Intermezzo

War was? Hier stand vor kurzem ein anderer Text von mir, der auf etwas Bezug nahm, was zwischenzeitlich auch nicht mehr lesbar ist. Ich fand’s auch nicht schön…

aber ich hab’s gemacht, um mich zu wehren. Nur für die, die wissen, um was es geht, sei gesagt, dass ich die Löschung selbst vorgenommen habe, nach Aufforderung der „Aufsichtsbehörde“. Da ich nicht noch mal ermahnt werden möchte, bleibt das hier also sprachlich im Nebel.
Das Geld ist zurück gegangen. Wenn es noch mal hier ankommt, sehen wir, wie das weiter geht. ICH DANKE EUCH ALLEN SEHR für eure Unterstützung! Lassen wir’s jetzt bitte alle damit gut sein! Und an dieser Stelle reden wir bald mal darüber wie das neue Jahr sonst noch angefangen hat…

Bis dahin grüßt euch alle (und den kleinen ungeduldigen Häwwelmann)
aus dem tiefen Schnee
die
Christiane

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Advent, Advent

Ich bin eifersüchtig. Ich muss da auch keinen Test machen und 27 Fragen beantworten, um das rauszukriegen. Ich weiß, dass ich es bin. Ich stell das mal ganz vorne in den Text, damit alles, was kommt unter dieser Prämisse verstanden werden kann…

Ich bin eifersüchtig auf die Nachfolger der Auberge. Sie sind gerade mal vier Monate im Dorf und sind schon so was von integriert und dick befreundet mit dem harten Kern der ganzjährig hier lebenden Dorfbevölkerung, es ist unglaublich. Ich muss offen zugeben, dass ihre Art vermutlich besser hier ins Dorf passt als die von Patrick und mir. Sie sind laut und gesellig, immer heiter, haben immer Lust jede Menge Leute um sich zu haben, gemeinsam zu trinken und zu essen, Karten zu spielen oder Boule oder einfach nur zu quatschen. Patrick war ja auch durchaus gesellig und geschwätzig, aber er und ich sind an unseren freien Tagen doch gern mal allein zu zweit geblieben, weggefahren, gewandert und suchten selbst die Ruhe, die wir den Gästen vermittelten. Nach einem durchgearbeiteten und durchgequatschten Wochenende war und ist mein Bedürfnis nach Geselligkeit gut gesättigt und ich geh nicht noch zu den Nachbarn Karten spielen, um mich zu entspannen. Aber hier ist das Leben einfach geselliger und die neuen Aubergisten passen da, wie gesagt, ganz gut rein. Den Leuten hier gefällt das und die Aubergisten haben vom ersten Tag an eine Unterstützung, die mich sprachlos macht. Wer hier jetzt alles und vor allem immer wieder essen geht, Freunde und Familie in die Auberge einlädt, auch tagsüber immer mal viel Zeit in der Auberge verbringt ist verblüffend.

Ich will hier niemanden absägen, aber am Essen allein kanns nicht liegen – meines Erachtens ist es vielmehr die einladende Atmosphäre, die so anziehend ist. Eine überschwängliche Offenherzigkeit kommt dazu, und jedes Wochenende langmähnige Freundinnen in typischer Côte d’Azur Manier gekleidet, lange Beine in engen Hosen und oberschenkelhohe Stiefel mit hohem Absatz – sex sells. So ist es eben. Was mich irritiert ist, dass alle Männer, jung wie alt, auch die, die ich durchaus schätze, mit hechelnder Zunge in die Auberge eilen. Und dass auch die bislang verstocktesten Männer plötzlich Filzklötzchen auf Stuhlbeine hämmern oder eifrig Papiertischdecken zuschneiden, um nur ja zu helfen, man weiß ja nie, wann mal noch was anderes gebraucht wird. Neben so viel geballter Weiblichkeit mit großem Hang zur Hilflosigkeit werde ich ja immer ganz spröde. Ich bin ja eher so eine, die erstmal versucht einen Wohnzimmerschrank alleine die Wendeltreppe hochzutragen, bevor sie nach Hilfe ruft. Und angesichts der Lage, würd ich auch die Waschmaschine noch drauf packen und die Zähne zusammen beißen bevor ich nach Hilfe japse. Ist doof, vermutlich, aber so bin ich. Ich mag dieses Weibchengetue nicht.

So, jetzt übergangslos zum Adventszauber, danach verbinden wir die beiden Fäden. Treue LeserInnen wissen, dass ich hier in den vergangenen Jahren den Advent vermisste. Ich sah aber schon lange vor meinem geistigen Auge auf dem kleinen Dorfplatz mit dem Brunnen in der Mitte einen Weihnachtsmarkt entstehen. Oder auch einen Handwerkermarkt im Frühjahr. Ganz klein und fein, von hier und für hier, sprich mit Basteleien von uns und Produkten von ansässigen TöpferInnen, ImkerInnen, KorbflechterInnen und das alles nicht für auswärtige Touristen sondern eben für die Leute von hier. Inspiriert hat mich der Ort und das Museum auf dem Otzberg im Hessischen, wo im Jahreslauf mehrere Feste rund um die Burg organisiert werden. Das waren anfangs wunderschöne stimmungsvolle Veranstaltungen, die, eines Tages überregional inseriert, zu einem gigantischen Massenauflauf wurden, den ich von da an mied. So etwas in der Art wollte ich gern hier schaffen, aber für uns und eben genau nicht für die Menschen der Côte d’Azur mit Hang zur Landlust.

Letztes Jahr haben ein paar Frauen hier im Dorf einen kleinen Verein gegründet, les écureuils en marche, die marschierenden Eichhörnchen, vor allem um gemeinsam Gymnastik zu machen, zu wandern, einen Leseabend zu veranstalten und um einfach die Frauen des Dorfes ein bisschen zusammen zu holen. Der harte Kern sind vier Frauen (eine davon bin ich, klar, oder?), und wir sind alle nicht von hier aber nur ich bin wirklich von ganz woanders. Ich schlug vor, hier an einem Adventswochenende einen Weihnachtsmarkt zu organisieren, und alle waren Feuer und Flamme. Auch drei weitere Frauen (von hier) konnte ich überzeugen, und fegte ihre Einwände „Wer wird denn hierher kommen? Wer aus dem Dorf wird hier was kaufen wollen? Ich hab noch nie irgendwas hier im Dorf verkauft! Und bei Schnee kommt schon gleich gar keiner mehr…“ hinweg und dachte, „dass du hier nichts verkaufst liegt vermutlich an deinem streitbaren Charakter“ und sagte, „Hauptsache uns machts Spaß!“ Der Bürgermeister, der so etwas ja absegnen muss, war auch ganz angetan. Tolle Idee, das Dorf kurz vor dem Winterschlaf zu beleben. Wir einigen uns auf das Nikolaus-Wochenende, weil da sowieso das Dorffest ist, und demzufolge letztmals viele Menschen ins Dorf kommen, die ansonsten den kalten Winter an der Côte d’Azur verbringen. Ich hatte ebenso die Idee, 24 Fenster des Dorfes wie einen großen Adventskalender zu dekorieren. Begeisterung bei meinen Frauen. Aber auch Angst. Wie soll das aussehen? Wie macht man so was? Wer gibt uns dafür überhaupt sein Fenster? Werden die Leute selbst dekorieren? Ich hab so was ja auch noch nie gemacht, geschweige denn einen Weihnachtsmarkt organisiert, aber ich komme ja aus dem Weihnachtsmarkt- und Adventskalenderland und war ganz zuversichtlich. Ich würde ich mal sagen, dass ist das französische Flair, dass ich mir hier zutraue, so etwas auf die Beine zu stellen, ist doch alles nicht so schwierig, locker bleiben…
Es war dann leicht und auch wieder nicht, viel Basisarbeit insbesondere für die Fenster war nötig: Wozu soll das denn gut sein? Das haben wir ja noch nie gemacht! Und die Fensterläden bleiben dann offen? Um Himmels Willen! Und wenn es schneit? Ihr könnt mein Fenster haben, aber ich dekoriere es nicht, war der beste Kompromiss, den ich zu hören bekam.
Manch einem musste auch der Adventskalender an sich erklärt werden, der hat hier eben wirklich keine Tradition. Fragen, ähnlich unsicher wie bei der alljährlichen Zeitumstellung: Und wir machen dann alle Fenster gleichzeitig auf? Ach nein?
Am Anfang haben wir alle unsere eigenen Fenster in die Liste eingetragen, weil die Leute so zögerlich waren, aber jetzt, nachdem die Leute sehen, dass es hübsch wird und wir die Fensterläden auf Wunsch auch wieder schließen, haben wir so viele Fenster zur Verfügung gestellt bekommen, dass wir an manchen Tagen sogar zwei öffnen können, die nebeneinander liegen. Nur dekorieren tun die wenigsten. Aus Angst, dass es nicht richtig sein könnte, oder nicht schön genug, oder weil sie gar keine Idee haben, was sie machen sollen. Dann dekorieren wir die Fenster. Heißt in der Realität, 21 von 24 Fenstern dekorieren wir.

Bevor ich nach Deutschland fuhr, hatten wir schon ein bisschen Salzteiganhänger und Kerzenständer gebastelt und in mehreren öffentlichen Versammlungen auch alle Dorfbewohner eingeladen und unsere Projekte vorgestellt und viel geredet und erklärt. So richtig aktiv aber wurde außer den marschierenden Eichhörnchen niemand. Die bastelten aber während meiner Abwesenheit wie wild Windlichter, Anhänger, Schmuck, Kerzenständer, und sie strickten Handytaschen, Puppenmützen und Pulswärmer.
Als ich aus Deutschland zurück kam, waren es nur noch knapp drei Wochen bis zum Markt und wie schon erwähnt, alles stürzte auf mich ein. Ich wollte eigentlich Lebkuchen backen und Christstollen und Plätzchen, aber irgendwie lief mir bei all der Bastelei und Organisiererei die Zeit davon, denn arbeiten musste ich ja auch noch. Und ich war abends so müde. Als ich dann endlich endlich und viel zu spät den Christstollen backen wollte, ging der verfluchte Hefeteig nicht auf und ich stellte die Plastikschüssel wegen der Wärme auf den kleinen Petroleumofen, und es kam, wie es kommen musste, der Schüsselboden schmolz durch, und als ich, durch den Geruch alarmiert, die Schüssel wegnehmen wollte, ergossen sich grünes geschmolzenes Plastik und Hefeteig auf Ofen und Fußboden. Ich konnte nicht mal weinen, ich stand nur mit hängenden Armen da und war fassungslos. Christstollen gab es also nicht am Weihnachtsmarkt.

Zunächst mussten aber noch ein paar Tannenbäumchen aufgestellt werden. Ich dachte mir ein paar Bäumchen in Eimern auf dem Platz verteilt, damit es dort ein bisschen weihnachtlicher aussähe, gar nicht mal dekoriert, einfach ein paar kleine Bäumchen. Dekoriert sah ich nur den stattlichen Weihnachtsbaum in der Mitte des Platzes. Kommunikation, das haben wir alle irgendwann mal gelernt, ist nicht nur das, was ich sage, sondern auch, das, was ich nicht sage sondern nur denke, das, was der andere hört, versteht und was der andere denkt. Weshalb man bei Partnergesprächen immer nachfragen soll „bei mir ist angekommen, dass…“ oder „habe ich richtig verstanden, dass…“. So findet Kommunikation hier ja aber nicht statt, so dass ich mit einem der älteren Nachbarn zum exzessiven Baumschlagen fuhr, eine Woche lang machten wir fast nichts anderes als Bäume im Wald schlagen und aufstellen, bis wir alle die Bäume zusammen hatten, die es seiner Vorstellung nach brauchte. Wenn schon, denn schon, sagte er, und ich weiß immerhin schon, dass ich seinen Eifer nicht bremsen darf, denn sonst ist er gleich ganz gebremst. Also stellen wir Bäume auf. An den strategisch wichtigen Orten: Dorfeingang, Dorfende, vor der Kirche, vor der Mairie, auf dem Platz, aber natürlich auch hier und da und vor allem bei ihm und bei seinen Freunden. Ich sage, wir dürfen das restliche Dorf nicht vergessen, wenn wir hier so viele Bäume aufstellen und unten nichts, gibt das Ärger. „Je m’en fous, ils se démerdent!“ ist sein einziger Kommentar. Eine vulgäre Form von „mir egal, sollen selber sehen, wie sie klarkommen“. Klar gibt das Ärger. „Wer hat überhaupt  entschieden, dass so viele Bäume aufgestellt werden, das hatten wir ja noch nie?!“ Und hier ist der Ärger ja asterixmäßig immer gleich sehr laut und die Frauen kreischen so schnell. Oh, Mann. Ich fahre also Freitags abends noch mal zum Baumschlagen für das untere Dorf. „Und wer dekoriert jetzt all die Bäume?“ ist die nächste vorwurfsvoll und laut gestellte Frage. „Keine Ahnung, ich auf jeden Fall nicht, die können doch auch so bleiben, oder?“, sage ich. Aber ich hab sie hingestellt, ich bin die Angestellte der Mairie und ich bin sozusagen Projektleiterin Weihnachtsmarkt, und hier gibt es keine ungeschmückten Bäume. Also doch ich. Ich fahre noch mal nach Nizza um Baumschmuck nachzukaufen und mache dann tagelang nichts anderes als bei Minustemperaturen auf Leitern rumzuklettern und Kugeln und Girlanden und Lichterketten in die Bäume zu dekorieren, ich habe entzündete Hände von den pieksigen Nadeln und es wird alles sehr schön, aber ich bin ein bisschen gesättigt, was das Dekorieren angeht.
Nur der große Weihnachtsbaum auf dem Platz, den wir mit einem kleinen Bagger aufgestellt haben, weil zwei Mann und eine Frau alleine ihn nicht halten konnten, wird von mehreren Leuten und mit allen Kindern geschmückt. Eigentlich wollten wir das am ersten Adventssonntag machen, aber auch hier ging es nicht ohne Gemecker, „wer hat überhaupt entschieden, dass das der Sonntag sein soll, der Baum kann doch jederzeit geschmückt werden, oder?“ Ich sage, „aber es ist der erste Adventssonntag. Deshalb.“ „Ach so? Und da dekoriert man?“ Na gut, letztlich wurde es eh der Samstag, weil für den Sonntag Schnee angesagt war.
Es schneite, es schneeregnete, es regnete, es fror. Freitags vor dem Nikolauswochenende hatten wir Glatteis. Und kein Salz, keinen Sand, keinen Schotter. Einen läppischen Sack Salz fand ich in der Garage der mairie. Zwischen meinen beiden meckernden alten Nachbarn, die ich hier Statler und Waldorf nennen will, so meckrig sind sie nämlich, hin- und hergezerrt, zwischen „du nimmst zu viel Salz, für morgen haben wir gar nichts mehr“ und „du nimmst zu wenig, ich musste überall nachsalzen“, rufe ich den Bürgermeister an und der organisiert, dass ich ausnahmsweise unten im Tal beim Straßendienst Salz abholen kann. Ich schlittere also mit dem Pick-up runter und komme mit 900 Kilo losem Salz wieder hoch. Ich salze alle strategisch wichtigen Punkte, vor allem den steilen Dorfeingang, die Treppen, die Stellen unter den leckenden Dachrinnen und den Platz, ich will ja nicht, dass sich irgendwer den Fuß bricht am Nikolaustag. Der Rest muss jetzt schnell noch irgendwohin geschaufelt werden, wo es vor allem trocken ist. 900 Kilo sag ich nur!

Freitags nachmittags hacken wir die letzten Eisreste vom Platz, denn wir wollen kleine Zelte für die Stände aufstellen, wir sind am Anfang drei Frauen, dann fünf immerhin, die Männer des Dorfes sind alle unauffindbar. Später weiß ich, dass sie alle im Einsatz für die Auberge waren. Wir haben die Zelte trotzdem aufgebaut bekommen. Dann fordert Mr. Statler, atemlos auf dem Platz angekommen, mindestens ein Zelt für die Auberge, denn bei diesem Wetter können die nicht ohne Unterstand sein (am Nikolaustag findet das Essen im Festsaal mit einer notfürftig installierten Außenküche statt); das sind so Augenblicke, die mir wehtun, denn uns hat man seinerzeit nie ein Zelt zur Verfügung gestellt – das sage ich auch, ernte aber nur Schulterzucken, nicht sein Problem, jetzt brauchts jedenfalls ein Zelt. Wir stellen ein Zelt weniger auf, ich trage es runter zum Festsaal und denke, aufgebaut kriegen sie es hoffentlich alleine, kriegen sie auch, einer der Männer des Dorfes ist natürlich bereit das zu tun. Ich fange langsam an Hasspunkte zu sammeln.

Samstag, Weihnachtsmarkt. Ich, als Gemeindeausrufer mit Trommel, laufe rufend und trommelnd durch das Dorf. Fünf Jahre Kölner Karneval machen sich bezahlt, ich hab vor keiner Lächerlichkeit mehr Angst. Und es kommt keiner. Das ist schon ein bisschen komisch. Später kommen sie so nach und nach aus den Häusern gekrochen, aber sie kucken nur ein bisschen, kaufen nichts und gehen wieder heim. Super. Ein paar Zweitwohnsitzfrauen geben einen geschlossenen, aber uninteressierten Block auf dem Platz, irgendwas läuft schief. Die Kinder finden alles klasse, wir bislang auch noch, ich rufe und trommele. Nachmittags wird es ein bisschen lebendiger, denn jetzt kommen ein paar aus den anderen Dörfern, eigentlich zum Kartenspielwettbewerb, aber sie sind erstaunt und erfreut über den Weihnachtsmarkt auf dem Platz, kaufen ein paar Sachen, trinken Glühwein und loben unseren Einsatz. Wenigstens etwas. Auch ein paar Eltern mit Kindern von benachbarten Dörfern kommen, und finden es toll. Puh! Viel mehr passiert nicht. Abends sind wir ausgefroren und zumindest ich demoralisiert. Die Frage, ob wir den Markt am nächsten Tag wieder eröffnen, hat sich erledigt.

Dann ist Messe in der Kirche, danach Essen im Festsaal, organisiert von der Auberge. Es ist voll, die Leute sind gut gelaunt, der Saal ist nicht geschmückt, aber fürs Auge, zumindest das der Herren, gibt es ja die langbeinigen Freundinnen. Das Essen ist mit Ach und Krach korrekt. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Ich bin superenttäuscht, frage mich, ob ich die Einzige bin, die das so sieht. Denn alle anderen amüsieren sich anscheinend großartig und scherzen mit den Damen. Danach gibt’s Tanz, die Musik ist nicht schlecht immerhin. Ich kucke mich im Saal um, sehe die aufgekratzte Menge und bin total enttäuscht, verletzt, traurig. Und in mir nagt dieses Eifersuchtsteufelchen, dass sagt, wir haben viel bessere Arbeit gemacht, aber viel weniger Erfolg gehabt. Das zu sehen, tut mir weh. Ich setze mich draußen auf die Mauer, rauche, weine und halte Zwiesprache mit Patrick. Und wer kommt und nimmt mich in den Arm? Ausgerechnet die Aubergistin, die sagt, „das muss alles ganz schrecklich für dich sein, oder Christjann? Du bist sehr stark, Christjann, ich bewundere dich!“
Ja, das ist alles vielleicht nicht gerade schrecklich, aber tatsächlich nicht so leicht zu ertragen.
Ma foi…. il faut vivre avec, um mal mit einer der floskelhaften Phrasen, zu sprechen, die hier an der Tagesordnung sind. Damit muss ich leben, da muss ich durch.

Keiner der Einwohner in diesem geschwätzigen Dorf, wo alles zigmal durchgekaut wird, sagte auch nur pieps zu unserem Weihnachtsmarkt. War da was am Samstag? Was war es? Das Fremde? Dass es von uns Dorffremden organisiert wurde? Keine Ahnung. Die kritische Mitstreiterin sagte nur „hab ich dir gleich gesagt, dass hier keiner was kauft“ und ich nicke seufzend. Aber warum? Marthe, die alte Schäferin, deren rustikale Körbe wir verkaufen wollten, sagte, „dachte ich mir, dass das nichts wird, Markt muss man im Sommer machen“. Ich sage „aber es sollte ein Weihnachtsmarkt sein, der ist nun mal im Winter.“ Aber sie zuckte nur die Achseln. Unser Lokalreporter immerhin fand den Weihnachtsmarkt gelungen, er hat eine nette kleine Diashow auf seiner Website gemacht, der Bürgermeister ebenso: „Langsam anfangen, Christjann, sagte er, und sich beharrlich steigern, ist besser als total toll einschlagen. Nächstes Jahr macht ihr das wieder und du wirst sehen, das wird…“ Ich sag noch nicht ja. Und Gottseidank sind noch ein paar Monate dazwischen, denn mir reichts grad völlig mit dem Advent.

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Deutschland – Frankreich

Eifersucht, Enttäuschung, Müdigkeit und eine sich breit machende Bronchitis sind nicht gerade die besten Voraussetzungen für einen gelungenen Blogbeitrag, und das nach so langer Zeit…

Wo anfangen?
Deutschland hat es mir schwer gemacht, meine Zelte endgültig abzubrechen. Sonne, milde Temperaturen, blauester Himmel, Weinberge in allen Herbstfarben – wie schön war das! Ich hab tatsächlich geweint, als ich die alte Bergstraße entlanggefahren bin, ich hatte das Gefühl, als dürfte ich das alles nie wieder sehen, was natürlich völliger Quatsch ist, aber dieses endgültige Weggehen war schwerer als erwartet. Ich bekomme ja viel Post von Menschen, die auch weggehen wollen und die mich nach Tipps fragen – ich muss hier mal in aller Öffentlichkeit sagen, dass ich da auch keine Expertin bin, ich bin ja eigentlich nur mal ein paar Monate weggegangen und dann da geblieben. Das mag an sich vielleicht schon nicht so einfach sein, aber so richtig weggehen ist dann doch noch mal was anderes. Ich bin ja eigentlich eine erprobte Umzugsfrau, aber dieser Umzug war mein schwerster: es galt diesmal sich von so vielem endgültig zu trennen: Ich versank dabei in Büchern, Fotos, Briefen, Kontoauszügen, Schul-, Berufsschul- und Uni-Ordnern, Kinderspielzeug, Kleidern und Krimskrams, mein ganzes Leben zog an mir vorbei. Was lasse ich da, was soll noch mit? Abgesehen vom aufwühlenden Abschiednehmen, ist das Wegwerfen ja auch nicht mehr so einfach. Von wegen Müllsack auf und rein… ich sah mich mit dreierlei Mülltonnen konfrontiert, die nach einem komplizierten Plan abgefahren wurden und die, kaum waren sie geleert, gleich wieder voll waren. Stadtbibliotheken und Oxfam kapitulierten vor den Massen meiner Bücher und Kleider und nicht mehr benötigten Dinge und mangels Zeit beauftragte ich letztlich einen privaten Entrümpler. Ich habe mich bestimmt von 50% meines Eigentums getrennt, und doch habe ich noch mehr als hier in meine kleine Wohnung reinpasst. So viel also zu simplify your life! Is’ alles doch nich’ so simpel!
Deutschland war auch superintensiv, denn ich habe in drei Wochen die halbe Republik bereist, viele Freunde und Familie gesehen, viele neue Menschen kennen gelernt und viele sehr intensive Begegnungen und Gespräche gehabt, viel gelacht und noch mehr geweint, am Ende hatte ich das Gefühl, als wäre ich gerade aus dem Wäscheschleudergang meiner Waschmaschine rausgefallen. Müde, verknautscht und in leichter Schräglage kam ich in Frankreich an. Und kaum hatte ich französischen Boden unter den Füßen und zögerte zwei Sekunden an der Zapfsäule einer Tankstelle, hatte ich sofort einen Mann an meiner Seite, der mir behilflich sein wollte und der mich nach meinem Leben ausfragte… In Deutschland hatte mich drei Wochen lang kein Mann angekuckt. Ich hab’s versucht, aber ich wurde nur mit leerem Blick bedient oder gar nicht angesehen. So ging ich nach zwei Wochen aus lauter Verzweiflung in Köln in ein portugiesisches Café, wo mich der Barmann seinerzeit so unverschämt angemacht hatte, dass ich damals vor Schreck nicht mehr hingegangen bin. Aber der Barmann ist nicht mehr da und der neue Kellner ist superjung und kuckt vielleicht sehr junge Frauen lächelnd an, aber nicht mehr mich. Wer hätte gedacht, dass mir das mal fehlen würde… In Frankreich ist das gleich wieder anders und ich bin versöhnt.
In meinem Dorf angekommen, wurde ich auch erst mal erschlagen, was das soziale Leben anging. Ich kam sonntags an und erst am darauffolgenden Freitag aß ich alleine bei mir in meiner Wohnung. Bis dahin war ich mittags und abends überall zum Essen, vorher noch zum Apéro und zum Tee eingeladen worden und sollte ununterbrochen erzählen, als hätte ich eine Weltumsegelung gemacht. Hier war zwischenzeitlich nicht so richtig viel passiert: Giselle feierte ihren 80. Geburtstag und Caline hat mich verlassen und lebt nun bei meiner Freundin.

Ich hatte vor meiner Abreise den Grundstein für einen Weihnachtsmarkt gelegt und auch einen Dorfadventskalender initiiert, mit 24 zu schmückenden Fenstern, und kaum war ich zurück, prasselte alles auf mich ein. Als Ideengeberin war ich gleichzeitig zur Chefin avanciert und sollte nun alles begutachten, kommentieren, wissen, können und für alles eine Lösung parat haben. Sind die Handschuhe aus Wollresten schön? Wie viel sollen die Salzteigfiguren kosten und die Windlichter aus umbastelten Joghurtgläsern? Wie soll der Baum auf dem Platz geschmückt werden und wann und mit wem werde ich ihn schlagen und wie aufstellen? Backen wir Plätzchen und Lebkuchen und ein Lebkuchenhaus? Und wann? Und wann basteln wir die Sterne? Und hast du die Wachsplatten zum Kerzen verzieren mitgebracht? Und wer wird all die Fenster dekorieren? Und mit was? Und hatten wir anfangs nicht genug, so haben wir jetzt mehr als 24 Fenster, wen werden wir kränken, wenn wir sein Fenster ablehnen? Und welches Fenster nehmen wir für den 24.? Und ich kam bis einschließlich letzten Montag, an dem alles wieder aufgeräumt wurde, nicht mehr zum Atmen. Zwischenzeitlich kamen meine Möbel, ich kam aber bislang noch nicht zum Einrichten und quetsche mich nach wie vor mit eingezogenem Bauch zwischen Tisch und Herd zum Kühlschrank, den ich nur halb aufkriege, weil die Gasflasche für den Gasherd im Weg steht. Die Gasflasche schiebe ich immer ein bisschen von rechts nach links, je nachdem ob ich den Ofen oder den Kühlschrank aufmachen will oder gar an die Waschmaschine muss.
Alles, was ich suche, ist garantiert noch in irgendeiner der zusätzlich die Wohnung verstopfenden Kisten, und ich schiebe und stoße und stapele alles von einer Ecke in die andere oder und unter den Tisch und aufs Bett oder in den Flur vor der Wohnung, je nachdem wo ich gerade dran muss. Klar ist bislang nur: alles passt nicht rein. Und ich habe weder Garage noch Keller noch Abstellraum, so dass alles, was wirklich nicht mehr hier reinpasst ein bisschen wild auf dem Balkon steht und gelegentlich nass geregnet oder zugeschneit wird. So lebe ich und es geht mir zunehmend auf die Nerven, aber vor dem Nikolaus-Weihnachtsmarkt war an persönliche Zeit und ans Einrichten wirklich nicht zu denken. Wenn ich mal in Ruhe bei mir war und auch grad mal keiner bei mir rumsaß, umgab ich mich mit deutschen Lauten und hörte Grönemeyer, Nena, Xavier Naidoo, Rio Reiser und Element of Crime und was ich sonst noch so fand an Heimatklängen in meiner CD-Sammlung. Endgültig weggehen ist nicht so einfach, sag ich euch, auch wenn das andere Land einen wild an sich drückt und fast erstickt vor Zuneigung. Plötzlich ist das nämlich alles zu viel…

Und wann kommt das mit der Eifersucht? Uuund der Weihnachtsmarkt? Uuuund die Adventsfenster? Jaaaa doch, gemach gemach…

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La Foire

Einmal im Monat ist in Guillaumes la foire. Foire meint, ein etwas groesserer Markt. Das bleibt in einem so kleinen Dorf dennoch ueberschaubar, aber gemessen an der ueblichen Beschaulichkeit ist doch etwas los auf den Strassen und Trottoirs und Plaetzen. Im laendlichen Milieu ist die foire stark jahreszeitlich ausgerichtet, …

und die Maerkte heissen auch verschieden. Im Fruehjahr gibt es passend zur Pflanzzeit die foire des plantes, das heisst, dass ueberdurchschnittlich viele Gaertner und Pflanzenhaendler vor Ort sind, und man kann dann von Stiefmuetterchen, Geranien, Petunien, Rittersporn, bis zu Salat-, Zuccchini-, Lauch- und Rote-Beete-Pflaenzchen alles erwerben, was so wachsen soll im Blumentopf und Gemuesegarten. Bei den Blumen muss man aufpassen — die Pflanzenhaendler kommen in der Regel von der Kueste und schleppen allerhand verlockende Pflaenzchen mit, die unser raues Bergklima nicht gut vertragen. Im ersten Jahr habe ich leidenschaftlich exotische Blumenpflanzen eingekauft, um festzustellen, dass es hier um diese Jahrezeit a) noch zu frueh und b) insgesamt zu windig und kuehl ist fuer derlei Gewaechs. Enttaeuscht finde ich mich also wieder mit den gleichen Balkonpflanzen wie in Deutschland: Geranien, Petunien, Begonien, Tagetes, Margeriten, an schattigen Plaetzen Fleissige Lieschen und da, wo es sehr sonnig wird, geht auch mal was Exotischeres, was aber wegen des Windes grundsaetzlich robust sein muss.

Im September zur Zeit der der sich wieder bergab bewegenden Transhumance heisst die foire foire des tardons; tardon bezeichnet die jungen Schafe, die im Fruehjahr geboren wurden und im Sommer in den Bergen aufgewachsen und hoffentlich schoen fett geworden sind, und die auf der foire zum Verkauf angeboten werden, denn die Septemberfoire dient vor allem dem Verkauf von Schafherden.

Jetzt im Oktober war es die foire concours, ein Wettbewerbsmarkt mit grosser Versteigerung am Ende, hier wird alles gekuert: der schoenste Blumenkohl, der groesste Kuerbis, die rundesten Kartoffeln, die geradesten Karotten, die schoenste Kuh und der bravste Esel.

Die herbstlichen foires haben viel Tierbezogenes zu bieten. Neben Kuh- und Schafsglocken und den dazugehoerigen handgefertigten Holzgestellen, die den Tieren umgehaengt werden, gibt es Wolle und Wollerzeugnisse, wie handgewebte oder geknuepfte Teppiche oder gefilzte Kleider und Objekte, was hier noch ganz neu ist, dann Felle und Utensilien fuer die Schafschur. Und dann findet man natuerlich alles, was man auf franzoesischen Maerkten immer findet: Produkte der regionalen Bauern wie Kaese, Wuerste, Honig, dann Oliven, Korbwaren, Haushaltskram, Messer, Spielzeug, Schuhe, Klamotten, Krimskrams.

Frueher war die foire in Guillaumes die groesste und wichtigste landwirtschaftliche foire im ganzen Umkreis, und sie war insbesondere an den Rhythmus und das Leben der Schaefer gebunden. So wurden damals auch im Juni, bevor es in die Berge ging, Schafe verkauft, insbesondere die, von denen man sah, dass sie beim anstrengenden Aufstieg nicht mithalten konnten. Das findet heute gar nicht mehr statt. Bei den Herbstfoires kamen bereits waehrend der Nacht die Schaefer mit ihren Schafen von ueberallher, und unendlich viele Schafherden wurden in kleine Pferche gesperrt und es wurde in aller Fruehe vor Ort und nach Ansehen der Tiere lange verhandelt und der Verkauf rituell mit Handschlag besiegelt; danach wurde ordentlich gefruehstuckt und auch gern schon mal ordentlich getrunken, schliesslich ist man schon seit Stunden auf den Beinen. Der ganze Ort war voll mit Tieren, Schaefern und Viehhaendlern. Heute gibt es nur noch wenige Schaefer, die sich die Muehe machen, einen Teil ihrer Herde nach unten zu bringen, und auch dann ist sie oft schon verkauft. Es gibt insgesamt auch immer weniger Schaefer und alles ist viel pragmatischer geworden.

Ich kenne das „frueher“ nur vom Erzaehlen und von Fotos, aber seit ich hier bin, haben sich die foires auch nochmal veraendert. Da es immer weniger kleine Bauern gibt und mit ihnen klassisches landwirtschaftliches Leben, werden auch die foires immer weniger landwirtschaftlich und hingegen mehr touristisch: banal, gesichtslos, austauschbar. Und wenn bald die ganzen Alten nicht mehr sind mit ihren winzigen Hoefen, den fuenf Huehnern, drei Ziegen, einer Kuh und einem Gemuesegarten, und die Anwesen dann von einer daran uninteressierten Familie an Côte d‘ Azur-Franzosen, Deutsche oder Englaender verkauft werden, die sich hier ihren Sommersitz ausbauen, dann aendert sich hier mittel – bis langfristig noch einmal viel.

Auf meiner ersten foire gab es nachmittags noch eine richtige Schlaegerei, der zumTeil sehr zerstrittenen und hitzkoepfigen Schaefer, die um diese Tageszeit schon allerhand Alkohol konsumiert hatten. Nicht, dass ich das besonders erstrebenswert faende, aber das zur Veranschaulichung, dass das Ambiente anders war. Die Kneipen waren voll und laut, es wurde in grossen Gruppen zusammen gesessen, getrunken und gegessen und immer gab es etwas Deftiges wie les tripes, also Kutteln zu essen. Jetzt darf man ja drin nicht mehr rauchen, so dass sich das Geschehen in den Kneipen immer wieder lichtet, mal ist draussen mehr los, mal drinnen, aber irgendwie ist es insgesamt anders geworden, sauberer, glatter.

Mir hat sich das Phaenomen foire nicht von Anfang an erschlossen. Diese fiebrige Atmosphaere auf dem Hof, mit der die foire allmonatlich erwartet wurde, nur um dann stundenlang rumzustehen, zu trinken, und mit den gleichen Leuten wie immer zu plaudern, konnte ich nicht nachvollziehen und die aermlichen Kleiderbuden hatten fuer mich grosstadtverwoehnte Eventgeherin ueberhaupt keinen Reiz. Ich kannte ausser den Hofleuten niemanden, ich sprach schlecht franzoesisch und ich verstand kaum etwas. Das laute alkohol- und rauchgeschwaengerte Ambiente mit den wild aussehenden Schaefern war mir unheimlich und fremd. Was sollte ich hier? Ich war froh, wenn ich mit dem ersten Auto, das wieder hoch fuhr, mitfahren konnte, spaeter habe ich oft selbst ein Auto genommen, um mich davonschleichen zu koennen, wenn ich mich allzu doll langweilte.

Das hat sich veraendert. Ich kenne jetzt fast alle Menschen hier im Tal, die kennen mich, und ich werde selbst von manchen Schaefern mit Handschlag begruesst, und wenn man sich einen Monat, oder zwei oder drei nicht gesehen hat, weil man von seinem Berg vor lauter Arbeit oder im Winter vor Schnee nicht runter gekommen ist, freut man sich wirklich sich wieder zu sehen. Man bleibt stehen und redet, geht was trinken, verabredet sich zum Essen und setzt seinen Weg ein paar Schritte fort, um wieder jemanden zu begruessen, und vielleicht zu fragen, ob schon jemand Thierry aus Roubion gesehen habe, und ob Chantal heute auch da ist und wo der Messerhaendler seinen Stand hat und um zu bemerken, wie gross doch die Maedchen von Valérie geworden sind und wie huebsch, und Isabelle ist schwanger, na wie schoen, félicitations, und wollen wir nicht gemeinsam essen und wo esst ihr heute und hat schon jemand irgendwo reserviert …? Und dann kauft man Kaese und eine Wildschweinsalami, einen neuen Korb und ein kariertes Holzfaellerhemd und drei Paar Socken und fuer die Kinder irgendeinen Bloedsinn aus buntem Plastik oder einen Luftballon und etwas Nougat, und immer trifft man im Gewuehl Leute, die man schon eine Weile nicht gesehen hat und begruesst sich und verabredet sich zum Apéro oder zum Essen. Aus kneipensolidarischen Gruenden geht man am Tag der foire in alle Kneipen oder Bars, wie das hier richtigerweise heisst. So wird der Apéro in einer Bar eingenommen und kann sich hinziehen, weil ja wieder jeder jedem einen ausgeben muss, und daher wird das gemeinsame Essen, das dann in der Regel in einer anderen Bar stattfindet, auch eine spaete und sich lang hinziehende Aktion. Dann ist es schwupps nachmittags, und entweder wechselt man jetzt noch einmal die Bar, oder man bleibt, kommt ganz drauf an. Wenn es zum Beispiel regnet, geht man hier ja ungern nochmal raus. und wenn die Stimmung gut ist, gibts ja auch keinen Grund zu gehen. Wechselt man hingegen die Bar, trifft man nochmals andere Menschen, denen man gerne einen ausgibt und vice versa und so nimmt der Abend seinen Lauf. Vernuenftige und in der Regel nur leicht angetrunkene Freundinnen und Ehefrauen versuchen langsam ihren Mann aus dem Gewuehl loszueisen und zum Heimfahren zu bewegen, was im Winter mit dem Hinweis auf Glatteis manchmal gelingt, laue Sommer- und Herbstabende sind im Kreise Gleichgesinnter aber einfach zu schoen, als dass man so frueh schon brav nach Hause fahren koennte. Und wer laesst sich schon vor aller Augen von seiner Frau was sagen? Faire la foire heisst nicht umsonst durchfeiern. Und so kann sich das Geschehen noch lange hinziehen.

Anfangs war mir das unvorstellbar, dass man einen ganzen Tag so vertroedeln und vertratschen kann. Und versaufen. Was gibts denn da immer noch zu reden? Das haben wir doch schon dreimal gehoert heute und es ist doch alles so belanglos. Koennen wir nicht endlich heimgehen? Und dann kommt Benoit zur Tuer herein, und waren wir eigentlich schon beinahe gegangen, muss jetzt mit Benoit nochmal was getrunken werden. Allez, on va boire un petit coup, komm, einen trinken wir noch, nur noch einen… alors Benoit, erzaehl mal, wie gehts dir, was machst du so? Und wenn man Pech hat, ist einer der Huetehunde von Benoit vom Auto ueberfahren worden, oder er hat im letzten Monat oben in den Bergen sechs Schafe an den Wolf verloren. Darueber muessen wir erstmal aufgeregt diskutieren, denn der im Nationalpark Mercantour wieder angesiedelte Wolf, angeblich von allein eingewandert, ist der Feind Nummer Eins der Schaefer, und der Wolf ist das beliebteste Hassthema zwischen den studierten Ecolos, die fuer den Nationalpark arbeiten und den Schaefern, die seit Generationen hier die Schafe weiden. So schnell kommen wir hier nicht mehr raus. Dann deklamiert Loulou angetrunken und dramatisch ein Gedicht von Rilke fuer den Hund von Benoit, wie schoen, und dann gleich noch eins und wir trinken auf den treuen Hund und auf die Treue ueberhaupt und so gehts. Heute weiss ich einfach, dass es so ist, und etnweder ich geh zur foire oder ich bleib zu Hause, so ein richtiges Mittelding gibt es da nicht. Aber heute kann ich das auch, das redundante Reden ueber Alles und Nichts, das troedelige Zusammensitzen, und tatsaechlich sieht das alles anders aus, wenn man alle kennt und und dazu gehoert. Ich war am Samstag zum ersten Mal seit Monaten wieder auf der foire, das letzte Mal war Patrick noch dabei, das muss im Maerz gewesen sein. Es war wohltuend und bewegend, dass sich alle so gefreut haben, mich wiederzusehen, und sich freuen zu hoeren, dass ich hier bleiben werde. Es wollte gar nicht aufhoeren, das Umarmen und Begruessen und Reden und komm, wir trinken noch einen. Und ehe ich’s mich versah, war der Tag um. So ist sie… la foire!

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Kleine Fluchten

So heisst ein Film, den ich vor vielen Jahren, ich war noch in der Schule, in einem kleinen Darmstaedter Programmkino sah, das es schon lange nicht mehr gibt. Ein franzoesischer Film natuerlich, der fast stummfilmartig die kleinen Ausfluege eines Knechtes zeigt, der, nachdem er sozusagen das Rentenalter erreicht hat, sich unter den missbilligenden Blicken seiner Mitmenschen von seinem Ersparten ein Mofa gekauft hat. Glueckstrunken…

und manchmal vielleicht auch Weintrunken und die Technik seines Mofas nur vage beherrschend, faehrt er damit huegelauf und huegelab durch seine naehere Umgebung und fliegt dabei manchmal aus der Kurve, manchmal in einen Misthaufen, aber er ist dabei zutiefst gluecklich! Ich muesste den Film vielleicht noch einmal wieder sehen, denn heute koennte ich ich ihn besser verstehen, damals fand ich ihn zwar irgendwie lieb, und hab ihn bis heute nicht vergessen, aber das Glueck eines alten Mannes zu begreifen, der nie wirklich vom Hof seines Herrn wegkam, und der endlich die Zeit und die Moeglichkeit hat zwischen, sagen wir, Kleinkummersdorf und Grosskummersdorf hin- und herzufahren, kann ich erst heute wirklich verstehen.

Kleine Fluchten hatten wir gerade auch hier. Robert, der gestern hundert Jahre alt geworden ist, hat sich naemlich vorgestern selbst sein groesstes Geburtstagsgeschenk gemacht, in dem er sich heimlich in sein fast ebenso altes Auto gesetzt hat und ein bisschen rumgefahren ist. Er hat den Moment ausgenutzt, als seine Tochter zum Pilze sammeln unterwegs war und sein schwerhoeriger Schwiegersohn (immerhin auch schon Mitte siebzig) in seiner Werkstatt bastelte und ganz offenbar nicht hoerte, dass vor der Werkstatt ein Kleinlieferwagen gestartet wurde. Es ist Robert naemlich verboten zu fahren. Was ihn nicht hindert, doch immer wieder heimlich davonzubrausen. Im Winter vor drei Jahren mussten sie ihm schon die Batterie ausbauen, damit er nicht fuhr.

Robert ist hundert Jahre alt, er ist noch ganz klar im Kopf und abgesehen vom Autofahren hat er nur ein Vergnuegen, naemlich auf dem Sofa vor dem Ofen zu liegen, ohne Unterlass kleine selbstgedrehte Zigaretten zu paffen, den Kater neben sich und den Fernseher vor sich. Robert hat den Ruf eines Frauenhelden, was einem, wenn man das wackelige Maennchen mit dem Stock sieht, vielleicht ein Laecheln entlockt, oder ein kurzes hihi. Aber er selbst sieht sich durchaus noch ganz maennlich und springt wie eine Sprungfeder vom Sofa auf, wenn eine junge Frau hereinkommt (angesichts seines Alters sind wir ja alle jung), um bei den bisous auch ja der erste zu sein. Und Robert ist in meine Freundin Martine verliebt. Meine Freundin ist knapp halb so alt wie er und sie koennte locker seine Enkelin sein, aber ueber den Altersunterschied sehen wir grosszuegig hinweg. Martine lebte zwei Jahre in einem anderen Dorf an der Seite eines Mannes und kam jetzt allein wieder zurueck. Als Martine damals das Dorf verliess, wurde Robert muede und krank und wollte nicht einmal mehr Auto fahren. Wir dachten damals, dass er den Winter vielleicht nicht ueberlebt, einen Zusammenhang mit Martine sah jedoch keiner, ein alter Mann wird wird eben irgendwann muede und krank. Seine Familie hat ihm damals dennoch den Lieferwagen, einen Peugeot 404, wieder hergerichtet, selbst vom TUEV wurde er abgenommen, weil es das einzige war, von dem sie hofften, dass es ihm Freude machen und Lebensmut geben koennte, um den Winter zu ueberstehen und um ihn im Fruehjahr wieder hinauszulocken. Wirklich fahren lassen wollte ihn natuerlich keiner mehr. Den Winter hatte er dann ueberlebt, raus ging er seither aber fast nicht mehr, und wenn, dann wirklich nur, um mal nach dem Auto zu kucken. Er setzte sich hinein, rauchte, machte aber zur Erleichterung aller keine Anstalten zu fahren. Und seit kurzem ist Martine wieder im Dorf und Robert ist wie ausgewechselt; alle denken, das Herannahen seines doch hohen runden Geburtstages habe ihn ein bisschen aufgeputscht, aber ich bin sicher, es ist Martine. Seit Monaten geht er kaum vor die Tuer, aber neulich stapfte er durchs halbe Dorf, um die Gymnastikmaedchen im alten Schulhof zu beobachten (die „Maedchen“ sind zwischen 9 und 79 Jahre alt!), zu denen jetzt auch wieder Martine gehoert, und man sieht ihn jetzt oefters wieder unterm Nussbaum am anderen Ende des Dorfes sitzen, von wo er den Blick auf die Berge aber natuerlich auch auf das Haeuschen hat, in dem Martine jetzt wohnt. Tatsaechlich folgte er ihr an einem ihrer ersten Tage hier im Dorf in ihr Schlafzimmerchen und bot an, gerne auszuhelfen, wenn denn Not an Mann sei. Meine Freundin fand das komisch, ich nicht. Sie sagte, ach komm, Christjann, gegen den kann ich mich grad noch wehren, und ich denke, ja heute kannst du das, vor fuenfzig Jahren waere das vielleicht nicht so lustig gewesen. Und ich denke, was der so alles angestellt haben mag und das alles vor den Augen seiner Frau… aber so sind sie die Suedfranzosen, immer, auch in hohem Alter allzeit bereit, und warum mir das heute dann doch kein Schmunzeln hervorrufen mag, das wissen die Goetter. Aber wir wollen nicht schon wieder so kritische Toene anschlagen, ist ja angesichts eines so hohen Geburstags auch nicht angebracht, n’est-ce pas?

Und Robert faehrt wieder sein Lieferwaegelchen! Immerhin ist es ja fahrbereit. Jetzt ist seine Familie dann doch nicht einverstanden und es gibt immer grosses Geschrei, denn Robert faehrt bevorzugt unbefestigte Pisten, und sind die Straesschen hier schon eng, so sind es die Pisten noch einmal mehr, sie sind gerade so breit wie ein Auto und an einer Seite gehts in der Regel steil bergab. Aber vorgestern nachmittag ist er dann mal wieder ausgebuext, eigentlich wollte er eine Tour mit Martine machen, aber alle Ueberredungskunst nuetzte nichts, so dass er letztlich alleine eine Runde drehte und dann unterhalb des Dorfes zu der Obstbaumwiese fuhr, wo seine neunzigjaehrige Frau Birnen von den Baeumen ruettelte. So sammelten die beiden Alten gemeinsam Birnen und fuhren dann gemeinsam wieder nach Hause. On va se faire engueuler, sagte seine Frau, die befuerchtete, dass ihre Tochter ihnen beiden den Marsch blasen wuerde, aber er winkte nur ab, na wenn schon, Spass hat’s gemacht. Sie rumpelten aber doch vorsichtshalber von der Hinterseite an den Hof heran und parkten das Auto heimlich wieder da, wo es stand, luden die Birnen ab, und dann wackelten sie, jeder von einer anderen Seite kommend, ein wenig zeitversetzt nach Hause. Dass alle im Dorf sie gesehen haben und von weitem das ruckelnde und ab und zu davonschiessende Auto nervoes beobachtet und zudem eiligst ihre Tochter alarmiert haben, war ihnen entgangen. Aber diese schwieg ausnahmsweise, als wisse sie von nichts, die beiden Alten sagten auch nichts, sie assen abends nur mit roten Baeckchen und blitzenden Augen vergnuegt ihre Suppe.

ps: wie ihr den fehlenden Umlauten und sz’s ansehen koennt, gibts neue technische Probleme, und ich kann zudem zur Zeit keine Fotos veroeffentlichen – schade, denn zu Roberts Geburtstag gabs gestern einen Kuchen in Form seines Peugeot 404!

pps: ab hier folgt jetzt Eigenwerbung! Wer das nicht will, muss JETZT aufhoeren zu lesen!

Ich bin bald in Deutschland und die sozusagen weltweit einzige Lesung findet am 28.10.2009 um 20.00 Uhr in der Buchhandlung Ruthmann in Mainz-Hechtsheim, Alte Mainzer Strasse 4 statt. Am 31.10.2009 bin ich dann nochmals live und in Farbe vormittags von etwa 11.00 bis 13.00 Uhr und nachmittags von 15.00 bis 17.00 Uhr in Heidelberg in der Buchhandlung Schmitt & Hahn in der Hauptstrasse zu finden (das ist vom Bismarckplatz kommend gleich vorne rechts) und dort schreibe ich nette Dinge in Buecher, Signierstunde nennt sich das. Freu mich auf euch!

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Schlaflos in Chateauneuf

Ich weiß nicht, ob ihr Veras Koreablog lest, aber da tun sich zur Zeit unglaubliche Dinge. Sie hat ein Buch aus ihrem blog gemacht, wie manch andere(r) auch und steht jetzt im Kreuzfeuer der koreanischen Kritik. Ich habe das Buch gelesen…

einfach um zu wissen, um was es geht, aber es ist egal, ob ich das Buch lustig, langweilig oder kritisch finde, interessant ist die Tatsache, dass sie in Ihrem Buch Kritik an Korea übt, schon ausreicht, dass man sie überall wüst beschimpft. Keine Kritik an Korea, schon gar nicht von einer Ausländerin.

Das kann man gewiss verallgemeinern. Hat ein Ausländer das Recht in einem fremden Land Kritik zu üben? Vermutlich nicht. Mit Nationalstolz geschwellter Brust lässt sich auch der Franzose schon gleich gar nichts sagen. Sätze wie „In Deutschland ist das aber so…“  werden einfach nicht gern gehört und über Frankreich sage man bitte nur Gutes! Und ich denke, das ist überall so. Außer vielleicht in Deutschland: Wir mit unserer jüngsten Vergangenheit, noch immer schuldig und gramgebeugt, sind immer gleich eingeschüchtert und wir kritisieren uns fleißig selbst, noch bevor irgendjemand von außen etwas gesagt hat. Und Nationalstolz hat bei uns gleich einen faden Beigeschmack mit Arm heben undsoweiter.
Seit ich in Frankreich lebe habe ich die stereotype Kritik an uns Deutschen mit der ich hier ständig konfrontiert werde, aber auch ein bisschen satt, bei aller Selbstgeißelung, zu der ich auch neige, und ich würde mich heute auch nicht mehr gerne in Deutschland von Ausländern kritisieren lassen. Mann, so ist da hier, so essen wir, so leben wir und so reden wir eben und wenn’s dir nicht passt, dann geh nach Hause. Ich bin erstaunlich bewusst Deutsche, seit ich in Frankreich lebe, auch wenn ich mich hier doll anpasse und versuche a la française zu leben. Und es ist ein bisschen so, wie ein paar Koreaner in Veras Blog sagen, wenn schon Kritik an Korea, dann von Koreanern. Also, wenn schon jemand Deutschland kritisieren darf, dann bitte ich. Oder meinetwegen andere Deutsche.

Mein Buch über Frankreich wird von Deutschen, so weit ich das beurteilen kann, gerne gelesen, ein Kritiker bei amazon verstieg sich kürzlich soweit, zu sagen „dieses Buch macht glücklich“. Das zu lesen, macht mich wiederum ziemlich glücklich. Die Franzosen sehen das vielleicht nicht ganz so, vor allem nicht die in meiner direkten Umgebung. Von Paris aus lesen sich die netten Geschichten der kauzigen Dorfbewohner auch wieder anders. Man ist ja nicht betroffen.
Eine Französin, die, dank einiger Jahre Deutschlanderfahrung, mein Buch lesen konnte und es hier in einem literarischen Lesekränzchen auszugsweise den anwesenden Dorfbewohnern vorstellte, findet trotz allen Wissens um die Direktheit der Deutschen meinen Stil „cru“, das heißt sehr direkt, knallhart, kritisch – und sie sagte, wenn auch lachend, „ich fragte mich beim Lesen die ganze Zeit, warum sie nicht ihren Rucksack nimmt und wieder nach Hause fährt“. Ups, das saß. Anscheinend macht mein Buch sie nicht glücklich. Tatsächlich hatte ich nachts einen Alptraum, in dem sie mir freundlich aber bestimmt sagte, ich müsse Frankreich sofort verlassen. Das hat mich wirklich ein paar Tage umgetrieben, und ich habe Angst, dass eines Tages die Zweitwohnsitzler erfahren, dass ich sie nicht mag und dass ich mich im Buch kritisch äußere und dass sie mich lynchen werden oder erst mal zur Abschreckung nur meine Katzen. Ich habe das Buch bislang noch nicht an „meine Hoffamilie“ gegeben, weil ich Angst habe, dass sie mir übel nehmen, dass ich öffentlich geschrieben habe, der Hof sei schlampig, auch wenn ich dem noch so viel Positives entgegensetze.

Gerade habe ich das Buch von Nathalie Licard gelesen, die eine Zeitlang in der Harald-Schmidt-Show auftrat, als Stimme, als Frankreichkorrespondentin, als unfreiwillig komische Persönlichkeit. Ich bin bekennender Harald-Schmidt-Fan und die Zeit mit Nathalie habe ich noch in Erinnerung, außerdem traf ich Nathalie mal auf einem privaten Fest in der Kölner Südstadt, wo sie allerdings mit den anwesenden Franzosen rumwitzelte, und wenn man kein ausreichendes Französisch sprach, kam man nicht richtig rein in die ausgelassene Gruppe.
Nathalie schreibt von ihrem Alltag in Deutschland, ein bisschen schräg, ich finds lustig, vielleicht auch, weil ich die Art zu sprechen nachvollziehen kann. Aber sie änderte nicht mal die Namen ihrer Freunde – ob das für alle gilt, weiß ich nicht, aber ein paar habe ich namentlich wiedererkannt, hopste ich doch eine Zeitlang in der gleichen WDR-Deutschlandfunk-und-Verlags-Szene herum. Wie macht sie das? Nimmt ihr das keiner übel?
Ich habe in meinem Buch wenigstens alle Namen geändert – die Leute hier können natürlich ahnen, von wem ich schreibe, oder sie wissen es auch, aber außerhalb des Tales bin ich hoffentlich sicher. Mich macht das alles nervös, denn es wird immer enger, meine Familie, meine Schwiegerfamilie, meine Freunde, deutsche Verwandte von Dorfbewohnern, Ex-Kollegen, alle lesen mit. Worüber kann ich schreiben, wen und was darf ich noch kritisieren? Wie machen das professionelle Autoren? Ich habe mal gekuckt, Harald Martenstein schrieb kürzlich über Mainz und Wiesbaden und jetzt gerade über seine Katze. Bald schreibe ich vermutlich auch nur noch unverfängliche Geschichten über das Wetter und meine Katzen.

Oder ich lege mir ein Pseudonym zu. Das hätte ich vielleicht von Anfang an machen sollen.
Ich habe angefangen ein literarisches Bulletin für eine Internetseite zu übersetzen, das bzw. die von einem kleinen Kreis Krimiverrückter Menschen herausgegeben und unterhalten wird (http://www.polarophile.com), sie beschäftigen sich viel mit den Pseudonymen und anderen Masken der (Krimi-)Schriftsteller. Der Herausgeber ist geradezu besessen von der Idee, herauszukriegen, wer hinter welchem Namen steckt. Ist ja auch interessant, es gibt ein Beispiel, das mich wirklich beeindruckt hat, es ist die Geschichte von Romain Gary bzw. seinem Pseudonym Emile Ajar. Wer das schon kennt, kann jetzt die nächsten Sätze überspringen. Romain Gary war ein anerkannter Schriftsteller in Frankreich, der in den fünfziger Jahren einmal den Prix Goncourt gewonnen hatte. Irgendwann hatte er das Gefühl, die Literaturkritik nähme ihn nicht mehr wahr, und er schrieb einen Roman unter dem Pseudonym Emile Ajar, den er in einem komplizierten Szenario geheimnisvoll über einen Freund an einen südamerikanischen Verlag lancierte und vorgab inkognito bleiben zu wollen. Das Buch wurde verlegt, wurde erfolgreich und der neuentdeckte Autor Emile Ajar bekam den Prix Goncourt. Emile Ajar wurde berühmt, Gary musste seinem Pseudonym Gestalt geben und wählte dafür seinen Neffen aus, der sich als exzentrischer Schriftsteller aufspielte. Gary wuchs diese ganze Geschichte bald über den Kopf und er wurde eifersüchtig auf sein von ihm erfundenes Pseudonym. Er versuchte wieder unter seinem Namen zu schreiben, wurde aber weiterhin nicht wahrgenommen, und als er versuchte in dem Stil zu schreiben wie er es unter dem Pseudonym tat, wurde er als Plagiator von der Kritik verrissen. Die Absurdität dieser Geschichte ließ ihn wahnsinnig werden, er nahm sich 1980 das Leben – aufgedeckt hat er den Schwindel in seinem Testament nach seinem Tod.

Nun ich will nicht wahnsinnig werden, aber ich will die Freiheit, zu schreiben, was ich will.
Ohne, dass ich auf alle Empfindlichkeiten der Welt Rücksicht nehmen muss.
Ich denke noch über einen Namen nach…

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Ärgernisse

Kaum hatte ich den letzten Text veröffentlicht, hat ein erneutes Gewitter nicht nur den Strom sondern auch unsere nagelneue DSL-Leitung zum Erliegen gebracht. Der dafür erstellte schrankartige Kasten, der unterhalb meines Badezimmerfenster zu stehen kam, surrte und vibrierte nicht mehr, er war tot.

Das Modem, die sogenannte Live-Box, ein Name, den ich persönlich sehr passend finde, ich assoziiere so etwas wie einen Herzschrittmacher: so lange die Live-Box geht sind wir mit dem Leben der Welt verbunden -, blinkt beim Symbol @ nur hektisch rot anstatt durchgehend grün zu leuchten. Ich rief am nächsten Morgen bei der Hotline an, klicke mich durch das Anmeldeverfahren (Wenn Sie für die Nummer Soundso anrufen, drücken Sie die 1… wenn Sie Fragen zu Ihrer Rechnung haben oder eine Rechnung begleichen wollen, drücken Sie 2, für alle anderen Fragen drücken Sie die 3… Wir werden Sie sobald wie möglich mit einem unserer Service-Angestellten verbinden, die Wartezeit beträgt weniger als acht Minuten… ) und lande bei einem höflichen Menschen, der alle zwei Sekunden Madame zu mir sagt „ja, Madame“, „nein, Madame“, „haben Sie schon ihre Live-Box überprüft, Madame“, undsoweiter. Da ich nicht klüger als der Arzt sein wollte, gab ich nur die Symptome „Kein Internet“ und „Live-Box blinkt“ durch, nicht aber das, was ich bereits wusste: generelle Panne der externen Technik. Dummer Fehler. Man schickte mir am nächsten Tag einen Techniker, der die Live-Box überprüfen sollte. In der Zwischenzeit haben aber alle mit Internet ausgestatteten Dorfbewohner mir ihr Leid geklagt: Christjann! Internet geht nicht! Ich sage beschwichtigend, keine Sorge, Techniker kommt schon. Leider ist es aber nur der Techniker für die Live-Box der mairie, der sehr nett ist, sich von allen Dorfbewohnern ihr internteloses Leid anhören muss, dann aber achselzuckend vor dem toten Internetschrank steht, für den er weder Schlüssel noch Kompetenz hat. Die Live-Box überprüft er angesichts der generellen Panne dann erst gar nicht. Er versucht aber einen kompetenten Techniker zu erreichen. Es ist Freitag Mittag im August, alle die können, sind in Urlaub. Die anderen sind überlastet. Eventuell kommt jemand am Samstag. Es kommt natürlich niemand. Am Sonntag auch nicht, aber das habe ich auch nicht wirklich erwartet. Montags rufe ich wieder die Hotline an (Wartezeit weniger als vier Minuten immerhin), denn meine Dorfbevölkerung ist jetzt ziemlich ungehalten: Internet geht nicht, merde alors! Wir überlegen, ob wir die Hotline alle zwei Minuten anrufen, damit sie für uns die Internetrecherchen machen, die wir nicht vornehmen können, das könnte den Vorgang beschleunigen. Fragen wie etwa: Wie hieß das Lied, das bei Michael Jacksons Beerdigung von der hochschwangeren schwarzen Frau gesungen wurde? Was tun bei braunen Flecken auf Tomaten? Wir suchen ein nettes Hotel an der italienischen Riviera… Könnten Sie bei amazon eine Bestellung für einen Wanderführer aufgeben?… Es ist aber nicht nötig, denn man sagt mir auch so einen Techniker für Montag Nachmittag zu, denn wir sind immerhin eine öffentliche Einrichtung und auch wenn wir nur ein sehr kleines Dorf sind, so liegt doch das ganze Dorf internetmäßig lahm. Tatsächlich kommen zwei Männer, die geheimdienstartig vor dem Schrank parken und sich schweigend zwischen Auto und Schrank klemmen, mit ernstem Gesicht telefonieren und dabei niemandem ansehen und mit niemandem reden. Erst als ich sie bitte zur Klärung der Lage in die mairie zu kommen, erbarmt sich einer mir zu sagen, dass sie gekommen sind, um eine Art Blitzableitertechnik zu installieren, was sie aber nicht können, da sie ein Problem mit der Installation des Stromanbieters EDF haben. Immerhin erreichen sie, dass ein EDF-Techniker am gleichen Nachmittag hinzukommt. Drei Männer telefonieren nun wild in der Gegend herum, denn das Internet geht immer noch nicht, auch nachdem alles mögliche ausgetauscht und umgestöpselt wurde. Vermutlich ist irgendeine Karte betroffen, die auszutauschen aber keiner der drei Männer befugt ist, abgesehen davon, dass sie solch eine Karte auch nicht dabei haben. In der Zwischenzeit stehen alle Dorfbewohner um die drei Techniker herum und schimpfen temperamentvoll und theatralisch, was ich so nicht fertig bringe, auch wenn ich ebenfalls schon ziemlich genervt bin: Fünf Tage ohne Internet! Am Abend verschwinden die Techniker, versprechen mir einen weiteren Techniker für den späten Abend, der die besagte Karte austauschen wird. Der angekündigte Techniker kommt weder am Abend, noch in der Nacht und auch nicht am nächsten Morgen. Ich rufe also wieder die Hotline an und treffe auf einen stoffeligen undeutlich redenden Menschen, der mich anhand seines standardisierten Fragebogens so Dinge abfragt wie „Haben Sie überprüft, ob Ihre Live-Box eingeschaltet ist?“. AAAAHHHH!!!! Ich koche innerlich und nachdem er mich mehrmals in die Warteschleife gehängt hat, um dann zum dritten Mal lahm nach meiner Telefonnummer zu fragen, bin ich drauf und dran, laut schreiend durchs Dorf zu laufen. Er weiß nicht weiter, wird sich aber kümmern, sagt er. Später erhalte ich dann tatsächlich eine sms, dass ich am nächsten Tag gegen Mittag mit einem Spezialisten einen Telefontermin habe. Am nächsten Tag fahren bereits morgens vier Techniker mit zwei Autos vor den immer noch toten Internetschrank und arbeiten wiederum geheimdienstartig vor und in dem Schrank. Ich frage mich, ob das in den kommenden Tagen weiterhin exponentiell zunehmen wird und spreche dieses Mal mit niemandem mehr, ich glaube nicht mehr an eine Internetverbindung, und wenn, wird sie auch ohne meine Vermittlung kommen. Die Dorfbewohner aber stehen ungehalten um die vier telefonierenden Techniker. Diese sind eher schweigsam und verschwinden nach einer kleinen Weile leise wie sie gekommen sind. Aber siehe da, ein großer Seufzer der Erleichterung geht durchs Dorf und man ruft es sich von Balkon zu Fenster zu: Internet geht! Nicht aber in der mairie. Und auch nicht bei einer weiteren Nachbarin. Ich habe meinen Telefontermin mit meinem Spezialisten, der mich sehr unspezialisiert wiederum fragt, ob ich die Live-Box schon mal aus- und wieder eingestöpselt hätte, nachdem die Techniker da waren. Langsam werde auch ich ungehalten, was ich mir in meiner Nicht-Muttersprache eigentlich immer verkneife, weil ich die feine Grenze zwischen höflicher Aufgebrachtheit und grober Unhöflichkeit sprachlich nicht ziehen kann. Ich wage zu sagen, dass es meines Erachtens an der Live-Box liegt, die zusätzlich zu der großen Panne vermutlich einen Blitzschlag abgekriegt hat. Mir wird geantwortet, dass eine Panne der Live-Box laut vorliegendem Dossier nicht sein kann, da bislang keine defekte Live-Box gemeldet wurde. Ja, sage ich, weil sie bislang von keinem Menschen überprüft wurde. Das kann seiner Ansicht nach bei der Anzahl der Techniker, die immerhin da war, nicht sein, da ich aber nur noch unfreundlich zische, verbleiben wir dennoch so, dass mir erneut ein Techniker für den Folgetag versprochen wird. Dieser kommt und stellt tatsächlich eine defekte Live-Box fest, er hat aber, wieso sollte er auch, natürlich keine zum Austausch dabei. Sie wird mir aber für den Folgetag versprochen, ich bekomme sie sogar geliefert und muss sie nicht wie die Nachbarin mit der gleichen Panne irgendwo in Nizza abholen, denn wir haben ja einen Pro-Vertrag, der vorsieht, dass alles binnen 24 Stunden repariert wird. Wir sind schon bei der 224. Stunde und ich bin entsprechend erschöpft. Die Live-Box wird aber nur geliefert bzw. ausgetauscht, einen weiteren Techniker zur erneuten Installation sieht das System nicht vor. Geliefert wurde ein früheres, klobigeres Modell der Live-Box, die Kabel, die mir von meiner defekten Live-Box blieben haben andere Farben. Ich versuche dennoch mein Glück, scheitere leider bei der Eingabe des Passwortes und rufe irgendwann entnervt die Hotline an. Ich bin schon auf alles gefasst, auf 25 Minuten Wartezeit, auf die Frage, ob ich die Live-Box eingeschaltet habe und dergleichen mehr, nicht aber darauf, eine nette junge und kompetente Frau am Hörer zu haben, die alles sorgsam mit mir installiert und dann sagt, ich rufe sie am Montag wieder an, um zu hören, ob weiterhin alles gut geht. Ich fasse es nicht und frage, ob ich für eventuelle spätere Pannen ihre direkte Durchwahl haben kann. So etwas geht natürlich nicht, ich frage nach, wo sie sitzt, denn dann frage ich bei Bedarf wenigstens nach Ihrer Plattform und stoße, wenn ich Glück habe, vielleicht wieder auf sie. Und was glauben Sie, wo sie sitzt? In Tunis! Unglaublich.
Ich weiß nicht wie lange die Verbindung hält, bis zum nächsten Gewitter vermutlich, ich versuche bis dahin maximal davon zu profitieren. Ich weiß nicht wie schnell und leistungsstark Ihre Internetverbindung ist, hier haben wir ein lächerliches Giga zur Verfügung, mehr verträgt die Leitung nicht. Das ist ganz schön langsam und instabil. Aber ich will nicht zu doll meckern, ein Giga, wenn es denn da ist, ist besser als gar nichts.

Ich weiß nicht wie viele Jahre lang ich noch Post für die Auberge und für Patrick bekommen werde. Ich dachte, alles gekündigt und umgemeldet zu haben, aber ich bekomme noch immer täglich Post für ihn. Heute zum Beispiel eine ultimative Mahnung, wenn ich nicht binnen 24 Stunden die Telefonrechnung der Auberge für die letzten drei Monate zahlte, würde meine Akte an einen Gerichtsvollzieher übergeben. Ich habe das Telefon bereits im Juni gekündigt. Ich habe zudem niemals eine erste oder zweite Mahnung bekommen…
In der Post war ebenso die freundliche Mitteilung einer Kommission, die darüber entschieden hat, dass Patrick krankenbeihilfefähig sei, und wenn er zur Vervollständigung seines Dossiers noch einmal die Dokumente x, y und z beilegen würde, könne ihm rückwirkend ab dem 1.6.2009 bis einschließlich 1.6.2011 monatlich eine gewisse Summe gewährt werden. Es ist so üblich, dass das gesamte Dossier versendet wird, das ich sentimental durchblättere und sehe, den Antrag haben wir mit großer Dringlichkeit Anfang März gestellt, die Kommission hat dann ganz fix bereits am 8. Juli getagt. Dabei lag ihnen zwischenzeitlich sogar der Totenschein von Patrick vor, ich finde ihn beim Durchblättern. Ich rufe dort an und frage nach, der Dame ist das sehr unangenehm, dass die Kommission zwei Monate nach dem Tod von Patrick über seine Krankenbeihilfe entschieden hat.

Ich habe keine Ahnung, ob das in Deutschland in vergleichbarer Situation genauso unkoordiniert läuft und ob Internetinstallationen in ländlichen Gegenden wie, sagen wir mal der Uckermark oder auf der Schwäbischen Alb, genauso vor sich hindümpeln. Hier ringen mir diese Ärgernisse große genervte oder im besten Falle auch nur resignierte Seufzer ab. Aber was soll ich machen. C’est comme ca, hein…

So weit war ich vor gut einer Woche, zögerte, ob ich so einen unzufriedenen Text veröffentlichen sollte, und ob mir nicht beim Veröffentlichen noch ein netter Abschlusssatz einfallen könnte – ich sitze also im Büro der mairie, versuche Typepad zu öffnen, uns siehe da, die gerade wieder gefundene Internetverbindung hatte sich schon wieder verabschiedet. Tatsächlich kann man das nur mit buddhistischer Ruhe und einem Stoßseufzer gen Himmel ertragen. Ich weiss nicht, welcher Gott oder welcher Heilige für die Technik zuständig ist, aber vermutlich ist er auch gerade im Jahresurlaub. Ich stöpsele alles aus und um und wieder zurück, aber es bleibt tot. Wenn da nicht die nette junge Frau aus Tunis gewesen wäre, die tatsächlich wieder anrief und –erfolglos- alles mit mir durchprüfte und dann einen Techniker beauftragte, der alles, aber auch wirklich alles abchecken sollte, der dann auch kam und schweigsam aber gewissenhaft alles überprüfte und mir noch mal eine neue Live-Box daließ und sie sogar installierte, dann säßen wir vermutlich immer noch ohne Internet da.
Ich profitiere von der gerade existenten Verbindung und schicke diesen techniklastigen und unzufriedenen Text raus, dann habt ihr wenigstens eine Ahnung mit was man außerhalb von Großstädten so zu ringen hat, wenn man mit der Welt kommunizieren will. Falls ich länger abwesend sein sollte, liegt es in der Regel an dem wackeligen Internetsystem, das schon zusammenbricht, wenn drei Leute zur selben Zeit online sind und einer davon zu laut niest.
Und falls ihr wisst, wer der Schutzheilige fürs Internet ist, schickt ihm, wen ihr könnt, eine kurze mail, damit er ab und zu ein bisschen hierher kuckt und seine Energie sendet. Danke und Amen.

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Sommer

Wir haben Sommer, und anders als bei Freya in Finnland, wo nach dem Winter gleich schon wieder vor dem Winter ist, werden wir hier mit einem richtigen Sommer für den langen Winter versöhnt. Es ist heiß, es ist sonnig, der Himmel ist blau, ich halte mehrfach am Tag meinen Kopf unter das fließende Brunnenwasser und gelegentlich hänge ich auch meine Füße in den Brunnen. Jetzt müsste einem nur noch jemand ein Eis servieren…

Letztes Jahr flitzte ich mit geschwollenen Füssen treppauf und treppab und war für solche Wünsche zuständig. Ganz ehrlich, es fehlt mir nicht. Die Auberge darf jetzt gern jemand anders machen.

Ich genieße, dass ich diesen Sommer „normale“ Arbeitszeiten habe, denn ich kann zum ersten Mal seit drei Jahren wieder am kulturellen Sommerleben teilnehmen. So war ich kürzlich abends bei einem afrikanischen Konzert in einer kleinen Provinzstadt, und habe das sternenklare aber noch sonnenwarme Ambiente auf dem kleinen Platz vor der alten Kirche sehr geliebt.

Es gibt hier jedes Wochenende in irgendeinem Dorf ein Sommerfest jeweils vom comitée des fêtes organisiert, dazu gehört traditionell neben dem Kirchgang und der Prozession zum Kriegerdenkmal inklusive Absingen der Marseillaise das große Essen auf dem Dorfplatz und am Ende Tanz bis in die frühen Morgenstunden beim Grand Bal, wer was auf sich hält hat eine live-Band eingeladen, oder wenigstens einen Diskjockey. In Châteuneuf ist das ein sehr familiäres Fest, das heißt, so richtig offen für Außenstehende ist man nicht, alle laden Freunde und Familie ein und man bleibt so schön unter sich. Es ist auch der einzige Tag im Jahr, wo ich mich nicht so richtig dazugehörig fühle, weil die Tische familienweise vergeben werden. Es gibt dann zwar immer einen Aschenputteltisch für die, die ohne Familie aber irgendwie dennoch da sind. Ich finde das aber immer ein bisschen kränkend, und dieses Jahr war ich ja noch ein bisschen alleiner, da musste ich schon manchmal schlucken. Trotzdem ist es ein tolles Ambiente, wenn etwa 200 Menschen auf dem Dorfplatz zusammen essen und dieses Jahr war es wirklich warm und sternenklar. Letztes Jahr gab es ein riesiges Sommergewitter mit 20cm Hagelniederschlag, da waren Stimmung und Fest ziemlich schnell dahin. Da ich ja nun nicht mehr für die unglücklich im Zentrum des Sommerfest-Geschehens liegende Auberge zuständig bin, dort also weder wohnte noch Gäste hatte, konnte ich das Fest auch richtig genießen, und musste mir erstmals weder um lärmgeschädigte Gäste noch um früh aufstehende Wanderer oder um meine Müdigkeit Sorgen machen.
Ich habe zur Zeit viele schöne Begegnungen mit ehemaligen Gästen, die ein bisschen betrübt vor der geschlossenen Auberge stehen. Oft gehen wir dann irgendwohin zusammen essen und reden – über den vergangenen Urlaub, über Patrick. Es ist schön zu sehen, dass Gäste wiederkommen, dass wir gute Arbeit gemacht haben, dass wir im Gedächtnis geblieben sind. Es tut mir gut, und ich bin sicher auch Patrick freut sich darüber, da wo er jetzt ist. Aber ich merke auch, es ist gut, dass ich es nicht mehr mache. Die Auberge wird ab September von jemand anderem übernommen. Ich zucke zwar ein wenig zusammen, wenn ich sehe, dass sie ausgestopfte Tierköpfe an die Wände hängen und sich dekorationsmäßig sehr Richtung „Jagd“ bewegen. Aber nun ja, jeder wie er will.

Es ist Sommer und typisch französisch für mich sind im Sommer unbedingt der brumisateur und die menthe à l’eau. Der brumisateur heißt auch atomiseur und ist eine Dose, die nach Haarspray aussieht, es ist aber Wasser darin und das wird zur Erfrischung bei großer Hitze in feinem Nebel auf Hals, Dekolleté und ins Gesicht gesprüht. Da gibt es große Qualitäts- und Preisunterschiede, immer ist es natürlich reines Quellwasser aus Vichy oder einem anderen Thermalbad, und in der Regel sind die Dosen zart hellblau oder rosa designt. Ich merke ehrlich gesagt keinen Unterschied, höchstens den der Frische, wenn die Dose und der daraus strömende Wassernebel gut gekühlt aus dem Kühlschrank kommen. Am Anfang fand ich diese Dosen albern und affig und eine ziemliche Geldverschwendung, in der Zwischenzeit habe ich aber auch immer eine im Kühlschrank, die ich mitnehme, wenn ich „nach unten“ fahre, also runter vom Berg ins aufgeheizte Tal.
Als ich letztens in Nizza war suchte ich dort verzweifelt eine Drogerie mit gekühlten Brumisateurdosen, es gab nur ungekühlte, und die hab auch nicht auf Anhieb als solche erkannt, da die Größe der Dose und das Design mit angedeuteten Badezimmerkacheln und grober Schrift mir so plump erschienen. Das Wasser kommt zudem aus Plombières. Ich las im Vorübergehen „Eau … Plombièr … Bains“ und dachte mit meinem überhitzen Kopf allen Ernstes, es ist Wasser für Installationsarbeiten im Badezimmer. So eine abstruse Idee kann einem auch nur kommen, wenn es zu heiss ist. Ich ging nicht erkennend daran vorbei und fragte zum Schluss an der Kasse nach brumisateuren und als der Kassierer mir freundlicherweise just diese Dose brachte, war ich ein bisschen verlegen, als ich erkannte, dass die Dose kein Wasser für den plombier enthält, der im Bad werkelt, sondern Eau de Plombières les Bains, also Wasser aus einem Thermalbad in den Vogesen. Ich hab sie ohne Widerrede gekauft.

Um sich im Sommer innerlich zu erfrischen trinkt man in Frankreich alle Arten von Sirup verdünnt mit Leitungswasser wahlweise auch mit Mineralwasser. Ich kenne aus meiner deutschen Kindheit Himbeersirup, danach gab es eine kurze Tritop-Phase, vielleicht täusche ich mich, aber ich denke, so richtig haben die Fruchtsirups bei uns nicht Fuß gefasst, vielleicht auch wegen der heftigen Zuckerhaltigkeit und der künstlichen Farbstoffe. Ich bin hier in der Zwischenzeit Fan von Zitronensirup geworden, am liebsten mag ich den von grünen Zitronen. Es gibt in jedem größeren Supermarkt Regalmeter voller Sirups, x-Marken und tausendundeine Geschmacksrichtung, Erdbeer, Banane, Kiwi, Mandarine, Pfirsich, Ingwer, Mandel, Mango… in vielen schönen bunten Farben, die Klassiker aber sind Grenadine und Minze. Knallrot und Giftgrün. Die werden hier auch gern mal mit Bier oder mit Pastis vermischt, das gibt dann Getränke die Monaco oder Perroquet heissen. Die Mischung aus Anis und Minze mag ich mir geschmacklich gar nicht vorstellen und das milchige Grün des sogenannten Perroquets finde ich auch mehr als gewöhnungsbedürftig. Schon allein die künstlich giftgüne Farbe des Minzsirups finde ich abstoßend, und eine meiner ersten Frankreichurlaubskindererinnerungen ist genau das: eine menthe à l’eau, auf irgendeinem Jahrmarkt von einem netten Kioskbesitzer spendiert bekommen, vermutlich weil ich so ein braves blondes Mädchen war. Er wollte mir natürlich eine Freude machen, aber ich kann noch heute den Ekel spüren, den mir dieses grüne Gebräu verursacht hat, das ich keinesfalls austrinken konnte: beurk (sprich „börk“, wie das französische „Igitt“ heißt.). Nun wollen wir ja nicht auf Erinnerungen von 1967 sitzen bleiben, also hab ich im freiwilligen Selbstversuch vor kurzem eine menthe à l’eau getrunken, mit viel Eis an einem heissen Tag. Unglaublich, abgesehen von der Farbe fand ich sie tatsächlich erfrischend und wohlschmeckend. Tatsächlich hab ich die letzte Flasche Minzsirup aus Aubergebeständen trotz des giftigen Grüns dann nicht verkauft sondern selbst behalten.

Voilà, Eddy Mitchell, der ein Mädchen besingt, dass Augen hat wie eine menthe à l’eau
Einen schönen Sommer, wo immer ihr seid!

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Donner-Wetter

Was hier mit dem Sommer einhergeht sind die Sommergewitter. Spätestens ab dem 15. August kann man fast täglich mit einem Gewitter rechnen, in der Regel nachmittags. Wenn die Blumenkohlwölkchen, die zunächst vereinzelt über den Bergkuppen auftauchen mehr und mehr werden und sich letztlich zusammenschließen, sollte man zusehen, dass man von seiner Wanderung schleunigst heimkommt…

oder wenigstens einen Unterschlupf findet. Und da bleibt man dann tunlichst, bis das Gewitter wirklich vorbei ist. Keinesfalls sollte man während es noch kracht und blitzt über eine große ebene Fläche laufen, die Gefahr, dass der Blitz einen als Ziel auswählt, ist nicht gering: vom Blitz getroffene tote Schafe und Kühe und selbst einen toten Schäfer hat die jüngste Geschichte hier aufzuweisen. Aber auch wenn man im Trockenen zu Hause sitzt, sind die Gewitter nicht zu unterschätzen. Manchmal blitzt, donnert und regnet es wie aus Kübeln und ist nach zwanzig Minuten vorbei, manchmal steht das Gewitter zwei Stunden lang über dem Dorf und man denkt, die Welt geht unter. Es ist am helllichten Tag dunkel, die Donner krachen, als würden sie Bäume spalten, die Blitze zucken gespenstisch und es regnet sintflutartig. So geschehen letzten Freitag. Da kann man dann mitten am Tag zwei Stunden lang gar nichts machen, außer dem Gewitter zusehen, vielleicht bei flackerndem Kerzenschein Zeitung lesen oder ein Buch, oder man flüchtet sich zu den Nachbarn und spielt ebenfalls bei Kerzenschein Karten. Oder man versucht ein Schläfchen. Vorausgesetzt man hat keine Angst, denn Blitz und Donner sind hier oben bedrohlich nah und laut. Es empfiehlt sich tunlichst nichts zu tun, was mit Elektrizität zu tun hat, also nicht zu bügeln, zu telefonieren, staubzusaugen oder fernzusehen, der Fernsehempfang ist bei schlechtem Wetter sowieso dahin, alle Stecker sollte man vorsichtshalber aus den Steckdosen gezogen haben, insbesondere die von Fernseher, Computer und Internet, denn hier schlägt gern mal der Blitz ein. Ich weiß nicht warum, aber die Erfindung des Blitzableiters hat sich hier noch nicht herumgesprochen. Sie sind schlicht nicht vorhanden.

Hier ist man besser auch gleich mit Taschenlampe und Kerzen ausgestattet, denn dass zeitgleich der Strom ausfällt, ist fast an der Tagesordnung. Für wie lange ist dann ungewiss.

Gut ist, wenn man einen Gasherd hat, dann kann man sich wenigstens einen Tee kochen, wenn man klitschnass geworden ist. Hier wird in der Regel mit Gas gekocht und man hat ähnlich wie beim Camping immer eine riesige Gasflasche neben dem Herd stehen. Wir haben so einmal ein aus der Not geborenes romantisches Kerzendinner für durchweichte Gäste improvisiert, bei Kerzenlicht gekocht und serviert, und die Gäste waren dann ganz enttäuscht, als der Strom plötzlich wieder da war.

Dass man bei diesen Gewittern zu Hause bleibt und nicht mehr rausgeht, ist klar, ich bin sogar sehr ängstlich und zucke jedes Mal zusammen, wenn die Donner krachen. Aber hier schreien die kleinen Mädchen schon hysterisch und vorwurfsvoll il pleut, Christjann!(sprich „il plöh“, also, es regnet), wenn drei Tropfen Regen fallen und ich nicht sofort Schutz suche. Ich habe hier hingegen die Achtung meiner männlichen Arbeitskollegen, weil ich bei leichtem Regen nicht panisch alles fallen lasse, sondern unter Umständen noch ein Stück Wiese zu Ende mähe. Fünf Jahre Köln haben mich doch gut abgehärtet. Bei leichtem Regen versteht sich, bei Gewitter riskiere ich selbstverständlich auch nichts. Der Südfranzose aber meidet das geringste Wasser von oben, il pleut, il pleut. Da kann man dann auch nicht mehr arbeiten. Überhaupt sind sie ein bisschen zimperlich die Südfranzosen. Aus deutscher Sicht natürlich nur. Aber wenn man Urlaube an der Nordsee verbracht hat und sich dort tapfer in Strandkörbe oder Strandmuscheln geschmiegt hat, um sich vor kaltem Wind zu schützen und um dennoch immer mit leichter Gänsehaut Meer und Sonne und das Draußensein zu genießen, dann kann man diese Empfindlichkeit bei einem leichten Lüftchen nicht nachvollziehen. Aber alles ist relativ, hier ist das Klima mediterran und die Temperaturbe- und empfindlichkeit der Menschen eine andere. Auf dem Hof gab es ein aufblasbares Schwimmbecken, für die Kinder überhaupt DAS Sommervergnügen, aber wie kurz ist hier die Saison! Der halbe Juli und der halbe August, davor ist es nach landläufiger Meinung noch nicht warm genug und danach ist es schon wieder viel zu kühl, um sich in dem ohnehin lauwarmen Wasser zu tummeln. Wenn das der Maßstab für Deutschland wäre, hätte ich vermutlich nie schwimmen gelernt.

Ich habe, als wir noch die Auberge hatten, sobald und solange es ging, die Tische draußen gedeckt. Meiner Ansicht nach war gutes Wetter. Aber wie oft musste ich mich korrigieren lassen, entweder von Patrick, der beim geringsten Lüftchen oder Wölkchen nur noch drin essen konnte oder gleich von den hitzeverwöhnten Cote d’Azur-Touristen, die zwar in die Berge gefahren sind, um es ein bisschen kühler zu haben als an der Küste, aber so kalt wollten sie es dann doch nicht haben, und die mit gequältem Gesicht und in Wolljacken gewickelt darum baten, drinnen frühstücken zu dürfen, es sei doch ein bisschen frisch und man wolle sich doch nicht gleich erkälten.

Ich merke aber, dass ich mich zumindest was die Sonnenfrage angeht, doch schon südfranzösisch akklimatisiert habe. Ich meide sie nämlich meistens und suche vielmehr den Schatten. Und braun werden ist auch nicht mehr das Wichtigste. Während die deutschen Gäste in der Regel sonnenhungrig den Schatten meiden und ihren Kaffee auf der Terrasse ganz bestimmt nicht unter dem Sonnenschirm trinken. Aber ich kann die Sonne ja auch locker meiden, ist sie doch in der Regel jeden Tag da. Das hat mich vor allem am Anfang ungläubig staunen lassen, aber selbst heute zwinkere ich beim Aufwachen nach einer Regennacht manchmal vorsichtig mit den Augen, um zu sehen, wie das Wetter ist, und da kann es abends oder nachts so viel gewittern wie es will, morgens ist in der Regel blauer Himmel und Sonnenschein. In Köln hatte ich immer den Eindruck, ich muss die Sonne mitnehmen solange sie da ist, wenn es erst mal angefangen hat zu regnen, weiß man nicht, ob sie sobald wiederkommt. Und dann ist es vielleicht schon Herbst geworden…

Hier in den Bergen im Süden Frankreichs ist es trotz allen Gewitterregens immer noch Sommer, aber die Abende sind schon sehr kurz geworden. Gegen Ende August ist es um 21 Uhr schon finstere Nacht. Was die mehr oder weniger pubertären Kinder nicht hindert bis Mitternacht draußen rumzurennen, sich unter meinem Balkon Tischfußballschlachten zu liefern und dabei wie am Spieß zu schreien. Wenn ich etwas sage, heißt es nur c’est des vacances, quand meme!. Während der Ferien darf man alles. Mich nervt das ziemlich, auch wenn ich mir mit meiner Ruhebedürftigkeit gleichzeitig entsetzlich alt vorkomme. Ich sehne la rentrée, das Ferienende und die Abreise aller Urlauber herbei, selbst wenn es bedeutet, dass der Sommer sich dann dem Ende zuneigt.

 

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Rien ne va plus – und bin doch wieder da

Rien ne va plus – nichts geht mehr. Weder technisch noch seelisch. Ich befinde mich außerhalb des globalen Dorfes und in der inneren Emigration. Ich habe kein Internet mehr, kein Festnetztelefon und eine Zeitlang hatte ich auch kein Handy mehr: Und siehe, es hat mich nicht in Panik versetzt. Das Abbinden der Nabelschnur Internet hatte ich zwar mit großem Bangen erwartet, es dann aber fast erleichtert aufgenommen…

Es gab keinen Grund mehr in die Auberge zu gehen. Puh! Denn auch als ich noch in der Auberge über einen Internetanschluss verfügte, konnte ich immer weniger schreiben, habe nur hastig die Mails überflogen und einen ultrakurzen Blick auf die Blogs geworfen, ohne die innere Ruhe irgendeinen Blogeintrag überhaupt zu lesen. Ich habe es nicht mehr ausgehalten, mich in der Auberge längere Zeit aufzuhalten. Dachte dann zwar, ich muss schnell noch einen Blogeintrag schreiben, solange es noch geht, dann dachte ich, ich muss doch wenigstens noch sagen, dass ich gleich nichts mehr schreiben kann – letzten Endes schrieb ich gar nichts.
Jetzt zu schreiben, dass ich nicht schreibe, ist natürlich paradox. Aber noch sitze ich hier allein auf meinem Balkon und wann ich diesen Artikel veröffentliche, ist noch völlig unklar.

Cachou_PC

Ich habe auch einen neuen Handyvertrag und mein Handy hat eine neue Nummer, die ich dann so gut wie niemandem mitgeteilt habe: Ich bin nicht erreichbar. Ich merke: ich will nicht kommunizieren. Kein Radio, kein Fernsehen, keine Musik, kein Telefon, kein Internet. Kloster. Nur ich und meine Traurigkeit. Aushalten. Nicht wegrennen. Nicht zufressen. Nicht ablenken. Aushalten. Stille aushalten. Leere aushalten.
Stille, Grillenzirpen, Windrauschen, von Weitem das Glockengebimmel und mähmäh der Schafe, die unterhalb des Dorfes grasen. Die Stimmen in meinem Kopf sind laut genug, beziehungsweise die Gedanken kreisen unaufhörlich und laut. Mir war und ist alles äußere Geräusch zu viel. Ich will auch nicht reden, nichts hören, nicht schreiben, mich nicht mitteilen. Ich will nicht dauernd sagen wie’s mir geht, will nicht getröstet und nicht verstanden werden. Gar nichts will ich. Nichts geht mehr.

Nicht, dass ich nicht täglich Dinge erleben würde, die berichtenswert wären, schon allein das neue Leben mit meinen drei Katzen birgt Stoff genug. Kaum steige ich ins Auto sind alle drei höchst alarmiert. Lasse ich sie dann tatsächlich ein, zwei Tage allein, weil ich nach Nizza oder Cannes fahre, sind sie bei meiner Heimkehr extrem beleidigt, folgen mir aber tagelang alle drei auf Schritt und Tritt überallhin. Madame et ses chats heißt es hier nur,  oder, „ach da sind die drei Katzen, dann ist Christjann nicht weit…“. Caline ist total verändert, sie wurde aggressiv und unleidlich, sie ist genau wie ich durcheinander und traurig, und sie hat den Umzug in die andere Dorfecke nicht wirklich akzeptiert, und noch immer läuft sie miauend zur Auberge oder sitzt wartend davor. Mir bricht es jedes Mal fast das Herz und Tränen schießen mir in die Augen, wenn ich sie, kaum ist die Tür der Auberge für einen Moment geöffnet, sehnsuchtsvoll in unser ehemaliges Zimmer flitzen und kurz darauf miauend und suchend wieder runter kommen sehe. Sie sucht Patrick. Sie sucht ihn miauend überall im Dorf und kuckt so in jedes offene Haus. Das ist einfach, denn die Häuser sind im Sommer alle offen, die Haustüren sind sperrangelweit geöffnet und gegen die Fliegen und gegen den direkten Blick durch einen Perlen- oder Stoffvorhang ersetzt. Kürzlich wurde Caline so Sonntagsabends im Haus einer nur am Wochenende hier weilenden Familie eingesperrt. Erst am nächsten Tag konnten wir sie dank eines dort offiziell einbrechenden Nachbarn befreien.
Mit homöopathischen Medikamenten und dank speziellem Futter wird sie gerade ein wenig ruhiger und friedlicher, und heute morgen hat sie mich mit einem toten Siebenschläfer geweckt, den sie mir aufgeregt und stolz ins Bett gebracht hat. Ich war ehrlich gesagt mehr erschrocken als stolz, hab sie aber natürlich super gelobt und ihr gesagt, was sie doch für eine tolle Jagdkatze ist, und seit langem ließ sie sich mal wieder von mir streicheln. Den kleinen Schläfer hab ich dann aber doch entsorgt, während sie gierig ihr wohlverdientes Katzenfutter fraß.
Die beiden Kleinen, Pepita und Cachou sind da unbeschwerter, sowieso entdecken sie gerade das sommerliche Dorf mit all den Echsen, Heuschrecken, Vögelchen und Mäusen für sich und sind ständig unterwegs. Cachou rettet sich nur gelegentlich unters Bett, wenn er sich mal wieder mit einem anderen Kater angelegt hat und dabei den kürzeren gezogen hat. Ich weiß nicht so genau, wer bei diesem Verhau-Spiel angefangen hat, ich vermute mein kleiner Macho-Kater zeigte sich in fremdem Revier ein bisschen zu keck, aber sein Gegenspieler ist jetzt doch ganz schön dreist und schlägt Cachou selbst auf heimatlichem Terrain. Neulich war er wirklich ziemlich zugerichtet und lag zwei Tage schwach mit zerfetztem Mäulchen schwer atmend im Bett, ich war ziemlich verzweifelt, dachte kurzzeitig, er stirbt vielleicht, aber keine Sorge zwei Tage später hatte ich wieder ein wildes ungestümes Katerchen, und so ist er mir dann doch lieber, auch wenn natürlich alle Ermahnungen, sich draußen zu benehmen, in den Wind geschlagen werden. Dem andern werd ich’s zeigen… bislang noch nicht so richtig erfolgreich, leider.
Pepita, die sich ihrer Prinzesinnen-Rolle durchaus bewusst ist, kommt wirklich nur noch zum Fressen nach Hause – und zum Training. Ich vermute, ihre Berufung ist es, im Winter Eisanglerin zu werden, sie zerrt dazu alle Stöpsel und Abflüsse aus Dusche und Waschbecken, auch der bewegliche Deckel meines Wasserfilters fiel diesem Trieb zum Opfer, und dann sitzt sie stundenlang vor dem Loch, und versenkt immer mal probeweise ein Pfötchen darin, vermutlich um zu sehen, ob gerade ein fetter Lachs vorbeischwimmt… Ich spreche übrigens französisch mit meinen Katzen, das ist mir vor kurzem aufgefallen, ich hätte sie ja auch zweisprachig erziehen können, oder jetzt wo ich allein mit ihnen bin, auf deutsch umsteigen können, aber zu meinem eigenen Erstaunen spreche ich französisch mit ihnen. Träumen hingegen tu ich noch immer mal auf deutsch, mal auf französisch …

Meine Arbeit als entretien, wieder mal in blauer Latzhose und mit Sicherheitsschuhen gekleidet, ist auch vielfältig, sei es, Wasseringenieure wandernd auf 2000 m Höhe zu begleiten, damit sie unsere Wasserquelle und das Wasserbecken überprüfen können, sei es die Sickergrube einmal monatlich umzurühren (danach habe ich erst mal lange keinen Appetit mehr) zugewucherte Wanderwege freizumähen, den seit Jahrzehnten angesammelten Schrott eines Nachbarn in abenteuerlich zugestopften Anhängern zur Mülldeponie zu fahren (dafür, was weggeworfen wird und wie es auf dem Anhänger verstaut wird, gäbe es in Deutschland vermutlich erst Mal zwei Wochen Sicherheitsunterweisung, aber hier heißt es nur, t’inquiètes Christjann, ça risque rien…also, keine Sorge, da passiert schon nix), oder die Mühle unterhalb des Dorfes für das Mühlenfest in Gang zu bringen. Das Mühlenfest habe ich letztes Jahr noch aus anderer Perspektive erlebt. Dieses Jahr war ich relativ stressfrei nur für den Apéro unten am Fluss zuständig und dafür, den Spielort des abendlichen Jazzkonzerts kurzfristig in die Kirche zu verlegen, weil sich ein gewaltiges Gewitter auf dem Dorfplatz entlud, obwohl ich ihn doch extra für das Konzert noch so schön saubergefegt hatte.

Und ich war bei der Transhumance. Ich habe als Helferin mit den Schäfern eine große Schafherde für das folkloristische Transhumancefest etwa fünfzehn Kilometer weit begleitet. Und dabei ein neugeborenes Schaf im Arm getragen und letztlich vor dem Verhungern gerettet, indem ich es unserer 90jährigen Schäferin im Dorf brachte, die es jetzt mit der Flasche aufzieht. Das Lämmchen wurde von seiner Mutter abgelehnt, die zudem keine Milch hatte, und kein Schäfer der Welt hat während der Transhumance Zeit und Nerven sich um so ein Sorgenkind zu kümmern. Wer nicht mitkommt hat eben verloren… das kleine Schäfchen konnte ich aber einfach nicht liegen lassen, auch wenn diese romantische Hilfsaktion mal wieder nicht so ganz in den rauen Schäferalltag passt. Brigitte Bardot lässt schön grüßen… Transhumance_Lamm

An einem anderen Wochenende war ich Bogenschießen. Auch eine neue Erfahrung, denn die letzten Jahre haben wir die Bogenschützen beherbergt und verköstigt und hatten so weder Zeit, ihren Parcours anzuschauen noch bei ihren erklärenden Ein- und Vorführungen teilzunehmen. Dieses Jahr durfte ich sie auf dem gesamten Parcours begleiten und bekam somit einen persönlichen Bogenschießkurs. Trotz meiner verqueren Kurzsichtigkeit habe ich tatsächlich immer auch mal ins Schwarze getroffen und Krokodile, Truthähne und Steinböcke abgeschossen. Lebensgroße Kautschuktiere, die von Weitem verblüffend echt aussehen, das Krokodil lag zudem ganz passend im Sumpf, wers nicht weiß, kriegt vermutlich einen Herzschlag, beim durchs Unterholz streifen…
Archers_me
So viel hatte ich Anfang Juli verfasst, jetzt ist es einen Monat später und wir haben tatsächlich DSL im Dorf, allerdings ein bisschen instabil, die Sommergewitter bringen es regelmaessig zum Absturz; ich habe es jetzt dann doch wieder ersehnt, denn einmal monatlich in einem Internetcafe zu surfen ist dann doch mager, auch wenn es mir vor einem Monat noch sehr entbehrlich erschien. Ich profitiere von meiner Arbeit für die Gemeinde und sitze in der mairie zum Schreiben. Ich bin wieder da…

PS. Das von mir gerettete Schäfchen ist nach vier Wochen dann doch gestorben, es lag einfach so morgens tot im Stall, obwohl es schon so viel zugenommen hatte und gewachsen war. Ich fürchtete insgeheim wohl so etwas, denn ich wollte mich nicht zu doll emotional engagieren und hatte ihm vorsichtshalber keinen Namen gegeben, und ich frage mich aber auch, ob man nicht einfach ein Schicksal hat, dem man nicht ausweichen kann. Wenn ich das Lämmchen nicht mitgenommen hätte, wäre es schon vier Wochen früher gestorben… solche Gedanken, insbesondere wenn es sich um Tiere handelt, sind hier natürlich unangebracht. Schafe bzw. Tiere sterben oft einfach so. Basta.

PPS: Am Freitag den 14.08.2009 nehme ich telefonisch an der Radiosendung des Deutschlandfunks „Lebenszeit“ zum Thema praegende Auslandserfahrungen teil: Irgendwo zwischen 10.10 und 11.30 Uhr bin ich auch zu hoeren! Falls Ihr reinhoeren wollt…

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Es ist da!

Mein Buch ist da!  Ich wollte es dann doch auch hier kundtun, selbst, wenn ich weiss, dass der/die eine oder andere es schon hat oder sogar schon liest.

Ich hatte ja dank meiner Lektorin zwei Exemplare vorab druckfrisch aus der Druckerei zugeschickt bekommen, in der Hoffnung, dass Patrick sie noch sehen könnte, aber leider starb Patrick in der Nacht, in der die Bücher in der Druckerei fertig wurden.
Insofern war meine Freude über die beiden Bücher, obwohl ich sie dann noch vor allen anderen in der Hand hatte, gemischt mit grosser Trauer.
Dabei finde ich, dass es wirklich sehr schön geworden ist, es ist schön gesetzt und gestaltet, es ist genau so, wie ich es mir vorgestellt habe! Danke an dieser Stelle an alle, die daran mitgewirkt haben.

Es ist also da. Und es ist untrennbar mit Patrick verbunden. Er hat mich ermutigt zu schreiben, und er ist im Buch verewigt. Am Tag als ich das Manuskript abgab, fuhren wir mit Patrick zum Hautarzt. Am Tag als Patrick starb, war mein Buch fertig.
Patrick wäre stolz, das weiss ich, er war die ganze Zeit viel stolzer als ich, dabei konnte er die Texte nicht mal lesen, und er war angewiesen auf das, was ich ihm erzählte und übersetzte.

Hier ist es also:  es sind natürlich auch ein paar Texte darin, die nicht im Blog veröffentlicht sind, damit es auch für treue Blogleser/innen noch einen Kaufanreiz bietet ;)) , und falls ihr es denn erwerben möchtet, wendet euch gerne an den Buchhändler eures Vertrauens, oder für alle, die im Ausland leben, bespielsweise an amazon.de oder an jeden anderen Internetbuchhändler. Merci!

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Weitergehen

Flucht war mein erster Impuls nach Patricks Tod, ich wollte nur weg von hier. Wohin wusste ich allerdings nicht. Patrick wird mir überall fehlen, Erinnerungen werde ich überall haben, und traurig werde ich auch überall sein. Nach ein paar Tagen des Nachdenkens und ruhiger Werdens habe ich mich nun doch entschlossen (vorerst) hier zu bleiben. Ich werde den Job als entretien behalten und in eine der Ferienwohnungen ziehen. Zumindest für ein paar Monate.

Ich war hier ja die meiste Zeit sehr glücklich, ich mag den Ort, das Tal und die Menschen, die wiederum möchten, dass ich bleibe (und die Auberge weiterführe, aber das kann ich mir (noch) nicht vorstellen). Es ist ein wirklich guter Ort, um zur Ruhe zu kommen und zu sich selbst zu finden: nur Berge, Himmel, Natur.

Mein kleiner Job zwingt mich, morgens aufzustehen und raus zu gehen, was ich sonst vermutlich nicht machen würde. Die körperliche Arbeit tut mit gut. Und es wird Sommer.
Ob ich einen weiteren langen und kalten Winter hier verbringen möchte, weiß ich nicht, aber bis dahin ist ja auch noch ein wenig Zeit. Einen Schritt nach dem anderen.

Am Freitag habe ich die Urne mit Patricks Asche im Krematorium abgeholt. Das war kein leichter Moment, und ich habe Respekt vor den Menschen, die dort arbeiten, die ununterbrochen mit Leid und Traurigkeit konfrontiert sind, und doch noch so echt freundlich und voller Mitleid sein können.

Ich weinte, als ich die Urne auf dem Beifahrersitz anschnallte, sprach mit ihr, als wäre  es Patrick, schliesslich ist es ja auch Patrick, und gleichzeitig kam mir das alles surrealistisch vor. Patrick wollte, dass seine Asche in den Bergen und am Meer verstreut wird. Noch darf man das hier machen, sofern man eine Genehmigung von der Gemeinde bekommt, aber das Gesetz wird in absehbarer Zeit geändert.

Vieilles-fenetres

Ich wollte die Asche in den Bergen alleine verstreuen, ich wollte alleine mit ihm sein, eine Wanderung machen, ein Picknick, wie früher. Ich wollte einen schroffen Felsen hinter dem Dorf erklimmen, einen Ort, wo ich noch nie war, aber die Aussicht, von dort oben die Asche in den Wind zu streuen, stellte ich mir passend vor.
Eine Freundin, die ich nach dem besten Weg fragte, wies mir eine Alternative, einen Trampelpfad der Schafe, dem ich frühmorgens folgte. Nach einer knappen Stunde landetet ich auf einer steilen Wiese, wunderbarer Blick auf das Dorf und die Berge, am Rand steht die Ruine eines Hauses. Ich war erstaunt, denn hier war ich einmal mit Patrick gewesen, er war damals empört, dass das Haus so verfallen war, und er träumte davon, diese einsame Ruine wieder aufzubauen, um dort zu leben. Aber es ging von dort nicht weiter. Kein Weg, der zum Felsen führte. Ich rief meine Freundin an, um nach dem Weg zu fragen, und sie sagte, „aber du bist doch schon da. Das ist Chanabasse„. Ich hatte mich auf der Karte falsch orientiert, einen falschen Namen gelesen und erfragt und somit einen falschen Weg genommen.

Erst war ich enttäuscht, aber dann dachte ich, es sollte wohl so sein, warum sollte ich auch an einem Ort, wo wir niemals zusammen waren, Patricks Asche verstreuen? Hier waren wir einmal zusammen gewesen, hier hätte er gerne gelebt. Hier war also der Ort. Ich setzte mich, musste Luft holen, atmen, schauen, ein bisschen weinen, bevor ich die Urne öffnen konnte. Die Asche ist hellgrau. Die Urne war bis oben hin gefüllt.

Alles kam mir fremd vor, ich brauchte lange, aber dann nahm ich eine Rose aus dem kleinen herzförmigen Gesteck und zupfte die Blütenblätter ab, warf sie in den Wind und gleichzeitig nahm ich eine Handvoll Asche und ließ sie davon wehen. So ging ich langsam über die Wiese und verstreute Asche und Rosenblätter.

Dann saß ich noch lange auf der Wiese und war einfach nur da.

Machaon-2

Als ich später wieder bergab ging, und es eigentlich zu früh zum Zurückkehren fand, ich wollte ja ursprünglich eine Tageswanderung machen, beschloss ich spontan, doch den Weg zu gehen, den ich hätte gehen sollen, um auf den Felsen zu kommen. Und er war anfangs steil und schroff und steinig, später lieblich und grün mit Vergissmeinnicht und Schlüsselblumen und wilden Orchideen, der Weg führte mich wieder vorbei an Ruinen und sattgrünen Wiesen, und ich ging und ging und war dabei umgaukelt von Schmetterlingen. Und ich sah einen dieser seltenen Schmetterlinge, den Patrick letztes Jahr fotografiert hatte, der mich eine Zeitlang begleitete. Für mich war das ein frohes Zeichen. Den Felsen habe ich nicht erklommen, denn ich hatte am bislang heißesten Tag des Jahres nicht genug Wasser dabei, aber ich war doch ein Stück auf einem neuen und unbekannten Weg unterwegs : weitergehen.

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Danke

Es übersteigt mein Vokabular, ich weiß nicht mehr, wie ich anders Danke sagen kann für so viel liebevolle Anteilnahme, für eure Unterstützung, euren Trost. Denn es tröstet mich, mich nicht allein zu wissen, auch wenn es mir den Schmerz nicht nimmt. So sage ich euch allen, die ihr mir geschrieben habt, die ihr an mich denkt, einfach Danke.


Danke auch für eure finanzielle Unterstützung, auch wenn mir das offen gestanden doch unangenehm ist. Danke Renate, Karin, Heike und marana, und allen anderen, die auf Renates Hilfsblog hingewiesen haben, Danke vor allem Renate für diese Idee und die wunderbare und liebevolle Umsetzung.

Ich möchte gerne, dass wir aufhören, Geld für mich zu sammeln – alles rund um das, was man Beerdigung nennt, auch wenn es in diesem Sinne keine Beerdigung gab, ist mit dem Betrag, der zusammengekommen ist, gedeckt. Dafür bin ich froh und dankbar. Alles andere wird sich irgendwie regeln – dafür möchte ich nicht mehr um Hilfe bitten.

Eine Freundin schickte mir ein Büchlein mit Gedanken zum Abschiednehmen, daraus stammt der folgende Text, den ich euch allen in Dankbarkeit widmen möchte:

Segen der Trauernden

Gesegnet seien alle,
die mir jetzt nicht ausweichen.
Dankbar bin ich für jeden, der mir
einmal zulächelt
und mir seine Hand reicht,
wenn ich mich verlassen fühle.

Gesegnet seien die,
die mich immer noch besuchen,
obwohl sie Angst haben,
etwas Falsches zu sagen.

Gesegnet seien alle,
die mir erlauben,
von dem Verstorbenen zu sprechen.
Ich möchte meine Erinnerungen
nicht totschweigen.
Ich suche Menschen,
denen ich mitteilen kann,
was mich bewegt.

Gesegnet seien alle,
die mir zuhören,
auch wenn das, was ich zu sagen habe,
sehr schwer zu ertragen ist.

Gesegnet seien alle,
die mich nicht ändern wollen,
sondern geduldig so annehmen,
wie ich jetzt bin.

Gesegnet seien alle,
die mich trösten
und mir zusichern,
dass Gott mich nicht verlassen hat …

M.-L. Wölfing

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Patrick

Patrick ist am 15.5.2009 um zwei Uhr morgens gegangen. Er hatte keine Kraft mehr und er hat bis zum Schluss gekaempft. Patrick wollte und wird verbrannt werden, wir werden seine Asche in den Bergen und am Meer verstreuen, wie er es sich gewuenscht hat.

Mir fehlt zur Zeit die Kraft fuer mehr als diese duerren Worte. Ich danke euch allen fuer eure Unterstuetzung, vor allem Renate fuer ihren Hilfsblog.

Es gruesst euch aus den Bergen

sehr traurig

Christiane

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Missverständnis

17 Monate hatten die Ärzte gesagt, etwa 17 Monate könne Patrick noch leben. Ich fand die Monatsangabe zwar merkwürdig, aber was weiß ich schon von Medizinern und ihren Prognosen? Ich nahm es hin und dachte ok, anderthalb Jahre, im schlechtesten Fall ein Jahr, mehr oder weniger.

Ich sah zwar Patricks Zustand sich rapide verschlechtern, glaubte auch nicht mehr, dass er das Ende der auf neun Monate angelegten Chemotherapie erreichen würde, aber ich hatte doch immer diese 17 Monate im Kopf. Bis ich letzte Woche ein dann doch gutes Gespräch mit dem Arzt hier vor Ort hatte, der in einem Nebensatz „sechs Monate“ fallen ließ. Mir wurde es innerlich ganz heiß, denn mir ging schlagartig ein Licht auf: sechs Monate, six mois! Die Ärzte hatten sechs, sieben Monate gesagt, also six, sept mois und ich hatte dixsept mois verstanden. Mir war schlecht, aber ich verstand plötzlich alles. Februar, März, April, Mai… Ich verstand plötzlich auch, warum meine Schwiegermutter auf manche Sachen so drängte, denn sie hatte es natürlich richtig verstanden. Sie wiederum muss sich gedacht haben: Patrick will gar nichts davon wissen, Christiane hält sich an anderthalb Jahren fest, lassen wir sie eben glauben, was sie brauchen.

Ich war plötzlich auch erleichtert, das alles nicht mehr noch monatelang ertragen zu müssen. Und ich war auch wieder voller Liebe für Patrick. Alles andere war mir von eben auf jetzt egal, oder sagen wir, für einen Zeitraum von etwa drei Monaten konnte und kann ich mir vorstellen, das alles noch zu ertragen. Am Freitag beim Heimfahren dachte ich kurz bei einem Überholmanöver, ich könnte auch einfach frontal in den entgegenkommenden Bus fahren, dann wärs vorbei und ich müsste das alles nicht mehr leben. Hab ich nicht gemacht, sonst würd ich hier nicht schreiben, zeigt aber wie hart ich an der Grenze entlangschliddere.
Um es nur kurz anzudeuten, wir haben große finanzielle Probleme, Patrick hat schlecht gewirtschaftet, das weiß ich leider erst, seit ich mich gezwungenermaßen um den Papierkram kümmere und das wächst mir alles über den Kopf, das zwanghafte Festhalten an der Auberge macht alles nur noch schlimmer. Diese für mich nicht zu bewältigende Flut von Zahlungsaufforderungen mit einem leeren Konto weiterhin nur mit der Unterstützung von Familie und Freunden, die mir ihre Spardosen öffneten und eine Sammelaktion für uns veranstalteten (DANKE Andrea und ihren Freunden!), noch monatelang zu überstehen, schien mir unerträglich, neben all der Sorge und Traurigkeit um Patrick. Manchmal war ich nur noch wütend auf ihn und wütend auf mich, die ich so naiv war und nichts von diesem Papierkram wissen wollte.

Das alles war plötzlich nicht mehr so drückend und schwer, und ich habe Patrick dann doch sein ersehntes wöchentliches Computerheft als Abo bestellt, obwohl ich zwei Tage vorher noch fassungslos ob dieser an der finanziellen Realität vorbeigehenden Bestellung und auch stinksauer seine Bestellung dafür zerrissen hatte – nicht vor seinen Augen natürlich.

Seit Montag arbeite ich als entretien für die Dorfgemeinde, das habe ich vor Jahren schon mal gemacht, damals für ein anderes Dorf, das ist im Prinzip der Job eines Dorf-Hausmeisters, ich bin die, die aufpasst, dass alles in Ordnung ist, ich fege den Platz, bin zuständig für Sauberkeit der Strassen, kucke, dass der Friedhof nicht verwildert, leere die öffentlichen Papierkörbe, und kümmere mich um den Blumenschmuck des Dorfes und das Giessen undsoweiter. Der Job ist ein Geschenk, denn ich kann das alleine machen, mir meine Zeit einteilen wie ich will und kann, bin vor Ort, wenn etwas mit Patrick ist – und das Beste, abgesehen davon, dass ich (ein bisschen) Geld verdiene, ich bin draußen und lasse meiner Schwiegermama das Haus und die Küche. Super! Und ganz ehrlich: in der Sonne den Dorfplatz fegen find ich grad klasse. Fordert mich nicht geistig, tut mir hingegen körperlich gut: genial! Gut, das will ich nicht mein Leben lang machen, aber grad passt es. Heute bin ich zum ersten Mal mit einem kleinen Lastwagen zur Mülldeponie gefahren und habe alles mögliche Gerümpel in riesige Container geworfen. Ich war stolz!

Sechs Monate also. Patrick wollte nach der letzten Chemo-, die doppelt schwer war, da er zusätzlich zu der üblichen Therapie noch eine weitere Komponente bekam, sofort nach Hause. Ich hätte gern gehabt, dass er zur Überwachung der eventuellen Nebenwirkungen noch ein paar Tage im Krankenhaus bleibt, zumal ich mit ihm bei der bekannten guten medizinischen Versorgung hier oben alleine war, meine Schwiegermutter war um ein paar Dinge zu regeln nach Cannes gefahren, denn unter anderem war während ihrer Abwesenheit in ihre Wohnung eingebrochen worden, aber Patrick wollte nur heim, heim, heim.
Ein bisschen kenne ich das ja jetzt schon –  was nicht alles zur „Normalität“ werden kann… so dass wir das zusammen hingekriegt haben, trotz großer Übelkeit und Erbrechen, trotz Schwindel im Kopf und unendlicher Mattigkeit, keine Schmerzen, aber dennoch blieb Patrick unberührbar. Nur nicht anfassen, nicht bewegen, nur Ruhe und Schlafen. Dann ist Patrick wieder gefallen. Schlimm dieses Mal. Und gestern  Morgen um fünf fiel er der Länge nach geradewegs aus dem Bett. Er hatte sich in die falsche Richtung gedreht. Gestern war er den ganzen Tag vollkommen verstört, und ich musste ihn beim Essen füttern, weil er so hilflos mit der Gabel in der Hand da saß und nicht wusste, was er tun sollte. Als er begriff, dass ich ihn fütterte, hörte er schlagartig auf zu essen. Er war verwirrt, erinnerte sich an gar nichts, und begriff auch keine Erklärungen mehr. Er hatte dann doch Schmerzen, das Morphium, dass ich ihm in diesem Fall zusätzlich geben kann, lässt ihn leider halluzinieren, aber er hatte auch schon ein Gespräch mit einem Eichhörnchen, das finde ich dann eher heiter als Halluzination. Heute ist Patrick noch ein bisschen weiter weg, sprechen tut er sowieso kaum noch. Alles ist extrem verlangsamt. Wach sein ist schwierig. Essen ist schwierig. Denken ist schwierig und Sprechen auch.

Wir haben heute im Krankenhaus angerufen, wollten wissen, ob die nächste Chemo- überhaupt noch Sinn macht und erbaten uns klare Aussagen über seinen Zustand. Das haut einem dann aber doch noch mal die Beine weg, wenn man plötzlich deutlich hört, dass die sechs Monate „mit Chemo-“ veranschlagt waren, und dass er ohne Chemo- heute vermutlich schon gar nicht mehr da wäre. Und das Ende ist auch mit Chemo- jetzt sehr nahe. Wie gut, dass ich so lange an die 17 Monate geglaubt habe.

Patrick wird nicht mehr ins Krankenhaus gehen. Es gibt keine Chemo- mehr. Er wird hier bleiben. In seinem Zimmer. Zu Hause. Mit uns.

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Auferstehung

Patrick ist wieder zu Hause. Seit Samstag. Er hat sich „Krankenhaus-frei“ und „Chemo-Pause“ erwünscht. Und bekommen.
Am Ostersonntag gegen elf Uhr beschloss ich spontan die Auberge und einen großen Schlüsselbund in die Hände und die Verantwortung einer treuen lieben Nachbarin zu geben, noch dazu legte ich ihr die Aufsicht und die Ernährung meiner an Karfreitag sterilisierten Katze Pepita, die noch ein bisschen wackelig auf den Beinen war. Ich fuhr eiligst ins Krankenhaus zu Patrick, weil ich ihn am Telefon kaum noch verstehen konnte, und er so des Lebens müde wirkte, dass ich ihn nicht allein lassen wollte. Und ich allein da oben im Dorf fühlte mich ebenso verlassen und unglücklich.

Patrick weinte, als er mich sah, ich ebenso, wir hielten uns vor Erleichterung den ganzen Nachmittag in den Armen und weinten beide immer wieder an diesem Nachmittag, und wir beschlossen, dass wir nicht mehr getrennt sein wollen, so lange er krank ist. Selten hab ich meinen Mann weinen gesehen. Er war noch magerer geworden, er aß nicht mehr und stand auch nicht mehr aus dem Bett auf. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass hier gerade jemand wieder auferstanden war. Und ich war voller Osterfreude.


Seine Angst und Lebensmüdigkeit legten sich richtig jedoch erst am Dienstag nach Ostern gegen 17 Uhr, als er die Ergebnisse der ersten Chemo-Bilanz hörte. Patrick sah und sieht nur das Positive und das ist auch gut so, ich jedoch finde die Ergebnisse sehr mager angesichts des Leidens, dass Patrick erträgt. Da die Metastasen in der Leber gar nicht reagiert haben, wird die Zusammensetzung der Medikamente für die kommenden Chemotherapiesitzungen geändert, was uns vermutlich neue spannenden Nebenwirkungen bescheren wird. Ich fragte leise, „willst du die Chemo- wirklich weiter machen?“ Und er antwortete mit der Ernsthaftigkeit eines Kindes „aber ich muss doch, ich muss doch gesund werden“. Aber dann hat er doch noch über meine Frage nachgedacht und gesagt, „ich will vielleicht eine Pause machen und erst mal nach Hause“. Nach Hause. Ich war froh und erschrocken. Wie soll das gehen mit einem körperlich so schwachen Mann?! All die Treppen? Meine Schwiegermutter und ich überlegten fieberhaft, wie und wo wir wohnen könnten, in einer der Ferienwohnungen vielleicht, die sind fast ebenerdig, es gäbe einen Balkon, Patrick könnte von dort wirklich Berge und dem Himmel sehen und eingemummelt auf dem Balkon sitzen um ein paar Sonnenstrahlen abzukriegen. Wir könnten einen Rollstuhl leihen, mit dem ich ihn ein bisschen rumfahren könnte, und ein medizinisches Bett… aber das wurde alles von meinem wie gewohnt starrköpfigen Mann abgelehnt, wie auch schon alle anderen Wohnideen, die wir hatten, das war und ist seiner Ansicht alles nicht nötig, da er felsenfest glaubte, seine wahre Auferstehung würde er hier er-leben, denn kaum wäre er zu Hause, würden ihm die Luft, die Ruhe, die saubere Natur und seine Berge Energie zurück geben. Er würde laufen können und Treppen steigen und der Appetit würde bei der Höhenluft sowieso zurückkommen.

Zunächst wurde Patrick von allem abgestöpselt und musste im Krankenhaus erst mal ein paar Tage zeigen, ob er die Medikamente, oral eingenommen, nicht wieder erbrach. Dann wurde der Heimaturlaub und eine kurze Chemopause gewährt unter der Bedingung, dass er ab sofort wieder zu essen beginnt und natürlich zu laufen. Das tat er mit so viel Selbstüberwindung und so viel verbissener Kraft, dass es mir das Herz zusammenschnürte. Er kämpft so tapfer, ich finde es so unendlich traurig, dass er dafür nicht mit einem langen Leben belohnt wird. Nicht nur, dass das Essen an sich ihn anekelte, schon der Geruch war ihm zuwider, es ist vor allem das Schlucken, das ihm so schwer fällt. Alles ganz langsam und in Mini-Portionchen aß er wie ein Vögelchen. Aber er aß. Laufen, abgemagert, ohne Muskeln, zitterig, wackelig lief er erst nur sich festhaltend, dann „freihändig“ um das Bett, zwei Tage später dann mit zwei Krücken immerhin den ganzen Flur entlang.
Samstags durfte er dann heim, und wies den Krankenwagen an, nicht bis vor die Auberge zu fahren, sondern am Dorfeingang zu halten, da er nach Hause laufen wollte. Das tat er zu meiner großen Bestürzung dann auch, und haette der Krankenpfleger ihn nicht jedes Mal aufgefangen, wäre Patrick mehrfach gefallen. Aber Patrick stolperte weiter und die Treppen hoch und verhedderte sich mit den Krücken, vor lauter Eifer zu zeigen, wie gut er wieder laufen kann, wusste er’s doch, klappt alles, er musste einfach nur heim!

Fünf der zehn freien Tage sind schon um, Patrick isst tapfer, laufen tut er hingegen sehr wenig, denn die Treppen sind doch ein Hindernis. Und dass er täglich durchs Dorf laufen wollte, davon ist keine Rede mehr. So liegt er wieder viel im Bett, obwohl er das so satt hat, und ist doch wieder eingesperrt in ein Zimmer, aber immerhin ist es sein Zimmer, an der Wand hängen Fotos von uns und den Katzen, gemalte Bilder von Henny und Emma, den Töchtern von Freunden, liebe Postkarten, ein paar Glücksmarienkäfer von Marianne, Basteleien der Nachbarskinder, die ich heute nur mit Mühe davon abbringen konnte Patrick ein Glas mit ein paar Kaulquappen zu schenken: er ist zu Hause. Die Katzen beschmusen ihn schnurrend und manchmal schlafen alle vier (drei Katzen, ein Mann) entgegen aller hygienischen Vorstellungen meiner Schwiegermutter eng nebeneinander gekuschelt auf dem Bett, das ich mit einem lieben Nachbarn und mittels vier Hohlblocksteinen sowie zwei Brettern schnell noch auf Normhöhe gebracht habe. Überhaupt schläft Patrick viel. Im Bett sowieso, aber auch im Sessel vor dem PC und wenn er sich zum Mittagessen die Treppen runtergeschleppt hat, schläft er beim Essen vor Erschöpfung manchmal auch einfach ein.

Leider ist er schon drei Mal gefallen, denn im Kopf ist alles kein Problem, aber seine Beine tragen ihn kaum noch, vermutlich sind auch die vielen Medikamente für seinen gestörten Gleichgewichtssinn verantwortlich. Trotz alledem hat das Krankenhaus es dieses Mal geschafft, ihn so zu medikamentieren, dass er schmerzfrei ist, und er hat bislang keinen neuen Schub bekommen. Und das neue Morphiumpräparat lässt ihn immerhin klar denken – wenn er denn mal wach ist.
Die Freude über das Hier sein lässt ein bisschen nach, da er sich nicht so erholt und stärkt, wie er sich das erhofft hat. Es tut mir so weh, seine Enttäuschung zu sehen. Woanders wäre es vielleicht besser gewesen, aber das muss er leider selbst spüren und er wollte doch so sehr heim.

Ich bin nicht sehr viel weniger müde als Patrick, aber ich schlafe leider sehr viel weniger. Mir fehlen ganz eindeutig Mama-Qualitäten, die ich ohne Kinder nie erworben habe, also das selbstverständliche Wissen, dass ich die bin, die alles macht. Mich nervt das noch immer, und ich habe eher keine Lust zu arbeiten, wenn Patrick im Bett liegt. Als Mama ist man das ja vermutlich gewöhnt, dass man alles macht, von Wäsche waschen, Betten frisch beziehen, und einen neuen Schlafanzug parat haben, wenn sie von der Nacht durchgeschwitzt sind, Essen rechtzeitig fertig haben, und vor allem ständig neue Ideen haben, was wir denn essen könnten, unter Berücksichtigung dessen, was wir da haben, was Patrick mag oder auch nicht, dessen, was er verträgt oder was ihm gut täte. Dann einkaufen, Arzttermine organisieren und das Katzenklo saubermachen… um mal so eine willkürliche Auswahl meiner Tätigkeiten zu geben. Verantwortlich zu sein fuer Patrick und sein Wohlergehen erschöpft mich. Und das, obwohl meine Schwiegermutter da ist. Sie gibt mir zwar Ruhe und hilft mir auch viel, aber gleichzeitig fühle mich neben ihr, bei aller Sympathie, ziemlich unzulänglich, weil sie mir mit ihrer unerschöpflichen Mama-Energie ständig das Gefühl gibt, nichts wirklich richtig zu machen oder nicht  genügend auf dies zu achten oder auf jenes: faut pas faire ça, Christjann! höre ich ununterbrochen. Das geht von Haushaltstipps bis zur Krankenpflege. Tische rückt man nicht an die Wand, weil das an der Wand hässliche  Spuren hinterlässt. Die Medikamente von Patrick muss ich anders ordnen und aufbewahren. Seinen Rücken darf ich nicht mehr mit Arnikaöl massieren, weil seine Haut das nicht mehr vertraegt. Fleisch wird grundsätzlich nicht wieder aufgewärmt, weil es danach geschmacklos ist, und es wird dann auch demonstrativ nicht gegessen, ebenso der gehobelte Parmesan auf dem Salat, der zu kräftig im Geschmack ist und den Salat ungut dominiert. Dann darf ich mir wieder anhören, dass wir Deutschen eben einfach nichts vom Essen verstehen, unsere Schokolade ist auch die zweitschlechteste der Welt, schlimmer ist nur noch belgische Schokolade. Dass ich die Schlafanzüge ihres Sohnes sowie unsere persönliche Bettwäsche nicht bügele, ist auch nicht ganz so, wie es soll. Und ein bisschen mehr Haushalt könnte ich schon noch machen. Die Fenster sind doch sehr schmutzig, und das sieht man mit der seit zwei Tagen scheinenden Sonne jetzt doch. Meine Schwiegermutter ist auf ihrem eigenen Terrain einfach besser zu ertragen. Heute war ich kurz vorm Platzen. Ich sagte, dass ich manche Dinge zur Zeit einfach weniger wichtig finde, ich will einfach viel mit Patrick zusammen sein und für ihn da sein. Das ist zwar ganz in Ordnung, das Geschirr darf sich in der Küche aber dennoch nicht stapeln, und sauber muss es schon überall sein. Ich mache also viel mehr Haushalt, als ich gemeinhin jetzt so machen würde, und Zeit blog zu schreiben oder auf e-mails zu antworten, Freundinnen anzurufen habe ich quasi nicht —  ist das denn jetzt wirklich nötig, solange die Treppe noch nicht geputzt ist? Und danach muss ich schon gleich wieder Essen kochen…

Dass ich kein Arbeitslosengeld bekomme und mich von autoritären jungen Frauen streng ausfragen lassen musste zu meinem bizarren Lebensweg, ist in der Zwischenzeit schon Vergangenheit. Und von allen anderen Schwierigkeiten, die uns nebenbei begleiten, schreib ich bei Gelegenheit, denn wenn ich das jetzt nicht gleich veröffentliche, wird es diese Woche gar nichts mehr…

Es grüßt erschöpft um ein Uhr morgens aus der Krankenpflegestation
die
Christiane

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Ostern

Ostern ist in Frankreich ein Familienfest, genau wie Weihnachten, es ist ein bisschen kürzer wie bei uns, denn Karfreitag ist hier kein Feiertag. Aber alle Familien versammeln sich, auch die Zweitwohnsitzler kommen mit Mann und Maus nach oben gefahren, trotz des rauen Klimas und die Einwohnerzahl nimmt über Ostern schlagartig zu, vor allem haben wir statt sechs Kindern plötzlich um die dreißig, vierzig, die durchs Dorf rennen…

Für die Kinder läuft das an Ostern wie bei uns auch: Schokoeier, Schokohasen und jede Menge anderes Süßzeug werden versteckt, und die Kinder suchen sie am Ostersonntag im Garten, so man einen hat.

Der Hase ist jedoch eingewandert, die französischen Kinder wissen nicht, was es damit auf sich hat, denn in Frankreich bringen die Glocken, les cloches, die Ostereier. Ist schon die Idee mit dem Hasen bizarr, die Idee, dass Glocken Eier verstecken können, ist für mich völlig abgedreht. Die Geschichte ist irgendwie so: In der Karwoche schweigen in Frankreich alle Kirchenglocken und sie läuten erst am Ostersonntagmorgen aus Freude über die Auferstehung Christi wieder, das Ensemble aller freudig klingenden Glocken klingt bis nach Rom zum Papst und auf dem Rückweg bringt das Glockengeläut die Eier mit und lässt sie unterwegs fallen, so dass die Kinder sie suchen können. Ich find’s nicht logisch, aber unsere Hasengeschichte ist es ja auch nicht, und Hauptsache, wir suchen Ostereier.

Voilà, Laura mit einer Glocke!

Hier auf dem Land ist das oft eine gemeinsame Aktion, organisiert vom Comitée de fêtes, dem Festkommitee, einer sehr wichtigen ehrenamtlich arbeitenden Dorfinstanz, die es in jedem Dorf gibt, und die im Laufe des Jahres diverse Dorffeste organisiert, beispielsweise Karneval (oder das, was sie dafür halten, sorry, aber ich hab ein paar Jahre in Köln gefeiert, danach geht das nirgendwoanders mehr), Ostern, das Sommerfest am Patronatstag St. Anne, DAS Fest schlechthin: mit den Einnahmen aus diesem Fest, wo sich etwa 250 Menschen auf dem Dorfplatz zum Essen und Feiern drängeln, werden die anderen kleinen Festitivitäten finanziert, so wie eben jetzt Ostern, das inklusive Ostereiern und Grillwürstchen für alle Dorfbewohner kostenfrei ist. Der Präsident des Festkomitees ist eine Autorität in so einem Dorf, und vor zwei Jahren erwiderte uns frech ein pre-pubertiernder Junge, den wir baten, unsere Feriengäste nicht durch lautes Lärmen vor dem Fenster zu belästigen, wir hätten ihm gar nicht zu sagen, er sei der Sohn des Präsidenten des Festkommitees und er dürfe hier alles. So ist das hier. Dass ihrs nur wisst.

Das Comitée de fêtes hat also für Ostern folgende Programmpunkte organisiert :

Heute am späten Samstagnachmittag ein Clownspektakel für die Kids, am Ostersonntag früh wird im seit drei Tagen angeheizten alten Gemeindebackofen Brot und la Fougasse gebacken, ein provenzalisches Brot, das ein bisschen aussieht wie ein großes fächeriges Fladenbrot (mich erinnert die Form an große Gummibaumblätter), mit Kräutern der Provence gebacken, sehr lecker!

Dann gegen 11 Uhr gibt es la chasse aux oeufs für die Kids, also die Eierjagd auf einem großen Gartengrundstück, und jedes Jahr müssen die großen Kinder ermahnt werden, den Kleinen den Vortritt zu lassen, denn wenn man auch für Vieles schon viel zu groß ist, beim Ostereiersuchen wird das schnell vergessen.

In der Regel ist dann bei jeder Familie großes Familienessen angesagt, abends jedoch gibt es einen Apéro fürs ganze Dorf, danach Barbecue mit Grillfleisch und Würstchen und den am Morgen gebackenen Broten und Fougasses ebenso für alle Dorfbewohner.

Das kann sich dann lang hinziehen, macht aber nichts, denn Montag ist immerhin doch auch ein Feiertag hier.

Ich sitze hier und schreibe diesen Text, während ich auf meine Gäste warte. Wir sind über Ostern complet, aber nur mit Schlafgästen, Kochen muss ich nicht. Die Gäste sind alle für eine riesige Familienfeier angereist und werden dort verköstigt. Das ist für mich relativ stressfrei, ich muss eben nur da sein. Leider macht es mir dieses Mal dennoch viel aus, denn ich bin schon ein paar Tage für bügelnde und putzende Vorbereitungen hier oben und Patrick ist letztlich und vernünftigerweise im Krankenhaus geblieben. Ich hatte ihn aber gerade am Telefon und es geht ihm nicht gut. Er hat keine Schmerzen, da haben sie ihn im Krankenhaus gut eingestellt, aber er ist schon so schwach und fühlt sich nicht gut. Vorgestern ließ ich spontan Bügelbrett Bügelbrett sein und bin nachmittags aller et retour nach Nizza gefahren, um wenigstens für zwei, drei Stündchen bei ihm zu sein. Das gleiche Bedürfnis habe ich gerade wieder und ich frage mich, ob ich das nicht morgen einfach mache, anstelle der Eiersuche beizuwohnen und dem Apéro… meine Gäste sind ja sowieso nur zum Schlafen da.

Rechtlich ist das leider nicht ganz so einfach – on verra, mal sehen…

Joyeuses Pâques! Frohe Ostern wünsche ich euch und ein bisschen Licht und Wärme für uns alle – hier ist noch nicht allzu viel davon zu sehen. Die Fotos sind vom letzen Jahr, auch da wars noch brrrrr…. kalt…

ps: weiss auch nicht wieso, aber mein Photoshop macht mir die Bilder nicht mehr klein, daher immer die Fototapeten…

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Cannes

Ich zeig euch hier mal, was ich manchmal abends mache, wenn ich „unten“, an der Côte d’Azur bin, und aus dem Krankenhaus komme, um ein bisschen durchzuatmen und um für einen Moment an etwas anders zu denken.

Cannes In der Regel gehe ich in Cannes, wo meine Schwiegermutter wohnt, noch kurz an den Strand oder spaziere die Croisette entlang, wie die Strandpromenade in Cannes heißt. Das wird gerade zunehmend schwieriger, weil Cannes sich auf die Filmfestspiele vorbereitet und halb Cannes und insbesondere die Gegend um den Filmpalast mit Barrieren abgesperrt wird. Nicht, dass ihr glaubt, man könne heute noch als normal Sterblicher einen Blick auf die Stars erhaschen. Alles wird hier großräumig abgesperrt. Auf Höhe des Filmpalastes, ein grottenhässlicher sechziger Jahre Bau übrigens, ist die Croisette sowie der Strandzugang bereits mit Barrieren versperrt. Überhaupt gibt es nur zwei klitzekleine öffentliche Strände, wo man einfach so ans Meer laufen und die Wellen plätschern hören kann, ganz am Anfang und ganz am Ende der Promenade, ansonsten ist der lange, künstlich aufgeschüttete Sandstrand in privater Hand von plastikweiß dominierten Luxussommerrestaurants, alles sehr schick mit Sonnenliegen, dekorativem Blumenschmuck auf kleinen Tischchen und bereits ein paar schönen Menschen, die dort an ihrem Champagner nippen. Der Zugang zu Strand und Meer ist dort nur gegen Bares zu haben.

Carleton Also schlendere ich in der letzten Abendsonne die Croisette entlang, hebe den Blick über die Flachdächer der Restaurants um nur das Meer zu sehen, neben mir Jogger und Inlineskater und exzentrisch gekleidete Damen, die Mini-Hunde spazieren führen, und ich genieße das, was es in Cannes umsonst gibt: Luxus-Ambiente mit dekorativen Hotels, Palmen, üppigen Blumenrabatten, Möwengekreisch, die typischen azurblauen Stühle überall, das Meer, die Yachten und irgendwann einen mehr oder weniger spektakulär schönen Sonnenuntergang. Später dann die ersten Lichter entlang der Bucht und schnell wird es dann kühl.

Stuhl Am Anfang fühlte ich mich zwischen all dem zur Schau getragenen Luxus wie ein alter Gummistiefel, in der Zwischenzeit sehe ich auch das normale Leben, das es in Cannes wie überall auch gibt. Angler, herumalbernde Teenager auf der Kaimauer mit einem Sixpack Bier, die Sandkünstler, die versuchen ein paar sous mit ihren ephemeren Kunstwerken zu verdienen, und selbst einen Wohnsitzlosen, einen SDF, wie das hier heisst (sans domicile fixe), der sich mit seinem Fahrrad und den Plastiktüten direkt neben dem mondänen Yachthafen einquartiert hat.

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Jeder Tag ein Jahr

Zur Zeit erlebe ich so intensive Tage, dass ich manchmal denke, gestern war letztes Jahr. Und an vorgestern erinnere ich mich nur noch schwach. Alles, was wir für diese Woche organisiert und geplant hatten, wurde anders, schlimmer noch, alles, was ich morgens plane ist abends, manchmal schon Stunden später, hinfällig…

Wir versuchen nach dem Ausdruck Vivre au jour le jour zu leben, was “in den Tag hinein leben“ heißen kann, aber in unserem Fall bedeutet, das zu leben, was gerade möglich ist. Und das ist nicht viel.

Es gibt nur noch zwei Zustände bei Patrick, schreckliche Tage und vor allem Nächte mit unendlichen Schmerzen, hohem Fieber und einer ansteigenden Morphiumdosis, um es überhaupt auszuhalten. Zustände, wo er sich keinen Millimeter mehr bewegen kann vor lauter Schmerz und auch gar nichts mehr will, nur wimmert und stöhnt und hofft, dass die Medikamente bald bittebitte bald die Schmerzen nehmen. Danach Schlaf, Halluzinationen, Verwirrung. So muss ich Patrick immer schon aufschreiben, welchen Tag wir haben, denn manchmal wacht er nach zwei Stunden auf und denkt nach einem Blick auf die Uhr, wir haben schon morgen, starke Schmerzen veranlassen ihn, schwups, die Medikamente für den folgenden Morgen zu nehmen, dabei ist es gerade fünf Uhr nachmittags desselben Tages.
Mehrfach passierte das, so dass ich ihm die Medikamente jetzt wegnehmen muss und ihm dann gebe, wenn es Zeit ist.

Oder, wenn die Dosis Morphium wirkt, die wir innerhalb kürzester Zeit (nach Rücksprache mit dem Krankenhaus) erhöht haben, und Patrick eine halbwegs normale Mobilität hat und sein Geist vage den Morphiumnebel durchdringt, dann habe ich einen Mann, der seine Hilflosigkeit spürt und der sein Unvermögen, Dinge nicht mehr tun zu können, nicht aushalten kann und rasend wütend und aggressiv wird.

Beide Zustände sind schlecht auszuhalten.

Es gab einen Tag, wo ich abends erschöpft von so viel Aggressivität dachte, ich werde bis zum Ende da sein, aber wenn es so weiter geht, wird am Ende keine Liebe mehr da sein. Am nächsten Morgen brachte mir Patrick dann Frühstück ans Bett: Eine mich zu Tränen rührende Geste, gleichzeitig war ich furchtbar erschrocken über diesen Kraftakt: 45 Stufen nach unten und mit einem vollbeladenen Tablett 45 Stufen wieder nach oben, und das so wackelig und voller Schmerzen, wie er war. Ich war fassungslos und gerührt. Es wird immer Liebe da sein, bis zum Schluss, denke ich jetzt.

Patrick ist nach der letzten Chemo nur anderthalb Tage hier oben gewesen, um dann fiebrig und schmerzzerfurcht, grau, klein, zitternd wie ein 120jähriger Mann von zwei Krankenpflegern gestützt, notfallmäßig wieder ins Krankenhaus zu kommen. Im Krankenhaus wurde er erstmals mit Morphium behandelt, und es ging ihm sofort besser, Fieber hatte er unten keines, nur sein Geist dämmerte im Morphiumzustand vor sich hin, er halluzinierte, redete unzusammenhängend, schlief unvermittelt ein, manchmal auch am Telefon oder beim Essen.

Drei Tage blieb er in der Klinik und entließ sich dann letzten Freitag selbst, sprich, er wollte heim. Kaum angekommen hatten wir in der Nacht erneut das gleiche Szenario, gegen vier Uhr morgens 40° Fieber, Zittern, Schwitzen, Frieren, nicht aushaltbare Schmerzen am ganzen Körper. Und wir haben Wochenende. Ist es schon während der Woche schlecht mit der medizinischen Versorgung hier oben, dann noch mal mehr am Wochenende. Ich rufe Krankenpfleger und Arzt an und auch den Osteopathen, denn Patrick glaubt, er habe sich „nur“ den Rücken blockiert beim Transport. Weder Arzt noch Krankenpfleger sind überhaupt erreichbar, noch rufen sie mich zurück, klar es ist Wochenende, einen Notarzt gibt es hier oben nicht, nur die Feuerwehr, die einen wieder ins Krankenhaus bringen kann. Der Osteopath ist gerade in Paris, empfiehlt mir jemand anderen, der aber auch nicht vor Montag kommen kann. Patrick sagt, wenn ich das bis Montag aushalten muss, springe ich aus dem Fenster. Nach Rücksprache mit der Krebsklinik und der behandelnden Ärztin, darf ich das Morphium etwas erhöhen und sie faxt ein weiteres Rezept für andere Medikamente an die Apotheke unten im Tal und wir haben mit alledem einen kleinen Erfolg. So sehr, dass Patrick glaubt, den ganzen Tag am PC sitzen zu können, um Dinge zu regeln, die ihm auf der Seele brennen, Steuererklärung, diversen wichtigen Ämterkram und dergleichen.
Meine Einwände, sich zwischenzeitlich hinzulegen, werden aggressiv weggebissen, auch, wenn er zwischenzeitlich vor dem Rechner einschläft und seine Hirnleistung spürbar schwächer wird, hinlegen ist nicht. Am Ende hat er einen Brief nur virtuell geschrieben, auf dem PC erscheinen nur ein paar Fragmente, als er sich dessen bewusst wird, wird er unendlich wütend. Ich kann gerade noch verhindern, dass der Rechner nicht vor Zorn auf den Boden geknallt wird.

Am Dienstag war ich in Nizza beim Arbeitsamt und musste Patrick erstmals allein lassen, seine dienstägliche Blutentnahme konnte ebenso nicht stattfinden, denn dazu hätte ich ihn morgens nach Guillaumes zum Arzt fahren müssen. Also machten wir einen Termin für Mittwoch früh aus. Die Nacht jedoch wird wieder ein Martyrium für Patrick, ich rufe Mittwoch morgens gegen sieben Uhr wieder Arzt und Krankenpfleger an, sage den Termin beim Arzt ab und bitte darum, dass der Pfleger für die Blutentnahme hochgefahren kommt, weil ich Patrick nicht transportieren kann. Wie üblich habe ich nur Anrufbeantworter, die ich bespreche und hinterlasse meine Nummer und bitte um Rückruf. Niemand ruft mich zurück oder sagt mir ob ja oder nein. Es kommt auch niemand. Letztlich rufe ich den Osteopathen an, der sofort kommt, Patrick ein bisschen erleichtern kann in seinem Schmerz, mir aber sagt, dass es kein blockierter Rücken ist, sondern „die Krankheit“, dass er nur wenig für Patrick tun kann, und ich solle die Klinik anrufen und eine vorzeitige Einweisung erbitten und die Morphiumdosis erneut besprechen, „denn warum soll er hier so sinnlos leiden“. Das habe ich getan, das Morphium wurde erhöht, Patrick geht es bald besser, und er hat für heute ein Bett bekommen. Gerade hat er mich angerufen, dass der Krankenwagen in der Klinik angekommen ist.

Was mich bei alledem so wahnsinnig wütend macht, ist, dass mich in all der Zeit weder der Hausarzt noch der Krankenpfleger zurückgerufen haben, um nachzufragen warum ich Termine verschiebe, wie es geht, ob ich Hilfe brauche etc.
Den Krankenpfleger habe ich gestern Mittag in der Apotheke getroffen. Er hat Glück gehabt, dass ich ihn nicht geschlagen habe. Aber er war unwirsch, weil ich immer hüh und hott mache mit meinen Terminen, und er erklärt mir das System: Termine für den Krankenpfleger muss man am Vorabend auf dem Anrufbeantworter hinterlassen, danach hört er den AB erst wieder am nächsten Abend ab. Ich frage, wie machen Sie das mit Notfällen? Achselzucken. Ich frage, wenn ich morgen sterbe, muss ich das auch heute Abend schon ankündigen?

Aber auf solche Entgleisungen reagiert er gar nicht mehr.

Ich verstehe ihn, ich verstehe auch den Hausarzt. Hier ist wirklich Landarzt live. Das hat nichts mit der netten Serie zu tun, die im beschaulichen norddeutschen Dorf vor sich hindümpelt. Hier sind kilometerlange Serpentinen zurückzulegen, nur um bei einem Patient einen Verband zu wechseln. Die Route für den Tag wird einmal festgelegt, spontan wird hier nichts mehr dazwischen geschoben. Und der Landarzt ist von so vielen Klein-Klein Beschwerden der Bevölkerung des gesamten Tales so überlastet, die ihn auch gnadenlos zu Hause und auf dem Mobiltelefon anrufen, so dass er nur noch seinen Wartesaal abarbeitet und nach Praxisschluss einfach gar nicht mehr reagiert.

Das Wissen um diesen ungenügenden Zustand medizinischer Versorgung ängstigt und ist meines Erachtens unbewusst mit Schuld an Patricks Fieberschüben und Schmerzattacken. Zusätzlich zu dem wütenden und wuchernden Krebs. Ebenso die Tatsache, dass er hier oben für alle „stark“ sein muss, als mein Mann und als Aubergist, der den Laden hier schon schaukeln wird. Auch, wenn er grad mal ein bisschen wackelig auf den Beinen ist. Das, und das Wissen um so viele unerledigte Dinge, machen Patrick vermutlich Stress, dabei soll er sich doch hier erholen.

In Anbetracht des sich rapide verschlechternden Gesundheitszustands Patricks und der dazu proportional steigenden Dosis Morphium, die er braucht, sind Planungen, die wir noch vor vierzehn Tagen machten hinfällig. Ich war also am Dienstag beim Arbeitsamt. Vorgestern war das erst, es kommt mir schon vor, als sei es Wochen her…

wird fortgesetzt…

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Ein Hochzeitstag und andere Kleinigkeiten

Patrick ist gerade abgeholt worden zur 3. Chemotherapie, wie immer hab ich geweint beim Abschied, obwohl ich sogar froh bin, dass er in die Klinik kann. Es entlastet uns beide. Ich weiss, dass er gut aufgehoben ist, die Sicherheit, die die Klinik gibt, lässt ihn regelmäßig aufblühen. Ich bin froh, dass die diversen beunruhigenden „Nebenwirkungen“ die in den letzten zwei Tagen aufgetreten sind, von Ärzten bekuckt und besprochen werden.
Mich lassen plötzliche Verschlechterungen sofort noch flacher atmen, Patrick reißt sich tierisch zusammen, um mir nicht noch mehr Angst zu machen, dabei bräuchte er jemanden, der stark ist an seiner Seite, damit er ein bisschen schwächer sein darf.

Die letzten zwölf Tage waren lang. Ich hatte keine Zeit zu schreiben, zwischendurch dachte ich auch, wie viel von diesem ganzen Elend soll ich überhaupt veröffentlichen? Vielleicht ist es ganz gut so, dass ich nicht sofort alles schreiben kann, manche schlimmen Momente sind eben nur Momente. Viele Kleinigkeiten sind nach ein paar Tagen nicht mehr wichtig, auch wenn sie es zum aktuellen Zeitpunkt waren. Das, was übrig bleibt, ist allemal genug.
Ich will von vorne beginnen. Patrick kam am 7. März von seiner letzten Chemo zurück, und er saß im Rollstuhl. Er hatte solche Schmerzen in der Hüfte, dass er nicht laufen konnte. Diese Schmerzen hatten nachts vor der zweiten Chemo begonnen. Ein CT, die in der Klinik gemacht wurde, zeigt nicht genau einzuschätzende Flecken in der Hüfte, die vorher noch nicht da waren. Man hatte ihm ein weiteres Medikament zusätzlich zur Chemo gegeben, in der Hoffnung, dass es den Schmerz lindern würde. Wie die weitere Therapie dafür aussehen wird, war bei seinem Weggang aus der Klinik noch unklar.
Ich war erschüttert Patrick so zu sehen, der mit schmerzverzerrtem Gesicht und von den beiden Krankenpflegern gestützt die Treppen der Auberge hochhumpelte. Ich weinte vor Schreck, Patrick vor Schmerz, aber er war auch voller Erleichterung, wieder da zu sein. Obwohl ihm noch dreißig Treppenstufen nach oben bevorstanden. Davon die letzten fünfzehn, die zu unserem Zimmer führen, in Form einer Holzwendeltreppe. Die Auberge ist am Hang gebaut, wir haben die Küche unsinnigerweise im Keller, das Restaurant zu ebener Erde, darüber die Zimmer und nochmals darüber wohnen wir. 45 Treppenstufen sind das jedes Mal, wenn ich Patrick etwas zu Essen nach oben bringe, denn nachdem er einmal oben war, war von runterkommen so bald keine Rede mehr.
Ich war so unglücklich über Patricks Zustand, dass ich am liebsten sofort alles hingeschmissen haette und irgendwo ein anderes und vor allem ebenerdiges Leben anfangen wollte.

Glücklicherweise war meine Schwiegermutter am Vortag gekommen, sie blieb ein paar Tage, um uns zu unterstützen, denn wir hatten, wie nicht anders zu erwarten: Gäste. Nur zwei, die waren auch sehr nett, aber kochen und kümmern, da sein, mal eben einen Tee kochen oder Wanderungen erklären, muss man auch für zwei Gäste.
Meine Schwiegermutter ist vom Fach, sie hat früher Hotels geleitet, sie kann alles und sie gibt mir sehr viel Sicherheit, Ruhe und Kraft. Und wenn ich ein Zehntel ihrer Energie hätte, wäre ich glücklich. Die kleinen Anfangsschwierigkeiten des Zusammenwirkens legten sich bald, oder sagen wir, wir schlucken beide mal was runter, angesichts der Situation ist es auch wirklich egal, ob sie Schweinebraten aufwärmen unmöglich findet, während ich zwei Karotten in einem Liter Wasser schwimmend ungesund finde. Sie kann nicht verstehen, dass wir unserer Ernährung auf „krebshemmende“ Lebensmittel umgestellt haben und ich ein kleines Vermögen für einen bestimmten japanischen Grüntee ausgebe. Aber abgesehen davon kommen wir gut miteinander aus. Wir haben viel gearbeitet, Gefriertruhen inspiziert, abgetaut, Essen vorbereitet, viel aufgeräumt und geputzt, für all das hatte ich allein einfach keine Energie mehr.

Am 8. März war unser erster Hochzeitstag. Ich hatte in der Auberge eine lange Fotostrecke an die Wand gehängt, Fotos von Patrick, Fotos von mir und Fotos von uns beiden. Ich erzähle und zeige damit unseren bisherigen gemeinsamen Weg. Dann bastelte ich mit rotem Geschenkband den Schriftzug  l’amour , der groß an der Wand prangt und stellte überall rote Rosen hin.
Ich war sehr gerührt, denn Patrick hatte beim Hochfahren die Krankenpfleger gebeten, an einem Blumenladen anzuhalten, damit er mir Blumen mitbringen konnte, und er hatte mir per Hand einen Liebesbrief geschrieben, der so schön ist, dass ich beim Lesen nur Rotz und Wasser heulte.
Ein paar Nachbarn kamen überraschend nachmittags mit Champagner und einem selbst gestalteten Fotoalbum vorbei, das noch einmal uns und unsere Hochzeit zeigte und vor allem auch alle Dorfbewohner, die anwesend waren. Patrick quälte sich dafür die Stufen runter, er war voller Schmerzen, aber es war dennoch ein sehr schöner und beinahe fröhlicher Nachmittag, und ich bin froh, dass wir ihn gefeiert haben, unseren ersten Hochzeitstag!

Danach wurde es sehr anstrengend. Patrick ging es lange schlecht, und ich konnte fast nicht aufhören zu weinen. Patrick ist trotz seines Zustandes oder vielleicht auch gerade deswegen und vermutlich aufgrund der Medikamente wie im Rausch: Sich selbst überschätzend, voller unrealistischer Pläne, rechthaberisch und aggressiv. Dieses Geflenne um ihn herum kann er nicht gebrauchen. Ich untergrabe seine Moral, wie soll er da gesund werden, wenn ich nur heule? Und er mache das doch alles nur für mich: die Chemo, die Auberge etc. Ich sage, wenn es für mich ist, dann lass uns die Auberge aufgeben, das übersteigt meine Kraft, ich suche mir irgendeine andere Arbeit, die ruhiger und weniger öffentlich ist. Aber es ist dann wohl doch nicht nur für mich, denn wütend, mit fiebrigen Augen und schmerzender Hüfte wird mir dann gezeigt, dass es seine Kräfte zwar auch übersteigt, er aber dennoch weitermacht, und er ist ja der Kranke, da werd ich ja verdammt noch mal auch einfach weiter machen können. Und dabei gefälligst aufhören zu heulen. Und wenn meine Schwiegermutter nicht da gewesen wäre, die mal mit ihm sprach, mal mit mir, die Lösungen sucht für uns beide, wäre ich vermutlich zusammengebrochen.

Entschieden ist, sie wird auch wiederkommen, sie hat hier ein Häuschen gemietet, während sie zeitgleich ihre Wohnung in Cannes für die Filmfestspiele und für den Sommer vermietet – nur so lässt sich das auch finanzieren. Wir werden also versuchen, vorerst hier weiter zu machen, vielleicht können wir zusätzlich eine Haushaltshilfe von irgend einer Stelle finanziert bekommen, die den ganzen klassischen Putz- und Bügelkram erledigen könnte, das wäre schon eine Erleichterung. Ich merke, dass mich dieses „öffentlich“ sein überfordert. Jeder kann hier jederzeit reinkommen, denn wir sind ja Auberge. So kamen dann auch Gäste überraschend vorbei, während ich gerade heulte, Patrick seine Medikamente in seine Wochenbox füllte und das Ambiente nicht sehr einladend war. Sie tranken zwei Kaffee und wollten wissen, was wir ihnen, wenn sie mit Freunden am Sonntag kämen, Schönes zu Essen zaubern würden. Patrick schwadroniert, mir stockt der Atem, denn meine Schwiegermutter war gerade abgereist, ich weiß, es wird alles an mir hängenbleiben und ich fühl’ mich überfordert, darf es aber nicht sein.
Tatsächlich wurde es noch viel mehr, wir haben am Wochenende einmal vier, einmal sechs Gäste glücklich gemacht, und dann bis einschließlich heute morgen noch zwei Wanderer beherbergt. Ja, es geht, aber es kostet mich unendlich viel Kraft. Die mir für mich und Patrick dann fehlt.

Wir haben beschlossen, wenigstens solange Patrick in der Klinik ist, die Auberge zu schließen, und das erste, was ich machte, nachdem Patrick im Krankenwagen weggefahren war, war, die Tür abzuschließen: Ich bin weg. Ich bin nicht verfügbar.

Morgen fahre ich nach Nizza, ich habe einen Termin mit der Klinikpsychologin, um auch von meiner Not Kenntnis zu geben. Und ich will ans Meer, die Möwen schreien hören und den Frühlingswind spüren. Als ob sie es geahnt haette, hat mir eine Freundin heute das Foto einer Möwe geschickt. Schönes Zeichen. An der Côte d’Azur ist Frühling, während hier immer noch Schneefelder liegen. Ich fahre für zwei Tage in den Frühling! Fast bin ich froh.

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