Mandelblütenschnee

Zuerst dachte ich, es sei Schnee, der da auf dem Boden lag. Aber nein, es sind Mandelblüten! Heimlich, still und leise haben sie zu blühen begonnen und der Wind der letzten Tage wehte die Blüten von den Bäumen. Es wird Frühling!

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Erinnern – Commémorer

Hier wird ein bisschen gekränkelt und außerdem viel gearbeitet, aber das wollte ich heute doch auch hier (und nicht nur auf FB) geteilt haben. Heute, am 27. Januar, ist Internationaler Tag zum Gedenken an die Opfer des Holocaust. Die israelische Gedenkstätte Yad Vashem hat eine Rememberance-Wall, eine Erinnerungs-Wand, eingerichtet, man kann sich dort mit seinem Namen und seinem Land einschreiben und bekommt postwendend über einen Zufallsgenerator das Foto und die Informationen eines Holocaustopfers “zugeordnet”: ein Mann, eine Frau, ein Kind, den/die/das man somit vor dem Vergessen bewahrt. Man wird als “Erinnerungs-Patin” zusammen mit diesem im Holocaust ermordeten Menschen auf besagter Erinnerungs-Wand genannt. Christiane Dreher aus Frankreich erinnert … steht bei mir nur. Mir wurde ein kleines Mädchen ohne Vornamen zugeordnet.

Erinnern


Ich erinnere an ein kleines Mädchen, dessen Vornamen wir nicht wissen. Sie wurde 1938 als Tochter von Shmuel und Ester Preisz (geb. Muler) in Miskolc in Ungarn geboren und in Auschwitz ermordet. Sie wäre heute so alt wie meine Mutter.

Je commémore une petite fille dont on ne sait même pas le prénom. Elle est née 1938, elle est la fille de Shmuel et Ester Preisz, avant la guerre elle vivait à Miskolc en Hongrie. Elle était assassinée à Auschwitz. Aujourd’hui elle aurait le même âge que ma mère.

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bleu blau blue

Die Fotos sind von gestern. Sieht heute aber genauso aus. Und heute war ich schwimmen! Leider ohne Beweisfoto. Es war recht frisch und lange bin ich auch nicht geschwommen, aber immerhin: 12. Januar Anschwimmen! Absoluter Rekord! Luft 14°C, in der Sonne gefühlt 19°C, Wasser 15°C.

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Leberkrise, die zweite

Fast auf den Tag genau erlebte ich meine zweite Leberkrise und mache, weil noch etwas flagada oder patraque wie man hier sagt, ich noch etwas schwach bin oder groggy auf gut deutsch, daher einfach ein Blogrecycling. Liest du –> hier! Es ist das zweite Mal, dass ich die Jahresendfeste – les reveillons –  komplett in Frankreich verbrachte. Diesmal habe ich die französische Familie innerhalb einer Woche zweimal bekocht, ich bemühte mich, trotz der vorgegebenen Traditionen, um eine “leichte” Variante und habe zum Beispiel als siebten Gang des ersten Weihnachtsessens keine Buttercreme-Bûche de Noël,  sondern eine “bûche glacé” aus Vanilleeis und Himbeersorbet aufgetragen. Dennoch, die gedrängte Aufeinanderfolge von all den kulinarischen Genüssen, ohne die es hier nun einmal nicht geht, war irgendwann wieder zu viel für meinen Magen, die Leber und die Galle. Meine Mutter reiste nach einer ebenso qualvollen Nacht ab, auch ihr Magen streikte, was zeigt, dass wir Deutschen einfach keine in jahrzehntelangem Esstraining erworbenen Magenresistenz haben, sie also nahm gestern Abend tapfer ihren Flieger nach Deutschland, während ich mich, zusätzlich fiebrig, noch kaum aufrecht halten konnte. Danke übrigens noch für all Ihre Anteilnahme und Wünsche! Meine Mutter kam letzten Ende noch gut hier an und wir verbrachten zwei intensive Wochen (esstechnisch, familienlastig und unternehmensfroh), wir hatten sonnigste Tage und blauesten Himmel, aßen und spazierten am Meer entlang und ebenso durch den bereits (teilweise) erblühten Mimosenwald. Sie reiste gestern Abend nach Hause, dieses Mal klappte alles so geschmeidig,  wie man es sich wünschte, und nun erholen wir uns von all den französischen Exzessen.

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Frohes Fest

Ein frohes Fest wünsche ich (jetzt schon, ich weiß nicht, ob ich später noch dazu komme) und außerdem happy Chanuka! Das jüdische Lichterfest beginnt dieses Jahr am 22. Dezember und wird bis zum 30. Dezember gefeiert. Der hineinfotografierte Text, der aus meinem anderen-advents-kalender stammt und dort eigentlich für den 23. Dezember vorgesehen ist, hat mich gerührt.

aus: der andere advent

Gerade bin ich noch einmal sehr gerührt: Meine Mutter sollte heute Abend mit dem Flugzeug nach Nizza kommen. Ich hatte alles geplant, Begleitservice reserviert, damit sie, die nicht mehr allzugut zu Fuß unterwegs ist, nicht alleine mit ihren Koffern durch diesen riesigen Flughafen in Frankfurt irren muss. Es gab einen Shuttle-Bus bis zum Flughafen, alles schon vor Monaten reserviert. Der Shuttle-Bus blieb wegen eines schlimmen Unfalls drei Stunden auf der Autobahn blockiert, meine Mutter kam am Flughafen an und der Flieger hob gerade ab in den dämmrigen Abendhimmel. Ohne sie. Der Fahrer des Shuttle-Busses begleitete meine Mutter immerhin bis zum Schalter und erklärte die Situation. Aber dort war man recht schnipppisch: der Begleitservice sei nicht mehr zuständig. Sie sei gecancelled, sagte man ihr. Sie war zu spät. Man kann nichts mehr für sie tun. Punkt aus. Basta. Das war der Moment, an dem ich meine Mutter zum ersten Mal am Telefon hatte. “Ich bin gecancelled“, sagt sie, und bemüht tapfer “Ich weiß jetzt nicht, wie es weitergeht”, dann unterbricht sie mitten im Satz das Gespräch. Ich rufe zurück. Sie nimmt nicht ab. Vermutlich hört sie es nicht, oder was weiß ich. Ich beginne die Fluggesellschaft zu verfluchen. Ich meine, das sieht man doch, dass meine Mutter eine ältere Dame ist und, zumindest in gewissem Maße, Hilfe braucht. Deswegen habe ich den Begleitservice doch gebucht, Himmel nochmal! Sie braucht schon im Normalfall Hilfe beim Koffer aufgeben und um sich nicht zu verlaufen und vor allem um diese endlos langen Wege bis zum Gate XY zu laufen, bzw. eben gerade nicht zu laufen, sondern zu fahren, in einem Rollstuhl oder Elektroauto. Man kann sie doch gerade dann, wenn es noch zusätzlich Schwierigkeiten gibt, bitte nicht einfach so stehen lassen. Gerade jetzt braucht sie Hilfe, um zu schauen, ob und wie man den Flug umbuchen kann, und wo sie dazu hinlaufen muss in diesem Flughafenlabyrinth! Meine Mutter ruft wieder an. Immerhin hat sie erfahren, dass sie “hoch” und irgendwo “warten” muss, “bis ihre Nummer aufgerufen wird”. Und da geht sie jetzt hin, aber sie ist immer noch allein mit den beiden Koffern. Ich seufze. Ich kann nur ahnen, um was es geht. Anscheinend versucht man sie umzubuchen. “Ich weiß noch nichts”, ruft sie zwischendurch an, “ich muss noch warten!” Lange ist es nicht sicher, ob sie heute noch einen Platz im späteren Flieger bekommen kann und wenn ja, zu welchem Aufpreis, oder ob sie am Flughafen übernachten muss. Ich suche schon mal vorsorglich die Hotels am Flughafen, aber auch das wäre alles zusätzlich verwirrend und kompliziert. Gerade eben rief sie erneut an. Sie hat einen Platz im späteren Flieger, hurrah!, und sie unterbricht schon wieder das Gespräch, diesmal aber, weil schon “die junge Frau” kommt, die sie dahin begleitet. Im Elektroauto. Uff. Später ruft sie noch einmal an: Die nette junge Frau habe mit ihr den Koffer aufgegeben, sie ist mit ihr durch die Kontrolle und eine andere hat sie zum Gate gefahren (das jetzt hoffentlich nicht mehr geändert wird), alles ist gut. Sie hat drei Stunden Zeit und trinkt jetzt erstmal einen Kaffee. Ich bin sehr erleichtert. “Musstest du etwas aufzahlen?”, frage ich. Aber nein! Ihr Flug wurde kostenlos umgebucht. “Es ist Weihnachten”, habe der junge Mann am Schalter zu ihr gesagt, als er ihr das neue Ticket ausgestellt hat. Oh Mann, ich heule hier. Danke! Danke Fluggesellschaft! Danke Universum! Es ist Weihnachten! Ja! Frohe Tage, egal ob Sie glauben oder nicht, und egal, an welchen Gott Sie glauben. Frohe Tage! Seien Sie gut zu sich und zu anderen! Haben Sie es gut und seien Sie froh miteinander! 

Dies ist kein Weihnachts- sondern ein Abendlied, aber ich finde es gerade so friedlich und wohltuend. Den Hinweis auf das wundervolle Vokalensemble Sjaella aus Leipzig verdanke ich Asja G. aus Biestow. Vielen Dank!

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Kolumnistin

Und fast vergessen: Ich freue mich Ihnen ankündigen zu dürfen, dass ich, unter dem Namen Christine Cazon, die zukünftige Kolumnistin des wunderbaren Frankreich Magazins sein werde! Schon im nächsten Heft finden Sie einen Beitrag von mir! :D

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Jacques Ferrandez

Letzten Samstag war ich bei einer Signierstunde. Jacques Ferrandez, mein Lieblings-BD-Zeichner und Autor war in Cannes in der wundervollen inhabergeführten (!!!) Buchhandlung autour d’un livre zu Gast.

autour d’un livre

Als ich in Frankreich ankam, ich sage es ja immer wieder, war es nicht so weit her mit meinem Französisch. Dass ich nach vier Wochen fließend spräche und selbstredend auch französische Literatur läse, glaubte ich vorher zwar, aber dem war nicht so. Ich starrte auf die Bücher in der klitzekleinen Gemeindebibliothek und blätterte lust- weil verständnislos durch die Seiten. Kleinkinderbücher, auch wenn sie sprachlich meinem Niveau entsprachen, wollte ich nun auch nicht gerade lesen. Und dann entdeckte ich die BD’s, des Bandes dessinées. Mit Comics wie Micky Maus, Donald oder Lucky Luke hatte das wenig zu tun. Erwachsenencomics, Graphic Novels heißen sie heute auch, erzählen richtig anspruchsvolle Geschichten, manchmal Literatur und/oder Geschichte. Nicht alle Zeichner sprechen mich an. Aber die Carnets d’Orient von Jacques Ferrandez (gezeichnet und geschrieben) haben mich sofort angezogen. Auch weil er in dieser zehnbändigen Serie von Algerien erzählte, und von Algerien als französischer Kolonie und dem nachfolgenden Unabhängigkeitskrieg wusste ich wirklich gar nichts. Ich begann also mit Jacques Ferrandez BD’s französisch zu lesen und etwas über französische Geschichte zu lernen. Danach las ich alles, was ich von ihm kriegen konnte.

“Richtige” Bücher, also Literatur in französischer Sprache, lese ich immer noch sehr zögerlich. Als ich vor ein paar Jahren
Meursault, contre enquête von Kamel Daoud, einem algerischen Autor, in französischer Sprache lesen wollte, das sich auf Camus’ Der Fremde bezieht, wusste ich, dass ich zunächst Camus lesen müsste, um Kamel Daoud zu verstehen. Uff. Glücklicherweise hatte Jacques Ferrandez gerade angefangen Camus Werke als BD zu zeichnen, das hat mir das Lesen (und das Leben ;-) ) ziemlich erleichtert.

Jetzt hat uns Jacques Ferrandez viel aus seinem Leben erzählt (seine Familie stammt ursprünglich auch aus Algerien, sie hatte ein Schuhgeschäft gegenüber des Hauses, in dem Camus gelebt hatte) und von seiner Art zu arbeiten. Und dann hat er mir vier neue Bücher ganz reizend signiert :)

ps: Kamel Daouds Meursault … ist in der Zwischenzeit bei Kiepenheuer & Witsch unter dem Titel “Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung” auch auf Deutsch erschienen.

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Was seither geschah …

Ich weiß es nicht mehr. Also, was seit meinem letzten Text alles geschehen ist, meine ich. Ich renne seit Wochen durch die Welt und summe beschwörend “EASE”, Sie erinnern sich, mein Wort des Jahres. Nein, dies ist noch kein Rückblick und kein Erfahrungsbericht wie es mir mit diesem Wort gegangen ist. Immerhin habe ich das Wort nicht vergessen und es hat mich das ganze Jahr beruhigt. Gerade sage ich es mir in Großbuchstaben: EASE. Noch eine Woche bis Weihnachten und ich weiß noch nicht, was ich am 25. kochen werde. EASE. Ich habe die Ehre meine französische Familie zu bekochen. EASE.

Also ich versuche mal ganz schnell die letzten Wochen zusammenzufassen, bevor alles, was ich Ihnen schon so lange erzählen will, aus meinem Hirn verschwindet. Bei allem war und ist auch einfach viel Müdigkeit und sehr viel Rücken, dem ich auch weder mit Yoga noch mit dem Ostheopathen langfristig beikomme. Ich war ja vor dem Defa-Festival noch in Deutschland und sah Familie und Freunde, und davor hatte ich Besuch von einem ehemaligen Kollegen, den ich seit etwa dreißig Jahren nicht gesehen hatte: das sind bei aller Freude immer auch sehr intensive Begegnungen, die mich irgendwie ermüden.

Martinstag

Deutschland also: Ich habe am Martinstag nicht Gans gegessen, sondern Sauerbraten. Irgendwie enttäuschend, ich nahm mir daher vor, den Sauerbraten jetzt doch mal selbst zu machen, dazu gleich mehr. Am gleichen Abend sah ich überraschend einen Laternenumzug mit vielen Kindern und Laternen und dem St. Martin zu Pferde und es wurde gesungen: Rabimmelrabammelrabumm und es rührte mich so, dass ich schluchzte und schniefte.

Rabimmelrabammelrabumm

Herrjeh Deutschland im Herbst. Nebel. Friedhöfe. Bunte Blätter. Und Rabimmel. 

Friedhof

Zurück gings sofort ins DEFA-Festival, es ist auch im Rückblick immer noch ganz großartig gewesen!, gerne hätte ich noch die Kommentare der Zuschauer eingefügt, aber wie es hier so ist, der Vereinspräsident kam damit nicht rechtzeitig rüber, ich hatte am gleichen Abend schon wieder Gäste und kochte noch ganz unter deutschem Einfluss Sauerbraten (dazu gleich mehr) und dann war das Zeitfenster dafür schon wieder zu. Wir fuhren für zwei Tage ins Bergdorf, dort gab es Dinge zu entscheiden und den Weihnachtsmarkt mitvorzubereiten. Sehr weit kamen wir zumindest mit letzterem nicht, es begann nämlich zu regnen und zwar ordentlich und so blieben wir im Warmen drinnen und tüteten immerhin mehrere Kilo Pätzchen ein und schrieben Etiketten und banden Schleifchen und all diese Dinge, die niemand sieht und die dennoch Zeit fressen.

Spritzgebäck

Es wurde auch entschieden, dass ich dieses Jahr für die Suppe, die wir während des Weihnachtsmarkts mittags immer gratis ausschenken, zuständig bin. Man drückte mir, der Suppenbeauftragten, einen drei Kilo schweren Kürbis in den Arm und ein vages Rezept (mit Maronen wurde gewünscht) und ich solle es mal ausprobieren. Und es regnete. Viel. Die erste dramatische Hochwassersituation war hier schon am 23. November. Sie haben vielleicht Bilder in den Nachrichten gesehen. Der Süden stand unter Wasser. Wir waren dieses Jahr persönlich nicht betroffen, glücklicherweise, aber anderen in Cannes und in Mandelieu und in Biot und auch im Nachbardepartement Var stand das Wasser schon wieder bis zum Hals. Wir persönlich wohnen ja nicht am Wasser sondern leicht am Hang, da denkt man immer, es könne einem nichts passieren, aber in einer Nachbarstraße rutschte aufgrund des vielen Wassers ein ganzer Hang und mit ihm eine Mauer ab und das darunter geparkte Auto war hin. Nicht unser Auto. Alles gut bei uns. Aber Cannes und der Süden haben schon wieder gelitten.

Schnell noch zum Sauerbraten. Das ist wie mit dem Käsekuchen. Ich esse in Deutschland dauernd beides und suche den Geschmack von früher. Und bin enttäuscht. Macht das keiner mehr so wie früher oder hat sich mein Geschmack so verändert? Der Gatte hatte mir für den Tag nach dem DEFA-Festival schon gleich Gäste eingeladen und ich beschloss mutig Sauerbraten zu machen. Kann ja nicht so schwer sein. Ich las hundertundein Sauerbratenrezept und vertraute den badischen Landfrauen (klar mache ich badischen Sauerbraten und nicht diese Rosinen-und Lebkuchenvariante aus dem Rheinland, die Rheinländer mögen mir verzeihen, aber ich bin im Süden aufgewachsen!). Ich fotografierte aus einem deutschen Kochbuch die Abbildung eines schematisch in Stücke gezeichneten Rindes und ging damit zum Metzger meines Vertrauens. Das Stück Fleisch da brauche ich!, erklärte ich ihm, hielt ihm mein Handy entgegen und tippte auf die Stelle. Er zog die Augenbrauen hoch. Was wollen Sie denn machen? fragt er zurück. Ich erkläre ihm Sauerbraten. Aha, sagt er und kratzt sich am Kopf. Wo ist das Problem? frage ich. Das Problem ist, dass die Franzosen das Rind anders zerlegen. Er zeigte mir ein französisches Rinderschema. Das Stück Fleisch, das ich ihm im deutschen Rind zeige, ergibt im französischen Rind vier verschiedene Stücke. Welches davon soll es sein? Keine Ahnung. Irgendeins, sage ich, wird schon werden. Aber so einfach ist es nicht für den Metzger. Er schleppt mich nach nebenan in einen Pizzaladen, der gerade umgebaut wird. Der neue wohlgenährte Besitzer kommt aus Lothringen, ist mit einer Deutschen verheiratet und spricht auch Deutsch. Saurbrohde, sagt er, klar kennt er den. Lecker! Welches Stück Fleisch? fragt der Metzger. “Ha! Na da muss isch mei Frau frohe”, sagt der Lothringer und ruft seine deutsche Frau in Pirmasens an. In süßem saarländischen Dialekt fragt er nun seine Frau nach dem Fleisch für Saurbrohde. “Du liewe Zeit! Da muss isch mei Mudder ahruffe”, höre ich die deutsche Frau des lothringer Pizzabäckers durchs Telefon rufen. Leider ist die wissende  Mudder dann nicht erreichbar, sie hätte es vermutlich sowieso nur wieder auf Deutsch gewusst: Bug oder Schulter oder so etwas. Wir stehen wieder vor dem Rinderschema. Wir beratschlagen jetzt zu dritt und ich gehe letzen Endes mit einem Stück Fleisch für Pot auf feu nach Hause. Dort lege ich es ein in Rotwein und etwas Rotweinessig mit Karotten und Lauch und Zwiebeln undsoweiter. So ganz schwach kommen da Erinnerungen hoch, so hat es früher ausgesehen und gerochen, ich bin guter Dinge. Drei Tage liegt der zukünftige Sauerbraten jetzt in seiner Beize und dann wird er in einem gusseisernen Topf gebraten. Glücklicherweise kommen die Gäste erst abends. Der Sauerbraten brät bei niedriger Temperatur nämlich nicht die angegebenen zwei Stunden, sondern etwa vier, ich kann ihn schon kaum noch riechen, aber er ist immer noch nicht so butterzart, wie ich das erwarte.  Aber die Gäste sind jetzt da. Ich habe noch einen deutschen Zwiebelkuchen als Entrée gemacht, die typischen Klöße als Beilage zum Sauerbraten dann aber doch gegen Kartoffelpürree ausgetauscht. Und Rotkraut gabs auch nicht. Allzu viel Fremdes, was ich außerdem selbst zum ersten Mal mache, wollte ich dann doch nicht anbieten. Der Braten ist, sagen wir, al dente. Sauer ist er schon. Die Soße ist auch sauer. Ich kann es kaum essen, so sehr habe ich den Geruch in der Nase. Die Gäste kauen angestrengt und sind höflich. “Originell” sagt Monsieur hinterher. Es bleibt so viel übrig, dass wir am nächsten Tag noch einmal Gäste bewirten können. Das Fleisch ist auch nach dem erneuten Aufwärmen (ich zitiere: “Sauerbraten ist immer besser am nächsten Tag”) noch immer nicht wirklich weich. “Très original” heißt es auch hier wieder. Ich bin jetzt nicht sicher, ob es doch ein anderes Stück Fleisch hätte sein sollen, aber fürs erste bin ich sowieso geheilt vom Sauerbraten.

Ok, nach dem Sauerbraten kam die Kürbissuppenphase. Monsieur und ich aßen in der verregneten Folgewoche abends ununterbrochen Kürbis-Maronensuppe in unterschiedlicher Zusammensetzung und mal mit Curry, mal mit Cumin und mal nur mit Sauerrahm verfeinert und letztlich bestellte ich 15 Kilo Kürbis für die zu erstellenden 25 Liter Suppe.

Die Suppenbeauftragte ist auch Christstollenbäckerin. Leider wollte sich das in jahrelanger Erfahrung zusammengeschriebene Rezept nirgends finden lassen. Leichte Verzweiflung. Ich suchte überall, aber es blieb verschwunden. Ich las also wieder tausenderlei traditionelle und weniger traditionelle Christstollenrezepte, versuchte mich an Mengenangaben zu erinnern und grübele wieder über die Anzahl der Eier und die Backtemperatur. Nur dass ich die frische Hefe vom Bäcker kaufe und nicht mehr die komischen Würfel aus dem Supermarkt nehme, das wusste ich noch vom letzten Mal. In der Bäckerei ist es jetzt so ähnlich wie beim Metzger. Was wollen Sie denn machen? fragt man mich. Ich versuche Christstollen zu erklären. “Ah, Chrieststohlen“, ruft die Chefbäckereifachverkäuferin wissend, “kenne ich aus dem Elsass!” Ich möchte 80 Gramm Hefe, so steht es im Rezept. Die junge Bäckereifachverkäuferin, die in der Backstube verschwindet, kommt wieder und fragt nach der Menge Mehl, die ich verwenden werde. “Ein Kilo” sage ich, “aber es wird ein schwerer Teig mit Früchten, Rosinen und Mandeln!” “15 Gramm” sagt der befragte Bäcker bräuchte ich. Ich sage im Rezept stünde was von 80 Gramm. Die Bäckereifachverkäuferin rennt wieder zurück in die Backstube, aber der Bäcker bleibt bei seinen 15 Gramm. Ich bin zugegeben skeptisch. Die junge Bäckereifachverkäuferin befragt jetzt den Patissier in einem anderen Teil der Backstube. Der erhöht auf 20 Gramm. Wir diskutieren, die Schlange hinter mir wird lang und länger und ich kaufe gegen den Rat der gesamtem Bäckereimannschaft vorsichtshalber 100 Gramm frische Hefe.

Ich machs kurz. Der Christstollen sieht toll aus, der Teig war auch wunderbar aufgegangen, der fertige Stollen aber ist etwas fest. Geschmacklich aber ist er gut. Immerhin.

Es regnete immer noch, aber wir gehen trotzdem ins Kino. Zwei der Säle sind abgesoffen und die Filme können nicht gezeigt werden, unser Film läuft, wir sinken ein in klatschnassen vollgesogenen Teppichboden. Die Sitze aber sind trocken. Wir sehen den deutschen Dokumentarfilm über Marthe Hoffnung: Chichinette – ma vie d’espionne (Wie ich zufällig Spionin wurde). Kennen Sie vielleicht schon. Wir fanden den Film ganz großartig.

Dann wurden hier mehrere Familiengeburtstage gefeiert, da gehen ja immer ganze Tage drauf. Sechs Stunden saßen wir für das Essen am Tisch. SECHS! In Deutschland war ich auch zu einem großen Geburtstag eingeladen, da waren wir nach zackigen zwei Stunden wieder raus aus dem Restaurant. Hier wurde es dann noch viel länger, denn es regnete so stark, dass wir über Lautsprecher und über automatisierte Anrufe aufgefordert wurden zu Hause zu bleiben, uns im Zweifelsfall in die höhere Etage zu retten und unter keinen Umständen in Keller und Tiefgarage zu gehen. Es war Katastrophenalarm. Die Sirenen heulten wieder und wieder. Schon sehr aufwühlend dieses Sirenengeheul. Beim letzten Hochwasser vor vier Jahren waren allein in Cannes elf Menschen ertrunken, viele davon, weil sie noch schnell ihr Auto aus der Tiefgarage retten wollten und dann, weil die Elektronik der Garagentore nicht mehr funktionierte, unterirdisch in der vollgelaufenen Garage in ihrem Auto ertranken. Dieses Szenario galt es dieses Mal unbedingt zu vermeiden. Daher die Durchsagen und die Anrufe und die Sirenen. Es sind aber trotzdem Menschen ums Leben gekommen. Aber nicht unsere Gäste aus Marseille und Nizza, die wir dann alle notbeherbergt haben. Keine Züge, keine Busse fuhren und kein Auto kam durch. Zu viel Wasser. Hier ein passender Artikel dazu. Auch wenn der darin genannte Baudirektor der Präfektur keine Einkaufszentren mehr genehmigen will, IKEA, und mit IKEA tausende von Parkplätzen, kommen in Nizza trotzdem. In zwei Jahren soll es (nach zwanzig Jahren Gerangel) dann endlich soweit sein, dass wir für ein Billyregal nicht mehr bis nach Toulon fahren müssen. Billy gibt es vermutlich schon gar nicht mehr, aber ich bin Ikeamäßig nicht mehr auf dem Laufenden, die Entfernung bis nach Toulon ist einfach zu groß. 

Schnee auf St. Honorat
Schafe

Dann war Weihnachtsmarkt in den Bergen. Wir sind schon vorab angereist, um mit den zwei aktivsten Helfern die letzten Dinge in Ruhe zu tun und um in Ruhe die Suppe zu kochen. 60 Liter Suppe! In zwei gigantischen, alleine nicht mehr zu stemmenden Töpfen. 15 Kilo Kürbis wurden aufopferungsvoll geschält und geschnitten.

Kürbissuppe

Die Suppe wurde gut, ich wurde von allen gelobt, und alle sechzig Liter haben wir ausgeschöpft, aber mir hat, wenn auch nicht die Suppe, aber der diesjährige Weihnachtsmarkt generell einen schalen Geschmack hinterlassen. Im Vorfeld war es schon ein “débrouillez-vous”-Ambiente. Schaut wie ihr klar kommt, heißt das. Irgendwie war es dieses Mal mühsamer, schon allein die Schlüssel für den Raum zu finden, in dem die Bänke und die Gasflaschen stehen. Beides brauchen wir. Den Schlüssel hat S. Der S., angerufen, hat ihn nicht. Er schwört, er hat ihn nicht, zumindest nicht als letzter gehabt, und er hat ihn an den Platz in der Mairie zurückgehängt. In der Mairie ist der Schlüssel aber nicht. Der Ersatzschlüssel unter dem Blumentopf ist auch weg. Wir rufen hier und dort an, laufen durchs Dorf, fahren zu einem Hof. Niemand hat den Schlüssel. Nach zwei Stunden sind wir genauso weit wie vorher. Und was machen wir jetzt? Bah, débrouillez vous! heißt es patzig. So war es mit allem. Wir haben uns so gut es ging débrouillé, aber dieses Jahr hatten wir zum Beispiel auch keine Lichterketten über dem Dorfeingang und auch nicht über den Platz gespannt, weil naja … entweder fehlte der Schlüssel zum Kämmerchen oder die Girlanden waren nicht da, wo sie sein sollten und am Ende war niemand da, der sie anbringen und anschließen wollte. Tant pis, dann eben nicht.

Lichterkette

Wir hatten bestes Wetter, Sonne, milde Temperaturen, kein Regen, kein Schnee. kein Glatteis, keinen Wind, keine Konkurrenzveranstaltung in Nachbardorf, eine super siebenköpfige Musikgruppe, die Stimmung machte, und es kamen nur wenige Menschen. Wenige Kinder auch. Der Nikolaus verteilte seine Mandarinen und Bonbons daher an alle.

Musik
Nikolaus

Die Menschen, die da waren kauften nichts. Oder nur sehr wenig, vor allem die Eier und den Käse des Bauern vom Hof aus St.Martin. Der ging daraufhin vergnügt in der Auberge einen trinken. Es gab kostenlose Mittagssuppe für alle, und plötzlich waren viele Menschen da. Danach war es leer auf dem Platz. Die anderen externen Aussteller packten missmutig ihre Sachen zusammen. Um halb zwei gab es nur noch unseren Stand. Der Käsebauer trank noch immer Weißwein in der Auberge. Plötzlich baute irgendjemand die verwaisten Zelte ab, stopfte die Weihnachtsdeko auch rund um unseren Stand in große Säcke, wir räumten dann auch zusammen und um 15 Uhr war alles vorbei. Wie jetzt? Das alles, so viel Einsatz und Arbeit für nur knapp sechs Stunden Weihnachtsmarkt?!

Kränze

Vielleicht hätte ich es rosiger gesehen, wenn ich mich mit Glühwein hätte betrinken können, davon war nämlich noch genug übrig, aber ich bleibe ja nun mal immer so nüchtern. Die Nikolausandacht war stimmungsvoll, wir sangen dieses Jahr “Donnez-moi” von den Frangines. Der Diakon hat es ausgewählt, denn die beiden Schwestern, Les Frangines, singen im Prinzip einen Bibeltext. er stammt aus dem Hohelied der Liebe “und hätte ich die Liebe nicht”. Sehr schön! Das Essen im Gemeindesaal war lecker und die Stimmung ausgelassen. Aber ich war nach neun Jahren ähnlich enttäuscht wie beim ersten Mal. Vielleicht lag es auch nur daran, dass ich etwas müder war als sonst, wer weiß. Nächstes Jahr wieder? Nicht so sicher.

Und hier das Video, das Jean-Pierre Champoussin, der rasende Reporter des Tales, dieses Jahr gemacht hat:

Das Video von Jean-Pierre Champoussin
Bonne nuit la montagne
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Das DEFA-Festival in Cannes

war großartig! Wir kommen gerade vom fünften und letzten Film nach Hause und sind beglückt und erschöpft von der Intensität der letzten zweieinhalb Tage. Ich muss vielleicht vorausschicken, dass dieses DEFA-Festival auf Vorschlag von Franka Günther erfolgte, die manche von Ihnen vielleicht kennen: Franka Günther ist die Vereinsvorsitzende des Weimarer Vereins “Weimarer Rendez-vous mit der Geschichte”. Sie ist außerdem perfekt zweisprachig (Französisch/Deutsch) und arbeitet als Übersetzerin und Dolmetscherin. “Sprachvermittlerin” steht auf ihrer Visitenkarte (und wie ich gerade in einem Buch über die DDR gelesen habe, ist “Sprachmittlerin” der DDR-Begriff dafür). Geschichts- und Kulturvermittlerin könnte da ebensogut stehen, und sie hat für Ihre Arbeit nicht nur das Bundesverdienstkreuz vom Bundespräsidenten Frank Steinmeier erhalten sondern auch das französische Pendant: Der ehemalige Präsident François Hollande hat ihr den Orden de La Légion d’Honneur angesteckt. Franka Günther war also Mitorganisatorin und sie hat uns Dagmar Wagenknecht “mitgebracht”. Dagmar Wagenknecht leitete (nicht nur) zu DDR-Zeiten ein kleines Kino in Erfurt, den Kinoklub nämlich; mehr als 30 Jahre hat sie sich dort mit viel Herzblut und Kampfgeist dem Film verschrieben. Das Kino und die Filme sind ihr Leben! Dagmar Wagenknecht wurde für ihr Engagement – sie fand Mittel und Wege während der DDR-Zeit auch unerwünschte und zensierte Filme zu zeigen (und sie hatte damit durchaus Ärger bekommen) –  ebenso mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Ich stelle das mal voran, weil es beim Festival beinahe untergegangen wäre, weil die beiden Damen so bescheiden sind, sich damit nicht brüsten zu wollen. Muss man aber in Frankreich und vielleicht besonders im leicht versnobten Cannes. In Frankreich sind alle ein bisschen Titelverliebt (man spricht Ärzte, Juristen und, wie Sie vielleicht wissen, Kommissare immer mit dem Titel an!); an beinahe jedem Haus hängt eine Marmortafel, weil vielleicht einmal ein Monsieur X oder Madame Y dort gewohnt haben, aber die Auftraggeber, Spender und Anwesenden bei der Marmortafeleinweihung werden immer noch größer darauf geschrieben. Man schreit seine Verdienste gern ein bisschen heraus und die Cannois kann (und muss) man damit beeindrucken. So viel dazu und damit Sie wissen, mit wem Sie es zu tun haben.

Dagmar Wagenknecht ist eine wandelnde Film-Enzyklopädie: sie weiß alles! ALLES! Alle Daten und Informationen über das Leben und die Karriere sämtlicher Schauspieler, sie kennt alle Regisseure, jeden Film bis ins Detail und jede, die größte, aber auch die allerkleinste Auszeichnung, die ein Regisseur, Schauspieler und/oder ein Film erhalten hat. Sie hat 5000 DVDs zu Hause, sie hat Filmkopien, die manchmal nicht mal der Regisseur besitzt, sie hat ein Archiv mit sämtlichen Kinoprogrammheften, die es in der DDR gab und ihre große Liebe ist der DEFA-Film. Sie weiß so viele Details, dass es manchmal schwierig ist, sie zu stoppen, aber alles war so interessant, dass das Publikum, zumindest der größte Teil, auch für die Diskussion am Ende der Filme blieb und wir immer nur aufhörten, ihr Fragen zu stellen und ihr zuzuhören, weil wir den Saal für den nächsten Film freigeben mussten. Und dann standen wir vor dem Kino herum und sprachen immer noch weiter. Toll! Übersetzt und gedolmetscht in beide Richtungen, denn Dagmar spricht kein Französisch, hat das alles unermüdlich und kongenial Franka. Wir sahen am ersten Abend zunächst eine arte Dokumentation über den DEFA Film, um uns alle auf einen gewissen Informationstand zu bringen.

Die arte-Dokumentation habe ich gerade nicht gefunden, aber diese hier vom mdr ist ähnlich.

Danach sahen wir “Karbid und Sauerampfer” – es wurde viel gelacht und mitgelitten im Publikum. Der Saal (ein einfacher Saal im Rathaus) war proppevoll, mehr als hundert Personen waren wir (mit 50-70 hatten wir maximal gerechnet), das Essen in der Pause, darunter Spezialitäten aus dem Osten, von Franka und Dagmar mitgebracht (Christstollen, Hallorenkugeln, Russisch Brot), reichte kaum aus, die Luft war leider schlecht und eine Person erlitt einen Schwächeanfall. Wir unterbrachen den Film, warteten auf den Notarzt und setzten viel später die Vorführung fort – und der Saal war immer noch recht voll – nur ein paar Menschen waren zwischenzeitlich gegangen. Diskutiert wurde an diesem späten Abend dann aber nicht mehr.

Am Samstag morgen um halb elf gab es, nun in einem nicht ganz kleinen Saal im richtigen Olympia-Kino, “Jakob der Lügner” zu sehen. Und der Saal war wieder mit knapp hundert Personen gefüllt! Das Publikum war nach dem Film einen Moment ganz still und ergriffen, bevor es Beifall klatschte. Ich habe gerade die Abstimmungsergebnisse bekommen – “Jakob der Lügner” hat dem Publikum am besten gefallen (9 von 10) – manche gaben sogar zwölf statt der möglichen zehn Punkte oder eine “zehn+”.

Weniger begeistert hat hier “Die Legende von Paul und Paula” (6,8 von 10), den Film den wir gestern Nachmittag sahen, auch wenn Dagmar ihn in den historischen Kontext gesetzt und viel erklärt und die für uns “unsichtbare” Kritik an der DDR in diesem Film gezeigt hat. Die Musik (“Wenn ein Mensch lebt” und “Geh zu ihr …”), die Dagmar und Franka einträchtig mitsangen, kam bei den Franzosen auch weniger an. Der Film lief in einem kleinen Vorstadtkino Cinétoile, der Saal fasst etwa 80 Personen und er war bis auf den letzten Platz besetzt. Darauf war ich so stolz! Das Kino ist nagelneu und der Saal ist schön, aber man muss sich wirklich dorthin aufmachen, ich habe dort schon “Festival”filme mit nur einer Handvoll Menschen gesehen, zur großen Betrübnis von manchem Regisseur, der extra anwesend war.

Heute morgen dann sahen wir erneut im Olympia “Das Kaninchen bin ich”. Der Saal war nicht ganz so voll wie am Vortag aber immer noch gut besetzt. Ich hatte ein bisschen Angst, dass dieser in den sechziger Jahren gedrehte und dann sofort verbotene Film, in dem es um Recht und Gerechtigkeit in der DDR geht, vielleicht nicht verstanden und gemocht würde, aber Dagmar hat viel Erklärendes vorab erzählt und es gab eine sehr angeregte erhellende Diskussion danach, so dass es dieser Film auf Platz zwei der Beliebtheitsskala geschafft hat: 8,7 von 10.

“Solo Sunny”, den wir heute Abend wieder in dem kleinen Vorstadtkino Cinétoile sahen, gefiel dem Publikum in seiner Melancholie und dem Blick auf das authentische graue und etwas triste DDR-Ambiente (7,0 von 10). Immer noch war der Saal voll, das Publikum blieb, bis wir aus dem Saal mussten und immer noch wurden viele Fragen gestellt und von Dagmar geduldig und ausführlich beantwortet. Danach stand ein kleines Grüppchen lange draußen herum und wollte nicht gehen. Wir waren uns einig: Wir hatten tolle Filme gesehen! Aber ohne Dagmar und Franka hätten wir sie nicht richtig “lesen” können, hätten nicht gesehen bzw. verstanden, was zwischen den Zeilen steht. Ohne sie wäre dieses kleine Filmfestival nicht so erfolgreich geworden! Denn das war es! Ein absoluter Erfolg! Fünf Filme in Folge mit übervollen und vollen Sälen! Ein aufmerksames und interessiertes Publikum! Großartig! Wir werden das fortführen, das ist sicher!

Morgen kann ich vielleicht noch ein bisschen was ergänzen und Fotos einfügen.


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November

Kürzlich war ich auf dem Friedhof. Hier wird die Grabpflege zu den Feiertagen sehr ernst genommen und ich wollte sehen, was ich an Blumen kaufen könnte, um das Grab von Monsieurs Großeltern und Urgroßeltern rechtzeitig zu bepflanzen. Aber siehe da, es war bepflanzt. Die violettrosafarbenen Astern wachsen sogar beinahe in Form eines Herzens. Wie schön. Wir wissen nicht, wer hier tätig geworden ist und warum, aber wir danken von Herzen. Ich hatte daher ein Stündchen Zeit und spazierte ein bisschen auf dem Friedhof umher. Ich bin bis zum Grab von Klaus Mann gepilgert, es liegt ganz am unteren und äußersten Ende des Friedhofs, und ist ein unscheinbares Grab. Viele Steinchen, eine verblichene Plastikrose, vergessen ist Klaus Mann nicht.

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Le mur de Berlin

Sie haben in Deutschland vielleicht schon genug Erinnerungsfilme gesehen, hier gibt es ja nun nicht so viel dazu, insofern habe ich mir die Sendung “Le mur de Berlin” gestern Abend wirklich gerne, fast gierig angesehen. Auch der Rest der Familie, und sogar die Kinder haben sie gesehen. Die Sendung wird komplett erst in einer Woche in der LCP Mediathèque freigeschaltet sein, dann kann ich sie hier verlinken, ich habe Ihnen aber den ersten kleinen Film gefunden, von dem ich im Kommentar des letzten Beitrags sprach. Das besondere ist, dass wir ausschließlich französisches Archivmaterial sehen; und ich begreife, dass die Bernauer Straße im oder am französischen Sektor lag. Ich habe vieles zum ersten Mal gesehen! Und alle befragten Deutschen sprechen zu meinem Erstaunen wirklich ausgezeichnet Französisch. Aber vieles verstehen Sie auch ohne meine Erläuterungen. Es ist die Zeit des Mauerbaus. Eine Mutter konnte nicht mehr ausreisen, obwohl alles gepackt und die Wohnung verkauft worden war. Sie hat ihrem Sohn einen verzweifelten Brief geschrieben, weiß nicht mehr wie es weitergehen wird. Menschen springen aus dem Fenster, ein Vopo klettert über einen Zaun, jemand flieht mir einem falschen Pass, nicht alle überleben diese Versuche, in den Westen zu kommen. Menschen winken sich über die Mauer zu. Der Journalist befragt dann mehrere Berliner, ob sie Angst hätten und ob sie glauben, dass es einen Krieg geben werde. Manche sind pessimistisch, andere optimistisch. "Ich bin nicht sicher, dass es keinen Krieg geben wird", antwortet ein Arzt diplomatisch aber mit schwerem Herzen. Eine Journalistin aber ist guten Mutes. Sie hat Berlin weder im Krieg noch beim Einmarsch der Russen verlassen. Sie macht auch keine Hamsterkäufe. Alles wird gut werden, sie hat Vertrauen in die Alliierten. Das letzte Bild zeigt einen kleinen Jungen auf einem Fahrrad, der auf seinem Schulweg von einem Panzer der Alliierten begleitet wird. (opens in a new tab)">was hiermit getan ist ;-) ich habe Ihnen aber den ersten kleinen Film gefunden, von dem ich im Kommentar des letzten Beitrags sprach. Das besondere ist, dass wir ausschließlich französisches Archivmaterial sehen; und ich begreife, dass die Bernauer Straße im oder am französischen Sektor lag. Ich habe vieles zum ersten Mal gesehen! Und alle befragten Deutschen sprechen zu meinem Erstaunen wirklich ausgezeichnet Französisch. Aber vieles verstehen Sie auch ohne meine Erläuterungen. Es ist die Zeit des Mauerbaus. Eine Mutter konnte nicht mehr ausreisen, obwohl alles gepackt und die Wohnung verkauft worden war. Sie hat ihrem Sohn einen verzweifelten Brief geschrieben, weiß nicht mehr wie es weitergehen wird. Menschen springen aus dem Fenster, ein Vopo klettert über einen Zaun, jemand flieht mir einem falschen Pass, nicht alle überleben diese Versuche, in den Westen zu kommen. Menschen winken sich über die Mauer zu. Der Journalist befragt dann mehrere Berliner, ob sie Angst hätten und ob sie glauben, dass es einen Krieg geben werde. Manche sind pessimistisch, andere optimistisch. “Ich bin nicht sicher, dass es keinen Krieg geben wird”, antwortet ein Arzt diplomatisch aber mit schwerem Herzen. Eine Journalistin aber ist guten Mutes. Sie hat Berlin weder im Krieg noch beim Einmarsch der Russen verlassen. Sie macht auch keine Hamsterkäufe. Alles wird gut werden, sie hat Vertrauen in die Alliierten. Das letzte Bild zeigt einen kleinen Jungen auf einem Fahrrad, der auf seinem Schulweg von einem Panzer der Alliierten begleitet wird.

Und dann dreißig Jahre später sehen wir noch einmal die ersten Szenen der Maueröffnung. Die französische Korrespondentin in Berlin (im Pelzjäckchen) berichtete den staunenden Kollegen im Studio, mal mit Bild, mal ohne, von dem, was sich ereignete: die Menschenmengen, die ausgelassene Stimmung, die ersten Menschen die von Westseite auf die Mauer kletterten, ohne, dass die Ost-Grenzbeamtenreagierten, die Trabis, die sich kilomterlang stauen …  Sie waren vollkommen überrascht von dieser Entwicklung, sagte der Nachrichtensprecher gestern, nichts hätte darauf hingewiesen, dass sie einen anderen Dienst als sonst machen würden.

Nicht in der Sendung, aber im gleichen Sinn: Claire Doutriaux, eine Begründerin von arte und der arte karambolage Serie erzählt ebenso, dass sie, DIE Expertin für Deutschland zu dieser Zeit, dieses Ereignis buchstäblich verschlafen hat.

Ein Historiker, Nicolas Offenstadt, der ein Buch über “Le Pays disparu”, also über die DDR, “das verschwundene Land” geschrieben hat, fasste in aller Kürze sehr gut zusammen, wie es weiterging mit der DDR nach diesem ersten Glückstaumel. Damit wir aber in dieser Sendung nicht zu traurig gestimmt werden, gab es danach noch eine weitere Dokumentation: Berlin aller-retour heißt sie: Verschiedene kleine Filmteams begleiteten über 24 Stunden mehrere Personen in diesen ersten Tage nach dem Mauerfall. Für mich auch absolut neue Szenen, auch wenn man natürlich eigentlich alles schon kennt. Darunter ein Studentenpaar, Jana und Jim, ein ausgebürgerter Dissident, der illegal wieder in den Osten einreist und, zum ersten Mal in der Geschichte heißt es, begleiteten die französischen Journalisten einen Vopo auf seiner Dienstrunde und privat. Diese Art der Reportage, in der die Journalisten und die Kamera den Menschen folgen (und nicht entscheiden, was die Menschen machen sollen, damit die Kamera schöne Bilder bekommt!), ist in den achtziger Jahren, das sagte zumindest  der Verantwortliche der Reportage gestern, absolut neu.

Jana und Jim, sind gute Sozialisten, sie finden das aufgeregte Gerenne ihrer Mitbürger in den Westen ein bisschen albern. Aber sie werden, ein paar Tage nach der Maueröffnung, nun auch losgehen, schon um mal zu sehen, “nach was die Menschen dort so lechzen”. Sie können jetzt sogar mit der U-Bahn fahren, ab Jannowitzbrücke, die Linie in den Westen, die unterirdisch immer noch existierte, wurde wieder geöffnet. Jana und Jim sind aufgeregt, aber geben sich unbeeindruckt, sprechen freundlich mit dem erschöpften Vopo, der wie am Fließband Visa in Reisepässe stempelt. Dann sind sie im Westen. Die Häuser sind schon gut in Schuss finden sie. Und der Obst- und Gemüsestand beeindruckt sie fast wider Willen. Erstaunlicherweise kennt Jana Granatäpfel, Quitten aber sind ihr fremd. (Kakis auch, aber die kannte ich in den Achtziger Jahren auch noch nicht.) Sie tanzen in Kreuzberg in einer Disko, Ostbürger zahlen keinen Eintritt, später melden sie sich bei einer Familie an, die bereit ist, Leute aus dem Osten, die im Westen übernachten wollen, bei sich aufzunehmen. AirBnB vor AirBnB sozusagen und komplett gratis. In diesem Fall ist eine polnische Familie so großzügig, sie haben vor vierzehn Jahren selbst Polen Richtung Westen verlassen und können all die Aufregung um die Mauer und die Westbesuche gut nachvollziehen. Nach der Mondlandung sei die Maueröffnung das größte Ereignis für ihn, sagt der Vater. Am nächsten Tag sieht man Jana und Jim an der Mauer. Es missfällt ihnen, dass an der Mauer rumgehackt wird. “Ist doch ein historisches Bauwerk”, findet Jana, “am Eiffelturm würden sie doch auch nicht herumsägen.” Aber es hört niemand auf sie. Und das Stück Mauer, das man ihr anbietet, will sie auch nicht. “Wie geht es Ihnen?” ruft sie den Vopos freundlich zu, vermutlich eine der wenigen, die sich in die Haut der Grenzpolizisten versetzen mag in diesen Tagen. Aber sie antworten nicht. “Dürfen nicht”, vermutet Jana. Sie findet übrigens, dass die Menschen in Ost und West zu unterschiedlich seien, eine Wiedervereinigung kann sie sich daher nicht vorstellen, und wenn, dann, klar, nur unter sozialistischer Führung.

Schwenk zum Kudamm, den Champs Elysées allemands. Ein paar Frauen und Männer wagen sich dort in ein Pelzgeschäft. “Nur mal schauen.” Andere schließen sich an, um “das wirklich mal zu sehen.” Ein Mann erkennt fachmännisch Fuchs, aber es ist amerikanischer Fuchs wird er belehrt, 3000 Mark soll die Pelzjacke kosten. Gar nicht so teuer, wird befunden. “Ich kann es nicht bezahlen”, sagt hingegen mutig eine Dame ganz offen zu der Verkäuferin, “aber ich würde schon gern mal was anprobieren … NUR mal anprobieren!” und die Verkäuferin reicht ihr flugs einen Pelzmantel an. Glücklich dreht sich die Dame vor dem Spiegel und es gibt viel bewunderndes “Ah” und “Oh” der Umstehenden. “Das können wir uns vielleicht auch bald leisten”, heißt es. Ich konstatiere, in den Achtzigern waren echte Pelze noch nicht verpönt.

Der ausgebürgerte Dissident tritt als einziger die Gegenbewegung an und sucht einen Moment im Grenzgedrängel, um unbemerkt und illegal wieder in den Osten zurückzukommen. Er sucht seine Freunde und geht als erstes zu einer Veranstaltungen des Neuen Forums, wo man noch darüber diskutiert, ob man wirklich politische Mitveranwortung anstrebt und sich mit Mandatsträgern zur Wahl stellen wird oder ob man “nur” eine Organisation (sobald sie offiziell anerkannt ist!) außerhalb sein möchte. Was für eine Aufbruchsstimmung! “Wirst du hier bleiben?”, fragen die Freunde, und als er bejaht, liegen sich alle weinend in den Armen. Später, auf der Suche nach weiteren Freunden, klopft er häufig vergeblich an Türen. Die Freunde, erfährt er, wen wunderts, machen alle gerade einen Ausflug in den Westen. Erst ganz zum Schluss kommt einer der ersehnten Freunde mit dem Fahrrad aus dem Westen zurück und sie fallen sie sich in die Arme.

Am erstaunlichsten finde ich den Dreh mit einem Vopo in diesen Tagen. Die Journalisten und die Kamera begleiten ihn auf seiner Dienstrunde mit einem Kollegen; am ersten Tag hat er Dienst an einem neu geschaffenen Grenzübergang (die Mauer wurde an verschiedenen Stelle geöffnet, daran erinnerte ich mich gar nicht). Sie wundern sich, dass “die wirklich alle wieder zeitig zurückkommen”. Wie ist es wohl da drüben? Sie selbst waren noch nicht im Westen, aber sie haben ein Visum für die kommende Woche. Später fahren sie gemeinsam im Dienstauto hinter der Mauer entlang. Wir sind wirklich auf der Ostseite direkt hinter der Mauer, niemals vorher waren ausländische Journalisten dazu befugt! Sie kommen an einem Friedhof vorbei, und ein Journalist wagt tatsächlich nach den Todesopfern an der Mauer zu fragen. Der Schießbefehl sei aufgehoben worden, antwortet der Kollege des Vopo ganz freundlich, und auf dem Friedhof lägen die Kollegen, die im Dienst ums Leben gekommen seien, einer sei übrigens vom Westen aus erschossen worden! Am Ende begleiten wir den Vopo bis hinein ins Dienstgebäude, wo er nach Dienstschluss dem Vorgesetzten Bericht erstattet: “alles ruhig, die Menschen freundlich, keine aggressiven Störungen”. Abends zuhause bei ihm diskutieren er und seine Frau. Die Mauer muss stehenbleiben findet sie, damit man sie im Zweifelsfall wieder schließen kann: es passiert so viel Schlimmes im Westen, Drogen undsoweiter, sie will nicht, dass ihre Kinder dem ausgesetzt sind. Am nächsten Tag macht die kleine Familie einen Ausflug und sie sehen das Brandenburger Tor von weitem, “nächste Woche werden wir es von der anderen Seite sehen und dann wieder von hier”, erzählt die Mutter ihren Kindern. Ein bisschen sehnsüchtig nach dem Westen ist ihr Mann schon. “Und, möchtet ihr da drüben sein?”, fragt er stattdessen seine Kinder, aber sie sind noch zu klein, um irgendetwas zu antworten. “Du kennst meine Meinung”, versucht seine Frau abzuschwächen. “Ich habe hier meine Arbeit, die Kinder sind hier geboren und alles …”

So, und nachdem ich Ihnen alles so schön aufgeschrieben habe, habe ich die Sendung Le mur de Berlin (anklicken->) im replay gefunden … bonne séance (“Rembob’ina” ist ein Wortspiel: rembobiner heißt zurückspulen und heißt ebenso Filmmaterial wiederaufwickeln, Sie erinnern sich vielleicht an diese Filmspulen, die man damals in diesen Aluminiumdosen aufbewahrt hat; “INA” ist das Institut National de l’Audiovisuel, das französische Ton- und Filmarchiv; in der Sendung werden also historische Filmausschnitte zu diversen Themen gezeigt)

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Erinnerungen einer mittelalten Westlerin an den Osten

Die letzten Tage und Nächte war mein Kopf mit dem Osten beschäftigt. Dank Ihrer Zuschriften und dem regen Hin- und Her in meiner Mailbox, habe ich viel erfahren. Viel mehr, als ich je gedacht habe. Danke, für Ihr Vertrauen und dass Sie mir ein Stück aus Ihrem Leben preisgegeben haben. Bei Vielem kamen mir die Tränen. Für manches Erlebte fehlen mir die Worte, um zu antworten. Ich werde hier nicht davon erzählen, das verstehen Sie sicherlich, Sie, die “anderen” meine ich. Ich habe meinen französischen Text über die Mauer, die Wende und die Nachwendezeit für den Vereinsvorsitzenden des Kinoclubs geschrieben, und er hat ihn mit Erstaunen zur Kenntnis genommen. Tatsächlich dachte man hier an einen märchenhaften Schluss unserer deutschen Geschichte: “Und dann lebten sie glücklich vereint bis ans Ende Ihrer Tage.” Pas tout à fait. Nicht ganz. Mein französischer Text ist sicher etwas emotional und aus der Ostperspektive geschrieben; unter dem Einfluss all der Zuschriften; eine Perspektive die ich aber durchaus selbst im Blick hatte, nur nicht ganz so tief und wissend. Ich habe einen Nachtrag gemacht, denn es kamen gestern dann noch sehr zufriedene Stimmen von jungen Menschen, die sagen, sie haben ein gutes Leben (auch im Osten), die außerdem zur Wendezeit zu jung waren, um in der DDR Repressalien ausgesetzt zu sein, da hatte ich den Text aber schon fertig. Je jünger, desto positiver sieht man die Wende, kann man vielleicht sagen. Ist ja durchaus logisch, der Bruch in der Biographie, den die Wende für ein ganzes Land verursacht hat, ist für ältere Menschen (aus dem Osten) ganz klar dramatischer/traumatischer.

“Hier hat jeder, der heute über 45 Jahre alt ist einen krassen Bruch in der Biographie. Immer wenn in der Geschichte Westdeutschlands ein Opelwerk schließen musste, der Bergbau im Ruhrgebiet oder ähnliches, und tausenden Familien ihr Leben neu ordnen mussten, gab es einen Bruch, so dass es Jahrzehnte später noch Reportagen darüber gibt – im Osten ging es jedem so. Ob man darüber spricht oder nicht, jeder musste sein Leben neu ordnen (zum Guten der Schlechten) und vieles passierte dabei schnell und fremdbestimmt und im Rückblick schmerzend.”

Für uns aus dem Westen waren der Mauerfall und die Wende vielleicht bewegend, aber (in der Regel) nur ein kurzer Moment in unserer Biographie und dann ging unser Leben unverändert weiter. Vielleicht haben wir auch überraschend mit nicht ganz so brillantem Examen Karriere im Osten gemacht, weil man dort gerade die gesamte Elite austauschte und “unbelastete” Leute brauchte. Etwas, was nach dem 2. Weltkrieg in Westdeutschland nicht so ganz geklappt hat. Das aber nur am Rande.

Ich denke immer häufiger, dass man eigentlich erst im reifen Alter studieren sollte. Wenn man selbst etwas erlebt und verstanden hat von diesem verwickelten komischen Leben, das uns passiert. Und ich denke immer häufiger, dass jeder mal ein Jahr alleine und möglichst nur mit wenigen Sprachkenntnissen und einem begrenzten Budget in einem fremden Land leben sollte. Leben. Nicht reisen. Dieses Zurückgeworfen werden auf beobachtendes Kinderniveau, dieses Nichtverstehen von Sprache und Kultur, dieses sich Zurechtfinden müssen und abhängig sein von der Freundlichkeit und Zugewandtheit der Menschen in diesem Land, ich sage es immer wieder, es macht demütig. Ich denke, dass ich erst heute, wo ich selbst in einem anderen Land lebe, in dem man mich, ich schrieb es neulich schon mal im Kommentar, für dumm hielt (hält), nur weil ich die Sprache nicht ausreichend spreche oder eben nur auf einem gewissen umgangsprachlichen Niveau kommunizieren kann, mir nicht zuhört, was habe ich schon zu sagen oder mich als Deutsche ablehnt, in dem ich auch nie einen vergleichbaren Job finden würde, vielleicht wegen meines Deutschseins oder wegen des sehr einfachen Französischs, das ich spreche, erst heute VERSTEHE ich, was Ausländer in Deutschland erleben und was auch Ostdeutsche in Westdeutschland erleben (Uh, ein Ossi, uh, dieser schreckliche Dialekt). Erst heute spüre ich auch diese Fragiliät der Situation. Was, wenn sie morgen in diesem Land entscheiden, dass alle Ausländer raus sollen? Was nützt es mir da, dass ich einen französischen Mann geheiratet und einen französischen Namen habe? Vielleicht endlich die doppelte Staatsangehörigkeit besitze? Was nützt all das und all meine Anpassung, wenn mein Aussehen und mein Akzent mich schon verraten als Ausländerin? Und wenn man zusätzlich an der Grenze auch den Namen meiner Eltern erfragt? Ich hatte, als ich “Jakob der Lügner” sah, erstmals das Gefühl, dass ich nicht nur einen Film über die dunkle deutsche Geschichte sehe, sondern dass es mich trifft, weil es mich möglicherweise eines Tages betrifft.

Erst heute verstehe ich, was es heißt, sich irgendwo fremd zu fühlen, finanziell ungesichert zu sein und (vielleicht) was es bedeutet, im Exil zu leben; Exilforschung übrigens einer meiner Studienschwerpunkte, den ich sicherlich nicht schlecht gemeistert habe, aber wirklich richtig verstanden habe ich damals wenig. Zu jung, zu unbeschwert und zu sprachbegabt, als das ich mir das erzwungene Leben der Juden in der Fremde wirklich als leidvolle Last vorstellen konnte. Ich wollte immer weg und ins Ausland. Und die Sprache wird man doch wohl lernen können, dachte ich ein bisschen herablassend.

“Es hat nie jemand gefragt. Es hat sich nie jemand dafür interessiert”, hörte ich oft von meinen “GesprächspartnerInnen”. Also niemand aus dem Westen hat gefragt. Es ist kränkend. Ich verstehe das. Seit fast 15 Jahren lebe ich in Frankreich und nur wenige Franzosen interessieren sich hier für meine Geschichte oder gar für die meines Herkunftslandes. Selbst in meiner neuen Familie ist man ziemlich uninteressiert, mal abgesehen von Monsieur. Für die meisten bleibe ich die stammelnde Deutsche, von der man nicht allzuviel weiß, auch nicht wissen will. Wo kommst du nochmal her? Achso ja. Wo ist das nochmal? Aha. Und Basta.

Ich hingegen frage zumindest heute viel, warum auch immer und ich bekomme viel erzählt, und ich kann gar nicht verstehen, dass es so viel Ungefragtes und Unerzähltes gibt zwischen den Menschen. Sich ihr Leben erzählen, um sich kennenzulernen, ist der Ansatz der Biographiegespräche auf Gut Gödelitz. Den Hinweis habe ich von einer meiner Gesprächspartnerinnen bekommen und füge ihn noch schnell hier ein. Das Gut in dieser Form und die Gespräche gibt es seit 1998, vielleicht sind die Gespräche dort nur ein Tropfen in ein noch ziemlich leeres Fass, aber immerhin ein Tropfen. Vielleicht ein Anreiz, mal in den Osten zu fahren?

Ich habe zu einer Zeit unter anderem “Volkskunde” studiert, das heißt heute in der Regel etwas elitärer “Kulturanthropologie” oder “Europäische Kulturwissenschaft”, und dort gibt es den Schwerpunkt Erzählforschung. Es geht ganz altmodisch um Märchen, Sagen, Legenden und um die neuen “Modernen Sagen”, die Urban Legends, die man sich so erzählt. Da geht es aber auch darum, was im Familienkreis oder beim Dorffest erzählt und was hingegen auch nicht erzählt wird. Sehr spannend alles, also für mich zuindest. Ich las damals viele gesammelte Berichte von Ostdeutschen, die angekommen im neuen Westalltag ein bisschen verloren waren, verständnislos vor Wasserhähnen, Durchlauferhitzern oder Fotokopierern standen. Das mit den Wasserhähnen kann ich aus Frankreich auch erzählen. Manchmal muss man mit dem Fuß eine Wasserpumpe bedienen, darauf muss man erstmal kommen.

Vermutlich gibts im deutschen Fernsehen jetzt Erinnerungen bis zum Abwinken. Wenn es nicht gerade um den 9. November herum ist, gehen die ostdeutschen Erinnerungen im gesamtdeutschen Alltag aber eher unter. Das sagten mir auch die GesprächspartnerInnen:

“Bei all den schönen Dokus: So war Deutschland in den 70igern, in den 80iger… ist immer der Westen der Standard. Wenn über die Emanzipation der Frauen geredet wird, über Umweltverschmutzung, Industrie usw. fehlt in der Regel die Geschichte der DDR, die eben anders war. Ich verstehe, dass das viele schmerzt. Und das auch im ganz kleinen privaten: Wenn sich „Wessis“ unterhalten, teilen sie Kindheitserinnerungen – Urmel aus dem Eis, die drei Fragezeichen, Unendliche Geschichte usw. sind Erinnerungen, die alle begeistern und sentimental verbinden (und die die meisten „Ossis“ in der Regel auch kennengelernt haben inzwischen oder schon früher durch Westfernsehen).  Dann erwähnt ein „Ossi“ Elli im Wunderland oder Detektiv Pinky oder Timur und seinen Trupp – und wird angeschaut wie ein Ufo, weil das so fremd und unbekannt ist. Weil das auch keinen mehr interessiert, weil diese Bücher/Filme/Geschichten nicht mehr präsent sind, weil diese – ganz persönliche Geschichte – verschwindet.”

Letztes Jahr war ich im Deutsch-Französischen Kulturzentrum in Nizza bei einer Lesung mit Jana Hensel. Tolle Veranstaltung übrigens, interessant, erhellend und in der Regel perfekt zweisprachig, so dass auch immer viele Franzosen anwesend sind. Selbst Monsieur, der abends nicht mehr so gerne vom Sofa aufsteht, begleitet mich gern zu den Veranstaltungen des CCFA. Die Leitung hatte bis vor kurzem Tobias Bütow, er kommt aus dem Osten und hat daher einen anderen und besonderen Blick. Jana Hensel erzählte, dass man sie immer wieder genervt frage, ob sie denn immer noch/nur über den Osten schreiben müsse. Ja, antwortet sie nicht minder genervt, denn wenn sie nicht explizit über den Osten schriebe, dann wäre er in der Presse nicht sichtbar. Es ging um Vieles an dem Abend, ich erinnere mich vor allem an den ersten ostdeutschen Kosmonauten Siegmund Jähn (in der Zwischenzeit verstorben), dem Angela Merkel nicht zum 80. Geburtstag gratuliert hat.

So. Und ob Sie wollen oder nicht, jetzt bekommen Sie auch noch meine Erinnerungen: Ich arbeitete damals, zur besten Wendezeit, in einer Universitätsbibliothek und auch wenn dort alles noch deutlich verschlafen war, die PC’s und das Internet kamen gerade erst in unser Leben, wir waren in unserer Bibliothek noch deutlich vor der elektronischen Ausleihe: alles ging noch von Hand und mit durchgestrichenen Namen auf grünen Karteikärtchen. Aber wir hatten einen Fotokopierer. Den man gegen das Einwerfen von damals noch Zehnpfennigstücken benutzen durfte. Einfach so. Ich weiß noch, was das für ein Staunen hervorrief bei den neuen jungen Studenten. Mitten im Semester aufgeregt und durcheinander und manchmal ein wenig hilflos waren sie plötzlich da. Mit einem von ihnen, einem Architekturstudenten aus Weimar, der aber etwas früher schon über Ungarn gekommen war, war ich befreundet. Ich war sehr verliebt, um ehrlich zu sein. Das erinnert mich an den Kommentar einer Leserin, die schrieb, “die Wende war für mich weit weg, denn ich war gerade so verliebt”. Mir ging das ähnlich, ich weiß, dass die Zeit der Wende mich nicht unberührt gelassen hat, ich lebte ja gerade mein persönliches Ost-West-Abenteuer, aber in meinen Tagebüchern finden sich keine Hinweise auf die historischen Umwälzungen, da geht es nur um die Frage, ob ich ihn sehen werde oder nicht. Er hat mir viel erzählt vom Osten. Einmal war er festgenommen worden, weil er auf der Leipziger Buchmesse ein Buch eines West-Verlages gestohlen hatte. Es folgten quälenden Befragungen. Er erzählte, dass er in der DDR zu jeder Ausstellung fahren und dort selbstverständlich jeden Ausstellungskatalog erwerben konnte, im Westen konnte er sich dann nicht mal das Zugticket und den Eintritt zu den Ausstellungen leisten, die er zu sehen hoffte. Er erzählte mir auch Amüsantes: dass sie sich mit den Freunden um sich schnell zu verabreden, mangels Telefon Telegramme geschickt haben. Und was für eine Enttäuschung, als sich das berühmte “Bauhaus” im Westen, das Mitarbeiter suchte, als Baumarktkette herausstellte und er dort Regale auffüllen musste. Er war anders, frech und direkt und mit einem offenen Blick. Und er war wahnsinnig ehrgeizig. Und ich auf jeden Fall sehr verliebt. Er hingegen war verliebt in eine Französin, eine Pariserin, die als Studentin mit einer Gruppe durch die DDR gereist war. Sie hatten sich in einem Museum kennengelernt und sie schrieb ihm Karten aus Paris mit Mauergraffiti: “Je t’aime”. Die Karten fand er charmant, aber er wusste nichtmal was “je t’aime” bedeutet. Auch das hatte er mir erzählt. Er musste also nach Paris, sobald er genügend Geld dafür hatte und hatte vorher extra noch eine Auslandsversicherung abgeschlossen, die ihm ein findiger Versicherungsfuzzi aufgeschwatzt hatte. Und er kam nach wenigen Tagen schon enttäuscht zurück. Paris war großartig, entsetzlich teuer und sie nicht mehr in ihn verliebt. Ich war sein Trostpreis, denke ich heute und nur eine Etappe auf seinem Weg, er ist heute supererfolgreich in Berlin. Kennen tut er mich heute nicht mehr.

Etwas später lebte ich in Göttingen und von dort bereiste ich mit einem anderen (West-)Freund, den nahen Osten hinter Göttingen längs und quer. Ich erinnere mich an die holprigen gepflasterten Straßen, dass man im Winter den Rauch der Kohleheizung roch, und man so auch roch, wenn man sich einem Ort näherte. Wir tranken Tee in einem Jugendclub irgendwo in der Provinz, alles war so anders und wir und die Jugendlichen sahen uns gegenseitig misstrauisch an, in der Ecke aber stand ein Fernseher und dort liefen schon Musikvideos von MTV.  Ich ließ einen Aluminumteelöffel mitgehen, weil ich so einen noch nie gesehen hatte. Ich habe ihn heute nicht mehr, aber ich habe ihn lange benutzt. In Magdeburg suchten wir lange das Stadtzentrum, bis man uns sagte, wir seien mittendrin. Aber es sah nicht so aus, wie wir uns das vorgestellt hatten. Wir liefen in Quedlinburg über mittelalterliche Steine und bei jedem Hoftor, an dem wir vorüberkamen, hatte ich den Eindruck, wenn man es zu fest zuknallte, würde das Haus darüber zusammenfallen. Dort aßen wir übrigens eine recht grauenvolle Soljanka, lustig, was mir alles wieder einfällt. Wir waren auf Rügen und auf Hiddensee. Bevor ich die abenteuerlichen Feldwege in Frankreich kennengelernt habe, waren die holprigen Betonstraßen und -wege, die zu weit abgelegenen Campingplätzen führten, das abenteuerlichste, was ich bis dahin erlebt hatte. Ich war gerührt von der Schönheit der Landschaft und der idyllisch aussehenden Ländlichkeit. Alleen, Sandwege, Hühner, die in kleinen Dörfern frei und gackernd hin- und herliefen. Der alte Bäcker, der in einem niedrigen Häuschen wunderbaren Blechkuchen backte und ihn uns am nächsten Tag zum halben Preis beinahe aufdrängte, dabei war auch der frische Kuchen für uns schon so billig, dass wir uns schämten, nur den halben Preis zu bezahlen. Campingplätze mit noch sehr rudimentärer sanitärer Ausstattung, fließend Wasser nur morgens und abends, Wasser gäbs in der Ostsee genug, sagte uns der Platzwart ungerührt. Wir wählten dann einen anderen Platz, dort waren die sanitären Anlagen so neu, dass sie noch nicht mal in Männlein und Weiblein getrennt waren, wir hingegen dachten, dass sie cool seien, diese Ossis, und duschten gemeinsam in der gleichen Kabine. Am nächsten Tag dann klebten die entsprechenden Zeichen auf den Türen und man sah uns komisch an, als wir gemeinsam auftauchten. Doch nicht ganz so cool.

Dieser Film wird unsere Vorpremiere. Der Transport von 7 Fässern Karbid im Nachkriegs-Osten erinnert mich an “La Traversé de Paris” wo zwei Männer ein geschlachtets Schwein durch das besetzte Paris schmuggeln. 

Ich war in Leipzig auf der Buchmesse, zu Zeiten, wo die Messe noch klein und fast unspektakulär in der Innenstadt in einem mehrstöckigen Gebäude, dem Messehaus am Markt, stattfand. Ich wohnte bei einer Familie, die sehr stolz auf ihr hübsches Haus und ihre biedermeierliche Gemütlichkeit waren und auf ihren japanisch angehauchten Garten und darin die Lampen in Form von kleinen Pagoden. Ausführlich erzählten sie, wie und wo sie abenteuerlich und mühevoll in der DDR alles zusammengesucht hatten, um sich die Lampenformen zu bauen und mit Beton selbst zu gießen. Sie sahen perfekt aus, aber ich gebe zu, ich konnte es nicht ansatzweise würdigen. 

Genauso wenig, wie ich als Kind die hölzerne Puppe aus dem Erzgebirge würdigen konnte, die man uns in einem Päckchen aus der DDR als Dank für Kinderkleidung geschickt hatte. Eine Barbiepuppe hatte ich mir gewünscht, nicht so etwas. Die Kinderbücher aber las ich später. An eines kann ich mich noch erinnern, es hieß “Die Rei-no-pi”, glaube ich zumindest, ich habe es gerade im Internet vergeblich gesucht; ein Anagramm der Pioniere natürlich. Und es ging um Kinderstreiche und das schlechte Gewissen und das heimliche Wiedergutmachen. Pioniere eben.

Kurz nach der Wende war ich auch in Dresden, ich besuchte eine Freundin, die es dort an die Uni verschlagen hatte, der das Zwischen-den-Stühlen-Sitzen als Wessi im Osten auf lange Sicht aber nicht behagte. Insbesondere nicht der arrogante West-Prof, für den sie arbeitete. Die Gartenstadt Hellerau konnte ich besuchen, mit ihren Reihenhäusern, die damals ein bisschen müde wirkten, aber noch vollkommen intakt waren. Eines konnte ich auch von innen sehen. Puppenstubenklein schien es mir. Im Festspielhaus der Gartenstadt, das lange Zeit von russischen Soldaten als Sportsaal genutzt worden und sehr heruntergekommen war, gab es riesige russische Wandgemälde vom großen Vaterländischen Krieg (die gibt es heute immer noch habe ich erfahren, restauriert sogar). Ich habe damals eine Semesterarbeit über diese Gartenstadt geschrieben. Getippt auf einem Atari und mit einem Nadeldrucker ausgedruckt, das weiß ich noch. Ich würde das heute gerne nochmal lesen, aber leider habe ich meine Uni-Unterlagen bei meinem Umzug Richtung Frankreich vernichtet. Brauch’ ich nie wieder, dachte ich. Stimmt zwar, aber dennoch …

Ich las Jurek Becker und den damals schon umstrittenen Hermann Kant. Später Erwin Strittmatter und die Biographien von Manfred Krug und Armin Müller Stahl. Ich habe mich also bemüht, dieses Land, das es schon gab, als ich auf die Welt kam und dass mir fremder war als Österreich, Frankreich oder Italien, irgendwie kennenzulernen, aber … verstanden, richtig verstanden habe ich nichts vom Osten, vom Leben dort, von den Umständen. Ich glaube, ich war einfach zu jung und zu westdeutsch. Als wir bei dem obligatorischen Schulaufenthalt in Berlin auch einen Tag nach Ostberlin fuhren und dort in ein Café einfielen, wo es Saft und Torte gab, und wir dumm und unwissend nachfragten, was denn für Saft? Apfel? Pfirsich? Orange? Und was für eine Torte? Schoko? Nuss? Sacher? Schwarzwälder? hätte uns der Kellner vermutlich gern eine gescheuert oder uns gleich hinausgeworfen. Wir blieben da und aßen Torte bis wir platzten. Aber wir mussten ja unser Geld ausgeben und auf die Idee, eine Buchhandlung zu suchen, bin ich damals nicht gekommen. Ich war auch da mal wieder sehr verliebt und wollte eigentlich nur einem Jungen nah sein. Ich hatte mich auf die Studienfahrt nach Berlin auch nur eingetragen, weil er mitgefahren ist. Er hat mich nicht eines Blickes gewürdigt. Ich hätte besser nach Rom fahren sollen.

Zum Abschluss Ostmusik. Ich habe mich durch alle Versionen von “Am Fenster” (Studio, Live, 1978 bis heute) durchgehört, mir gefällt diese hier am besten, weil die Stimmung des Publikums am euphorischsten ist. Trotz der offensichtlichen Kälte.

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DEFA-Filme in Cannes

DEFA, falls Sie es nicht wissen sollten, ist die Abkürzung für die Deutsche Film AG, sie war ein Filmunternehmen der DDR mit Sitz in Potsdam-Babelsberg. Der Mauerfall jährt sich bald zum 30. Mal und der Cannoiser Kinoclub Cinécroisette wird aus diesem Anlass sein zweites deutsches Filmfestival veranstalten und im November eine kleine Auswahl an DEFA-Filmen zeigen. Vier vermutlich, vielleicht auch fünf: Einen Film oder vielleicht zwei aus der Kriegszeit (“Jakob der Lügner“/”Lissy“), zwei aus den sechziger und siebziger Jahren (“Das Kaninchen bin ich“/”Die Legende von Paul und Paula“) und einen aus den Achtzigern (“Solo-Sunny“). Ich habe sie mir in den letzten Tagen angesehen, ich kannte nur “Das Kaninchen bin ich”, den ich aber heute mit anderen Augen sehe. “Jakob der Lügner” hatte ich hingegen nur gelesen oder kannte ich die US-amerikanische Variante “Jakob the Liar” mit Robin Williams? Ich weiß es nicht mehr. Die Geschichte zumindest war mir bekannt.

Ich sollte dem Vereinspräsidenten kurz wiedergeben, wie ich die Filme fand, und ich kann es (bislang) nicht. Ich bin vor allem wahnsinnig gerührt. Ich habe das Gefühl in meine Kindheit und Jugend einzutauchen, mit den Frauen in Kittelschürzen, den Mülltonnen aus Stahlblech, den Kohlebriketts, die mit dem Eimer in den Keller getragen werden. Ich bin erschüttert, wenn ich in “Das Kaninchen bin ich” die Protagonisten an den Hausfassaden entlanggehen sehe, in denen man noch all die Einschusslöcher aus der Kriegszeit sieht. Sehe dieses Sommerhüttchen, in dem ich sofort friere, so dünn sind die Wände und alles dort (einschließlich des Wassers, das man irgendwo holen muss) erinnert mich an das Leben im französischen Sommerhaus. Ich bin wieder gerührt, wenn Lissy noch in einer Zinkwanne in der Küche “badet”, und wenn das Klo auch dreißig Jahre später in “Solo Sunny” noch auf halber Treppe ist und die Fassaden der Häuser noch bröckeliger geworden sind. Und dann seufze ich, wenn in “Paul und Paula” all diese alten Häuser abgerissen werden, um nagelneue Plattenbauten an ihrer Stelle zu errichten. Und all die Männer mit den Schnurrbärten, die Jugendlichen mit den langen Haaren, die plumpe Anmache der Männer, herrjeh, und diese Mustertapeten. Das alles stimmt mich melancholisch.

“Jakob der Lügner” hat mich so ergriffen, wie schon lange kein Film mehr. Oder doch. “Der Himmel ohne Sterne“, ein Film von 1955, allerdings kein DEFA-Film, der kürzlich auf arte lief und die Anfänge der Zeit mit dieser Mauer zeigt, die damals noch an vielen Orten durchlässig war. Ich fand diesen Film, eine dramatische Ost-West-Liebesgeschichte sehr eindrücklich, so sehr, dass ich ihn fast nicht ertragen habe. Der Film wäre wegen des politisch brisanten Themas beim Filmfestival in Cannes 1956 beinahe nicht gezeigt worden (irgendwo habe ich gelesen, er sei tatsächlich nicht gezeigt worden). Er war aber ohnehin kein kommerzieller Erfolg, niemand wollte das, was doch so gerade in Deutschland stattfand, sehen. Ich bin also gerade im Ost-West-Thema und sehr aufgewühlt. Dazu kommt, dass mich der Vereinspräsident so Dinge fragt wie “wie lange hat es denn gedauert, bis Ostdeutschland das gleiche Lebensniveau hatte wie der Westen?” und ich kurz auflache. “Zehn Jahre?” fragt er. Genau, denke ich. Zehn Jahre, danach hatten wir überall blühende Landschaften. “Bis heute nicht”, sage ich, und frage mich dann, ob das so pauschal gilt. Ich komme ja nicht aus dem Osten. In Leipzig und Dresden ist es sicher anders als in der Uckermark. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll zu erklären. Es war ein Prozess, eine Entwicklung, sage ich. Immerhin gab es Übergangsregierungen, ich erinnere mich an so viele fusselbärtige Männer, ich erzähle von der Begeisterung für Kohl, der Dankbarkeit für Gorbatschow, von den kritischen Stimmen, die niemand hören wollte, und dass man die DDR in Bausch und Bogen verworfen habe, dass es eine Art Landflucht gegeben habe, erzähle von überheblichen “Besser-Wessis” und naiven “Jammer-Ossis”, ich sage, dass der Osten eine Großbaustelle geworden war für westliche Unternehmen, der “wilde Osten”, den es zu erobern galt. Ich versuche zu erklären, was die Treuhand war, Abwicklungen von mehr oder weniger maroden Unternehmen, Arbeitslosigkeit, ich rede immer schneller und sage, die Mauer ist weg, aber jetzt haben wir einen Graben. Mein Gesprächspartner versteht das alles nicht, scheint mir. Er erwartet ein glücklich vereintes Volk. Wo ist sie hin, diese Glückseligkeit der Menschen, die man dieser Tage wieder zeigt, als die Grenze endlich offen war? “War das gar nicht so?” fragt er. “Doch”, sage ich. “Das war so. Aber es dauerte eben nur kurze Zeit. Eine Zeit, in der wohl auch Vieles möglich war (ich erinnere mich an Sofas am Straßenrand in Berlin und an improvisierte Clubs und Bars), aber danach fing der Alltag an. Und die Ernüchterung kam.” Herrjeh, es ist nicht einfach. Und was weiß ich schon vom Osten? Und ich bin überhaupt schon so lange weg aus Deutschland. Ich habe in diesem Sommer Christoph Hein “Glückskind mit Vater” gelesen und “Unterleuten” von Juli Zeh. War es so? Ist es so? Wie ist es denn im Osten jetzt? Mögen Sie mir mal eine kurze Einschätzung geben, nur von dort, wo Sie sind? So kurz wie sie können ;-) Und wie geht es der nächsten und übernächsten Generation? Wächst da jetzt zusammen, was zusammengehört?

Sie können mir das auch gerne privat schreiben, wenn Sie es öffentlich nicht mögen, was ich absolut verstehen kann. Ich verspreche, dass ich Ihre Antworten respektvoll behandeln werde. Meine E-Mail-Anschrift sende ich Ihnen gerne zu, wenn Sie mir über das Info-Formular (klicken Sie oben “Kontakt” an) eine kurze Nachricht senden. Merci!

Ich habe übrigens noch “Spur der Steine” vorgeschlagen (an Stelle von “Lissy”) Welches ist Ihr DEFA-Lieblingsfilm? Möchten Sie mir das auch noch verraten?

Wir werden die Filme in Deutsch mit Untertitel zeigen:

Jakob, der Lügner  (Jacob le menteur) Olympia samedi 16 novembre 10h30

Die Legende von Paul und Paula (La légende de Paul et Paula) Cinétoile Rocheville samedi 16 novembre 17h30

Das Kaninchen bin ich  (C’est moi le lapin) Olympia dimanche 17 novembre 10h30 

Solo Sunny Cinétoile Rocheville dimanche 17 novembre 17h30 

Adresses des cinémas: Olympia 5 rue d’Antibes 06400 Cannes // Cinétoile Rocheville 2 Chemin du Périer, 06110 Le Cannet 

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Bloggen über 50

So. Jetzt aber! Seit Tagen will ich es verlinken, aber man kommt zu nichts, Sie kennen das. Jetzt sind wir schön unter uns, alle anderen sind nämlich auf der Buchmesse. Machen wir es uns gemütlich, es ist Zeit für ein Päuschen! Gießen Sie sich noch einen Tee ein oder einen Kaffee. Los gehts:  Ich wurde interviewt. Das ist nicht neu, in diesem Jahr stand ich schon öfter dem oder der einen oder anderen Journalisten(in) Rede und Antwort, aber dieses Interview ist anders! Es geht ums Bloggen und klar, Sie denken es sich vermutlich bei der Überschrift, ein bisschen geht es auch ums Älterwerden. Vor ein paar Wochen schrieb mir Maria vom Blog Unruhewerk. Maria ist Texthandwerkerin und eine der Frauen hinter der Plattform Blogs50plus, auf der ich mich vor ein paar Jahren eingeschrieben habe. Die zweite Frau ist übrigens Uschi, die die Technik hinter der Plattform ehrenamtlich stemmt. “Älter werden und sichtbar bleiben” heißt es im Untertitel. Die Plattform vereinigt Blogs von Über-50-Jährigen (die Ü60- oder Ü70-Jährigen sind eingeschlossen). Mehr als 300 Frauen und Männer jenseits der 50 sind zurzeit dort versammelt, und sie (wir) schreiben über alles, was sie (uns) bewegt: übers Leichtes und Schweres, das Reisen, über Mode, Sport und das Gärtnern, über Krisen und Neuanfänge, das Kriegsenkelsein, die Rente und das Älterwerden. Ich hatte mich mit Anfang 50 auf der Plattform eingeschrieben; die 50 waren eine Zäsur für mich, damit hatte ich zu hadern. In der Blogwelt um mich herum waren und sind die Frauen (und Männer) meist zehn oder noch mehr Jahre jünger. Da geht es um andere Dinge, die Sicht darauf ist anders und sehr häufig geht es um den Alltag mit kleinen oder größeren Kinder. Das ist durchaus interessant, aber ich fühlte mich allein mit meiner Krise und der beginnenden Menopause, über die ich zwar in Ansätzen zu schreiben wagte, was aber zumindest damals keine(r) lesen wollte. “Über so etwas schweigen und in Würde altern”, riet mir nicht nur eine Leserin. Erst jetzt, ein paar Jahre später, geht es auch auf den Blogs der jüngeren Frauen um die Menopause. Ha! sage ich, zugegeben etwas bitter. Ha! Jetzt, wo ich durch bin, wird das Thema gesellschaftsfähig. Aber nun gut, möge es den kommenden Generationen von Frauen helfen. Ich habe mich bei  den Ü50-Bloggern eingeschrieben, dann aber dort gar nicht besonders viel genetzwerkt. Ich bedaure das, denn es gibt einige(s) zu entdecken. Maria hat sich jetzt daran gemacht, auf ihrem persönlichen Blog Unruhewerk alle Ü50-Blogs und die Menschen dahinter peu à peu vorzustellen. Schauen sie da ruhig mal rein, das heißt auf neudeutsch klicken sie den Link an und scrollen Sie sich durch, es lohnt sich!

Hier geht es nun zu meinem Interview. Vielen Dank dafür Maria! Und à bientôt!

Und der im Interview erwähnte Admin(istrator), der Gestalter und zuverlässige und treue Helfer im Hintergrund, ist der sehr geschätzte Herr skizzenblog. Mea culpa fürs späte Verlinken. Un grand Merci für alles, was du tust!

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Ende eines Ladens – La fin d’un petit commerce

Zweisprachiger Text. Texte bilingue.

Ein anderer Abschied, der mich dieser Tage mehr berührt hat als der Tod Chiracs, ist der von Bernard, dem “petit épicier” aus Cannes, der es bis in meine Kriminalromane geschafft hat. Nein, er ist nicht gestorben, Gott behüte, aber er schloss gestern Abend definitiv seine kleine Epicerie, seinen kleinen Tante Emma Laden, der offiziell Alimentation Générale les Deux Palmiers heißt. Von den zwei im Namen erwähnten Palmen steht seit Jahren nur noch eine. Seit 1981, seit achtundreißig Jahren war er hier jeden Tag “fidèle au poste”, sagt er von sich. Zuverlässig und treu öffnete er jeden Morgen um Sieben seine Ladentür. Die Schnellstraße, die seinen Laden ein bisschen einzwängt, hat es damals schon gegeben, ebenso die Autos und den Lärm, aber das hat ihn nicht gestört.

Un autre adieu, qui me touche plus ces jours ci que le décès de Chirac, c’est celui de Bernard, le petit épicier Cannois qui est même rentré dans mes romans policiers. Non, il n’est pas décédé le Bernard, que Dieu le garde, mais il a fermé hier soir définitivement sa petite boutique, l’ Alimentation Générale les Deux Palmiers au bout de la voie rapide. Des deux palmiers il reste depuis longtemps qu’un seul. Depuis 1981, depuis 38 ans il était ici, toujours fidèle au poste, comme il disait. La voie rapide, qui coince un peu sa petite boutique, elle était déjà là, ainsi que les voitures et le bruit, mais cela ne l’a pas dérangé.

Was ihm weh getan hat, war der große Discounter, der vor ein paar Jahren schräg gegenüber errichtet wurde, und der (nicht nur ihm) einen Teil seiner Kundschaft abspenstig gemacht hat. Er mache es nicht mehr lange, sagte er seither oft, aber dann nach jeder kurzen Sommerpause, war er doch wieder da. Der jüngste Sohn sollte noch die Schule beenden und den Weg ins Arbeitsleben oder einen Studienplatz finden, bevor er schließe. Nur mit einem Einkommen, dem seiner Frau, wäre es ein bisschen knapp geworden.

Ce qui lui a fait mal, c’était le grand supermarché qui s’est installé il y a quelques années juste en face, et qui lui a pris une part sa clientèle, et pas seulement à lui. Il ne le resterait plus longtemps ouvert disait-il assez souvent, mais après une brève pause d’été, il rouvrait quand même. Son jeune fils devrait encore finir l’école et trouver son chemin avant qu’il ferme. Avec un seul salaire (celui de sa femme) ça aurait été trop juste à la fin des mois.

Die quadratischen Holzregale bis unter die Decke sind typisch für die Innenenrichtung kleiner traditioneller Lebensmittelläden hier. Sie sehen ein bisschen traurig und leer aus heute. Die Uhr geht noch richtig. Die Zeit ist nicht stehengeblieben. Bernard zeigt uns Fotos von früher. Damals waren die Regale prallvoll gefüllt mit allem, was man benötigen könnte. Um vier Uhr morgens ist er damals, als er begonnen hat, noch bis nach Nizza gefahren, um beim Großhändler seine Waren einzukaufen. Und das dreimal die Woche! Erst als eine Großhandelsfiliale auch in Cannes eröffnet wurde, musste er nicht mehr ganz so früh los.

Les étagères en bois jusqu’au plafond sont typique pour l’intérieur des petites épiceries traditionnelles. Elles sont un peu tristement vide aujourd’hui. L’horloge continue de marcher. Le temps ne s’est pas arrêté. Bernard nous montre des photos de l’époque. Les étagères étaient encore pleine à craquer avec tout ce dont on pourrait avoir besoin. À quatre heure du matin il s’est levé à l’époque pour trouver sa marchandise à Nice chez un grossiste. Trois fois par semaine! Seulement depuis qu’il y a une filiale du grossiste à Cannes, il ne se levait plus si tôt.

Wir haben früher, als wir noch zu Fuß zum Strand gelaufen sind, auf dem Rückweg dort das eine oder andere mitgenommen. Wir hatten, ganz wie der Kommissar in meinen Kriminalromanen, ein kleines Guthaben eingerichtet, was es uns ermöglicht hat, ohne Geld an den Strand zu gehen und doch auf dem Heimweg frische Erdeeren, Pfirsiche, eine Melone, Trauben oder Pflaumen, die einen so appetitlich anlachten, mitzunehmen. Er hatte immer ausgezeichnetes Obst! Ein bisschen teurer als beim Discounter gegenüber, sicher, aber die Qualität war ebenso eine andere. Ganz abgesehen davon, dass das Einkaufen bei ihm eine andere Sache war. Persönlich und immer von einem echten Lächeln und freundlichen Worten begleitet. Bernard mag die Menschen und begrüßte jeden seiner Kunden vorurteilsfrei und herzlich wie einen Freund. Er kennt alle Menschen in seinem Viertel. Er weiß, wer von den Bauarbeitern schnell hineinkommt, um zwei Dosen Cola zu kaufen, wer kurz vor Toresschluss noch sein Brot abholt, ob die Nachbarin von gegenüber krank ist und wie es dem depressiv-alkoholkranken Mann von nebenan geht, der in letzter Zeit seine Nachmittage damit verbrachte, bei ihm im Laden zu stehen und eine Dose Bier nach der anderen zu leeren. Die letzten Monate, vielleicht Jahre waren nicht mehr so leicht für Bernard. Einmal war er auf der Straße vor seinem Laden gefallen, weil er jemandem helfen wollte. Er hatte sich verletzt, wäre beinahe überfahren worden, und es hat ihn erschüttert. Seine Stimme war leiser und sein Lächeln kleiner geworden. Man sah auch ihn kleiner werden, ein bisschen älter. Wir sind auch älter geworden und laufen jetzt nicht mehr zum Strand, sondern fahren. Wir kamen nur noch ausnahmsweise bei ihm vorbei. 

Nous, quand nous allions à pied à la plage le matin, on s’est toujours arrêtés pour acheter ceci ou cela. On avait, comme le commissaire dans mes livres, un petit avoir ce qui nous a permis d’aller à la plage sans argent et quand même acheter quelques fruits en rentrant: des fraises, des pêches, un melon, des raisins ou des prunes, il avait toujours des fruits d’une excellent qualité. C’était un peu plus cher qu’au supermarché en face, certes, mais la qualité était irréprochable. Et faire les courses chez lui, c’était toute autre chose. Bernard aime les gens. Tout le monde était accueilli chez lui sans aucun préjugé, toujours avec un sourire et des mots gentils. Il connait tout le monde de son quartier. Il connait les ouvriers qui travaillent à côté et qui achètent vite fait deux cannettes de coca pour la pause, il sait qui va encore chercher le pain juste avant la fermeture le soir, il sait que la voisine dans l’immeuble en face est malade et comment va le voisin depresso-alcoolique, qui se plaisait depuis un certain temps de passer ses après-midis dans l’épicerie en buvant une canette de bière après l’autre. Les derniers mois, peut-être les dernières années n’étaient plus si simples pour Bernard. Un jour il voulait aider quelqu’un sur la route devant chez lui, et c’est lui qui se faisait presque renverser par une voiture. Il s’est blessé. Et il était bouleversé. Depuis on le voyait avec un sourire plus petit, la voix un peu moins forte. On le voyait vieillir. Nous aussi, nous vieillissons et nous n’allons plus à la plage à pied, mais avec la voiture. Dans l’épicerie de Bernard on ne passait plus qu’exceptionnellement.

Die kleinen Läden in den Vierteln sind viel mehr als nur ein Laden. Sie sind ein sozialer Ort. Man merkt es erst, wenn sie nicht mehr da sind, wie sehr sie fehlen. Das Stadtarchiv von Cannes hat just eine Ausstellung zur Geschichte des Handels in der Stadt erarbeitet: Vom Straßenhändler zum großen Laden. Am 1. Oktober, dem Tag an dem die kleine épicierie geschlossen sein wird, wird sie eröffnet. Ein Plakat davon hängt auch bei Bernard im Laden. Espace Calmette, sinniert er, er wisse nicht mal, wo das sei. Er habe sein Leben in diesem Laden verbracht, sagte er, er sei Cannois und kenne kaum etwas von der Stadt und wisse nicht, wie sie sich verändert habe. Dafür hat er ja nun Zeit, denke ich. Hoffen wir, dass er sie sich nimmt, um seine Stadt zu anzuschauen. Auf Wiedersehen, Bernard!

Les petits commerces de proximité dans les quartiers, c’est beaucoup plus qu’une épicerie. C’est un endroit social. Combien ils nous manquent, on ne le remarque malheureusement seulement quand ils ne sont plus là. Les archives de la ville de Cannes ont préparé une exposition sur les commerces de la ville: Du marchand ambulant au grand magasin. Une histoire des commerces cannois. L’exposition ouvre aujourd’hui, juste le jour où Bernard a fermé pour toujours son commerce. Un affiche se trouve aussi dans son épicierie. “L’Espace Calmette, je ne sais même pas ou ça se trouve”, dit il. Il a passé toute sa vie dans son magasin, sans jamais prendre le temps de se promener dans sa ville et de voire comment elle a changé. Pour ça il aurait le temps maintenant, espérons qu’il en profitera pour flâner un peu dans les rues de sa ville. Au revoir Bernard!

ps: Und noch ein Nachtrag, Nice Matin war nun auch da! Sehr schöner Artikel auf einer Doppelseite, zusammen mit der Ausstellungseröffnung “Histoire des commerces Cannois”. Der Artikel ist gestern schon erschienen, ich habe ihn aber heute erst entdeckt, da die Zeitung gestern unauffindbar war. Der Zeitungslieferant wirft sie, so wie man das aus amerikanischen Filmen kennt, im Vorüberfahren über den Zaun, manches Mal landet sie an den unglaublichsten Orten. Gerade habe ich sie gefunden: Diesmal war sie in einem Busch hängengeblieben. Sie hat einen Tag und eine feuchte Nacht draußen verbracht. Deswegen ist sie auch so verkrumpelt. Schadet dem Artikel aber nicht. Die Autorin wird übrigens auch erwähnt! ;-)

 

 

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Abschiede – Les adieux

Gerade folgte ich mit einem Auge und einem Ohr der religiösen Abschiedszeremonie für den ehemaligen Präsidenten Jacques Chirac. Die interreligöse Abschiedszeremonie gab es gestern schon. Seit Tagen wird hier Abschied genommen. Heute ist außerdem offiziell Staatstrauer angesagt. Ich habe Jacques Chirac als Präsidenten zwar noch erlebt, aber nichts von ihm mitbekommen. Als ich im Juli 2005 für ein Jahr nach Frankreich gegangen bin, interessierte ich mich für mein eigenes kleines Leben, hoffte vor allem, dass ich wieder Lebensenergie finden würde während dieses Frankreichjahrs. Politik, deutsche wie französische, war mir damals herzlich egal. Von der französischen wusste ich schonmal nicht viel (1789 hatte die Französische Revolution stattgefunden und was war seither geschehen?) und verstand, wenn ich Abendnachrichten sah, gleich gar nichts. Mein erstes Frankreichjahr war als eine Auszeit geplant. Ich erlaubte mir, mich rauszuhalten. Jacques Chirac, der an unserem 9. Hochzeitstag starb, lerne ich gerade in all den Rückblicken erst kennen.

Sie haben vermutlich auch den einen oder anderen Nachruf schon gelesen, ich mochte (unter den deutschen Nachrufen) besonders den hier aus dem Spiegel, der umfassend ist und (ohne respektlos zu sein) auch dunkle Seiten von Chirac beleuchtet. In Frankreich wird dieser Tage seine Menschlichkeit gerühmt, seine Volksnähe. Er konnte mit den Bauern genauso sprechen wie mit Staatsmännern. Eine Zeitlang war er Landwirtschaftsminister, und berühmt sind seine Besuche auf dem jährlichen Salon d’Agriculture in Paris, wo er sich voll Genuss und mit sichtlicher Freude den ganzen Tag allen ihm angereichten Spezialitäten der Regionen Frankreichs hingab: Käse, Salami, Schinken, Bier, Wein, Rum … Auch nachdem er nicht mehr Präsident war, blieb er Ehrenpräsident des Salon d’Agriculture und wurde dort jedes Jahr heiß erwartet.

Alle Präsidenten Frankreich ließen sich in ihrer Amtszeit ein besonderes Bauwerk errichten, damit man sich auch nach ihrer Amtszeit und auch noch nach ihrem Ableben an sie erinnert. Pompidou hat das damals heftig umstrittene Kunst- und Kulturzentrum im Herzen von Paris bauen lassen, das heute nur Centre Pompidou heißt; Mitterrand den (ebenso umstrittenen) Neubau der Nationalbibliothek in Tolbiac und die Pyramide vor dem Louvre. Und Chirac das Musée du Quai Branly, ein ethnologisches Museum. Sein großes Interesse für und seine tiefe Kenntnis anderer Kulturen war in den Nachrufen erneut Thema. Mit welcher Leidenschaft er beispielsweise über afrikanische Masken sprechen konnte, dass er bei einer Ausstellungseröffnung nicht nur angelesenes Wissen von sich gab, sondern profunde Kenntnisse hatte, überraschte immer wieder. Vielleicht habe man ihn nicht wirklich gekannt, wurde immer wieder laut. Das sagte sogar seine Tochter Claude, die ihm so nah war, wie keine andere.

Eine weitere Tochter hatten die Chiracs Ende der siebziger Jahre adoptiert: die Vietnamesin Anh Dao, ihre “Tochter des Herzens”, ein Mädchen, das als Flüchtende mit den “Boat People” in Frankreich gelandet war. Der “Clan Chirac” hielt sie aber als Erwachsene auf Abstand, heißt es. Komplizierte Beziehungen. Sie war zur Trauerfeier der Familie nicht zugegen. Bernadette Chirac übrigens auch nicht; ihr Gesundheitszustand habe es nicht zugelassen. Schmerzlich vermisst, zumindest von den Kommentatoren, wurde heute Gerhard Schröder: Schröder und Chirac haben damals gemeinsam den Kriegseinsatz der Amerikaner gegen den Irak nicht unterstützt. Schröder habe um eine Einladung gebeten, die vom Elysée abgelehnt worden sei, heißt es in der deutschen Presse. Ein Missverständnis? Wird man zu Beerdigungen eingeladen? Keine Ahnung. Gesichtet wurde nur Herr Steinmeier, neben Putin und Clinton und vielen anderen Staatsmännern und -frauen.

Ich kannte Chirac nicht, Monsieur aber schon. Sie bekommen hier noch eine persönliche Anekdote Monsieurs mit Chirac, um mich ein bisschen herauszuheben aus der Masse der anderen Nachrufe ;-).  Monsieur war in einem früheren Leben Apotheker und unter anderem Apotheker in einem kleinen Dorf in Korsika. Es war eine abenteuerliche Zeit, darüber könnte man auch einen Kriminalroman schreiben, oder besser nicht, man stirbt schnell in den korsischen Irrungen und Wirrungen, auch dreißig Jahre später und auf dem Kontinent. Aber davon ein andermal. Oder auch nicht. Viele Politiker in Paris haben Freunde in Korsika und viele der Freunde haben hübsche Häuser nicht nur mit Meerblick, sondern les pieds dans l’eau wie man hier sagt, mit direktem Meerzugang. Monsieur Chirac besuchte häufig einen Freund mit einem großen Haus, schräg gegenüber der kleinen Apotheke Monsieurs. Er erfreute sich damals bester Gesundheit und nahm die Dienste Monsieurs nicht in Anspruch. Aber in der Boulangerie, der kleinen Bäckerei gleich neben der Apotheke, kaufte Monsieur Chirac seine Croissants, ganz wie Monsieur. Das volksnahe war wirklich eine herausragende Eigenschaft Chiracs, er mochte es, mit der Boulangère zu diskutieren, die als eifrige Leserin der Zeitung Le Monde durchaus etwas zu sagen hatte. So viel vorausgeschickt.

In der Zwischenzeit war Monsieur wieder in Cannes ansässig und seine Leidenschaft für den Kriminalroman hat ihn “Président” des Vereins “Freunde der Bibliothek” werden lassen. (“Präsident” meint hier nur Vereinsvorsitzender, damit wir uns verstehen.) Monsieur wollte im Rahmen der Bibliothek eine Veranstaltung rund um den Kriminalroman schaffen, ein schönes Projekt, sehr ehrgeizig, leider interessierte es den Kulturbeauftragten der Stadt nicht. Monsieur versuchte nun, den Bürgermeister zu sehen, um ihm das Projekt zu unterbreiten, aber der Bürgermeister war auch nach mehrfacher schriftlicher Bitte nicht zu sprechen. Er empfing ihn einfach nicht. Monsieur ist niemand, der so leicht aufgibt, sonst hätte er schon in Korsika nicht so lange durchgehalten, er entschied sich, einen Brief an den Präsidenten zu schreiben. Von Präsident zu Präsident sozusagen. Alle lachten. Was soll das denn? Dem Staatspräsidenten schreiben? Aber Monsieur machte es: “Ich möchte gern den  Bürgermeister von Cannes sehen”, schrieb er an Herrn Chirac, “um ihm ein Projekt vorzustellen, aber ich bekomme keinen Termin. Wir kennen uns übrigens aus Korsika”, schrieb er noch. “Ich hatte lange Jahre die Apotheke neben der Bäckerei in X, gleich gegenüber dem Haus Ihres Freundes T.” Natürlich schrieb er das nicht ganz so simpel, aber so ähnlich. “Es war ein Versuch”, sagt er mir, “wie eine Flaschenpost. Vielleicht kommt sie an.” Und siehe da, kurz darauf erhielt Monsieur ein Schreiben des Bürgermeisters aus Cannes: Er habe leider keine Zeit, Monsieur persönlich zu sehen, aber er unterstütze natürlich das Projekt! Nur zu! Ein Budget X stehe ihm zur Verfügung. Das Projekt hieß “Polar en Fête” und wurde mehrere Jahre hintereinander ein legendärer Erfolg. Chirac war tatsächlich nahbar, wie der Spiegel in seinem Nachruf schrieb. Die Franzosen sind ihm dafür dankbar.

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Kleine Ausfahrt bei leichter Brise

Die Regatta war gestern zu Ende gegangen und heute war geplant, die Segler auf ihrem Rückweg ein Stück zu begleiten. Um 11.30 Uhr sollte die Abfahrt sein. Wir waren um kurz vor Elf am Hafen und weit und breit kein Segelschiff mehr. Am Ticketschalter war die Hölle los und die Damen ziemlich gestresst. “Quai Nummer drei und vier, schnell!”, ruft mir eine der Damen zu und drückt mir meine Picknicktüten in die Hand. Ich verstehe es nicht. Soll das Boot nicht erst in einer halben Stunde losfahren? Beinahe hätte ich mich nicht angestellt, aber das Boot vom Quai Nummer drei fährt schon los, Monsieur schubst mich aufs Boot am Quai Nummer vier, und kaum sind wir drauf, geht es schon los. Der Kapitän entschuldigt sich. Eine Sache des Windes. Die Segler sind schon viel früher als geplant losgefahren, sie wollten die leichte Brise nutzen, die aufgekommen war, hingegen die mäßige, die für mittags angesagt war, vermeiden. Die großen Segelschiffe sind ja alles historische Schiffe, die müssen bei aller Segelei schon auch vorsichtig sein, damit nichts kaputt geht. Wir fahren ihnen also in aller Eile hinterher. Der Kapitän ist ein bisschen besorgt, die Segler sind schon ziemlich weit weg, er verspricht uns aber, dass wir trotz allem was zu sehen kriegen, als erstes das Esterelgebirge.

Dann vor uns ein erstes größeres Segelboot! Der Wind kommt von vorne, die Segler müssen ständig die Richtung wechseln, auf  gut deutsch zickzackfahren, um voranzukommen, der Richtungswechsel heißt natürlich anders in der Seglersprache, anluven und abfallen auf Seglerdeutsch und lofer und abattre auf Französisch. Monsieur ist ja ein ehemaliger Segler und erklärt mir das freundlicherweise. Das Boot vor uns ist  ein italienisches Boot und heißt “Morte a Venezia”, Tod in Venedig also. Die Segler sind aber sehr lebendig und winken uns freundlich zu.

Dann begegnen wir einem Segel-Kreuzfahrtschiff. Es hat nicht an der Regatta teilgenommen, sondern schippert seine Gäste edel über das Mittelmeer. 

Dann doch ein Regatta-Segelschiff … sie sind sehr gemütlich unterwegs.

und dann wieder lange nichts, oder doch, sehr viel Blau. Wir nehmen Kurs auf St. Tropez. Dort tummeln sich ein paar Boote, sagt uns der Kapitän und spielt uns Douliou Douliou Saint Tropez über die Lautsprecher ein. Die Stimmung an Bord steigt.

Gestern war übrigens Brigitte Bardots 85. Geburtstag, das ging aufgrund des Todes von Jacques Chirac ein bisschen unter. Zu Chirac schreibe ich Ihnen morgen, da haben wir hier einen Nationaltrauertag. Wir sehen übrigens nicht Brigitte Bardot in diesem Video, sondern Geneviève Grad, in der Rolle der Nicole, der Tochter des Gendarmen von Saint Tropez, wiederum gespielt von Louis Funès. Auch wenn sie ähnlich niedlich aussieht, wie BB zu ihrer Zeit, ihre Karriere war deutlich weniger durchschlagend.

Tatsächlich ist es in der Bucht vor Saint Tropez etwas belebter … der Kapitän fährt uns an jedes größere Boot und fährt einmal links und einmal rechts daran vorbei, Backbord und Steuerbord heißt das natürlich, oder Babord und Tribord.

Der Strand im Hintergrund (na gut, der weiße Streifen zwischen Meer und Festland) ist übrigens der Strand von Saint Tropez, Pampelonne. Näher kommen wir aber nicht.

Wirklich nach Saint Tropez kommen wir leider nicht. Und nach zwei Stündchen Schiffe gucken, geht es wieder gemächlich zurück.

In Cannes bekommen wir noch einen Abstecher, weil eines der Regattaboote dort geblieben ist und vor dem Carlton geankert hat.

Und dann nehmen wir wieder Kurs auf den Hafen.

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Régates Royales Cannes

Seit neun Jahren lebe ich in Cannes und ich habe es noch nie geschafft, bei den Regatten im September wirklich präsent zu sein, bis … heute! Heute morgen habe ich spontan einen Platz auf einem der Boote gebucht, die einen hinaus aufs Meer und in die Nähe der Segelschiffe fahren. Boah! War das großartig! Wir waren so nah dran, dass man den Seglern beinahe hätte die Hand schütteln können. Das Meer war freundlich, der Wind nicht zu stark, so dass weder ich seekrank, noch ein Segler bei einem Manöver über Bord gegangen wäre und auch kein Schiffsverlust zu vermelden war. Alles schon da gewesen in den letzten Jahren, wie ich dem kleinen Heft lese, das man mir in die Hand gedrückt hat. Ich bin nicht am Meer großgeworden, ich verstehe nichts von Wind und Wellen, von Schiffen und Booten, ich kann gerade mal Motorjachten von Segelschiffen unterscheiden, und mein Herz schlägt ganz klar für die alten Segelschiffe. Aber bislang war ich nur ein einziges Mal segeln, als ich für den dritten Kriminalroman einen Eindruck davon gewinnen wollte. Man muss ja wissen, von was man schreibt, nicht wahr. Das war auch ganz großartig übrigens und seitdem wollte ich das immer mal wieder gemacht haben, aber wie es so ist … Heute immerhin sehe ich Segelschiffen zu. Und was für welchen! Aber alle Erklärungen zu den Schiffsnamen, – eignern, Segelformen und Regattaregeln, die uns der Kapitän freundlich mitteilte, sind in den Wind gerufen, ich behalte nichts davon. Toll wars trotzdem! Alle Fotos ohne Filter übrigens!

Und mittendrin ein Fischer. Sie wissen, dass mir die Fischer von Cannes am Herzen liegen, und ja ihre Arbeitsbedingungen in einem touristischen Ort mit Yachten und Kreuzfahrtschiffen und Wasserski und was nicht noch alles für Scherzen im Wasser sind nicht einfach, aber er hier heute, das war ein bisschen gespieltes Drama. Er schrie sich seine Wut darüber, dass alle über seine gekennzeichneten Netze fuhren, aus dem Leib. Scheißregatta! Dies ist sein Arbeitsplatz! Und keiner nimmt Rücksicht!

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Morgens Fango abends Tango Teil 2

Am dritten Tag hätte sich Monsieur gerne dem Grüppchen angeschlossen, das mit dem Shuttle-Bus zu den Thermen gefahren wird. (Jedes Hotel und sogar der Campingplatz bieten Fahrdienste an!) Aber wir waren nicht angemeldet – denn wir hatten die ersten Tage entschieden, dass wir natürlich laufen werden. Es ist wirklich nicht weit, und es geht morgens bergab. Mittags aber geht es bergauf und wir sind erschöpfter als wir glaubten. Zurück lassen wir uns daher zum ersten Mal fahren und von nun an nutzen wir den Shuttle-Bus in beide Richtungen.

Es sind viel mehr Menschen in den Thermen unterwegs als ich anfangs glaubte. Wir stehen ja nur am Rheuma-Eingang. Es gibt genauso viele Curistes für die Atemwege und der Kurbetrieb beginnt schon um sechs Uhr morgens. Nachmittags gibt es auch Termine und sogar abends. wir machen beide nur eine Mini-Kur von einer Woche, die wir selbst bezahlen und sind daher ein bisschen privilegiert, das habe ich jetzt verstanden. Uns hat man gefragt, um wieviel Uhr wir beginnen wollen und uns dann entsprechende Anwendungen zugewiesen. Wir sind nicht immer zusammen unterwegs, aber das ist ja nicht schlimm. Der klassische Kurgast, der seine 18 Tage dauernde Kur verschrieben bekam, bekommt seine Zeiten zugewiesen. Das können dann durchaus zu Hoch-Zeiten im Kurbetrieb (der September gilt als eine solche!) auch unbequeme Zeiten sein, sehr früh morgens oder nachmittags. Weshalb er bereits die Kur im nächsten Jahr plant und dafür schon jetzt die Zeiten reserviert, die er für die Anwendungen gerne hätte. Man kann allerdings auch einen “First Class-Service” dazubuchen. Kleiner Aufpreis, dafür bekommt man in einem kleineren und etwas schickeren Thermalzentrum (sogar das Toilettenpapier ist luxuriöser!) einen personalisierten Service: man irrt nirgends herum und muss nicht Schlange stehen, man wird immer begleitet, kommt sofort dran und wird wieder abgeholt. Außerdem ist es dort nicht so voll. Für den einen oder anderen im Getümmel überforderten älteren Curiste wäre das eine gute Alternative. Ich habe meine Nachmittagstermine im “Service premier” daher weiß ich, wie es dort läuft.

Wir sind aber sonst im Service Standard und heute, am fünften Tag, habe ich erstmals mein Thermalbecken Marjolaine für das Bewegungsbad um 9.15 Uhr ganz alleine gefunden. Und ich war nicht zu spät. Anders als Monsieur, der sein Heftchen in der Umkleide vergessen hatte und zurück musste. Später vergaß er es nochmal bei den heißen Umschlägen. Die Kur IST anstrengend. Die Bademeisterin um 9.15Uhr ist jung und nett, aber ich verstehe sie nicht. Für mich spricht sie italienisch oder vielleicht auch serbokroatisch und streut hin und wieder ein französisches Wort ein. Ich folge also nur ihren Bewegungen, die sie immer wieder zeigt. Ich bin größer als der durchschnittliche Franzose und muss immer meine Knie beugen, damit die Schultern unter Wasser sind. Monsieur geht das Wasser im Becken sogar nur bis unter die Brust. Wenn wir Streckübungen quer zum (schmalen) Becken machen, berührt Monsieur mit der Hand die eine Beckenseite und mit dem Fuß die andere.

So. In der Zwischenzeit sind wir wieder zuhause und ich versuche mich zu erinnern, wie es weiterging. Am Ende des 5. Tages gab Monsieur auf. Er war frustriert und erleichtert gleichermaßen. Frustriert, dass ihn die Anwendungen so mitnahmen, und man so viele deutlich ältere Menschen munter durch die Gänge laufen sah. Wie schaffen die das? Erleichtert, dass er den letzten Tag einfach im Bett lesend verbringen durfte. Die schrecklichen Knieschmerzen, die ihn am fünften Tag heimsuchten, so dass er dachte, er werde nie wieder laufen können und müsse sofort operiert werden, verschwanden dann auch fast sofort wieder. Nein Monsieur ist kein Hypochonder, also zumindest nicht, wenn es schlimm ist. Bei Halsschmerzen macht er, wie ich finde, gerne ein bisschen Drama, dass er während der Kur Herzrhythmusstörungen bekam, hat er mir zunächst verschwiegen. Ich weiß jetzt nicht, ob das wirklich so toll ist mit den Kuren, eine Kommentatorin fragte das auch kritisch. Vielleicht war auch die komprimierte Mini-Kur nicht wirklich geeignet. Außer dem Rat, wenn man unerwartet Schmerzen habe, solle man die Bewegungen im Wasser nicht mitmachen und einem lapidaren “Wenn irgendwas ist, kommen Sie zu mir”, gab es vom Arzt keine besonderen Anweisungen. Monsieur und ich bekamen die gleichen Anwendungen, dabei machte ich eine Rückenkur und Monsieur eine für Rheuma. Gut, wir hatten die heißen Umschläge an anderen Körperstellen, aber sonst … Ich bekam zusätzlich in einem Rücken-Atelier Unterweisungen, die vor allem darin bestanden, die in Frankreich jahrzehntelang übliche Praxis: “Wenn man Rückenschmerzen hat, hört man auf sich zu bewegen, geht zum Arzt, nimmt Medikamente und ‘”lässt sich helfen'” in ein “Wenn man Rückenschmerzen hat, bewegt man sich weiter und überhaupt versuchen wir jetzt mit Eigeninitiative die Rückenschmerzen zu verhindern” zu verwandeln. Das staatliche Gesundheitswesen hat dazu auch eine Kampagne laufen. Rückenschmerzen seien nicht schlimm, sagt da eine Stimme, “ce n’est pas grave” – wir sollen einfach weiter mobil bleiben.

Rückenschmerzen sind vielleicht nicht “schlimm”, aber weh tuts schon, sage ich und das Bewegen ist nicht immer einfach. Gerade die älteren Kurgäste finden es auch sehr unbequem, dass sie jetzt selbst jeden Tag Muskelstärkende Rückengymnastik machen sollen und nicht mehr Krankengymnastik und Massagen verschrieben bekommen. Der sportliche Rückentrainer gab uns drei mal drei kleine Bewegungen mit auf den Weg und empfiehlt ansonsten “viel Laufen”, einen Schrittzähler und einen großen Ball. Im Moment habe ich noch mehr Schmerzen als vor der Kur. Ich weiß, ce n’est pas grave und natürlich bewege ich mich trotzdem. Wir beobachten das.

Wir hatten Vollpension gebucht, aber das Hotel kooperiert mit dem Kurbetrieb und es gab mittags und abends zwar sehr feine und dekorative Nouvelle Cuisine, aber sie war sehr leicht und den immer sehr hungrigen Monsieur stellte die Menge der Drei-Gänge-Menüs nicht zufrieden. Der alte Kalauer, “wie war das Essen?” “Überschaubar” fiel mir bei seinem verzweifelten Blick auf die kleinen Portionen auf dem großen Teller immer ein. Als wir einen Nachmittag gemeinsam in Gréoux unterwegs waren, fiel Monsieur heißhungrig in eine Bäckerei ein und hatte schon beim Hinausgehen ein süßes Stückchen vertilgt.

Zweimal waren meine Nachmittagsanwendungen so früh, dass ich danach doch noch etwas unterwegs sein konnte. Einmal spazierte ich am Verdon entlang und das war wirklich schön! Es gibt dort drei verschiedene Wege, einen breiten asphaltierten für Fahrradfahrer und die, die weniger gut zu Fuß sind, eine Art Waldpfad mit Trimm-Dich-Geräten und einen kleinen Pfad auf den Kieseln direkt am Ufer des Verdon entlang. Dort kann man schön die Füße in den Fluß strecken und in die Spätsommersonne blinzeln. Man kann natürlich auch auf Bänken entlang der Wege sitzen oder an Picknicktischen. Und das machen auch ganz viele. Aber es war dennoch nicht überlaufen und ich fand es sehr idyllisch mit all den dort spazierenden, lesenden, strickenden, dösenden und (natürlich) Entenfütternden Menschen.

Am letzten Kurtag regnete es und es war großes Thema in den Thermen, denn auch für Sonntag, Abreisetag für viele, war Regen angesagt. Katastrophe! “Faites bien attention sur la route!” Schön aufpassen auf der Straße, gab mir die junge Frau bei den heißen Umschlägen zum Abschied mit. Es kränkte mich ein bisschen, dass Sie mir diesen Satz sagte, als sei ich eine der wegen des Regens aufgewühlten alten Dame. Aber na gut, es waren Fließband-Anwendungen und es gab Sätze am Fließband. Nach einer abschließenden nachmittäglichen wundervollen Rückenmassage und dieses Mal dem eindringlichen Rat, “faites bien attention a vous!” dass ich schön auf mich aufpassen solle, fahre ich trotz Regen Richtung Valensole. Kein blühender Lavendel, natürlich nicht, aber eine sehr nette Strecke und ein sehr französisches Dorf mit riesigen Platanen, die noch nicht einer Gehweg- oder Straßenbegradigung zum Opfer gefallen sind (krank sind sie, wie fast alle Platanen in Frankreich allerdings schon).

Allerdings steht die Hälfte von Valensole zum Verkauf. Zusammen mit dem Regen gab das eine etwas melancholische Mischung.

Diese Werbung für Mac Donalds sorgt gerade für Aufruhr in Frankreich. Dass man die Nationalheiligen Asterix, Obelix und Idefix und alle anderen unbeugsamen Gallier an diesen unsäglichen Fastfoodhersteller “verkaufen” konnte, führt hier zu erbitterten Diskussionen.

Den einzigen blühenden Lavendel sah ich auf einem Briefkasten.

Zurück fuhren wir trotz Regen wieder über kleine Sträßchen, auf dem Hinweg hatten wir in Varages gehalten und dort auch gegessen (gut und üppig!).

In Varages gibt es eine traditionelle Faiencerie,  einen Keramikgeschirrhersteller, der sehr schönes und farbenfrohes Geschirr produziert. Wir hatten Geschirr von Varages in der Auberge (die Serie Baroque in Gelb und Grau falls es Sie interessiert); diesmal erwarb ich nur neue Milchkaffeeschalen. Die traditionsreiche Firma wurde vor einem Jahr, nachdem sie in Konkurs gegangen ist, von den Angestellten in Form einer Cooperative übernommen. Bislang läuft es dort gut.

Jetzt hielten wir in Fox-Amphoux, einem winzigen, sehr adrett zurechtgemachten Dörfchen mit langer Geschichte, öffentlichem WC und einem Aussichtsturm.


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Morgens Fango abends Tango

Gerade habe ich meinem Nachmittagskaffee beinahe komplett auf die gelbe Markise des unter mir liegenden Hotel-Restaurants geschüttet. Der Rest schwimmt auf dem Tischchen und dem Fußboden des kleinen Balkons. Nur schwer kann ich mich aufraffen, um zumindest die braune Brühe auf dem Balkon mit Kleenextüchern aufzuwischen. Das Gefühl der Peinlichkeit wegen des braunen Flecks auf der Markise unter mir stellt sich auch kaum ein. Ich fühle mich schwer und bin etwas müde. Ich mache meine erste Kur. Der Rücken und die Knie. Eigentlich wollte ich nur Monsieur zu seiner Mini-Kur (Rheuma) begleiten, entschied mich dann kurzerhand für diese Mini-Kur für Rückenschmerzen. Sie heißt wirklich so. Mini-Cure Mal de dos. Deswegen habe ich wohl noch stärkere Rückenschmerzen als vorher. Das wird sicher noch besser, es ist ja erst der zweite Tag. Gestern morgen um 7 Uhr haben wir in Windeseile die Formalitäten erledigt, Arztbesuch, Kureinschreibung, Anwendungsplan und um Viertel nach Neun gings schon los.

Da sage noch einer die Franzosen seien nicht effizient. Effizienter und freundlicher habe ich es in Frankreich noch nirgends erlebt. Und sauber. Das muss ich wirklich erwähnen. Denn auch wenn ich es ungerne sage, so hat das städtische Schwimmbad Montfleury in Cannes damit so seine Schwierigkeiten: schon im ersten Jahr schwarze Schimmelflecken in den Fugen und die waren auch nach der Generalreinigung, für die das Schwimmbad drei Tage geschlossen war, nicht verschwunden. Die Türen der meisten Umkleidekabinen schließen nicht und viele Spinde sind schon seit der ersten Saison kaputt. Eine Saison lang machte ich Wassergymnastik im Fünf-Sterne-Etablissement Les Thermes, man hopst dort mit atemberaubenden Blick im Meerwasserschwimmbad herum, darf danach noch den Sonnenuntergang im Jacuzzi auf der Terrasse genießen oder in der Sauna und dem Haman schwitzen, das alles zu einem etwas überteuerten Preis (Cannes, der Blick und weil wir es uns wert sind), und auch dort wackelt nach der dreitägigen Schließung noch immer die erste Stufe, so dass man beinahe ins Becken stolpert, und es rostet hier und schimmelt da. Das ist natürlich der deutsche Blick. Den versuche ich tapfer abzulegen, aber es ist nicht immer einfach. Im städtischen Schwimmbad ist der Service zusätzlich unterirdisch schlecht. Unfreundlich und lustlos. Unverschämt lustlos, ich habe keine Lust auf Details, aber ich ließ meine Zehnerkarte verfallen. In den Thermen ist es zumindest freundlich, Sie wissen schon, diese aufgesetzte Freundlichkeit, Madame hinten und vorne. Nervig, ein bisschen. Hier jetzt ist es superfreundlich, alle, die Damen und Herren am Empfang, der Herr, der die Bademäntel ausgibt, der der die feuchten Handtücher einsammelt, die Bademeisterinnen, die Hilfskräfte  – ich fasse es nicht, wie freundlich sie sind und wie hilfsbereit sie auch dem zigtausendsten Rentner, der im feuchten Bademantel und mit lustigem Duschhäubchen herumirrt, den Weg zum Thermalbad mit dem reizenden Namen Verveine oder dem Anwendungsraum Laurier weisen.

Von sieben Uhr morgens bis elf Uhr vormittags werden im fünfminütigen Abstand jeweils 24 Personen eingelassen. Die haben dann einen durchgetakteten Parcours zu erledigen. Das ganze erfordert eine gewisse geistige Beweglichkeit und körperliche Dynamik. Trotz Rheuma und alledem. Man wundert sich, dass alles so gut klappt, denn man muss sich aus- und den Badeanzug anziehen, die Klamotten abgeben, Bademantel und Handtücher abholen, man darf sein Heftchen nicht vergessen, in dem abgehakt wird wo man war, sein Duschhäubchen nicht vergessen, sonst darf man nicht ins Wasser undsoweiter. Während die ersten Wassergymnasten hinten aus dem Thermalbecken gehen, kommen von vorne schon wieder die nächsten rein. Danach geht es zu den Anwendungen, dem Schlammbad oder was auch immer. Alles ist gut ausgeschildert und doch verirre auch ich mich immer wieder. Aber an jeder strategischen Ecke steht jemand und schickt einen nach rechts oder links oder geradeaus und am Ende zweimal links. Ich verirre mich, weil ich vor und zwischen jedem Termin “muss”. Sie verstehen schon. Nicht nur, weil ich sowieso im halbstündigen Rhythmus und kaum habe ich einen Fuß im Wasser, “muss”, sondern weil der Kurarzt befand, ich müsse zusätzlich etwas entwässern. Ich schütte jetzt also eine Mischung aus Löwenzahn und ichweißnichtwas in mein Mineralwasser und nun “muss” ich noch öfter. Ich weiß schon warum ich nicht ausreichend trinke. wenn ich so viel tränke, wie sie einem alle immer einreden wollen, dann verbrächte ich meine Tage ausschließlich auf dem Klo. Online-Pipi. So sause ich also vor dem Thermalbad und danach und zwischen den Schlammumschlägen im Anwendungsbereich Laurier und dem Bain générale de Boue , dem Schlammbad, immer nochmal irgendwo aufs Klo und schon weiß ich nicht mehr wo ich bin. Alles sieht gleich aus, hellgekachelte Gänge, Säulen, schicke Plexiglasstühle und unendlich viele Menschen in hellen Bademänteln und Duschhäubchen.

So weit war ich gestern. Heute am dritten Tag bin ich immer noch genauso erschöpft und tut mir immer noch alles weh. Ich habe solche Rückenschmerzen, dass ich nachts davon träume. Ich weiß nicht, ob das so soll? Ich vermute der Effekt einer Kur ist, dass man froh ist, wenn sie vorbei ist und man den gewohnten Alltagsschmerz wiederfindet, mit dem man sich dann arrangiert. Ich mache eigentlich nichts besonderes. Ein bisschen Wassergymnastik im warmen Thermalwasser (20 Minuten), ein paar Massagedüsen (zehn Minuten), heiße Umschläge mit Thermalwasser und Schlamm (zehn Minuten) und herumfläzen im Schlammbad (zehn Minuten). Das Schlammbad ist nicht etwa ekliger dicker schwarzer Schlick, sondern eine appetitliche milchkaffeefarbige Creme, in der man aus physikalischen Gründen, die wir nicht verstehen, eine eigenartige Leichtigkeit hat und herumflutscht wie ein Korken. Dort hängt man mit bis zu zwölf anderen herum und versucht, nicht zu viel zu zappeln und nicht zu ertrinken und sagt außerdem höflich bonjour, wenn man eintaucht und au revoir, wenn man die Kaffeecreme wieder verlässt. Frankreich eben. Danach dusche ich den hellen Schlamm ab und ist es halb elf und ich bin erledigt. Für den klassischen Curiste ist damit das Tagwerk erledigt.

Er geht essen, ruht sich aus, schläft, gönnt sich nachmittags vielleicht ein fettes Eis (es gibt überdurchschnittlich viele Eisdielen in dem kleinen Ort!), geht, wenn er gehen kann, am Ufer des Verdon spazieren oder spielt irgendwo Boule. Da ich aber vom Kurarzt als dynamischer als der Durchschnitt eingeschätzt wurde (ich senke das Durchschnittsalter, der Altersdurchschnitt der Kuristen liegt nach meiner Schätzung bei 70 Jahren) darf ich auch nachmittags noch etwas tun. Nochmal Wassergymnastik, halbe Stunde jetzt und sehr dynamisch und nochmal Massagedüsen. An anderen Tagen Pilates oder Rückengymnastik oder Massagen. Danach will ich nicht mal mehr fernsehen. Geschweige denn an einen Tanzabend teilnehmen. Denn das gibt es natürlich auch. Ball der einsamen Herzen. Hier kuren erstaunlich viele Paare zusammen, aber viele Herren und Damen sind auch solo. Nachmittags alleine in den Thermen, wurde ich schon angesprochen. Der Franzose ist auch angealtert und im rheumatischen Zustand noch ein Anmacher. Monsieur hätte ursprünglich gern nachmittags irgendwo Bridge gespielt, gibts aber in der Nachsaison nicht mehr. Ich glaube, er ist jetzt tatsächlich ganz froh, dass er so nichts mehr machen muss. Nicht mal Bridge spielen. Monsieur schläft, ruht und liest, erzählt mir hin und wieder was es Neues gibt (den Saudi-Arabien-Konflikt) und wartet ansonsten auf das nächste Essen. Ich hingegen raffe mich nachmittags nochmal auf zur Wassergymnastik.

So komme ich natürlich nirgendwo hin. Was habe ich mir vorher alles für Ausflugsziele angesehen! Jetzt lese ich stattdessen in Manfred Hammes Reiseverführer, erfahre bei ihm geradezu erleichtert, dass Manosque nur bedingt sehenswert ist, und seine Informationen über Jean Giono sind fundiert und reichen mir. Manosque wird also nicht besucht. Auch nach Valensole muss ich nicht. Die Hochebene von Valensole ist bekannt für die Lavendelblüte, diese riesigen violetten Felder, die auf jeder Provencepostkarte zu sehen sind und die ich in vierzehn Jahren Südfrankreich noch nie live gesehen habe. Jetzt sehe ich sie auch nicht. Die Blütezeit des Lavendel ist für dieses Jahr vorbei. Bleiben wir also in Gréoux-les-Bains. Da sind wir nämlich.

Gréoux-les-Bains ist ein winziges Städtchen mit Heilquellen und lebt überwiegend vom Kurbetrieb. Gréoux ist so klein, dass man eigentlich alles zu Fuß machen kann. In einer Stunde haben Sie sicher alles gesehen, einschließlich des Verdon und der Thermen. Wenn man gut zu Fuß ist, zumindest. Die meisten Curistes kommen aber wegen Rheumaleiden und sind zu Fuß weniger fit. Das Städtchen hat daher überall riesige kostenfreie Parkplätze und jedes Hotel hat zusäzlich kleine Shuttle-Busse, um die Gäste zu und von den Thermen zu transportieren. Egal wie fit sie sind, nach der vormittäglichen Kur wuseln die älteren Damen und Herren aufgeregt durch die Straßen, sie sind sich ihrer Wichtigkeit für den Ort durchaus bewusst, es ist beinahe wie in Lourdes, wo die Pilger absolute Priorität haben und sich, gewiss, dass Gott und Bernadette ganz nah sind, achtlos in den Straßenverkehr werfen. Gott und Bernadette werdens schon richten.

Gréoux ist nicht besonders reizvoll, es gibt einen schönen Kurpark, ein kleines Casino und die zusammengedrängte Altstadt wird von einer Templerburg überragt, zu der man über viele Treppchen hinaufsteigen kann.

Reizvoll hingegen sind die alten Aufnahmen, die überall im Städtchen hängen und den Ort zu Beginn des 19. Jahrhunderts zeigen. Viel mondäner ging es aber auch damals nicht zu. Das seinerzeit vermutlich legendäre Hotel Le Grand Jardin liegt heute traurig und geschlossen am Ende des Kurparks.

So, ich schicke Ihnen schon mal meinen Kurbericht der ersten Hälfte. Drei Tage habe ich noch. Da schaffe ich vielleicht auch die Fotos noch einzustellen. Bleiben Sie dran!


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