auch peinlich roten Hauptes davon. Sollen sie doch denken, was sie wollen. Seither gehe ich aber lieber und trotz kühler Temperaturen ins Wasser und schwimme alibihalber eine Runde. Macht mir gar nichts aus. Bibber.

Eigentlich wollte ich diesen Text schon lange geschrieben haben, aber dann war dies oder das und ich fands mal wieder nicht passend. Aber letzten Sonntag wurde auf arte Karambolage der Ausdruck „Pipi machen“ in beiden Sprachen erklärt. Wenn das kein Zeichen ist! Faire pipi heißt das im familiären Französisch, genau wie im Deutschen. Der gesamte Ausdruck lautet im Französischen aber: J’ai envie de faire pipi oder man fragt die Kinder, die schon mit zusammengeknoteten Beinen dastehen: T’as envie de faire pipi? Wörtlich heißt das: „Ich habe Lust Pipi zu machen“ oder „Hast du Lust, Pipi zu machen?“ Ich fand das lange komisch, dass man „Lust haben“ soll, Pipi zu machen. Als könnte ich, wenn ich keine Lust habe, darauf verzichten. „Ich muss mal“, sagt unsereins. Und Lust hin oder her, ich MUSS! JETZT! ABER! DRINGEND! Ich finde die Erklärung im Karambolagefilmchen ein bisschen exaltiert, der Franzose, der einen Lustgewinn aus dem Bedürfnis zieht … nun ja. Ich denke, es ist einfach weniger direkt, ein bisschen blumiger. Direkte Ansagen mag der Franzose ja nicht so. „Mir ist schlecht“ heißt zum Beispiel genauso verklausuliert „J’ai mal au coeur“. Mir tut das Herz weh. Ich war völlig erschrocken, als mir eine Freundin dies vor vielen Jahren beim Autofahren sagte, ich dachte sie habe wirklich Herzbeschwerden und wusste gar nicht, was ich tun sollte, aber nein, ihr war nur schlecht.

Wie dem auch sei, ich muss viel und in kurzen Intervallen. Das war schon früher so. Meine Nordic Walking Runde entlang am Kölner Rheinufer dauerte maximal 45 Minuten, auch wenn ich von der Kondition her noch länger hätte laufen können, aber dann musste ich. Und es gab entlang des Rheinufers keine Möglichkeit sich dafür irgendwohin zurückzuziehen. Also rechtzeitig umdrehen und nix wie heim.

Einer meiner letzten Cannes-zu-Fuß-Spaziergänge wurde abrupt abgekürzt, weil ich musste und dafür kein Örtchen fand … „Ha!“, unterbrechen Sie mich vielleicht, „aber es gibt jetzt eine Pipi-App, die findet öffentliche Toiletten in jeder Stadt und wenn Sie Ihrem Handy Ihren Standort mitteilen, sucht es für Sie sogar die Toilette in Ihrer Nähe!“ Aha, sage ich, nicht besonders erstaunt, schließlich gibt es auch einen Pipi-Führer in Buchform für Paris. War nur eine Frage der Zeit, dass es das in technisch angepasster Form gibt. Und siehe da, für Nizza wurde diese App dankenswerterweise kürzlich erfolgreich getestet. Aber … ich bin sicher, die Menschen in Nizza haben die gefunden Toiletten nicht getestet. DAS wäre nämlich auch noch wichtig, zu wissen, ob die jeweiligen Örtlichkeiten funktionieren! Sie merken es schon, ich bin ein gebranntes Kind. Ich nehme also meinen Faden wieder auf … wie gesagt, kaum war ich eine halbe Stunde unterwegs musste ich, und siehe da, im kleinen Hafen Port Canto gab es einen Wegweiser zu einer gewissen Örtlichkeit. Super! Ich folgte dem Hinweisschild für öffentliche Toiletten, von denen es doch einige gibt in Cannes, stieg die Treppen hinab und stand vor einer Metalltür. Ein Zettel mit Öffnungszeiten klebt daran, aber die Tür und das Örtchen waren ZU! Die Öffnungszeiten vieler öffentlicher Toiletten sind bedauerlicherweise ziemlich eingeschränkt. Die Damen, die sich in der Regel aufopferungsvoll um die Örtchen kümmern und die im Volksmund „les dames-pipi“ heißen, (und die meine ganze Sympathie haben, ehrlich, ich bin so froh, dass es sie gibt *, aber sie) sind Angestellte der Stadt und haben Arbeitszeiten wie Verwaltungsbeamte. Nicht nach 17 Uhr und sonntags nie. So in etwa zumindest. Sonntags morgens um 11 ist also nicht gut Pipi machen. Zumindest nicht auf der Croisette. Nun gibt es ja aber entlang der Promenade noch alle paar hundert Meter diese vollautomatischen Toiletten, die anders als die öffentlichen (wir berichteten!) kostenpflichtig sind, dafür aber 24 Stunden im Dienst. Die nächste ist auch schon in Sichtweite. Ich weiß nicht was mich darin erwartet, aber was soll’s, j’ai envie, ich muss. Machen wir einen Selbstversuch. Die dezente vollautomatisch-selbstreinigende und gegen jeden Vandalismus gewappnete Toilette meiner Wahl schnappt sich das dafür vorgesehene Kleingeld und: Nix is! Sie bleibt geschlossen. Ich trete ein bisschen gegen die Tür und haue auf den Geld-zurück-Knopf, aber es tut sich nichts. Die Tür bleibt zu und das Geld kommt nicht wieder raus. Ein Mann kommt, er hat das gleiche Bedürfnis, ich erzähle ihm, was mir widerfahren ist, aber er zuckt nur die Achseln und steckt ebenfalls 50 Cents rein. Und? Nichts. Jetzt tritt er ein bisschen gegen die Tür und haut vergeblich auf den Geld-zurück-Knopf. Dann geht er schimpfend in die Büsche der Grünanlage. Letzteres traue ich mich nicht, ein drittes Örtchen will ich nicht testen, und ich will auch nicht in ein Strandrestaurant um dort einen Kaffee konsumieren, nur damit ich dort müssen darf, die bislang einzige Lösung im ewigen Pipi-Dilemma, die aber nur dazu führt, dass man den konsumierten Kaffee kurze Zeit später auch wieder loswerden muss, und eile daher zurück zum Auto. Ende des Spaziergangs.

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* In Paris haben die dames-pipis im Sommer übrigens wochenlang gestreikt, weil die Stadt ihre angestammten öffentlichen Toiletten gegen das Konzept niederländischer Luxustoiletten ausgetauscht hat und sie dort nicht weiterbeschäftigt werden. Der Kampf der dames-pipi war in der französischen Presse ein vielbeachtetes Thema. Ich habe Ihnen auch einen deutschsprachigen Artikel dazu gefunden.

ps: da meine externe Festplatte abgestürzt ist und mit ihr alle meine dorthin ausgelagerten Fotos, gibts leider keine Bildchen mehr von den vergeblich besuchten Örtchen :(

pps: Christa Wolf, Gott hab‘ sie selig, möge mir die Überschrift verzeihen, aber es war zu verlockend ;)

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Monochrome Bleu

… frei nach Yves Klein … der Himmel heute am 1. November 2015: Monochrome Bleu!

monochrome bleu

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Danke! Danke! Danke!

K800_DSCN7299 Ich bin so gerührt! Und so begeistert! DANKE! Gerade kam ein fantastisches Trostpaket aus Deutschland an: Ein wundervolles Buch, leckere Pralinen und eine ermutigende Karte unterschrieben von so ziemlich allen Mitarbeitern dieses wunderbaren Kölner Verlages Kiepenheuer & Witsch, die uns ihr Mitgefühl nach dem Verlust von Monsieurs umfassender Kriminalromansammlung ausdrücken. DANKE!

UND DIESES BUCH! Natürlich hatte ich Fotos von der Buchmesse gesehen, wo es präsentiert wurde, auch die tschechische Druckerei präsentierte sich stolz damit. Aber so ganz verstand ich nicht, was das Besondere daran ist, hatte ich es selbst noch nicht in der Hand gehabt. Geradezu fiebrig packte ich es aus und … ha! ein erstes Zurückzucken, man muss ein Papiersiegel zerstören, um es aus dem Schuber zu holen. Na, so was! Ich blättere darin herum und bin augenblicklich begeistert.

Das Schiff des TheseusEs ist schön, es fasst sich gut an, es ist mehrfarbig gedruckt, es ist unglaublich. Es sieht aus wie ein altes, viel gelesenes stockfleckiges Buch aus einer Leihbücherei (mit Ausleihstempeln auf dem hinteren Vorsatzblatt!), in das jede Menge Anmerkungen gemacht wurden und in dem jemand, vielleicht als Lesezeichen, Postkarten, Zeitungsauschnitte, Briefe und sogar eine bemalte Papierserviette hineingelegt hat.

Hochwasser auf dem CampusDer Inhalt, die Geschichte, zwei Menschen, die sich auf den Seiten des Buches Das Schiff des Theseus austauschen und versuchen, das Pseudonym des Autors V. M. Straka zu ergründen, ist mir zunächst egal, ich bin so begeistert und beeindruckt von der Herstellung dieses Buches. Ich betrachte all die von Hand eingelegten Beilagen: Die geschriebenen Postkarten sehen inklusive des verwischten Poststempels aus wie richtige Postkarten, eine täuschend echte verblasste Fotografie mit diesem altmodischen Mausezähnchenrand, eine Papierserviette, die eine echte Papierserviette ist.

Beilage PostkarteLeidenschaften BeilageWas für ein Aufwand. Ich betrachte die verschiedenfarbigen Anmerkungen im Buch, die manchmal blasser werdenden Unterstreichungen, Kritzeleien, Flecken … Wie kompliziert die Produktion eines solchen auf mehreren Ebenen funktionierenden Buches ist, wieviele Menschen und Arbeitsschritte es erfordert Inhalt und Form korrekt zusammenzubringen, kann man vielleicht nur verstehen, wenn man eine Ahnung von Buchherstellung hat. Monika König, die Herstellungsleiterin von Kiepenheuer & Witsch, hat im Börsenblatt davon geschrieben, aber sie schreibt für Insider, und natürlich erzählt sie von all den Schwierigkeiten, die es zu meistern galt nur knapp und sachlich. Das Wichtigste ist ja auch, dass das fertige Buch „in allen Punkten unseren Vorstellungen“ entspricht. Toll! Ich ziehe meinen Hut! Chapeau!

Ach so ja, lesen werde ich es natürlich auch! :)

Leihstempel

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der Gegenstand …

l'écopeWir machen das mal wie in Karambolage und erklären einen Gegenstand … voilà, darf ich vorstellen, l’écope. Kennen Sie nicht? Machen Sie sich nichts draus, ich auch nicht. Bis vor kurzem zumindest kannte ich dieses Ding nicht, das liegt aber nicht daran, dass es ein so typisch französischer Gegenstand ist, sondern an meiner Wassersportferne. L’écope dient zum Wasser aus dem Boot schöpfen, écoper heißt diese Tätigkeit auf Französisch. Aha. Wir setzten es ein, um Wasser vom Kellerboden zu schöpfen. Klappt gut. Aber ich wusste immer noch nicht, wie das Ding nun auf Deutsch heißt. Mein Online-Wörterbuch scheiterte daran! Ein Ösfass isses! Mit drei s, wie Heinz Rühmann sagen würde. Eins vor dem f und zwei danach. Wir danken an dieser Stelle Gerd Z., unserem zuverlässsigen Segelsprachspezialisten! Dieses Ösfass hat nun an unserem harten Zementkellerboden alles gegeben und sich buchstäblich erschöpft.

l'ecope 2 l'ecope kaputt L'ecope Seite und nochmal l'ecope

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Die Villa E-1027 – Eileen Gray und Le Corbusier

Blick von der Villa E1027Traumhaft oder? Das ist der Ausblick von der Terrasse der Villa E-1027 von Eileen Gray in Roquebrune. Es ist erst gerade drei Wochen her, dass ich dort war, es scheint mir aber nach allem, was in der Zwischenzeit geschehen ist, ewig weit weg zu sein und beinahe unangemessen als Thema, aber man muss ja auch ein bisschen den Kopf rausstrecken aus all dem Elend, n’est-ce pas?

Strand Roquebrune Chemin Promenade Corbusier cap moderne

In diesem Sommer hat die Association Cap Moderne in Roquebrune erstmals die Tore zur restaurierten Villa E-1027 von Eileen Gray geöffnet.

K800_DSCN6819 Villa E1027 Küche Blick auf Monaco

Eileen Gray ist zumeist nur bekannt als Möbeldesignerin, man kennt vielleicht ihren kleinen verstellbaren runden Beistelltisch, der oft nachgeahmt wurde. Sie hatte ihn Besitelltisch-E_1027_1ursprünglich für 390px-Eileen_Grayihre avantgardistische Villa in Roquebrune entworfen, wie auch andere Möbel, die in ihrer Funktionalität und Schlichtheit noch heute beeindrucken. 1927 hatte Eileen Gray an der damals noch völlig unberührten Küste, unterhalb des mittelalterlichen Dorfes Roquebrune, ein Grundstück erworben und für sich und ihren Lebensgefährten den Architekten Jean Badovici eine avantgardistische und funktionelle Villa entworfen und erbauen lassen. Im eigentümlichen Namen der Villa E-1027 sind beider Initialen (als Ziffern verschlüsselt) ineinander verwoben, wie eine Umarmung Liebender.

Um die extreme Modernität des Hauses und der Möbel zu verstehen, die selbst heute noch verblüffen, muss man sich die bourgeoise Architektur der Zeit vorstellen. Betrachtet man beispielsweise die nur zehn Jahre früher, im Renaissance Stil erbaute Villa Ephrussi de Rothschild in Saint-Jean-Cap-Ferrat, mit ihren vielen Salons im Louis XVI Stil … Was für ein Kontrast! Die Villa E-1027 schockiert geradezu. Schnörkellos, funktionell. Die Villa ist klein, alles ist durchdacht, nichts dem Zufall oder einer späteren freien Gestaltung überlassen. Innen gab es nur das zum Leben Notwendige und alles hatte seinen festen Platz. An jedem Einbauschrank stand, was sich darin zu befinden habe. Es gab sogar eine Art Wegweiser, wie das Haus zu betreten sei, denn keinesfalls sollte man sich in den Räumen, die dem Personal vorbehalten waren, wie etwa der Küche, verlieren. Denn bei aller Modernität hielt man doch an dem bestehenden Sozialgefüge fest: Das Dienstmädchen hatte nur eine Kammer im unteren Bereich des Hauses, und nicht mal der Blick nach außen war ihm vergönnt, die Fensterscheiben waren opak.

Villa E1027 SeeseiteNur drei Jahre dauerte die Beziehung zwischen Eileen Gray und Jean Badovici in der villa blanche wie man das Haus in der Gegend nannte, da es komplett in Weiß gehalten war. Danach überließ sie ihm die Villa und baute für sich in der Nähe von Menton ein anderes, ähnlich modernes Haus. Badovici und Gray waren mit dem Architekten Le Corbusier befreundet und letzterer war häufig Gast in der Villa. Le Corbusier hatte, wie heute mancher junge Graffitti-Künstler, das Bedürfnis sich auf den leeren weißen Wänden der Villa zu verewigen und schuf während seiner Aufenthalte Le Corbusiersieben großformatige, sehr farbige und überwiegend erotische abstrakte Wandgemälde. Dieser, in den Augen Eileen Grays gewaltsame Akt, sich das Haus in gewisser Weise anzueignen, führte zum Zerwürfnis mit Eileen Gray, auch wenn sie, eine adlige irische Lady, ihren Unmut darüber nur sehr dezent äußerte. Aber sie sah die puristische Villa, die sie mitsamt der Inneneinrichtung als Gesamtkunstwerk verstand, dadurch zerstört und kehrte nie wieder dorthin zurück.

Die Villa hatte danach eine bewegte Geschichte und jeder Besitzer versuchte sich die Villa auf seine Art anzueignen: die Einrichtung wurde verändert, Möbel wurden entfernt, und bei der Restauration wurden mehrere knallbunte Farbschichten freigelegt. Das ursprüngliche Weiß schien eine Gegenbewegung zur Farbigkeit provoziert zu haben. Der letzte Besitzer wurde dort unter ungeklärten Umständen ermordet und zuletzt wurde sie von Wohnsitzlosen illegal bewohnt. Der Zustand der Villa verschlechterte sich und das Haus verfiel zusehends.

Die Villa wurde schon vor vielen Jahren von der Gemeinde Roquebrune und dem französischen Staat erworben, aber nur mühsam kam eine Restaurierung in Gang. Erst mit dem 2014 gegründeten Verein Capmoderne, dem eine Restaurierung nicht nur der Villa, sondern ebenso der angrenzenden Gebäude, dem berühmten Cabanon Le Corbusiers, dem kleinen Restaurant L’Étoile de Mer und einer kleinen Reihenhauszeile, den Unités de Camping, übertragen wurde, begann eine umfassende Instandsetzungsarbeit des gesamten Ortes.

L'etoile de merSeit Jahren verbrachte der Niçois Thomas Rebutato mit seiner Familie die Wochenenden am Strand unterhalb der Villa E-1027. Damit sie nicht mehr jede Woche aufs Neue sämtliche Bade-, Picknick- und Angelutensilien dorthin transportieren mussten, suchte er ein Stück Land zu kaufen und erwarb 1949 in direkter Nachbarschaft der Villa ein Grundstück und baute dort alsbald eine Hütte, die die Siebensachen seiner Familie beherbergen sollte. Irgendwann beschloss Rebutato, an dieser Stelle eine Art Bistro mit Strandzugang zu eröffnen, etwas, was es bislang noch nicht gab, und er baute sein Hüttchen dafür aus: das L’Étoile de Mer war geboren.

Le CabanonLe Corbusier, der dem Ort noch immer treu war, erstand nun wiederum von Rebutato ein kleines Stück Land, um sich selbst ein Ferienhaus zu bauen, wo er mit seiner Frau Yvonne die Sommermonate verbringen wollte. „Ferienhaus“ ist, wenn man Le Corbusier nicht kennt, vielleicht missverständlich, es ist nämlich nicht mehr als eine quadratische Blockhütte, un Cabanon, der nach den menschlichen Raumbedürfnissen des von Le Corbusiers‘ Proportionsschema Modulor geplant und eingerichtet wurde: Auf 3,66m x 3,66m finden sich die zum Leben notwendigen Dinge. Nicht viel mehr als zwei schmale Liegen, ein Tisch und zwei Stühle, eine Toilette und ein Waschbecken passen dort hinein, alles andere verschwand in ein paar Einbauschränken. Die Hütte erinnert damit an einen Wohnwagen oder das Innere einer Jacht und wurde getreu nach Le Corbusiers‘ Losung „Der Gedanke an Möbel sollte ausgerottet und durch den Wunsch nach dem allein nötigen Equipment ersetzt werden“  gestaltet. Niemand verstand, dass Le Corbusier seine Sommermonate in dieser Schlichtheit verbringen mochte, und man spottete darüber, dass ausgerechnet ein Architekt so schlecht wohnte. Nicht einmal eine Küche war vorgesehen, selbst die hier im Süden so typische Außenküche gab es nicht, aber Le Corbusier hatte einen eigenen Zugang zum benachbarten Bistro L’Étoile de Mer und ließ sich von dort morgens sein Frühstück bringen, sein Mittag- und Abendessen nahm er hingegen dort ein.

Unités CampingLe Corbusier verband eine freundschaftliche Beziehung mit der Familie Rebutato. Er hatte die Fassade des Bistros mit einem Wandgemälde geschmückt und er plante für Thomas Rebutato, der seinen Gästen gern eine Übernachtungsmöglichkeit anbieten wollte, die Cinq Unités des Camping, fünf schlichte aneinandergereihte Holzhütten, die von außen in ihrer Struktur und Farbigkeit an Gemälde von Mondriaan erinnern. Auch sie sind nicht viel mehr als ein schlichte Schlafunterkunft mit minimaler Einrichtung, quasi Vorläufer der heute üblichen Campinghäuschen.

Die Villa E-1027 und die angrenzenen Häuser sind noch immer nicht vollständig restauriert, (man versucht gerade sie für das Unesco Weltkulturerbe zu klassifizieren) auch das Bistro ist natürlich nicht mehr in Betrieb, (auch wenn man dort die Mitglieder der Unesco-Weltkulturerbe-Kommission bewirtet hatte) man konnte sie aber erstmals in diesem Sommer, nach Voranmeldung (lange Wartezeiten!) und ausschließlich mit einem (ausgezeichneten) Guide, besichtigen. Fotos von der Inneneinrichtung zu machen, ist nicht gestattet, ich verweise Sie aber auf die wirklich informative und gut gemachte Homepage der Association Capmoderne, leider sind alle Texte nur in Französisch, aber man kann sich auch nur mit den Fotos ein Bild machen. Es gibt sogar eine grandiose Visite virtuelle, mit der man durch das Haus und über das Grundstück gehen kann. Bonne visite!

Nachtrag: Eigentlich wollte ich nur meinen kleinen Architekturausflug dokumentieren; ich bin weder Architektin, noch habe ich mich ins Thema eingearbeitet, auch wenn ich zwei Bücher erstanden habe und darin geblättert und nachgelesen habe. Ich kaufte sie aber vorwiegend, um Fotos der Inneneinrichtung zu haben, denn man durfte im Inneren der Villa und der anderen Gebäude nicht fotografieren. Ich beschrieb den Konflikt zwischen Eileen Gray und Le Corbusier wie ich ihn bei der Führung erzählt bekommen habe und wie sie in den erstandenen Büchern wiedergegeben wurde. Dass ich damit ein empfindliches Thema mit großer Naivität angegangen bin, merkte ich an den Zuschriften, die ich erhielt. Um die (ungebeten hinzugefügten) Wandgemälde von Le Corbusier gibt es einen langen und erbitterten Streit, geradezu zwei Lehrmeinungen. Nachdem ich jetzt mehrere Artikel zum Thema gelesen haben, ist meine eigene Meinung dazu differenzierter. Ich verlinke Ihnen hier der Vollständigkeit halber einen französischen (eigentlich schweizerisch) und zwei deutsche Artikel, einen aus Schöner Wohnen, den anderen aus der Emma, damit Sie auch die andere Sichtweise erfahren. Vielleicht machen Sie sich Ihr eigenes Bild?

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es blüht im Herbst

PassionsblumeFrucht der Passionsblume

Passionsblume 2

 

 

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Rundreise durchs Hinterland

So. Zum Wochenende aber mal was komplett anderes. Katastrophenmeldungen aus Südfrankreich haben Sie genug gehabt, denke ich, und in Deutschland kocht ja auch allerhand hoch, wie ich, zugegebenermaßen nur am Rande, mitbekomme. Manchmal muss man abschalten und den Kopf in die frische Luft halten, wird sonst schnell alles zu viel, also mir zumindest. Daher machen wir heute mal wieder einen Ausflug ins Hinterland.

PepitaDiesmal bin ich nicht selbst gereist, ich putze ja, wie Sie wissen, sondern die fleißige Reisejournalistin Hilke Maunder war unterwegs, und sie war genau dort, wo ich mich auskenne, das hat mir so gefallen, dass ich Ihnen das nicht vorenthalten will. Ich hätte das gern anders eingebaut, so dass man gleich etwas von den schönen Bildern auf ihrem Blog sieht, ich weiß aber nicht wie das geht und ob überhaupt, also machen wir es wie immer, Sie klicken bitte hier: –>  Das wilde Hinterland der Côte d’Azur.

Schön, oder? Ich weiß nicht wieviel Zeit Hilke Maunder für diese Rundreise eingeplant hat, ich fühlte mich ein bisschen gehetzt, als ich die Beschreibung las. Man kann das sicher in vier Tagen machen, aber ich bin ja so südfranzösisch langsam geworden und muss ja jetzt auch immer mittags richtig essen, und danach mache ich tatsächlich gern eine kleine Sieste, also ich könnte da locker eine Zweiwochenreise draus basteln. Na gut, sagen wir zehn Tage. Was ich damit sagen will ist, nehmen Sie sich Zeit, das Ambiente all dieser kleinen Orte erspüren Sie nicht im Vorübereilen. Und weniger ist mehr. Besuchen Sie lieber nur ein Dorf, schlendern Sie durch die Gässchen, verlaufen Sie sich ein bisschen, setzen Sie sich hin, schauen Sie, hören Sie das Geplätscher der Brunnen, streicheln Sie eine der dösend herumliegenden Katzen … slow travelling kommt im Hinterland gut. Erstaunlicherweise kenne ich das Dorf La Gaude nur von darauf hinweisenden Straßenschildern, ich war dort noch nie und ich hatte auch noch nie von diesem Écomusée gehört. Ich würde es vielleicht auch unter den Tisch fallen lassen und stattdessen etwas mehr Zeit in St. Jeannet und in Gattières verbringen oder in Carros, wenn Sie etwas für moderne Kunst übrig haben.

Entrevaux ist dann das touristische Ziel im Hinterland, im Sommer kommen hier jede Menge Menschen in Reisebussen angefahren, um es zu besichtigen. Dabei ist der mittelalterlich befestigte Ort, der von außen so grandios aussieht, im Innern immer ein bisschen eingeschlafen, es gibt kaum Geschäfte, wenige Restaurants und Bars und die Sträßchen cathedrale Entrevauxund Häuser wirken wie ausgestorben. Vor allem jetzt im Herbst. Laufen Sie einfach ein bisschen Treppchenauf und Treppchenab, dann stehen Sie irgendwann unverhofft vor der Cathedrale Notre-Dame-de-l’Assomption aus dem 17. Jahrhundert, deren barockes Stilsammelsurium mitsamt dem Sternen-Altarhimmel mich immer rührt, vor allem, wenn gleichzeitig noch jemand Orgel spielt. Sie könnten noch zur Zitadelle hinaufwandern (Achtung, kostenpflichtig!), oder ein niedliches Motorrad-Museum besichtigen (kostenfrei, aber die Öffnungszeiten außerhalb Tete de Femmeder Saison sind zu erfragen) Viel mehr ist nicht. Besonders gut kann man in Entrevaux nirgends essen (also bislang nicht), fahren Sie besser weiter und picknicken Sie vielleicht irgendwo in den großartigen Gorges des Daluis. Sie könnten auch eine kleine leichte Wanderung zum Point Sublime machen („sublime“ naja, aber so heißen hier einfach alle Aussichtspunkte); nur etwa 3 km, der Weg ist gut ausgeschildert, los gehts an der Pont Bertheou in der Nähe des Felsens Tete de femme. Von besagtem Point Sublime hat man einen schönen Blick auf die Schluchten und auf den sich tief unten windenden Fluss Var. Klicken Sie mal bei Frau Maunder auf den weiterführenden link „atemberaubendes Duo“, da gibts schöne Bilder von den roten Schluchten. Wenn Sie beabsichtigen hier zu wandern und/oder zu picknicken, dann machen Sie vorher (das heißt zeitlich und örtlich vor Entrevaux!) im Maison de Pays in Puget-Théniers Halt, dort bekommen Sie Produkte der Bauern aus der Region (Puget-Théniers selbst können Sie rechts liegen lassen, es ist meiner Meinung nach nicht weiter interessant). Falls Sie wie Hilke Maunder weiterfahren Richtung St. Martin d’Entraunes, dann halten Sie aber vorher im eigentlich völlig uninteressanten Guillaumes an, das Frau Maunder zu Recht nicht mal erwähnt, aber hier sind Sie absolut auf meinen Spuren! Nur fragen Sie Marco in der Cooperative nicht mehr nach mir, es nervt ihn etwas, denn er arbeitete zu meiner Zeit noch an der Tankstelle und wir haben keine gemeinsame Arbeitsvergangenheit. Übrigens befindet sich hier die letzte Suze FassadeTankstelle weit und breit (Montags geschlossen!), es gäbe sonst erst wieder eine in Beuil (das liegt nicht auf ihrem Weg, oder in Colmar, das ist zwar auf ihrem Weg, aber noch ein Stück weg und liegt jenseits des Col des Champs, oder in Barcelonette, das ist auch nicht auf ihrem Weg und liegt außerdem jenseits des Col de la Cayolle). Wenn Sie noch nicht gegessen haben, dann empfehle ich Ihnen jetzt ausdrücklich das Café Le Central, es ist kein Café im deutschen Sinn, sondern ein Restaurant. Ich weiß, Sie wollen mittags nicht so viel essen, ich weiß, Sie wollen eigentlich weiter, ich weiß, Sie finden es teuer und der Rahmen ist nicht bezaubernd, ich weiß, ich weiß … machen Sie es trotzdem. Teuer ist es hier überall, Sie sind, auch wenn Sie im ländlichen Hinterland herumgondeln, im teuersten Departement Frankreichs, aber besser essen werden Sie lange nicht. Sie müssen kein Menü essen, nehmen Sie das Tagesgericht und ein Dessert. Die Gerichte werden frisch zubereitet und die Zutaten stammen von Bio-Bauern oder Produzenten der Region. Im Herbst gibt es Ruhetage, rufen Sie im Zweifelsfall vorher an. Und falls Sie diese Tour erst in drei Jahren machen sollten, dann fragen Sie vorsichtshalber, ob es immer noch das Restaurant von Gaël ist, man weiß ja nie. Ga-el spricht sich das. Er ist der Besitzer und gleichzeitig Koch des Restaurants, und die Kritiken auf tripadvisor sind nicht gekauft. Ach so, in Frankreich isst man zwischen Zwölf und Zwei, oder dann wieder abends. Das ist hier so.

In Ermangelung eigener Fotos von Guillaumes (und Umgebung) verlinke ich Ihnen mal die Seite von Jean Pierre Champoussin, ein unermüdlich arbeitender selbst ernannter Journalist, der das gesamte Tal mit allen Dörfchen und Bewohnern, alle Festen und Veranstaltungen seit ein paar Jahren sehr liebevoll dokumentiert.

Jetzt sind Sie nicht weit weg von Châteauneuf d’Entraunes und ich würde Ihnen gerne vorschlagen, hinaufzufahren und dort zu übernachten, aber zur Zeit sind Auberge und neuerdings auch die Gîte nicht bewirtschaftet. Hier hören Sie jetzt einen großen Seufzer meinerseits. Das Schicksal der Auberge wäre eine Geschichte für sich, aber ich weiß nicht, ob ich das Privatleben der betroffenen Menschen so in alle Welt rufen möchte. Belassen wir es mit dem Kommentar, dass es bedauerlich ist. Für das Dorf und für die Auberge und für alle Beteiligten.

Hilke Maunder sieht vor, dass Sie den Col des Champs nehmen – dagegen ist nichts zu sagen, das ist eine schöne Strecke, nur ist der Col seit Anfang Oktober schon gesperrt. Ich vermute wegen Bauarbeiten, denn geschneit hat es noch nicht. So etwas sollten Sie immer bedenken, wenn Sie durch die Berge fahren. Aber von Anfang Juni bis Ende September sind in der Regel alle Cols geöffnet. Ich persönlich liebe den Col des Champs im Juni: Die Felder sind dann so grün und voller Blumen, einfach wundervoll. Auf der anderen Seite des Col kommen Sie nach Colmar les Alpes, das ich persönlich auch nett finde. Ebenfalls ein befestigtes Städtchen und ein bisschen verschlafen. Hier sind Sie jetzt in einem anderen Departement und hier ist ein anderer Fluß dominant: der Verdon. Ich kenne mich weniger gut aus und lasse Sie Hilke Maunder folgen, ohne mich einzumischen. Und wenn SieVence und St. Paul de Vence noch nicht kennen, dann müssen Sie vermutlich auf der Rückfahrt vom Verdon und dem Lac de Ste. Croix hinfahren. Mir ist insbesondere St. Paul de Vence viel zu voll und zu touristisch. Und ganz ehrlich, das Einkaufszentrum Cap 3000, das zur Zeit zusätzlich eine Riesenbaustelle ist, würde ich mir nach einer Reise durch solch großartige Natur auch ersparen. Ansonsten gibt es hinter dem Einkaufszentrum einen kleinen Strand … da könnte man dann nochmal durchatmen und vielleicht die Füße ins Wasser und so …  das geht auch Ende Oktober noch gut :)

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Erholungstag

Papier hat GeruchNun, wir putzen immer noch (und vermutlich noch eine Weile) getrockneten Schlamm aus allen Ecken, die Keller sind auch immer noch feucht und der Geruch von Papier, der anlässlich der Buchmesse so euphorisch besungen wurde, kann sehr penetrant sein, je nach Häufung der Schimmelpilze darin … zu den Büchern auf dem gegenüberliegenden Trottoir haben sich andere ertrunkene Kellerschätze der Nachbarn gesellt und das Viertel sieht im Gegensatz zur Rue d’Antibes, die wieder wie aus dem Ei gepellt ist, immer noch desolat aus. Die Straßen sind teilweise wegen Bauarbeiten gesperrt, die Läden geschlossen. Hier gibt es weit und breit keinen Kommerz mehr: weder Lidl noch Intermarché oder Picard haben das Hochwasser überlebt, es gibt hier im Viertel, das zwar nicht sehr schön, aber doch sehr lebendig war, kein Brot, keine Milch und keinen Kaffee mehr zu kaufen. Nur ein Friseur, dessen kleines Ladengeschäft erhöht liegt, arbeitet weiter und ein Fitnessstudio hat wieder eröffnet, aber er hat keine Kunden, die Menschen hier haben gerade andere Sorgen, und man macht seine Fitnessübungen locker, wenn man all den Müll aus den Kellern nach oben trägt. Das muss man aber alles nicht sehen, und man wird es vermutlich auch nicht, wenn man als Tourist hier ist, dieses Viertel jenseits der Schnellstraße war noch nie touristisch und wird auch nach der Rekonstruktion hoffentlich nicht gentrifiziert sein, auch wenn ein bisschen mehr Charme gerade an der besonders zerstörten Stelle des Boulevard de la République sicher nicht schaden könnte. Hoffen wir das Beste. Wie gesagt, Sie können zumindest das touristische Cannes wieder besuchen, ohne zu erschrecken, nur im Meer und auch am Strand müssen Sie noch ein bisschen aufpassen, wohin Sie Ihre nackten Füße setzen.

Bohrmaschine am Strand     Hündchen

Heute aber haben wir einen Erholungstag eingelegt und bei schönster Oktobersonne unsere Helfer zu einem Essen am Strand eingeladen.  

Oktoberstrand

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Strandgut

StöpselEigentlich müsste es wohl Wassergut heißen, denn dort habe ich ihn gefunden. Und nein, das Meer ist nicht gluckernd abgeflossen, als ich den Stöpsel zog … ;)

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das Meer aufräumen

Als hätten wir noch nicht genug damit, die Keller leerzuräumen … Heute Morgen sind wir endlich mal wieder bei mildem Wetter am Strand gelaufen – er ist, trotz steter Reinigungsarbeiten, immer noch sehr schmutzig: Hier liegen Baumgerippe, Teppiche, Schuhe, Plastikfolien, Rohre, Regalbretter neben allerhand Kleinmüll, der alle paar Meter schon zu Haufen zusammengeschoben wurde.

Regale am StrandMüll am StrandEine Woche lang gab es hier überall ein strenges Badeverbot, wegen allem, was so an Hausmüll mit den Regenfluten ins Meer geschwemmt worden war. Heute war das Meer auf den ersten Blick wieder sauber und das Wasser klar und azurblau. Aber der Schein trügt. Immer noch findet man Müll im scheinbar so klaren Wasser. Ein bisschen was haben wir heute rausgefischt.

AbflussrohrBergung eines Ablussrohrs

Abflussrohr und anderesMüll rausgefischt

 

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Fundsachen

c'est finiIm dritten Keller, den wir dank der unermüdlichen Hilfe von Freunden gestern auch noch leegeräumt haben (alle drei Keller sind nun zumindest von den Wasser- und Schlammtriefenden Büchern befreit, einer ist sogar geputzt, aber fragen Sie nicht, wie alt wir uns heute fühlen und wie ächzend wir uns bewegen, aber heute ist Sonntag und wir ruhen uns etwas aus, es regnet übrigens schon wieder, aber es ist nur ein leichter Nieselregen …), fanden wir neben Büchern auch noch andere alte Schätzchen aus Monsieurs Vergangenheit oder der seiner Familie: eine alte Wanduhr,

WanduhrVisitenkarten der Urgroßeltern, ein internationales Briefmarkenalbum mit Briefmarken (teilweise) noch von vor dem Ersten Weltkrieg,

Briefmarkenalbumeine Art frühe Diaschau mit auf Glas gezeichneten Tieren, Pflanzen und Landschaften,

frühe DiaschauVulkanausbruchgroße Holzkisten voller fragiler, mundgeblasener Ampullen,

Ampullen

sterile KochsalzlösungParfümfläschchen aus einer Produktion der Fünfziger Jahre  …

ParfümEau de CologneWir öffnen die noch mit (jetzt leider schlammverschmierten) Seidenpapier verpackten Eau de Cologne-Fläschchen, und schnuppern vorsichtig: Es riecht grauenhaft. „Schmeiß‘ das alles weg!“, sagen die Freunde abschätzig, aber ich muss Vieles zunächst aufheben, auch die Ampullen, von denen manche aussehen wie alter Weihnachtsbaumschmuck. Bei der Wanduhr zögere ich, es erklingt ein schöner Ton, als ich sie auf die Büchermassen stelle, behalte ich sie? Finde ich noch einen Uhrmacher, der sie repariert? Will ich wirklich eine stündlich schlagende Uhr im Haus? Ich fotografiere sie und sehe, wie ein alter, zahnloser und schlecht angezogener Mann sie gierig betrachtet. Kaum drehe ich mich um, hat er sie an sich genommen und geht damit davon. Als ich mit der nächsten Ladung Bücher wieder aus dem Haus komme, hat er sie ein paar Meter weiter in seine Einzelteile zerlegt. „Reparieren Sie sie?“, frage ich staunend. „Reparieren? Nein, ich hole das Metall raus“, nuschelt er, steht auf, steckt das Uhrwerk ein und gibt dem Rest der Uhr einen Fußtritt, bevor er seines Weges zieht.

Wanduhr späterSo ist es hier. Auch das ist Cannes. Die Ärmsten der Armen suchen aus den feuchten Müllmassen das, was noch brauchbar ist oder vielleicht nur gereinigt werden muss. Eine Gruppe Afrikaner zieht Profit aus dem überschwemmten Depot eines Billigkleiderladens, und sie haben in der Straße meterlang feuchte T-Shirts über aufgestellte Paletten, Hecken und Zäune ausgebreitet und warten davor, bis alles von der Sonne halbwegs getrocknet ist und ziehen schließlich mit großen Plastiksäcken voller T-Shirts in allen Farben davon. Und nicht alles, was hier weggeworfen wird, ist von Wasser durchtränkt, von manchen Sachen trennt man sich nun im Zuge des allgemeinen Garagen- oder Keller-leer-Räumens, denn wann darf man schon mal ungestraft einfach alles aufs Trottoir werfen?

ein StuhlBügelbrettKofferGeschirr

Zwischen Müll steht ein noch brauchbares Bügelbrett, liegen Deckenlampen, findet man Stühle, ein altes Fahrrad, einen Koffer, Geschirr … und all das findet hier, jenseits des reichen Cannes, ganz schnell neue Besitzer.

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Ici reposent …

TraueranzeigeAls ich der Dame von der Mairie am Telefon sagte, wir brauchen keine Mülltonnen, wir brauchen einen richtig großen Müllcontainer, weil wir etwa zehntausend Bücher wegzuwerfen hätten, sagte sie « nana, nun übertreiben Sie mal nicht » und gestand mir vier große Mülltonnen zu. Vier Mülltonnen waren binnen einer halben Stunde voll und wir werfen nun wieder einfach alles aufs Trottoir. Nach drei Tagen, die wir mit vollen Bücherkisten Treppen rauf und mit leeren wieder runter gelaufen sind, einschließlich einem Zickzackkurs zwischen den fahrenden Autos hindurch zur anderen Straßenseite, tut uns beiden so ziemlich alles weh. Monsieur kann in dem niedrigen Keller nicht einmal aufrecht stehen und hat vor allem Rückenschmerzen. Seit gestern haben wir immer mal wieder stundenweise Hilfe von Freunden, und es geht endlich ein großes Stück voran. Monsieur und ich sind Buchliebhaber und können nur sehr schlecht Bücher wegwerfen. Monsieur muss außerdem fast jedes Buch zum Abschied anschauen und überlegen, ob er es nicht doch behalten könnte, denn irgendein Bücherdoktor hat behauptet, man könne feucht gewordene Bücher retten, wenn man sie in Stickstoff tauchte … Und ich versuche ständig noch Fotos von all den Serien zu machen, damit sie irgendwo dokumentiert sind.

LieblingscoverUnd dann halten wir uns gegenseitig Bücher mit ausdrucksvoll gezeichneten Covern oder witzigen Titel hin und Monsieur sagt immer voller Wehmut « ah oui, ils sont si magnifique ». Alles mögliche muss ich fotografieren : eine wunderschöne Fadenheftung eines auseinanderfallenden Romans,

Fadenheftungeinen Schutzumschlag …

Brighton RockSo kamen wir nicht wirklich schnell voran. Die Freunde aber warfen ohne jegliche Gefühlsregung einfach nur sehr sachlich zackzack Bücher weg.

Je weiter wir uns nach hinten und unten durcharbeiteten, desto schlammiger wurde es und selbst Monsieur hat nun Kisten mit Büchern komplett weggeworfen, es war ohnehin nichts mehr zu erkennen und ich habe irgendwann auch aufgehört Fotos zu machen. Ein paar Bücher konnten wir retten und Monsieur hat heute Abend ein ihm wertvolles Exemplar Seite für Seite trockengebügelt.

A und B Ich habe auch schon gebügelt : meine neulich geretteten und aufgequollenen Zeitungsartikel und Seiten meines ebenso halb abgesoffenen Wörterbuchs. Da nur das A und das B wirklich nass geworden sind, dachte ich, ich versuche es. Ich legte Küchenrollenpapier zwischen die feuchten Seiten und lernte dabei neue Wörter. Dann bügelte ich die Seiten glatt. Es gibt aber schon eine kleine Pilzkultur und ich weiß nicht, ob ich den Geruch auf Dauer ertrage. Ein weiteres Problem ist, dass Bügeln nur gleichzeitig mit Fernsehen wirklich erträglich ist und bei uns geht immer noch rein gar nichts. Ich schaue jetzt also nicht sehr komfortabel DVD’s im Laptop.

So weit war ich gekommen, und jetzt am Freitag Abend haben wir endlich wieder alles, Telefon, Internet und Fernsehen … Sie hören also wieder von mir … aber jetzt muss ich schlafen gehen, morgen früh geht die Aufräumarbeit weiter!

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La serie noire est morte

Mort un dimanche de pluieIn drei Kellerräumen eines alten Hauses in einer Nebenstraße des Boulevard de la République hatte Monsieur den größten Teil seiner Kriminalromansammlung aufbewahrt. In diesen Kellern und in einer benachbarten Souterrainwohnung stand das Wasser einen Meter fünfzig hoch, das kann man an den Wänden schön sehen. Die Feuerwehr hat das Wasser ausgepumpt und die Mieterin der kleinen Souterrainwohnung Wasserstandsliniehat all ihr aufgeweichtes Hab und Gut in den Garten geworfen, Teile der Einbauküche sahen wir schon auf der Straße liegen. Alles hat sie verloren, schreit sie hysterisch. Und der Nachbar aus dem Hochparterre nickt mit düsterer Miene dazu. Sie hatte nicht viel : Kühlschrank, Mikrowelle, Fernseher, ein Bett und einen Sessel, und versichert ist sie natürlich nicht. Wer ist hier schon versichert. Ein großer Haufen Kleider und Wäsche liegt auch im Garten. « Alles ist hin ! » hört sie nicht auf zu lamentieren und als reiche das nicht, malt sie sich und uns dramatisch aus, was passiert wäre, wenn sie zu Hause gewesen wäre, als das Wasser stieg : Tot hätte sie sein können !  Nun, sie ist es glücklicherweise nicht, aber sie kann nicht aufhören zu jammern und zu klagen und ich lasse sie irgendwann stehen und versuche Monsieur zu helfen seine Kriminalromansammlung aus den drei überschwemmten Kellern zu retten. Zunächst müssen wir hier die Türen aufbrechen und herausheben, denn die Bücherregale mitsamt den Büchern waren dahinter gefallen und blockierten sie. Türen aufbrechen muss man ja auch mal gemacht haben, wenn man Kriminalromane schreibt, nicht wahr ? Auf Französisch heißt das Brecheisen sehr hübsch Pied de Biche, Rehbein also, und ich finde es bei aller Tristesse amüsant, dass ein Rehbein beim Retten von Kriminalromanen hilft, hieß doch die Sekretärin des Kommissars Erik Ode auch Rehbein. « Rehbeinchen, machen Sie uns doch mal einen Kaffee », ist ein Satz, der sich mir ins Gedächtnis gegraben hat (vor langer Zeit, wenn Sie nach 1970 geboren sind, können Sie sich vielleicht nicht erinnern). Aber trotz Rehbein ist von Retten leider keine Rede. Hier ist auch alles hin, und Monsieur könnte vermutlich ebenso laut heulen wie die Nachbarin, aber er ist nur sehr still und weint vermutlich leise im Innern.

Keller 1Keller 2Mehr als zehntausend Bände standen hier. Sämtliche französischen Kriminalromanserien seit dem Zweiten Weltkrieg hatte Monsieur gesammelt, vollständig, einschließlich der Spionageromane, wie er ausdrücklich sagt, denn die BiLiPo, die Bibliothèque de la littérature policière in Paris hat die Spionageromane nicht in ihr Sammelgebiet aufgenommen. Offiziell wurden sie als « zu vulgär » eingestuft, aber vermutlich war es der antisowjetische Tenor, der den überwiegend politisch links stehenden Bibliothekaren nicht gefallen habe, meint Monsieur. Nein, er habe nicht die größte Sammlung nach der BiLiPo gehabt, sagt er bescheiden, in Avignon gäbe es noch jemanden, der die gleiche Sammlung habe, und zusätzlich seien die Bücher dort in einem besseren Zustand.

Wir haben uns heute Zentimeterweise vorgearbeitet. Die Bücher sind mit Wasser vollgesogen wie Schwämme, manche sind schlammig, sie kleben aneinander und sie sind schwer. Sie haben in der vergangenen Woche bereits angefangen zu schimmeln, man sieht es und man riecht es.

SchimmelpilzSchimmel

Vermutlich eignen sich die Keller künftig nur noch zur Pilzzucht. In einem anderen niedrigeren und fensterlosen Kellerraum ist es nicht nur feucht, sondern zusätzlich entsetzlich warm, und hier riecht es zusätzlich nach Gärung. Ich überlege, ob man nicht einen Bücherschnaps brennen könnte, ein Buchparfüm gab es ja auch schon, aber Monsieur hat nur ein müdes Lächeln dafür übrig.

Wir haben heute viele Serien komplett weggeworfen, darunter die Collection Feu, eine antimilitaristische Serie und sehr, sehr viele Bänder der berühmten Série Noire, deren Titel ich heute sehr sprechend fand. Lustigerweise ist eines der wenigen Bücher, das die Überschwemmung trocken überstanden hat, den Titel Apres moi le déluge: nach mir die Sintflut.

ici reposentgrosse WäscheNach mir die Sintflutwarum aufregen?

C’est la fin, sagt Monsieur betrübt, als er die glitschigen Bücher der Collection Mystère und der Collection Angoisse in die Plastikkisten legt, mit denen wir sie aus dem Keller tragen, on ne les trouve plus. Alle diese Bücher, die populäre Literatur der fünfziger Jahre, teils mit eindringlich gezeichneten Covern, aber auf schlechtem Papier gedruckt, findet man kaum noch bei den bouquinisten, und die bouquinisten selbst verschwinden ebenso, einer nach dem anderen. C’est la fin.

MystereAngoisseSpionageTitelCoverWir hingegen haben noch ein paar Tage zu tun, allein mit dem Entsorgen der Bücher. Heute haben wir alles zunächst zur Straßenecke getragen, am Nachmittag haben wir sie dann, schon etwas müde geworden, auf der gegenüberliegenden Straßenseite entsorgt, für Morgen bekommen wir mehrere große Mülltonnen geliefert. Der Anfang vom Ende einer großen Sammlung.

Anfang vom Ende

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Cannes, eine Woche danach (Sonntag)

Bis eben (Freitag Abend, das heißt knapp zwei Wochen lang) funktionierte bei einerm Drittel der Bevölkerung Cannes‘ (wir eingeschlossen) weder die Telefonlinie noch das Internet und wir hatten entsprechend auch kein Fernsehen. Das Zentrum für die Telefonlinie liegt unterirdisch im Boulevard de la République, eine Straße in einem Viertel, das schwer getroffen ist von der Hochwasserkatastrophe, und noch immer sind nicht alle der zigtausend Drähte gereinigt, wie ich in der Zeitung gelesen habe. Die Zeitung ist in den Zeiten ohne Internet und TV wieder wichtigstes Informationsmittel, und als wir am Sonntag Abend ankamen, habe ich die Ausgaben der letzten Tage durchgeblättert und fassungslos die Bilder betrachtet, die Sie vermutlich alle schon gesehen haben, und ich vermute ebenso, dass das Hochwasser in Cannes und Umgebung ist für Sie schon ein alter Hut und vielleicht sogar abgehakt ist. Für uns, die wir während der letzten Woche in den Bergen waren, beginnt es gerade.

Schlammiger HInterhofDas Stadtviertel stinkt. Der Geruch nach modriger Feuchtigkeit liegt in der Luft. Und das, obwohl es schon eine Woche lang warm und sonnig ist, aber die Häuser, die Keller, die Straßen und Trottoirs sind noch vollgesogen mit Wasser und die sonst roten Trottoirs sind noch matt und braun vom weggeputzten Schlamm. Das alte Arbeiterviertel um den Boulevard de la République ist schlimm getroffen von der Hochwasserkatastrophe. Der Boulevard ist an manchen Stellen geradezu explodiert, der darunter verlaufende kleine Wasserlauf war aufgrund der extremen Menge an Regen, der innerhalb kürzester Zeit fiel, so angeschwollen, dass er dort, wo er überbaut war, die Straße an vielen Orten zum Bersten brachte.

explodiertgeborstenkaputtDort aber, wo er (und andere kleine Wasserläufe) frei floss, überschwemmte er Gärten, Keller, Garagen und Souterrainwohnungen.

WasserlaufAlle Häuser und alle Läden sind hier schwer getroffen. Die Haustüren stehen offen, aus jedem Haus, aus jedem Keller und jeder Tiefgarage werden immer noch triefende und verschlammte Dinge geschleppt und an Straßenecken oder einfach vor dem Haus aufgetürmt : vollgesogene Polstermöbel, Matratzen und Deckbetten, aufgequollene Pressspanmöbel, Mikrowellengeräte, Staubsauger, Computer, Fernseher, Wäsche, Kleidung, Kisten und Tüten mit Büchern, Papier … Die Müllabfuhr fährt seit Tagen ununterbrochen Müll ab.

PharmacieSeitenstraßeMüllan jeder Ecke90% der Läden hier im Viertel sind geschlossen. Ihre Scheiben sind durch das Hochwasser, meist aber durch hineinrutschende Autos zu Bruch gegangen und Wasser und Schlamm schossen mit einer Wucht hinein, dass die Inneneinrichtung und selbst schwere Kühlschränke darin herumpurzelten wie Bauklötze. Der Friseur, die Apotheke, der gerade neu umgebaute Tiefkühlsupermarkt, der Patissier, die jüdische Bäckerei, der arabische Metzger, der russische Tante-Emma-Laden, der Zweiradladen, das Bistro, der Pizzalieferant, der Schlüsseldienst und, und, und … und selbst eine kleine Filiale einer Versicherung ist betroffen, und an den Spanplatten, die die Glascheiben vorübergehend ersetzen, kleben Zettel wo man sich im Schadensfall nun hinwenden solle.

assuranceNiemand weiß, ob die Läden hier wieder öffnen werden. Zu groß ist der Schaden, selbst wenn eine Versicherung einen Teil ersetzt, und viele Besitzer der kleinen Läden hatten nicht mal eine Versicherung abgeschlossen. Die Stimmung ist trotz der solidarischen Hilfe der letzten Tage im Völkergemisch des Viertels gedämpft, mitunter verzweifelt. « Tout le quartier est à reconstruire. Moralement aussi. », schreibt heute Nice Matin.

Die Filiale der Credit Agricole hat ebenfalls geschlossen, einschließlich des Geldautomaten. Auch zehn Tage nach dem Hochwasser funktioniert nicht ein Geldautomat im Zentrum von Cannes und viele Filialen der Banken sind weiterhin geschlossen. Kreditkartenzahlung ist in den Bars, Restaurants und Geschäften und selbst an Tankstellen bis auf Weiteres ausgeschlossen. Kein Bargeld am Automaten, keine Kreditkartenzahlung … tausende von Gästen, die zu einem Kongress angereist waren und der Kommerz Cannois kommen dieses Jahr nicht zusammen.

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Morgenröte

MorgenrotEin letzter Gruß aus den Bergen, Sonnenaufgang heute morgen … wir fahren gleich ins verwüstete Cannes, und wie ich gerade erfahren habe, gibt es dort bislang weder Telefon noch Internet. Ich melde mich mit den aktuellen Wasserstandsmeldungen (hmpf) sobald ich kann!

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Parallelwelt Nachtrag

Hier noch ein paar Bilder, weils so schön ist. Morgens noch schönster Sonnenschein, nachmittags bewölkte es sich zusehends. Für morgen ist Regen angesagt. Herbst eben.

BergdorfKreuzHeute gabs überraschenden Besuch. Fünf Menschen wagten mit kleinen Mobilettes den Aufstieg. Wenn Sie wüssten, in welchem Zustand der Feldweg ist, der hier hinauf führt, würden Sie unsere Überraschung verstehen.

MobilettesMobilette bleualtes SchätzchenHund und Katze haben sich nach fast einer Woche aneinander gewöhnt – von Mögen ist aber keine Rede. Obwohl der Hund allerliebst und wirklich brav ist. Meine Katze hingegen ist Prinzessin und dementsprechend zickig. SyraEindrücke vom Herbstspaziergang.

HerbstzeitloseDistelDistel

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Parallelwelten

Blick aus dem FensterNein, keine Katastrophenbilder, damit kann ich nicht dienen. Wir sind in einer anderen Welt, und die Bilder von Cannes und Umgebung scheinen hier sehr unwirklich. Ende der Woche fahren wir wieder bergab und dann sehen wir das, was das Wasser unten angerichtet hat, mit eigenen Augen. Zur Zeit aber sind wir hier, in den Bergen, und es ist schönstes Herbstwetter. Kalt ist es allerdings schon, kaum ist die Sonne hinter den Bergen verschwunden, und im Haus waren es gerade mal 8°C als wir ankamen. Jetzt haben wir den großen alten Schulsaal mit manchmal stark rauchendendem Kaminfeuer immerhin auf 15°C hochgeheizt, in unserem Schlafzimmer sind es jedoch immer noch nur 11°C und es erinnert mich an meine Zeit auf dem Hof, wo ich genau wie hier mit Mütze geschlafen habe (und mit Wärmflasche, Socken und Fleecepullover).

Ansonsten ist es das Paradies. Stille. Abgesehen von den brünftigen Hirschen, die gerade  Tag und Nacht röhren, von Ferne allerdings nur, gesehen habe ich noch keinen von ihnen. Schafe hingegen kommen einmal täglich fressend, mäh mäh, bimmel, bimmel direkt am Haus vorbei.

Schafe von FerneSchafe kommenZiegenkokettunterhalb des HausesIch habe mal einen kleinen Film aufgenommen, schon wegen der Geräusche … ist das nicht hübsch?

Die Sonne scheint, die Laubbäume färben sich wunderbar orangerot, die Lärchen werden langsam gelb und die Pilze sprießen. Wir fanden nur les petits gris, kleine graue Pilze, die sich gut im Laub verstecken, aber wenn man mal den Blick dafür hat, findet man umso mehr. Es gab heute schon eine Pilzpfanne, und eben habe ich versucht Pilze in Öl einzulegen. Das ist auf dem Land ein beliebter Apéro-Snack. Ich bin nicht sicher ob das Rezept gelungen ist. Es gibt so viele unterschiedliche Rezepte wie Pilzsammler würde ich sagen, oder um genau zu sein, wie es Gattinnen von Pilzsammlern gibt. Pilze sammeln ist nämlich eine Männerangelegenheit (wir erwähnen hier nur am Rande, dass ich die ersten petits gris entdeckt habe), Pilze putzen und zubereiten wird dann wiederum gerne der treuen Gattin anvertraut, die zu später Stunde aus tausendundeinem Rezept das vermeintlich richtige aus dem Internet klaubt. Vor zwei Jahren habe ich es schon einmal versucht und die ranzig gewordenen Pilze nach Monaten weggeworfen. Diesmal ließ ich mir das Rezept einer älteren Dorfbewohnerin geben. Die Menge an Essig, in denen ich die Pilze dafür zu kochen hatte, scheint mir aber zweifelhaft. Warten wir’s ab.

un petit grispetit grisdiverse Pilzekleine Ernte

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Wir leben noch!

DANKE! Herzlichen Dank allen, die mich auf welchen Wegen auch immer angeschrieben haben, sich sorgen und sogar Hilfe angeboten haben: es geht uns gut! Wir hatten Glück, haben nachts nur 5 cm Wasser im Erdgeschoss rausgewischt, ein bisschen Sachschaden, Bücher, Papiere, Ordner und ein paar Kleinigkeiten, die ich dummerweise auf dem Boden gelagert hatte, habe ich weggeworfen. Die Nachbarn im Erdgeschoss haben sich von ihrem Teppichboden getrennt, aber sonst keine weiteren Schäden bei uns. Wir haben an unserem Wohnort keinen Keller, keine Garage und fanden das Auto unberührt in der Straße …

Wir hatten uns trotz der Wassermassen, die abends vom Himmel stürzten und den Sirenen der Feuerwehr, die wir hörten, nicht allzusehr gesorgt, es regnet oft gewaltig hier im Süden, Keller sind schnell überschwemmt und Gullis laufen über, einmal mehr also, wir haben keinen Keller und wohnen etwas hügelaufwärts, kein Grund sich zu sorgen. Gegen zehn hörten wir die afrikanischen Nachbarn im Erdgeschoss laut im Flur diskutieren, aber sie sprechen immer etwas laut, und wir dachten, so lange sie uns nicht rufen, geht es uns nichts an. Dann brachen TV und Internet zusammen, Monsieur hob den Telefonhörer ab, die Linie war tot, auch das kennen wir schon, tant pis, gehen wir mal früh schlafen … aber vorher ging ich doch mal nach unten, um zu sehen, warum die Nachbarn so aufgeregt waren. Oups: Das Wasser stand knöchelhoch im Flur, die Nachbarn trugen ihr Hab und Gut nach draußen und sahen ansonsten ziemlich hilflos zu, wie das Wasser stieg. Nachdem wir den Gulli im Hinterhof, der von einer angeschwemmten Holzplatte blockiert war, wieder befreit hatten, lief das Wasser wenigstens wieder halbwegs normal ab, aber Flur und beide Wohnungen (eine davon mein Arbeitszimmer) im Erdgeschoss waren leicht überflutet. Ich watete durchs Wasser und versuchte in Eile alles hochzuräumen, und wischte dann eimerweise Wasser raus.

avanti gerettet K800_DSCN6918Meine persönliche Katastrophenrettung war ein klitschnasser Haufen zusammengeklebtes Papier, der letzte Beweis meiner mehrjährigen Kolumnentätigkeit, nachdem man mir einst den Computer mit den elekronischen Daten gestohlen hatte, den ich nachts noch Blatt für Blatt auf Küchenkrepp auf jedem freien Stück Fußboden in der oberen Wohnung ausbreitete. Dann sank ich ins Bett.

Am nächsten Morgen immer noch kein Telefon, kein Internet, kein TV, egal, wir wollten eh in die Berge fahren und taten das auch. In unserem Viertel keine sichtbaren Schäden, wir wussten von nichts. Erst auf der Autobahn, als wir urplötzlich im Stau standen, schaltete ich das Radio an, um zu hören, ob es besser wäre, die Autobahn vielleicht wieder zu verlassen: jede Menge Anrufer boten auf dem Regionalsender Bleuazur Hilfe an „wir können zwei Personen aufnehmen“, „wir haben Platz für Tiere“ wir haben ein Klappbett abzugeben“, „wir haben Decken und Matratzen“ … Monsieur und ich sahen uns verständnislos an. Erst bei den nächsten Nachrichten erfuhren wir von der Katastrophennacht in und um Cannes: Tote bei einer Flutwelle in einem Altersheim in Biot. In Biot? Das liegt doch so hoch? Es erschien uns unglaublich. Tote, Verletzte, Vermisste … Menschen, die ihr Auto aus der Tiefgarage retten wollten und dabei ertranken, Autos, die bis ins Meer gespült worden sind, Menschen, die spurlos verschwunden sind, als sie nach den Nachbarn schauen wollten, entwurzelte Palmen auf der Promenade des Anglais in Nizza, Plünderungen in den Geschäften der Rue d’Antibes … und der Präsident persönlich wurde in Biot erwartet … und dann sahen wir die ersten Zeichen der Verwüstung: langsam krochen wir auf der schlammigen und schon wieder einspurig befahrbaren Autobahn entlang; das kleine Flüsschen la Brague, das mit den sintflutartigen Regenfällen zu einem reißenden Strom angeschwollen war, hatte dort kilometerweit alles überflutet. Rechts sahen wir übereinandergestapelte Wohnwagen auf einem Campingplatz und entwurzelte Bäume, Schlamm, Schlamm und Steine überall … wir zögerten kurz und überlegten vielleicht umzudrehen und nach Hause … aber auf der Gegenseite war der Stau noch viel schlimmer und im Radio hieß es: bleiben Sie zuhause, alle Straßen sind gesperrt … so fuhren wir langsam weiter in die Berge und wurden hier wie Überlebende einer Katastrophe begrüßt. Aber wir haben wirklich erst hier bei funktionierendem Internet (hier gibt es kein TV) das Ausmaß der Schäden in Biot, Mandelieu, Nizza und Cannes entdeckt. Das haben Sie sicher alles schon früher als wir im Fernsehen gesehen. Uns schockiert es, weil wir die Orte so gut kennen: Meine kleine Bankfiliale der Credit Agricole, die vor kurzem noch umgebaut worden ist, der kleine Parkplatz, auf dem sich jetzt zerdrückte Autos stapeln, die Apotheke an der Ecke des Boulevard République sind völlig verwüstet; Straßen, die ich täglich fahre, sind aufgeborsten wie nach einem Erdbeben, der Supermarkt, wo ich einkaufe, der nagelneue Bahnhof, der gerade erst eingeweiht worden ist, die Rue d’Antibes unter Wasser und Schlamm …

Ich habe versucht, alle Freunde in Cannes und Umgebung zu erreichen, nicht alle habe ich bislang erreicht: in manchem Stadtteil von Cannes (von den anderen Städten und Gemeinden weiß ich es nicht) gibt es immer noch keinen Strom und kein Telefon, geschweige denn Internet, und nicht bei allen ist es so harmlos gewesen wie bei uns: wir haben von weggespülten Motorrollern gehört, von verwüsteten Autos, überfluteten Kellern, Garagen und Souterrainwohnungen … aber das alles sind nur Sachschäden, auch wenn es einem die Tränen in die Augen treibt und man vielleicht deprimiert und verzweifelt vor den Verwüstungen steht.

Unsere Gedanken sind bei allen, die von dieser Katastrophe noch stärker betroffen sind und/oder Angehörige verloren haben.

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Ich war fremd – die Blogparade

Voilà, hier kommt also das Ergebnis der Blogparade, die Friederike vom Landlebenblog ausgerufen hatte. Ich verlinke den Artikel –> HIER. Darin finden Sie wiederum links zu 30 Menschen, die auf ihren Blogs erzählen, dass sie sich fremd fühlen, sei es in der Familie, in der Stadt, im Land oder in der Welt. Meinen Text finden Sie auch noch einmal, es ist vielleicht nicht der stärkste zum Thema, es brannte mir wohl gerade nicht so auf der Seele das Fremdsein, ich habe es irgendwie integriert in mein Leben, meistens zumindest. Dabei begleitet mich das Anderssein, das Fremdsein schon immer, das Gefühl nur am Rand zu stehen und zuzuschauen bei dem, was alle tun und das für alle anderen so selbstverständlich scheint. „Bereust du es nicht, keine Kinder zu haben?“, wurde ich neulich gefragt. Nein, antwortete ich, ich bereue es nicht. Ich weiß nicht mal, wie es ist Kinder haben zu wollen, ich kenne dieses Gefühl, dieses Bedürfnis nicht, das für die meisten Frauen (und Männer?) so normal zu sein scheint. Ich wollte keine Kinder. Heute kann ich es so sagen, aber ich wusste es lange selbst nicht und wartete immer darauf, dass sich der Wunsch nach einem Kind einstellen möge, aber er kam nicht. Eine Familie wollte ich auch nicht. Aber ich wollte einen Partner, einen echten Seelen-Partner, oder wollte ich eine Partnerin? War das vielleicht die Antwort auf mein Fremdsein? Aber nirgends fand ich, wen oder was ich suchte, I still haven’t found what I’m looking for, war lange meine Hymne. Fremd, fremd immer und immer wieder. Immer stand ich als aufmerksame Beobachterin dabei, versuchte alles genau so zu machen wie die anderen, aber ich dachte „es fühlt sich nicht richtig an, das ist es nicht“. Als ich beruflich da war, wo ich sein wollte, stand ich fremd auf den damals so beliebten Gartenparties herum, alle schienen sich so gut zu amüsieren und ich konnte am nächsten Tag lesen, dass es ein rauschendes Fest gewesen war, aber ich hatte mich den ganzen Abend gefragt, was mache ich hier? Vielleicht kann man gut weggehen, wenn es so ist. Immer wieder weg und weiter weg. Fremd bin ich sowieso. So zu tun als ob, habe ich gelernt. Anpassen tue ich mich schon mein ganzes Leben. Vielleicht ist dann das Ausland auch nur eine weitere Station, unvermeidbar geradezu. Aber es war dann schon ein Schock, das habe ich ja schon mehrfach erzählt. Und die Einsamkeit und das Fremde waren so präsent wie nie zuvor. Und warum es ausgerechnet dieses Bergdorf geworden ist, in dem ich mich endlich hinsetzen konnte, Ruhe fand und bleiben wollte, das verstehe ich manchmal auch nicht. Der Film Out of Rosenheim oder Bagdad Café mit Marianne Sägebrecht fällt mir gerade wieder ein.

Vielleicht erklärt der Film mein Leben, denke ich gerade: An dem so verlassenen und absurden Ort, an den es einen verschlagen hat, einfach zu bleiben und dort anzufangen zu leben. Und sich dabei selbst finden. Vielleicht ist es das, was mir passiert ist. Fremd bin ich deshalb nicht weniger, aber das kenne ich ja schon. Das gehört wohl zu meinem Leben und es drückt mal mehr, mal weniger, und immerhin ist es weniger befremdlich sich im Ausland fremd zu fühlen als in Deutschland. Und wie tröstlich, dass ich mit meinem Fremdeln nicht alleine bin. Sehr oft habe ich beim Lesen der anderen „Ich war fremd-Texte“ genickt und gedacht „Ja, genau! Das hätte ich auch noch sagen sollen!“ oder „Kenne ich!“ und „So ist es bei mir auch!“ Vielleicht geht es Ihnen beim Lesen ähnlich?

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