Les Iles des Lérins

Blick vom Fort St MargueriteHafen St. Marguerite

Les Iles des Lérins heißen zwei kleine Inselchen, die von Cannes mit einer kleinen Fähre in einer Viertelstunde übers Meer erreicht werden können, oder mit einem eigenen kleinen Boot, falls Sie so was haben. Wenn man dem ganzen schicken Hype der Küste mal kurzfristig entfliehen möchte, sind die Inseln kleine wohltuende Ruhepunkte. Auf den Inseln bin ich mit Cannes versöhnt und bin glücklich hier Weiterlesen

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Kulturschock Frankreich

Ganz ehrlich, ich wusste lange Zeit nicht, was das Wort „Kulturschock“ eigentlich meint. Eine Freundin schrieb mir von ihrem mehrmonatigen Aufenthalt in New-York, wo sie der Kulturschock verspätet, aber um so heftiger überfallen habe. Am Anfang war ihr alles so vertraut… aber dann war doch alles anders. Mir blieb diese Erklärung trotzdem fremd. Das soll ein Schock sein, dass ein anderes Land anders ist? Ich meine, wenn ich nach Indien reise, oder nach Westafrika, dann IST da alles anders. Klar, vielleicht Weiterlesen

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Salope

Am Wochenende war ich bei einer literarischen Veranstaltung von espritazur.fr. Rolf Palm las dort aus einem seiner Unterhaltungsromane vor, und er berichtete sehr lebendig und anschaulich, wie man mit knappen Archivunterlagen einen vergnüglich zu lesenden Roman schreiben kann. Palm war und ist Journalist, er arbeitete unter anderem für den Stern, die Quick, falls noch jemand diese Zeitschrift kennt, und viele andere Zeitschriften und Zeitungen. Er ist jemand, der sein Handwerk beherrscht, auch wenn er sehr bescheiden, wenn auch kokett von sich selbst sagt „Ich hab ja nichts Richtiges gelernt, ich kann nur Schreiben“. Er erklärte Weiterlesen

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Cannes, 8 Uhr morgens

Ich habe zur Zeit die Ehre und das Vergnügen zwei Zwerge in die Grundschule zu begleiten, da deren Mama sich den Fuß gebrochen hat. Abgeholt werden sie von jemand anderem, da ich offiziell nicht auf der Liste der Kinder-Abhol-Berechtigten stehe. Bringen darf sie hingegen jeder. Schule fängt in Frankreich ja viel früher an, es gibt also richtige Baby-Zwerge, die morgens um acht an der Hand ihrer Mama zur Grundschule stolpern, ich hingegen habe mittelgroße Zwerge zur Aufsicht, sie sind schon fünf Weiterlesen

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Tipps für Cannes (1)

Essen gehen

Unser Lieblingsrestaurant in Cannes wird in mehreren deutschen Reiseführern als Tipp aufgeführt. Wie sehr hatten wir uns* das für die Auberge gewünscht. Regelmässig (deutsche) Gäste hätten wir in der Auberge gut gebrauchen können. Aber Reiseführer in Buchform sind noch ein langsames Medium. Jetzt stehen wir drin, aber es kommt leider zu spät. Wie sinnvoll ist es daher, Tipps zu geben? Das kleine Restaurant in der Altstadt ist wirklich sympathisch, drinnen wie draussen, hier wird noch wirklich fein gekocht und nicht nur Metro-Essen aufgewärmt. Der Preis für das Drei-Gänge-Menü ist angemessen. Der Laden lief schon gut, Weiterlesen

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Cannes

Neues Leben an der Cote d’Azur. Cannes. Jeder, dem ich erzähle, dass ich jetzt in Cannes lebe, bricht in Entzückensschreie aus. Als würde es bedeuten, dass ich ab sofort reich und berühmt bin. Und allabendlich auf der Terrasse des Carlton sehr elegant Champagner trinke oder mich auf einer Yacht in den Sonnenuntergang schippern lasse. Und als wäre man automatisch glücklich, nur weil die Sonne scheint und der Himmel blau ist. Und weil man das Meer und Palmen vor der Haustür hat. Alles Unsinn. Cannes ist künstlich, oberflächlich, protzig und überaltert. Ich fühle mich oft plump und schwerfällig wie ein Kartoffelsack neben all Weiterlesen

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Coucou c’est moi!

Guten Tag! Wir sinds… also, nur ich genau genommen, aber ohne Unterstützung im Hintergrund, wär ich nicht… daher ist mein erster Beitrag nur ein fettes Dankeschön an Claus!!! der mich nicht nur von der Notwendigkeit eines neuen Blogs überzeugte, sondern ihn auch gleich tatkräftig aufbaute… den Rest muss ich jetzt machen und noch bin ich hier „under construction“, aber wird schon! neues Jahr, neues Blog… bienvenue au fil des mots*
sagt Christjann aus Cannes!

* das heisst so viel wie im Laufe der Worte

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Sommerfrische

Dieses altmodische Wort fiel mir letzte Woche ein, als ich meine erste Woche in den Bergen verbrachte. Erste Woche in den Bergen? Lebt sie denn da nicht sowieso? Hmmm, nicht mehr ganz. Es ist so viel passiert in den letzten Wochen und Monaten, dass ich selbst kaum nachkomme. Mein Leben hat mich durchgewirbelt, sans dessus dessous, kopfüber, kopfunter, und alles ist anders…

Ich hatte lange keine Lust mehr zu schreiben, verschiedene Ereignisse, die von Anfang des Jahres, andernorts gerne immer wieder aufgekocht, aber auch andere Menschen, die sich meines Blogs bedienen, um mich zu beschimpfen, nehmen mir die Lust, mein Privatleben weiter an die Öffentlichkeit zu bringen. Also höre ich auf, dachte ich, denn so ein flaues Geschreibsel über den Alltag, der mich komplett rauslässt, wird nur enttäuschend für alle. Und wie höre ich auf? So, wie so viele, die einfach sang- und klanglos aus der Blogwelt hier verschwinden, ohne Gruß und Kuss?! Das wollte ich dann doch nicht, dafür fühle ich mich euch allen viel zu sehr verbunden und nah. Aber was sagen? Wie viel mitteilen? Ein kurzes Statement, tschüss, bye-bye und das wars? Das passt alles nicht. Und so schrieb ich lange nichts.

Seit kurzem lebe ich auch an der Côte d’Azur, in Cannes – ausgerechnet… als „ein Fuß an der Côte d’Azur“ begonnen, winziges Kellerloch als Wohn-Büro, aber ein verwunschener Garten vor dem Fenster, wurde der Spagat zwischen den Bergen und der Küste bald unhaltbar. Der Winter war so lang und dunkel gewesen, und es wollte nicht Frühling werden da oben, und es zog mich mit Macht ans Licht, an die Sonne, ans Meer. Und zu einem besonderen Menschen. Das war nicht vorgesehen. Und irgendwie war das alles zu früh, zu schnell, ich hab mich lange gewehrt. Skrupel. Schon? Darf man das? Lachen und Weinen. Alles gleichzeitig. Viel zu viel.

Ich ziehe umher, die Katzen werden umgetopft und wieder zurück. Ich lasse sie dann an dem Ort, wo ich den Eindruck habe, dass es ihnen am besten gefällt, und das ist auch der Ort, an dem es mir am besten geht. Und so verbringe ich viel Zeit in Cannes, grabe morgens die Füße in den Sand am Meer, lasse die Wellen um meine Beine spielen, sauge die Sonne ein, sammele Muscheln und Steine, esse Fische und Meeresfrüchte, gieße und pflanze im Zaubergärtchen und bin froh. Neues Leben.

Ich schreibe Kolumnen, Rezensionen, Briefe, übersetze Wanderführer, Campingplatzwebsites, Feuilletons. Ich schlage mich so durch, aber ich will versuchen davon zu leben. Es ist mager, aber es wird mehr. Neuer Job.

Der Spagat hat nun bald ein Ende, ich ziehe ganz an die Küste. Es ist wohl Zeit für den Aufbruch, trotz Wehmut im Herzen. Umso schöner, dass es einen Sommerfrische-Ort gibt: in den Bergen. Ganz lassen sie mich nicht und ich sie auch nicht.

Denn Cannes im Frühling ist wunderbar, im Sommer hingegen eine Qual. Es ist heiß, es ist schwül, kein Lüftchen weht. Am Meer ist der Strand morgens um acht schon voll, das Wasser nimmt Badewannentemperatur an, die ersten Quallen sind da, der Rückweg nach Hause gleicht einem Saunagang. Die Schwitzerei macht mich träge, schlapp und schlecht gelaunt. Wer etwas reich ist hat vermutlich Klimaanlage und einen eigenen Swimmingpool, die anderen leiden.

Nachts quaken die Frösche im angrenzenden Park zum Steinerweichen, alle Fenster in der Hoffnung auf einen Luftzug geöffnet, lassen gnadenlos blutrünstige Schnaken und allen Lärm der Stadt ungefiltert eindringen: Motorradfahrer röhren den Berg hinauf, in der Kurve wird noch mal Gas gegeben, Autoradios brüllen, fröhliche Menschen versuchen sich dennoch gegen den Lärm etwas zuzubrüllen. Gegen morgen schlafe ich erschöpft ein. Sommer in Cannes. Wunderbar vielleicht für zwei Wochen Ferien, zum Arbeiten eine Qual. Ich ziehe den Hut vor allen, die hier im Tourismusbereich stets freundlich lächelnd Doppelschichten durchziehen. Außerdem stinkt Cannes im Sommer. Neben frittiertem Fisch und Sonnenöl ist es vor allem das unterirdische Müllsystem, das einem an Ampelkreuzungen den Atem nimmt. Von unten wabert stets warmer Mülldunst durch die Ritzen der unterirdischen Container.

Den Sommer in einem Sommerhaus in den Bergen zu verbringen ist also verlockend, auch wenn das Haus so abgelegen ist, dass es dort weder Internet noch Mobiltelefonnetz gibt, und schon die Zufahrt über eine 7 km lange abenteuerliche Piste nur mit hochbeinigen unempfindlichen Kleinwagen oder einem richtigen Geländewagen zu bewältigen ist. Oder zu Fuß. Na, Danke. Aber auf 1700 Metern Höhe lässt es sich dann wieder atmen, die Anstrengung ist vergessen, die Luft ist rein, es weht ein leichter Wind und nachts ist es kühl, jetzt weiß ich auch, was Sommerfrische meint! Auch die erneut umgetopften Katzen erwachen zu neuem Leben und begeben sich auf zunehmend ausufernde Jagden. Ich vermute nach der Mäusejagd haben sie jetzt die Wildschweinjagd eröffnet. Cachou kam gestern nach zwei Tagen und Nächten ausgehungert und erschöpft aber sehr aufrecht und stolz nach Hause, um danach fast ganztägig komatös in seinem Lieblingssessel zu schlafen.

In der Sommerfrische ist es dann, so wie es das Wort verspricht, ein bisschen altmodisch. Die Türen und die ausgetretenen Holzstufen des Hauses knarzen, die Betten quietschen, die Bettwäsche riecht nach Mottenpulver und Lavendel und ist vermutlich aus Aussteuerzeiten der Urgroßmutter. Alles ist ein bisschen wie früher, in der Küche nur Ton- und Emailleschüsseln, ein schwerer Holztisch, ein dreibeiniger mit Holz befeuerter Herd, das warme Wasser in der spartanischen Dusche ist begrenzt und die Toilette ist vor allem nachts sehr weit weg: tatsächlich habe ich in meinem Nachttisch einen Nachttopf vorgefunden! Aber was für eine Stille. Die majestätischen Berge. Die Sterne nachts. Die klare, frische Luft. Ich habe das Gefühl, dem Himmel ganz nah zu sein. Das Leben ist wunder-voll.

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Das könnte doch ein schönes Ende sein, oder? Ein neues Leben beginnt… ohne Blog.

Ich habe sehr gerne hier geschrieben. Ich danke Brigitte für die freundliche Bereitstellung des Blogs, ich danke Euch allen für Eure Treue und für Eure Unterstützung in schweren Zeiten.

Alles alles Liebe von hier für Euch alle!

Adieu, und seid behütet

sagt und wünscht Euch

Christjann

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Wider den Stachel

Wissen Sie noch, wann Sie Ihren ersten Seeigel gegessen haben? Nein, nicht, wann Sie das erste Mal reingetreten sind, ich fragte nach „essen“. Dochdoch, man kann die essen. Meine französischen Gastgeber am Wochenende waren ganz erstaunt, dass ich Seeigel kulinarisch nicht kannte…

Ich sagte trocken „bei uns isst man Seeigel nicht, bei uns tritt man nur rein“. Ich fand mich wahnsinnig originell mit diesem Satz, aber meine französischen Freunde sahen mich nur ernst an. Ich geb’s auf, das klappt nie mit dem Humor zwischen Deutschen und Franzosen. Franzosen nehmen Seeigel eben ernst. Wie alles Essbare.

SeeigelöffnerMan kann die also essen, nicht das stachelige Äußere, sondern das Innere. Man muss sie nur aufkriegen die Igelchen, das geht vermutlich mit allem Möglichen, stilecht ist es aber mit einer komischen Zange, die ich bislang für einen Öffner gehalten habe, um Gurken- oder Marmeladengläser zu öffnen. Man schneidet die Stachelkugeln damit und einem schneller RatschSeeigeln fixierenschnellen Ratsch horizontal durch, der Deckel fliegt weg und man entfernt noch alles Mögliche andere bis quasi nur noch ein bisschen rote oder orangefarbene weiche Masse übrig bleibt. Das isst man dann. Und man isst es möglichst schnell, weil diese Masse sich sonst verflüssigt und gleich davonläuft. Und WAS isst man da? Räusper, ähm, also, wenn Sie sich eh schon ekeln und Kaviar und Austern auch nicht mögen, dann sollten Sie jetzt ein paar Zeilen überspringen…
man isst die männlichen oder weiblichen Geschlechtsorgane. Daher auch die unterschiedlichen Farben, also je nachdem ob wir das Männchen oder das Weibchen vor und haben. So wurde mir das zumindest erklärt. Eigentlich würden die beiden das lieber bei Gelegenheit ins Meer fließen lassen, um sich so fortzupflanzen, aber die Seeigel-RestSeeigel bereit zum Auslöffelnhier kamen nicht mehr dazu, sondern wurden schnöde als Entrée ausgelöffelt. Bisschen Brot, trockener Weißwein dazu.
Unter Kennern gelten Seeigel als delikateste Meeresfrucht, und sie sind nicht ganz billig. Gemessen am Preis-Mengen-Verhältnis dessen, was man letztlich zu Essen bekommt, würde ich sie auch einfach als teuer bezeichnen wollen. Und? Lecker? Hm. Wie schmeckts? Hm. Sagen wir mal fremd. Leicht salzig. Weniger salzig als Austern und auch cremiger. Aha. Wissen Sie’s jetzt? Ganz ehrlich, bevor ich in Frankreich lebte, habe ich diesen glibberigen Rotz auch noch nicht gegessen, bzw. geschlürft. Aber ich habe kulinarische Fortschritte gemacht und bei Austern kann ich jetzt sogar Unterschiede feststellen. Alles in allem ist das ein bisschen wie Sushi. Erst denkt man, och nö, Algen, klebriger Reis und roher toter Fisch muss nicht sein, und dann ist man ratzfatz süchtig. Ich vermute, mit den Seeigeln wird es mir ähnlich gehen. Gibt ja auch Seeigel-Sushi.

Sie gelten außerdem als Aphrodisiakum. Ach du gute Güte, das wird ja ein lustiger Beitrag heute. Keine Angst, ich schreib Ihnen jetzt nicht noch mal die Schlussszene aus Patrick Süskinds Parfüm. Ich wurde ehrlich gesagt auch nur ein bisschen müde, das kann aber auch am Wein gelegen haben.

Frohe Ostern gehabt zu haben wünsche ich!

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Marseille ist Marseille ist Marseille

Ich war, wie man vielleicht bei der Überschrift vermuten kann, in Marseille. Nur für drei Tage, wollen wir An- und Abreise abziehen, bleiben sogar nur zwei knappe Tage. Mit Marseille verbindet mich eine lange passive Geschichte, angefangen von der beunruhigenden Fluchtatmosphäre während der zweiten Weltkriegs in Anna Seghers „Transit“…

bis hin zu heutigen Straßenschlachten in Ausländervierteln, die via Fernsehen in meine Welt eindringen, hat mich diese Stadt, die ich bis eben nicht kannte, immer fasziniert und gleichzeitig abgestoßen. Ich stellte mir einen düsteren Moloch vor. Dunkle Straßenschluchten. hohe Häuser, Lärm, ein bedrohliches Raunen überall, hoher Ausländeranteil, finstere Gestalten mit Kapuzenpullis in Hauseingängen, Schmutz, brennende Autos, atemstockende Kriminalität. Diese Ängste waren natürlich geschürt von meiner braven konservativen Bergdorfbevölkerung, die in ihrem ganzen Leben vermutlich noch nicht mit zwei arabischen geschweige denn afrikanischen Menschen zusammengekommen sind. Und von Patrick, der hingegen in einem problematischen Viertel Marseilles großgeworden ist und leider zu viel davon erlebt hat, und der zudem aufgrund der Vertreibung seiner Familie aus Algerien mit einem stets gut geschürten Araberhass erzogen wurde. „Keine zehn Pferde brächten ihn je wieder nach Marseille“ hat er immer nur gesagt, wenn ich drängelte, Orte seiner Kindheit sehen zu wollen.
Das Schicksal will nun, dass ich mich in einer Internetvereinigung engagiere, die das Wort Marseille im Titel hat, und es war mir zunehmend unangenehmer diese Stadt überhaupt nicht zu kennen, abgesehen von einer dämlichen Soap namens Plus belle la vie, die in Marseille spielt, was aber ungefähr so ist, als würde man sagen, man kenne München, nur weil man jede Woche die Lindenstraße sieht. Nun war just eine Konferenz eines Freundes in Marseille angesetzt und ich beschloss kurzerhand dorthin zu fahren und um die Konferenz herum etwas Marseille zu legen. Ich will jetzt nicht über den öffentlichen Nahverkehr jammern, der einen dazu verleitet letztlich doch alles mit dem Auto zu machen, weil er katastrophal, langsam und teuer ist, ich habe eine Auto-Zug-Variante versucht, die auch nicht zufriedenstellend war. Aber, wie gesagt, das soll nicht das Thema sein. Ich fuhr hier morgens unter grauverhangenem und Schnee verheißendem Himmel weg und komme am Nachmittag in wärmenden Sonnenstrahlen und unter knallblauem Himmel mitten in Marseille an. Ich schwitze auf dem Weg zu meinem Bed & Breakfast-Häuschen und verfluche Stiefel und Schal. Ich bin zufrieden, weil das Villa-Kunterbunt-Häuschen mit seiner quirligen Besitzerin in einem richtig normalen Stadtviertel liegt, neben Café-Bars, Gemüseläden, Wettbüros und Bäckereien und in Laufnähe vom Zentrum. Als ich später wieder hinunter zum Hafen laufe und ein bisschen rechts und links schaue und hierhin und dorthin schlendere, taucht das Nachmittags-Sonnenlicht alles in warmes Ockergelb. Erste Überraschung: Marseille ist hell. Zeitgleich die erleichternde Erkenntnis: Marseille ist eine ganz normale Großstadt mit viel Meer drum herum und einem großem Yachthafen mittendrin. Mag sein, dass das für meine lieben Dorfbewohner beängstigend ist, aber ich kenne die eine oder andere deutsche  Großstadt. Und vielleicht ist Marseille so eine Mischung aus Köln, Berlin und Paris: Die Offenheit von Köln, das Hauptstädtische von Berlin und das französische Flair von Paris. Und überall dort gibt’s Kriminalität und wird geklaut, überall dort gibt’s dunkle Ecken und Orte, die man besser meidet, die man als Tourist aber vermutlich sowieso nie sieht. Ich passe trotzdem auf meine Tasche auf, aber ich bewege mich von nun an ganz entspannt. Abends bin ich zum Essen mit Menschen verabredet, die ich bislang nur übers Internet kenne und es ist eine wunderbare Begegnung. Die Geschichten, die sie mir erzählen, weshalb es sie nach Marseille verschlagen hat, sind spannender als Anna Seghers Roman und verdienen aufgeschrieben zu werden. Gegen Mitternacht gehe ich allein durch die Stadt zurück zu meinem B&B-Häuschen, es ist Freitag Abend, um mich herum vibriert es vor Nachtaktivität, und ich laufe durch Marseille, als hätte ich das schon immer gemacht.
Am nächsten Tag ist es bedeckt und leicht nieselig, ich erkunde dennoch die andere Hafenseite und das kleine Viertel Le Panier und laufe treppauf und hügelab durch die engen malerischen Gässchen. Ende Februar im Regen bin ich hier fast ganz allein unterwegs und ich genieße es, denn im Sommer treten sich die Touristen vermutlich auf die Füße.
Mittags gehe ich zu einer Solidaritätsaktion für Emmaüs, deren größtes Warenlager in Marseille aus bislang ungeklärten Gründen vor einer Woche abgebrannt ist. Emmaüs und deren Gründer Abbé Pierre sind in Frankreich eine, ich möchte sagen, von allen Klassen anerkannte und geschätzte Organisation, die sich bis heute zur Aufgabe gemacht hat, den Ärmsten zu helfen. Abbé Pierre gründete diesen Verein in der Nachkriegszeit, damals ging es vor allem darum Wohnraum für obdachlose Familien zu schaffen. Er, der seinen Leben lang mit den Compagnons in Einfachheit und Armut zusammenlebte, war eine mutige Persönlichkeit, der notfalls auch illegal half, und ein besonderer Mensch. Als er vor zwei Jahren in hohem Alter starb, hat ganz Frankreich um ihn getrauert. Selbst Patrick weinte und war ein paar Tage sehr schweigsam, als er vom Tod Abbé Pierres erfuhr. Und von überallher kamen und kommen Menschen und bringen Dinge, die sie nicht mehr brauchen, damit die Arbeit mit dem Trödel, dem Broterwerb der Menschen bei Emmaüs, weitergehen kann. Im Regen, unter freiem Himmel, unter Zelten, Schirmen und kleinen Unterständen bieten die Compagnons von Emmaüs, die gerade alles verloren haben, die ersten wieder angelieferten Sachen zum Verkauf an. Sie haben damit ein Hoffnungs-Signal gesetzt: Wir machen weiter! Staunend höre ich Gesprächen über den Brand, die Arbeit und das Leben zwischen Compagnons und Käufern zu, die sich beim Kauf eines Buches, eines Stuhles oder eines Emaille-Siebes ergeben. Ich bin berührt. „Würde“ denke ich, und aufrechtes, stolzes Gehen ist den Compagnons so möglich. Ich bin sehr beeindruckt von dem Geist, den ich dort spürte und ich möchte sagen, es war mein tiefstes Erlebnis in Marseille.
Die Konferenz, deretwegen ich überhaupt nach Marseille kam, konnte dagegen nicht mehr ankommen.
Abends denke ich, ich mache mir einen ruhigen Abend, lege die müden Füße hoch und gehe nun doch nicht mehr ins Kino, wie ursprünglich geplant, als ich spontan von den Besitzern des B&B zu einem Abschiedsfest für eine Freundin eingeladen werde. „Wir sind elf, komm dazu, dann sind wir zwölf“ sagt Cati lachend als wäre das ein Grund. Ich ziere mich ein bisschen, ich war ja nun gar nicht so unglücklich allein, aber schon drückt sie mir ein Glas Wein in die eine und ein Häppchen in die andere Hand und schiebt mich ins Zimmer, voilà Christjann, alle stellen sich vor, Küsschen gibt’s, und ich werde integriert, als sei ich eine gute Freundin. Der Abend wird nett, lustig und ziemlich lang, obwohl ich mich irgendwann zurückziehe, denn ich bin platt. Ich kann nicht glauben, was ich hier alles erlebe.
Am nächsten Morgen erklimme ich die vielen Stufen zur Wallfahrtskirche Notre Dame de la Garde, die über Marseille thront, und lasse mich vom Wind durchpusten, während ich von dort oben Abschiedblicke über Marseille, das Meer und die Inseln schweifen lasse, denn gleich fahre ich wieder heim in den Schnee und zu meinen beiden Katzenkindern. Aber ich komme bald wieder. Mein Zimmerchen hab ich schon reserviert.

Ich habe mich in Marseille verliebt. Es ist eine ehrliche und menschliche Stadt, und neben all dem zur Schau getragenen Reichtum der Städte wie Nizza oder Cannes, geradezu eine Wohltat. Wie also ist Marseille? Wie Köln? Berlin? Paris? Ach was. Marseille ist Marseille ist Marseille.

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Vergnügungen

Ich bin diesen Winter schon zweimal über das Gedicht Vergnügungen von Bert Brecht gestolpert und habe mir nun mein eigenes Gedicht geschrieben: Meine Vergnügungen — vielleicht ein bisschen vom Winter beeinflusst…

Vergnügungen

Die Stille am Morgen

Der erste Kaffee

Die Schafe auf der Weide vor meinem Fenster

Blauer Himmel

Der Wechsel der Jahreszeiten

Das Zwitschern der Vögel

Besuch haben

Die wöchentliche Zeitung

Die Katzen

Warme Füße

Keinen Besuch haben

Die Weite beim Schauen

Schreiben, Lesen

Singen

Freundliche Mails

…und Eure Vergnügungen?

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Winter

Heute ist ein wunderbarer Tag, denn ich habe spontan den Rest des Tages frei bekommen, um meine Wochenendschicht abzufeiern, denn es schneit heute nicht, sondern voraussichtlich erst heute Nacht, das Glatteis heute morgen war weniger schlimm als erwartet, Nachbarn fahren nach Nizza, und bringen die benötigten Ersatzteile für die Schneefräse mit (ich muss also nicht runter fahren), die Sonne scheint…

…und ich habe Internet bei mir zu Hause! Seit gestern Abend! Was für ein Luxus! Ich habe nur knapp vier Wochen darauf gewartet, nur drei Hotline-Anrufe und zwei Techniker Besuche dafür gebraucht. Und entgegen der Aussage des Technikers funktioniert es nun doch auch mit meinem ältlichen PC sans fil, also kabellos, so dass ich nicht auf dem Boden sitzend zwischen Eingangs- und Badezimmertür eingestöpselt sein muss. Und ich muss jetzt auch nicht mehr abends raus und durch den Schnee zur mairie stapfen, um dann dort im kalten Büro bibbernd zu tippen oder schlimmstenfalls festzustellen, dass das Internet schon wieder nicht geht. Genial! Ich sitze jetzt also in einem Eckchen meines Wohnzimmers, den halb kaputten Drucker aus Platzmangel an den Füßen (die Katzen haben bei einer Balgerei die Scannerplatte zertrümmert), es ist nicht so richtig warm, denn meine Wohnung hat nur Außenwände, und unter mir ist der ungeheizte Festsaal. Ich habe zwei strategisch ungeschickt angebrachte altersschwache Elektroheizkörper in der Wohnung und nein, keinen Kaminofen, sondern einen von einer fürsorglichen Freundin eines Tages angeschleppten kleinen tragbaren Ölofen „den wirst du brauchen“ sagte sie, aber erst mal wollte ich ihn nicht, weil er ungesund stinkt und auch ungesund ist. Ich habe dienstlich schon zwei Plakate aufgehängt, die vor Kohlenmonoxydvergiftung warnen, wenn man mit diesem in Frankreich weit verbreiteten Öfchen heizt. Also sollte man immer mal lüften, und vor allem beim Anzünden und wichtiger noch beim Ausschalten lange die Fenster auflassen, was die mühsam erworbenen Wärme gleich wieder zum Fenster entfleuchen lässt. Ich wollte dieses Stinkding erst nicht haben, aber angesichts der Innentemperatur und der Stromnachzahlung, die ich bis einschließlich Dezember schon hatte, habe ich doch angefangen mit ihm dazu zu heizen. Und es heizt prima und schnell das Öfchen, fast wie ein Feuerchen, und ich trinke meinen ersten Kaffee morgens immer zusammengekauert davor. An den Ölgeruch gewöhnt man sich irgendwie. Ich kaufe extra schon immer parfümiertes Heizöl, dass als „geruchsfrei“ verkauft wird, und ich muss dafür eine Dreiviertelstunde zu einer bestimmten Tankstelle fahren. Das muss ich heute noch tun und gleichzeitig Vorrat einkaufen, denn wer weiß, wann ich das nächste Mal Zeit dafür habe und wann die Straße das nächste mal so schön frei ist? Für zehn, vierzehn Tage sollte man immer autark sein mit einem gut gefüllten Kühlschrank, Gefrierschrank und allem Notwendigen wie Gasflaschen, Heizöl, Taschenlampenbatterien etc.

So, ich bin vom Einkauf zurück und gerade habe ich die Live-Box wieder neu initialisiert, denn der Techniker hatte doch nicht so Unrecht, mein PC leidet an Amnesie und findet alle Naselang die Peripherie, sprich den Kontakt zum Internet via Live-Box nicht mehr. Das trübt ein bisschen die Euphorie von heute früh.

Ich habe mir heute ein Innen- und ein Außenthermometer gekauft, für mich zwei bislang absolut überflüssige und gern als spießig eingestufte Dinge, aber ich wollte mal realistisch wissen, wie warm es bei mir ist, wenn ich abends nach einem draußen verbrachten Tag drinnen nicht mehr so richtig warm werde. Und das Außenthermometer kann mir beim ersten Blick aus dem Fenster Klarheit über den Glatteisfaktor und meine Arbeitsbedingungen geben. Und ich kann endlich wie alle sagen, wie kalt es vor meinem Fenster ist. Das gehört hier mit zur Morgenbegrüßung: Wie geht’s? Kalt! Minus sieben heute morgen! Ha! Bei mir minus acht! Um sechs Uhr warens noch minus elf! Undsoweiter. Es gibt Leute, die haben ein Thermometer, das zusätzlich die tiefste Nachttemperatur anzeigt, das ist für Gärtner und Landwirte wichtig, aber auch Nichtlandwirte finden das hier spannend.
Ich jetzt also auch. Ich kann manchmal nämlich überhaupt nicht mehr einschätzen wie kalt es ist, ich kann nur sagen, wenn nur das Kinn eingefroren ist und man leichte Probleme beim Sprechen hat, geht’s noch, aber kleben die Härchen in der Nase zusammen, ist es schon ziemlich kalt.
Schneemäßig siehts hier aus wie letztes Jahr: immer wieder so fünfzig bis sechzig Zentimeter, zur Zeit ein bisschen zusammengesackt und überall große Haufen zusammengeschobenen oder geschaufelten Schnees. Dazwischen kleine von der Schneefräse eingegrabene Wege. Ich bin ja die Schneeräumungsbeauftragte, offiziell natürlich nur, denn inoffiziell hab ich hier gar nix zu sagen. Meine zwei älteren Nachbarn sind hier ganz klar die Dorfchefs. Einer ist zudem noch ein bisschen mehr Chef als der andere. Und langsam weiß ich wies geht, sie haben mich nämlich auf ihre Art gebrieft, sprich oft genug angemault und angebrüllt, wenn ich ihrer Ansicht was nicht richtig mache. Das war und ist ziemlich oft der Fall. Gern gerate ich auch zwischen ihre Fronten, wenn einer sagt, „du müsstest mal ein bisschen das Eis auf dem Platz weghauen“, sagt der andere beim Vorübergehen, wenn ich gerade schön den Spaten ins Eis haue „so ein Quatsch, es schneit doch gleich wieder drauf, mach doch was Sinnvolles, du müsstest dringender den Weg zum Friedhof freischaufeln“. Einer von beiden ist auf jeden Fall immer unzufrieden. Die Schneefräse krieg ich nur im Ausnahmefall, wenn es unwichtig ist, etwa. Zum Beseitigen von großen Schneemengen oder vom Dach gefallenen Lawinen bin ich (in der Zwischenzeit fast erleichtert) nicht zuständig. Ich kanns ja eh nicht recht machen. Ich muss aber auf jeden Fall vor ihnen am Platz sein, die Schneefräse schon angeworfen haben, alibimäßig ein Stück Weg gefräst haben und dann gebe ich sie ab und lass die Männer machen, ich schaufele dann irgendwo die Treppen frei. Bis wieder irgendwer nach mir brüllt.
Aber auch so ist es genug körperliche Arbeit, schubkarrenweise Schotter durchs Dorf schieben und aufs Glatteis werfen, Schnee schaufeln, schrubben, kehren, kratzen und hacken- so ein kleines Dorf hat erstaunlich viele Wege, die sauber bzw. begehbar gehalten werden müssen. Der Schnee an sich ist eine Sache, taut er tagsüber in der Sonne auf, fließt es danach in Strömen von Dächern und aus lecken Regenrinnen um nachts spiegelglatt zu werden. Schneelawinen rutschen feucht und schwer von den Dächern und ein Blick nach oben ist immer mindestens so wichtig wie einer auf den Weg. Die Lawinen sind fast nicht mehr wegzukriegen, insbesondere wenn sie noch eine Nacht tiefgefroren auf der Erde rumliegen. Hart wie Beton. Meine beiden Dorfchefs haben am Samstag die Tür eines nur gelegentlich hier lebenden Dorfbewohners mit der Schneefräse zugeblasen, aus lauter Ärger über die gewaltigen Dachlawinen, die von seinem Dach rutschen und den Dorfzugang immer wieder zuschütten. Die nur im Sommer hier wohnenden Bewohner sehen die Investition von Schneerückhaltesystemen auf ihren Dächern nicht unbedingt ein. Wer so verrückt ist und das ganze Jahr hier leben will, muss mit Unannehmlichkeiten rechnen, kriegt man hier zu hören. Oder „nicht schlimm, wenn was passiert, ich bin gut versichert“. Kaum sind alle Wege halbwegs sauber, schneit es wieder und das Spiel geht von vorne los.

Eine andere Variante von Unannehmlichkeiten im Winter sind eingefrorene Wasserleitungen. Hier lässt man oft ein kleines Rinnsal aus dem Wasserhahn laufen, damit die langen oft außen liegenden Leitungen oder Wasserschläuche nicht einfrieren. Ist erst mal alles eingefroren, dann kann man nur bis zum Frühjahr warten, oder auf ein paar mildere Tage hoffen. Und in der Zwischenzeit mit Kanistern Wasser von irgendwoher schleppen. Eine Frau auf einem abgelegenen Hof hat dieses Problem seit dreißig Jahren. Mir persönlich ist es ein Rätsel, wie man das Winter für Winter erleben kann, ohne weder von ihrer noch von Gemeindeseite auf sinnvolle Abhilfe zu sinnen. Sie bekommt das Wasser von einer Quelle über ein oberirdisch verlegtes Schlauchsystem zugeleitet. Und da sie aus mir sich nicht erschließenden Gründen, das Wasser bei sich nicht regelmäßig laufen lässt, friert das stehende Wasser in den Schläuchen ein. Alle fünf, zehn, zwanzig Meter sind die Schläuche mit Verbindungsstücken aneinandergeschraubt. Und das über etwa drei Kilometer Länge, aufgehängt an Steilhängen, liegend durch Gebüsch, Geröll, Wald und Wiesen. Ahnt ihr was? Es gehört zu meinen Aufgaben, mich da entlang zu hangeln und die Verbindungen der Schläuche aufzudrehen, zu versuchen die Schläuche mit einem kleinen Gasbrenner zu erwärmen und das gefrorene Wasser in Form von hübschen länglichen Eiswürfeln irgendwie aus den Schläuchen zu schütteln, um sie danach wieder zu verbinden und zwar mit jetzt kräftig fließendem Wasser. Sehr schöne Aufgabe im Winter mit eiskaltem Wasser an Steilhängen zu hantieren. Ich mache das nicht alleine, sonst hätte ich den Job schon hingeschmissen. Mit einem Mann mindestens bin ich jedes Mal einen ganzen Tag lang unterwegs. Jedes Mal? Ja, schon das zweite Mal in dieser Saison. Es ist eine unglaubliche Plackerei, ich bin dabei schon dreimal den Abhang abgestürzt, hatte aufgeschürfte, vom Schnee und Wasser abgefrorene Hände, die zum Heulen wehtun, wenn sie wieder auftauen. Schlimmeres ist bislang nicht passiert, aber ich fluche und schimpfe jedes Mal und frage mich, was um Himmels Willen mich geritten hat, diesen Job machen zu wollen. Dieses Mal haben wirs nicht bis zum Ende geschafft. Der Hof lag schon in Sichtweite, aber ein langes Schlauchstück wollte sich ums Verrecken zwei Stunden lang nicht auftauen lassen. Es wurde dunkel, es fing an zu schneien, wir mussten es aufgeben und stapften aufgeweicht in der Kälte bergauf wieder nach Hause.

Abends bin ich zur Zeit nur noch müde. Ich habe Muskelkater und schwielige Hände. Ich friere den ganzen Tag draußen nicht, aber drinnen werd ich kaum mehr richtig warm. Ich hätte so gern eine Sauna oder wenigstens eine Badewanne!
Ach so, schön ist es natürlich auch, ganz klar, die Kinder juchzen beim Schlitten fahren und lutschen Eiszapfen und heute auf dem Weg zum Einkauf musste ich durch mehrere enge Tunnel fahren, in denen superschöne Eiszapfenkunstwerke hingen. Aber ich gebe zu, ich wünsche mir, wie das täglich grüßende Murmeltier, einen frühen Frühling!

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Intermezzo

War was? Hier stand vor kurzem ein anderer Text von mir, der auf etwas Bezug nahm, was zwischenzeitlich auch nicht mehr lesbar ist. Ich fand’s auch nicht schön…

aber ich hab’s gemacht, um mich zu wehren. Nur für die, die wissen, um was es geht, sei gesagt, dass ich die Löschung selbst vorgenommen habe, nach Aufforderung der „Aufsichtsbehörde“. Da ich nicht noch mal ermahnt werden möchte, bleibt das hier also sprachlich im Nebel.
Das Geld ist zurück gegangen. Wenn es noch mal hier ankommt, sehen wir, wie das weiter geht. ICH DANKE EUCH ALLEN SEHR für eure Unterstützung! Lassen wir’s jetzt bitte alle damit gut sein! Und an dieser Stelle reden wir bald mal darüber wie das neue Jahr sonst noch angefangen hat…

Bis dahin grüßt euch alle (und den kleinen ungeduldigen Häwwelmann)
aus dem tiefen Schnee
die
Christiane

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Advent, Advent

Ich bin eifersüchtig. Ich muss da auch keinen Test machen und 27 Fragen beantworten, um das rauszukriegen. Ich weiß, dass ich es bin. Ich stell das mal ganz vorne in den Text, damit alles, was kommt unter dieser Prämisse verstanden werden kann…

Ich bin eifersüchtig auf die Nachfolger der Auberge. Sie sind gerade mal vier Monate im Dorf und sind schon so was von integriert und dick befreundet mit dem harten Kern der ganzjährig hier lebenden Dorfbevölkerung, es ist unglaublich. Ich muss offen zugeben, dass ihre Art vermutlich besser hier ins Dorf passt als die von Patrick und mir. Sie sind laut und gesellig, immer heiter, haben immer Lust jede Menge Leute um sich zu haben, gemeinsam zu trinken und zu essen, Karten zu spielen oder Boule oder einfach nur zu quatschen. Patrick war ja auch durchaus gesellig und geschwätzig, aber er und ich sind an unseren freien Tagen doch gern mal allein zu zweit geblieben, weggefahren, gewandert und suchten selbst die Ruhe, die wir den Gästen vermittelten. Nach einem durchgearbeiteten und durchgequatschten Wochenende war und ist mein Bedürfnis nach Geselligkeit gut gesättigt und ich geh nicht noch zu den Nachbarn Karten spielen, um mich zu entspannen. Aber hier ist das Leben einfach geselliger und die neuen Aubergisten passen da, wie gesagt, ganz gut rein. Den Leuten hier gefällt das und die Aubergisten haben vom ersten Tag an eine Unterstützung, die mich sprachlos macht. Wer hier jetzt alles und vor allem immer wieder essen geht, Freunde und Familie in die Auberge einlädt, auch tagsüber immer mal viel Zeit in der Auberge verbringt ist verblüffend.

Ich will hier niemanden absägen, aber am Essen allein kanns nicht liegen – meines Erachtens ist es vielmehr die einladende Atmosphäre, die so anziehend ist. Eine überschwängliche Offenherzigkeit kommt dazu, und jedes Wochenende langmähnige Freundinnen in typischer Côte d’Azur Manier gekleidet, lange Beine in engen Hosen und oberschenkelhohe Stiefel mit hohem Absatz – sex sells. So ist es eben. Was mich irritiert ist, dass alle Männer, jung wie alt, auch die, die ich durchaus schätze, mit hechelnder Zunge in die Auberge eilen. Und dass auch die bislang verstocktesten Männer plötzlich Filzklötzchen auf Stuhlbeine hämmern oder eifrig Papiertischdecken zuschneiden, um nur ja zu helfen, man weiß ja nie, wann mal noch was anderes gebraucht wird. Neben so viel geballter Weiblichkeit mit großem Hang zur Hilflosigkeit werde ich ja immer ganz spröde. Ich bin ja eher so eine, die erstmal versucht einen Wohnzimmerschrank alleine die Wendeltreppe hochzutragen, bevor sie nach Hilfe ruft. Und angesichts der Lage, würd ich auch die Waschmaschine noch drauf packen und die Zähne zusammen beißen bevor ich nach Hilfe japse. Ist doof, vermutlich, aber so bin ich. Ich mag dieses Weibchengetue nicht.

So, jetzt übergangslos zum Adventszauber, danach verbinden wir die beiden Fäden. Treue LeserInnen wissen, dass ich hier in den vergangenen Jahren den Advent vermisste. Ich sah aber schon lange vor meinem geistigen Auge auf dem kleinen Dorfplatz mit dem Brunnen in der Mitte einen Weihnachtsmarkt entstehen. Oder auch einen Handwerkermarkt im Frühjahr. Ganz klein und fein, von hier und für hier, sprich mit Basteleien von uns und Produkten von ansässigen TöpferInnen, ImkerInnen, KorbflechterInnen und das alles nicht für auswärtige Touristen sondern eben für die Leute von hier. Inspiriert hat mich der Ort und das Museum auf dem Otzberg im Hessischen, wo im Jahreslauf mehrere Feste rund um die Burg organisiert werden. Das waren anfangs wunderschöne stimmungsvolle Veranstaltungen, die, eines Tages überregional inseriert, zu einem gigantischen Massenauflauf wurden, den ich von da an mied. So etwas in der Art wollte ich gern hier schaffen, aber für uns und eben genau nicht für die Menschen der Côte d’Azur mit Hang zur Landlust.

Letztes Jahr haben ein paar Frauen hier im Dorf einen kleinen Verein gegründet, les écureuils en marche, die marschierenden Eichhörnchen, vor allem um gemeinsam Gymnastik zu machen, zu wandern, einen Leseabend zu veranstalten und um einfach die Frauen des Dorfes ein bisschen zusammen zu holen. Der harte Kern sind vier Frauen (eine davon bin ich, klar, oder?), und wir sind alle nicht von hier aber nur ich bin wirklich von ganz woanders. Ich schlug vor, hier an einem Adventswochenende einen Weihnachtsmarkt zu organisieren, und alle waren Feuer und Flamme. Auch drei weitere Frauen (von hier) konnte ich überzeugen, und fegte ihre Einwände „Wer wird denn hierher kommen? Wer aus dem Dorf wird hier was kaufen wollen? Ich hab noch nie irgendwas hier im Dorf verkauft! Und bei Schnee kommt schon gleich gar keiner mehr…“ hinweg und dachte, „dass du hier nichts verkaufst liegt vermutlich an deinem streitbaren Charakter“ und sagte, „Hauptsache uns machts Spaß!“ Der Bürgermeister, der so etwas ja absegnen muss, war auch ganz angetan. Tolle Idee, das Dorf kurz vor dem Winterschlaf zu beleben. Wir einigen uns auf das Nikolaus-Wochenende, weil da sowieso das Dorffest ist, und demzufolge letztmals viele Menschen ins Dorf kommen, die ansonsten den kalten Winter an der Côte d’Azur verbringen. Ich hatte ebenso die Idee, 24 Fenster des Dorfes wie einen großen Adventskalender zu dekorieren. Begeisterung bei meinen Frauen. Aber auch Angst. Wie soll das aussehen? Wie macht man so was? Wer gibt uns dafür überhaupt sein Fenster? Werden die Leute selbst dekorieren? Ich hab so was ja auch noch nie gemacht, geschweige denn einen Weihnachtsmarkt organisiert, aber ich komme ja aus dem Weihnachtsmarkt- und Adventskalenderland und war ganz zuversichtlich. Ich würde ich mal sagen, dass ist das französische Flair, dass ich mir hier zutraue, so etwas auf die Beine zu stellen, ist doch alles nicht so schwierig, locker bleiben…
Es war dann leicht und auch wieder nicht, viel Basisarbeit insbesondere für die Fenster war nötig: Wozu soll das denn gut sein? Das haben wir ja noch nie gemacht! Und die Fensterläden bleiben dann offen? Um Himmels Willen! Und wenn es schneit? Ihr könnt mein Fenster haben, aber ich dekoriere es nicht, war der beste Kompromiss, den ich zu hören bekam.
Manch einem musste auch der Adventskalender an sich erklärt werden, der hat hier eben wirklich keine Tradition. Fragen, ähnlich unsicher wie bei der alljährlichen Zeitumstellung: Und wir machen dann alle Fenster gleichzeitig auf? Ach nein?
Am Anfang haben wir alle unsere eigenen Fenster in die Liste eingetragen, weil die Leute so zögerlich waren, aber jetzt, nachdem die Leute sehen, dass es hübsch wird und wir die Fensterläden auf Wunsch auch wieder schließen, haben wir so viele Fenster zur Verfügung gestellt bekommen, dass wir an manchen Tagen sogar zwei öffnen können, die nebeneinander liegen. Nur dekorieren tun die wenigsten. Aus Angst, dass es nicht richtig sein könnte, oder nicht schön genug, oder weil sie gar keine Idee haben, was sie machen sollen. Dann dekorieren wir die Fenster. Heißt in der Realität, 21 von 24 Fenstern dekorieren wir.

Bevor ich nach Deutschland fuhr, hatten wir schon ein bisschen Salzteiganhänger und Kerzenständer gebastelt und in mehreren öffentlichen Versammlungen auch alle Dorfbewohner eingeladen und unsere Projekte vorgestellt und viel geredet und erklärt. So richtig aktiv aber wurde außer den marschierenden Eichhörnchen niemand. Die bastelten aber während meiner Abwesenheit wie wild Windlichter, Anhänger, Schmuck, Kerzenständer, und sie strickten Handytaschen, Puppenmützen und Pulswärmer.
Als ich aus Deutschland zurück kam, waren es nur noch knapp drei Wochen bis zum Markt und wie schon erwähnt, alles stürzte auf mich ein. Ich wollte eigentlich Lebkuchen backen und Christstollen und Plätzchen, aber irgendwie lief mir bei all der Bastelei und Organisiererei die Zeit davon, denn arbeiten musste ich ja auch noch. Und ich war abends so müde. Als ich dann endlich endlich und viel zu spät den Christstollen backen wollte, ging der verfluchte Hefeteig nicht auf und ich stellte die Plastikschüssel wegen der Wärme auf den kleinen Petroleumofen, und es kam, wie es kommen musste, der Schüsselboden schmolz durch, und als ich, durch den Geruch alarmiert, die Schüssel wegnehmen wollte, ergossen sich grünes geschmolzenes Plastik und Hefeteig auf Ofen und Fußboden. Ich konnte nicht mal weinen, ich stand nur mit hängenden Armen da und war fassungslos. Christstollen gab es also nicht am Weihnachtsmarkt.

Zunächst mussten aber noch ein paar Tannenbäumchen aufgestellt werden. Ich dachte mir ein paar Bäumchen in Eimern auf dem Platz verteilt, damit es dort ein bisschen weihnachtlicher aussähe, gar nicht mal dekoriert, einfach ein paar kleine Bäumchen. Dekoriert sah ich nur den stattlichen Weihnachtsbaum in der Mitte des Platzes. Kommunikation, das haben wir alle irgendwann mal gelernt, ist nicht nur das, was ich sage, sondern auch, das, was ich nicht sage sondern nur denke, das, was der andere hört, versteht und was der andere denkt. Weshalb man bei Partnergesprächen immer nachfragen soll „bei mir ist angekommen, dass…“ oder „habe ich richtig verstanden, dass…“. So findet Kommunikation hier ja aber nicht statt, so dass ich mit einem der älteren Nachbarn zum exzessiven Baumschlagen fuhr, eine Woche lang machten wir fast nichts anderes als Bäume im Wald schlagen und aufstellen, bis wir alle die Bäume zusammen hatten, die es seiner Vorstellung nach brauchte. Wenn schon, denn schon, sagte er, und ich weiß immerhin schon, dass ich seinen Eifer nicht bremsen darf, denn sonst ist er gleich ganz gebremst. Also stellen wir Bäume auf. An den strategisch wichtigen Orten: Dorfeingang, Dorfende, vor der Kirche, vor der Mairie, auf dem Platz, aber natürlich auch hier und da und vor allem bei ihm und bei seinen Freunden. Ich sage, wir dürfen das restliche Dorf nicht vergessen, wenn wir hier so viele Bäume aufstellen und unten nichts, gibt das Ärger. „Je m’en fous, ils se démerdent!“ ist sein einziger Kommentar. Eine vulgäre Form von „mir egal, sollen selber sehen, wie sie klarkommen“. Klar gibt das Ärger. „Wer hat überhaupt  entschieden, dass so viele Bäume aufgestellt werden, das hatten wir ja noch nie?!“ Und hier ist der Ärger ja asterixmäßig immer gleich sehr laut und die Frauen kreischen so schnell. Oh, Mann. Ich fahre also Freitags abends noch mal zum Baumschlagen für das untere Dorf. „Und wer dekoriert jetzt all die Bäume?“ ist die nächste vorwurfsvoll und laut gestellte Frage. „Keine Ahnung, ich auf jeden Fall nicht, die können doch auch so bleiben, oder?“, sage ich. Aber ich hab sie hingestellt, ich bin die Angestellte der Mairie und ich bin sozusagen Projektleiterin Weihnachtsmarkt, und hier gibt es keine ungeschmückten Bäume. Also doch ich. Ich fahre noch mal nach Nizza um Baumschmuck nachzukaufen und mache dann tagelang nichts anderes als bei Minustemperaturen auf Leitern rumzuklettern und Kugeln und Girlanden und Lichterketten in die Bäume zu dekorieren, ich habe entzündete Hände von den pieksigen Nadeln und es wird alles sehr schön, aber ich bin ein bisschen gesättigt, was das Dekorieren angeht.
Nur der große Weihnachtsbaum auf dem Platz, den wir mit einem kleinen Bagger aufgestellt haben, weil zwei Mann und eine Frau alleine ihn nicht halten konnten, wird von mehreren Leuten und mit allen Kindern geschmückt. Eigentlich wollten wir das am ersten Adventssonntag machen, aber auch hier ging es nicht ohne Gemecker, „wer hat überhaupt entschieden, dass das der Sonntag sein soll, der Baum kann doch jederzeit geschmückt werden, oder?“ Ich sage, „aber es ist der erste Adventssonntag. Deshalb.“ „Ach so? Und da dekoriert man?“ Na gut, letztlich wurde es eh der Samstag, weil für den Sonntag Schnee angesagt war.
Es schneite, es schneeregnete, es regnete, es fror. Freitags vor dem Nikolauswochenende hatten wir Glatteis. Und kein Salz, keinen Sand, keinen Schotter. Einen läppischen Sack Salz fand ich in der Garage der mairie. Zwischen meinen beiden meckernden alten Nachbarn, die ich hier Statler und Waldorf nennen will, so meckrig sind sie nämlich, hin- und hergezerrt, zwischen „du nimmst zu viel Salz, für morgen haben wir gar nichts mehr“ und „du nimmst zu wenig, ich musste überall nachsalzen“, rufe ich den Bürgermeister an und der organisiert, dass ich ausnahmsweise unten im Tal beim Straßendienst Salz abholen kann. Ich schlittere also mit dem Pick-up runter und komme mit 900 Kilo losem Salz wieder hoch. Ich salze alle strategisch wichtigen Punkte, vor allem den steilen Dorfeingang, die Treppen, die Stellen unter den leckenden Dachrinnen und den Platz, ich will ja nicht, dass sich irgendwer den Fuß bricht am Nikolaustag. Der Rest muss jetzt schnell noch irgendwohin geschaufelt werden, wo es vor allem trocken ist. 900 Kilo sag ich nur!

Freitags nachmittags hacken wir die letzten Eisreste vom Platz, denn wir wollen kleine Zelte für die Stände aufstellen, wir sind am Anfang drei Frauen, dann fünf immerhin, die Männer des Dorfes sind alle unauffindbar. Später weiß ich, dass sie alle im Einsatz für die Auberge waren. Wir haben die Zelte trotzdem aufgebaut bekommen. Dann fordert Mr. Statler, atemlos auf dem Platz angekommen, mindestens ein Zelt für die Auberge, denn bei diesem Wetter können die nicht ohne Unterstand sein (am Nikolaustag findet das Essen im Festsaal mit einer notfürftig installierten Außenküche statt); das sind so Augenblicke, die mir wehtun, denn uns hat man seinerzeit nie ein Zelt zur Verfügung gestellt – das sage ich auch, ernte aber nur Schulterzucken, nicht sein Problem, jetzt brauchts jedenfalls ein Zelt. Wir stellen ein Zelt weniger auf, ich trage es runter zum Festsaal und denke, aufgebaut kriegen sie es hoffentlich alleine, kriegen sie auch, einer der Männer des Dorfes ist natürlich bereit das zu tun. Ich fange langsam an Hasspunkte zu sammeln.

Samstag, Weihnachtsmarkt. Ich, als Gemeindeausrufer mit Trommel, laufe rufend und trommelnd durch das Dorf. Fünf Jahre Kölner Karneval machen sich bezahlt, ich hab vor keiner Lächerlichkeit mehr Angst. Und es kommt keiner. Das ist schon ein bisschen komisch. Später kommen sie so nach und nach aus den Häusern gekrochen, aber sie kucken nur ein bisschen, kaufen nichts und gehen wieder heim. Super. Ein paar Zweitwohnsitzfrauen geben einen geschlossenen, aber uninteressierten Block auf dem Platz, irgendwas läuft schief. Die Kinder finden alles klasse, wir bislang auch noch, ich rufe und trommele. Nachmittags wird es ein bisschen lebendiger, denn jetzt kommen ein paar aus den anderen Dörfern, eigentlich zum Kartenspielwettbewerb, aber sie sind erstaunt und erfreut über den Weihnachtsmarkt auf dem Platz, kaufen ein paar Sachen, trinken Glühwein und loben unseren Einsatz. Wenigstens etwas. Auch ein paar Eltern mit Kindern von benachbarten Dörfern kommen, und finden es toll. Puh! Viel mehr passiert nicht. Abends sind wir ausgefroren und zumindest ich demoralisiert. Die Frage, ob wir den Markt am nächsten Tag wieder eröffnen, hat sich erledigt.

Dann ist Messe in der Kirche, danach Essen im Festsaal, organisiert von der Auberge. Es ist voll, die Leute sind gut gelaunt, der Saal ist nicht geschmückt, aber fürs Auge, zumindest das der Herren, gibt es ja die langbeinigen Freundinnen. Das Essen ist mit Ach und Krach korrekt. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Ich bin superenttäuscht, frage mich, ob ich die Einzige bin, die das so sieht. Denn alle anderen amüsieren sich anscheinend großartig und scherzen mit den Damen. Danach gibt’s Tanz, die Musik ist nicht schlecht immerhin. Ich kucke mich im Saal um, sehe die aufgekratzte Menge und bin total enttäuscht, verletzt, traurig. Und in mir nagt dieses Eifersuchtsteufelchen, dass sagt, wir haben viel bessere Arbeit gemacht, aber viel weniger Erfolg gehabt. Das zu sehen, tut mir weh. Ich setze mich draußen auf die Mauer, rauche, weine und halte Zwiesprache mit Patrick. Und wer kommt und nimmt mich in den Arm? Ausgerechnet die Aubergistin, die sagt, „das muss alles ganz schrecklich für dich sein, oder Christjann? Du bist sehr stark, Christjann, ich bewundere dich!“
Ja, das ist alles vielleicht nicht gerade schrecklich, aber tatsächlich nicht so leicht zu ertragen.
Ma foi…. il faut vivre avec, um mal mit einer der floskelhaften Phrasen, zu sprechen, die hier an der Tagesordnung sind. Damit muss ich leben, da muss ich durch.

Keiner der Einwohner in diesem geschwätzigen Dorf, wo alles zigmal durchgekaut wird, sagte auch nur pieps zu unserem Weihnachtsmarkt. War da was am Samstag? Was war es? Das Fremde? Dass es von uns Dorffremden organisiert wurde? Keine Ahnung. Die kritische Mitstreiterin sagte nur „hab ich dir gleich gesagt, dass hier keiner was kauft“ und ich nicke seufzend. Aber warum? Marthe, die alte Schäferin, deren rustikale Körbe wir verkaufen wollten, sagte, „dachte ich mir, dass das nichts wird, Markt muss man im Sommer machen“. Ich sage „aber es sollte ein Weihnachtsmarkt sein, der ist nun mal im Winter.“ Aber sie zuckte nur die Achseln. Unser Lokalreporter immerhin fand den Weihnachtsmarkt gelungen, er hat eine nette kleine Diashow auf seiner Website gemacht, der Bürgermeister ebenso: „Langsam anfangen, Christjann, sagte er, und sich beharrlich steigern, ist besser als total toll einschlagen. Nächstes Jahr macht ihr das wieder und du wirst sehen, das wird…“ Ich sag noch nicht ja. Und Gottseidank sind noch ein paar Monate dazwischen, denn mir reichts grad völlig mit dem Advent.

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Deutschland – Frankreich

Eifersucht, Enttäuschung, Müdigkeit und eine sich breit machende Bronchitis sind nicht gerade die besten Voraussetzungen für einen gelungenen Blogbeitrag, und das nach so langer Zeit…

Wo anfangen?
Deutschland hat es mir schwer gemacht, meine Zelte endgültig abzubrechen. Sonne, milde Temperaturen, blauester Himmel, Weinberge in allen Herbstfarben – wie schön war das! Ich hab tatsächlich geweint, als ich die alte Bergstraße entlanggefahren bin, ich hatte das Gefühl, als dürfte ich das alles nie wieder sehen, was natürlich völliger Quatsch ist, aber dieses endgültige Weggehen war schwerer als erwartet. Ich bekomme ja viel Post von Menschen, die auch weggehen wollen und die mich nach Tipps fragen – ich muss hier mal in aller Öffentlichkeit sagen, dass ich da auch keine Expertin bin, ich bin ja eigentlich nur mal ein paar Monate weggegangen und dann da geblieben. Das mag an sich vielleicht schon nicht so einfach sein, aber so richtig weggehen ist dann doch noch mal was anderes. Ich bin ja eigentlich eine erprobte Umzugsfrau, aber dieser Umzug war mein schwerster: es galt diesmal sich von so vielem endgültig zu trennen: Ich versank dabei in Büchern, Fotos, Briefen, Kontoauszügen, Schul-, Berufsschul- und Uni-Ordnern, Kinderspielzeug, Kleidern und Krimskrams, mein ganzes Leben zog an mir vorbei. Was lasse ich da, was soll noch mit? Abgesehen vom aufwühlenden Abschiednehmen, ist das Wegwerfen ja auch nicht mehr so einfach. Von wegen Müllsack auf und rein… ich sah mich mit dreierlei Mülltonnen konfrontiert, die nach einem komplizierten Plan abgefahren wurden und die, kaum waren sie geleert, gleich wieder voll waren. Stadtbibliotheken und Oxfam kapitulierten vor den Massen meiner Bücher und Kleider und nicht mehr benötigten Dinge und mangels Zeit beauftragte ich letztlich einen privaten Entrümpler. Ich habe mich bestimmt von 50% meines Eigentums getrennt, und doch habe ich noch mehr als hier in meine kleine Wohnung reinpasst. So viel also zu simplify your life! Is’ alles doch nich’ so simpel!
Deutschland war auch superintensiv, denn ich habe in drei Wochen die halbe Republik bereist, viele Freunde und Familie gesehen, viele neue Menschen kennen gelernt und viele sehr intensive Begegnungen und Gespräche gehabt, viel gelacht und noch mehr geweint, am Ende hatte ich das Gefühl, als wäre ich gerade aus dem Wäscheschleudergang meiner Waschmaschine rausgefallen. Müde, verknautscht und in leichter Schräglage kam ich in Frankreich an. Und kaum hatte ich französischen Boden unter den Füßen und zögerte zwei Sekunden an der Zapfsäule einer Tankstelle, hatte ich sofort einen Mann an meiner Seite, der mir behilflich sein wollte und der mich nach meinem Leben ausfragte… In Deutschland hatte mich drei Wochen lang kein Mann angekuckt. Ich hab’s versucht, aber ich wurde nur mit leerem Blick bedient oder gar nicht angesehen. So ging ich nach zwei Wochen aus lauter Verzweiflung in Köln in ein portugiesisches Café, wo mich der Barmann seinerzeit so unverschämt angemacht hatte, dass ich damals vor Schreck nicht mehr hingegangen bin. Aber der Barmann ist nicht mehr da und der neue Kellner ist superjung und kuckt vielleicht sehr junge Frauen lächelnd an, aber nicht mehr mich. Wer hätte gedacht, dass mir das mal fehlen würde… In Frankreich ist das gleich wieder anders und ich bin versöhnt.
In meinem Dorf angekommen, wurde ich auch erst mal erschlagen, was das soziale Leben anging. Ich kam sonntags an und erst am darauffolgenden Freitag aß ich alleine bei mir in meiner Wohnung. Bis dahin war ich mittags und abends überall zum Essen, vorher noch zum Apéro und zum Tee eingeladen worden und sollte ununterbrochen erzählen, als hätte ich eine Weltumsegelung gemacht. Hier war zwischenzeitlich nicht so richtig viel passiert: Giselle feierte ihren 80. Geburtstag und Caline hat mich verlassen und lebt nun bei meiner Freundin.

Ich hatte vor meiner Abreise den Grundstein für einen Weihnachtsmarkt gelegt und auch einen Dorfadventskalender initiiert, mit 24 zu schmückenden Fenstern, und kaum war ich zurück, prasselte alles auf mich ein. Als Ideengeberin war ich gleichzeitig zur Chefin avanciert und sollte nun alles begutachten, kommentieren, wissen, können und für alles eine Lösung parat haben. Sind die Handschuhe aus Wollresten schön? Wie viel sollen die Salzteigfiguren kosten und die Windlichter aus umbastelten Joghurtgläsern? Wie soll der Baum auf dem Platz geschmückt werden und wann und mit wem werde ich ihn schlagen und wie aufstellen? Backen wir Plätzchen und Lebkuchen und ein Lebkuchenhaus? Und wann? Und wann basteln wir die Sterne? Und hast du die Wachsplatten zum Kerzen verzieren mitgebracht? Und wer wird all die Fenster dekorieren? Und mit was? Und hatten wir anfangs nicht genug, so haben wir jetzt mehr als 24 Fenster, wen werden wir kränken, wenn wir sein Fenster ablehnen? Und welches Fenster nehmen wir für den 24.? Und ich kam bis einschließlich letzten Montag, an dem alles wieder aufgeräumt wurde, nicht mehr zum Atmen. Zwischenzeitlich kamen meine Möbel, ich kam aber bislang noch nicht zum Einrichten und quetsche mich nach wie vor mit eingezogenem Bauch zwischen Tisch und Herd zum Kühlschrank, den ich nur halb aufkriege, weil die Gasflasche für den Gasherd im Weg steht. Die Gasflasche schiebe ich immer ein bisschen von rechts nach links, je nachdem ob ich den Ofen oder den Kühlschrank aufmachen will oder gar an die Waschmaschine muss.
Alles, was ich suche, ist garantiert noch in irgendeiner der zusätzlich die Wohnung verstopfenden Kisten, und ich schiebe und stoße und stapele alles von einer Ecke in die andere oder und unter den Tisch und aufs Bett oder in den Flur vor der Wohnung, je nachdem wo ich gerade dran muss. Klar ist bislang nur: alles passt nicht rein. Und ich habe weder Garage noch Keller noch Abstellraum, so dass alles, was wirklich nicht mehr hier reinpasst ein bisschen wild auf dem Balkon steht und gelegentlich nass geregnet oder zugeschneit wird. So lebe ich und es geht mir zunehmend auf die Nerven, aber vor dem Nikolaus-Weihnachtsmarkt war an persönliche Zeit und ans Einrichten wirklich nicht zu denken. Wenn ich mal in Ruhe bei mir war und auch grad mal keiner bei mir rumsaß, umgab ich mich mit deutschen Lauten und hörte Grönemeyer, Nena, Xavier Naidoo, Rio Reiser und Element of Crime und was ich sonst noch so fand an Heimatklängen in meiner CD-Sammlung. Endgültig weggehen ist nicht so einfach, sag ich euch, auch wenn das andere Land einen wild an sich drückt und fast erstickt vor Zuneigung. Plötzlich ist das nämlich alles zu viel…

Und wann kommt das mit der Eifersucht? Uuund der Weihnachtsmarkt? Uuuund die Adventsfenster? Jaaaa doch, gemach gemach…

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La Foire

Einmal im Monat ist in Guillaumes la foire. Foire meint, ein etwas groesserer Markt. Das bleibt in einem so kleinen Dorf dennoch ueberschaubar, aber gemessen an der ueblichen Beschaulichkeit ist doch etwas los auf den Strassen und Trottoirs und Plaetzen. Im laendlichen Milieu ist die foire stark jahreszeitlich ausgerichtet, …

und die Maerkte heissen auch verschieden. Im Fruehjahr gibt es passend zur Pflanzzeit die foire des plantes, das heisst, dass ueberdurchschnittlich viele Gaertner und Pflanzenhaendler vor Ort sind, und man kann dann von Stiefmuetterchen, Geranien, Petunien, Rittersporn, bis zu Salat-, Zuccchini-, Lauch- und Rote-Beete-Pflaenzchen alles erwerben, was so wachsen soll im Blumentopf und Gemuesegarten. Bei den Blumen muss man aufpassen — die Pflanzenhaendler kommen in der Regel von der Kueste und schleppen allerhand verlockende Pflaenzchen mit, die unser raues Bergklima nicht gut vertragen. Im ersten Jahr habe ich leidenschaftlich exotische Blumenpflanzen eingekauft, um festzustellen, dass es hier um diese Jahrezeit a) noch zu frueh und b) insgesamt zu windig und kuehl ist fuer derlei Gewaechs. Enttaeuscht finde ich mich also wieder mit den gleichen Balkonpflanzen wie in Deutschland: Geranien, Petunien, Begonien, Tagetes, Margeriten, an schattigen Plaetzen Fleissige Lieschen und da, wo es sehr sonnig wird, geht auch mal was Exotischeres, was aber wegen des Windes grundsaetzlich robust sein muss.

Im September zur Zeit der der sich wieder bergab bewegenden Transhumance heisst die foire foire des tardons; tardon bezeichnet die jungen Schafe, die im Fruehjahr geboren wurden und im Sommer in den Bergen aufgewachsen und hoffentlich schoen fett geworden sind, und die auf der foire zum Verkauf angeboten werden, denn die Septemberfoire dient vor allem dem Verkauf von Schafherden.

Jetzt im Oktober war es die foire concours, ein Wettbewerbsmarkt mit grosser Versteigerung am Ende, hier wird alles gekuert: der schoenste Blumenkohl, der groesste Kuerbis, die rundesten Kartoffeln, die geradesten Karotten, die schoenste Kuh und der bravste Esel.

Die herbstlichen foires haben viel Tierbezogenes zu bieten. Neben Kuh- und Schafsglocken und den dazugehoerigen handgefertigten Holzgestellen, die den Tieren umgehaengt werden, gibt es Wolle und Wollerzeugnisse, wie handgewebte oder geknuepfte Teppiche oder gefilzte Kleider und Objekte, was hier noch ganz neu ist, dann Felle und Utensilien fuer die Schafschur. Und dann findet man natuerlich alles, was man auf franzoesischen Maerkten immer findet: Produkte der regionalen Bauern wie Kaese, Wuerste, Honig, dann Oliven, Korbwaren, Haushaltskram, Messer, Spielzeug, Schuhe, Klamotten, Krimskrams.

Frueher war die foire in Guillaumes die groesste und wichtigste landwirtschaftliche foire im ganzen Umkreis, und sie war insbesondere an den Rhythmus und das Leben der Schaefer gebunden. So wurden damals auch im Juni, bevor es in die Berge ging, Schafe verkauft, insbesondere die, von denen man sah, dass sie beim anstrengenden Aufstieg nicht mithalten konnten. Das findet heute gar nicht mehr statt. Bei den Herbstfoires kamen bereits waehrend der Nacht die Schaefer mit ihren Schafen von ueberallher, und unendlich viele Schafherden wurden in kleine Pferche gesperrt und es wurde in aller Fruehe vor Ort und nach Ansehen der Tiere lange verhandelt und der Verkauf rituell mit Handschlag besiegelt; danach wurde ordentlich gefruehstuckt und auch gern schon mal ordentlich getrunken, schliesslich ist man schon seit Stunden auf den Beinen. Der ganze Ort war voll mit Tieren, Schaefern und Viehhaendlern. Heute gibt es nur noch wenige Schaefer, die sich die Muehe machen, einen Teil ihrer Herde nach unten zu bringen, und auch dann ist sie oft schon verkauft. Es gibt insgesamt auch immer weniger Schaefer und alles ist viel pragmatischer geworden.

Ich kenne das „frueher“ nur vom Erzaehlen und von Fotos, aber seit ich hier bin, haben sich die foires auch nochmal veraendert. Da es immer weniger kleine Bauern gibt und mit ihnen klassisches landwirtschaftliches Leben, werden auch die foires immer weniger landwirtschaftlich und hingegen mehr touristisch: banal, gesichtslos, austauschbar. Und wenn bald die ganzen Alten nicht mehr sind mit ihren winzigen Hoefen, den fuenf Huehnern, drei Ziegen, einer Kuh und einem Gemuesegarten, und die Anwesen dann von einer daran uninteressierten Familie an Côte d‘ Azur-Franzosen, Deutsche oder Englaender verkauft werden, die sich hier ihren Sommersitz ausbauen, dann aendert sich hier mittel – bis langfristig noch einmal viel.

Auf meiner ersten foire gab es nachmittags noch eine richtige Schlaegerei, der zumTeil sehr zerstrittenen und hitzkoepfigen Schaefer, die um diese Tageszeit schon allerhand Alkohol konsumiert hatten. Nicht, dass ich das besonders erstrebenswert faende, aber das zur Veranschaulichung, dass das Ambiente anders war. Die Kneipen waren voll und laut, es wurde in grossen Gruppen zusammen gesessen, getrunken und gegessen und immer gab es etwas Deftiges wie les tripes, also Kutteln zu essen. Jetzt darf man ja drin nicht mehr rauchen, so dass sich das Geschehen in den Kneipen immer wieder lichtet, mal ist draussen mehr los, mal drinnen, aber irgendwie ist es insgesamt anders geworden, sauberer, glatter.

Mir hat sich das Phaenomen foire nicht von Anfang an erschlossen. Diese fiebrige Atmosphaere auf dem Hof, mit der die foire allmonatlich erwartet wurde, nur um dann stundenlang rumzustehen, zu trinken, und mit den gleichen Leuten wie immer zu plaudern, konnte ich nicht nachvollziehen und die aermlichen Kleiderbuden hatten fuer mich grosstadtverwoehnte Eventgeherin ueberhaupt keinen Reiz. Ich kannte ausser den Hofleuten niemanden, ich sprach schlecht franzoesisch und ich verstand kaum etwas. Das laute alkohol- und rauchgeschwaengerte Ambiente mit den wild aussehenden Schaefern war mir unheimlich und fremd. Was sollte ich hier? Ich war froh, wenn ich mit dem ersten Auto, das wieder hoch fuhr, mitfahren konnte, spaeter habe ich oft selbst ein Auto genommen, um mich davonschleichen zu koennen, wenn ich mich allzu doll langweilte.

Das hat sich veraendert. Ich kenne jetzt fast alle Menschen hier im Tal, die kennen mich, und ich werde selbst von manchen Schaefern mit Handschlag begruesst, und wenn man sich einen Monat, oder zwei oder drei nicht gesehen hat, weil man von seinem Berg vor lauter Arbeit oder im Winter vor Schnee nicht runter gekommen ist, freut man sich wirklich sich wieder zu sehen. Man bleibt stehen und redet, geht was trinken, verabredet sich zum Essen und setzt seinen Weg ein paar Schritte fort, um wieder jemanden zu begruessen, und vielleicht zu fragen, ob schon jemand Thierry aus Roubion gesehen habe, und ob Chantal heute auch da ist und wo der Messerhaendler seinen Stand hat und um zu bemerken, wie gross doch die Maedchen von Valérie geworden sind und wie huebsch, und Isabelle ist schwanger, na wie schoen, félicitations, und wollen wir nicht gemeinsam essen und wo esst ihr heute und hat schon jemand irgendwo reserviert …? Und dann kauft man Kaese und eine Wildschweinsalami, einen neuen Korb und ein kariertes Holzfaellerhemd und drei Paar Socken und fuer die Kinder irgendeinen Bloedsinn aus buntem Plastik oder einen Luftballon und etwas Nougat, und immer trifft man im Gewuehl Leute, die man schon eine Weile nicht gesehen hat und begruesst sich und verabredet sich zum Apéro oder zum Essen. Aus kneipensolidarischen Gruenden geht man am Tag der foire in alle Kneipen oder Bars, wie das hier richtigerweise heisst. So wird der Apéro in einer Bar eingenommen und kann sich hinziehen, weil ja wieder jeder jedem einen ausgeben muss, und daher wird das gemeinsame Essen, das dann in der Regel in einer anderen Bar stattfindet, auch eine spaete und sich lang hinziehende Aktion. Dann ist es schwupps nachmittags, und entweder wechselt man jetzt noch einmal die Bar, oder man bleibt, kommt ganz drauf an. Wenn es zum Beispiel regnet, geht man hier ja ungern nochmal raus. und wenn die Stimmung gut ist, gibts ja auch keinen Grund zu gehen. Wechselt man hingegen die Bar, trifft man nochmals andere Menschen, denen man gerne einen ausgibt und vice versa und so nimmt der Abend seinen Lauf. Vernuenftige und in der Regel nur leicht angetrunkene Freundinnen und Ehefrauen versuchen langsam ihren Mann aus dem Gewuehl loszueisen und zum Heimfahren zu bewegen, was im Winter mit dem Hinweis auf Glatteis manchmal gelingt, laue Sommer- und Herbstabende sind im Kreise Gleichgesinnter aber einfach zu schoen, als dass man so frueh schon brav nach Hause fahren koennte. Und wer laesst sich schon vor aller Augen von seiner Frau was sagen? Faire la foire heisst nicht umsonst durchfeiern. Und so kann sich das Geschehen noch lange hinziehen.

Anfangs war mir das unvorstellbar, dass man einen ganzen Tag so vertroedeln und vertratschen kann. Und versaufen. Was gibts denn da immer noch zu reden? Das haben wir doch schon dreimal gehoert heute und es ist doch alles so belanglos. Koennen wir nicht endlich heimgehen? Und dann kommt Benoit zur Tuer herein, und waren wir eigentlich schon beinahe gegangen, muss jetzt mit Benoit nochmal was getrunken werden. Allez, on va boire un petit coup, komm, einen trinken wir noch, nur noch einen… alors Benoit, erzaehl mal, wie gehts dir, was machst du so? Und wenn man Pech hat, ist einer der Huetehunde von Benoit vom Auto ueberfahren worden, oder er hat im letzten Monat oben in den Bergen sechs Schafe an den Wolf verloren. Darueber muessen wir erstmal aufgeregt diskutieren, denn der im Nationalpark Mercantour wieder angesiedelte Wolf, angeblich von allein eingewandert, ist der Feind Nummer Eins der Schaefer, und der Wolf ist das beliebteste Hassthema zwischen den studierten Ecolos, die fuer den Nationalpark arbeiten und den Schaefern, die seit Generationen hier die Schafe weiden. So schnell kommen wir hier nicht mehr raus. Dann deklamiert Loulou angetrunken und dramatisch ein Gedicht von Rilke fuer den Hund von Benoit, wie schoen, und dann gleich noch eins und wir trinken auf den treuen Hund und auf die Treue ueberhaupt und so gehts. Heute weiss ich einfach, dass es so ist, und etnweder ich geh zur foire oder ich bleib zu Hause, so ein richtiges Mittelding gibt es da nicht. Aber heute kann ich das auch, das redundante Reden ueber Alles und Nichts, das troedelige Zusammensitzen, und tatsaechlich sieht das alles anders aus, wenn man alle kennt und und dazu gehoert. Ich war am Samstag zum ersten Mal seit Monaten wieder auf der foire, das letzte Mal war Patrick noch dabei, das muss im Maerz gewesen sein. Es war wohltuend und bewegend, dass sich alle so gefreut haben, mich wiederzusehen, und sich freuen zu hoeren, dass ich hier bleiben werde. Es wollte gar nicht aufhoeren, das Umarmen und Begruessen und Reden und komm, wir trinken noch einen. Und ehe ich’s mich versah, war der Tag um. So ist sie… la foire!

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Kleine Fluchten

So heisst ein Film, den ich vor vielen Jahren, ich war noch in der Schule, in einem kleinen Darmstaedter Programmkino sah, das es schon lange nicht mehr gibt. Ein franzoesischer Film natuerlich, der fast stummfilmartig die kleinen Ausfluege eines Knechtes zeigt, der, nachdem er sozusagen das Rentenalter erreicht hat, sich unter den missbilligenden Blicken seiner Mitmenschen von seinem Ersparten ein Mofa gekauft hat. Glueckstrunken…

und manchmal vielleicht auch Weintrunken und die Technik seines Mofas nur vage beherrschend, faehrt er damit huegelauf und huegelab durch seine naehere Umgebung und fliegt dabei manchmal aus der Kurve, manchmal in einen Misthaufen, aber er ist dabei zutiefst gluecklich! Ich muesste den Film vielleicht noch einmal wieder sehen, denn heute koennte ich ich ihn besser verstehen, damals fand ich ihn zwar irgendwie lieb, und hab ihn bis heute nicht vergessen, aber das Glueck eines alten Mannes zu begreifen, der nie wirklich vom Hof seines Herrn wegkam, und der endlich die Zeit und die Moeglichkeit hat zwischen, sagen wir, Kleinkummersdorf und Grosskummersdorf hin- und herzufahren, kann ich erst heute wirklich verstehen.

Kleine Fluchten hatten wir gerade auch hier. Robert, der gestern hundert Jahre alt geworden ist, hat sich naemlich vorgestern selbst sein groesstes Geburtstagsgeschenk gemacht, in dem er sich heimlich in sein fast ebenso altes Auto gesetzt hat und ein bisschen rumgefahren ist. Er hat den Moment ausgenutzt, als seine Tochter zum Pilze sammeln unterwegs war und sein schwerhoeriger Schwiegersohn (immerhin auch schon Mitte siebzig) in seiner Werkstatt bastelte und ganz offenbar nicht hoerte, dass vor der Werkstatt ein Kleinlieferwagen gestartet wurde. Es ist Robert naemlich verboten zu fahren. Was ihn nicht hindert, doch immer wieder heimlich davonzubrausen. Im Winter vor drei Jahren mussten sie ihm schon die Batterie ausbauen, damit er nicht fuhr.

Robert ist hundert Jahre alt, er ist noch ganz klar im Kopf und abgesehen vom Autofahren hat er nur ein Vergnuegen, naemlich auf dem Sofa vor dem Ofen zu liegen, ohne Unterlass kleine selbstgedrehte Zigaretten zu paffen, den Kater neben sich und den Fernseher vor sich. Robert hat den Ruf eines Frauenhelden, was einem, wenn man das wackelige Maennchen mit dem Stock sieht, vielleicht ein Laecheln entlockt, oder ein kurzes hihi. Aber er selbst sieht sich durchaus noch ganz maennlich und springt wie eine Sprungfeder vom Sofa auf, wenn eine junge Frau hereinkommt (angesichts seines Alters sind wir ja alle jung), um bei den bisous auch ja der erste zu sein. Und Robert ist in meine Freundin Martine verliebt. Meine Freundin ist knapp halb so alt wie er und sie koennte locker seine Enkelin sein, aber ueber den Altersunterschied sehen wir grosszuegig hinweg. Martine lebte zwei Jahre in einem anderen Dorf an der Seite eines Mannes und kam jetzt allein wieder zurueck. Als Martine damals das Dorf verliess, wurde Robert muede und krank und wollte nicht einmal mehr Auto fahren. Wir dachten damals, dass er den Winter vielleicht nicht ueberlebt, einen Zusammenhang mit Martine sah jedoch keiner, ein alter Mann wird wird eben irgendwann muede und krank. Seine Familie hat ihm damals dennoch den Lieferwagen, einen Peugeot 404, wieder hergerichtet, selbst vom TUEV wurde er abgenommen, weil es das einzige war, von dem sie hofften, dass es ihm Freude machen und Lebensmut geben koennte, um den Winter zu ueberstehen und um ihn im Fruehjahr wieder hinauszulocken. Wirklich fahren lassen wollte ihn natuerlich keiner mehr. Den Winter hatte er dann ueberlebt, raus ging er seither aber fast nicht mehr, und wenn, dann wirklich nur, um mal nach dem Auto zu kucken. Er setzte sich hinein, rauchte, machte aber zur Erleichterung aller keine Anstalten zu fahren. Und seit kurzem ist Martine wieder im Dorf und Robert ist wie ausgewechselt; alle denken, das Herannahen seines doch hohen runden Geburtstages habe ihn ein bisschen aufgeputscht, aber ich bin sicher, es ist Martine. Seit Monaten geht er kaum vor die Tuer, aber neulich stapfte er durchs halbe Dorf, um die Gymnastikmaedchen im alten Schulhof zu beobachten (die „Maedchen“ sind zwischen 9 und 79 Jahre alt!), zu denen jetzt auch wieder Martine gehoert, und man sieht ihn jetzt oefters wieder unterm Nussbaum am anderen Ende des Dorfes sitzen, von wo er den Blick auf die Berge aber natuerlich auch auf das Haeuschen hat, in dem Martine jetzt wohnt. Tatsaechlich folgte er ihr an einem ihrer ersten Tage hier im Dorf in ihr Schlafzimmerchen und bot an, gerne auszuhelfen, wenn denn Not an Mann sei. Meine Freundin fand das komisch, ich nicht. Sie sagte, ach komm, Christjann, gegen den kann ich mich grad noch wehren, und ich denke, ja heute kannst du das, vor fuenfzig Jahren waere das vielleicht nicht so lustig gewesen. Und ich denke, was der so alles angestellt haben mag und das alles vor den Augen seiner Frau… aber so sind sie die Suedfranzosen, immer, auch in hohem Alter allzeit bereit, und warum mir das heute dann doch kein Schmunzeln hervorrufen mag, das wissen die Goetter. Aber wir wollen nicht schon wieder so kritische Toene anschlagen, ist ja angesichts eines so hohen Geburstags auch nicht angebracht, n’est-ce pas?

Und Robert faehrt wieder sein Lieferwaegelchen! Immerhin ist es ja fahrbereit. Jetzt ist seine Familie dann doch nicht einverstanden und es gibt immer grosses Geschrei, denn Robert faehrt bevorzugt unbefestigte Pisten, und sind die Straesschen hier schon eng, so sind es die Pisten noch einmal mehr, sie sind gerade so breit wie ein Auto und an einer Seite gehts in der Regel steil bergab. Aber vorgestern nachmittag ist er dann mal wieder ausgebuext, eigentlich wollte er eine Tour mit Martine machen, aber alle Ueberredungskunst nuetzte nichts, so dass er letztlich alleine eine Runde drehte und dann unterhalb des Dorfes zu der Obstbaumwiese fuhr, wo seine neunzigjaehrige Frau Birnen von den Baeumen ruettelte. So sammelten die beiden Alten gemeinsam Birnen und fuhren dann gemeinsam wieder nach Hause. On va se faire engueuler, sagte seine Frau, die befuerchtete, dass ihre Tochter ihnen beiden den Marsch blasen wuerde, aber er winkte nur ab, na wenn schon, Spass hat’s gemacht. Sie rumpelten aber doch vorsichtshalber von der Hinterseite an den Hof heran und parkten das Auto heimlich wieder da, wo es stand, luden die Birnen ab, und dann wackelten sie, jeder von einer anderen Seite kommend, ein wenig zeitversetzt nach Hause. Dass alle im Dorf sie gesehen haben und von weitem das ruckelnde und ab und zu davonschiessende Auto nervoes beobachtet und zudem eiligst ihre Tochter alarmiert haben, war ihnen entgangen. Aber diese schwieg ausnahmsweise, als wisse sie von nichts, die beiden Alten sagten auch nichts, sie assen abends nur mit roten Baeckchen und blitzenden Augen vergnuegt ihre Suppe.

ps: wie ihr den fehlenden Umlauten und sz’s ansehen koennt, gibts neue technische Probleme, und ich kann zudem zur Zeit keine Fotos veroeffentlichen – schade, denn zu Roberts Geburtstag gabs gestern einen Kuchen in Form seines Peugeot 404!

pps: ab hier folgt jetzt Eigenwerbung! Wer das nicht will, muss JETZT aufhoeren zu lesen!

Ich bin bald in Deutschland und die sozusagen weltweit einzige Lesung findet am 28.10.2009 um 20.00 Uhr in der Buchhandlung Ruthmann in Mainz-Hechtsheim, Alte Mainzer Strasse 4 statt. Am 31.10.2009 bin ich dann nochmals live und in Farbe vormittags von etwa 11.00 bis 13.00 Uhr und nachmittags von 15.00 bis 17.00 Uhr in Heidelberg in der Buchhandlung Schmitt & Hahn in der Hauptstrasse zu finden (das ist vom Bismarckplatz kommend gleich vorne rechts) und dort schreibe ich nette Dinge in Buecher, Signierstunde nennt sich das. Freu mich auf euch!

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Schlaflos in Chateauneuf

Ich weiß nicht, ob ihr Veras Koreablog lest, aber da tun sich zur Zeit unglaubliche Dinge. Sie hat ein Buch aus ihrem blog gemacht, wie manch andere(r) auch und steht jetzt im Kreuzfeuer der koreanischen Kritik. Ich habe das Buch gelesen…

einfach um zu wissen, um was es geht, aber es ist egal, ob ich das Buch lustig, langweilig oder kritisch finde, interessant ist die Tatsache, dass sie in Ihrem Buch Kritik an Korea übt, schon ausreicht, dass man sie überall wüst beschimpft. Keine Kritik an Korea, schon gar nicht von einer Ausländerin.

Das kann man gewiss verallgemeinern. Hat ein Ausländer das Recht in einem fremden Land Kritik zu üben? Vermutlich nicht. Mit Nationalstolz geschwellter Brust lässt sich auch der Franzose schon gleich gar nichts sagen. Sätze wie „In Deutschland ist das aber so…“  werden einfach nicht gern gehört und über Frankreich sage man bitte nur Gutes! Und ich denke, das ist überall so. Außer vielleicht in Deutschland: Wir mit unserer jüngsten Vergangenheit, noch immer schuldig und gramgebeugt, sind immer gleich eingeschüchtert und wir kritisieren uns fleißig selbst, noch bevor irgendjemand von außen etwas gesagt hat. Und Nationalstolz hat bei uns gleich einen faden Beigeschmack mit Arm heben undsoweiter.
Seit ich in Frankreich lebe habe ich die stereotype Kritik an uns Deutschen mit der ich hier ständig konfrontiert werde, aber auch ein bisschen satt, bei aller Selbstgeißelung, zu der ich auch neige, und ich würde mich heute auch nicht mehr gerne in Deutschland von Ausländern kritisieren lassen. Mann, so ist da hier, so essen wir, so leben wir und so reden wir eben und wenn’s dir nicht passt, dann geh nach Hause. Ich bin erstaunlich bewusst Deutsche, seit ich in Frankreich lebe, auch wenn ich mich hier doll anpasse und versuche a la française zu leben. Und es ist ein bisschen so, wie ein paar Koreaner in Veras Blog sagen, wenn schon Kritik an Korea, dann von Koreanern. Also, wenn schon jemand Deutschland kritisieren darf, dann bitte ich. Oder meinetwegen andere Deutsche.

Mein Buch über Frankreich wird von Deutschen, so weit ich das beurteilen kann, gerne gelesen, ein Kritiker bei amazon verstieg sich kürzlich soweit, zu sagen „dieses Buch macht glücklich“. Das zu lesen, macht mich wiederum ziemlich glücklich. Die Franzosen sehen das vielleicht nicht ganz so, vor allem nicht die in meiner direkten Umgebung. Von Paris aus lesen sich die netten Geschichten der kauzigen Dorfbewohner auch wieder anders. Man ist ja nicht betroffen.
Eine Französin, die, dank einiger Jahre Deutschlanderfahrung, mein Buch lesen konnte und es hier in einem literarischen Lesekränzchen auszugsweise den anwesenden Dorfbewohnern vorstellte, findet trotz allen Wissens um die Direktheit der Deutschen meinen Stil „cru“, das heißt sehr direkt, knallhart, kritisch – und sie sagte, wenn auch lachend, „ich fragte mich beim Lesen die ganze Zeit, warum sie nicht ihren Rucksack nimmt und wieder nach Hause fährt“. Ups, das saß. Anscheinend macht mein Buch sie nicht glücklich. Tatsächlich hatte ich nachts einen Alptraum, in dem sie mir freundlich aber bestimmt sagte, ich müsse Frankreich sofort verlassen. Das hat mich wirklich ein paar Tage umgetrieben, und ich habe Angst, dass eines Tages die Zweitwohnsitzler erfahren, dass ich sie nicht mag und dass ich mich im Buch kritisch äußere und dass sie mich lynchen werden oder erst mal zur Abschreckung nur meine Katzen. Ich habe das Buch bislang noch nicht an „meine Hoffamilie“ gegeben, weil ich Angst habe, dass sie mir übel nehmen, dass ich öffentlich geschrieben habe, der Hof sei schlampig, auch wenn ich dem noch so viel Positives entgegensetze.

Gerade habe ich das Buch von Nathalie Licard gelesen, die eine Zeitlang in der Harald-Schmidt-Show auftrat, als Stimme, als Frankreichkorrespondentin, als unfreiwillig komische Persönlichkeit. Ich bin bekennender Harald-Schmidt-Fan und die Zeit mit Nathalie habe ich noch in Erinnerung, außerdem traf ich Nathalie mal auf einem privaten Fest in der Kölner Südstadt, wo sie allerdings mit den anwesenden Franzosen rumwitzelte, und wenn man kein ausreichendes Französisch sprach, kam man nicht richtig rein in die ausgelassene Gruppe.
Nathalie schreibt von ihrem Alltag in Deutschland, ein bisschen schräg, ich finds lustig, vielleicht auch, weil ich die Art zu sprechen nachvollziehen kann. Aber sie änderte nicht mal die Namen ihrer Freunde – ob das für alle gilt, weiß ich nicht, aber ein paar habe ich namentlich wiedererkannt, hopste ich doch eine Zeitlang in der gleichen WDR-Deutschlandfunk-und-Verlags-Szene herum. Wie macht sie das? Nimmt ihr das keiner übel?
Ich habe in meinem Buch wenigstens alle Namen geändert – die Leute hier können natürlich ahnen, von wem ich schreibe, oder sie wissen es auch, aber außerhalb des Tales bin ich hoffentlich sicher. Mich macht das alles nervös, denn es wird immer enger, meine Familie, meine Schwiegerfamilie, meine Freunde, deutsche Verwandte von Dorfbewohnern, Ex-Kollegen, alle lesen mit. Worüber kann ich schreiben, wen und was darf ich noch kritisieren? Wie machen das professionelle Autoren? Ich habe mal gekuckt, Harald Martenstein schrieb kürzlich über Mainz und Wiesbaden und jetzt gerade über seine Katze. Bald schreibe ich vermutlich auch nur noch unverfängliche Geschichten über das Wetter und meine Katzen.

Oder ich lege mir ein Pseudonym zu. Das hätte ich vielleicht von Anfang an machen sollen.
Ich habe angefangen ein literarisches Bulletin für eine Internetseite zu übersetzen, das bzw. die von einem kleinen Kreis Krimiverrückter Menschen herausgegeben und unterhalten wird (http://www.polarophile.com), sie beschäftigen sich viel mit den Pseudonymen und anderen Masken der (Krimi-)Schriftsteller. Der Herausgeber ist geradezu besessen von der Idee, herauszukriegen, wer hinter welchem Namen steckt. Ist ja auch interessant, es gibt ein Beispiel, das mich wirklich beeindruckt hat, es ist die Geschichte von Romain Gary bzw. seinem Pseudonym Emile Ajar. Wer das schon kennt, kann jetzt die nächsten Sätze überspringen. Romain Gary war ein anerkannter Schriftsteller in Frankreich, der in den fünfziger Jahren einmal den Prix Goncourt gewonnen hatte. Irgendwann hatte er das Gefühl, die Literaturkritik nähme ihn nicht mehr wahr, und er schrieb einen Roman unter dem Pseudonym Emile Ajar, den er in einem komplizierten Szenario geheimnisvoll über einen Freund an einen südamerikanischen Verlag lancierte und vorgab inkognito bleiben zu wollen. Das Buch wurde verlegt, wurde erfolgreich und der neuentdeckte Autor Emile Ajar bekam den Prix Goncourt. Emile Ajar wurde berühmt, Gary musste seinem Pseudonym Gestalt geben und wählte dafür seinen Neffen aus, der sich als exzentrischer Schriftsteller aufspielte. Gary wuchs diese ganze Geschichte bald über den Kopf und er wurde eifersüchtig auf sein von ihm erfundenes Pseudonym. Er versuchte wieder unter seinem Namen zu schreiben, wurde aber weiterhin nicht wahrgenommen, und als er versuchte in dem Stil zu schreiben wie er es unter dem Pseudonym tat, wurde er als Plagiator von der Kritik verrissen. Die Absurdität dieser Geschichte ließ ihn wahnsinnig werden, er nahm sich 1980 das Leben – aufgedeckt hat er den Schwindel in seinem Testament nach seinem Tod.

Nun ich will nicht wahnsinnig werden, aber ich will die Freiheit, zu schreiben, was ich will.
Ohne, dass ich auf alle Empfindlichkeiten der Welt Rücksicht nehmen muss.
Ich denke noch über einen Namen nach…

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Ärgernisse

Kaum hatte ich den letzten Text veröffentlicht, hat ein erneutes Gewitter nicht nur den Strom sondern auch unsere nagelneue DSL-Leitung zum Erliegen gebracht. Der dafür erstellte schrankartige Kasten, der unterhalb meines Badezimmerfenster zu stehen kam, surrte und vibrierte nicht mehr, er war tot.

Das Modem, die sogenannte Live-Box, ein Name, den ich persönlich sehr passend finde, ich assoziiere so etwas wie einen Herzschrittmacher: so lange die Live-Box geht sind wir mit dem Leben der Welt verbunden -, blinkt beim Symbol @ nur hektisch rot anstatt durchgehend grün zu leuchten. Ich rief am nächsten Morgen bei der Hotline an, klicke mich durch das Anmeldeverfahren (Wenn Sie für die Nummer Soundso anrufen, drücken Sie die 1… wenn Sie Fragen zu Ihrer Rechnung haben oder eine Rechnung begleichen wollen, drücken Sie 2, für alle anderen Fragen drücken Sie die 3… Wir werden Sie sobald wie möglich mit einem unserer Service-Angestellten verbinden, die Wartezeit beträgt weniger als acht Minuten… ) und lande bei einem höflichen Menschen, der alle zwei Sekunden Madame zu mir sagt „ja, Madame“, „nein, Madame“, „haben Sie schon ihre Live-Box überprüft, Madame“, undsoweiter. Da ich nicht klüger als der Arzt sein wollte, gab ich nur die Symptome „Kein Internet“ und „Live-Box blinkt“ durch, nicht aber das, was ich bereits wusste: generelle Panne der externen Technik. Dummer Fehler. Man schickte mir am nächsten Tag einen Techniker, der die Live-Box überprüfen sollte. In der Zwischenzeit haben aber alle mit Internet ausgestatteten Dorfbewohner mir ihr Leid geklagt: Christjann! Internet geht nicht! Ich sage beschwichtigend, keine Sorge, Techniker kommt schon. Leider ist es aber nur der Techniker für die Live-Box der mairie, der sehr nett ist, sich von allen Dorfbewohnern ihr internteloses Leid anhören muss, dann aber achselzuckend vor dem toten Internetschrank steht, für den er weder Schlüssel noch Kompetenz hat. Die Live-Box überprüft er angesichts der generellen Panne dann erst gar nicht. Er versucht aber einen kompetenten Techniker zu erreichen. Es ist Freitag Mittag im August, alle die können, sind in Urlaub. Die anderen sind überlastet. Eventuell kommt jemand am Samstag. Es kommt natürlich niemand. Am Sonntag auch nicht, aber das habe ich auch nicht wirklich erwartet. Montags rufe ich wieder die Hotline an (Wartezeit weniger als vier Minuten immerhin), denn meine Dorfbevölkerung ist jetzt ziemlich ungehalten: Internet geht nicht, merde alors! Wir überlegen, ob wir die Hotline alle zwei Minuten anrufen, damit sie für uns die Internetrecherchen machen, die wir nicht vornehmen können, das könnte den Vorgang beschleunigen. Fragen wie etwa: Wie hieß das Lied, das bei Michael Jacksons Beerdigung von der hochschwangeren schwarzen Frau gesungen wurde? Was tun bei braunen Flecken auf Tomaten? Wir suchen ein nettes Hotel an der italienischen Riviera… Könnten Sie bei amazon eine Bestellung für einen Wanderführer aufgeben?… Es ist aber nicht nötig, denn man sagt mir auch so einen Techniker für Montag Nachmittag zu, denn wir sind immerhin eine öffentliche Einrichtung und auch wenn wir nur ein sehr kleines Dorf sind, so liegt doch das ganze Dorf internetmäßig lahm. Tatsächlich kommen zwei Männer, die geheimdienstartig vor dem Schrank parken und sich schweigend zwischen Auto und Schrank klemmen, mit ernstem Gesicht telefonieren und dabei niemandem ansehen und mit niemandem reden. Erst als ich sie bitte zur Klärung der Lage in die mairie zu kommen, erbarmt sich einer mir zu sagen, dass sie gekommen sind, um eine Art Blitzableitertechnik zu installieren, was sie aber nicht können, da sie ein Problem mit der Installation des Stromanbieters EDF haben. Immerhin erreichen sie, dass ein EDF-Techniker am gleichen Nachmittag hinzukommt. Drei Männer telefonieren nun wild in der Gegend herum, denn das Internet geht immer noch nicht, auch nachdem alles mögliche ausgetauscht und umgestöpselt wurde. Vermutlich ist irgendeine Karte betroffen, die auszutauschen aber keiner der drei Männer befugt ist, abgesehen davon, dass sie solch eine Karte auch nicht dabei haben. In der Zwischenzeit stehen alle Dorfbewohner um die drei Techniker herum und schimpfen temperamentvoll und theatralisch, was ich so nicht fertig bringe, auch wenn ich ebenfalls schon ziemlich genervt bin: Fünf Tage ohne Internet! Am Abend verschwinden die Techniker, versprechen mir einen weiteren Techniker für den späten Abend, der die besagte Karte austauschen wird. Der angekündigte Techniker kommt weder am Abend, noch in der Nacht und auch nicht am nächsten Morgen. Ich rufe also wieder die Hotline an und treffe auf einen stoffeligen undeutlich redenden Menschen, der mich anhand seines standardisierten Fragebogens so Dinge abfragt wie „Haben Sie überprüft, ob Ihre Live-Box eingeschaltet ist?“. AAAAHHHH!!!! Ich koche innerlich und nachdem er mich mehrmals in die Warteschleife gehängt hat, um dann zum dritten Mal lahm nach meiner Telefonnummer zu fragen, bin ich drauf und dran, laut schreiend durchs Dorf zu laufen. Er weiß nicht weiter, wird sich aber kümmern, sagt er. Später erhalte ich dann tatsächlich eine sms, dass ich am nächsten Tag gegen Mittag mit einem Spezialisten einen Telefontermin habe. Am nächsten Tag fahren bereits morgens vier Techniker mit zwei Autos vor den immer noch toten Internetschrank und arbeiten wiederum geheimdienstartig vor und in dem Schrank. Ich frage mich, ob das in den kommenden Tagen weiterhin exponentiell zunehmen wird und spreche dieses Mal mit niemandem mehr, ich glaube nicht mehr an eine Internetverbindung, und wenn, wird sie auch ohne meine Vermittlung kommen. Die Dorfbewohner aber stehen ungehalten um die vier telefonierenden Techniker. Diese sind eher schweigsam und verschwinden nach einer kleinen Weile leise wie sie gekommen sind. Aber siehe da, ein großer Seufzer der Erleichterung geht durchs Dorf und man ruft es sich von Balkon zu Fenster zu: Internet geht! Nicht aber in der mairie. Und auch nicht bei einer weiteren Nachbarin. Ich habe meinen Telefontermin mit meinem Spezialisten, der mich sehr unspezialisiert wiederum fragt, ob ich die Live-Box schon mal aus- und wieder eingestöpselt hätte, nachdem die Techniker da waren. Langsam werde auch ich ungehalten, was ich mir in meiner Nicht-Muttersprache eigentlich immer verkneife, weil ich die feine Grenze zwischen höflicher Aufgebrachtheit und grober Unhöflichkeit sprachlich nicht ziehen kann. Ich wage zu sagen, dass es meines Erachtens an der Live-Box liegt, die zusätzlich zu der großen Panne vermutlich einen Blitzschlag abgekriegt hat. Mir wird geantwortet, dass eine Panne der Live-Box laut vorliegendem Dossier nicht sein kann, da bislang keine defekte Live-Box gemeldet wurde. Ja, sage ich, weil sie bislang von keinem Menschen überprüft wurde. Das kann seiner Ansicht nach bei der Anzahl der Techniker, die immerhin da war, nicht sein, da ich aber nur noch unfreundlich zische, verbleiben wir dennoch so, dass mir erneut ein Techniker für den Folgetag versprochen wird. Dieser kommt und stellt tatsächlich eine defekte Live-Box fest, er hat aber, wieso sollte er auch, natürlich keine zum Austausch dabei. Sie wird mir aber für den Folgetag versprochen, ich bekomme sie sogar geliefert und muss sie nicht wie die Nachbarin mit der gleichen Panne irgendwo in Nizza abholen, denn wir haben ja einen Pro-Vertrag, der vorsieht, dass alles binnen 24 Stunden repariert wird. Wir sind schon bei der 224. Stunde und ich bin entsprechend erschöpft. Die Live-Box wird aber nur geliefert bzw. ausgetauscht, einen weiteren Techniker zur erneuten Installation sieht das System nicht vor. Geliefert wurde ein früheres, klobigeres Modell der Live-Box, die Kabel, die mir von meiner defekten Live-Box blieben haben andere Farben. Ich versuche dennoch mein Glück, scheitere leider bei der Eingabe des Passwortes und rufe irgendwann entnervt die Hotline an. Ich bin schon auf alles gefasst, auf 25 Minuten Wartezeit, auf die Frage, ob ich die Live-Box eingeschaltet habe und dergleichen mehr, nicht aber darauf, eine nette junge und kompetente Frau am Hörer zu haben, die alles sorgsam mit mir installiert und dann sagt, ich rufe sie am Montag wieder an, um zu hören, ob weiterhin alles gut geht. Ich fasse es nicht und frage, ob ich für eventuelle spätere Pannen ihre direkte Durchwahl haben kann. So etwas geht natürlich nicht, ich frage nach, wo sie sitzt, denn dann frage ich bei Bedarf wenigstens nach Ihrer Plattform und stoße, wenn ich Glück habe, vielleicht wieder auf sie. Und was glauben Sie, wo sie sitzt? In Tunis! Unglaublich.
Ich weiß nicht wie lange die Verbindung hält, bis zum nächsten Gewitter vermutlich, ich versuche bis dahin maximal davon zu profitieren. Ich weiß nicht wie schnell und leistungsstark Ihre Internetverbindung ist, hier haben wir ein lächerliches Giga zur Verfügung, mehr verträgt die Leitung nicht. Das ist ganz schön langsam und instabil. Aber ich will nicht zu doll meckern, ein Giga, wenn es denn da ist, ist besser als gar nichts.

Ich weiß nicht wie viele Jahre lang ich noch Post für die Auberge und für Patrick bekommen werde. Ich dachte, alles gekündigt und umgemeldet zu haben, aber ich bekomme noch immer täglich Post für ihn. Heute zum Beispiel eine ultimative Mahnung, wenn ich nicht binnen 24 Stunden die Telefonrechnung der Auberge für die letzten drei Monate zahlte, würde meine Akte an einen Gerichtsvollzieher übergeben. Ich habe das Telefon bereits im Juni gekündigt. Ich habe zudem niemals eine erste oder zweite Mahnung bekommen…
In der Post war ebenso die freundliche Mitteilung einer Kommission, die darüber entschieden hat, dass Patrick krankenbeihilfefähig sei, und wenn er zur Vervollständigung seines Dossiers noch einmal die Dokumente x, y und z beilegen würde, könne ihm rückwirkend ab dem 1.6.2009 bis einschließlich 1.6.2011 monatlich eine gewisse Summe gewährt werden. Es ist so üblich, dass das gesamte Dossier versendet wird, das ich sentimental durchblättere und sehe, den Antrag haben wir mit großer Dringlichkeit Anfang März gestellt, die Kommission hat dann ganz fix bereits am 8. Juli getagt. Dabei lag ihnen zwischenzeitlich sogar der Totenschein von Patrick vor, ich finde ihn beim Durchblättern. Ich rufe dort an und frage nach, der Dame ist das sehr unangenehm, dass die Kommission zwei Monate nach dem Tod von Patrick über seine Krankenbeihilfe entschieden hat.

Ich habe keine Ahnung, ob das in Deutschland in vergleichbarer Situation genauso unkoordiniert läuft und ob Internetinstallationen in ländlichen Gegenden wie, sagen wir mal der Uckermark oder auf der Schwäbischen Alb, genauso vor sich hindümpeln. Hier ringen mir diese Ärgernisse große genervte oder im besten Falle auch nur resignierte Seufzer ab. Aber was soll ich machen. C’est comme ca, hein…

So weit war ich vor gut einer Woche, zögerte, ob ich so einen unzufriedenen Text veröffentlichen sollte, und ob mir nicht beim Veröffentlichen noch ein netter Abschlusssatz einfallen könnte – ich sitze also im Büro der mairie, versuche Typepad zu öffnen, uns siehe da, die gerade wieder gefundene Internetverbindung hatte sich schon wieder verabschiedet. Tatsächlich kann man das nur mit buddhistischer Ruhe und einem Stoßseufzer gen Himmel ertragen. Ich weiss nicht, welcher Gott oder welcher Heilige für die Technik zuständig ist, aber vermutlich ist er auch gerade im Jahresurlaub. Ich stöpsele alles aus und um und wieder zurück, aber es bleibt tot. Wenn da nicht die nette junge Frau aus Tunis gewesen wäre, die tatsächlich wieder anrief und –erfolglos- alles mit mir durchprüfte und dann einen Techniker beauftragte, der alles, aber auch wirklich alles abchecken sollte, der dann auch kam und schweigsam aber gewissenhaft alles überprüfte und mir noch mal eine neue Live-Box daließ und sie sogar installierte, dann säßen wir vermutlich immer noch ohne Internet da.
Ich profitiere von der gerade existenten Verbindung und schicke diesen techniklastigen und unzufriedenen Text raus, dann habt ihr wenigstens eine Ahnung mit was man außerhalb von Großstädten so zu ringen hat, wenn man mit der Welt kommunizieren will. Falls ich länger abwesend sein sollte, liegt es in der Regel an dem wackeligen Internetsystem, das schon zusammenbricht, wenn drei Leute zur selben Zeit online sind und einer davon zu laut niest.
Und falls ihr wisst, wer der Schutzheilige fürs Internet ist, schickt ihm, wen ihr könnt, eine kurze mail, damit er ab und zu ein bisschen hierher kuckt und seine Energie sendet. Danke und Amen.

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Sommer

Wir haben Sommer, und anders als bei Freya in Finnland, wo nach dem Winter gleich schon wieder vor dem Winter ist, werden wir hier mit einem richtigen Sommer für den langen Winter versöhnt. Es ist heiß, es ist sonnig, der Himmel ist blau, ich halte mehrfach am Tag meinen Kopf unter das fließende Brunnenwasser und gelegentlich hänge ich auch meine Füße in den Brunnen. Jetzt müsste einem nur noch jemand ein Eis servieren…

Letztes Jahr flitzte ich mit geschwollenen Füssen treppauf und treppab und war für solche Wünsche zuständig. Ganz ehrlich, es fehlt mir nicht. Die Auberge darf jetzt gern jemand anders machen.

Ich genieße, dass ich diesen Sommer „normale“ Arbeitszeiten habe, denn ich kann zum ersten Mal seit drei Jahren wieder am kulturellen Sommerleben teilnehmen. So war ich kürzlich abends bei einem afrikanischen Konzert in einer kleinen Provinzstadt, und habe das sternenklare aber noch sonnenwarme Ambiente auf dem kleinen Platz vor der alten Kirche sehr geliebt.

Es gibt hier jedes Wochenende in irgendeinem Dorf ein Sommerfest jeweils vom comitée des fêtes organisiert, dazu gehört traditionell neben dem Kirchgang und der Prozession zum Kriegerdenkmal inklusive Absingen der Marseillaise das große Essen auf dem Dorfplatz und am Ende Tanz bis in die frühen Morgenstunden beim Grand Bal, wer was auf sich hält hat eine live-Band eingeladen, oder wenigstens einen Diskjockey. In Châteuneuf ist das ein sehr familiäres Fest, das heißt, so richtig offen für Außenstehende ist man nicht, alle laden Freunde und Familie ein und man bleibt so schön unter sich. Es ist auch der einzige Tag im Jahr, wo ich mich nicht so richtig dazugehörig fühle, weil die Tische familienweise vergeben werden. Es gibt dann zwar immer einen Aschenputteltisch für die, die ohne Familie aber irgendwie dennoch da sind. Ich finde das aber immer ein bisschen kränkend, und dieses Jahr war ich ja noch ein bisschen alleiner, da musste ich schon manchmal schlucken. Trotzdem ist es ein tolles Ambiente, wenn etwa 200 Menschen auf dem Dorfplatz zusammen essen und dieses Jahr war es wirklich warm und sternenklar. Letztes Jahr gab es ein riesiges Sommergewitter mit 20cm Hagelniederschlag, da waren Stimmung und Fest ziemlich schnell dahin. Da ich ja nun nicht mehr für die unglücklich im Zentrum des Sommerfest-Geschehens liegende Auberge zuständig bin, dort also weder wohnte noch Gäste hatte, konnte ich das Fest auch richtig genießen, und musste mir erstmals weder um lärmgeschädigte Gäste noch um früh aufstehende Wanderer oder um meine Müdigkeit Sorgen machen.
Ich habe zur Zeit viele schöne Begegnungen mit ehemaligen Gästen, die ein bisschen betrübt vor der geschlossenen Auberge stehen. Oft gehen wir dann irgendwohin zusammen essen und reden – über den vergangenen Urlaub, über Patrick. Es ist schön zu sehen, dass Gäste wiederkommen, dass wir gute Arbeit gemacht haben, dass wir im Gedächtnis geblieben sind. Es tut mir gut, und ich bin sicher auch Patrick freut sich darüber, da wo er jetzt ist. Aber ich merke auch, es ist gut, dass ich es nicht mehr mache. Die Auberge wird ab September von jemand anderem übernommen. Ich zucke zwar ein wenig zusammen, wenn ich sehe, dass sie ausgestopfte Tierköpfe an die Wände hängen und sich dekorationsmäßig sehr Richtung „Jagd“ bewegen. Aber nun ja, jeder wie er will.

Es ist Sommer und typisch französisch für mich sind im Sommer unbedingt der brumisateur und die menthe à l’eau. Der brumisateur heißt auch atomiseur und ist eine Dose, die nach Haarspray aussieht, es ist aber Wasser darin und das wird zur Erfrischung bei großer Hitze in feinem Nebel auf Hals, Dekolleté und ins Gesicht gesprüht. Da gibt es große Qualitäts- und Preisunterschiede, immer ist es natürlich reines Quellwasser aus Vichy oder einem anderen Thermalbad, und in der Regel sind die Dosen zart hellblau oder rosa designt. Ich merke ehrlich gesagt keinen Unterschied, höchstens den der Frische, wenn die Dose und der daraus strömende Wassernebel gut gekühlt aus dem Kühlschrank kommen. Am Anfang fand ich diese Dosen albern und affig und eine ziemliche Geldverschwendung, in der Zwischenzeit habe ich aber auch immer eine im Kühlschrank, die ich mitnehme, wenn ich „nach unten“ fahre, also runter vom Berg ins aufgeheizte Tal.
Als ich letztens in Nizza war suchte ich dort verzweifelt eine Drogerie mit gekühlten Brumisateurdosen, es gab nur ungekühlte, und die hab auch nicht auf Anhieb als solche erkannt, da die Größe der Dose und das Design mit angedeuteten Badezimmerkacheln und grober Schrift mir so plump erschienen. Das Wasser kommt zudem aus Plombières. Ich las im Vorübergehen „Eau … Plombièr … Bains“ und dachte mit meinem überhitzen Kopf allen Ernstes, es ist Wasser für Installationsarbeiten im Badezimmer. So eine abstruse Idee kann einem auch nur kommen, wenn es zu heiss ist. Ich ging nicht erkennend daran vorbei und fragte zum Schluss an der Kasse nach brumisateuren und als der Kassierer mir freundlicherweise just diese Dose brachte, war ich ein bisschen verlegen, als ich erkannte, dass die Dose kein Wasser für den plombier enthält, der im Bad werkelt, sondern Eau de Plombières les Bains, also Wasser aus einem Thermalbad in den Vogesen. Ich hab sie ohne Widerrede gekauft.

Um sich im Sommer innerlich zu erfrischen trinkt man in Frankreich alle Arten von Sirup verdünnt mit Leitungswasser wahlweise auch mit Mineralwasser. Ich kenne aus meiner deutschen Kindheit Himbeersirup, danach gab es eine kurze Tritop-Phase, vielleicht täusche ich mich, aber ich denke, so richtig haben die Fruchtsirups bei uns nicht Fuß gefasst, vielleicht auch wegen der heftigen Zuckerhaltigkeit und der künstlichen Farbstoffe. Ich bin hier in der Zwischenzeit Fan von Zitronensirup geworden, am liebsten mag ich den von grünen Zitronen. Es gibt in jedem größeren Supermarkt Regalmeter voller Sirups, x-Marken und tausendundeine Geschmacksrichtung, Erdbeer, Banane, Kiwi, Mandarine, Pfirsich, Ingwer, Mandel, Mango… in vielen schönen bunten Farben, die Klassiker aber sind Grenadine und Minze. Knallrot und Giftgrün. Die werden hier auch gern mal mit Bier oder mit Pastis vermischt, das gibt dann Getränke die Monaco oder Perroquet heissen. Die Mischung aus Anis und Minze mag ich mir geschmacklich gar nicht vorstellen und das milchige Grün des sogenannten Perroquets finde ich auch mehr als gewöhnungsbedürftig. Schon allein die künstlich giftgüne Farbe des Minzsirups finde ich abstoßend, und eine meiner ersten Frankreichurlaubskindererinnerungen ist genau das: eine menthe à l’eau, auf irgendeinem Jahrmarkt von einem netten Kioskbesitzer spendiert bekommen, vermutlich weil ich so ein braves blondes Mädchen war. Er wollte mir natürlich eine Freude machen, aber ich kann noch heute den Ekel spüren, den mir dieses grüne Gebräu verursacht hat, das ich keinesfalls austrinken konnte: beurk (sprich „börk“, wie das französische „Igitt“ heißt.). Nun wollen wir ja nicht auf Erinnerungen von 1967 sitzen bleiben, also hab ich im freiwilligen Selbstversuch vor kurzem eine menthe à l’eau getrunken, mit viel Eis an einem heissen Tag. Unglaublich, abgesehen von der Farbe fand ich sie tatsächlich erfrischend und wohlschmeckend. Tatsächlich hab ich die letzte Flasche Minzsirup aus Aubergebeständen trotz des giftigen Grüns dann nicht verkauft sondern selbst behalten.

Voilà, Eddy Mitchell, der ein Mädchen besingt, dass Augen hat wie eine menthe à l’eau
Einen schönen Sommer, wo immer ihr seid!

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