Cannes

Ich zeig euch hier mal, was ich manchmal abends mache, wenn ich „unten“, an der Côte d’Azur bin, und aus dem Krankenhaus komme, um ein bisschen durchzuatmen und um für einen Moment an etwas anders zu denken.

Cannes In der Regel gehe ich in Cannes, wo meine Schwiegermutter wohnt, noch kurz an den Strand oder spaziere die Croisette entlang, wie die Strandpromenade in Cannes heißt. Das wird gerade zunehmend schwieriger, weil Cannes sich auf die Filmfestspiele vorbereitet und halb Cannes und insbesondere die Gegend um den Filmpalast mit Barrieren abgesperrt wird. Nicht, dass ihr glaubt, man könne heute noch als normal Sterblicher einen Blick auf die Stars erhaschen. Alles wird hier großräumig abgesperrt. Auf Höhe des Filmpalastes, ein grottenhässlicher sechziger Jahre Bau übrigens, ist die Croisette sowie der Strandzugang bereits mit Barrieren versperrt. Überhaupt gibt es nur zwei klitzekleine öffentliche Strände, wo man einfach so ans Meer laufen und die Wellen plätschern hören kann, ganz am Anfang und ganz am Ende der Promenade, ansonsten ist der lange, künstlich aufgeschüttete Sandstrand in privater Hand von plastikweiß dominierten Luxussommerrestaurants, alles sehr schick mit Sonnenliegen, dekorativem Blumenschmuck auf kleinen Tischchen und bereits ein paar schönen Menschen, die dort an ihrem Champagner nippen. Der Zugang zu Strand und Meer ist dort nur gegen Bares zu haben.

Carleton Also schlendere ich in der letzten Abendsonne die Croisette entlang, hebe den Blick über die Flachdächer der Restaurants um nur das Meer zu sehen, neben mir Jogger und Inlineskater und exzentrisch gekleidete Damen, die Mini-Hunde spazieren führen, und ich genieße das, was es in Cannes umsonst gibt: Luxus-Ambiente mit dekorativen Hotels, Palmen, üppigen Blumenrabatten, Möwengekreisch, die typischen azurblauen Stühle überall, das Meer, die Yachten und irgendwann einen mehr oder weniger spektakulär schönen Sonnenuntergang. Später dann die ersten Lichter entlang der Bucht und schnell wird es dann kühl.

Stuhl Am Anfang fühlte ich mich zwischen all dem zur Schau getragenen Luxus wie ein alter Gummistiefel, in der Zwischenzeit sehe ich auch das normale Leben, das es in Cannes wie überall auch gibt. Angler, herumalbernde Teenager auf der Kaimauer mit einem Sixpack Bier, die Sandkünstler, die versuchen ein paar sous mit ihren ephemeren Kunstwerken zu verdienen, und selbst einen Wohnsitzlosen, einen SDF, wie das hier heisst (sans domicile fixe), der sich mit seinem Fahrrad und den Plastiktüten direkt neben dem mondänen Yachthafen einquartiert hat.

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Jeder Tag ein Jahr

Zur Zeit erlebe ich so intensive Tage, dass ich manchmal denke, gestern war letztes Jahr. Und an vorgestern erinnere ich mich nur noch schwach. Alles, was wir für diese Woche organisiert und geplant hatten, wurde anders, schlimmer noch, alles, was ich morgens plane ist abends, manchmal schon Stunden später, hinfällig…

Wir versuchen nach dem Ausdruck Vivre au jour le jour zu leben, was “in den Tag hinein leben“ heißen kann, aber in unserem Fall bedeutet, das zu leben, was gerade möglich ist. Und das ist nicht viel.

Es gibt nur noch zwei Zustände bei Patrick, schreckliche Tage und vor allem Nächte mit unendlichen Schmerzen, hohem Fieber und einer ansteigenden Morphiumdosis, um es überhaupt auszuhalten. Zustände, wo er sich keinen Millimeter mehr bewegen kann vor lauter Schmerz und auch gar nichts mehr will, nur wimmert und stöhnt und hofft, dass die Medikamente bald bittebitte bald die Schmerzen nehmen. Danach Schlaf, Halluzinationen, Verwirrung. So muss ich Patrick immer schon aufschreiben, welchen Tag wir haben, denn manchmal wacht er nach zwei Stunden auf und denkt nach einem Blick auf die Uhr, wir haben schon morgen, starke Schmerzen veranlassen ihn, schwups, die Medikamente für den folgenden Morgen zu nehmen, dabei ist es gerade fünf Uhr nachmittags desselben Tages.
Mehrfach passierte das, so dass ich ihm die Medikamente jetzt wegnehmen muss und ihm dann gebe, wenn es Zeit ist.

Oder, wenn die Dosis Morphium wirkt, die wir innerhalb kürzester Zeit (nach Rücksprache mit dem Krankenhaus) erhöht haben, und Patrick eine halbwegs normale Mobilität hat und sein Geist vage den Morphiumnebel durchdringt, dann habe ich einen Mann, der seine Hilflosigkeit spürt und der sein Unvermögen, Dinge nicht mehr tun zu können, nicht aushalten kann und rasend wütend und aggressiv wird.

Beide Zustände sind schlecht auszuhalten.

Es gab einen Tag, wo ich abends erschöpft von so viel Aggressivität dachte, ich werde bis zum Ende da sein, aber wenn es so weiter geht, wird am Ende keine Liebe mehr da sein. Am nächsten Morgen brachte mir Patrick dann Frühstück ans Bett: Eine mich zu Tränen rührende Geste, gleichzeitig war ich furchtbar erschrocken über diesen Kraftakt: 45 Stufen nach unten und mit einem vollbeladenen Tablett 45 Stufen wieder nach oben, und das so wackelig und voller Schmerzen, wie er war. Ich war fassungslos und gerührt. Es wird immer Liebe da sein, bis zum Schluss, denke ich jetzt.

Patrick ist nach der letzten Chemo nur anderthalb Tage hier oben gewesen, um dann fiebrig und schmerzzerfurcht, grau, klein, zitternd wie ein 120jähriger Mann von zwei Krankenpflegern gestützt, notfallmäßig wieder ins Krankenhaus zu kommen. Im Krankenhaus wurde er erstmals mit Morphium behandelt, und es ging ihm sofort besser, Fieber hatte er unten keines, nur sein Geist dämmerte im Morphiumzustand vor sich hin, er halluzinierte, redete unzusammenhängend, schlief unvermittelt ein, manchmal auch am Telefon oder beim Essen.

Drei Tage blieb er in der Klinik und entließ sich dann letzten Freitag selbst, sprich, er wollte heim. Kaum angekommen hatten wir in der Nacht erneut das gleiche Szenario, gegen vier Uhr morgens 40° Fieber, Zittern, Schwitzen, Frieren, nicht aushaltbare Schmerzen am ganzen Körper. Und wir haben Wochenende. Ist es schon während der Woche schlecht mit der medizinischen Versorgung hier oben, dann noch mal mehr am Wochenende. Ich rufe Krankenpfleger und Arzt an und auch den Osteopathen, denn Patrick glaubt, er habe sich „nur“ den Rücken blockiert beim Transport. Weder Arzt noch Krankenpfleger sind überhaupt erreichbar, noch rufen sie mich zurück, klar es ist Wochenende, einen Notarzt gibt es hier oben nicht, nur die Feuerwehr, die einen wieder ins Krankenhaus bringen kann. Der Osteopath ist gerade in Paris, empfiehlt mir jemand anderen, der aber auch nicht vor Montag kommen kann. Patrick sagt, wenn ich das bis Montag aushalten muss, springe ich aus dem Fenster. Nach Rücksprache mit der Krebsklinik und der behandelnden Ärztin, darf ich das Morphium etwas erhöhen und sie faxt ein weiteres Rezept für andere Medikamente an die Apotheke unten im Tal und wir haben mit alledem einen kleinen Erfolg. So sehr, dass Patrick glaubt, den ganzen Tag am PC sitzen zu können, um Dinge zu regeln, die ihm auf der Seele brennen, Steuererklärung, diversen wichtigen Ämterkram und dergleichen.
Meine Einwände, sich zwischenzeitlich hinzulegen, werden aggressiv weggebissen, auch, wenn er zwischenzeitlich vor dem Rechner einschläft und seine Hirnleistung spürbar schwächer wird, hinlegen ist nicht. Am Ende hat er einen Brief nur virtuell geschrieben, auf dem PC erscheinen nur ein paar Fragmente, als er sich dessen bewusst wird, wird er unendlich wütend. Ich kann gerade noch verhindern, dass der Rechner nicht vor Zorn auf den Boden geknallt wird.

Am Dienstag war ich in Nizza beim Arbeitsamt und musste Patrick erstmals allein lassen, seine dienstägliche Blutentnahme konnte ebenso nicht stattfinden, denn dazu hätte ich ihn morgens nach Guillaumes zum Arzt fahren müssen. Also machten wir einen Termin für Mittwoch früh aus. Die Nacht jedoch wird wieder ein Martyrium für Patrick, ich rufe Mittwoch morgens gegen sieben Uhr wieder Arzt und Krankenpfleger an, sage den Termin beim Arzt ab und bitte darum, dass der Pfleger für die Blutentnahme hochgefahren kommt, weil ich Patrick nicht transportieren kann. Wie üblich habe ich nur Anrufbeantworter, die ich bespreche und hinterlasse meine Nummer und bitte um Rückruf. Niemand ruft mich zurück oder sagt mir ob ja oder nein. Es kommt auch niemand. Letztlich rufe ich den Osteopathen an, der sofort kommt, Patrick ein bisschen erleichtern kann in seinem Schmerz, mir aber sagt, dass es kein blockierter Rücken ist, sondern „die Krankheit“, dass er nur wenig für Patrick tun kann, und ich solle die Klinik anrufen und eine vorzeitige Einweisung erbitten und die Morphiumdosis erneut besprechen, „denn warum soll er hier so sinnlos leiden“. Das habe ich getan, das Morphium wurde erhöht, Patrick geht es bald besser, und er hat für heute ein Bett bekommen. Gerade hat er mich angerufen, dass der Krankenwagen in der Klinik angekommen ist.

Was mich bei alledem so wahnsinnig wütend macht, ist, dass mich in all der Zeit weder der Hausarzt noch der Krankenpfleger zurückgerufen haben, um nachzufragen warum ich Termine verschiebe, wie es geht, ob ich Hilfe brauche etc.
Den Krankenpfleger habe ich gestern Mittag in der Apotheke getroffen. Er hat Glück gehabt, dass ich ihn nicht geschlagen habe. Aber er war unwirsch, weil ich immer hüh und hott mache mit meinen Terminen, und er erklärt mir das System: Termine für den Krankenpfleger muss man am Vorabend auf dem Anrufbeantworter hinterlassen, danach hört er den AB erst wieder am nächsten Abend ab. Ich frage, wie machen Sie das mit Notfällen? Achselzucken. Ich frage, wenn ich morgen sterbe, muss ich das auch heute Abend schon ankündigen?

Aber auf solche Entgleisungen reagiert er gar nicht mehr.

Ich verstehe ihn, ich verstehe auch den Hausarzt. Hier ist wirklich Landarzt live. Das hat nichts mit der netten Serie zu tun, die im beschaulichen norddeutschen Dorf vor sich hindümpelt. Hier sind kilometerlange Serpentinen zurückzulegen, nur um bei einem Patient einen Verband zu wechseln. Die Route für den Tag wird einmal festgelegt, spontan wird hier nichts mehr dazwischen geschoben. Und der Landarzt ist von so vielen Klein-Klein Beschwerden der Bevölkerung des gesamten Tales so überlastet, die ihn auch gnadenlos zu Hause und auf dem Mobiltelefon anrufen, so dass er nur noch seinen Wartesaal abarbeitet und nach Praxisschluss einfach gar nicht mehr reagiert.

Das Wissen um diesen ungenügenden Zustand medizinischer Versorgung ängstigt und ist meines Erachtens unbewusst mit Schuld an Patricks Fieberschüben und Schmerzattacken. Zusätzlich zu dem wütenden und wuchernden Krebs. Ebenso die Tatsache, dass er hier oben für alle „stark“ sein muss, als mein Mann und als Aubergist, der den Laden hier schon schaukeln wird. Auch, wenn er grad mal ein bisschen wackelig auf den Beinen ist. Das, und das Wissen um so viele unerledigte Dinge, machen Patrick vermutlich Stress, dabei soll er sich doch hier erholen.

In Anbetracht des sich rapide verschlechternden Gesundheitszustands Patricks und der dazu proportional steigenden Dosis Morphium, die er braucht, sind Planungen, die wir noch vor vierzehn Tagen machten hinfällig. Ich war also am Dienstag beim Arbeitsamt. Vorgestern war das erst, es kommt mir schon vor, als sei es Wochen her…

wird fortgesetzt…

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Ein Hochzeitstag und andere Kleinigkeiten

Patrick ist gerade abgeholt worden zur 3. Chemotherapie, wie immer hab ich geweint beim Abschied, obwohl ich sogar froh bin, dass er in die Klinik kann. Es entlastet uns beide. Ich weiss, dass er gut aufgehoben ist, die Sicherheit, die die Klinik gibt, lässt ihn regelmäßig aufblühen. Ich bin froh, dass die diversen beunruhigenden „Nebenwirkungen“ die in den letzten zwei Tagen aufgetreten sind, von Ärzten bekuckt und besprochen werden.
Mich lassen plötzliche Verschlechterungen sofort noch flacher atmen, Patrick reißt sich tierisch zusammen, um mir nicht noch mehr Angst zu machen, dabei bräuchte er jemanden, der stark ist an seiner Seite, damit er ein bisschen schwächer sein darf.

Die letzten zwölf Tage waren lang. Ich hatte keine Zeit zu schreiben, zwischendurch dachte ich auch, wie viel von diesem ganzen Elend soll ich überhaupt veröffentlichen? Vielleicht ist es ganz gut so, dass ich nicht sofort alles schreiben kann, manche schlimmen Momente sind eben nur Momente. Viele Kleinigkeiten sind nach ein paar Tagen nicht mehr wichtig, auch wenn sie es zum aktuellen Zeitpunkt waren. Das, was übrig bleibt, ist allemal genug.
Ich will von vorne beginnen. Patrick kam am 7. März von seiner letzten Chemo zurück, und er saß im Rollstuhl. Er hatte solche Schmerzen in der Hüfte, dass er nicht laufen konnte. Diese Schmerzen hatten nachts vor der zweiten Chemo begonnen. Ein CT, die in der Klinik gemacht wurde, zeigt nicht genau einzuschätzende Flecken in der Hüfte, die vorher noch nicht da waren. Man hatte ihm ein weiteres Medikament zusätzlich zur Chemo gegeben, in der Hoffnung, dass es den Schmerz lindern würde. Wie die weitere Therapie dafür aussehen wird, war bei seinem Weggang aus der Klinik noch unklar.
Ich war erschüttert Patrick so zu sehen, der mit schmerzverzerrtem Gesicht und von den beiden Krankenpflegern gestützt die Treppen der Auberge hochhumpelte. Ich weinte vor Schreck, Patrick vor Schmerz, aber er war auch voller Erleichterung, wieder da zu sein. Obwohl ihm noch dreißig Treppenstufen nach oben bevorstanden. Davon die letzten fünfzehn, die zu unserem Zimmer führen, in Form einer Holzwendeltreppe. Die Auberge ist am Hang gebaut, wir haben die Küche unsinnigerweise im Keller, das Restaurant zu ebener Erde, darüber die Zimmer und nochmals darüber wohnen wir. 45 Treppenstufen sind das jedes Mal, wenn ich Patrick etwas zu Essen nach oben bringe, denn nachdem er einmal oben war, war von runterkommen so bald keine Rede mehr.
Ich war so unglücklich über Patricks Zustand, dass ich am liebsten sofort alles hingeschmissen haette und irgendwo ein anderes und vor allem ebenerdiges Leben anfangen wollte.

Glücklicherweise war meine Schwiegermutter am Vortag gekommen, sie blieb ein paar Tage, um uns zu unterstützen, denn wir hatten, wie nicht anders zu erwarten: Gäste. Nur zwei, die waren auch sehr nett, aber kochen und kümmern, da sein, mal eben einen Tee kochen oder Wanderungen erklären, muss man auch für zwei Gäste.
Meine Schwiegermutter ist vom Fach, sie hat früher Hotels geleitet, sie kann alles und sie gibt mir sehr viel Sicherheit, Ruhe und Kraft. Und wenn ich ein Zehntel ihrer Energie hätte, wäre ich glücklich. Die kleinen Anfangsschwierigkeiten des Zusammenwirkens legten sich bald, oder sagen wir, wir schlucken beide mal was runter, angesichts der Situation ist es auch wirklich egal, ob sie Schweinebraten aufwärmen unmöglich findet, während ich zwei Karotten in einem Liter Wasser schwimmend ungesund finde. Sie kann nicht verstehen, dass wir unserer Ernährung auf „krebshemmende“ Lebensmittel umgestellt haben und ich ein kleines Vermögen für einen bestimmten japanischen Grüntee ausgebe. Aber abgesehen davon kommen wir gut miteinander aus. Wir haben viel gearbeitet, Gefriertruhen inspiziert, abgetaut, Essen vorbereitet, viel aufgeräumt und geputzt, für all das hatte ich allein einfach keine Energie mehr.

Am 8. März war unser erster Hochzeitstag. Ich hatte in der Auberge eine lange Fotostrecke an die Wand gehängt, Fotos von Patrick, Fotos von mir und Fotos von uns beiden. Ich erzähle und zeige damit unseren bisherigen gemeinsamen Weg. Dann bastelte ich mit rotem Geschenkband den Schriftzug  l’amour , der groß an der Wand prangt und stellte überall rote Rosen hin.
Ich war sehr gerührt, denn Patrick hatte beim Hochfahren die Krankenpfleger gebeten, an einem Blumenladen anzuhalten, damit er mir Blumen mitbringen konnte, und er hatte mir per Hand einen Liebesbrief geschrieben, der so schön ist, dass ich beim Lesen nur Rotz und Wasser heulte.
Ein paar Nachbarn kamen überraschend nachmittags mit Champagner und einem selbst gestalteten Fotoalbum vorbei, das noch einmal uns und unsere Hochzeit zeigte und vor allem auch alle Dorfbewohner, die anwesend waren. Patrick quälte sich dafür die Stufen runter, er war voller Schmerzen, aber es war dennoch ein sehr schöner und beinahe fröhlicher Nachmittag, und ich bin froh, dass wir ihn gefeiert haben, unseren ersten Hochzeitstag!

Danach wurde es sehr anstrengend. Patrick ging es lange schlecht, und ich konnte fast nicht aufhören zu weinen. Patrick ist trotz seines Zustandes oder vielleicht auch gerade deswegen und vermutlich aufgrund der Medikamente wie im Rausch: Sich selbst überschätzend, voller unrealistischer Pläne, rechthaberisch und aggressiv. Dieses Geflenne um ihn herum kann er nicht gebrauchen. Ich untergrabe seine Moral, wie soll er da gesund werden, wenn ich nur heule? Und er mache das doch alles nur für mich: die Chemo, die Auberge etc. Ich sage, wenn es für mich ist, dann lass uns die Auberge aufgeben, das übersteigt meine Kraft, ich suche mir irgendeine andere Arbeit, die ruhiger und weniger öffentlich ist. Aber es ist dann wohl doch nicht nur für mich, denn wütend, mit fiebrigen Augen und schmerzender Hüfte wird mir dann gezeigt, dass es seine Kräfte zwar auch übersteigt, er aber dennoch weitermacht, und er ist ja der Kranke, da werd ich ja verdammt noch mal auch einfach weiter machen können. Und dabei gefälligst aufhören zu heulen. Und wenn meine Schwiegermutter nicht da gewesen wäre, die mal mit ihm sprach, mal mit mir, die Lösungen sucht für uns beide, wäre ich vermutlich zusammengebrochen.

Entschieden ist, sie wird auch wiederkommen, sie hat hier ein Häuschen gemietet, während sie zeitgleich ihre Wohnung in Cannes für die Filmfestspiele und für den Sommer vermietet – nur so lässt sich das auch finanzieren. Wir werden also versuchen, vorerst hier weiter zu machen, vielleicht können wir zusätzlich eine Haushaltshilfe von irgend einer Stelle finanziert bekommen, die den ganzen klassischen Putz- und Bügelkram erledigen könnte, das wäre schon eine Erleichterung. Ich merke, dass mich dieses „öffentlich“ sein überfordert. Jeder kann hier jederzeit reinkommen, denn wir sind ja Auberge. So kamen dann auch Gäste überraschend vorbei, während ich gerade heulte, Patrick seine Medikamente in seine Wochenbox füllte und das Ambiente nicht sehr einladend war. Sie tranken zwei Kaffee und wollten wissen, was wir ihnen, wenn sie mit Freunden am Sonntag kämen, Schönes zu Essen zaubern würden. Patrick schwadroniert, mir stockt der Atem, denn meine Schwiegermutter war gerade abgereist, ich weiß, es wird alles an mir hängenbleiben und ich fühl’ mich überfordert, darf es aber nicht sein.
Tatsächlich wurde es noch viel mehr, wir haben am Wochenende einmal vier, einmal sechs Gäste glücklich gemacht, und dann bis einschließlich heute morgen noch zwei Wanderer beherbergt. Ja, es geht, aber es kostet mich unendlich viel Kraft. Die mir für mich und Patrick dann fehlt.

Wir haben beschlossen, wenigstens solange Patrick in der Klinik ist, die Auberge zu schließen, und das erste, was ich machte, nachdem Patrick im Krankenwagen weggefahren war, war, die Tür abzuschließen: Ich bin weg. Ich bin nicht verfügbar.

Morgen fahre ich nach Nizza, ich habe einen Termin mit der Klinikpsychologin, um auch von meiner Not Kenntnis zu geben. Und ich will ans Meer, die Möwen schreien hören und den Frühlingswind spüren. Als ob sie es geahnt haette, hat mir eine Freundin heute das Foto einer Möwe geschickt. Schönes Zeichen. An der Côte d’Azur ist Frühling, während hier immer noch Schneefelder liegen. Ich fahre für zwei Tage in den Frühling! Fast bin ich froh.

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Hoffnung

Patrick ist heute mittag zur zweiten Chemotherapie abgeholt worden. Es schneit wieder. Ich bin traurig.

So beginnt mein Tagebucheintrag von heute. Ich habe mich entschlossen zusätzlich zum Blog ein Tagebuch zu führen. Für alles, was stattfindet, was mir momentan erwähnenswert scheint, was aber für den Blog zu banal, zu intim oder auch zu problembeladen ist.

Ich habe schon immer Tagebuch geführt. Seit ich denken kann, schreibe ich kleine Kladden voll, in den letzten Jahren waren es die dicken französischen Schulhefte mit den feinen violetten Linien. Das Tagebuch schreiben hat seit dem Beginn meines Blogs ein wenig gelitten. Nur in Ausnahmesituationen, wie etwa bei meinem Aufenthalt in Deutschland im November, schleppe ich wieder mein Tagebuch mit mir rum. Als ich es aufschlug, musste ich feststellen, dass ich etwa ein Jahr vorher den letzten Eintrag gemacht hatte. Das erinnerte mich an ein Buch von Christa Wolf, die über Jahre hinweg an einem bestimmten Tag im Jahr ihr Leben dokumentierte. Ich habe mir das jetzt nicht so vorgenommen, auch wenn es ein schönes Projekt ist, ich hingegen will versuchen, ab sofort jeden Tag zu schreiben, was ist. Jetzt habe ich mir wieder ein sonnengelbes Heft gekauft, für unterwegs, gleichzeitig habe ich mich so an das stete Schreiben am PC gewöhnt, dass ich mein Haupttagebuch im PC führen werde.

Ich schrieb bislang meist ein „Befindlichkeitstagebuch“ also Stil, wie gehts mir und warum gehts mir so? Als ich nach Frankreich kam und auf dem Hof lebte, füllte ich erstmals die Hefte überwiegend mit dem Landwirtschaftsalltag und dem fremden Leben. Jetzt versuche ich eine Mischung aus beidem:
Wie war mein Schlaf und habe ich geträumt? Erinnere ich mich? Wie geht es Patrick? Was ist heute los? Haben wir Arbeitstag oder Freizeit? Gäste oder keine? Was machen wir? Alles zu dokumentieren, werde ich vermutlich nicht schaffen, es wird Tage geben, an denen ich keine Zeit finde, aber ich will unsere Tage sehr bewusst wahrnehmen.
Patrick notiert sich ebenso alle seine „Fakten“ in eine Agenda. Gewicht, Temperatur, Schlaf? Stuhlgang? Schmerzen? Energie oder Müdigkeit? Auch Besonderheiten, wie etwa ein halbes Glas Champagner, getrunken anlässlich eines Geburtstages, werden eingetragen.

Die zwölf Tage, die Patrick hier verbracht hat, waren jeder anders. Es ging auf und ab. Eine Achterbahnfahrt. Keine Rede davon, dass es ihm eine Woche schlecht, danach eine Woche gut gehen würde. Am hellsten und leichtesten war rückblickend erstaunlicherweise der Tag des Haarverlust, der auch als Schlappohrmützentag in die Geschichte eingehen wird. Am liebevollsten waren der gestrige Nachmittag nach der Abreise der Gäste und der heutige Vormittag bevor der Krankenwagen kam. Dazwischen lagen Arbeitstage mit mehr oder weniger Energie, Gereiztheiten, Müdigkeit, Schmerzen, Schlaflosigkeit. Unsere Normalität für die letzten zwölf Tage. Wie die kommenden zwölf Tage Normalität aussehen werden, sehen wir noch.
Patrick will tatsächlich so weiter leben wie bisher, und er will, dass wir stillschweigend den Krebs in unser Leben integrieren. Mir kommt das vor, als würde ein Monster brüllend im Raum stehen und wir tun so, als hörten und sähen wir nichts. Aber ich versuche, das Spiel mitzuspielen. Nur manchmal, wenn Patrick zum Beispiel vorschlägt, noch zusätzlich einen Garten auf dem brachliegenden Gelände einer Nachbarin anzulegen, lasse ich die Realität herein und sage, ich wüsste nicht, wie und wann wir das noch machen sollten, ich fände wir hätten schon genug Herausforderung, die Auberge weiter zu führen unter den gegebenen Umständen. „Ja“, sagt er, „ich weiß, Christjann, aber ich brauche Projekte, verstehst du?“
Die Gäste, die jetzt da waren, haben die Auberge erneut für eine Woche im Sommer komplett gebucht. Ich finde das sehr ermutigend für uns, vor allem für Patrick, denn Krebs war hörbar und sichtbar Thema und ich machte mir ein bisschen Sorgen, wollen Gäste im Urlaub mit so etwas konfrontiert werden? Ich hâtte gesagt, nein, das wollen sie nicht. Aber diese Gäste immerhin hat es nicht gestört, im Gegenteil, sie haben erneut gebucht.
An so etwas hält Patrick sich fest. Alles soll und wird wie gehabt weitergehen, wir planen, wir denken in die Zukunft, als gäbe es den Krebs nicht. Hoffnung.

Ich würde es anders wollen, ich würde unser Leben anders gestalten wollen, ich würde anders mit dem Krebs umgehen wollen. Aber ich bin nicht die, die den Krebs hat. Ich bin nicht die, die so viel Hoffnung und Normalität braucht. Wenn ich darüber nachdenke, in wie vielen grausamen Situationen im zweiten Weltkrieg Menschen überlebt haben, vielleicht auch, weil sie versucht haben, in absurden Situationen Normalität aufrecht zu erhalten und nie die Hoffnung aufgegeben haben, dass „alles wieder gut wird“… Hoffen wir also, dass wir das alles schaffen, den Krebs mundtot zu machen, die Auberge weiter zu führen, glücklich zu sein und weiter zu leben wie bisher…

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Normalität

Patrick hat am vierten Tag nach der ersten Chemotherapie seine Haare verloren, büschelweise blieben die grauen Löckchen gestern in der Bürste hängen, so dass wir zu einem Friseur gefahren sind und Patrick sich den Kopf rasieren ließ. Danach haben wir eine Mütze für seinen plötzlich enorm kälteempfindlichen Kopf gesucht, und Patrick hat sich – gegen meinen Wunsch – für das Modell „Schlappohr“ entschieden…

Ich finde, dass er damit so ähnlich wie Enno, der Hund aus dem Nachbarblog, aussieht. Trotz des Haarverlusts, war gestern ein guter Tag. Wir haben, da Patrick en forme war, einen kleinen Ausflug mit dem Auto gemacht, und wir sind ein bisschen in der Sonne gesessen. Wir machten Fotos vom neuen Patrick mit und ohne Mütze, und ich finde, er sieht verändert, aber gar nicht schlecht aus. Ohne Mütze zumindest.
Gestern abend machte Patrick wie gewohnt giftige Bemerkungen zu den Abendnachrichten und ich sagte „na, super, er ist wieder da, der alte Meckerer!“ Patrick lachte.
Heute ist alles anders.
Patrick hatte nachts mehrfach Durchfall, ist heute entsprechend schlapp und außerdem ist er traurig. Er fühle sich wie eine rausgerissene Pflanze, sagt er.
Ich selbst habe auch nicht gut geschlafen, hatte Alpträume, es war düster und finster in meinen Träumen, und ich hatte viel Angst. Und ich bin sofort traurig, wenn Patrick traurig ist, und habe leider auch ein bisschen leise vor mich hingeweint. Patrick ist heute schwacher Patient und ich bin schwache Krankenschwester. Das ist keine gute Kombination.

Patrick sagt, „deine Tränen machen mich nur traurig, ich will, dass du lebst, ich will dass du lachst. Ich hab dich schon so lang nicht mehr lachen hören, Christjann“.
Patrick will Normalität. Ich habe das oft gelesen, in euren Kommentaren aber auch in Büchern und Broschüren. Ich weiß, dass es das ist, was auch mir in der Krebsklinik gut tut. Der normale Umgangston der Ärzte, Schwestern, bis hin zu den Frauen, die nachmittags Tee, Kaffee und Kekse servieren. Patrick lag ja bis zur Verlegung in die Krebsklinik in einem anderen Krankenhaus. Das war und ist ein normales Krankenhaus, eine Poliklinik. Nicht, dass die Ärzte und Schwestern dort nicht nett gewesen wären, aber völlig überfordert von einem schwer kranken Krebspatienten und seinen schockierten Angehörigen. Allein gelassen wurde er und wurden wir mit der Information Krebs, die man uns quasi kurz zwischen Tür und Angel zurief. Mit Patrick sprach dann gleich gar niemand mehr „darüber“, und mit mir sprachen die Krankenschwestern so, dass mir klar wurde, es gibt keine Hoffnung mehr.
Als wir im Krebszentrum ankamen, war dort alles anders. Herzlich, freundlich, persönlich wurden wir erwartet. Ärzte, Schwestern, Pfleger von einer beeindruckenden Ruhe und, auch auf die Gefahr hin kitschig zu klingen, würde ich sagen voller Liebe, aber gleichzeitig von professioneller Sachlichkeit. Beeindruckend. Ich habe mich erleichtert und voller Hoffnung gefühlt. Außerdem wird gelacht, gescherzt, ganz normal gesprochen. Insbesondere die Pfleger haben einem rauen Witz, der mir anfangs den Mund offen stehen ließ. Aber der Effekt ist verblüffend. Lachen! Super! Angesichts all dieser Schwere und Traurigkeit kann und darf hier gelacht werden. Genial! Und dann wird normal mit uns gesprochen, und nicht so, als seien wir schon bei der Beerdigung. Und vor allem wird zuerst mit Patrick gesprochen. Er ist der Patient. In der Poliklinik passierte es mir, dass eine Schwester im Beisein von Patrick, der weder schlief noch im Koma lag, mich fragte, ob mein Mann gegen irgendwas allergisch sei. Ich sagte, „fragen Sie ihn doch einfach selbst, er ist doch da“. Ganz abgesehen davon, dass ich ihn tatsächlich noch gar nicht so lange kenne, als dass ich wüsste, ob er gegen Jod oder gegen wasweissichnoch allergisch ist. Die Situation Krankenhaus hatten wir bislang noch nicht unserer kurzen Beziehung.

Was ich sagen will, ist, mir tut sie auch gut, die Normalität. Ich will auch Normalität, aber wie geht das? Wie mach ich das? Und gehört zur Normalität nicht doch auch gerade meine Traurigkeit? Mir ist leider die meiste Zeit nicht zum Lachen zumute, außer vielleicht, wenn ich Patrick mit seiner Schlappohrmütze sehe.

Wir sahen neulich, einige Zeit bevor wir von Patricks Erkrankung wussten, zusammen einen Film, der übrigens der erneute Auslöser für Äußerungen der Kategorie Je me tire une balle war, allerdings in der Form „Wenn mir jemals so etwas passiert, musst du etwas für mich tun, so will ich nicht leben“.
Der Film heißt Le scaphandre et le papillon, „Schmetterling und Taucherglocke“ auf deutsch, wie ich gerade ergoogelt habe, ein Film der letztes Jahr in die deutschen Kinos kam. Vielleicht habt ihr ihn gesehen? Nur kurz den Inhalt für alle anderen: Es ist die ergreifende Geschichte eines Mode-Redakteurs, der nach einem Hirnschlag in ein Locked-In-Syndrom fällt, vollkommen gelähmt ist, alles sieht, versteht und erlebt, sich aber nicht äußern kann. Lediglich ein Auge bleibt ihm zur Verständigung mit der Außenwelt. Mit dem Klimpern eines Augenlids kann er anfangs nur „ja“ und „nein“ sagen, kommt aber mit Hilfe eines speziellen Alphabets so weit, sich richtig mitzuteilen (er klimpert mit dem Augenlied, wenn der ihm vorgelesene Buchstabe der ist, den er will), und so bildet er Worte, ganze Sätze, und hat so am Ende mit Hilfe einer persönlichen Assistentin seine Geschichte geschrieben, die als Buch veröffentlicht wird. Wirklich ein beeindruckender, ergreifender Film, gedreht überwiegend aus der Sicht des gelähmten Redakteurs, fühlte ich mich beim Anschauen des Films genauso eingeschlossen, wie er. Ich kam mir vor allem anfangs vor, als müsste ich ersticken.

Mich hat am meisten die Normalität der anderen beeindruckt, angesichts eines unbeweglichen Mannes, dem die Spucke aus dem Mundwinkel tropft, der angestrengt mit seinem Augenlid klimpert. Die Normalität der Freunde und Kollegen, die ihm vorlesen und ihm alles mögliche erzählen, zugegebenermaßen waren es nur sehr wenige Freunde, die meisten waren vermutlich zu abgeschreckt, so eine Erkrankung passt nicht richtig in die hochglänzende Modewelt. Aber da ist die Normalität der Familie, der Ehefrau, die ihm Briefe und Rechnungen vorliest, die ihm den Telefonhörer hinhält, damit er seinen Vater sprechen hört, die sogar den Hörer hält, während seine Geliebte anruft, die Normalität der drei Kinder, die singen und tanzen und Bilder malen, die um sein Bett und um seinen Rollstuhl herum spielen, als wäre all das normal. Wunderbar. Wie macht man das?
Ich hoffe, ich finde mich da hinein.

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Veränderungen

Je me tire une balle hatte Patrick immer gesagt, wenn es im Gespräch um schwere Krankheit und langes Leiden ging. Er wolle so etwas nicht ertragen. Er wolle sich auch so krank niemandem zumuten. Er würde sich erschießen. Basta. Ich hatte große Furcht, dass Patrick, sobald er von der Schwere seiner Erkrankung wüsste, in die Berge ginge und nicht mehr wiederkäme…

Nicht alles wissen wollen, schützt ihn vielleicht vor solchen Entscheidungen, aber tatsächlich glaube ich heute, dass Patrick doch nicht so gehen wird. Wie sehr man am Leben hängt, spürt man vermutlich erst in lebensbedrohlichen Situationen. Patrick will leben.

Am Freitag abend kam er nach Hause, nach fünf Tagen Krankenhaus, in denen ich ihn nicht gesehen hatte, nach weiteren Bestrahlungen und 48 Stunden Chemotherapie. Er darf sich jetzt zwölf Tage hier erholen, ausruhen, arbeiten soll er nicht. Eigentlich waren wir nur die letzten fünf Tage nicht zusammen gewesen, vorher war ich zwei Wochen „unten“, an der Küste, und ich bin zwischen Nizza, wo das Krebszentrum ist, und Cannes, der Wohnung meiner Schwiegermutter, hin- und hergependelt.

Nizza! Cannes! Magische Orte an der Côte d’Azur, die plötzlich angesichts von so viel Traurigkeit doch ganz belanglos werden. Ich hätte auch zwischen Köln und Bonn heulend hin und herfahren können. Tatsächlich dachte ich zwischenzeitlich zynisch, ich könnte meinen Blog ja umbenennen in „Über den Dächern von Nizza“, denn die Krebsklinik liegt etwas oberhalb im Osten von Nizza. Nizza. Cannes. Wen interessiert das noch? Krankenhausflure sind überall gleich.

Wir hatten uns so aufeinander gefreut. Und jetzt ist alles anders. Patrick ist verändert. Kein Wunder, weiß ich doch alles. Verstehe ich doch auch. Er ist nicht nur müde und erschöpft, er ist auch still und verschlossen, mein charmanter Schwätzer, mon baratineur, über den ich in meinem Buch noch einen augenzwinkernden Text verfasst habe, weil ich dieses Geschwätz manchmal einfach zu viel fand. Oder er ist euphorisch und aggressiv und duldet keine andere Sicht auf die Dinge, wie unsere nahe oder ferne Zukunft. Meine vorsichtigen Einwände fallen in ein tiefes Loch und versinken ohne Echo. Er hört mich nicht. Es ist zu früh für all das, mich plagen dennoch Sorgen.

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Dieses nicht wissen wollen und sein daran Festhalten, gesund zu werden, immerhin hat er die Chemotherapie doch so gut überstanden, verhindert realistische Gespräche zwischen uns. Das hatten wir bislang noch nie. Und es trennt uns. Wir sind uns fern. Es gibt keinen Grund so traurig zu sein, denn er wird gesund werden. Es gibt keinen Grund über die Zukunft der Auberge nachzudenken, wir müssen uns nur ein paar Monate anders organisieren. Gerade hatten wir ein ausgebuchtes Wochenende, bei dem ich wie eine Verrückte geschuftet habe, ich habe diesmal auch Essen gekocht und vor lauter Angst und Traurigkeit ununterbrochen in meinen Spätzleteig geweint. Der Spagat zwischen dem heiteren „so tun als ob“ und der Realität brachte mich fast zum Zusammenbruch, und  dabei war ich nicht mal allein, ich hatte aktive und auch moralisch unterstützende Hilfe. Und so soll ich weitermachen? Wo soll ich dann noch die Kraft für ihn und für mich hernehmen? Da finden wir zur Zeit keine Gesprächsebene. Also wurschteln wir vorerst so weiter und schauen, was die nahe Zukunft bringt.

Verändert hat sich meine Scheu zu telefonieren. Ich wachse geradezu über mich hinaus. Habe ich die ersten Telefonate mit der Sécurité sociale noch mit zitternder Stimme geführt und ließ mich von so Sätzen wie „Wieso fragen Sie uns zu seiner Krankenversicherung? Sie sind doch seine Ehefrau, das müssen Sie doch wissen!“ einschüchtern. So telefoniere ich jetzt mit Ärzten, Autoversicherungen, Bürgermeistern und der Industrie- und Handelskammer, als hätte ich nie etwas anderes gemacht.

Die Wärme und Hilfsbereitschaft der Dorfbewohner hingegen hat sich nur insofern verändert, dass sie geradezu überbordend geworden ist. Alle sind betroffen, traurig und bieten Hilfe an. Vermutlich lässt das alles auch wieder nach, wenn die Krankheit Patricks alltäglicher geworden ist. Aber letzte Woche, als ich hier oben alleine war, um Papiere zu sichten und zu ordnen, Dinge zu organisieren, die Auberge aufzuräumen und bei allem auch ein bisschen zu mir zu finden, konnte ich mich nicht retten von Essens-, Nachmittagstee-, Apéro- und Geburtstagseinladungen, vor Telefonaten oder auch nur vor schnell mal reinschauenden Nachbarn, die dann lange blieben, damit ich nicht so viel alleine bin. Nicht nur, sich mehr als zwanzig mal am Tag zu wiederholen mit den unspektakulären Neuigkeiten von Patrick, wie etwa „Er hatte heute morgen Bestrahlung, am Telefon klang er ganz normal, aber er ist sehr müde“ ist anstrengend, auch die vielen gutgemeinten Ratschläge aller, was ich baldmöglichst für mich, für Patrick, gegen den Krebs und für die Auberge tun solle, anzuhören, den eifrigen „Tu comprends, Christjann? Tu comprends ça?“ hätte ich gern geantwortet, „Ja, verdammt, ich bin weder dumm noch taub, ich kapier’ alles, was du sagst, aber wir werden trotzdem selbst entscheiden, ob und wann wir was machen“. Aber ich hab es dann nur ansatzweise so formuliert, die betreffende Nachbarin ist nun dennoch beleidigt. Sie meint es doch nur gut, sie will doch nur helfen. Aber zu viel Hilfe geht manchmal auch an die Grenze meiner Belastbarkeit.

Ein bisschen Kindergarten-Spielchen finden natürlich auch statt in so einem kleinen Dorf, wo sich bei aller Einigkeit in der Betroffenheit noch lange nicht alle grün sind. Ich bat einen Nachbarn, ob er mir helfen könne, mich schnellstens meines alten Autowracks zu entledigen, das hier seit Monaten en panne rumsteht, damit ich mich ebenso schnellstens der Versicherungskosten dafür entledigen könnte. Geradezu eifersüchtig und empört klagte mit schriller Stimme eine andere Nachbarin, warum ich denn nicht sie gefragt hätte, das hätten sie doch genauso gut machen können. Bei nächster Gelegenheit werde ich eine Ausschreibung am schwarzen Brett der mairie machen…

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Als wenn das Leben den Atem anhält

Aufgrund der Neugestaltung der Brigitte-Seite und dem vorübergehenden Verschwinden der blogs ist es vielleicht gar nicht so doll aufgefallen, dass ich länger nicht geschrieben habe. Auch eben bin ich noch unsicher, soll ich überhaupt, und wenn ja, wie viel soll ich erzählen? Ich habe ein Bedürfnis mich mitzuteilen, gleichzeitig habe ich Angst vor zu viel Öffentlichkeit…

Die letzten Wochen war ich viel mit meinem Manuskript beschäftigt, das ich trotz Gästen in der Auberge rechtzeitig zum Abgabetermin fertig bekam, vor allem, weil ich mich zuletzt in eine unserer Ferienwohnungen einquartierte. Da gibt es kein Telefon, kein Internet, keine Gäste, keine „coucou“ sagenden Nachbarn und auch keine über die Tische hüpfenden Katzen.

Am Montagvormittag vor drei Wochen brachte ich das Manuskript-Paket zur Post, nachmittags hatten wir einen Termin bei einem Dermatologen in Nizza, der sich die Knoten auf Patricks Oberkörper ansehen bzw. rausschneiden sollte. Die Knoten waren schnell gewachsen, sahen aus, als würden unter der Haut getrocknete Erbsen stecken, sie waren hart, es wurden immer mehr, einer war schon bald so groß wie eine Walnuss. Weh taten sie nicht, aber Patrick war sehr müde und fühlte sich, als habe er eine Grippe, aber er hatte kein Fieber.

Der Hautarzt sagte nicht sehr viel, nur, dass er die Knoten nicht rausschneiden würde, und wir sollten schleunigst ins Krankenhaus. Ab da atmeten wir nur noch sehr flach. Drei Tage später dann wurden die Knoten in einer Klinik entfernt, und, nein, es waren dann doch keine Talgdrüsen, die das Cholesterin nicht mehr abbauen konnten. Patrick hat tatsächlich Krebs. Leider schon sehr weit fortgeschritten. Mir schnürte es den Hals zu. Und ich hatte das Gefühl, als würde das Leben den Atem anhalten. Ich konnte zwei Wochen lang fast nicht aufhören zu weinen. Denn ich habe die Ärzte befragt, ich wollte Klarheit, soweit Prognosen möglich sind.

Patrick ist jetzt in einem Krebszentrum in Nizza. Er wurde und wird nicht (mehr) operiert. Er bekommt eine sogenannte Palliativversorgung, also man versucht, sein Leben zu verlängern und seine Symptome zu lindern, die sich unter anderem in einer linksseitigen Körperlähmung zeigten, und die dank der Medikamente und der Bestrahlung der Hirnmetastasen wieder zurück gegangen ist. Heute bekommt er seine erste Chemotherapie. Ich hatte ihn vorhin am Telefon, es geht ihm soweit gut, aber er ist sehr müde und er schlief fast ein, während ich mit ihm sprach.

Patrick geht anders mit seiner Krankheit um. Er will nicht wissen. Er fragt nicht. Aber er kämpft. Er will gesund werden. Ich wünschte auch, dass er gesund wird, ich will auch die Hoffnung nicht verlieren, aber ich habe die Prognosen der Ärzte gehört.

Und dann ist da die Auberge. Zur Zeit ist noch ganz unklar, wie es weitergehen wird.

Und auch wenn das weniger existentiell ist, es gibt auch meinen blog, den ich nun mit weniger heiteren Texten füllen werde, oder ich höre auf. Wollt ihr ein trauriges Krebstagebuch lesen? Das ist vielleicht eher etwas für Internetseiten, die sich mit Krebs beschäftigen und passt nicht richtig zwischen Mode, Diäten, Psychotests und Kinotipps. Ich weiß es nicht. Sagt ihr es mir.

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Der Anfang…

French Connection heißt mein erster Blog, den ich von Februar 2008 bis Juli 2010 auf brigitte.de geschrieben habe. Das wissen Sie vielleicht alles schon, aber manchmal verirren sich ja auch Neu-LeserInnen hierher. Daher verzeihen Sie mir, wenn ich etwas aushole. Aus diesem ersten Blog ging mein Buch Zwischen Boule und Bettenmachen hervor, aber kaum war das Buch im Mai 2009 erschienen, ging es in meinem Leben drunter und drüber, weil mein damaliger Mann Patrick an Krebs erkrankte und drei Monate später schon verstarb. Ich habe über seine Krankheit, sein Sterben und mein Leben danach ebenfalls in diesem Blog geschrieben.

Das ruhte bislang immer unangetastet bei brigitte.de – ich hatte den Blog verlinkt, so dass man ihn jederzeit lesen konnte, wenn man wollte – ich selbst mochte gar nicht mehr reinschauen, nur wissen, dass er immer noch da ist. Und jetzt ist er weg. Brigitte.de hat die Blogs endgültig geschlossen, ich habe es verpasst, es ging irgendwie an mir vorbei. Zufällig habe ich es gemerkt, weil in einem Text, den ich las, der link nicht mehr dorthin führte, wo er hin sollte.

Alle früheren Texte weg?! Gut, es gibt mein Buch, das fast alle Blogtexte vereint, aber alles, was ich über Patrick geschrieben habe, soll weg sein?! Auch, wenn ich es nicht fertig gebracht habe, alles nochmal zu lesen, es machte mir das Herz schwer. Seit ein paar Tagen krieche ich jetzt durch die Eingeweide von typepad und kopiere die Texte rüber, einen nach dem anderen, anders gehts nicht mehr. Diese Texte stehen jetzt noch vor dem offiziellen Anfang dieses Blogs – Sie kommen hin, so Sie wollen, wenn Sie rechts in der Schlagwortliste French Connection anklicken. Um mit dem (traurigen) Anfang zu beginnen, klicken Sie hier.

Bislang habe ich nur die Texte ab Februar 2009 kopiert. Ob ich die früheren noch aufnehme, weiß ich noch nicht. Es ist ein bisschen mühsam, und wie gesagt, die früheren Texte sind in meinem Buch dokumentiert. Ich habe bei der Gelegenheit alles wieder gelesen, und ich bin gerade aufgewühlt und traurig. Ich konnte übrigens weder Fotos noch Kommentare kopieren, und vielleicht funktionieren links nicht mehr, ich habe die Texte nicht bearbeitet.

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