WMDEDGT 1/16

Yepp! Ich bin dabei! Seit Tagen bereite ich mich auf den 5. vor und dachte zwischenzeitlich der 4. wäre interessanter gewesen, aber es soll ja der 5. sein, an dem Frau Brüllen, die wirklich jeden Tag bloggt, das muss man sich mal vorstellen, JEDEN Tag!, also sie will von uns wissen, was wir eigentlich so machen, an diesem Tag. Als ich das erste Mal daran teilnahm und ich Monsieur nach vollbrachter Tat meine Version übersetzte, fragte er fassungslos „Und das interessiert die Leute?“ Ich zuckte die Achseln. Einmal im Monat ist die Poesie des Alltäglichen, wie Marion so schön kommentierte, vielleicht erträglich? Wenn nicht, lassen Sie es mich wissen.

Der Tag heute begann natürlich schon heute Nacht, denn nach einer langen Bügelsession vor L’amour est dans le pré (die französische Variante von „Bauer sucht Frau“) blieb ich faul auf dem Sofa an der nachfolgenden Relooking-Sendung hängen und schwupps war Mitternacht vorbei, ein abschließender Klick auf FB lässt mich erstarren und ich versuche mich zu informieren, was vor dem Hauptbahnhof in Köln in der Silvesternacht wirklich passiert ist und frage mich, warum man das alles erst vier Tage später erfährt, um halb zwei gehe ich endlich ins Bett, aufgewühlt. Insofern schlafe ich schlecht und erst besonders tief gegen morgen, bis Pepita kurz vor Neun ins Bett hüpft, um zu sehen, warum ich nicht aufstehe. Gefressen hat sie natürlich schon, das wäre ja auch noch schöner, Gottseidank ist Monsieur ein zuverlässiger Frühaufsteher. Monsieur ist aber gleichzeitig stark erkältet und schwächelt, und deswegen fährt er nicht alleine, sondern werde ich ihn zu einer Nachkontrolle (wir hatten im Sommer eine kleine Lungenembolie) in die Klinik nach St. Laurent du Var fahren, damit ist mein Vormittag vermutlich ausgelastet denke ich und hoffe, ich kann die Wartezeit dort wenigstens nutzen, indem ich mal zeitnah meine ohnehin immer verspätet eintreffende Wochenzeitung lese. Kurzer Blick in Facebook, die Artikel zur Silvesternacht häufen sich, viele Kommentare werden, wie gewohnt, ätzend. Glücklicherweise habe ich keine Zeit, mich dort hineinzuvertiefen. Um Zehn fahren wir los, die Autobahn ist recht leer, im Radio, in dem man seit Tagen Lieder von Michel Delpech gespielt hat, einem Sänger, der vor ein paar Tagen gestorben ist und den man in Deutschland vielleicht aus den 70ern mit „Pour un flirt avec toi“ kennt, wenn Sie da schon Musik gehört haben zumindest, im Radio, wie gesagt, gehts heute überall um den Jahrestag des Attentats auf Charlie Hebdo. Um dreiviertel Elf sitzen wir im Wartezimmer, der Termin ist um Elf, um dreiviertel Zwölf kommt Monsieur dran, aber lesen kann ich in der ganzen Zeit kaum, denn meine neuen Bivokal-Probekontaktlinsen sind klasse für meine extreme Kurzsichtigkeit und ich kann jetzt (mit den Linsen versteht sich) prima alles sehen, was weit weg ist, aber gleichzeitig ist es schwierig meine rapide zunehmende (galoppierende, wie die Optikerin sagt) Weitsichtigkeit so einzustellen, dass ich die Dinge, die nah sind, auch erkennen kann. Bislang wurde alles scharf, wenn man es nur nah genug an die Augen hielt, jetzt ist es umgekehrt, ich bin in einem unscharfen Nahbereich und es nervt, denn ich kann nichts mehr lesen, zumindest ist es anstrengend, weil unscharf und wenn die Räume nicht gut ausgeleuchtet sind, wie hier im schummrigen Wartezimmer, geht gar nichts. Die Optikerin meint, ich sei gut „eingestellt“, wenn ich nix sähe, sei das sei ein Problem im Kopf und kein Problem der Linsen, aber wie dem auch sei, ich sehe nichts und nachdem ich einen Text entziffert habe, bin ich genervt und gebe auf. Ich stelle mich vor den Fernseher, der in einer Ecke hängt und schaue eine alberne Sendung, in der Paare beweisen sollen, wie gut sie sich kennen und es gibt ein Paar, das sieht so aus, als würde es sich nach der Sendung trennen, denn beide schaffen es nicht, die Antworten des jeweils anderen zu erraten und sie verlieren sich in aggressiven Erklärungen und sehen sich böse an. Im Wartezimmer läuft neben dem Fernseher auch Musik aus Lautsprechern in der Decke und der Telefonklingelalltag der Klinik ist ebenso im Hintergrund zu hören. Dieser vermischte Hörbrei ist genauso anstrengend wie meine unscharfe Sicht, also gehe ich in die Kantine und trinke einen Kaffee und dann gehe ich aufs Klo und dann ist Monsieur schon fertig, alles ist prima, oder sagen wir Lunge und Beine weisen keine Gerinnsel auf und das Herz poppert auch korrekt, wir können uns also zukünftig wieder auf die OP konzentrieren, die wir wegen der Embolie abgesagt hatten. Irgendwas ist ja immer. Wir warten dann aber noch eine knappe Stunde auf die Papiere, fahren danach zum Essen ins benachbarte Einkaufszentrum Cap 3000 in ein Selbstbedienungsrestaurant, wo man bei schönem Wetter draußen sitzen kann und einen Blick aufs Meer („Eat and Sea“) hat. Heute ist’s aber bedeckt und nicht sehr warm und wir sind drin. Monsieur isst Steak Frites und zum Nachtisch gibts Iles flottante, ich habe Kabeljau mit Reis und ein Crêpe, das bizarrerweise mit Erdbeeren und Vanillecreme in einem Glas angerichtet ist. Morgen beginnen les soldes, also der Ausverkauf, und Monsieur schlägt vor, eine Tour durch ein paar Schuh- und Klamottenläden zu machen. Ein neuer Pullover für ihn wäre nicht verkehrt, aber mit Blick auf seine fiebrigen Augen verweigere ich dieses Ansinnen und sage in strengem Krankenschwesterton, dass das einen Tag VOR dem Ausverkauf sowieso gar keinen Sinn mache. Kaum im Auto, schläft Monsieur, der eben noch Shopping machen wollte, beinahe sofort ein. Um Zwei sind wir zu Hause, Monsieur kriecht, weiterhin erschöpft, ins Bett und ich rufe meinen Optiker an: Ich kann gerade schön erklären, was ich alles nicht sehe und würde gern einen Termin ausmachen, aber beim Optiker geht nur der Anrufbeantworter dran, ich fahre also auf gut Glück hin. Im Autoradio weiterhin Charlie Hebdo. In Paris werden heute drei Gedächtnistafeln für die Opfer aufgehängt: eine für die Journalisten von Charlie Hebdo, eine für den auf der Straße erschossenen Polizisten, eine für die ermordeten Juden im Hyper Cacher. Ich finde, oh Wunder, einen Parkplatz direkt vor dem Optikerladen, aber meine Optikerin kommt erst in einer Stunde, und nein, ich will nicht warten, noch mehr warten kann ich heute nicht, ich mache einen Termin für morgen früh aus und fahre wieder nach Hause. Ich hätte die Straße am Meer entlang nehmen sollen, in der Avenue Francis Tonner reihen sich Baustellen aneinander und ich stehe im Stau. Um Drei bin ich wieder hier, auch hier finde ich einen Parkplatz fast vor dem Haus. Zuhause klicke ich als erstes in FB und lese immer mehr zur Silvesternacht und es beginnt mich anzuwidern. Keinesfalls will ich vor FB hängenbleiben und gehe nach unten in mein Büro, lasse das Laptop aber oben und schreibe im Büro in aller Stille etwas klassische Briefpost. Mache ich viel zu selten, tut gut. Gegen Achtzehn Uhr gehe ich wieder nach oben. Monsieur sitzt jetzt schniefend und röchelnd vor dem Fernseher, ich koche ein Kürbissüppchen. Später essen wir. Auch im Fernsehen gehts heute fast ausschließlich um Charlie Hebdo, auch jetzt noch, während ich schreibe. Die Kölner Silvesternacht via FB gebe ich mir heute nicht mehr.

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Der Himmel über dem Grab meines Vaters

der Himmel über dem Grab meines VatersJahresrückblicke, Jahresausblicke … Ach, wie habe ich es gehasst früher, diese familiären Rückblicke alljährlich an Silvester: „Was haben wir erreicht?“ Noch schlimmer dieses permanente Planen: „Was wollen wir im nächsten Jahr erreichen?“ Mein Vater war groß darin zu planen, das nächste Jahr, die nächsten zehn Jahre, und sich hinzusehnen zu der Zeit, wenn dieser ungeliebte Job, diese täglich an ihm zehrende Arbeit vorbei sein würde, und er frei sein würde, um endlich das zu leben, was er jetzt noch nicht leben konnte. Für mich war das vergangene Jahr vorbei, warum noch zurückschauen? Für die Vorausschau wollte ich hingegen konkret wissen, wann wir etwas machen wollten. Morgen? Viel weiter konnte ich als sehr junger Mensch nicht planen. Aber da wurde nur nachsichtig gelächelt. Nein, nicht morgen, aber später … später, später … Nun, mein Vater hat so viel, von dem, was er irgendwann später noch leben wollte, nie gelebt. Vor 28 Jahren ist er gestorben, das Jahr war noch ganz frisch, und er war erst 51 Jahre alt.

Vor ein paar Tagen war ich wieder an seinem Grab. Seit ich das Alter erreicht habe, in dem mein Vater gestorben ist, berühren mich die Besuche auf dem Friedhof stark. In der Zwischenzeit habe ich ihn um zwei Jahre überlebt. Wie jung er damals eigentlich war, merke ich erst heute.

Friedhof

Lebe wild und gefährlich! stand auf einer Postkarte mit dem Bild eines schüchtern aussehenden Jungen in kurzen Hosen und mit Bommelmütze, über den wir uns amüsiert haben, weil der Kontrast zur Botschaft so stark war. Diese Postkarte klebte dann aber doch jahrelang (nicht nur an meinem) Kühlschrank: ein erstes Manifest! Wild und gefährlich hat aber natürlich doch keiner gelebt. Facebook und andernorts ist jetzt übervoll mit neuen Manifesten, was wir in diesem kommenden Jahr aber wirklich anders machen wollen. This is your lifeIch gebe zu, das eine oder andere Manifest hängt auch an meiner Wand: This is YOUR Life. If you don’t like something, change it. Mach es jetzt! Sei frei! Überrasche dich selbst. Willst du glücklich sein? Dann sei es! Ach, wenn es so einfach wäre, seufzen Sie vielleicht. Es erfordert vielleicht einen gewissen état d’âme, eine besondere Stimmung, eine Entschlossenheit, um Altes loszulassen und die Tür weit aufzumachen für Neues. Vielleicht war es der Moment am Grab meines Vaters, der diesmal den Klick in meinem Kopf ausgelöst hat, vielleicht war es auch einfach nur an der Zeit, und der rechte Moment.

Ich habe einmal an einem Neujahrsfeuer teilgenommen, ein Ritual, das (Architekten-)Freunde von mir alljährlich veranstalten, um alte Pläne und Modelle zu verbrennen, die nur viel Platz in ihrem Büro einnehmen, und somit neuen Projekten Raum zu geben. Ich selbst verbrannte in diesem Feuer einen Text, mit dem ich mir leidenschaftlich Wut, Zorn und Leid von der Seele geschrieben hatte. Ich hatte gar nicht so richtig an die Symbolkraft dieser Handlung geglaubt, aber es war eine überraschend befreiende Geste, die nachhaltig wirkte. Dieses Mal habe ich alles, was ich in meinem Leben zukünftig nicht mehr haben will, aufgeschrieben, und aus dem Papier habe ich kleine Schiffe gefaltet, und dann bin ich ans Meer gefahren uit's todaynd habe die Schiffchen in die Wellen gesetzt und davonsegeln lassen. Da segelte es ganz friedlich davon, all das Alte, Dunkle, Schlimme … weit weg von mir, es war sehr beglückend. Ich bin es los und jetzt frei für Neues. Das neue Jahr kann kommen. Es gibt noch so viel Leben zu leben. Leben wir es. Nicht später, nicht morgen, heute.

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Ich habe diesen Text vor zwei Jahren schon einmal so ähnlich veröffentlicht und ihn dann wieder zurückgezogen, zu persönlich war er mir damals und es war vielleicht nicht der Moment, ihn aller Welt zu zeigen.

Der 2. Januar ist der Todestag meines Vaters, und das vergangene Weihnachten war umrahmt von zwei Todesfällen, die mich beide sehr berührt haben; einer traf mich weil er so unerwartet und plötzlich kam, der andere, zwar erwartet und vielleicht eine Erlösung, aber dann doch so traurig, weil ich diesen Menschen so gemocht hatte, auch wenn er mein Leben nur am Rand gestreift hat.

Himmel Friedhof 2 Gänseblümchen Schatten

 

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Bonne année !

WunderkerzenAufgrund der vergangenen Anschläge in Paris und anderswo sieht man das Silvesterfeuerwerk vielerorts mit gemischten Gefühlen. In Brüssel wurde es ganz verboten, ebenso in Paris. Dank eines riesigen Sicherheitsaufgebots wird zumindest das mitternächtliche Flanieren auf den Champs Elysées gewährleistet. In Cannes findet das Feuerwerk wohl statt. Falls wir nach dem langen Essen noch wach sein sollten und ausreichend motiviert, werden wir vielleicht noch einmal rausgehen, um einen Blick darauf zu werfen.
Es gibt aber nur ein großes, von der Stadt organisiertes Feuerwerk, das allgemeine Geknalle, privat abgefackelte Raketen und Böller kennt man hier so gut wie gar nicht. Mir persönlich fehlt es nicht, ich bin ehrlich gesagt ziemlich ängstlich und hatte schon immer Haustiere, die das tagelange Geknalle auch nicht lustig fanden. Als Kind warf ich maximal ein paar Knallerbsen auf den Boden, später konnte ich mich allerhöchstens für Wunderkerzen erwärmen.

Einmal war ich an Silvester in Paris, wo wir uns bei einem Freund meines damaligen Freundes ein bisschen selbst eingeladen hatten; man ruft ein paar Tage vor Silvester an und fragt leutselig „was macht Ihr eigentlich so an Silvester“ und wartet darauf, dass der Freund großzügig sagt, „wenn Euch die Fahrt nicht schreckt, könnt Ihr gern kommen“. So fuhren wir also nach Paris. Silvester in Paris! Wow! Ich hatte eine ganze Ladung Wunderkerzen im Gepäck, als Silvestermitbringsel. Man sah mich irritiert an, vermutlich hatte man eher einen kulinarisch-deutschen Beitrag zum üppigen Silvesterbuffet erwartet oder wenigstens ein paar Flaschen Champagner, aber wir hatten nur eine Flasche Sekt dabei und wie gesagt Wunderkerzen. Und dann wurde gegessen. Denn das machen die Franzosen an Silvester: sie essen. Wie immer eigentlich, nur eben noch aufwändiger. Aber das wusste ich damals nicht und fand es ziemlich anstrengend und außerdem ziemlich langweilig. Ich wartete diesmal sehnsüchtig auf das Feuerwerk und darauf, dass alle auf die Straße zum Knallen gehen würden und sah nervös auf die Uhr. Endlich! Um Mitternacht wurde der Champagner geöffnet und man stieß an und wünschte sich Bonne année! Aber niemand machte Anstalten auf die Straße zu gehen. Na, dann mache ich mal den Anfang, dachte ich, suchte die Wunderkerzen und ein Feuerzeug und begann die Wunderkerzen anzuzünden. Ich hielt ein ganzes Bündel davon in der Hand und wollte sie nun gern an die Anwesenden verteilen, die sahen mich aber nur mit großen Augen furchtsam an, und niemand nahm mir eine Wunderkerze ab. Ich stand da mit meinen fünfzig Wunderkerzen, die wild spritzten und sich nun in meiner Hand gegenseitig entzündeten und dabei zu einem großen Klumpen verschmolzen, der dann irgendwann schwer herunterfiel und ein großes Loch in den Teppichboden brannte. Ich schämte mich, aber ich verstand nichts. „Warum habt ihr mir denn keine Wunderkerzen abgenommen?“, fragte ich fassungslos. Die Franzosen aber verstanden mich nicht und sahen mich nur böse an. Was hatten sie da für eine Verrückte eingeladen, die nicht mal etwas zu Essen mitgebracht hatte und stattdessen ein Feuerwerk in der Wohnung abfackelt? So richtig ausgelassen wurde die Silvesterstimmung nicht mehr. Wir sind dann auch noch mitten in der Nacht zurückgefahren. Silvester in Paris. Ganz toll.

So, jetzt muss ich zurück in die Küche und versuche gleich noch einmal Mayonnaise zu machen (die erste ist nichts geworden), denn zu den Bulots, die Monsieur erstanden hat, gehört einfach Mayonnaise. Austern gibts natürlich auch und allerhand Meeresgetier. Abgesehen vom Essen passiert hier nicht viel. Ich habe aber ein Päckchen Wunderkerzen aus Deutschland gesendet bekommen. Die könnte ich vielleicht abfackeln ;-) Schönen Abend Ihnen! Kommen Sie gut rein! Und Bonne année! 

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Joyeux Noel ~ Frohe Weihnachten

ParisObwohl oder auch gerade weil dieses Jahr so schrecklich düster begonnen und noch düsterer geendet hat, wünsche ich Ihnen und all denen, die es feiern Frohe Weihnachten! Mögen es sternenhelle, friedliche und liebevolle Festtage für Sie und alle, die Ihnen lieb sind, werden. Monsieur und Madame feiern dieses Jahr mal wieder getrennt und beglücken die jeweils eigene Familie mit seiner/ihrer Anwesenheit, damit es in keinem Land zu solch tragischen Momenten wie in diesem vieldiskutierten Edeka-Werbespot kommt, den ich jetzt nicht mehr verlinke, Sie haben ihn alle gesehen und selbst hier in Frankreich wurde darüber diskutiert. Er funktioniert ja zumindest beim ersten Anschauen so wie er soll, und ich war heilfroh, dass ich gerade mein Flugticket bestellt hatte, als ich ihn zum ersten Mal sah. Dass ich mich an Weihnachten im Kreise meiner deutschen Familie befinde, enthebt mich der Pflicht der französischen Familie (zumindest in diesem Jahr) erneut ein weihnachtliches Menü zu zaubern. Das stimmt mich nicht allzu traurig, wie Sie sich denken können, der Druck ist da doch hoch. Insofern bin ich trotz der nicht fertig gestellten Indoor- und der im Januar beginnenden Outdoorbaustelle und trotz all dem Geputze und Gewische und dem Generve, das damit verbunden ist, gerade ganz heiter.

An dieser Stelle wollte ich Ihnen, was für eine geschickte Überleitung, ein heiteres kleines Video hineinkopiert haben, das mich in diesem Advent auf Facebook erheitert hat, aber es will mir nicht gelingen, sehr schade! Insofern streiche ich den ganzen folgenden Absatz mit dem dazugehörigen heiteren Text und gehe direkt über zm besinnlichen Teil.

Kirche in ChateauneufFalls Sie an einem der vielen Feiertage, die es dieses Jahr (zumindest in Deutschland) gibt, einen längeren Moment Zeit finden, und Sie neben Altbekanntem auch etwas andere Töne hören mögen, dann ist das Folgende vielleicht etwas für Sie. Möglicherweise kennen Sie es auch schon, ist ja nicht mehr ganz neu. Ich liebe Sting, und sein winterlich-weihnachtliches Album A winter’s night ist seit Jahren mein Weihnachts-Hör-Favorit gleich nach Bachs Weihnachtsoratorium oder dem von Camille Saint-Saëns. Dieses Live-Konzert habe ich gefunden, das Ihnen vielleicht auch gefällt. (Ich habe das Album und zwei Konzerte vergleichend gehört; diese Variante (mit den italienischen Untertiteln) habe ich wegen der besseren Tonqualität gewählt. Deutsche Untertitel gab es leider nicht.)

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Alles ist erleuchtet – in Cannes

Also gut, aus paritätischen Gründen zeige ich Ihnen auch ein bisschen Weihnachtsdeko aus Cannes. Zwei verschiedene Welten: Cannes ist vielleicht nicht ganz so Herzerwärmend wie Châteauneuf, dafür leuchtet und glitzert es hier um die Wette. Alles ist erleuchtet, allerdings ist die Beleuchtung sehr heterogen. Aber nichts blinkt vulgär und farblich bleiben wir in festlichen Weiß- und Goldtönen, na gut, ein paar blaue und violette Lichtstrahler gibts auch. Über jeder Straße hängen andere Lichtgirlanden; auch die Palmen sind nicht einheitlich umwickelt, und nur die Palmen auf der Croisette haben in den Blättern Lichtchen, und von dort fallen stets kleine Lichtstreifen nach unten, diese aber nur sehr dezent und ich muss sagen, die klassische Palmenbeleuchtung in Nizza gefällt mir besser. Eine niçoiser Palme, die ich im Vorüberfahren aufgenommen habe, habe ich ihnen mal zum Vergleich dazu eingestellt. Die nach oben offenen Platanen aber gefallen mir gut. Aus der Hand und mit dem Telefon aufgenommen, sind die Fotos nicht so brilliant geworden, aber es gibt doch einen Eindruck.

Deko vor der MairiePavillon in pinkGlocke oder Engel WeihnachtsbaumNizzaer PalmeLes AlléesDiamanten vor dem BahnhofCroisette

Und in den Schaufenstern glitzert es auch. Der rote Teppich wird Ihnen in der neu und in Weiß gestalteten Einkaufsgalerie Gray d’Albion ausgerollt, bei Dolce&Gabbana wird festlich geschlemmt, bei Dior finden Sie Handtaschen in Christbaumkugeln, den blühenden Schnee findet man bei Chanel, und meinen persönlichen Kleinmädchentraum gibts bei Repetto, einem exklusiven Ballettmode- und Ballettschuhhersteller. Gleich daneben stolpere ich über diese Werbung für ein Mädchenparfum, das, ich stutze, tatsächlich Juliette has a gun heißt. Finde ich angesichts der unfriedlichen Zeit ziemlich unpassend und erinnert mich auch an den unerträglichen Antikriegsfilm Johnny got his gun, der auf deutsch „Johnny zieht in den Krieg“ heißt. A fragrance about beauty, style and bad manners, heißt es unten auf dem Plakat. Aha. Nicht für brave Mädchen also. Zuhause habe ich nachgelesen: der Duft ist nicht neu, es gibt ihn mit diesem Namen schon seit 2006, dennoch stört mich, dass man ausgerechnet jetzt, nach all diesen Anschlägen, damit ein Schaufenster gestaltet. Geht es nur mir so? Monsieur zuckt mit den Achseln. Schockt ihn nicht. Nur das Mädchen, das auch ein Junge sein könnte, irritiert ihn kurz.

roter Teppich Gray d'AlbionDolce & GabbanaDiorSkiindianische DekoChanelKleinmädchentraumagressive fragrance

Zum Abschluss gehe ich noch ein paar Schritte über die BleuBlancRouge erleuchtete Croisette bis zum Carlton.

Croisette Bleu Blanc RougeCarlton frontalCarltonBleuBlancRouge

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WHDEDGTG

Oh Mann, gerade über Herrn Buddenbohms 12 von 12 gestolpert und ich habs doch glatt schon wieder vergessen! Ich wollte da doch mitgemacht haben, menno :( Und ganz eigentlich wollte ich diesen Monat schon bei Frau Brüllens Aufruf WMDEDGT (Was machst du eigentlich den ganzen Tag?) mitgemacht haben, aber ich war am 5. viel zu beschäftigt und am 6. immer noch und am 7. auch und jetzt ist es schon der 12. Herrjeh! Für ein schnelles 12 von 12 fehlen mir die Fotos. Was tun? Ich erzähle Ihnen nachträglich den 5., weil man ja auch mal was Nettes erzählen muss in dieser politisch-trüben Zeit, passt auch immer noch, ist ja Advent. Jetzt müsste es vielleicht heißen WHDEDGTG (Was hast du eigentlich den ganzen Tag gemacht?) Am 5. versteht sich. Advent, wie gesagt. Und was macht man so im Advent? Man geht auf den Weihnachtsmarkt. Der Weihnachtsmarkt unserer Wahl lag nicht gerade um die Ecke, wir sind dafür morgens um 8Uhr bereits losgefahren. Ich weiß, dass ich mir dazu auch Notizen gemacht habe, aber ich finde sie gerade nicht mehr, insofern wird es etwas weniger detailreich.

AnkündigungAm Vorabend habe ich noch bis spät Christstollen gewogen und Springerle in Tütchen gesteckt und einen riesen Topf Suppe gekocht und versucht an alles zu denken, was man in den Bergen so brauchen könnte, vor allem an Essen und an warmer Kleidung. Es war zwar kein Schnee angekündigt, aber man weiß ja nie. Unterwegs auf der kurvigen Strecke fiel der Schnellkochtopf mit Suppe um und war dann doch nicht ganz dicht und es roch von da an leicht nach Minestrone. Um halb elf kamen wir im kleinen Dorf an und versuchten als erstes das ausgekühlte Haus unserer Gastgeberin mit einem rauchenden Kaminfeuer etwas zu erwärmen. Dann gings auf den kleinen Dorfplatz, den Christstollen und die Springerle abgeben, mein jährlicher Beitrag für den Weihnachtsmarkt, und ich war platt wieviele Menschen schon dort waren und wieviele Stände es gab. Und die Weihnachtsdeko war dieses Jahr auch richtig schön, weil überwiegend rustikal: Hölzerne Weihnachtswichtel an allen Ecken und hölzerne Weihnachtsbäume.

WeihnachtswichtelWeihnachtsmarkt 1WeihnachtsbaumWeihnachtsmarkt 2

Es gab Glühwein mit und ohne Alkohol, heiße Schokolade, heiße Maronen, und in kleinen Stangen frittierten Brotteig, crespesses genannt (hab‘ ich in keinem Wörterbuch gefunden, ist wohl was Dorfeigenes), die man mit süßem Honig, mit salzigem Käse oder auch ohne alles essen kann. Und Töpferwaren, handgeflochtene Körbe, Türkränze, originelle Messer aus Holz , Horn und anderes aus Olivenholz Geschnitztes, Käse, Weihnachtsplätzchen, Lebkuchen, Honig, Konfitüre, Kräutertees und allerhand von den Damen des Dorfes sowie von den Schulkindern Gebasteltes.

Weihnachtsmarkt 3Nikolaus 1LebkuchenhausNikolaus 2

Ein richtiger kleiner Markt und viele Menschen und vor allem viele Kinder, denn seit drei Jahren kommt der Nikolaus persönlich (der verkleidete vollbärtige Schafhirte, der sich mit seiner Familie vor drei Jahren hier niedergelassen hat) mit seinem Esel nach Châteauneuf und verteilt aus großen Säcken Clementinen und Schokoladebonbons an die Kinder und sie dürfen alle mal auf dem Esel sitzen und später auch eine Tour mit dem Esel durchs Dorf machen. Diese Attraktion führt dazu, dass auch aus anderen Dörfern Eltern mit ihren Kindern anreisen und so ist es wirklich voll und quirlig und lebendig. Sie finden das vielleicht albern, dass ich Ihnen das so ausführlich beschreibe, aber wenn Sie wüssten, wie wir hier angefangen haben … Nun, wenn Sie mich schon lange lesen, dann wissen Sie es vielleicht, für die später hinzugekommenen Leser/innen verlinke ich hier einen Text aus einer anderen Zeit, sechs Jahre ist es erst her, dass wir in Châteauneuf unseren ersten Weihnachtsmarkt abgehalten haben. Der Nikolaus ist hier im Süden ja nicht wirklich bekannt, aber da er der Schutzheilige des Dorfes ist und am Wochenende um den 6. traditionell das große weihnachtliche Dorfessen stattfindet, hat sich der kleine Markt an diesem Tag durchgesetzt. Im ersten Jahr nicht unbedingt ein Erfolg, aber dennoch tapfer weitergeführt, ist er jetzt ein von allen geliebtes Event, das zunehmend von anderen Dörfern hier oben kopiert wird.

Man sagt allen Anwesenden bonjour, denn so macht man das hier, Küsschen rechts, links oder Händeschüttelnd, da ich die meisten kenne, ist es ein stetes Geküsse, tatsächlich habe ich mich da schon dran gewöhnt. Man quatscht auch mit allen, isst hier ein Plätzchen, trinkt dort einen Glühwein, kauft heiße Maronen, wie man das auf Weihnachtsmärkten so macht, und stellt sich bei leichtem Nieselregen mal in einer dafür geöffneten Scheune, mal unter den Marktzelten unter. Ich kaufe schon einmal ein paar Tüten mit Weihnachtsplätzchen, ein paar selbstgebackene Lebkuchen-Nikoläuse und ein bisschen Krimskrams. Dann ist es 13 Uhr und ich eile in das immer noch ziemlich kalte Haus, in dem wir traditionnel beherbergt werden und wo ich dafür als Gegenleistung ebenso traditionell das Essen stelle. Unsere Gastgeberin ist mit einem Teil ihrer Familie nun auch eingetroffen. Monsieur stochert im rauchenden Feuer herum, ich improvisiere in der nicht vorhandenen Küche mit kalten Fingern wie immer ein einfaches, aber mehrgängiges Essen. Die Suppe (Suppe geht als Mittags-Hauptgang nur, weil es abends noch ein richtiges Essen gibt!) hatte ich der Einfachheit schon vorgekocht. Es wird ein langes Essen, es wird viel erzählt, wir haben uns alle schon lange nicht mehr gesehen. Danach macht Monsieur unter vielen Decken eine Sieste, ich gehe wieder auf den Platz und stelle mich solidarisch zu den Dorf-Freundinnen in Kälte und Nieselregen. Später besuche ich die alte Schäferin Maria, die kaum noch gehen kann und sich freut, wenn man zu ihr hineinkommt. Sie wohnt direkt am Dorfplatz und von ihrer völlig überheizten Küche kann man sehen, was sich auf dem Platz so tut. Die Hitze ist erschlagend, wärmt einen aber wunderbar auf. Hier kommen alle immer mal rein, setzen sich kurz oder auch länger hin, und Maria erfährt so alles, was im Dorf passiert und manche Neuigkeiten weiß sie sogar als Erste.

Nikolaus 3Weihnachtsmarkt 4Pariseglise

Am späten Nachmittag mit einsetzender Dunkelheit gehts zur kleinen Kirche; unsere Bürgermeisterin empfängt uns vor der Kirche, sie möchte mit allen heute im Dorf Anwesenden zusammen noch einmal den Opfern des 13. November gedenken. Sie hat Kerzen angezündet, ihre kurze Rede ist schlicht und berührend, an die Kirchenwand werden Fotos projiziert, wir schweigen, singen leise zunächst die Marseillaise und dann, als Schritt zurück ins Leben, On écrit sur les mur le nom de ceux qu’on aime der Unicef Kindergruppe Kids United. Die Kirche ist zunächst nur mit der Osterkerze erleuchtet. Die Kinder zünden an ihr Kerzen an, die sie an jeden von uns weitergeben, so dass wir die Andacht bei Kerzenschein abhalten. Der neue junge Pfarrer hat die Bänke umgestellt, so dass wir beinahe im Kreis sitzen und einander sehen können. Und er selbst setzt sich auf die Stufen vom Altar und erzählt (vor allem für die Kinder) die Geschichte des Nikolaus von Myra. Das gibt es in vielen deutschen Gemeinden schon lange, für die winzige Gemeinde in dem konservativen französischen Bergdorf sind die Änderungen des Pfarrers Neuland und seine Bemühungen um vorsichtige Modernität haben gefruchtet: die Kirche ist so voll, wie sonst nur zu Hochzeiten und Beerdigungen. Danach gibt es, immer noch in der Kirche, einen Umtrunk und ein Akkordeonspieler leitet zum weltlich-festlichen Teil über. Von dort geht es zum Gemeindesaal, in dem es das große Essen gibt. Da die Aubergistin uns Ende Oktober verlassen hat, haben Les jeunes Chasseurs, der Jägernachwuchs, sich kurzfristig bereit erklärt, das Essen auszurichten. Es wurde dankbar angenommen, denn was wäre ein Saint-Nicolas-Abend ohne Festessen … nicht auszudenken! Und in dem Saal, der offiziell 80 Personen fasst, sitzen jetzt knapp hundert Personen auf Bänken dicht an dicht. Nicht sehr schön, aber warm wird einem so. Laut ist es auch, man muss sogar brüllen, um sich seinem direkten Tischnachbarn verständlich zu machen. Das Essen wird Tellerweise weitergereicht, es ist so eng, dass der Service nicht mehr durchkommt. Das Essen ist einfach, aber üppig, natürlich gibt es mehrere Gänge und Wein bis zum Abwinken, und natürlich dauert es Stunden. Gegen 1Uhr morgens stapfen wir im kalten Nieselregen, der Tendenz hat Schnee werden zu wollen, zurück ins nicht mehr ganz so kalte Haus und sinken dort erschöpft ins Bett und unter vielen Decken in den Schlaf.

Kein Schnee am nächsten Morgen, das Kaminfeuer wärmt nur schwach, raucht hingegen schon wieder. Ich lechze nach Kaffee, aber leider beherrsche ich die fremde Kaffeemaschine nicht, der Kaffee läuft an der Kanne vorbei und bildet einen kleinen dampfenden Kaffee-See auf dem alten Holzfussboden. Wir trinken dann löslichen Kaffee und es wird dennoch ein langes Frühstück. Danach gehen alle in das kleine Büro der Mairie zum Wählen, und wir packen unsere Sachen, denn Monsieur wählt in Cannes. Ich bin als Nicht-Französin nur Wahlbeobachterin und darüber habe ich ja schon geschrieben.

Jetzt ist eine Woche vergangen und morgen (in der Zwischenzeit ist es heute!) ist der zweite Wahldurchgang. Die Stimmen der Politiker nahmen in dieser Woche aggressive und schrille Töne an, vor lauter Angst, Marine und Marion könnten die Regionalwahlen gewinnen. Der derzeitige Premierminister Manuel Valls gibt deutliche Wahlempfehlungen und schreckt auch nicht davor zurück, uns ein Bürgerkriegsszenario auszumalen, sollte le Front National gewinnen. Zum ersten Mal sind die Wahlprognosen völlig nebulös, es kann morgen (heute) wirklich alles passieren. Selten war der Ausgang einer Wahl ungewisser. Wir sind sehr an- und gespannt.

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Regionalwahlen

Noch gebeutelt von den Terroranschlägen und dennoch schon in Gedanken beim Weihnachtsmenü soll er in diesen Tagen auch noch wählen, der arme Franzose. Dafür hat er keinen Kopf, das konnte nicht gut ausgehen. Die Regionen, die den Départements übergeordnet wurden, um die Dezentralisation von Paris zu fördern, mag sowieso keiner so richtig. Diese Regionen sind ein bisschen wie unsere Bundesländer gestrickt, da kommt manchmal zusammen, was nicht zusammen gehört, ich sage nur Nordrhein-Westfalen. So ähnlich geht es uns mit der Region PACA: Provence-Alpes-Côte d’Azur. Das geht von Menton bis Marseille, und gegensätzlicher könnten diese Städte nicht sein.

Das Französische Wahlrecht sieht immer zwei Durchgänge vor: Beim ersten Wahlgang bringt der Franzose ja gern mal wütend seine Unzufriedenheit mit dem bestehenden System zum Ausdruck, beim zweiten Mal wählt er dann (vielleicht) etwas vernünftiger. Sie haben es gelesen, im ersten Wahlgang am gestrigen Sonntag, hat die extreme rechte Partei, Le Front National, sechs von dreizehn Regionen gewonnen. Im Norden ist es vor allem Marine LePen, die von sich reden macht, bei uns im Süden ist es ihre junge Nichte, Marion Maréchal-LePen. Die Alternative bei uns wäre der rechtskonservative Nizzaer Bürgermeister Christian Estrosi gewesen; ob Estrosi eine wirkliche Alternative ist, lasse ich mal dahingestellt. Grüne und Linke sind hier wie immer kaum vorhanden und außerdem komplett uneins und daher zusätzlich in viele Listen aufgesplittert. Was für sie erwartungsgemäß ein desaströses Wahlergebnis ergab.

Beim zweiten Wahlgang am kommenden Sonntag dürfen die Parteien antreten, die im ersten Durchgang mehr als zehn Prozent erreicht haben. Da aber im französischen Mehrheitwahlrecht nur einer übrig bleiben soll, findet jetzt ein taktisches Geschacher statt, damit um Gottes Willen Le Front National verhindert wird (das Szenario erinnert übrigens stark an den Roman von Houellebecq). Alles wird verhandelt: Wer könnte sich mit wem zusammentun? Politiker sprechen Wahlempfehlungen aus und heute schlagen viele (auch aus den linken Reihen) vor, dass sich die Linke, fast überall drittstärkste Kraft, zugunsten des konservativen Bündnisses komplett zurückziehen solle, damit nur noch zwei Parteien zur Wahl stünden. Konkret bedeutet das, dass klassische Linkswähler den rechtslastigen Christian Estrosi wählen sollen, um den noch rechteren Front National zu verhindern. In der Folge gäbe es fürderhin keinerlei linke Politik in der Region. Aber nicht alle Wähler sind mit dieser Taktik einverstanden, und manch ein linker Politiker will seine Liste auch nicht zurückziehen. Es ist also völlig offen, wie es im nächsten Wahlgang ausgeht.

Seit einem guten Jahr wird das aktive „Blanc“-Wählen bei der Stimmenauszählung als gültig gewertet. Es bedeutet, dass man richtig wählt (und nicht wie immerhin mehr als 50% der Wähler aus Verdruss gar nicht erst wählen geht!), aber eben keinen der zur Wahl stehenden Kandidaten; dazu gibt man entweder einen leeren Umschlag ab oder man steckt einen leeren weißen Zettel, anstelle der ausliegenden Wahlzettel, in den Umschlag (hier werden immer noch klassische Zettel in Umschläge gesteckt, elektronischen Wahlsystemen wird hier stark misstraut). Ganz ehrlich, meine Hoffnung wäre das: Alle wählten „blanc“, weil keine(r) der zur Verfügung stehenden Partei/Kandidaten überzeugt. Und dann schauen wir mal. Aber ich fürchte, das ist nur ein Traum.

ps: kleine Korrektion, gerade noch einmal nachgelesen: das „Blanc“-Wählen wird zwar seit Februar 2014 von den „ungültigen“ Stimmen getrennt und als richtigen Stimmabgabe gewertet („Ich wähle, aber keinen der sich präsentierenden Kandidaten“) und so bei der Stimmauszählung mit angegeben, hat aber keinen Einfluss auf das Wahlergebnis. Nachzulesen (frz.) hier.

pps: für mehr Information, habe gerade noch diesen sehr klaren und ausführlichen Beitrag zu den Regionen und Wahlen auf arte gefunden –

ppps: weil ich es gerade schon zweimal gefragt wurde … falls Sie für eine bestimmte Region, ein bestimmtes Département oder eine Gemeinde die genaue Aufschlüsselung der Wahlergebnisse sehen möchten, diese Seite hier ist recht übersichtlich.

 

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Trauerfeier in Paris

Ja, ich würde auch gern auf andere, frohere Themen umschwenken, auf Adventskalender zum Beispiel: hier kam nämlich ein wunderschöner Adventskalender an, dieser und die lieben Worte dazu haben mich gerührt. Großer Dank dafür und Kuss und Umarmung nach Mannheim! Morgen ist der 1. Advent und ich will heute noch etwas Adventsdeko rauskramen, um morgen dann wenigstens ein Kerzchen anzuzünden. Nur bin ich beim Kerzchen anzünden in Gedanken schon gleich wieder in Paris. Und in Tunis und in Bamako. Und überhaupt überall bei diesen Gräueltaten. Und ich liefere Ihnen daher mit eintägiger Verspätung einen kleinen Eindruck der Feierlichkeiten aux Invalides zu Ehren der in Paris getöteten und verletzten Menschen. Fast elf Minuten brauchte es, um die Namen der Opfer einzeln vorzulesen.

a vos drapeauxUnser Staatspräsident hatte dazu aufgefordert, anlässlich der Ehrung am gestrigen Freitag Frankreichweit Flagge zu zeigen, und hier hatte Nice Matin extra eine Doppelseite gedruckt, für alle, die zu Hause nicht standardmäßig mit einem Bleu-Blanc-Rouge-Banner ausgestattet sind. Dass ein linker Präsident dazu aufruft, öffentlich die französische Flagge zu zeigen, führte zu einer gewissen Polemik in konservativen Kreisen, denn bislang wurde man von den Linken als vieux réac, als alter Konservativer beschimpft, wenn man zu feierlichen Anlässen eine Flagge vom Balkon wehen ließ. So manch ein Konservativer hatte daher jetzt ein Problem, dieser Aufforderung des ungeliebten Präsidenten nachzukommen. Und die Linken hatten plötzlich auch ein Problem, diese reaktionäre Geste als ihre anzuerkennen. Insofern wehten, zumindest in Cannes, nur wenige Flaggen und man musste schon suchen, um in jeder Straße wenigstens ein blauweißrotes Zeichen zu entdecken. Man kann nun darüber sinnieren, ob es die wenigen Linkswähler an der sehr rechtslastigen Côte d’Azur waren, die hier ein Zeichen setzten, oder ob es den Menschen in Cannes insgesamt schon wieder am A… vorbeiging. Es war nämlich auch BlackFriday, ich wusste ja bis gestern nicht mal was das ist, aber nein, es gibt keinen Zusammenhang mit den blutigen Anschlägen am Freitag vor zwei Wochen, es ist ein Schnäppchen-Shoppingtag und er gilt als Auftakt zum Weihnachtsgeschäft. In diesem Jahr schrien die Läden umso lauter, seit den Anschlägen ist es nämlich gähnend leer im Shoppingverwöhnten Cannes und nicht nur dort. Vor zwei Tagen war ich nachmittags in einem Einkaufszentrum in der Nähe von Nizza und ich war dort fast alleine mit all den Sicherheitskräften, die dort nun an den Eingängen stehen und streng in sämtliche Taschen schauen. Es gab das (in der Zwischenzeit laut dementierte) Gerücht, dass die drei Einkaufszentren hier in der Gegend (Cap3000, NiceÉtoile, und das nagelneue Polygon in Zwanzig ProzentCagnes sur Mer) mögliche Anschlagsziele sein könnten. Ich vermute, die Läden wollten ihre ohnehin scheue Kundschaft am Black Friday nicht mit tristen Erinnerungszeichen irritieren und beschränkten sich darauf große Prozentzahlen zu flaggen. Patriotisch geflaggt wurde mehr im kleinen, privaten Einzelhandel, beim Friseur, einschließlich dem Hundefriseur, beim Orthopädiefachhändler, einem Dessousladen und ein bisschen hier und da. Manch einer griff auch auf T-shirts und Luftballons zurück. Hauptsache Bleu Blanc Rouge.

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In einer kleinen Nebenstraße der Rue d’Antibes stieß ich auf dieses Plakat und ich stelle es Ihnen groß rein, weil ich mich, als ich es aufnahm, von einer Dame mit schwerem, russisch klingenden Akzent wütend beschimpfen lassen musste. Sie versuchte mir zu erklären, dass das Plakat weg müsse, es sei böse und ich solle es nicht auch noch fotografieren!

Marianne weint

Ich versuchte ihr hingegen zu erklären, was ich sah: den geknickten Eifelturm und die weinende französische Marianne als Zeichen der Trauer, aber in ihren Augen war das Plakat das personifizierte Böse. Da ich sie immer noch nicht verstand, zeigte sie endlich triumphierend auf die Spitze des Eifelturms. Sähe ich es immer noch nicht? Nein? Himmel, sie wurde immer wilder. Mit viel Fantasie sah ich nun vielleicht ein Flugzeug (für mich im Kontext des Plakates aber eine Erinnerung an den Anschlag auf das World Trade Center), oder waren es vielleicht Hammer und Sichel? Sie erklärte es mir nicht. Ich vermute, sie sah darin einen Anschlag auf den Eiffelturm voraus, aber wir konnten uns gegenseitig nicht verständlich machen. Irgendwann ließ sie mich stehen und lief kopfschüttelnd und laut schimpfend über so viel Unverständnis davon. Zuhause zeigte ich Monsieur das Bild und wir zoomten die Eiffelturmspitze hoch und runter, aber wir sehen nichts Gefährliches darin. Seitdem denke ich über die Eindeutigkeit der Botschaft von Bildern nach.

Zum Abschluss aber jetzt ein kleiner musikalischer und ich wie ich finde eindeutiger Eindruck von der Hommage für die Opfer in Paris. Nolwenn Leroy, Camelia Jordana et Yael Naïm interpretieren „Quand on n’a que l’amour“ von Jacques Brel.

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Paris est une fête

tour eiffelHeute hat die Nationalversammlung für eine Verlängerung des Ausnahmezustands in Frankreich gestimmt. War  der état d’urgence zunächst nur für die gesetzlich vorgesehenen zwölf Tage verhängt, wird er jetzt auf (vorerst) drei Monate verlängert. Frankreich war das letzte Mal während des Algerienkrieges vor mehr als 50 Jahren im Ausnahmezustand. Vereinfacht gesagt werden während des Ausnahmezustands die Befugnisse des Innenministers, der Präfekten und der Polizei erweitert. Ausgangs- und Versammlungssperre können erlassen werden, Hausdurchsuchungen können jederzeit und ohne richterlichen Beschluss durchgeführt werden, selbst Abschiebungen sind erleichtert. Die Versammlungssperre verhindert bislang, dass es Schweigemärsche oder Trauerveranstaltungen in Paris und in anderen Städten gibt; diese müssten gesichert werden, und die Sicherheits- und Polizeibeamten werden zur Zeit für andere Aufgaben dringender benötigt. So hat man in Paris zwar die Möglichkeit an den Orten, an denen die Attentate geschehen sind oder an der Place de la République Blumen abzulegen, Kerzen anzuzünden und damit seine Anteilnahme auszudrücken, eine große Menschenansammlung wird jedoch nicht gewünscht. Ebensowenig in anderen Städten, wo man zumeist am Kriegerdenkmal, das noch vom 11. November geschmückt ist, sein Kerzchen anzündet.

Ein Symbol dafür, dass die Menschen in Paris (und anderswo) sich nicht einschüchtern lassen wollen und explizit zum Ausgehen als Widerstandsakt aufrufen, ist der Roman von Ernest Hemingway Paris est une fête geworden (Fiesta lautet der deutsche Titel), den eine ältere Passantin, die kurz im Fernsehen zu sehen war, mit Vehemenz erwähnt hatte. Der Roman wird den Buchhändlern seither geradezu aus den Händen gerissen und findet sich demonstrativ zwischen Kerzen, Blumen und andere Objekten.

564d34703ead9ERNESThemingway

Ob er auch genauso begeistert gelesen wird, steht dahin, die Botschaft des Titels ist das wichtigste.

charlie_hebdo_2232.jpeg_north_560x_whiteDie Macher von Charlie Hebdo hatten ebenso dazu aufgerufen, sich nicht einschüchtern zu lassen und weiter zu leben, wie bisher: Ausgehen, Tanzen, Feiern, sich amüsieren. Entsprechend sieht die Titelseite der aktuellen Ausgabe aus: „Sie haben die Waffen, scheiß‘ drauf, wir haben den Champagner!“

Dadurch, dass wir uns nicht alle zusammen auf der Straße wiederfinden können, um unsere Emotionen zu teilen, teilen wir umso mehr im Internet jeden Tag irgendeinen zu Herzen gehenden Text, ein Video oder ein Foto, dass sich so in Windeseile verbreitet. Wahrscheinlich haben Sie das alles auch schon gesehen: den deutsch-italienischen Pianisten Davide Martello, der vor dem Bataclan Imagine von John Lennon spielte, den offenen und sehr berührenden Brief des Journalisten Antoine Leiris, der bei den Anschlägen seine Frau Hélène, Mutter ihres gemeinsamen 17 Monate alten Sohnes, verloren hat, und der sagt „und meinen Hass kriegt ihr nicht“, den kleinen Jungen, der sich vor den „sehr, sehr, sehr bösen Menschen“ fürchtet, denn „böse sein ist nicht sehr nett“ und dann doch getröstet ist, weil „wir Blumen und Kerzen haben, um uns zu schützen“ und heute tauchte die 16jährige Sarah auf, die ein Lied komponiert und auf youtube veröffentlicht hat. Mich hat es gerührt.

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Wer den Wind sät …

Schon vorgestern fühlte ich mich alleingelassen in meiner überwiegend aus deutschen Medien bestehenden Internetwelt, aus Deutschland kamen schon so viele abgeklärte Texte, dass ich mich mit meinem emotionalen Text ein bischen dämlich fühlte und mich darüber ärgerte, weil er sich so klischeemäßig liest. Ich war auch verärgert, schon wieder so viel Zänkereien, Gehässigkeiten und Gemecker in den Kommentaren von deutscher Seite zu lesen, auch so viele krude Verschwörungstheorien, und schon wieder so viele Alltagsbanalitäten. Ich fühle mich nicht zu Hause in den deutschen Beiträgen. Wie sollte ich auch? Die Situation in Frankreich und Deutschland sind nicht gleichzusetzen. Und Sie haben andere Sorgen in Deutschland, das merke ich gerade sehr deutlich. Obwohl alles zusammengehört.

Gestern morgen aber postete ein (deutscher) Freund ein kleines Video: Placido Domingo dirigierte an der Metropolitan Opera in New York die Marseillaise und Chor und Publikum sangen mit, und ich hatte Tränen in den Augen. Danach sah und hörte ich die französischen Politiker, die im Parlament ebenfalls die Marseillaise sangen, und jetzt weinte ich haltlos. Ich spüre in diesen Momenten, dass ich nicht mehr von außen auf Frankreich schaue, sondern mittendrin bin. Ich bin betroffen, wie schon beim Anschlag auf Charlie Hebdo.

Der Radiosender war gestern morgen verstellt und kratzig, ich drehte zufällig BFM Business rein, was ich aber erst merkte, als ich wieder auf der Leiter stand, um die Innenseiten unseres Kleiderschranks zum dritten Mal zu streichen. Ich hörte auf der Leiter notgedrungen zu und war anfangs wirklich angewidert zu hören, dass man sich hier nur um Geld, um die internationalen Märkte und die Börsenkurse sorgte. Aber dann sprach ein kritischer Journalist über die Wirtschaftslage und die Geopolitik Frankreichs und er erklärte die Welt so treffend, dass ich vor lauter zuhören fast zu streichen vergaß. Seine Ausführungen und sein Fazit „Wir ernten gerade, was wir gesät haben“, passen zu einem älteren, aber gerade wieder durch FB kursierenden und hochaktuellen Filmausschnitt der Sendung ttt, in dem der Nahostexperte Michael Lüders sein Buch „Wer den Wind sät …“ vorstellt. Ich habe das Buch nicht gelesen, nur den Filmausschnitt gesehen: In sieben Minuten erklärt Lüders, warum wir heute da sind, wo wir sind. Ich erinnere mich, dass der in der Zwischenzeit verstorbene SPD-Politiker Egon Bahr einmal zu Schülern, vor denen er sprach, sagte: „In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt.“ (RNZ, 4.12.2013). Voilà, so ist es, und was wir dringend bräuchten, sind weitsichtige und wirtschaftlich und geopolitisch intelligent agierende Politiker, die sich nicht selbst bereichern möchten und nicht korrumpierbar sind, noch bei allen Entscheidungen ausschließlich an ihre Wahl oder ihre Wiederwahl denken. Aber vermutlich wird es einen kompletten Kurswechsel, wirksame Reformen und einen Neuanfang in jeder Hinsicht erst nach einem nächsten großen Krieg geben, vor dem wir, nach Egon Bahr, übrigens stehen.

Ich sorge mich um Frankreich. Gleich sind Regionalwahlen und ich fürchte, le Front National wird von diesen Attentaten profitieren. Seit gestern geistert die Botschaft durchs Web, dass Muslime sich nicht von den Attentaten distanzieren müssten, weil sie selbstverständlich NICHT damit einverstanden seien. Das gilt vielleicht für Deutschland, nicht aber für Frankreich. Wir hier in Frankreich würden uns über ein öffentliches Bekenntnis vieler Muslime freuen. Aber ich fürchte, es wird nicht kommen. Das Verhältnis Frankreichs zu seiner arabischstämmigen, muslimischen Bevölkerung ist ungleich angespannter als das, was man vielleicht aus Deutschland kennt. Muslime, die in einer Menschenkette eine Synagoge schützen, so etwas hat es hier in Frankreich nirgends gegeben. Es hätte uns gut getan, Muslime in großer Anzahl bei dem Schweigemarsch für Charlie Hebdo zu sehen, und ein solidarisches Zeichen würde auch dieses Mal gut tun (vielleicht ist es leichter, weil es nicht in erster Linie um die kontroversen Karikaturen geht) und vor allem den Front National entkräften, der gerne dieses Amalgam zwischen Muslimen, Islam und den islamistischen Terroristen macht und immer mehr Anhänger bekommt.

Es ist schwierig. Frankreich ist in diesen Krieg gegen den IS eingetreten, und erst auf einer Grafik wurde für mich klar, wer alles darin verwickelt und vor allem, wer mit wem und gegen wen ist. Eine Unübersichtlichkeit wie im Ersten Weltkrieg. Deutschland ist nicht (aktiv) in diese Kriegshandlungen verwickelt (wer an wen Waffen verkauft, lasse ich hier mal außer acht), sondern nimmt in großem Maß Flüchtlinge aus dem Kriegsgebiet und aus anderen Krisenregionen auf. Die Menschen flüchten zum großen Teil vor einem Terror, wie wir ihn gerade in Paris erlebt haben. Vielleicht ist ein Mensch mit terroristischen Absichten unter den ankommenden Flüchtlingen, aber deswegen sollten Sie nicht allen grundsätzlich misstrauen und sie ächten. Der Empfang, den sie den Menschen zukommen lassen, wird darüber entscheiden, ob die Geschichte langfristig gut ausgehen wird oder nicht. Das Problem, das Frankreich heute mit der nord- und schwarzafrikanischen Bevölkerung hat, liegt vor allem daran, dass man die Menschen gar nicht erst in der Gesellschaft haben wollte und sie in Vorstädte, in die Banlieues abschob und dort weitgehend vergaß. Aus den Augen, aus dem Sinn. Man hoffte, sie würden dort still und leise leben. Was vielleicht für die Elterngeneration noch galt, gilt nicht mehr für die junge Generation, die rebellisch und gewaltbereit ist, und ohne berufliche Perspektive für jegliche Kriminalität anfällig. Die Fronten sind verhärtet. Seit Jahrzehnten werden die Menschen ausgegrenzt, das schürt Hass und hier zeigt sich kaum jemand solidarisch mit dem Schmerz um die Toten aus dem charmanten BoBo-Paris, zu dem sie keinen Zugang haben und das sie nicht will. Nach dem Attentat auf Charlie Hebdo wollte man so vieles ändern, auch in den Banlieues, und nichts ist passiert. Mit Waffengewalt allein ist nichts getan.

Machen Sie nicht den gleichen Fehler wie die Franzosen. Schieben Sie die Menschen nicht in graue Vorstädte oder Lager ab. Gehen Sie auf sie zu, öffnen Sie die Türen, kümmern Sie sich um die Kinder, die ankommen. Es sind Kinder, keine Terroristen. Aber was die Kinder jetzt erleben, wie Sie mit ihnen umgehen, wird sie prägen. Ich sah ein Foto von Kindern, die selbstgeschriebene Schilder vor sich trugen: „We are peasful“. Es lässt mich heulen. So weit sind wir schon. Ich bin immer dagegen, dass man Kinder instrumentalisiert. Natürlich sind Kinder „peasful“. Wie antwortete der kleine Junge neulich auf die Frage, ob Ausländer in seinem Kindergarten seien: „nein, da sind nur Kinder“. Na bitte.

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zum 13. November

Habe ich bisher immer so launig verkündet, dass Freitag, der 13. in Frankreich grundsätzlich ein Glückstag ist, an dem Menschen verstärkt Lotto spielen, so ist das wohl für immer vorbei. Ein Freitag der 13. wird von nun an anders gesehen werden. Und der 13. November wird für immer der Tag der Attentate sein. So wie der 11. September in den USA.

Anders als beim Anschlag im Januar, habe ich die Anschlagserie gestern Nacht in Paris nicht von Anfang an mitverfolgt. Ich hing gestern Abend ausnahmsweise mal nicht vor dem Fernseher und das Radio war auch nicht an. Ich fand es erholsam. Und erst ziemlich spät heute morgen habe ich den PC angestellt und fand auf FB beunruhigende Nachrichten. „Mach‘ den Fernseher an, irgendetwas Schlimmes ist in Paris passiert!“, sagte ich nervös zu Monsieur. Und dann kamen all diese Bilder in unser Wohnzimmer. Und ich hatte diese Woche noch zynisch gesagt „wir hatten schon lange kein Attentat mehr“. Nur zwei vereitelte Attentate, eines im Sommer in einem Thalys und eines vor ein paar Tagen in Toulon, aber sowas zählt ja nicht. Einen Tag in den Schlagzeilen, schwupps weg aus dem Bewusstsein. Dabei sind wir im Krieg. Nous sommes en guerre. Das hatten manche der Zeichner beim Anschlag von Charlie Hebdo schon gesagt, aber so richtig wollte es damals keiner hören. Trotz der beeindruckenden Solidarität mit Charlie Hebdo, glaubten viele, eigentlich seien doch die Zeichner und Macher der Zeitung schuld gewesen, viel zu aggressiv und auch geschmacklos seien die Zeichnungen gewesen. Und ganz schnell wurden die Stimmen laut, die meinten, Pressefreiheit hin oder her, zukünftig müsste die Zeitung weniger bösartig sein und dürfe nicht mehr so provozieren. Und dass man bei den Anschlägen auch Juden angegriffen hatte, nun gut, das müsse man verstehen, bei der Politik die Israel betreibt. Es ging, so glaubten viele, nicht um uns, es war die Schuld der anderen, die sich nicht korrekt verhalten haben.

Joan Sfar, ein jüdischer Comic-Zeichner hatte nach den Anschlägen für mehrere Wochen ein öffentliches, gezeichnetes Tagebuch geführt und dort eine kleine Comicgeschichte Les juifs et le gaz veröffentlicht.

juif et gazEr meint, dass die Juden eine Art Seismograph, ein Gefahrenindikator seien. Sie seien immer die ersten, die es abkriegen. Er vergleicht die Juden mit dem Kanarienvogel, den die Minenarbeiter früher mit in den Schacht genommen haben. Wenn der Vogel nicht mehr lebte, war es Zeit für die Menschen, eiligst den Schacht zu verlassen. Wenn man anfängt in einem Land die Juden als Zielscheibe zu wählen, dauert es nicht mehr lang, bis der Rest des Landes auch leidet, sagt Sfar. Wie wahr. Es geht auch um uns. Es ging schon damals nicht nur um freche Zeichner oder Juden. Es ging um uns alle, um unser Leben, unsere Werte. Nous sommes en guerre. Ich muss wieder an den Film Timbuktu denken, den ich schon einmal bei den Attentaten im Januar erwähnt hatte. Die Orte der jetzigen Attentate entsprechen den dort gezeigten Szenen. Fußballspielen ist bei Todesstrafe verboten, Musizieren und Singen ebenso. Und Lieben, oder sich amüsieren. Letztlich ist das Leben verboten. Deswegen sollten wir genau das weiterhin tun. Ausgehen, Musik hören, Tanzen, Fussballspielen, uns Lieben, uns Amüsieren. Und bösartige Karikaturen veröffentlichen. Leben! Nach unseren Werten. Uns nicht einschüchtern lassen. Vor allem, uns nicht erpressen lassen.

Ich verlinke hier noch einen dazu passenden Text, der in der WELT erschienen ist und diese Karikatur von Vidberg. [Zum Verständnis: Johnny Hallyday ist ein französischer Rocksänger, der auch mit über 70 Jahren, faltig, sonnenstudiogebräunt und mit Permanentmakeup noch immer den wilden Helden gibt.]

et maintenantWir waren heute Mittag zum Essen bei Freunden eingeladen und ich hatte versprochen dafür einen Kuchen zu backen. Es schien mir heute morgen fast unmöglich, das zu tun. Aber letztlich bin ich froh, dass ich mit zitternden Händen meinen Apfelstrudel zubereitet habe, auch wenn er zu spät fertig wurde und selbst wenn wir viel zu spät aus dem Haus gegangen sind, weil ich immer wieder vor dem Fernseher stand. Wir haben einen angenehmen Nachmittag verbracht und wie in Frankreich üblich, stundenlang gegessen. Selbstverständlich haben wir über die Attentate gesprochen, aber auch über Dies und Das, und ich bin froh, dass ich heute auch etwas anderes gemacht habe, als verängstigt und erschüttert auf den Bildschirn zu starren oder im PC nach den neuesten Nachrichten zu suchen. Wir müssen leben!

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Il va falloir beaucoup beaucoup beaucoup d’amour

amour

Ich bin fassungslos. Gerade erst von den Attentaten in Paris erfahren. SIEBEN Attentate in Paris, während ich friedlich schlief. Noch weiß ich nicht, was alles passiert ist und starre wie gelähmt auf die Bilder im Fernsehen. Über 120 Tote. Etwa 200 Verletzte. Quel horreur. Ich weine vor lauter Schrecken. Ich weiß noch nicht, ob ich wirklich „Pray for Paris“ posten will. Joan Sfar schrieb (in etwa) „wir brauchen keine Gebete und nicht noch mehr Religion. Wir brauchen Musik, Küsse, Leben, Champagne und Freude“. Ich glaube, wir brauchen vor allem sehr, sehr, sehr viel Liebe.

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12 von 12 – erster Versuch

12 von 12. Das ist auch so ein Blog-Evenement, bei dem ich schon so lange mitmachen will, aber auch der 12. jeden Monats entwischt mir mit großer Regelmäßigkeit. Heute habe ich daran gedacht, warum wohl? Weil ich natürlich wieder einen Zahnarzttermin hatte, und weil gestern der 11. war und ich dazu gebloggt habe, und weil morgen Freitag der 13. ist, was in Frankreich ja ein Glückstag ist. Heute habe ich also an 12 von 12 gedacht, dessen Regeln ich hier verlinke, es geht um 12 Fotos, die den Tag dokumentieren, aber so ganz bin ich noch nicht drin im Thema, ich vergaß nämlich stellenweise zu fotografieren. Insofern hätte ich jede Menge Fotos zum Strand von heute Morgen anzubieten – aber dann wirds kläglich. Ich schaue mal wieviel ich zusammenkriege.

Morgens waren wir also wieder am Strand laufen. Es war noch ein ganz diffuses Licht, mochte ich sehr und habe viele Fotos gemacht.

MorgenstimmungZweites Fotomotiv am Strand sind ja gern die Möwen. Heute waren sie hungrig, meckrig und neugierig. Möwengeschrei ist ja nicht sehr charmant, wenig charmant ist auch, wenn sie die Mülltüten aufreißen; eine junge Möwe stand mir immerhin brav Modell und während ich sie aufnahm, pickte mir eine weitere in den Fuß.

MöwenportraitMonsieur wollte für das Mittagessen auf dem Fischmarkt einen Fisch kaufen, ich kaufte dafür Fenchel und Zitrone. Er habe seiche gekauft, erfahre ich auf dem Weg zum Auto. Ich habe es nicht gleich verstanden, mit den Fischen bin ich generell etwas überfordert, und die Namen, wenn es nicht gerade eine Dorade ist, sind mir noch immer nicht geläufig. Als er meinem fragenden Blick sieht, schiebt er die Information nach: „das sind die mit den Augen!“ Mit den Augen? „Ja, die dich so ansehen“, grinst er. Oh Himmel! seiche, Sepia, Monsieur hat Tintenfisch gekauft! Ich bin ganz aufgelöst. Seiche habe ich erst einmal gemacht, lang ist’s her, keine Ahnung mehr, wie ich sie zubereitet habe. Erstmal schaut mich das zukünftige Mittagessen düster an. Danach ist schwarze Tinte überall. Damit wird echte Chinesische Tusche gemacht, sagt Monsieur, während er sich durch die Tinte hindurcharbeitet. Aha. Ich versuche nicht pienzig zu sein, mache zwar Fotos, bin aber wohl zu beeindruckt, sie sind alle verschwommen. Dann suche ich im Internet ein Rezept. Letztlich wird ein bisschen improvisiert, Petersilie für eine persillade habe ich nämlich nicht, ich mache mit Knoblauch, Zitrone und diversen Kräutern eine Kräuterbutter, und traue mich dann kaum davon zu essen, denn ich habe nachmittags den Zahnarzttermin. Ansonsten wars lecker.

MittagessenDann machen wir eine kleine sieste, das wissen Sie schon. Später gings zum Zahnarzt. Kaum sitze ich im Wartezimmer, werde ich gefragt, ob ich vielleicht eine dreiviertel Stunde später wieder kommen könnte, er hat aus Versehen den 15-Uhr-Termin zweimal vergeben. Das ermöglicht mir bei Fragonard an ein paar Parfüms zu schnuppern (Belle Chérie ist sehr angenehm, Marion!) und noch ein bisschen rechts und links in Schaufenster zu gucken. Dann aber.

ZahnarztEs dauert lange. Tut aber nicht weh. Der Nerv ist ja schon weg. Eine gute Stunde später stehe ich mit einem Zahn-Provisorium im Mund wieder auf der Straße. Und dann begehe ich einen folgenschweren Fehler. Statt gleich nach Hause zu gehen, beschließe ich ein schwarzes Langarm-T-shirt kaufen zu wollen. Nichts einfacher als das, denken Sie vielleicht, Cannes ist ja voll mit Klamottenläden, schwarzes T-Shirt ist ein Klassiker. Nix is‘. Ich finde nichts, probiere natürlich auch anderes an, nichts passt und ich bekomme immer schlechtere Laune. Über meinen Klamottenkauffrust und zickige Verkäuferinnen habe ich hier ja schon genug gemeckert. Heute sage ich Ihnen nur, dass es wie immer ein Elend ist. Jawohl. Und Fotos habe ich natürlich auch nicht gemacht. Was für ein Mist. Ich laufe letztlich bis zum Boulevard Georges Clemenceau, weil hier ein Friseur sein soll, der vernünftig schneiden und moderate Preise haben soll. Sagt eine Freundin. Marie Claude heißt die Friseurin, die ich wählen soll. Ich muss zum Friseur, die Haare sind schrecklich, nicht lang, nicht kurz, die Strähnchen rausgewachsen. Ich weiß aber nicht, welchen Schnitt ich eigentlich will. Und soll ich vielleicht den (das?) Pony rauswachsen lassen, das wäre der Moment, er ist eh‘ schon so lang. Monsieur war mir heute bei dieser Entscheidung keine Hilfe. ich vermute, er traut sich nichts mehr zu sagen, nachdem ich ihm sein verächtliches C’est mauvais! so nachgetragen habe. Im Boulevard Georges Clemenceau gibt es jetzt aber zwei Friseure, ich weiß nicht, welcher Laden es ist, tendiere zu einem und würde mich gern rückversichern, habe aber die Telefonnummer der Freundin unerklärlicherweise nicht in meinem Handy eingespeichert. Ich stehe dumm da und traue mich nicht hinein: Der lange Aufenthalt in Cannoiser Boutiquen macht mich immer völlig fertig. Dann fotografiere ich den Laden und gehe zur Bushaltestelle.

FriseurWährend ich auf den Bus warte, höre ich in den Bäumen vor der Mairie ein ungaublich lautes Vogelgezwitscher, schrill geradezu. Les etourneaux, Stare, auf dem Weg nach Afrika (vermute ich) rauschen derzeit in riesigen Schwärmen durch die Lüfte und haben sich für die heutige Nacht in den Bäumen vor der Mairie niedergelassen. Es wuselt und kreischt, aber richtig zu sehen kriegt man sie nicht. Ich sehe aber zwei schöne Plakate, eines, das eine Chagall-Ausstellung (ab morgen) ankündigt,

Chagalldas andere, das mich noch mehr anspricht, lädt in den folgenden Wochen zu Literatur, Debatten und Filmen zum Thema Grenzen, frontières, ein. Vielleicht gebe ich der Cannoiser Kultur nochmal eine Chance.

Rencontres CannesIn der Zwischenzeit geht die Sonne unter und der Himmel ist so schmerzhaft schön rosafarbig, es ist kaum zum Aushalten.

SonnenuntergangFast hätte ich den Bus verpasst, den ich im schnellen Lauf aufnehme.

Bus Nr. 2Zu Hause bestelle ich vier schwarze T-shirts zur Auswahl bei einem Onlineladen. Dann brutzele ich eine Reispfanne. Pepita sitzt mit am Tisch. Sie hat sich vermutlich mit einer Katze gestritten, sie hat einen Kratzer auf der Nase. Es gibt ihr etwas Verwegenes und ich mache die letzten Fotos des Tages von ihr.

PepitaIs‘ sie nicht süß? Monsieur ist schon vor den Fernseher, er will den Politiker der Mitte (François Bayrou) sehen und vor allem hören. Mir fehlt das zwölfte Foto. Aber es ist schon 23 Uhr. Schluss jetzt. 11 von 12.

ps: oh Mann, ich bin die 196. die sich bei DraußennurKännchen/12 von 12 eingetragen hat …

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Cannes zu Fuß – Rue du 11. Novembre

Sie erinnern sich vielleicht, der 11. November ist ein hoher Feiertag in Frankreich, ein Gedenktag vielmehr. Jaja, sagen Sie und nicken vage. Für was nochmal, fragen Sie sich dann. Martinstag? Weit st.martingefehlt. Dem Sankt Martin, auch wenn noch so viele Gemeinden ihn als Namenspatron gewählt haben, (St.-Martin-Vésubie, St.-Martin-du-Var, St.-Martin-d’Entraunes allein hier in den Alpes-Maritimes) und der am 11. November 397 im französischen Tours beigesetzt wurde, wird im sonst so katholischen Frankreich nicht besonders gedacht. Niemand kennt die Legende vom geteilten Mantel oder isst eine Martinsgans, obwohl der Franzose ja sonst nichts auslässt, wenns ums Essen geht. Es gibt hier keine Laternenumzüge, keine Gesänge und keinen Weckmann. Nichts davon. Der 11. November ist Gedenktag für das Ende des Ersten Weltkrieges, auch l’Armistice genannt. Über die Franzosen und ihre Sicht auf den Ersten Weltkrieg habe ich ja schon im Zusammenhang mit dem Kunstprojekt Wool War I geschrieben, aber die kleinen Wollsoldaten sollen hier nicht Thema sein, wenn ich auch extrem stolz bin, dass sie gerade auf große Welttournée gehen: Nach der Installation im September im Grand Palais in Paris, fand man sie in London und bald werden sie nach Kanada reisen!

Der 11. November wird hier ernst genommen. Es wird nicht nur an den Ersten Weltkrieg sondern an alle Kriege erinnert und allen für Frankreich Gefallenen gedacht. Schon gestern, am Vorabend, gab es entsprechende Filme und Dokumentationen im Fernsehen. Heute wird Frankreichweit vor jedem Kriegerdenkmal in jeder Stadt, in jeder Gemeinde und jedem Dörfchen eine feierliche Zeremonie abgehalten. Alle wichtigen Lokalgrößen sind jeweils anwesend. Die anciens combattants tragen mit ernster Miene Fahnen, auch wenn es selbstredend keine ehemaligen Kämpfer des Ersten Weltkriegs mehr sind, die hier aufmarschieren, auch die Helden der Zweiten Weltkriegs werden rar, aber anciens combattants sind generell verdiente Soldaten irgendeines vergangenen Krieges, wie etwa in Indochina oder in Algerien. Der Bürgermeister hält eine Rede, die Nationalhymne wird abgesungen und ein Blumengesteck wird abgelegt. Anbei ein link zu den offiziellen Fotos vom letzten Jahr aus Cannes. Sie können sich dort sogar die Rede des Bürgermeisters runterladen. Ich sags ja, es wird ernst genommen. (Und –> hier verlinke ich Ihnen noch ein aktuelles 29-Sekunden-Filmchen von der heutigen Zeremonie auf den Pariser Champs Elysées mit unserem Staatspräsidenten, nur damit Sie einen Eindruck haben. Das Besondere heute, die Journalisten kriegten sich kaum ein, was man im Filmchen aber leider nicht sieht, ist, dass Nicolas Sarkozy anwesend war und dass die beiden Präsidenten (der Ex- und der heutige) sich freundlich die Hand schüttelten. Weia! So viel zur politischen Lage in der Hauptstadt.)

rue du onze novembreNun, jetzt aber zum eigentlichen Thema: Es gibt in zahlreichen Städten und Gemeinden Frankreichs eine Straße des 11. November, so auch in Cannes. Dort war ich heute. Die Rue du 11. Novembre ist eine Querstraße am unteren Ende des großen Boulevard Carnot und geht von dort stets leicht bergauf. Sie ist eine reine Wohnstraße, nur an den Ecken zum Boulevard Carnot findet man links eine Eisdiele, rechts eine Apotheke. Die Straße ist nicht allzu lang, führt aber über zwei Querstraßen hinweg und ist so in drei Häppchen geteilt. Sie wird, je höher man kommt, desto edler. Der erste Abschnitt ist noch recht grau, im zweiten Abschnitt gibt es schon ein paar recht nette Häuser und im dritten Abschnitt, der überraschend zu einer Sackgasse wird, ohne dass es sich im Namen niederschlägt, ist es schon so edel, mit mehreren Villen und bourgeoisen Wohnhäusern, dass ich mich kaum noch traute zu fotografieren. Man sah mich kritisch an, aber niemand rief die Polizei.

Voilà, wir sind hier:

Plan Cannes   Plan Cannes nah

Und so siehts da aus: der untere Abschnitt … Blick Richtung Boulevard Carnot

rue 11 novembre unterer AbschnittGiraffen-Kunst im Straßengrau …

Giraffe

Auf einer Seite werden Tauben gefüttert …

Tauben… gegenüber sitzen feindliche Krähen-Atrappen …

Krähen

Spiegelung

Einen einzigen Décrottoir gibt es in der Straße …

Décrottoir

Der obere Abschnitt der elften Novemberstraße …

rue due 11 nov oberer Abschnitt

rosa Haus

gelbes HausFlucht ins Detail : Ein Türmchen mit dem Namen Quand même …

Quand meme

Wandelröschen

Witzigerweise gibt es dann noch eine „offizielle“ Sackgasse des 11. November, l’Impasse du 11. Novembre, die bereits im unteren Drittel der Rue du 11. Novembre abgeht. Sie ist aber als Privatstraße deklariert und obwohl ich gerne durch diese dörflich anmutende niedrige Häuseransammlung gegangen wäre, war ich dazu heute zu schüchtern und habe nur scheu von der Ecke aus fotografiert.

impasse 11 novembre

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ps: Dass heute in rheinischen Hochburgen neben Sankt Martin auch der Beginn des Karnevals gefeiert wird, findet man in Frankreich übrigens befremdlich, um nicht zu sagen respektlos, und es wird bestenfalls mit hochgezogenen Augenbrauen quittiert. Ich erzähle und erkläre es auch nicht mehr. Man versteht es nicht. Aber den Kölner Karneval kann man sowieso nicht verstehen. Den muss man erleben :)

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Was machst du eigentlich den ganzen Tag

Diese Frage (kurz WMDEDGT) stellt eine gewisse Frau Brüllen jeden Monat am 5. und ich wollte schon lange mal mitmachen, bislang fiel es mir aber immer erst ein, wenn ich die Ergebnisse der diversen TagebuchbloggerInnen dann am 6. oder 7. las. Ich habe zwar einen Terminkalender, aber ich nutze ihn kaum. Ich arbeite zuhause, habe selten Außerhaustermine, und die drei Verabredungen, die ich im Monat so treffe, behalte ich auch so im Kopf. Für mich ist es auch nicht wichtig, ob es der 4. oder der 7. ist, sondern ob es Montag (Muskeltraining), Dienstag (Schwimmen) oder Samstag (Einkaufen) oder eben Sonntag (frei, in der Regel) ist. Diesen Monat ist es anders. Ich hatte einen Zahnarzttermin am 5. morgens um Viertel nach Zehn. Prima, dachte ich, darüber kann ich dann ja bloggen.

Gerade habe ich mal auf den Blog von Frau Brüllen gespickt, und OMG, es ist noch nicht mal 18 Uhr und so viele haben schon von ihrem Tag geschrieben. Ich fürchte, ich werde erst kurz vor Mitternacht fertig.

Ich habe extrem tief geschlafen und wache erst auf, als Monsieur um 8Uhr die Fensterläden aufreißt mit den Worten C’est une magnifique journée! Er lässt dabei das Fenster aufstehen und ich habe das Gefühl als rolle der Straßenverkehr direkt durchs Schlafzimmer. Ich bin wahnsinnig lärmempfindlich und dieser Lärm ist der Grund, weshalb ich quasi sofort aufstehe. Ich ertrage ihn nicht. Ich ertrage auch nicht das (für meine Begriffe) zu laut eingestellte Radio in der Küche und drehe es automatisch leiser, egal, ob es France Info ist, was Monsieur morgens schon gern hört oder der Schnulzensender Radio Nostalgie, der schöne französische Schlager bringt. Ich komme morgens schwer in die Gänge, ich brauche Zeit, einen Kaffee und ich will erstmal nichts reden, hören oder entscheiden müssen. Für Monsieur, der schon seit zwei Stunden wach ist, und der bereits im Moment des Augenaufschlagens einsatzbereit ist, ist mein Morgenzustand immer nur schwer auszuhalten. Er hat schon Geschirr gespült, ist über alle politischen Ereignisse informiert und braucht einen Gesprächspartner. Ohne zu reden schnippele ich zwei Schüsselchen Obstsalat, eines fülle ich mit Müsli und Joghurt auf, das andere schiebe ich Monsieur hin. Ich braue mir meinen eigenen Kaffee, den von Monsieur zubereiteten kann ich nicht trinken, flüssiger Teer nenne ich das. Dann verschwinde ich mit dem Müsli und dem Kaffee vor den PC und lese Mails, blättere ein bisschen in Facebook und lese den einen oder anderen Blogbeitrag. Kurzfristig mache ich für das Mittagessen als Dessert einen Flan patissier. Das ist eine Art Vanillepudding, der nach dem Kochen noch vierzig Minuten in den Backofen geschoben wird. Es ist ein Pudding aus einem Anrührpülverchen, aber ich liebe ihn. Ich rede mir ein, dass der weiche Pudding, das einzige sein wird, was ich nach dem Zahnarztbesuch essen kann, aber vermutlich brauche ich einfach einen Trostnachtisch. Dann ins Bad, kurzentschlossen wasche ich doch die Haare, es wird spät, ich brauche etwa eine halbe Stunde zu Fuß bis zum Zahnarzt, der seine Praxis in der Innenstadt hat. Der Flan ist auch noch nicht fertig. Letztlich bringt Monsieur mich näherungsweise mit dem Auto hin, er fährt weiter und kauft Farbe, Pinsel und eine Rolle. Wir haben nämlich Baustelle zu Hause. Seit Mittwoch letzter Woche. Davon aber später. WartezimmerJetzt zum Zahnarzt. Seit einer Woche, seit ich weiß, dass unter einem Inlay und zwei Kronen Karies ist, überlege ich, was ich machen soll. Hier in Frankreich werden die zu überkronenden Zähne in der Regel devitalisiert. Sonst zahlt die Krankenkasse nicht. Ich habe gar keine Krankenkasse und könnte also frei entscheiden, ob devitalisieren oder nicht, ich habe viel im Internet gelesen, ohne zu einer Lösung zu kommen. Der Zahn ist sensibel, das heißt, ich spüre ihn. Letztlich entscheiden wir mit dem Zahnarzt, ihn zu devitalisieren und zu überkronen. Ich unterzeichne einen Kostenvoranschlag, der mich schlucken lässt. Klar ist, die anderen beiden Kronen, Karies hin oder her, kommen erst nächstes Jahr dran. Dann fahre ich auf dem Zahnarztstuhl nach unten, ich hatte vorher überlegt, ob ich für den Blog vielleicht ein Foto von den Gerätschaften machen könnte, aber daran denke ich nicht mehr. Ich könnte einen ganzen Blogeintrag über Zähne machen, aber ich habe mich bislang nicht getraut. Ich denke an die vielen zahnlückigen Menschen in den Bergen, die sich solch teure Reparaturen nicht leisten können.Dort lässt man sich kaputte Zähne einfach ziehen und wenn alle Zähne weg sind, eben einen Zahnersatz machen. Docteur T. ist mein x-ter Zahnarzt in Frankreich, bislang war ich nirgends richtig zufrieden, der einzige, mit dem ich halbwegs klar kam, starb letztes Jahr beim Schwimmen im Meer an einem Herzinfarkt. Dieser hier wurde mir von einer seriösen (deutschen) Bekannten empfohlen, ich will ihm vertrauen, aber wie überall, auch im medizinischen Bereich ist man in Südfrankreich lockerer. Da wird mit der Assistentin geplaudert und gelacht, zwischendurch telefoniert, auch die Assistentin telefoniert, als ihr Handy klingelt und lässt den Absaugschlauch in meinem Mund hängen. „Keine Sorge,  ich bin in ihrem Zahn“, beruhigt mich der Zahnarzt, der meine Verunsicherung zu spüren scheint. Gottseidank spüre ich nichts, die Anästhesie wirkt gut und nachhaltig. Fast zu gut, erst jetzt, am Abend, habe ich das Gefühl, dass sie komplett nachgelassen hat. Dafür spüre ich jetzt den Zahn, aber „das ist normal“, sagt er mir zum Abschied und es wird noch ein paar Tage so sein, bevor der devitaliserte Zahn wirklich Ruhe gibt. Wir sehen uns in einer Woche wieder.

Es ist halb zwölf. Der Zahnarzt hat seine Praxis neben einem Laden von Fragonard. Ich habe mich die ganze Zeit schon darauf gefreut, dort mal wieder reinzugehen. Ich mache es auch, aber noch ist mein Unterkiefer rechts betäubt und fühlt sich dick an, ich fühle mich unwohl, obwohl man es, wie ich natürlich weiß, nicht sieht, aber auch die Aussicht auf die Zahnarztrechung lässt mich Fragonard nicht genießen, ich gehe nur mal schnell durch und gekauft wird nix. Außer drei Bananen, Steinpilzravioli und einem Stück Käse für das MittagesseK800_DSCN7360n, die ich in einem kleinen Supermarkt an der Ecke mitnehme. Die Stadt ist laut, Baustellen und knatternde Scooter überall. Ich würde gern mit dem Bus hochfahren, aber vor dem Bahnhof ist auch eine laute Riesenbaustelle und die Busse werden mal wieder umgeleitet, die nächste Haltestelle ist werweißwo, also laufe ich nach Hause, es geht den Berg hoch. Ich schwitze, die Sonne scheint und die Jacke von heute früh ist jetzt zu warm. Um Viertel vor Eins bin ich endlich zu Hause und Monsieur hat Hunger.

In Windeseile gibt es Radieschen, Steak Haché, Steinpilzravioli, Kopfsalat, Käse und den FlaKatzensiesten, was hier als „schnelles, einfaches Mittagessen“ durchgeht. Ich esse vorsichtig und nur links, beiße trotzdem immer mal unten rechts auf die Unterlippe und genieße daher vor allem den Flan, den ich an den Gaumen drücke. Dann Sieste. Halbe Stunde. Pepita macht ihre Sieste etwas länger. Kleiner Kaffee zum Aufwachen. Danach Baustellenzeit. Ich ziehe mich um und wickele mir einen Turban um den Kopf.

Nein, ich rede nicht von den überschwemmten Kellern, da haben wir letzte Woche vorübergehend einen Baustopp eingelegt. Nur, um zu Hause eine neue Baustelle aufzumachen. Irgendwann muss diese Wohnung ja mal fertig renoviert werden, und wenn wir immer andere Baustellen haben wird das nix mehr. Jetzt also unser Eingangsbereich, der eigentlich auch unser Esszimmer ist. Meistens liegt der große Esstisch aber mit allem voll, was man so nach Hause schleppt und nicht sofort irgendwo hinräumt. Geöffnete und nicht geöffBaustellenete Post, Zeitungen, Bücher, Schlüssel und Bücher liegen, stehen und stapeln sich natürlich auch hier und da wir hier keinen Keller haben, steht hier auch alles rum, was eigentlich bei Gelegenheit irgendwoanders hingeräumt gehört. Das soll jetzt anders werden, vor allem auch, damit ich keine Ausrede mehr habe, ich könnte niemanden einladen in dieses vollgestopfte, vergilbte Chaos. (Wenn Sie wissen wollen, wie es hier seit einer Woche ist, können Sie einfach meine ein, zwei Texte vom letzten Jahr lesen. Sie sind von ungeheurer Aktualität). Heute aber sind wir schon relativ weit mit der Renoviererei, wir K800_DSCN7365brüllen uns schon fast gar nicht mehr an, und es war dieses Mal auch nur punktuell und dauerte nicht lang. Wir machen Fortschritte. Ich darf natürlich immer noch nicht wirklich viel machen, aber ich grundiere heute zum dritten Mal den hässlichen aber praktischen dunklen Eichenholzeinbauschrank, der am Ende weiß werden soll. Schwupps ist es siebzehn Uhr und ich muss ein paar Menschen anrufen, da wir uns am Samstag in den Bergen verabredet haben. Um achtzehn Uhr schaut Monsieur seine Lieblingspolitiksendung C dans l’air, da ging es heute um einen Antimafiaprozess in Italien. Ich habe nicht geguckt, ich tippe nämlich hier, auch eben tippe ich, obwohl jetzt eigentlich meine Lieblingssendung C à vous läuft und ich höre nur mit einem Ohr, dass der Schauspieler Daniel Auteuil eingeladen ist. Ich weiß noch nicht, was ich heute Abend zum Essen kochen soll. Normalerweise gibts im Winterhalbjahr abends Suppe, aber ich habe kein Gemüse mehr da, es wäre sowieso schon etwas zu spät dafür, und eine Fertigsuppe habe ich auch nicht mehr. Da muss gleich improvisiert werden. On y va?, ruft Monsieur wie aufs Stichwort. „Wohin?“ rufe ich zurück, als verstünde ich nicht. Manger! kommt die Erklärung. Aber natürlich gehen wir nicht aus zum Essen, wir sind ja beide noch in den farbkleksigen Klamotten. Wir gehen nur in die Küche :-) Und dann ist Feierabend. Ich vermute, wir werden später im TV das Remake von Dr. Kimble ansehen, mit Harrison Ford und Tommy Lee Jones.

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Kein Örtchen. Nirgends.

WC„Nein“, sagte der Zugbegleiter des Regionalzugs, mit dem ich vor kurzem ins Hinterland gefahren bin, nein, das sei kein Versehen, alle Toiletten seien wegen Vandalismusgefahr gesperrt, und er könne leider keine Ausnahme machen, selbst wenn ich schwöre, dass ich in meiner Handtasche weder Graffitti-Sprayflaschen habe, noch einen Hammer, um den Spiegel zu zertrümmern und dass ich auch keinen Fußball in den Abfluss stopfen werde. „Alles schon da gewesen“, sagte er düster und vertröstete mich auf den Ankunftsbahnhof. Am Bahnhof angekommen, stand ich mit meinem nun schon ziemlich dringlichen Bedürfnis nur vor versperrten Türen. Kein Örtchen, kein Mensch, nur ein Fahrkartenautomat blinkte monoton und teilnahmslos. Er war auch HS, (sprich ‚asch ess) hors service, meint „außer Dienst“. Was für ein Elend.

45 Minuten kann ich ohne, im Normalfall. Schlimmer ist es nach Kaffee oder Tee. Oder beim Anblick von fließenden oder wellenschlagenden Gewässern. Letzteres löst bei mir ein derart dringendes Bedürfnis aus, dass ich quasi schon nach fünf Minuten nach einem stillen und vor allem uneinsehbaren Örtchen suche. Problem ist, es gibt keines. Nur im Sommer, für etwa zwei Monate, stehen am Strand von Cannes etwa alle hundert Meter weiße Dixiklos. Den Rest des Jahres müssen Sie improvisieren. Einmal balancierte ich über die Steine eines Wellenbrechers, kletterte an seinem äußersten Ende hinab und ging dort in die Hocke. Als ich mit meiner Verrichtung fertig war, glücklicherweise ohne dass mich eine große Welle davongespült hatte, kletterte ich wieder hinauf und fand mich überraschend Nase an Nase mit einer langen Schlange italienischer Touristen, die nun einer nach dem anderen neugierig dort hinabsahen, wo ich gerade noch gesessen hatte. Mein Verschwinden hatte sie wohl intrigiert, vermutlich dachten sie, ich sei in ein unbekanntes unterirdisches Höhlensystem abgestiegen oder was auch immer. Nun, ich tat unbeteiligt und ging erhobenen, wenn auch peinlich roten Hauptes davon. Sollen sie doch denken, was sie wollen. Seither gehe ich aber lieber und trotz kühler Temperaturen ins Wasser und schwimme alibihalber eine Runde. Macht mir gar nichts aus. Bibber.

Eigentlich wollte ich diesen Text schon lange geschrieben haben, aber dann war dies oder das und ich fands mal wieder nicht passend. Aber letzten Sonntag wurde auf arte Karambolage der Ausdruck „Pipi machen“ in beiden Sprachen erklärt. Wenn das kein Zeichen ist! Faire pipi heißt das im familiären Französisch, genau wie im Deutschen. Der gesamte Ausdruck lautet im Französischen aber: J’ai envie de faire pipi oder man fragt die Kinder, die schon mit zusammengeknoteten Beinen dastehen: T’as envie de faire pipi? Wörtlich heißt das: „Ich habe Lust Pipi zu machen“ oder „Hast du Lust, Pipi zu machen?“ Ich fand das lange komisch, dass man „Lust haben“ soll, Pipi zu machen. Als könnte ich, wenn ich keine Lust habe, darauf verzichten. „Ich muss mal“, sagt unsereins. Und Lust hin oder her, ich MUSS! JETZT! ABER! DRINGEND! Ich finde die Erklärung im Karambolagefilmchen ein bisschen exaltiert, der Franzose, der einen Lustgewinn aus dem Bedürfnis zieht … nun ja. Ich denke, es ist einfach weniger direkt, ein bisschen blumiger. Direkte Ansagen mag der Franzose ja nicht so. „Mir ist schlecht“ heißt zum Beispiel genauso verklausuliert „J’ai mal au coeur“. Mir tut das Herz weh. Ich war völlig erschrocken, als mir eine Freundin dies vor vielen Jahren beim Autofahren sagte, ich dachte sie habe wirklich Herzbeschwerden und wusste gar nicht, was ich tun sollte, aber nein, ihr war nur schlecht.

Wie dem auch sei, ich muss viel und in kurzen Intervallen. Das war schon früher so. Meine Nordic Walking Runde entlang am Kölner Rheinufer dauerte maximal 45 Minuten, auch wenn ich von der Kondition her noch länger hätte laufen können, aber dann musste ich. Und es gab entlang des Rheinufers keine Möglichkeit sich dafür irgendwohin zurückzuziehen. Also rechtzeitig umdrehen und nix wie heim.

Einer meiner letzten Cannes-zu-Fuß-Spaziergänge wurde abrupt abgekürzt, weil ich musste und dafür kein Örtchen fand … „Ha!“, unterbrechen Sie mich vielleicht, „aber es gibt jetzt eine Pipi-App, die findet öffentliche Toiletten in jeder Stadt und wenn Sie Ihrem Handy Ihren Standort mitteilen, sucht es für Sie sogar die Toilette in Ihrer Nähe!“ Aha, sage ich, nicht besonders erstaunt, schließlich gibt es auch einen Pipi-Führer in Buchform für Paris. War nur eine Frage der Zeit, dass es das in technisch angepasster Form gibt. Und siehe da, für Nizza wurde diese App dankenswerterweise kürzlich erfolgreich getestet. Aber … ich bin sicher, die Menschen in Nizza haben die gefunden Toiletten nicht getestet. DAS wäre nämlich auch noch wichtig, zu wissen, ob die jeweiligen Örtlichkeiten funktionieren! Sie merken es schon, ich bin ein gebranntes Kind. Ich nehme also meinen Faden wieder auf … wie gesagt, kaum war ich eine halbe Stunde unterwegs musste ich, und siehe da, im kleinen Hafen Port Canto gab es einen Wegweiser zu einer gewissen Örtlichkeit. Super! Ich folgte dem Hinweisschild für öffentliche Toiletten, von denen es doch einige gibt in Cannes, stieg die Treppen hinab und stand vor einer Metalltür. Ein Zettel mit Öffnungszeiten klebt daran, aber die Tür und das Örtchen waren ZU! Die Öffnungszeiten vieler öffentlicher Toiletten sind bedauerlicherweise ziemlich eingeschränkt. Die Damen, die sich in der Regel aufopferungsvoll um die Örtchen kümmern und die im Volksmund „les dames-pipi“ heißen, (und die meine ganze Sympathie haben, ehrlich, ich bin so froh, dass es sie gibt *, aber sie) sind Angestellte der Stadt und haben Arbeitszeiten wie Verwaltungsbeamte. Nicht nach 17 Uhr und sonntags nie. So in etwa zumindest. Sonntags morgens um 11 ist also nicht gut Pipi machen. Zumindest nicht auf der Croisette. Nun gibt es ja aber entlang der Promenade noch alle paar hundert Meter diese vollautomatischen Toiletten, die anders als die öffentlichen (wir berichteten!) kostenpflichtig sind, dafür aber 24 Stunden im Dienst. Die nächste ist auch schon in Sichtweite. Ich weiß nicht was mich darin erwartet, aber was soll’s, j’ai envie, ich muss. Machen wir einen Selbstversuch. Die dezente vollautomatisch-selbstreinigende und gegen jeden Vandalismus gewappnete Toilette meiner Wahl schnappt sich das dafür vorgesehene Kleingeld und: Nix is! Sie bleibt geschlossen. Ich trete ein bisschen gegen die Tür und haue auf den Geld-zurück-Knopf, aber es tut sich nichts. Die Tür bleibt zu und das Geld kommt nicht wieder raus. Ein Mann kommt, er hat das gleiche Bedürfnis, ich erzähle ihm, was mir widerfahren ist, aber er zuckt nur die Achseln und steckt ebenfalls 50 Cents rein. Und? Nichts. Jetzt tritt er ein bisschen gegen die Tür und haut vergeblich auf den Geld-zurück-Knopf. Dann geht er schimpfend in die Büsche der Grünanlage. Letzteres traue ich mich nicht, ein drittes Örtchen will ich nicht testen, und ich will auch nicht in ein Strandrestaurant um dort einen Kaffee konsumieren, nur damit ich dort müssen darf, die bislang einzige Lösung im ewigen Pipi-Dilemma, die aber nur dazu führt, dass man den konsumierten Kaffee kurze Zeit später auch wieder loswerden muss, und eile daher zurück zum Auto. Ende des Spaziergangs.

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* In Paris haben die dames-pipis im Sommer übrigens wochenlang gestreikt, weil die Stadt ihre angestammten öffentlichen Toiletten gegen das Konzept niederländischer Luxustoiletten ausgetauscht hat und sie dort nicht weiterbeschäftigt werden. Der Kampf der dames-pipi war in der französischen Presse ein vielbeachtetes Thema. Ich habe Ihnen auch einen deutschsprachigen Artikel dazu gefunden.

ps: da meine externe Festplatte abgestürzt ist und mit ihr alle meine dorthin ausgelagerten Fotos, gibts leider keine Bildchen mehr von den vergeblich besuchten Örtchen :(

pps: Christa Wolf, Gott hab‘ sie selig, möge mir die Überschrift verzeihen, aber es war zu verlockend ;)

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Monochrome Bleu

… frei nach Yves Klein … der Himmel heute am 1. November 2015: Monochrome Bleu!

monochrome bleu

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Danke! Danke! Danke!

K800_DSCN7299 Ich bin so gerührt! Und so begeistert! DANKE! Gerade kam ein fantastisches Trostpaket aus Deutschland an: Ein wundervolles Buch, leckere Pralinen und eine ermutigende Karte unterschrieben von so ziemlich allen Mitarbeitern dieses wunderbaren Kölner Verlages Kiepenheuer & Witsch, die uns ihr Mitgefühl nach dem Verlust von Monsieurs umfassender Kriminalromansammlung ausdrücken. DANKE!

UND DIESES BUCH! Natürlich hatte ich Fotos von der Buchmesse gesehen, wo es präsentiert wurde, auch die tschechische Druckerei präsentierte sich stolz damit. Aber so ganz verstand ich nicht, was das Besondere daran ist, hatte ich es selbst noch nicht in der Hand gehabt. Geradezu fiebrig packte ich es aus und … ha! ein erstes Zurückzucken, man muss ein Papiersiegel zerstören, um es aus dem Schuber zu holen. Na, so was! Ich blättere darin herum und bin augenblicklich begeistert.

Das Schiff des TheseusEs ist schön, es fasst sich gut an, es ist mehrfarbig gedruckt, es ist unglaublich. Es sieht aus wie ein altes, viel gelesenes stockfleckiges Buch aus einer Leihbücherei (mit Ausleihstempeln auf dem hinteren Vorsatzblatt!), in das jede Menge Anmerkungen gemacht wurden und in dem jemand, vielleicht als Lesezeichen, Postkarten, Zeitungsauschnitte, Briefe und sogar eine bemalte Papierserviette hineingelegt hat.

Hochwasser auf dem CampusDer Inhalt, die Geschichte, zwei Menschen, die sich auf den Seiten des Buches Das Schiff des Theseus austauschen und versuchen, das Pseudonym des Autors V. M. Straka zu ergründen, ist mir zunächst egal, ich bin so begeistert und beeindruckt von der Herstellung dieses Buches. Ich betrachte all die von Hand eingelegten Beilagen: Die geschriebenen Postkarten sehen inklusive des verwischten Poststempels aus wie richtige Postkarten, eine täuschend echte verblasste Fotografie mit diesem altmodischen Mausezähnchenrand, eine Papierserviette, die eine echte Papierserviette ist.

Beilage PostkarteLeidenschaften BeilageWas für ein Aufwand. Ich betrachte die verschiedenfarbigen Anmerkungen im Buch, die manchmal blasser werdenden Unterstreichungen, Kritzeleien, Flecken … Wie kompliziert die Produktion eines solchen auf mehreren Ebenen funktionierenden Buches ist, wieviele Menschen und Arbeitsschritte es erfordert Inhalt und Form korrekt zusammenzubringen, kann man vielleicht nur verstehen, wenn man eine Ahnung von Buchherstellung hat. Monika König, die Herstellungsleiterin von Kiepenheuer & Witsch, hat im Börsenblatt davon geschrieben, aber sie schreibt für Insider, und natürlich erzählt sie von all den Schwierigkeiten, die es zu meistern galt nur knapp und sachlich. Das Wichtigste ist ja auch, dass das fertige Buch „in allen Punkten unseren Vorstellungen“ entspricht. Toll! Ich ziehe meinen Hut! Chapeau!

Ach so ja, lesen werde ich es natürlich auch! :)

Leihstempel

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der Gegenstand …

l'écopeWir machen das mal wie in Karambolage und erklären einen Gegenstand … voilà, darf ich vorstellen, l’écope. Kennen Sie nicht? Machen Sie sich nichts draus, ich auch nicht. Bis vor kurzem zumindest kannte ich dieses Ding nicht, das liegt aber nicht daran, dass es ein so typisch französischer Gegenstand ist, sondern an meiner Wassersportferne. L’écope dient zum Wasser aus dem Boot schöpfen, écoper heißt diese Tätigkeit auf Französisch. Aha. Wir setzten es ein, um Wasser vom Kellerboden zu schöpfen. Klappt gut. Aber ich wusste immer noch nicht, wie das Ding nun auf Deutsch heißt. Mein Online-Wörterbuch scheiterte daran! Ein Ösfass isses! Mit drei s, wie Heinz Rühmann sagen würde. Eins vor dem f und zwei danach. Wir danken an dieser Stelle Gerd Z., unserem zuverlässsigen Segelsprachspezialisten! Dieses Ösfass hat nun an unserem harten Zementkellerboden alles gegeben und sich buchstäblich erschöpft.

l'ecope 2 l'ecope kaputt L'ecope Seite und nochmal l'ecope

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Die Villa E-1027 – Eileen Gray und Le Corbusier

Blick von der Villa E1027Traumhaft oder? Das ist der Ausblick von der Terrasse der Villa E-1027 von Eileen Gray in Roquebrune. Es ist erst gerade drei Wochen her, dass ich dort war, es scheint mir aber nach allem, was in der Zwischenzeit geschehen ist, ewig weit weg zu sein und beinahe unangemessen als Thema, aber man muss ja auch ein bisschen den Kopf rausstrecken aus all dem Elend, n’est-ce pas?

Strand Roquebrune Chemin Promenade Corbusier cap moderne

In diesem Sommer hat die Association Cap Moderne in Roquebrune erstmals die Tore zur restaurierten Villa E-1027 von Eileen Gray geöffnet.

K800_DSCN6819 Villa E1027 Küche Blick auf Monaco

Eileen Gray ist zumeist nur bekannt als Möbeldesignerin, man kennt vielleicht ihren kleinen verstellbaren runden Beistelltisch, der oft nachgeahmt wurde. Sie hatte ihn Besitelltisch-E_1027_1ursprünglich für 390px-Eileen_Grayihre avantgardistische Villa in Roquebrune entworfen, wie auch andere Möbel, die in ihrer Funktionalität und Schlichtheit noch heute beeindrucken. 1927 hatte Eileen Gray an der damals noch völlig unberührten Küste, unterhalb des mittelalterlichen Dorfes Roquebrune, ein Grundstück erworben und für sich und ihren Lebensgefährten den Architekten Jean Badovici eine avantgardistische und funktionelle Villa entworfen und erbauen lassen. Im eigentümlichen Namen der Villa E-1027 sind beider Initialen (als Ziffern verschlüsselt) ineinander verwoben, wie eine Umarmung Liebender.

Um die extreme Modernität des Hauses und der Möbel zu verstehen, die selbst heute noch verblüffen, muss man sich die bourgeoise Architektur der Zeit vorstellen. Betrachtet man beispielsweise die nur zehn Jahre früher, im Renaissance Stil erbaute Villa Ephrussi de Rothschild in Saint-Jean-Cap-Ferrat, mit ihren vielen Salons im Louis XVI Stil … Was für ein Kontrast! Die Villa E-1027 schockiert geradezu. Schnörkellos, funktionell. Die Villa ist klein, alles ist durchdacht, nichts dem Zufall oder einer späteren freien Gestaltung überlassen. Innen gab es nur das zum Leben Notwendige und alles hatte seinen festen Platz. An jedem Einbauschrank stand, was sich darin zu befinden habe. Es gab sogar eine Art Wegweiser, wie das Haus zu betreten sei, denn keinesfalls sollte man sich in den Räumen, die dem Personal vorbehalten waren, wie etwa der Küche, verlieren. Denn bei aller Modernität hielt man doch an dem bestehenden Sozialgefüge fest: Das Dienstmädchen hatte nur eine Kammer im unteren Bereich des Hauses, und nicht mal der Blick nach außen war ihm vergönnt, die Fensterscheiben waren opak.

Villa E1027 SeeseiteNur drei Jahre dauerte die Beziehung zwischen Eileen Gray und Jean Badovici in der villa blanche wie man das Haus in der Gegend nannte, da es komplett in Weiß gehalten war. Danach überließ sie ihm die Villa und baute für sich in der Nähe von Menton ein anderes, ähnlich modernes Haus. Badovici und Gray waren mit dem Architekten Le Corbusier befreundet und letzterer war häufig Gast in der Villa. Le Corbusier hatte, wie heute mancher junge Graffitti-Künstler, das Bedürfnis sich auf den leeren weißen Wänden der Villa zu verewigen und schuf während seiner Aufenthalte Le Corbusiersieben großformatige, sehr farbige und überwiegend erotische abstrakte Wandgemälde. Dieser, in den Augen Eileen Grays gewaltsame Akt, sich das Haus in gewisser Weise anzueignen, führte zum Zerwürfnis mit Eileen Gray, auch wenn sie, eine adlige irische Lady, ihren Unmut darüber nur sehr dezent äußerte. Aber sie sah die puristische Villa, die sie mitsamt der Inneneinrichtung als Gesamtkunstwerk verstand, dadurch zerstört und kehrte nie wieder dorthin zurück.

Die Villa hatte danach eine bewegte Geschichte und jeder Besitzer versuchte sich die Villa auf seine Art anzueignen: die Einrichtung wurde verändert, Möbel wurden entfernt, und bei der Restauration wurden mehrere knallbunte Farbschichten freigelegt. Das ursprüngliche Weiß schien eine Gegenbewegung zur Farbigkeit provoziert zu haben. Der letzte Besitzer wurde dort unter ungeklärten Umständen ermordet und zuletzt wurde sie von Wohnsitzlosen illegal bewohnt. Der Zustand der Villa verschlechterte sich und das Haus verfiel zusehends.

Die Villa wurde schon vor vielen Jahren von der Gemeinde Roquebrune und dem französischen Staat erworben, aber nur mühsam kam eine Restaurierung in Gang. Erst mit dem 2014 gegründeten Verein Capmoderne, dem eine Restaurierung nicht nur der Villa, sondern ebenso der angrenzenden Gebäude, dem berühmten Cabanon Le Corbusiers, dem kleinen Restaurant L’Étoile de Mer und einer kleinen Reihenhauszeile, den Unités de Camping, übertragen wurde, begann eine umfassende Instandsetzungsarbeit des gesamten Ortes.

L'etoile de merSeit Jahren verbrachte der Niçois Thomas Rebutato mit seiner Familie die Wochenenden am Strand unterhalb der Villa E-1027. Damit sie nicht mehr jede Woche aufs Neue sämtliche Bade-, Picknick- und Angelutensilien dorthin transportieren mussten, suchte er ein Stück Land zu kaufen und erwarb 1949 in direkter Nachbarschaft der Villa ein Grundstück und baute dort alsbald eine Hütte, die die Siebensachen seiner Familie beherbergen sollte. Irgendwann beschloss Rebutato, an dieser Stelle eine Art Bistro mit Strandzugang zu eröffnen, etwas, was es bislang noch nicht gab, und er baute sein Hüttchen dafür aus: das L’Étoile de Mer war geboren.

Le CabanonLe Corbusier, der dem Ort noch immer treu war, erstand nun wiederum von Rebutato ein kleines Stück Land, um sich selbst ein Ferienhaus zu bauen, wo er mit seiner Frau Yvonne die Sommermonate verbringen wollte. „Ferienhaus“ ist, wenn man Le Corbusier nicht kennt, vielleicht missverständlich, es ist nämlich nicht mehr als eine quadratische Blockhütte, un Cabanon, der nach den menschlichen Raumbedürfnissen des von Le Corbusiers‘ Proportionsschema Modulor geplant und eingerichtet wurde: Auf 3,66m x 3,66m finden sich die zum Leben notwendigen Dinge. Nicht viel mehr als zwei schmale Liegen, ein Tisch und zwei Stühle, eine Toilette und ein Waschbecken passen dort hinein, alles andere verschwand in ein paar Einbauschränken. Die Hütte erinnert damit an einen Wohnwagen oder das Innere einer Jacht und wurde getreu nach Le Corbusiers‘ Losung „Der Gedanke an Möbel sollte ausgerottet und durch den Wunsch nach dem allein nötigen Equipment ersetzt werden“  gestaltet. Niemand verstand, dass Le Corbusier seine Sommermonate in dieser Schlichtheit verbringen mochte, und man spottete darüber, dass ausgerechnet ein Architekt so schlecht wohnte. Nicht einmal eine Küche war vorgesehen, selbst die hier im Süden so typische Außenküche gab es nicht, aber Le Corbusier hatte einen eigenen Zugang zum benachbarten Bistro L’Étoile de Mer und ließ sich von dort morgens sein Frühstück bringen, sein Mittag- und Abendessen nahm er hingegen dort ein.

Unités CampingLe Corbusier verband eine freundschaftliche Beziehung mit der Familie Rebutato. Er hatte die Fassade des Bistros mit einem Wandgemälde geschmückt und er plante für Thomas Rebutato, der seinen Gästen gern eine Übernachtungsmöglichkeit anbieten wollte, die Cinq Unités des Camping, fünf schlichte aneinandergereihte Holzhütten, die von außen in ihrer Struktur und Farbigkeit an Gemälde von Mondriaan erinnern. Auch sie sind nicht viel mehr als ein schlichte Schlafunterkunft mit minimaler Einrichtung, quasi Vorläufer der heute üblichen Campinghäuschen.

Die Villa E-1027 und die angrenzenen Häuser sind noch immer nicht vollständig restauriert, (man versucht gerade sie für das Unesco Weltkulturerbe zu klassifizieren) auch das Bistro ist natürlich nicht mehr in Betrieb, (auch wenn man dort die Mitglieder der Unesco-Weltkulturerbe-Kommission bewirtet hatte) man konnte sie aber erstmals in diesem Sommer, nach Voranmeldung (lange Wartezeiten!) und ausschließlich mit einem (ausgezeichneten) Guide, besichtigen. Fotos von der Inneneinrichtung zu machen, ist nicht gestattet, ich verweise Sie aber auf die wirklich informative und gut gemachte Homepage der Association Capmoderne, leider sind alle Texte nur in Französisch, aber man kann sich auch nur mit den Fotos ein Bild machen. Es gibt sogar eine grandiose Visite virtuelle, mit der man durch das Haus und über das Grundstück gehen kann. Bonne visite!

Nachtrag: Eigentlich wollte ich nur meinen kleinen Architekturausflug dokumentieren; ich bin weder Architektin, noch habe ich mich ins Thema eingearbeitet, auch wenn ich zwei Bücher erstanden habe und darin geblättert und nachgelesen habe. Ich kaufte sie aber vorwiegend, um Fotos der Inneneinrichtung zu haben, denn man durfte im Inneren der Villa und der anderen Gebäude nicht fotografieren. Ich beschrieb den Konflikt zwischen Eileen Gray und Le Corbusier wie ich ihn bei der Führung erzählt bekommen habe und wie sie in den erstandenen Büchern wiedergegeben wurde. Dass ich damit ein empfindliches Thema mit großer Naivität angegangen bin, merkte ich an den Zuschriften, die ich erhielt. Um die (ungebeten hinzugefügten) Wandgemälde von Le Corbusier gibt es einen langen und erbitterten Streit, geradezu zwei Lehrmeinungen. Nachdem ich jetzt mehrere Artikel zum Thema gelesen haben, ist meine eigene Meinung dazu differenzierter. Ich verlinke Ihnen hier der Vollständigkeit halber einen französischen (eigentlich schweizerisch) und zwei deutsche Artikel, einen aus Schöner Wohnen, den anderen aus der Emma, damit Sie auch die andere Sichtweise erfahren. Vielleicht machen Sie sich Ihr eigenes Bild?

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