Bücher entrümpeln: Pagnol

„Was wäre, wenn diese Dinge nicht mehr da wären“, fragt uns Alexandra bei der immer noch andauernden Entrümpelungsaktion, um uns zu ermutigen, sich von diesem und jenem zu trennen. Meistens lautete die Antwort nämlich: gar nichts ist oder wäre, gar nichts passiert, wenn man zwei Kilo Dekosand entsorgt oder fünf Kilo Ton, die Sammeltassen oder ein paar unansehnliche Vasen und Tischdecken, auch wenn sie von der lieben Großtante X oder der bereits verstorbenen Großmutter zur Konfirmation, zur Hochzeit oder zum Einzug geschenkt wurden. Es tut nicht weh, hopp weg, es erleichtert uns sogar. Aber Bücher? Darf man Bücher entrümpeln und gar wegwerfen? Ist das gedruckte Wort nicht irgendwie heilig? Erinnert Bücher wegwerfen nicht ungut an die Bücherverbrennung?

Ich liebe Bücher, ich lese noch immer viel und ausschließlich in der herkömmlichen Papierform, auch wenn meine Lektüre sich verändert hat, weniger Roman, mehr Dokumentarisches, Biographien, Sachbücher. Und Bücher, die mich nicht fesseln, lese ich heute nicht mehr zu Ende. Früher aber las ich alles, was ich in die Hände bekam, habe ich mich mittels Büchern in eine andere Welt katapultiert. Rückblickend würde ich sagen, ich habe viel vom Leben gelesen, anstatt das Leben zu leben. Aber nun, so war es und glücklicherweise gab es die Bücher, die mich in meinem gefühlt tristen Alltag „getröstet“ und „gerettet“ haben. Früher war ich regelmäßige Nutzerin der Stadtbüchereien (ich habe beim Entrümpeln zwei alte Leihausweise der Stadtbibliotheken in Darmstadt und Mainz wiedergefunden!)

aber spätestens mit der Ausbildung zur Buchhändlerin wollte ich Bücher auch besitzen. Eine große Bücherwand zu haben, eine Bibliothek gar, war mein Traum. Ich behielt alles, was ich gelesen hatte, Hauptsache die Regale füllten sich. Mich von Büchern zu trennen, wäre damals undenkbar gewesen. Haben, haben, haben …

Dann begann ich Literatur zu studieren und hatte den Ehrgeiz, alle Bücher auf den Literaturlisten lesen und besitzen zu wollen. Das war ziemlich sinnlos, aber mein erster Anlauf an der Uni verlief auch eher holprig. Ich fühlte mich verloren an der Uni. Erstmals spürte ich, dass ich aus keiner akademischen Familie kam. Hilfsangebote für Studierende aus nicht akademischen Familien, wie etwa Arbeiterkind.de, gab es damals nicht und wenn, wäre ich vermutlich aus Scham nicht dorthin gegangen. Ich war ja auch nicht wirklich ein „Arbeiterkind“, auch wenn ich dieselben Schwierigkeiten hatte, mich an der Uni zurechtzufinden. Ich brach das Studium nach ein paar Jahren auch ab und, um einen Schnitt zu machen mit dem angestrengten „literarisch-intellektuell“ sein wollen, brachte ich alle Bücher, die in meinem Bücherregal nur Schein waren, zu einem Bücherantiquariat. Der junge Mann, der das Antiquariat erst vor kurzem eröffnet hatte, konnte sein Glück über meine angeschleppte Bücherflut nicht fassen und gab mir zu meiner großen Überraschung sogar noch ziemlich viel Geld für meine gesammelten Werke von X und Y. Ich hatte zum ersten Mal Bücher ausgesondert – es hatte gar nicht weh getan, im Gegenteil, ich war erleichtert. Fortan wollte ich nur noch Bücher besitzen, die ich wirklich gelesen hatte und die mir etwas bedeuteten. Die Regale füllten sich trotzdem schnell wieder, wurden mehr und mehr, und nach ein paar Jahren musste ich die Bücher sämtlich in zwei Reihen in die Regale stellen, so viele waren es geworden. Ich zog viel um und schleppte schwere Bücherkisten von einer Wohnung in die andere – sehr viele Kisten landeten auch – vorübergehend, wie ich glaubte – im Keller meiner Mutter. Dann ging ich nach Frankreich und räumte alle Bücher (und Klamotten) weitestgehend in den Keller, damit meine Untermieter Platz für ihre Sachen fänden. Wie Sie wissen, blieb ich überraschend länger in Frankreich und als ich fünf Jahre später den endgültigen Umzug vorbereitete, sah ich mich vor die schier unlösbare Aufgabe gestellt, nicht nur Bücher, sondern alles auszusortieren, was ich fürderhin in einer winzigen Wohnung im Bergdorf nicht mehr brauchen würde. Oxfam wollte irgendwann meine Kleider nicht mehr, und, anders als Jahre zuvor, hob jeder Antiquar, den ich aufsuchte, nur abwehrend die Hände, kein Platz, kein Geld, keine Kunden. Sogar die Stadtbücherei winkte damals ab. Niemand wollte meine Bücher, nicht mal geschenkt. Ich stellte manches auf die Straße, öffentliche Bücherschränke gab es noch nicht. Mehrere Kartons mit fast nagelneuen Büchern ließ ich beim Antiquariat im Stadtviertel im Treppenhaus stehen. Er könne mir nichts geben, er wolle sie nicht mal, sagte er mir mit abschätzigem Blick darauf und weigerte sich, sie anzunehmen. „Machen Sie damit, was sie wollen, ich kann sie nicht mehr mit nach Hause nehmen“, seufzte ich erschöpft. Ich musste die Wohnung leerräumen und letztlich hatte ich ein Entrümpelungsunternehmen angeheuert, denen ich 500 Euro zahlte, damit sie meine Sachen wegwarfen. Zwei Tage später hatte der Antiquar ein Schaufenster fast komplett mit meinen Büchern dekoriert. Es ärgert mich noch heute, wie Sie merken, aber egal, ich hatte keine Wahl. Aus allen Büchern, einschließlich denen, die noch im Keller bei meiner Mutter lagerten, behielt ich nur die, von denen ich dachte, dass ich sie in den Bergen in Südfrankreich um mich haben und noch einmal lesen wollte. Wenig sei es, dachte ich, und es wurde eine ganz bizarre Auswahl und ich füllte doch ganze acht Umzugskisten.

Dann zog ich um, es wurde eine sogenannte Beiladung, ich hatte 15 Kubikmeter in einem großen Umzugswagen gemietet. Ich fuhr zurück nach Südfrankreich und Tage später kamen meine Sachen an, und oh weh, die Kisten passten nicht in die kleine Wohnung. Sie standen auf dem Balkon, im Flur, vor dem Haus. Es war wie Sudoku, ich hob und schob Kisten von einer Ecke in die andere und zurück, nur um an eine Kiste ganz unten zu kommen. Ich räumte so viele Kisten aus, wie ging, den Rest lagerte ich bei einer Nachbarin in der Garage und immer, wenn ich etwas suchte, dachte ich, das wird noch in einer der Kisten in der Garage sein. Vor allem meine Bücher. Erst Jahre später, beim nächsten Umzug nach Cannes, als ich mein erstes eigenes Zimmer bekam, holte ich alle Kisten zusammen, packte sie erwartungsvoll aus, und freute mich darauf, endlich wieder von meinen Büchern umgeben zu sein. Ich hatte Monsieur noch gebeten, mir viele Regale zu bauen und fürchtete, dass die, die er gebaut hatte, nicht ausreichen würden. Ich öffnete eine Kiste, in der ein paar Bildbände lagen, obendrauf ein Kissen und ein Zylinderhut. Das Kissen roch muffig und was hatte ich mir damals gedacht mit diesem Zylinder? Ich verstand es nicht mehr. Die anderen Kisten förderten ähnliche Dinge zutage. Ein paar Bücher und einen sperriger Kerzenständer, eine Puppe, Krimskrams für einen alten Setzkasten. Das war teilweise berührend, aber wo waren die richtigen Bücherkisten? Irgendwann hatte ich dann auch die letzte Kiste ausgepackt und: meine Bücher waren nicht dabei. Ich fuhr erneut ins Bergdorf, auf der Suche nach Kisten, irgendwo mussten sie doch sein. Nix wars. Nada. Niente. Tatsache ist, fünf der acht Bücherkisten mit der sehr speziellen und personalisierten Auswahl sind bei meinem Umzug aus Deutschland verschollen. Jahre später beim Umzugsunternehmen noch etwas reklamieren zu wollen, ist natürlich illusorisch. Meine liebsten Bücher waren weg. Diesen Verlust habe ich nie so ganz verwunden – aber die Frage, was wäre, wenn dies oder das nicht mehr da ist, kann ich jetzt beantworten: Manches fehlt nicht. Anderes fehlt und das Leben geht trotzdem weiter. Seitdem bin ich nüchterner, kann mich schneller trennen, gerade auch von Büchern.

Dass ich trotzdem wieder so viele angesammelt habe, liegt in der Natur der Dinge. Ich lese gerne, ich mag Bücher, ich schreibe Bücher. Ich lebe davon, dass meine Bücher gekauft werden. Ich unterstütze andere AutorInnen und BuchhändlerInnen, indem ich neue Bücher kaufe und lese. Aber manche werde ich nicht wieder lesen, wir haben grundsätzlich zu viele Bücher und zu wenig Platz, viele dürfen jetzt gehen.

Monsieur hingegen mag nichts aussortieren. Er hat es auch noch nie gemusst. Beim letzten Hochwasser hat er einen Teil seiner Kriminalroman-Bibliothek verloren, was ihn die Bücher, die er hat, umso fester halten lässt. Bei uns sind (seine) Bücher überall. Im Wohnzimmer, im Schlafzimmer, im Büro, im Eingangsbereich und sogar auf dem Klo ist eine beachtliche Sammlung. Ganz zu schweigen von den Stapeln neben dem Bett, auf Stühlen und in irgendwelchen Ecken. Sicher, ein paar Bücher in diesem Haushalt gehören auch mir, aber sie machen geschätzt nur etwa 5 Prozent aus. Als die Entrümpelungs-Challenge die Bücher betraf, befragte ich morgens Monsieur. „Heute sind Bücher dran“, sagte ich. „Hast du irgendeine Vorstellung, wie wir das angehen könnten?“ Und zu meinem Erstaunen sagte er nicht „gar nicht“, sondern er überlegte und machte sich Gedanken. Wir haben viel über Bücher und unsere Sammlungen gesprochen. Ich sagte auch (ein bisschen unbarmherzig), dass mir seine Sammlungen leider nichts bedeuten und dass ich den gesamten Balzac und Alfred de Musset und all die Klassiker nicht behalten werde (falls er vor mir gehen sollte), und dass weder seine Kinder noch seine Enkel besonders viel lesen und sämtliche Bücher noch viel schnöder weggäben als ich, ist ihm bewusst. Trotzdem sind die Bücher sein Leben und sie auszusortieren tut ihm weh. Nun, sagte Monsieur schließlich, wir könnten einen Meter Regal frei bekommen, wenn wir uns von Pagnol trennten, die er in den 70 Jahren gekauft hat (wie viele Franzosen, wie ich heute bei abebooks und leboncoin feststellen konnte). Pagnol ist gerade im Süden Frankreichs, in Marseille und in der Provence, wo alles spielt, ein großer Klassiker. Es ist eine sehr schöne Ausgabe, 24 Bände, illustriert von Dubout, Bellini (ein Cannoiser Maler) und anderen; diese Ausgabe hatte seinerzeit einen enormen Erfolg, aber bzw. deshalb ist der Markt gesättigt, und die nachfolgenden Generationen haben einen anderen Geschmack. Monsieur hoffte, dass seine Kinder oder Enkel die Werke Pagnols gerne erben würden, aber nein, sie wollen sie nicht. Ich habe von Pagnol die Filme gesehen, es ist nett, aber ehrlich gesagt, es reicht mir.

Ich versuche jetzt mal was. Wir bieten hier und heute 24 Bände Marcel Pagnol an, darunter all die Klassiker „La Gloire de mon Père“, „Le Château de ma Mère“, die Marseille Trilogie „César“, „Marius“, „Fanny„, und „La Femme du Boulanger“. Alles Französisch, klar, aber Pagnol ist „leicht“ zu verstehen. Illustrierte gebundene Ausgabe mit Lesebändchen, Goldschnitt (nur Kopfschnitt), im Anhang Fotos der Familie und Bilder aus Verfilmungen. Die Bände sind in einem guten Zustand (sie stammen aber alle aus den 70 Jahren), manche haben leichte Flecken auf dem Schnitt, aber sie riechen bestimmt nicht nach muffigem Keller (denn sie stehen bei uns im Regal). Die 24 Bände werden derzeit im antiquarischen Buchhandel zwischen 80 und 100 Euro gehandelt. Wir bieten sie (nur komplett) an für 50 Euro. Das ist ein bisschen mehr als zwei Euro pro Band. Vorzugsweise hier abzuholen. Die Bände sind nämlich schwer – alle 24 Bände wiegen zusammen um die 20 Kilo, Versandkosten (Mondial Relay) etwa 25 Euro kämen sonst hinzu. Interessiert es jemanden von meinen frankophilen und frankophonen LeserInnen? Der/die erste bekommt den Zuschlag.

Pagnol, links in der Mitte
Illustration Dubout
Illustration Bellini

bedruckter Vorsatz

Boah! Das ging schnell! Nicht mal eine Minute online, schon verkauft! Danke liebe Christine Globe-trotteuse!

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Über das Essen

Endlich!, sagen manche von Ihnen vielleicht, ich wurde hier und da schon angestuppst, wann schreibste denn endlich … haste doch versprochen … ok. Heute. Sie haben Recht, das Wochenendconfinement bietet sich geradezu hervorragend dafür an! Tatsächlich aber habe ich gar keine große Lust und kein Bedürfnis mehr, über das Essen zu schreiben, weil da nämlich schlicht kein Problem mehr ist. Boah! Lassen Sie sich das mal auf der Zunge zergehen ;-) Wie habe ich das also gemacht? Einserseits bin ich versucht, Sie (nochmal) auf „Von hier hier bis ans Meer“ zu verweisen – wenn Sie es schon gelesen haben, braucht es vielleicht eine zweite vertiefende Lesart der betreffenden Kapitel. Und wenn Sie es noch nicht gelesen haben, finden Sie dort alles. Absolut ehrlich und authentisch. Ich habe auch geschrieben, was ich gemacht habe und bin fast versucht, nachzulesen, was ich geschrieben habe, damit ich nochmal in die richtige Stimmung komme.

Ich habe nämlich gar keine Lust mehr, mir die Zeit meiner Essstörung ins Gedächtnis zu rufen – die Zeit meiner Essstörung, sage ich, als wären das vielleicht zwei Monate gewesen, dabei hat sie fast mein ganzes Leben gedauert! Das ist wahr, das dürfen Sie mir glauben. Was habe ich also gemacht? Es war nicht mit einem Fingerschnipsen getan, und das „Intueat-Programm“ hat mir entscheidend geholfen, aber es war nur la cérise sur le gateau, um bildlich beim Essen zu bleiben, es war das letzte Ding, das gefehlt hat. Ich WOLLTE vor allem, dass es vorbei ist. Dieses aufs Essen und Nicht-Essen fixiert sein, dieses wie fremdgesteuert zum Schrank laufen, um ein Stück Schokolade zu essen und noch eins und noch eins, als sei ich am Ertrinken und nur die Schokolade könne mich retten. Ich wollte „das“ nicht mehr mit ins nächste (also das vergangene) Jahr nehmen. Und ich habe alles drangesetzt, dass ich das erreiche. Mir kam das Intueat-Programm wie gerufen. Meine Begeisterung dafür ist groß und ehrlich, und es war (und ist) mir dann auch egal, wenn Mareike etwas über-euphorisch rüberkommt, oder dass man mit Werbung für Zusatzprodukte zugemailt wird, es war mir hingegen lange nicht egal, dass in den Audios, die Mareike spricht, manches sprachlich nicht korrekt ist („was wünscht du dir, während du meiner Stimme lauscht?“ Herrjeh, ich wünschte mir ein „S“ und gleich noch eines) – aber ich ließ Milde und Gnade walten, denn die Botschaft funktionierte, auch ohne „S“. Und das war großartig. Dass diese Esstörung keine SUCHT ist, sondern eine GEWOHNHEIT, war für mich ein déclick. Jahrzehntelang dachte ich nämlich, ich könne daran nichts ändern, es sei eine Sucht (Der Satz in der Selbsthilfegruppe lautete: „Ich bin Christiane und ich bin esssüchtig„) und ich sei dem hilflos ausgeliefert. Mareike also sagt, hallo, es ist eine Gewohnheit, und Gewohnheiten kann man ändern! Man muss dazu seine Gedanken ändern, sein „Mindset“ wie es auf neudeutsch heißt. In ihrem Programm bekommen wir nicht nur Übungen, Phantasiereisen und viele Erläuterungen, sondern vor allem Audios (lange, kurze, sportliche oder zum Einschlafen), die man sich täglich anhört, um via Unterbewusstsein neuen positiven Gedanken den „Weg“ ins Hirn zu ermöglichen (ja, ich glaube, dass diese Audios, die das Unterbewusstsein positiv berieseln mit entscheidend sind). Das Problem für die Esstörung liegt ja oft tiefer. Das Essen oder Nicht-Essen ist nur ein Symptom für mangelnde Selbstliebe. Bei mir war es ausgeprägter Selbsthass. Ich verlinke Ihnen mal einen Beitrag von Januar 2018, da geht es um dies und das, aber eben auch um meinen Selbsthass und um den ersten Versuch, Frieden mit meinem Körper zu schließen. Ich war damals auf den (französischen) Podcast von Clotilde Dusolier gestoßen. Vor drei Jahren war das. Bei Clotilde hörte ich zum ersten Mal diesen Satz „du bist nicht deine Gedanken“, der mich positiv schockierte, wenn Sie so wollen. Ich denke diese Gedanken, aber ich bin nicht meine Gedanken. Ich kann mich über meine Gedanken stellen und ich kann meine Gedanken auch ändern! Das war sensationell! Ich muss nicht mehr immer das gleiche denken, nur weil ich das schon immer gedacht habe. Ich bin frei, etwas anderes zu denken! Ich muss kein Opfer mehr sein, ich kann mich für etwas anderes entscheiden! Kurz vorher hatte ich das erste Style-School-Seminar von Stasia gemacht. Darüber habe ich im Buch schon geschrieben, ich will das alles nicht wiederholen. Ich will nur sagen – das alles ist Arbeit und es hat ein paar Jahre gedauert, bis ich meinen verhassten Körper annehmen konnte. Bis ich mich liebevoll im Spiegel ansehen, mit mir liebevoll sprechen und etwas anderes über mich denken konnte.

Und kaum war mir das gelungen, habe ich mich quasi selbst sabotiert und zugenommen und ich konnte mich wieder nicht leiden und war erneut frustriert. Ich habe das Style-School-Seminar mit einer vor Liebe überbordenden Community im Herbst/Winter 2019 zum zweiten Mal gemacht. Ich habe auch das Programm von Intueat noch ein zweites Mal durchlaufen (und bin daher wohlweislich in den Club eingetreten (die Art wie sie einem die Clubmitgliedschaft verkauft haben ist ärgerlich, aber ich habe es genauso wie die fehlenden „S“ einfach überhört, die Botschaft zählt!), denn ich wusste, dass ich mich alleine wieder verlieren würde); denn ja – es ist, als sei da etwas in mir, das nicht will, dass ich es schaffe. Da ist die gehässige Stimme, die sagt „schaffst du eh nicht“, „siehste, schon wieder zugenommen, fette Kuh“, „Versagerin“. Und gegen diese Hass-Sätze, die in mir tief verankert sind, musste ich hart arbeiten. Es gibt verschiedene Übungen, um diese negativen Glaubenssätze in positive umzuwandeln, mir hat die Übung, die als „The Work“ von Byron Katie bekannt ist, viel geholfen. Mareike stellt sie in ihrem Seminar auch vor.

Intueat dauert wie lange? Etwa drei Monate dauert der Kurs, das kommt ein bisschen auf seine eigene Schnelligkeit an, aber die Audios jedes Kursteils sollen mindestens eine oder zwei Wochen wiederholt bzw. gehört werden, bevor man weitergeht. Die Übungen sind auf einander aufgebaut und schalten sich erst frei, wenn man die vorigen abgeschlossen hat. Das erste Mal bin ich geradezu atemlos durchgerauscht und wollte SOFORT Ergebnisse! Frei sein vom Essensdrang und Abnehmen! Schnell schnell, alles gleich und sofort. Ich war anfangs euphorisiert, weil es so gut funktionierte, dass ich endlich ENDLICH auf meinen körperlichen Hunger hören konnte und mein Essverhalten nicht mehr vom Kopf gesteuert war. Das war und ist großartig! Abgenommen habe ich aber nichts und das hat mich frustriert (vor allem die jungen Frauen in der Facebookgruppe nerven da etwas, die das Programm als Abnehmprogramm sehen (so wird es leider auch verkauft) und ihre Erfolge verkünden). Ich habe auch beim zweiten Durchlauf nicht wirklich abgenommen, es war mir aber plötzlich nicht mehr so wichtig, denn dieses befreit sein vom Essensdrang ist so wahnsinnig erleichternd und wohltuend, das kann aber vermutlich nur jemand verstehen, der so lange unter einer Esstörung gelitten hat wie ich. Abgenommen habe ich dann im laufenden Jahr und zwar einfach so. Auch keine Wahnsinnszahlen, sechs Kilo, aber die sind weg, und die kommen auch nicht mehr. Das ist das wirklich großartige! Der Kurs dauert also drei Monate, aber ausnahmsweise lernen wir hier wirklich etwas für das ganze restliche Leben!

Ich wurde gefragt, ob es persönliche Gespräche in diesem Programm gäbe – njein – man kann bei Sorgen und auch bei technischen Problemen mit dem Team in Kontakt treten, sie versuchen zu helfen, es gibt viele Tipps, Hinweise auf Videos, Audios und auf Mareikes Podcast oder den Hinweis auf weiterführende Therapien. Das Team ist sehr jung und auch wenn der Ton immer sehr lieb („Hallo du Liebe!“) und unterstützend ist, meine jahrzehntelang dauernde Ess-Geschichte ist viel krasser und zerstörender als das, was die meisten jungen Frauen im Team dort kennen, zumindest ist das mein Eindruck.

Es gibt auch „Partner“-Übungen, gewünscht wird, dass sich die Teilnehmerinnen gegenseitig (via Whatsapp oder FB) unterstützen (kein Zwang, ich habe es nur kurze Zeit gemacht). In der Facebookgruppe, aus der ich in der Zwischenzeit rausgegangen bin, gibt es mal gute, mal weniger gute vibrations. Zu „meiner“ Zeit waren wir dort viele Frauen in meinem Alter, der Austausch war recht klasse, später, mit überwiegend sehr jungen und sehr aufgeregten Frauen, fühlte ich mich nicht mehr wohl. Das Programm ersetzt aber keine Therapie, und es ist nicht so persönlich, dass Mareike am Ende von jeder Teilnehmerin (Männer sind mitgemeint) wüsste, wie es ihr geht (auch wenn man im Programm immer Rückmeldungen geben kann, anonym oder nicht, in der Regel wird einem geantwortet!)

Mareike hat aber nun auch ein zweites Programm entwickelt „Intupower“, (Achtung, ich verlinke das, habe aber keine Kooperation mit Mareike laufen! Und auch mit sonst niemandem) weil ihr ganz klar ist, dass das Ess-Problem nur ein Symptom ist. In Intupower versucht sie in einem Rundumpaket (im Prinzip das, was ich zusätzlich mit Style-School und auch mit der Trauma-Arbeit bei Dami Charf gemacht habe) das Selbstliebe-Problem zu bearbeiten. Ich habe mich dafür eingeschrieben, um zu sehen, wie es funktioniert, es aber nicht zu Ende gemacht. Ich hatte bei vielem den Eindruck, die Themen schon (in anderen Seminaren) „bearbeitet“ zu haben und war ein bisschen gesättigt von Therapie-Programmen; ich habe immerhin das ganze Jahr 2020 täglich die Audios gehört (ja, ich sage es nochmal, ich glaube, dass diese Berieselung des Unterbewusstseins mit positiven Gedanken etwas bewirkt!) Ich habe noch einmal ein Seminar bei Stasia gemacht und habe auch mal bei Peter Beer und seiner Achtsamkeits-Academy reingeschnuppert. Auch bei Peter Beer stört mich sein extrem kuschelbäriges Liebsein und seine (bayrisch/fränkische?) Art, Worte auszusprechen: „der Kölner“ verstand ich immer, aber nein, er meint „der Kellner“. Aber auch das kann ich irgendwann überhören und die Botschaft annehmen. Das Jammerfasten-Seminar kann ich empfehlen.

Es gibt da draußen sicher noch andere Wege und Möglichkeiten, zu sich zu finden und das mit dem Essen „hinzukriegen“, aber das war mein Weg. Und nein, ich will heute keine basische Ernährung mehr ausprobieren, kein Weglassen von x oder y und auch kein Intervallfasten mehr machen. Ich esse alles, aber eben nur so viel, so lange ich körperlich hungrig bin. Das ist gerade am Anfang ein spannendes Herumprobieren, wie lange sättigt mich ein Glas Saft und ein Keks? Habe ich morgens wirklich Hunger? Und auf was? Wenn ich mittags oder abends wirklich Hunger habe, will ich etwas Salziges essen und kein Joghurt und auch kein Stück Kuchen. Ich war gerade am Anfang begeistert davon, WIE GUT alles schmeckt! Ist das nicht superlecker? frag(t)e ich Monsieur immer wieder beim Essen. Das ist in der Tat neu. Diese Freude am guten Essen und eben jetzt auch am Kochen, weil ich Fertigessen nun nicht mehr mag. Ich bin auch beim Einkaufen viel entspannter und falle nicht über alle Sonderangebote her; ich suche das, was mir (uns) schmeckt, worauf ich wirklich Lust habe und basta. Früher habe ich wahllos sämtliche Desserts ausprobiert, jetzt weiß ich, welcher Schokopudding mich richtig schön zufrieden macht und mehr brauche ich nicht.

Voilà. So viel für eben. Ich hoffe, ich habe alles beantwortet – wenn ich etwas vergessen habe, melden Sie sich, gerne auch wie gehabt privat per Mail, Sie müssen sich hier nicht als Betroffene outen. Liebe Grüße!

Nachtrag, als Antwort auf Utes Kommentar (dort würde es sicher zu lang):

Monsieur stand und steht meiner Veränderung positiv gegenüber, das muss auch erwähnt werden, weil aus vielen Frauen, die ihre Lebens- oder Beziehungs-Unzufriedenheit nicht mehr länger mit Essen runterdrücken, plötzlich freiere, kritischere Frauen werden. Die nicht mehr alles „schlucken“, was man ihnen „vorsetzt“. Das kann die Beziehungen zum Partner-, zur Familie, zu KollegInnen- und ChefInnen verändern. Nicht immer sind die Menschen, mit denen wir bisher „so“ gelebt haben, mit unserer Veränderung einverstanden („es geht nur noch um dich!“ hörte eine Frau, als sie ihrem Mann erstmals widersprach – so etwas liest man in den zugehörigen Facebookgruppen, das ist manchmal erhellend, oft auch erschütternd). Monsieur steht dem also positiv gegenüber, muss aber auch manchmal lange etwas erklärt bekommen. Monsieur ist, nebenbei bemerkt, der intuitivste Esser, den ich mir als Beispiel wünschen könnte. Aber er isst wahnsinnig schnell. Zu Beginn des intuitiven Essens, sollen wir ganz langsam essen, um zu spüren, wann der körperliche Hunger weg ist. Es ist so, als müssten wir das alles ganz neu lernen (aber keine Angst, es ist intuitiv immer noch da! Es ist eigentlich nur verschüttet). Dieses langsame Essen irritierte ihn, denn vorher schlang ich mein Essen genauso schnell runter wie er. („Isst du das nicht mehr?“ fragte er zum Beispiel und hatte schon die Gabel ausgestreckt, um etwas von meinem Teller zu picken, „ich weiß es noch nicht“, war meine Antwort ;-) ). Das ist das eine, das andere war, auszuprobieren was ICH WIRKLICH essen will. Dadurch, dass ich schon immer koche, habe ich glücklicherweise einen gewissen „Fundus“ und muss nicht Essen und Essenzubereiten und das Wie-schmeckt-was? an Nahrungsmitteln überhaupt erst wieder lernen. Ich kochte also in der Regel einfach so weiter, aber oft habe ich keine Lust auf Fleisch, oder ich lasse es nach den ersten ein-, zwei Bissen liegen. Häufig mache ich jetzt überhaupt nur noch ein Stück Fleich und lasse mir von Monsieur ein kleines Stück abschneiden. Abends esse ich jetzt manchmal „german Abendbrot“, also „kaltes“ Abendessen, Brot mit Schinken, während Monsieur Suppe oder Omelette isst. Die festen Essenszeiten wurden kurzzeitig problematisch, weil ich vielleicht ohne Hunger nichts gefrühstückt habe (das ist überhaupt neu, dass ich morgens vielleicht keinen Hunger haben könnte, sondern nur Durst auf ein Glas Wasser) sondern wir (ich ungefrühstückt) am Strand liefen und schwammen und ich dann, als wir wieder zurück waren, gegen halb elf einen Bärenhunger bekam und zwar auf Porridge mit Früchten, und dann entsprechend gegen Mittag absolut KEINEN Hunger hatte und dann konsequenterweise nichts zu mittag aß, aber natürlich trotzdem kochte und mit am Tisch saß. Dieses konsequent intuitive (und damit vielleicht antizyklische) Essen kann man also nur machen, wenn man alleine ist ODER man sucht sich einen Mittelweg. Um mittags mit Monsieur normal zu essen, darf ich es nicht um halb elf zu einem riesen Hunger kommen lassen. Das muss man ein bisschen ausjonglieren, wie gesagt, vielleicht tut es, statt einer riesen Schüssel Porridge um halb elf, ein Glas Saft und ein Keks gegen zehn Uhr, wie lange komme ich damit aus? Anfangs schleppte ich immer Kekse und Wasser mit mir herum, damit ich beim „kleinen Hunger“, (endlich, weiß ich, was das bedeutet ;-) ) , etwas zu Essen dabei habe. Ich will den Hunger spüren, will meinen Körper aber nähren und ihn nie mehr „verhungern“ lassen. Das war, gerade zu Anfang, ein ziemliches Herumprobieren. Habe ich Hunger? Wieviel? Auf was? Wie lange hält das vor, was ich gegessen habe? (Ein zweiter Milchkaffee gegen halb elf ist oft fatal sättigend!) Da ich gerne einen Nachtisch will, höre ich mit dem Essen so auf, dass da noch etwas Hunger für ein Dessert ist. Manchmal esse ich das Dessert dann nicht auf. Auch da war es interessant, zu schauen, auf was ich WIRKLICH Lust habe. Ich habe für mich diesen Schokopudding gefunden, der mich sooo zufrieden macht! Manchmal habe ich aber auch Lust auf ein Vanillejoghurt. Oder auf eine frische Mango. Am spannendsten war es für mich im Restaurant (Sie wissen noch, was das ist? haha, schlechter Scherz). Da funktioniert es aber auch am besten für mich. Die Distanz zum Essen ist wohl größer, als wenn ich selbst koche. Auch da gilt, ich darf nicht noch um halb elf etwas gegessen haben, sonst ist das schöne Essen im Restaurant für mich schon beim Entrée zu Ende. Es geht nichts mehr! Das ist neu und spannend. Und ärgerlich, wenn ich alles liegen lasse, weil ich nicht mehr kann! Wo es doch so teuer und so lecker war! Aber dieses INTUITIVE Essen und dann das Zusammenschieben des Bestecks, weil ich SATT bin, und nicht, weil ich denke, ich sollte aufhören, erlebe ich so wirklich nur im Restaurant und das ist jedes Mal erhebend.

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12 von 12 im März 2021

12 von 12, die Blogparade, die Frau Caro Kännchen seit Jahren treu auf ihrem Blog anbietet, ist wieder dran. Zwölf Fotos am/vom Zwölften. Los gehts mit einem Klassiker. Sieben Uhr. Der Blick aus dem Fenster. Er verheißt einen sonnigen Tag.

Nach dem Frühstück, eile ich zum Markt. Gestern gab es in der Nachbarstraße bittere Orangen zur Selbstbedienung. Ich beschloss, nochmal Konfitüre zu kochen und brauche dafür Bio-Orangen und Bio-Zitronen.

Auf dem Weg zum Markt laufe ich durch den fast menschenleeren Suquet. Ein Restaurateur hat einen ermutigenden Aushang. Wir wünschen uns alle sehnsüchtig, dass sie bald wieder geöffnet sein dürfen.

Mal eine weniger glamouröse Ansicht. Seitenstraße der Altstadt.

Auf dem Markt war ich schon lange nicht mehr, ich bekomme ja nun wöchentlich eine Gemüsekiste. Deshalb bin ich schockiert, den Markt wieder im Corona-Absperrungsmodus vorzufinden. Ich vergesse dann auch prompt, dort zu fotografieren.

Kaum zuhause, verschwindet Monsieur zu einem Termin, ich widme mich daher schnell dem täglichen Entrümpeln. Heute ist der 21. Tag der Fastenchallenge und bisher habe ich jeden Tag etwas „entrümpelt“, ausgesondert, geordnet, neu organisiert und VIEL weitergegeben und auch weggeworfen! Das größte Projekt war die Umgestaltung unseres Badezimmerschrankes, es hat mich eine Woche gekostet. Stolzer und erleichterter war ich lange nicht. Heute geht es nur um die T-Shirts. Ich habe meine und danach die von Monsieur angeschaut, in Windeseile die, die untragbar geworden sind oder schlicht nicht getragen werden, aussortiert, schnell mal sämtliche Regale im Kämmerchen geordnet und dabei einen nagelneuen schwarzen Winterpullover für Monsieur „gefunden“. Dann habe ich noch meine Strickjacken gecheckt und neu geordnet. Insgesamt ist ein ganzer Sack mit ausgesonderten Shirts und Jäckchen voll geworden! Der leider erst morgen in die Mülltonne kann, weil sie knallvoll ist mit den anderen Säcken der letzten Entrümpelungsaktionen (Schuhe, Socken, Bettwäsche) und erst morgen geleert wird.

Dann nehme ich mich dem Spinat aus der wöchentlichen Gemüselieferung an, aber Monsieur ist schon zurück und hat Hunger, mache ich die Tarte eben am Abend. Es gibt schnelles Hacksteak und Nudeln, dazu Salat und Käse und (gekaufte) Desserts.

Monsieur macht Sieste, ich tippe meinen täglichen Beitrag für die Fastenchallenge-Seite. Dann begleite ich Monsieur zu zwei weiteren Terminen. Es ist windig und nicht wirklich warm, aber toll blauer Himmel.

Gegen 16.30 Uhr sind wir zurück, wir trinken Tee, ich bin extrem genervt vom Nachbarn, der seit Tagen in seinem charmanten Vorgarten mit dem Presslufthammer arbeitet, meine Ohren quält und unser Haus zum Vibrieren bringt.

Ich kürze den Tee ab und schnippele in der Küche anderthalb Stunden die Orangen und Zitronen zu fine cut, Monsieur liest und schreibt, ungerührt vom Lärm.

Kaum bin ich mit den Orangen fertig, ist es schon Zeit, die Spinattarte zuzubereiten.

Ich vergesse sie dann aber fast im Ofen, weil ich auf dem Telefon herumtippe. Sie ist etwas stark gebacken, aber nicht verbrannt. Lecker ist sie auch.

Ich hätte einen Stapel Bügelwäsche, der auf mich wartet, aber ich bin müde und werde mich jetzt mit der Katze aufs Sofa kuscheln und irgendeinen schnulzigen Film schauen. Damit habe ich dann auch das 12. Foto. Kein 12 von 12 ohne Pepita.

So viel von hier. Bonne soirée! Schönes Wochenende! Wir sind (Sie hören mich seufzen) seit 18 Uhr schon wieder im Wochenendlockdown. Die anderen 12 von 12er finden Sie wie immer hier!

2021

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Heut‘ gibts Kuchen

tarte tatin

Heute hat meine Mama Geburtstag und es ist schon das zweite Mal, dass Corona verhindert, dass wir uns an ihrem Geburtstag (und auch sonst schon lange nicht) sehen. Daher gibts hier jetzt Kuchen. Ich habe nämlich viel gebacken in der letzten Zeit und so nähern wir uns dem Ess-Thema an, über das ich ja auch noch schreiben will. Zwei französische Klassiker: tarte au citron meringuée, tarte tatin und American Cheesecake – nicht so französisch, habe ich aber in Frankreich zum ersten Mal gegessen und jetzt zum zweiten Mal selbst gemacht: Köstlich!

tarte au citron, meringuée in the making

Tarte au citron meringuée habe ich nach genau dem abgebildeten Rezept vor Jahren hier schon verlinkt, ich habe sie aber zwischenzeitlich nicht so oft gebacken, weil ich früher solche Dinge einfach immer gnadenlos selbst aufgefuttert habe, Sie merken schon, wir nähern uns dem Thema, und es daher möglichst vermieden habe, Süßes herzustellen. Ich frage mich immer, wie die richtigen Foodblogger*innen das eigentlich machen. Jeden Tag backen sie leckere Törtchen oder rühren cremige Mousse au Chocolat an – wer isst das denn immer? Oder betreiben die alle ein Café oder haben eine große Familie im Hintergrund? Jetzt esse ich das alles nicht mehr sofort auf und außerdem backe ich jetzt, wenn wir nur zu zweit, meint ohne Gäste, was wir ja jetzt schon eine lange Weile sind, kleine Kuchen und Tartes. Durchmesser der Springform liegt irgendwas bei 18cm. Insofern halbiere ich die Zutaten, was ich aber beim American Cheesecake gar nicht gebraucht hätte, haha, weil ich ganz am Ende festgestellt habe, dass das Rezept sowieso für eine kleine Form gedacht war. Mein Cheesecake wurde aber trotzdem ganz gut.

Americab Cheesecake mit Himbeercoulis

Zur tarte au citron wurde ich gebeten, das Rezept zu verlinken. Es kommt hier im Original (Übersetzung siehe, wie gesagt, hier).

Ich habe eine pâte sablé gemacht, den Teig später halbiert und mit der zweiten Hälfte später die tarte tatin gemacht.

Für die kleine Tarteform habe ich die Mengenangaben für die Zitronencreme nach einem Rezept von Cyril Lignac genommen (90g Zucker, 2 Eier, 2 Zitronen (Saft), Zesten von einer Zitrone, 100g (80g) Butter), nicht aber die Zubereitung! Denn, es gibt zwei Arten die Zitronentarte zu machen, entweder man wirft für die Creme alles zusammen und backt sie im Ofen (ich) oder man köchelt sie vorsichtig und streicht den so entstandenen Lemon Curd dann auf den vorgebackenen Boden, wie Herr Lignac, und stellt sie zum Festwerden in den Kühlschrank. Ich habe meine Backversuche mit der ersten Variante begonnen und bleibe dabei, aber leider gerinnt die Mischung neuerdings (Butter und Zitrone), das löste sich zwar beim Backen auf und man merkte es nachher nicht mehr, machte aber, dass ich hunderterlei Rezepte las und etwa hier (französisch, das Rezept heißt „Wie der Lemon Curd garantiert misslingt in 10 Schritten“) eine ungefähre Anleitung bekam, für Lemon Curd zwar, aber auch der kann gerinnen. Ein bisschen Mehl könnte das Gerinnen verhindern, will mir scheinen oder die Reihenfolge der Zutatenzugabe ändern, wie bei Herrn Bocuse, gefunden bei au fil du thym (sehr weiche Butter und Zucker schaumig schlagen, die Eier dazugeben und dann die Zitrone – im Gegensatz zu meinem Rezept, in dem man die Eier mit dem Zucker schlägt, dann die Zitrone und am Schluss die geschmolzene Butter hinzugibt, gelingt, wie gesagt, nicht gerinnungsfrei.)

Sie sind jetzt nicht etwa verwirrt? So viel zum französischen Backen. Suchen Sie sich ein Rezept, das Ihnen zusagt und versuchen Sie Ihr Glück. Aber, ganz wichtig, nehmen Sie wirklich gute Zitronen! Und wenn Sie die Zeste verwenden wollen, das macht die Masse zitroniger, aber wirklich nur, wenn Sie bestimmt Biozitronen nehmen, deren Schale nicht irgendwie behandelt und damit entweder bitter oder geschmacklos geworden ist. Wenn Sie keine richtig guten unbehandelten Zitronen bekommen, dann nehmen Sie bitte nur den Saft!

Für die Merengué, also das, was man in Deutschland Baiser nennt (immer wieder der alte Kalauer) reicht für die kleine Tarteform das Eiweiß von nur einem Ei. Nach zwanzig Sekunden (!) unter dem Grill ist sie golden gebräunt oder doré, wie es hier heißt.

Die Tarte wurde ganz prima, man sah und schmeckte das Geronnene nicht mehr, und dass ich aus Versehen Salzbutter genommen hatte und überhaupt nur 80 Gramm, weil ich nichts anderes mehr hatte, schmeckte man auch nicht. Oder vielleicht ist es sogar der ultimative Tipp: Zitronencreme mit Salzbutter, pourquoi pas?

Für die tarte tatin und den American Cheesecake mache ich einen anderen Eintrag, damit ich wenigstens einen Kuchen noch rechtzeitg zum Geburtstag geschickt habe ;-) Bon anniversaire Maman!

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Fastenchallenge-Entrümpeln

Nur mal so ein kleiner Zwischentext, um Ihnen zu erzählen, wie begeistert ich von meiner Fastenchallenge bin – jeden Tag (außer sonntags) wird irgendwas entrümpelt: Morgens in aller Frühe bekomme ich eine Mail, in der ich aufgefordert werde, mich einem Ort in der Wohnung zu widmen. Nur zehn Minuten soll es dauern, wenn man mehr braucht, mag und Zeit hat, kann man auch länger entrümpeln, aber in zehn Minuten kann man ziemlich viel schaffen. Man macht ein Vorher-Foto, räumt fix alles aus, reinigt den Ort, die Schublade, das Fach … und entscheidet ganz flott, was weg kann, was man nicht mehr benutzt, was kaputt ist, und man räumt das wieder ein, was bleiben darf. Nachher-Foto. Fertig.

Die allererste Aufgabe war für mich der Supereinstieg: Sonnenbrillen und alte Brillen entsorgen! Die Schublade, in der wir alte Brillen und alte und aktuelle Sonnenbrillen aufbewahren und allerhand anderes (Luftpumpen, Fahrradwerkzeug, Fahrradlicht, Kleinkram) ging manchmal schon nicht mehr zu, so voll war sie. Ich habe in meinem Eifer das Vorher-Foto leider vergessen, aber ich habe eine kleine Tüte komischen Kleinkram weggeworfen und 13 (!) Brillen aussortiert, darunter auch zwei Sonnenbrillen von Monsieurs Ex-Freundin. Sowas muss weg, das ist ja wohl klar! Ich habe meine alten Brillen und viele Sonnenbrillen (mit und ohne Korrektur) an lunettes sans frontières geschickt, ein Verein, der Brillen nach Afrika, Asien und Südamerika schickt, wo sie irgendeinem Menschen noch nützlich sein können. Dieses „Weitergeben“ hat es mir leichter gemacht, die Brillen auszusortieren, sonst hätte ich immer gedacht, ich hebe sie auf, die waren so teuer, vielleicht nehme ich das Gestell irgendwann noch einmal – was ich natürlich nie mache. Brillen unterliegen Moden und ich trage meine Brillen wirklich lange, wenn ich sie ablege, dann bin ich ihnen wirklich „entwachsen“.

Am nächsten Tag überprüften wir unsere Stifte, schreiben sie noch? Braucht man wirklich die gefühlt hundertfünfzig Werbekugelschreiber? Buntstifte, Kugelschreiber, Filzstifte, die wir nicht mehr wollen, sogar kleine Bleistiftstummel, kann man an Stifte stiften schicken, die sie ebenso dorthin geben, wo Kinder keine Stifte im Überfluss haben. Da habe ich leider keinen adäquaten französischen Verein gefunden, der wirklich funktioniert (es gibt nur punktuelle Sammelaktionen für alte Schulsachen bei Schulbeginn).

Und so ging es jeden Tag weiter: Mützen, Schals und Handschuhe, die Plastiktüten, die Besteckschublade in der Küche, die Gewürzgläser, die Vorräte im Vorratsschrank. Jeden Tag nur ein Eckchen, ein Thema. Zehn Minuten. Boah! Es läuft! Diese kleinen Häppchen und die Zehn-Minutenvorgabe, die ich oft überschreite (zwei mal zehn Minuten, drei mal zehn Minuten), helfen mir ungemein. Ich sehe nicht das schwere und unbewältigbare Projekt „Küchenschrank aufräumen“, zu dem ich mich seit Monaten nicht aufraffen kann, sondern ich nehme mir nur die Ecke mit den Backzutaten vor. Die zehn Minuten-Vorgabe macht, dass ich es dynamisch und konzentriert angehe. Auch, wenn ich letzten Endes meistens länger brauche, geht es fast wie von selbst. Toll! Außerdem habe ich Monsieur miteinbezogen, und durfte überraschend und endlich eine alte unansehnliche Mütze wegwerfen. Großer Erfolg!

Seit letzter Woche öffne ich immer wieder die Küchenschränke und freue mich an der Ordnung und an der neuen Organisation, die ich hier und da vorgenommen habe. Ich bin gespannt, wo mich das noch hinführt :D

vorher
nachher

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Flow – Über das Glück zu fotografieren

An diesem Text schrieb ich, als sich gestern schon wieder Corona in den Vordergrund schob. Ich wollte das nicht unerwähnt lassen, aber ich will nun auch nicht tagelang über die super hohen Inzidenzzahlen und Hygienemaßnahmen schreiben. Daher jetzt zu etwas völlig anderem:

Ein anderes Buch, das ich vorstellen wollte, liegt auch schon lange hier. Dabei hatte mich der Titel geradezu angesprungen „Fotografieren als Glückserlebnis“ – und als Pia Parolin mich fragte, ob ich es vorstellen wollte, war ich Feuer und Flamme. Aber dann war da, Sie wissen schon, meine Müdigkeit, mein Energieloch. Es ging gar nichts. Jetzt ist sie zurück, meine Energieflamme, noch nicht lodernd, aber es geht schon was. Heute habe ich mir das Buch noch einmal ausführlich angesehen, und heute hatte ich dann auch den Eindruck, es ist eigentlich für mich geschrieben. Es ist eine Ermutigung zur Fotografie, zur Kreativität, zum Flow und zum Glück. Und all das kann man lernen. Boah!

Fangen wir mal von vorne an. Pia Parolin kennen Sie, weil ich von ihrer ersten Ausstellung Promenade Moments im CCFA, dem Kulturzentrum in Nizza, „blown away“ war, wie man auf Neudeutsch so sagt. So begeistert war ich, dass ich die Fotografin angesprochen habe und darum bat, über sie auf meinem Blog schreiben zu dürfen. Hier geht es noch einmal zu der Ausstellung von 2018, falls Sie einen Blick darauf werfen wollen.

Ihre wundervolle Ausstellung wurde im Anschluss international gezeigt, und seitdem springt Pia von einem Foto-Event zum nächsten, ist Mitglied in namhaften Foto-Vereinigungen, und sie hat selbst Street-Art-Fotografie-Workshops mit herausragenden Street-Art-Fotografen in Nizza ins Leben gerufen. Pia ist ursprünglich habilitierte Biologin, aber jetzt ist sie auch Fotografin und Autorin.

Die Fotografie habe ihr in und aus einer schwierigen Lebenssituation geholfen, sagt Pia. Ich zweifle das nicht an, aber ich sehe Pia, seit ich sie kenne, stets strahlend, gut gelaunt, dynamisch, voller Energie und immer hat sie ein neues Projekt, eine Ausstellung oder ein Buch in Arbeit. Es scheint, als habe sie das Glück beim Fotografieren gefunden und als sei sie mit allem, was sie tut, ständig im Flow. Es wundert mich nicht, dass sie darüber nun ein Buch geschrieben hat.

Foto: Pia Parolin

Aber Pia ist im Herzen auch und zuerst Wissenschaftlerin, und ihr Buch Flow -Fotografieren als Glückserlebnis ist ein Sachbuch, ein wissenschaftliches Buch gar. Das Wort flow, zum Modewort avanciert, ist nicht einfach so dahingeschrieben, sondern Pia wendet die Flow-Theorie, denn ja, die gibt es wirklich (vielleich wussten Sie das schon, ich wusste es nicht), entwickelt von einem Ungarn, mit dem (zumindest für mich) unaussprechlichen Namen Mihaly Csikszentmihalyi, auf die Fotografie an. Ein wissenschaftliches Buch also, und es ist, vor allem, wenn es um das Konzept von Mihaly Csikszentmihalyi geht, anspruchsvoll, aber keineswegs trocken. Es ist aber auch ein sehr persönliches Buch, Pias Begeisterung für das Thema ist spürbar und sie erzählt in einer angenehmen Art von sich und ihrem fotografischen Erfahrungen, so dass man von einem Kapitel ins nächste „fließt“. Sowieso schaut man von einem großartigen, den Text unterstützenden Foto, mit einem immer sehr persönlichen und manchmal amüsanten (making-of) Bildtext, zum nächsten (keine Seite ohne Abbildung) und alles ist verständlich und geradezu im flow. Es gibt keinen Zweifel am Flow. Das hat mich überrascht und gleichzeitig beruhigt. Flow gibt es. Einen Flowzustand, also fließende Energie, in der man wie in Ekstaste schöpferisch tätig ist, Zeit, Raum und alle körperlichen Bedürfnisse vergisst, hat sicher jeder schon einmal erlebt. Tatsächlich hatte ich beim Lesen meine Zweifel, ob ich besonders viele Flow-Momente kannte, aber dann erinnerte ich mich daran, dass ich gerade einen winzigen Flow-Moment erlebt hatte – als ich vor ein paar Tagen versuchte, Möwen am Strand zu fotografieren.

Und einen weiteren, als ich auf einer Mauer herumkletterte, um die Mandelblüte aufzunehmen. Da war ich wirklich ganz im Hier und Jetzt, konzentriert und vergaß tatsächlich die Zeit. Ehe ich mich’s versah, war eine halbe Stunde um, und ich wollte doch nur schnell ein Foto machen. Gut, über das Ergebnis meiner fotografischen Ausbeute kann man diskutieren. Und ich erkenne mich in der etwas planlosen Knipserin wieder, die Pia in ihrem Fotografie-Flow-Modell ganz unten angesetzt hat. Ohne Fleiß kein Preis, hätte Pias Großmutter dazu gesagt. Übung macht den Meister, ein anderes Sprichwort. Denn ja, Flow hin und Kreativität her, es ist wichtig, die Technik des Fotoapparates zu beherrschen, wenn man wirklich etwas besonderes fotografieren will.

Ich möchte schon immer anspruchsvoll fotografieren. Ich hatte vor Jahren, noch zu Zeiten der Spiegelreflex-Kameras, einen Foto-Kurs belegt. Die Schuld lag sicher nicht nur am leidenschaftslosen Kursleiter, aber ich wusste von der Technik meiner Spiegelreflexkamera nach dem Kurs genauso viel wie vorher, nämlich nichts. Dass ich mir gerade noch eine klassische Spiegelreflexkamera gekauft hatte, obwohl es schon Digitalkameras gab, war auch eine komische Verirrung, das aber nur am Rande. Ich habe so gut wie nie wirklich mit dieser Kamera fotografiert, weil ich sie technisch nie verstanden habe und weil ich nie die Energie aufgebracht habe, mich wirklich damit auseinanderzusetzen.

Dann reiste ich nach Frankreich und kaufte ich mir fürs leichte Reisegepäck meine erste klitzekleine digitale Kompaktkamera. Sie war simpel und genial. Ich habe sie geliebt und hatte das Gefühl, wir verstanden uns „ohne Worte“, und ohne viel Technik machte ich Makro-Aufnahmen, von denen ich teilweise heute noch beeindruckt bin. Leider behandele ich meine Dinge nicht immer sehr pfleglich, nach ein paar Jahren funktionierte sie nicht mehr und niemand wollte so eine kleine simple Kamera reparieren (nein, auch nicht im Repair-Café). Ich erwarb eine andere, die gerade hochgelobt wurde, und ärgerte mich vom ersten Tag an. Ich kam mit ihr nicht klar. Also fotografierte ich zunehmend mit dem Smartphone. Warum auch nicht. Aber dann regte mich dieses Display auf, auf dem ich bei Sonnenschein nichts sehe und erstand nun, Jahre später, ein Nach-nach-nach-nach-Nachfolgemodell meiner ersten kleinen Kamera (mit einem schnell verkratzten und verfärbten Display, aber auch mit einem Sucher), doch nein, ich mochte den großen Bruder meiner verstorbenen kleinen Kamera auch nicht. Resigniert fotografiere ich seither mit dem Smartphone – ärgere mich über die breiigen und unscharfen Fotos, die ich oft blind mache, weshalb ich natürlich zu viele knipse, was langes Aussortieren nach sich zieht, und finde mich damit ab. Aber, während ich Pias Buch lese, passiert etwas, ich stehe auf, suche diese letzte, kaum benutzte Kompaktkamera und ihr Ladegerät in einer Schublade und stöpsele sie ein. Zwanzig Seiten, bevor Pia mir in ihrem Buch genau das vorschlägt. „Steh auf, nimm deine Kamera und leg los“, schreibt sie. „Sei kreativ und wenn du dich mit der Technik nicht auskennst, dann suche dir nur eine einzige Funktion und probiere sie aus. Sieh dir Tutorials im Internet an oder lasse dir die Kamera von jemandem (professionellen und gegen Geld) erklären.“ Nur, wenn man die Technik der Kamera wirklich verstanden hat, kann man in dem Augenblick, auf den es ankommt, ein gutes, wenn nicht sehr gutes und vor allem ein besonderes Foto machen. Ansonsten sucht man verzweifelt den richtigen Knopf, die Blende, überlegt hin und her, wie jetzt? So? Oder lieber so? Und während man noch zappelig herumhantiert, ist der Augenblick schon vorbei. Fotografieren ist so ähnlich wie Autofahren, das man auch lernen musste, und dass man irgendwann ohne darüber nachzudenken, richtig beherrscht.

In diesem Buch erfahren wir also, wie wir es schaffen, in einen Flow zu kommen, (es geht im Buch, um das noch einmal deutlich zu sagen, nur um den Flow beim Fotografieren, aber man kann alles auch durchaus auf andere Lebensbereiche anwenden, ich dachte oft genug ans Schreiben) und welche Schwierigkeiten einem manchmal den Weg dorthin verstellen – und vor allem, dass man in einen richtig guten Glückshormone freisetzenden Flow nicht ohne Vorbereitung, Technik, Disziplin und Übung kommt. Denn leider, er fliegt einem nicht zu, der Flow, auch wenn man das meinen könnte, und auch, wenn es solche Ansätze, bei Kindern etwa, gibt.

Foto: Pia Parolin

Das letzte Drittel des Buches enthält eine Sammlung großartiger Anregungen und Aufgaben, wie und was man sich als Foto-Projekt vornehmen könnte und wie man dann mit seinen Bildern weiter verfährt. Am Ende des Buches findet sich noch ein Literaturverzeichnis mit weiterführender wissenschaftlicher Literatur und (nicht nur wissenschaftlichen) Podcasts.

Als ehemalige Herstellerin möchte ich gerne noch anmerken, dass es ein sehr schön gemachtes Buch ist, das sich angenehm anfasst, mit schönem Papier, Lesebändchen und Fadenheftung (!) und unzähligen Fotos in so unterschiedlichen Formaten, meine Güte, ich weiß, wie aufwändig so eine Doppelseiten Gestaltung ist! Der Text, es ist viel Text in diesem Fotobuch, täuschen Sie sich nicht, ist trotz der kleinen Schrift gut lesbar. Der Verlag ist der Fachverlag für Fotografie – weshalb auch die Qualität und Farbigkeit der Abbildungen perfekt sind, für die sie dieses schöne Bilderdruckpapier gewählt haben. Leider ist das Buch dadurch etwas schwergewichtig, aber man wird es nicht auf seinen Fotospaziergängen mitnehmen, sondern es vorher gelesen haben, um gut vorbereitet zu sein auf seinem Weg zum Flow und zum Glück mit der Fotografie.

Pia Parolin: Flow. Fotografieren als Glückserlebnis. Glücklich fotografieren und fotografierend glücklich werden. dpunkt.verlag.

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Eine Stunde, fünf Kilometer …

Gab ich letzte Woche beim Deutschlandfunk in der Sendung Lebenszeit („Wie leben die europäischen Nachbarn mit dem Virus“ – Die Sendung dauert über 70 Minuten, um Frankreich geht es etwa nach 40 Minuten) noch ein eher positives Statement zur Lage der Nation, immerhin lautete die Schlagzeile von Nice Matin gerade großspurig Des bonnes nouvelles („wir sehen das Licht am Ende des Tunnels“) – die erste positive Schlagzeile seit einem Jahr – so sind wir heute doch wieder beim dritten confinement, wenn auch erstmals nur und ausschließlich in unserem lieblichen Departement. Ich bete Ihnen mal nur die Inzidenzahlen runter, die ja jetzt gerne herangezogen werden, dann verstehen Sie warum: die Inzidenzzahl für den größten Teil Frankreichs liegt bei 201,7, in unserem Departement jedoch bei 583,2 und in Nizza jenseits von 700. Die Intensivstationen in unserem Departement sind mit über 101 Prozent aus – nein, überlastet. Wenn Sie also morgen schlimm krank werden oder einen Autounfall haben und ein Intensivbett brauchen, lässt man Sie im Krankenhausflur liegen. Nein, natürlich nicht, vermutlich werden Sie in ein Krankenhaus in einem anderen Departement transportiert. Dennoch kein wünschenswertes Szenario.

Der Gesundheitsminister Olivier Veran hat sich am Wochenende nach Nizza begegeben, um vor Ort zu verstehen, was hier passiert, und die Maßnahmen, die ergriffen und uns gerade mitgeteilt wurden lauten: 3. confinement an den kommenden (Ferien-)Wochenenden, von Freitagabend 18 Uhr bis Montagmorgen 6 Uhr, in allen Orte von Menton bis Théoule, die an der Küste liegen (und ein bisschen dahinter). Das heißt, arbeiten dürfen wir, ausgehen nicht, schon gar nicht am Wochenende, dann gilt wieder die Regel: eine Stunde am Tag und in einem Umkreis von immerhin fünf Kilometern dieses Mal, und natürlich müssen wir wieder die Ausgangsbescheinigungen ausfüllen, seufz. Es ist ein Elend.

Warum ist das hier so? Keine Ahnung. Überaltertete Bevölkerungsstruktur, zusätzlich touristische Gegend, es sind Ferien in Frankreich und alle reisen ans Meer. Der Bürgermeister von Nizza, Christian Estrosi, wollte deshalb schon (vergeblich) verbieten lassen, dass Ferienunterkünfte vermietet werden dürfen. Er bekam es gerichtlich nicht durch. Aber er sagt offen in jedes hingestreckte Mikrofon, dass er (in einer Stadt, die vom Tourismus lebt!) derzeit keine Touristen will. So die Lage.

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12 von 12 im Februar 2021

Ich wollte erst nicht mitmachen beim heutigen 12 von 12, eine Blogparade, die Frau Caro Kännchen seit Jahren treu auf ihrem Blog anbietet. Zwölf Fotos am/vom Zwölften. Seit zwei Tagen habe ich Bauchgrummeln wegen etwas, was mich gedanklich nicht loslässt. Genau deswegen mache ich jetzt aber doch mit. Ich habe mich ja kurzfristig doch noch zum „Jammerfasten“ angemeldet, ein Kurs, der unabhängig von der Fastenzeit 16 Tage lang läuft. Es ist nichts Neues, aber es tut gut, es immer mal wieder aufzufrischen. Ich will nicht jammern, mich weder beklagen noch mich hängenlassen. Ich will den Blick auf Positives lenken und lösungsorientiert denken. Ich habe die Wahl. Immer.

Frühstück mit leckerem Körnerbrot, das kornigste und geschmackvollste, das es in Cannes derzeit gibt, aus einem dänischen Coffee-Shop.

Dann ziehe ich mich bewusst farben-froh an. Um den Kopf gewickelte Tücher geben mir immer eine Portion „extra-Kick“. Es erinnert mich an „We can do it!“

Außerdem habe ich (aus Versehen) Kniestrümpfe gekauft. Ich habe noch nie Kniestrümpfe gehabt, die an meine runden Waden passen, weshalb ich in der Regel Socken kaufe. Aber diese passen, das ist grandios und ich habe in diesem fußkalten Haus erstmals richtig warme Füße. Toll!

Ich hänge mit der Katze auf dem Sofa und lese lange im Internet herum. Aktualisiere dann einen drei Jahre alten Mimosenartikel und hänge ihn noch an die Mimosenfotos an.

Schon ist es Zeit, Mittagessen vorzubereiten. Ich mache im Ofen gebackenes Wintergemüse (inspiriert von diversen Fotos aus der #heimbürokantine von Wibke Ladwig, alias @sinnundverstand). Dort werden in letzter Zeit immer Chilliflocken über das Essen gestreut. So etwas kennen wir hier gar nicht, aber ich habe Piment des Espelettes, die ich über mein Gemüse streue, plus Nelkenpulver, grobes Meersalz und einen großzügig bemessenen Schuss Öl. Kommt für knapp zwanzig Minuten bei 180 Grad in den Ofen. Fertig, und so köstlich, dass selbst der Gemüseskeptische Gatte zweimal nimmt. Aber soweit sind wir noch gar nicht.

Monsieur kommt von einem Termin zurück und hat zusätzlich eingekauft. Seit er geimpft ist, wagt er sich sogar wieder in den Discounter. Darüber kann man sich freuen, er hat es auch gut gemeint, ich bin von seinem heutigen Einkauf aber eher genervt, wir brauchen viele Dinge, aber nicht das, was er mitgebracht hat. Und kaufe ich nicht seit Wochen, Monaten gar, frischestes Gemüse direkt vom Erzeuger, saisonal und regional? Jeden Tag jubele ich über dieses Gemüse. Wieso schleppt er mir dann Gemüse aus dem Discounter an, das jenseits aller Saison ist? Ich schimpfe laut vor mich hin, bekomme dann Blumen entgegengestreckt. Rosen vom Discounter, wie schön. Der dazugehörige Satz „wenn ich die erst am Sonntag kaufe, sind sie doppelt so teuer“ macht die Sache nicht romantischer. Valentinstag naht. Immerhin hat er daran gedacht, nicht wahr. Und die Rosen sehen hübsch aus. Das Positive sehen.

Wir essen, teilen uns ein Schweinekotelett und Ofengemüse. Pepita findet es wie immer ungerecht, dass sie kein eigenes Tellerchen am Tisch hat.

Die Sieste fällt heute aus, stattdessen begleite ich Monsieur zu einem weiteren Termin. Es regnet. Suchbild mit Marilyn.

Auf dem Rückweg kaufe ich bei einem kleinen Supermarkt noch ein paar notwendige Dinge ein.

Der Nachmittag vor dem PC. Ohne Foto. Abendessen. Keine Suppe heute; es gibt ein Omelette mit frischer figatellu für Monsieur. Dazu etwas grünen Salat. Ich mag diese korsische Spezialität nicht; Pepita schon. Sie hat gestern klammheimlich schon ein gutes Drittel davon gefressen. Wir hatten die figatellu aus Versehen im Marktkorb vergessen. Die Katze dachte vermutlich, es sei ihre Belohnung, weil sie gestern den ganzen Tag alleine geblieben war. (Natürlich habe ich die gerettete figatellu äußerst großzügig vom zerkauten Rest abgeschnitten, und nein, die Katze bekommt den angefressenen Teil nicht.) Ich hingegen esse „german Abendbrot“, eine weitere Scheibe des köstlichen Körnerbrots mit einer Scheibe Schinken. Guten Appetit.

Gerade fiel mir eine ganze Kiste mit Post aus dem übervollen Regal. Grrr. Ich möchte laut jammern und klagen aus vielerlei Gründen. Ein vergilbter Zettel liegt zwischen den Briefen und Karten. Er ist uralt. Er stammt aus der Zeit vor Frankreich. Wir sind noch immer im Thema: Nicht jammern.

Positive Zugabe: Pepita passt tatsächlich in einen kleinen Schuhkarton! Findet es aber blöd, dass ich sie darin fotografiere.

So viel von hier. Bonne soirée! Die anderen 12 von 12er finden Sie wie immer hier!

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Mimosen

Noch nie bin ich so viel spazierengegangen wie in diesen Zeiten. Und noch nie habe ich die Veränderung der Mimosenblüte so wahrgenommen und genossen wie dieses Jahr. Das Wetter ist, trotz gelegentlicher Regengüsse, hier doch gerade eher so, wie man das von der Côte d’Azur erwartet. Sonnig und mild. Ich schicke Ihnen noch ein paar Mimosenbilder in die deutsche Kälte und den Schnee.

ps: aus aktuellem Anlass: ich habe über die Mimosen schon mehrfach geschrieben, jedes Jahr aufs Neue sozusagen, aber es kommen ja jedes Jahr neue LeserInnen dazu, die dann in etwa dieselben Fragen stellen. Hier also nochmal der Artikel, in dem ich alles sage, was ich zur Mimose weiß und schon einmal gesagt habe – ich hoffe, die fremden Links führen noch immer zu funktionierenden Seiten, ich checke das gleichmal ab. Dieses Jahr ist aber alles anders, nicht wahr. Kein Mimosenspektakel nirgends, kein Karneval in Nizza, kein Zitronenfest in Menton. Aber darüber lesen kann man ja trotzdem.

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Über den Eigensinn

Schon zweimal habe ich diesen Text geschrieben, in meinem Kopf zumindest, jetzt aber will ich ihn auch umsetzen. Bleiben wir positiv, ich will nicht jammern, sagen wir: Gut Ding will Weile haben.

(Dies ist eine Buchbesprechung, möglicherweise gilt das als Werbung.)

Maria Almana vom Blog Unruhewerk hat seinerzeit einen meiner Krimis besprochen und ein Interview mit mir geführt, Sie erinnern sich vielleicht. Ich stöberte zu dieser Zeit in Marias Blog, den ich zwar kannte, wo ich aber nur gelegentlich las, und habe dort, unter anderem, die Besprechung des Buches von Maria Bachmann „Du weißt ja gar nicht, wie gut du es hast“ entdeckt; diese Besprechung machte, dass ich das Buch umgehend bestellt, in einem Rutsch gelesen und im Anschluss sogar an Maria Bachmann geschrieben habe, so sehr hatte mich ihre Geschichte berührt. Dieses Buch zum Thema „Kriegsenkel“ löste etwas in mir aus, was schon lange in mir schlummerte und gab meinem Buch „Von hier bis ans Meer“, an dem ich gerade schrieb, eine entscheidende Wendung. Die beiden Marias und ich, wir haben nicht nur gemeinsam, dass wir Frauen einer Generation sind, sondern wir teilen auch diese unerklärliche tiefe Traurigkeit, die Verlorenheit in der Welt, die Suche nach der Ursache, nach „etwas“ und nach uns selbst. Nicht alle Frauen unserer Generation spüren das so, auch nicht alle Männer. Aber wir sind da, wir sind erstaunlich viele und wir erkennen uns unwillkürlich. Wir spüren in und zwischen den Zeilen des Geschriebenen, auch in (vermeintlich) amüsanten Texten, das Leid dahinter, die Suche, das Ringen mit dem Leben. So ging es mir mit Maria Almana und Maria ging es so mit mir, wie ich jetzt weiß, auch wenn sie damals zunächst nur einen Kriminalroman besprach und ein Interview mit mir als Ü50-Bloggerin führte. Irgendetwas war da. Wir kennen uns gar nicht und sind uns dennoch nah.

Dann aber geht das Leben weiter, jede schreibt für sich im eigenen Kämmerlein, und ehe man sich’s versieht, ist ein Jahr vergangen. Als ich wieder auf Marias Blog schaue, habe ich „Von hier bis ans Meer“ geschrieben, und sie hat „Mein Kompass ist der Eigensinn“ verfasst, einen Schreibratgeber, besser, „eine Ermutigung zum eigensinnigen Schreiben“, so heißt es im Untertitel, und es ist das erste Buch einer auf drei Bände angelegten Serie: Die Trilogie des Eigensinns.

Das klingt spannend – ich möchte es gerne lesen und biete im Gegenzug mein Buch, wir kommen im hin und her unserer Mails auf das Kriegsenkelthema. Natürlich interessiert es sie! Ich hätte es mir denken können. In diesem Zusammenhang erzählt sie mir, dass sie auf ihrem Blog in der Zwischenzeit Maya Lasker-Wallfischs „Briefe nach Breslau“ vorgestellt hat, vielleicht spräche mich das auch an, meint sie. Und ja, das tut es. Ich bestelle, lese und, auch wenn es eine andere Geschichte ist, die der zweiten Generation der Holocaustüberlebenden nämlich, spüre ich, dass die Verlorenheit und Suche von Maya Lasker-Wallfisch, die sich bis hin zur Sucht steigert, auch mit mir zu tun hat. Maria liest in der Zwischenzeit mein Buch und bettet es ein in ihren Jahresrückblick, Stichwort: die Suche! Es ist ein toller Text, bewegend aufwühlend – ich lese ihn Anfang Januar, bin ergriffen, aber auch auf dem Tiefpunkt meiner Erschöpfung, ich kann nicht reagieren. Vor allem kann ich, obwohl schon gelesen, keinen angemessenen Text zu Marias eigensinnigem Schreibratgeber verfassen, ich spüre, ich werde ihm nicht gerecht, schaffe gerade nur so ein bisschen Alltagsgeplänkel auf dem Blog. Ich habe auch das Gefühl, all das liegengebliebene Klein-Klein erst abarbeiten zu müssen, bevor ich Raum im Kopf habe, um wieder größer zu denken. Denn der Kompass des Eigensinns ist ein großes Buch. Intelligent, klug, philosophisch. Und doch leicht zugänglich – zumindest, wenn einen das Thema „Wie soll ich Schreiben?“ anspricht. Der erste Band ist kein Schreibratgeber, der Ihnen sagt, wie Sie Ihren Schreibtisch ordnen oder wie Sie es anstellen, jeden Tag zu schreiben, damit am Ende ein Buch ensteht. Der erste Band, ein Sachbuch, in viele kleine verdauliche Kapitel unterteilt, die aber fließend ineinander übergehen und mit einem amüsanten mehrteiligen Fragebogen (Wie eigensinnig sind Sie?) aufgelockert, enthält letztlich eine Kulturgeschichte des und ein Plädoyer für den Eigensinn(s).

Eigensinn gab es schon immer, zum Beispiel in Literatur und Philosophie. Er ist salonfähig. Das müssen wir uns nur mal klarmachen. Dann kriegen wir auch mit dem Schreiben das hin, was sich viele wünschen: mehr Selbstbestimmung, bessere Sichtbarkeit. Und wie wir lernen, einander besser zu verstehen.

Maria Almana verweist auf eigensinnige Vorbilder, Schriftsteller und ihre Werke, die aus Eigensinn entstanden sind oder eigensinnige Charaktere in den Mittelpunkt stellen (insbesondere in der Kinder- und Jugendliteratur, wie etwa Der Trotzkopf, Huckleberry Finn, Alice im Wunderland, Pippi Langstrumpf, der Pumuckl). Uns ermutigt sie, nichts zu schreiben, nur weil es im Mainstream liegt und vermeintlich erfolgreich werden kann, stattdessen DAS zu schreiben, was uns am Herzen liegt, und es SO zu schreiben, wie es uns ein Bedürfnis ist. Es geht um Kreativität, den Flow, der macht, dass das Schreiben manchmal wie von selbst geht. Es geht auch um Ängste – mache ich mich damit nicht lächerlich? Oder wird mich dieser Eigensinn nicht einsam machen? Ermutigend und wohltuend die entspannten Anmerkungen der Autorin:

Gut möglich, dass mein Eigensinn nur für mich Sinn macht, für niemanden sonst. Helfen kann er dann trotzdem noch uns allen.

oder

„Mit Eigensinn sind wir einfach nur die, die wir sind. Und es ist gut so.“

Ich habe den Kompass des Eigensinns mehrfach (quer)gelesen, und wo immer ich hängenblieb und mich vertiefte, nickte ich, ich bin wohl mit meiner Suche und meinem Schreiben schon immer auf einem eigensinnigen Weg. Ich freue mich, fühle mich verstanden und finde es schön, dass das Eigensinnige einmal so herausgestellt und wertgeschätzt wird. (Ursula Nuber, die langjährige Herausgeberin der Zeitschrift Psychologie heute, sieht im Eigensinn sogar eine Stärke gegen Depression und Burn-out!) Ich habe ein Bedürfnis die Autoren, die Maria entdeckt (den Flaneur Walter Benjamin etwa) oder wiederentdeckt (Hermann Hesse) zu lesen oder wieder zu lesen. Wie gut, dass es ein mehrseitiges Literaturverzeichnis gibt!

„Schreiben beginnt mit Eigensinn“ ist das Fazit der Autorin. In Band zwei, bereits erschienen, geht die eigensinnige Reise weiter: Selfpublishing ist nur die konsequente Fortsetzung des eigensinnigen Schreibens. Band drei ist in Arbeit. In der Zwischenzeit hat Maria zu einer Blogparade zum eigensinnigen Schreiben aufgerufen. Jede(r) kann mitmachen. Was verbinden Sie mit dem Wort „Eigensinn“ oder mit dem Hashtag #eigensinnigschreiben ? Leben, denken, schreiben Sie bereits eigensinnig? Oder kommt Ihnen das Wort „Eigensinn“ beim Schreiben nicht in den Sinn? Ganz egal, schreiben Sie es auf und schicken Sie es an Maria. Deadline ist der 5. März.

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La Chandeleur und die Crêpes

Die sozialen Medien sind heute voll von leckeren Crêpes-Fotos. Es ist la Chandeleur, Maria Lichtmess und in Frankreich isst man heute traditionell Crêpes oder in Marseille Navettes – ich habe vor Jahren schon einmal darüber geschrieben (alles kommt ja jedes Jahr wieder) und erlaube mir, den Artikel hier noch einmal zu verlinken. Dieses Jahr habe ich das Crêpes-Rezept von Véronique vom Blog Typisch Französisch genommen. Denn ja, klar mache ich heute auch Crêpes (beziehungsweise habe ich gemacht) und ebenso die salzige Variante, les Galettes (die habe ich aber schnöde gekauft). Ich habe mit dem Artikel gewartet, weil ich die Fotos der salzigen Galettes vom heutigen Abendessen noch einfügen wollte, aber dann habe ich komplett vergessen davon Fotos zu machen.

Alle zeigen immer wundervoll gleichmäßig runde dünne Crêpes in ihren Instagram-Fotos. Um Crêpes schön rund zu kriegen, muss man wohl gebürtige Französin sein und sie von kleinauf mehrfach im Jahr stapelweise ausgebacken haben. Denn so ist das hier in den Familien. Man backt immer zig Crêpes und nicht nur lächerliche vier, fünf oder sechs, wie ich. Auf den Tisch stellt man alles, was man auf die süßen Crêpes streuen, träufeln oder streichen will: Zucker (braun oder weiß), Zitronensaft, Grand Marnier (in unserem Fall Cointreau), Nutella (nicht bei uns), Orangenkonfitüre, Maronencreme und Schlagsahne sind hier die Klassiker. (Achtung! Werbung völlig unbeabsichtigt, wegen Produktabbildung)

Nicht alles auf einmal, klar, aber hintereinander. Mir fehlt die Erfahrung und ich kriege Crêpes nur ansatzweise rund und sie sind immer zu dick (dies ist kein gestylter Foodblog, sondern ein ehrlicher Kraut-und-Rüben-Blog, wir zeigen auch alle unperfekten Koch- und Backkreationen, wie Sie sehen) lecker sind sie trotzdem. Und ich habe natürlich auch kein Geldstück in der linken Hand, während ich sie mit der rechten Hand lässig umdrehe – was man tun soll, um im laufenden Jahr reich zu werden. Kein x-beliebiges Geldstück, eine Goldmünze müsse es sein, berichtigte meine verstorbene Schwiegermutter stets. Wird also auch dieses Jahr nix mit dem Reichtum. Trotzdem habe ich heute in eine neue Crêpes-Pfanne investiert, weil ich diese verbeulten Schätzchen, die ich hier vorgefunden habe, nicht mehr ertrage (die werden auch entrümpelt demnächst :-) ).

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Malpasset, Meer und Mimosen

Na, die Überschrift ist etwas übertrieben, aber ich fand die Alliteration so verführerisch. Denn ja, wir sind frühmorgens in das Nachbardepartement Var gefahren, ich wollte dort die Ruinen des ehemaligen Stausees Malpasset ansehen, dessen Staumauer 1959 gebrochen war und damit eine Flutkatastrophe mit über 400 Toten ausgelöst hat. Aber es hatte gestern dann doch noch ordentlich geregnet, die Zufahrt über eine geflutete Furt war für unser kleines Autochen nicht zu machen (jetzt wissen wir auch, warum alle immer so gern Geländewagen fahren, braucht man überraschend immer mal ;-) ) Gummistiefel hatten wir auch nicht und so blieb uns Malpasset verwehrt. Ein andermal. Also fuhren wir gemütlich durch das mit Korkeichen bestandene Esterelgebirge zurück, staunten über ein Stück zweitausendjähriges Aquädukt und hatten schöne Ausblicke.

Wir waren nicht allein. Motorradfahrer*innen, Radfahrer*innen drängelten sich auf der kurvenreichen Bergstraße, alle Parkplätze, von denen es zu irgendwelchen Gipfeln ging, waren zugeparkt. Wanderer (und innen), ältere und jüngere, mit Kindern und/oder Hunden tummelten sich auf den Wegen. Es war wieder so schönes Wetter – und es zog alle raus in die Natur.

Nachmittags gingen wir dann ersatzweise ans Meer und liefen zum ersten Mal in diesem Jahr barfuß im Sand und durch die Wellen. Am letzten Sonntag im Monat ist die Uferstraße für den Autoverkehr gesperrt, so dass man dort laufen, joggen, Rad- und Dreirädchen fahren oder Skaten kann. Nachmittags ist es entsprechend voll, aber es ist ein friedliches Miteinander.

Ich wünsche uns wirklich kein drittes Confinement. Im Februar sind Schulferien und man hat Angst, dass die Menschen herumreisen und das Virus (und die neuen Varianten) erneut verbreiten. Hier zerren der Gesundheits- und Innenminister in die eine, Macron in die andere Richtung. Ich habe keine Lust, es im Detail zu erzählen, die Regelungen für den Ferienmonat Februar werden sowieso morgen erst richtig erlassen, gelten nur bis auf weiteres und können jederzeit und bei Bedarf in ein festes Confinement umgewandelt werden. Sicher ist jetzt schon: Wir haben weiterhin Couvre-feu, Ausgangssperre zwischen 18 und 5 Uhr morgens. Zusätzlich sind, les soldes hin oder her (der Ausverkauf hat trotz allem begonnen), die großen Einkaufszentren gesperrt worden. Und klar, die Hotels, Restaurants, Salon de Thés und Bars sind nach wievor geschlossen. Ganz zu schweigen von den Kinos, Theatern und allen sonstigen Kulutureinrichtungen. Wir tranken unseren Tee dann zu Hause. Die Mimose im Vorgarten, gestern vom Regen zerzaust, hat sich wieder berappelt und ist wieder gelbpuschelig.

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Ein paar Links

Das habe ich jetzt Herrn Buddenbohm abgeguckt. Vielleicht muss ich das häufiger machen, bis ich nämlich immer zum Schreiben komme, um Themen schön einzubetten, habe ich alles schon wieder vergessen. Marion hat von ihren Spaziergängen in unbekannte kleine Orte erzählt und damit bei mir wieder etwas zum Klingeln gebracht. Hier also ein Link zum Podcast Lob des Gehens, den ich bereits einmal verlinkt habe und eigentlich auch bereits gehört haben wollte. Ich höre aber *schäm* gerade das allererste Mal rein und zwar in diese Folge. Ich scrolle ein bisschen herum zu den anderen Folgen, die ich gleich alle wahnsinnig interessant finde, ich höre also, weil ich gerade Zeit habe, gleich auch noch die Episode 7 mit Gerd Kempermann; da geht es um Gehirn und Bewegung: Durch Bewegung können sich neue Nervenzellen auch beim erwachsenen Menschen bilden. Da will man ja sofort losgehen. Heute ist es aber, ganz anders als gestern, grau und wir erwarten auch wieder eine der typischen Regensintfluten, und bin ich gestern nicht schon genug gelaufen? Also, ich bin noch weit weg von der Geh-Routine, aber ich lief in diesem Januar deutlich mehr als letztes Jahr.

Vielleicht sollte ich die Podcasts auch beim Gehen hören, das tun wohl einige Menschen. Hier noch den schon öfters verlinkten Podcast Agnes trifft. Da geht es dieses Mal um die Kulturgeschichte der Hosen/Hand-Taschen, und was man da alles drin hat, es schweift ab zu Taschentüchern, Schlüsseln und Taschengeld. Alles spannend, und in den sogenannten Shownotes, den Links zum Podcasts, gibt es Lesetipps. Wussten Sie, dass die Hosentasche auch einen Gedenktag hat? Am 28. Februar nämlich. Es geht dort auch zum Unterschied zwischen Männer- und Frauenhosentaschen, um Rocktaschen, und um Männer, die keine Handtaschen brauchen, weil sie ihren Krempel in die Handtasche ihrer Frau stopfen (davon kann ich ein Lied singen). Ich bin gerade wieder auf der Suche nach der optimalen Handtasche, darüber könnte ich auch einen ganzen Beitrag schreiben, wie ich von der Radtasche über den Rucksack zur Handtasche kam.

Kleine Anmerkung: Auch wenn ich das alles spannend finde, mir persönlich sind die deutschen Podcasts alle zu lang. Ich weiß gar nicht, wann ich das alles hören soll. Interessante Podcasts, deren Episoden nicht länger dauern als eine viertel- oder halbe Stunde, gibts das? Was hören Sie so?

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Der Süden ist blau

Gestern war ein unglaublich blauer Tag. Unglaublich warm auch. Ich war in Nizza und habe Feli, vom Berlinerin in Frankreich-Blog getroffen. Feli ist viel jünger als ich, sie könnte, hömhöm räusper, meine Tochter sein, aber wir hatten uns viel zu sagen, das fand ich sehr besonders. Wir liefen also durch Nizza und bis ans Meer und saßen auf den grauen Kieselsteinen, von denen ich immer mindestens einen mitnehmen muss, weil ich ihn auch so besonders finde. Der Strand war so voll wie manchmal am Wochenende.

Der Wind bauschte das türkisfarbene Meer zu weißen schaumigen Wellen auf, die auf die Steine vor uns rauschten, es gab drei Menschen, die in Badeanzügen kreischend und lachend im Wasser herumhüpften. Wir saßen auf den Steinen, der Wind wehte und die Sonne schien so warm, wie an Frühlingstagen.

Die Temperaturanzeige im Auto zeigte bis zu 24 Grad, ich habe es aber erst bei 23 Grad dokumentiert. Ende Januar immerhin. Unglaublich war das, atemberaubend schön, ich kam aus dem Staunen über das Blau, das Licht und die Wärme und aus dem „Ist das nicht großartig!“-Juchzen nicht heraus, obwohl ich hier ja schon so lange lebe. So kann es hier sein. So blau, so warm, so hell. Es sind die Momente, in denen man all das Nervige, das es hier ja auch gibt, vergisst.

Das 3. confinement zum Beispiel, das uns für nächste Woche angedroht war und weswegen ich in dieser Woche schnellschnell noch ganz viel unterwegs war, aber jetzt kommt es doch gar nicht, oder zumindest nicht so richtig. Wir wissen nicht, ob es eine gute Entscheidung ist, aber die Vorstellung, ein weiteres Mal streng eingesperrt zu sein und nur eine Stunde im Ein-Kilometerradius herumeiern zu dürfen, machte uns allen extrem schlechte Laune. Und das, obwohl mein Einkilomterradius auch bis ans Meer reicht, das wissen Sie schon.

Ich nahm vor drei Tagen in Aix-en-Provence an einer eher unnützen Fortbildung statt. In Aix ist es immer ein Stück kälter als in Cannes, Null Grad um Acht Uhr morgens. Der Süden kann auch sehr kalt sein. Pocket Film hieß die Fortbildung, ich (wie auch die anderen Teilnehmerinnen, Autorinnen und Illustratorinnen) erwartete(n), dass man uns Fertigkeiten an die Hand gibt, wie wir uns, unser Schaffen und unsere Bücher filmisch dokumentieren können, da das Medium der Wahl in dieser eher kontaktlosen Zeit der Film geworden ist, das Video oder auf jeden Fall bewegte Bilder statt Text, und wir alle plötzlich aufgefordert werden „mal eben schnell einen Film“ zu drehen. Ich habe das vergangenen Sommer probiert – aber ich bin nicht die Generation, die sich selbst aufnehmend durch die Stadt läuft und gleichzeitig plaudert. Ich dachte, so etwas in der Art würde ich jetzt lernen und danach könnte ich auch auf FB und Instagramm spielerisch Filme und Stories und Reels und wie das alles heißt, einstellen. Pustekuchen. Pocket Film ist ein eigenes Genre, eine Art Minifilm, unmontiert und in einem Rutsch mit dem Smartphone durchgedreht. Man überlegt sich ein Szenario, schreibt einen Titel, einen Abspann dreht das Ganze dann in kürzester Zeit. Roh und handwerklich grob. Aber eben ein Unter-Unter-Genre des Kinofilms, künstlerisch und nicht dokumentierend. Gelernt habe ich, dass Filme, selbst ganz kurze, genauso viel Arbeit machen wie ein Buch (nicht, dass ich das nicht schon gewusst hätte) und man eigentlich einen ganz neuen Beruf lernen müsste, um einen perfekten kleinen Dokumentarfilm zu drehen. Also „mal eben schnell“ ist vielleicht möglich für eine andere Generation, die mit dem Smartphone in der Hand aufwächst, aber nicht für mich. Nun gut. Ich hab mal einen Tag lang was anderes gesehen, gehört, gemacht und mit anderen Menschen geplaudert, wer weiß, zu was es gut war, und es passt schon zu meinem Wort des Jahres „MOVE“ – movie – bewegte Bilder.

Dieser drei-Wochen-Kurs zum „Wort des Jahres“ war sehr inspirierend und ermutigend. Hat mir gut getan, damit das Jahr zu beginnen. Und jetzt habe ich mich zu einem anderen Online-Kurs angemeldet. Achtung! Dies ist vielleicht, sicher sogar, Werbung, ich sags nur. Aber unbezahlt und unaufgefordert. Fastenchallenge heißt er und ich dachte erst „nee“ Fasten mache ich nicht. Kann ich nicht, will ich nicht. Schluss aus, dieses Essen verbieten. Darum gehts aber gar nicht. Es ist mehr in dem Sinne des „Sieben Wochen anders leben“, an dieser Aktion habe ich auch ein paar Jahre teilgenommen. Letztes Jahr war „Jammerfasten“ ein großer Hit. Eine Zeitlang nicht jammern, sich nicht beschweren, nicht nörgeln. Weiß nicht, ob man das sieben Wochen lang schaffen kann. Ein Versuch wäre es wert. Bei der Fastenchallenge aber geht es ums „Entrümpeln“ unserer Wohnung und gleichzeitig darum, mit dem Entrümpelten etwas Gutes zu tun. Unsere Wohnung ist sooo voll, es passt nichts mehr rein. Ich MUSS das machen! Zufällig und unbeabsichtigt habe ich schon einen winzigen Einblick erhalten und darf hier noch nichts erzählen, aber es hat mich sehr begeistert. Das mache ich also und freue mich darauf!

So viel ganz schnell und für eben, damit Sie ein paar der blauen Bilder zum Wochenende bekommen (heute ist es schon wieder bedeckt und soll regnen). Bis die Tage!

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Dies und das

Schwierig, dieser Januar. Ich arbeite immer noch den Dezember ab. Da hatte ich plötzlich so ein Energietief, dass ich alles, alle Projekte, alle Anfragen, alle private Post, sogar sämtliche Lektüre liegen gelassen habe und nur das gemacht habe, was unbedingt erledigt werden musste. Alles andere habe ich auf Januar geschoben. Hoffend auf die Anfangsenergie des neuen Jahres. Aber die blieb dieses Jahr aus. Nicht nur bei mir, auch in Agnes trifft geht es um den schwierigen Anfang, bei Herrn B. liest der Januar sich ebenfalls mühsam. Literarisch, aber mühsam. So wurschtele ich mich durch, ich bin nicht untätig, überhaupt nicht, aber ich habe das Gefühl, es geht nicht voran, die Tage sind zu kurz oder vielleicht bin ich zu müde und brauche für alles zu lang.

Ich habe die Weihnachtsdeko entschlossen weggeräumt, um Raum und Klarheit zu schaffen. Ein Versuch. Hat aber nicht viel gebracht. Voller Schwung habe ich Orangenmarmelade angesetzt, ein dreitägighes Projekt, wie Sie wissen, am dritten Tag tippe ich neben dem Kochtopf etwas zu lange auf dem Telefon herum, vergesse umzurühren und irgendwann macht es blubb und eine dunkle Blase explodiert in der gelben Masse. Aaahrgh, Kreisch, Panik. Die Marmelade ist angebrannt. Seien Sie froh, dass ich erst eine Woche später darüber schreibe, ich brüllte so unflätig in der Küche herum, dass Monsieur das Haus verließ. Ich habe alles versucht, umtopfen, weiterkochen und was nicht alles, der Geschmack war nicht so schlecht, aber sie war dunkelbraun und wurde nicht fest. Vielleicht versuche ich es diese Woche noch einmal. Die Gemüselieferung brachte mir Bio-Orangen und Zitronen, ein Zeichen könnte man sagen.

Letzte Woche gab es frischen Mangold, was mich dazu verlockte, die berühmte süße Mangoldtourte aus Nizza zu backen, (ich schrieb schonmal darüber) auch etwas aufwändig, sie wurde schön, schmeckte aber nicht. Also zumindest nicht nach Mangold. Und auch nicht nach den Äpfeln. Ich erinnere mich bei solchen Misserfolgen immer an Martha, die Köchin aus „Bella Martha“, die, als sie eine Apfeltorte probierte, sagte: „ich kann schmecken, welchen Zucker Sie NICHT genommen haben“. Voilà. Ich habe nicht die richtigen Äpfel genommen, sie schmeckten nach gar nichts, die richtigen müssen auch nach dem Backen noch diese leichte Säuerlichkeit haben. Alles ist so schwierig geworden, seit ich mir bewusst bin, wie etwas im Idealfall schmecken soll. Und es war wohl auch nicht genug Mangold. Nun gut, sie war süß immerhin und gegessen haben wir sie trotzdem.

In der Gemüselieferung von dieser Woche waren unter anderem Topinambur und Wirsing, chou frisé, heißt er im Französischem frisierter Kohl übersetze ich das gerne nicht ganz korrekt. Topinambur habe ich noch nie gegessen, ich war also ganz vorurteilsfrei, sieht aus wie Ingwer und schmeckt – hm – wie eine Mischung aus Artischocken und Kartoffeln. Die Topinambur-Kartoffelpfanne mit Rosmarin, die ich gestern machte, war nicht schlecht, verursachte aber Bauchweh und beachtliche Blähungen. Dann lieber Wirsing. Der verlockte mich zu Wirsingrouladen, die gabs heute und da ich keinen bestimmten Geschmack suchte, waren sie einfach lecker. Dazu gabs Tomatensoße und Reis von meinem Bioerzeuger aus der Camargue. Der Geschmack dieses Naturreis‘ löste bei mir einen Erinnerungsflash aus, meine Madeleine de Proust sozusagen. Es flashte mich in meine Kindheit. Plötzlich sah ich meinen Kinderkaufladen wieder vor mir. Der Reis hat genau den Geschmack der gepufferten Reiskörner, die in den kleinen Produktschachteln herumraschelten, und die ich natürlich alle aufgegessen habe. Eigentlich ein unspektakulärer Geschmack, ohne Salz, ohne Zucker, nach sehr ursprünglichem Reis anscheinend. Unglaublich, was das Hirn alles abspeichert.

Am Montag wurde Monsieur geimpft. Ich hatte ihn über eine Internetseite eingeschrieben, drei Tage später wurden wir angerufen und man gab uns einen Termin. Ohne Verhandlungsspielraum, heißt, der Termin war à prendre ou à laisser, man kann ihn nehmen oder es bleiben lassen, es gibt keine Alternative. 13.40 Uhr in einer Sporthalle in Cannes La Bocca. Die Sporthalle wurde von der Police Municipale gesichert, Monsieur wurde mehrfach auf Listen gesucht und weitergeschickt, ich durfte mit, wurde aber nicht geimpft. Klar. Hier sind momentan nur die Personen 75+ dran. Ein junger Arzt erklärte alles, fragte Krankheiten und Beeinträchtigungen ab, gab Anweisungen für den Fall dass … und Monsieur unterschrieb, dass er alles verstanden hat und außerdem einverstanden ist, geimpft zu werden. Zack, weiter in den nächsten Saal, dort impften junge Ärzte und Ärztinnen im Akkord. Am längsten dauerte das An- und Ausziehen von mehreren Pulloverschichten. Kleiner Pieks und weiter in den Ruheraum. Dort sollten wir eine Viertelstunde bleiben, aber es brauchte dann eine ganze Stunde, bis wir die Impfbescheinigung und den neuen Termin bekamen. Der zweite Termin ist gesichert. Es ist allerdings schon öffentlich zu hören, dass die Impfstofflage in Frankreich deutlich angespannt ist.

Hoffte ich eigentlich, dass es mit der Impfung etwas leichter und freier würde, so lauteten die Ankündigungen unseres Innenministers gestern ganz anders: Die Ausgangssperre (18 Uhr bis 5 Uhr) wird beibehalten. Die Skilifte in den Skistationen bleiben, trotz schönstem Schnee, geschlossen. Die Wiedereröffnung von Restaurants, ursprünglich für Mitte Februar angedacht, ist derzeit auf April verschoben, Bars, wir reden nicht von Nachtclubs, sondern von den netten Orten der Geselligkeit, die von allen Franzosen für den Milchkaffee am Morgen, den kleinen Kaffee nach dem Essen und dem kleinen Gläschen oder zwei oder drei zum Apéro genutzt werden, bleiben noch bis Juni geschlossen. Bis Juni! Meine Herren.

Wir steuern außerdem, so wird gemunkelt, auf ein neues confinement zu. Damit wir in den Februarferien nicht herumfahren und das neue Südafrikanische Virus verbreiten. Kein Ski, kein Après-Ski, kein gar nichts.

Gibts was Positives? Joe Biden ist als neuer Präsident vereidigt worden! Uff! Die Mimosen blühen. Das neue Frankreich Magazin ist erschienen und auch dort sind die Mimosen der Côte d’Azur Thema.

Und es gibt darin eine Kolumne der Autorin. Das ist alles ganz schön. Die Ohrenentzündung der Katze ist auch weitgehend geheilt. Ich mache ein Word-of-the-Year-Seminar und versuche mein neues Wort für dieses Jahr „Move“ (Bewegung) zu verinner- und veräußerlichen. Punktuell sehr schöne inspirierende Energie. Immerhin.

Aber dann. Jean-Pierre Bacri ist gestorben. Kennen Sie vielleicht nicht. Die deutsche Presse teilt sich diese Zeilen. Bezeichnenderweise gibt es den ebenso kurzen AFP Nachruf auf arte nur in französischer Sprache. Ein Schauspieler, der vor allem super meckrige Rollen gespielt hat, der französische raleur par excellence, Misanthrop geradezu. Jean-Pierre Bacri, le plus tendre de nos râleurs s’en est allé, hat Macron getwittert. Bacri wurde von den Franzosen geliebt. Und auch von mir. Der erste Film, den ich mit ihm sah, damals noch in Deutschland, war Le gout des autres. Ein melancholischer etwas proletarischer Unternehmer verliebt sich eines Abends bei einer Theateraufführung, die er nur gegen seinen Willen besucht, in eine Schauspielerin, deren Darstellung ihn zutiefst berührt. Er sucht ihre Nähe und seine Verwandlung vom unkultivierten raleur, zu jemandem, der Theater, Kunst und ein anderes Leben im Kunstmilieu kennen- und lieben lernt, über den sich die Intellektuellen hingegen lustig machen, ist berührend zu sehen. Mich hat Bacri in dieser Rolle gepackt.

Wenn wir Pech haben, ist der französische Filmtrailer in Ihrem Land wieder nicht zu sehen.

Ich habe dann versucht, alle Filme mit Jean-Pierre Bacri (davon neun von und mit Agnès Jaoui, seiner langjährigen Lebensgefährtin) zu sehen. Comme une image mochte ich sehr, auch wenn Bacri dort durchgängig unsympathisch bleibt.

Jetzt komme ich vermutlich ein bisschen arrogant rüber, aber wenn Sie können, sehen Sie sich diese Filme in französischer Sprache mit Untertitel an. Sie sind einfach so französisch und die deutsche Version schafft es nicht im Ansatz, die Stimmung wiederzugeben. Als ich damals Un air de famille in Deutsch sah, weil ich auf Französisch nicht alles verstand, war ich völlig irritiert. Was reden die da? Wie sprechen die denn? Ich habe es nicht ertragen und sah mir die französische Version dann so oft an, bis ich sie verstand. Bei Un air de famille habe ich immer das Gefühl, an einem Treffen meiner ehemaligen Schwiegerfamilie teilzunehmen und sie gleichzeitig von außen zu sehen. Manchmal tut es weh. Zu nah an der Realität.

Die Fernsehsender haben ihr Programm über den Haufen geworfen und zeigen seit vier Tagen Filme mit Bacri, einer kam auf arte, der war, so ein glücklicher Zufall, schon vor seinem Tod programmiert. La Baule-sur-Pin heißt er auf Französisch Ein Sommer an der See ist der deutsche Titel, unter dem jeweiligen Link sind beide Versionen noch bis zum 24. auf arte zu sehen. Sehenswert, kein fröhlicher Film, aber sehr französisch.

Falls Sie jetzt keinen der eingefügten Filme in Ihrem Land sehen können, dann geht vielleicht hier eine Zusammenstellung des „Best of“ – Französisch, klar.

Das ist jetzt mal das, was mir am wichtigsten war aus der Reihe Vermischtes. Ich will noch übers Essen schreiben, versprochen, und ich will vor allem (nicht nur) ein Buch vorstellen. Kommt alles.

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WmdedgT Januar 2020

Same procedure as every year. Was machen wir denn Schönes den lieben langen Tag, fragt Frau Brüllen jeden 5. des Monats, heute ist der 5. und ich mache mit beim allgemeinen Tagebuchbloggen. Sie lesen das ja anscheinend ganz gerne. Auch Monsieur hat sich daran gewöhnt, dass ich unsere „Poesie des Alltags“, wie Marion das nannte, immer mal wieder detailliert ausbreite und wundert sich schon gar nicht mehr, wenn ich „Stop!“ rufe und schnell noch Essen fotografiere oder ihn auffordere, ein Foto von mir zu machen.

8 Uhr, Monsieur weckt mich, indem er die Fensterläden aufstößt, aber es ist noch ziemlich dunkel draußen. Ich bekomme aber Kaffee und Rührkuchen ans Bett gebracht und lese auf dem Telefon etwas im Internet herum. Ein paar Frauen aus Australien und Neuseeland haben schon etwas in meinem Word-of-the-Year-Kurs gepostet. Das Lied von Diana Ross „I’m comin out“ soll heute die Inspiration sein. Die Australierinnen haben Sommer und zeigen ihre Beine (my legs come out) – wir haben Winter, es ist ungemütlich feucht und kalt an der Côte d’Azur. Es regnet und hat schon tagelang geregnet, im Hinterland liegt wahnsinnig viel echter Schnee und die Skistationen sind geschlossen!

8.30 Uhr. Da die Katze morgens so zutraulich ist, schnappe ich sie mir und gebe ihr zusammen mit Monsieur einen Teil ihrer Medizin: Pipette in den Mund, es ist eine Zumutung, findet die Katze und wehrt sich verzweifelt. Aber wir waren gestern beim Tierarzt, sie hat eine Ohrenentzündung und eine Pilzkolonie in den Gehörgängen, dagegen tun wir nun etwas. Immerhin hat das Antibiotikum für Katzen nun anscheinend unwiderstehlichen Fleischgeschmack, das frisst sie trotz der Kränkung mit der Pipette widerspruchslos.

Ich ziehe mich halbwegs inspiriert an, so ganz mutig ist es nicht mit den Farben, also kein wirkliches „Outcoming“, aber ich finde mich joyful, playful, colourful, es geht schnell, ich will auch praktisch angezogen sein, ich habe um 9.3o Uhr einen Termin beim Osteopathen und will dort schnell aus- und wieder angezogen sein. Ich versuche noch schnell ein Foto zu machen, aber es ist generell zu düster und das elektrische Licht macht alles Pink zu Rot.

Kurz vor 9 Uhr fahre ich nach Mandelieu, ich fahre am Meer entlang, es ist feuchtkalt (5°C), es nieselt und ist so dunkel, man könnte meinen die Welt ginge unter. Ich mache zwei Fotos davon.

9.30 Uhr beim Osteopathen erzähle erst ich meine Beschwerden, denn nein, nichts ist besser geworden in der Zwischenzeit, dann erzählt er mir sein Leid, danach zieht und dehnt er meinen Körper in alle Richtungen. Danach habe ich immer noch Schmerzen, aber andere.

Gegen 10.30 Uhr bin ich dort fertig und fahre wieder am Meer entlang zurück. Halte spontan an, um Fotos zu machen. Es ist immer noch düster, es nieselt und es ist windig. Ich habe vor Jahren mal in einem Geo- oder mare-Heft spektakuläre Meerfotos gesehen, und dann zeigte man die Fotos der „anderen“ Seite, also das, was hinter dem Rücken des Fotografen zu sehen war. Es war oft sehr ernüchternd. So sieht es hier auch aus.

Ich halte noch beim Bäcker an und kaufe Brot.

Zuhause ist Monsieur noch und wieder bei den Neujahrswunsch-Telefonaten. Ich scrolle etwas durchs Internet. Dann mache ich Essen. Chicoreesalat mit Clementinen, bei der Gelegenheit presse ich die Mandarinen aus, die wir gestern geschenkt bekamen und die mir zu viele Kerne haben, um sie so zu essen. Hier ein Foto mit Mandarinen (hellgelb und mit Kernen) und Clementinen. Mandarinen riechen und schmecken ganz anders als Clementinen. Wir trinken beide ein Gläschen Mandarinensaft.

12.30 Uhr Mittagessen: Etwas pâté für Monsieur, Chicoreesalat, Lachs und dazu eine Getreidemischung, in die ich gegen Ende der Kochzeit den Rest des roten Reis‘ werfe, der gestern übrig geblieben ist. Ich habe via crowdfarming nicht nur Mangos bestellt, sondern auch noch ein Reisfeld in der Camargue „adoptiert“ und bekam sechs Kilo Reis als Gegenwert geliefert. Es ist ein ganz kleiner Erzeuger, der seine Reisfelder mit Enten vom Unkraut befreien lässt. Dies ist eine japanische „Technik“, die der Sohn des Reisbauern nach einer inspirierenden Reise nach Japan eingeführt hat. Der Reis ist köstlich, braucht aber lange Kochzeit. (Wenn Sie bei dem Reis-Bauer-Link nach unten scrollen, kommt ein ganz nettes Video über diese Enten und ihren Job, auf Französisch allerdings)

Nach dem Essen hänge ich ein bisschen mit der Katze und dem Telefon auf dem Sofa herum, nicht genug Zeit für eine Sieste vor dem nächsten Termin.

13.45 Uhr fahre ich zu meiner Gemüselieferung. Seit ein paar Wochen lasse ich mir einmal wöchentlich Gemüse liefern – Carole und Céline liefern das Gemüse nicht nach Hause, aber auf mehrere Parkplätzen in Cannes, etwas, was sie während des ersten Confinements begonnen haben und weiterhin anbieten. Es ist nicht weit, ich könnte auch dorthin laufen, müsste aber mit zwei schweren Taschen wieder hügelauf zurücklaufen. Noch tun mir beide Arme zu sehr weh. (Ich könnte auch auf den Markt gehen, tue ich auch hin und wieder, aber ich kaufe dort entweder zu viel oder zu wenig, oft bin ich uninspiriert – ich finde diese Art der Lieferung praktisch, die Menge reicht für eine Woche und alles ist superfrisch!)

14 Uhr. Sie sind pünktlich. Ich bekomme eine etwas veränderte Lieferung, weil ich weder rote Beete, noch schwarzen Rettich, noch Sellerie mochte. Ich bekam stattdessen Lauch und Biozitronen – und Spinat, Salat, Kartoffeln, Karotten, Echalotten, und zwei Romanesco-Kohl und zusätzlich 6 Eier.

14.15 Uhr wieder zu Hause. Ich lege mich kurz hin. Wache erst eine gute Stunde später wieder auf, als das Telefon klingelt. Trinke einen Kaffee, scrolle durch Facebook, beantworte eine relativ dringende Mail (ich bin so im Rückstand mit Mails und Kommentaren und Post! So viele Menschen haben mir geschrieben!). Ich versuche den lieben Admin wegen der verlorenen Kommentare zu erreichen, bekomme nur den AB, hinterlasse eine Nachricht, räume das frische Gemüse in den Kühlschrank und fange hier an zu schreiben.

Zeitlich hier irgendwo macht Monsieur ein Foto von mir und meiner pinkfarbenen Baskenmütze. Wollten Sie doch sehen, oder?

17 Uhr mache ich uns Tee und jeder bekommt eine Scheibe des saftigen Orangenkuchens, den ich gebacken habe, so lecker! Danke übrigens für die Idee, ein Kochbuch zu machen, es schmeichelt mir, ich könnte es „Ehrliche Rezepte“ nennen und im Untertitel „wenn ich es kann, können Sie es auch“ ;-) aber ich fürchte der Markt ist schon gesättigt mit dem Kochbuch von Frau Bonnet („begeisterte Hobbyköchin“) und dem von Herrn Bannalec).

18 Uhr bekomme ich eine Nachricht, dass die Kommentare wieder da sind, man musste tief in den Eingeweiden des upgedateten Programms Häkchen setzen. (Sie sind wieder da und ich habe sie noch nicht mal beantwortet, *schäm*) Fettes DANKESCHÖN an Claus, ohne ihn wäre ich da total verloren! Mit ihm telefoniere ich dann ein gutes Stündchen und wir bringen uns auf den neuesten Stand.

19.50 Uhr die Zeit ist verflogen mit ichweißnichtwas. „On mange quelque chose?“ fragt Monsieur. Ich peppe die chinesische Hühnersuppe von gestern (home made, klar) wieder auf mit noch etwas Huhn, Lauch, Ingwer und chinesischen Nudeln. Die Katze bekommt ein weiteres leckeres Antibiotikum und Futter.

20.40 Uhr ich tippe hier, wir werden jetzt einen gestern aufgezeichneten Film sehen – Le repos du guerrier – nach einem Buch von Christiane Rochefort, das mich seinerzeit sehr beeindruckt hat. Den Film kenne ich nich nicht, er wurde gestern zum Tode von Robert Hossein ausgestrahlt. Pierre Cardin ist übrigens auch gestorben … wissen Sie natürlich alles schon. Zu Pierre Cardin verweise ich gern auf meinen Beitrag vom letzten Jahr, als ich das Museum in Paris besuchte.

Ok, ich habe einen riesigen Berg Bügelwäsche, normalerweise bügele ich vor dem TV, aber ich glaube, ich habe dazu heute keine Lust mehr.

So, jetzt habe ich den Film noch gesehen, mit Brigitte Bardot … sehenswert, erinnert mich an eine ähnlich destruktive Bezeihung, die ich einmal hatte, der Film endet anders als das Buch.

Mein Beitrag endet hier. Es ist Viertel nach Elf, ich kann es grad noch schaffen, am 5. zu posten.

Die anderen Tagebuchblogger wie immer bei Frau Brüllen. Merci fürs Lesen!

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Rück- und Ausblicke

Schreib etwas, fordert mich das Layoutprogramm auf, dann schreib‘ ich eben was.

Dies ist ein Initialbuchstabe, hübsch, was? Wir probieren jetzt mal alles durch, was mir an Neuigkeiten so angeboten wird. Frohes Neues Jahr übrigens und dies ist ein frohes neues Layout. Vielleicht finden wir so auch die verlorenen Kommentare wieder. Auf der Suche nach den verlorenen Zeit, was für eine schöne Überleitung, heißt, das wissen Sie vermutlich, dieses mehrere tausend Seiten umfassende Werk von Marcel Proust, das ich mir kürzlich in Form einer (sehr gewichtigen) bande dessinée als Lektüre für den zweiten Lockdown ausgewählt hatte. Ich sah mich schon Madeleines backen und Lindenblütentee trinken und nachmittags endlich dieses Buch verschlingen. In gezeichneter Form schaffe ich selbst Albert Camus, aber an Proust bin ich erneut gescheitert. Ich habe es versucht, aber vermutlich lag es daran, dass ich leseunterstützend keine Madeleines gebacken habe, ich fand sie langatmig und mühsam, alle diese Geschichten aus der französischen Bourgeoisie mit ihren komplizierten Gesellschaftsregeln, sie wurden auch nicht amüsanter in Bildchenform. Aber vielleicht schaffe ich es doch noch: Jetzt gibt es nämlich gleich Marcel Proust als Podcast! Man liest ihn uns vor! Der Schauspieler Peter Matic (hier fehlt ein Sonderzeichen, das ich nicht einsetzen kann, Matitsch muss man ihn wohl aussprechen, er war übrigens die Synchronstimme von Ben Kingsley) hat die 329 Folgen in acht Jahren eingelesen! Was für ein Mammutprojekt! Es beginnt am kommenden Montag. Das wär doch was, oder? Den Hinweis auf diesen Podcast verdanke ich Herrn Buddenbohm.

Der Streetart-Künstler Ernest Pignon-Ernest hat die heutige Ausgabe von Nice Matin gestaltet
Der Streetart-Künstler Ernest Pignon-Ernest hat die heutige Ausgabe von Nice Matin gestaltet

Ein guter Plan für das nächste Jahr könnte ebenso ein Tagesplaner und Terminkalender mit dem gleichlautenden Titel sein. Ich bekam ihn genialerweise geschenkt, kannte weder den Kalender noch den Verlag, der von zwei jungen Menschen gegründet wurde, die beide schon einen Burnout hinter sich haben und „achtsames Leben“ in ihren Alltag integrieren wollten. Ich weiß, das „Achtsamkeitsthema“ ist schon durchgenudelt bis hin zum Kalauer. Aber Sie haben vielleicht mein letztes Buch gelesen und wissen, dass ich die eine oder andere Therapiestunde und das eine oder andere Online-Seminar hinter mir habe, und Spaß beiseite, ich weiß, von was die Rede ist. Der Kalender ist schön gestaltet (und sogar vegan, das hat mich etwas irritiert, aber ok, kein Ledereinband) und beinhaltet einen ganzjährigen Do-it-yourself-Kurs in Achtsamkeit und Selbstfürsorge. Aber man muss es auch und selbst machen.

Der Rest vom Fest

In diesem Zusammenhang könnte ich Ihnen von meinem Umgang mit dem französischen Essen zu den diesjährigen Jahresendfesten erzählen. Sie wissen es, die Tische in Frankreich biegen sich in dieser Zeit unter der Last der fetten Gänselebern, der gefüllten Kapauns, der Dutzenden von Austern, dem Lachs, den Jakobsmuscheln, dem cremigsten Käse, der Buttercremigen Bûche de Noël und all der kakaobestäubten Schokotrüffel, des Champagners und der Grand Crus. Niemand hat mehr Hunger und doch wird immer noch ein Gang aus der Küche herangetragen. Man reiche mir eine Feder. Jedes Jahr um diese Zeit befiel mich die sogenannte Leberkrise, eine nur in Frankreich bekannte Krankheit, die ganz schlicht auch „Kotzeritis“ heißen könnte, weil man sich von dem zu Viel an Luxusgenüssen unter Jammern und Klagen, Fiebrigkeit und kaltem Schweiß und letztlich konvulsischen Zuckungen über der Kloschüssel wieder befreit. Und dieses Jahr? Dieses Jahr nicht! Viele von Ihnen, die mein Buch gelesen haben, haben mich gefragt, ob ich das mit dem Essen über diesen intuitiven Ansatz dauerhaft in den Griff bekommen habe. Ja, habe ich. Es ist ganz großartig! Es war mein Projekt für das vergangene Jahr. Es gab zwar kein Word of the Year, das mich begleitete, aber ich wollte dieses zwanghafte Essen, dieses Hungern und Überessen, dieses ständige Diät-Halten und trotzdem zunehmen, das mich fast mein ganzes Leben behrrschte, loswerden, frei davon sein, normal essen können. Ich habs geschafft. Ich esse normal, und außerdem alles, was ich will, aber ich will gar nicht mehr alles essen, das ist das Besondere. Ich lebe hier derzeit mit ungelogen fünf Kilo Schokolade in Form von Schokotrüffeln, Pralinen und „normaler“ Schokolade in weihnachtlicher und weniger weihnachtlicher Geschmacksrichtung, alles sehr fein, ich habe hier und dort geöffnet und probiert, aber ich esse sie nicht. Also ich esse sie, aber ich esse sie nicht mehr einfach weg. Früher habe ich Schokolade eingesaugt wie ein Staubsauger. Der regelmäßige Griff in die Pralinenschachtel oder der Gang zum Schrank, wo ich versuchte, die Schokolade „unsichtbar“ aufzubewahren, waren an der Tagesordnung. Jetzt nicht mehr. Ich achte auf meinen Hunger und wenn ich Hunger habe, will ich etwas „Richtiges“ essen. Schokolade gibts danach, aber mit einem Stück oder mit zweien ist es gut für den Rest des Abends. Sie steht vor mir und ich will sie nicht. Die Schokolade im Schrank vergesse ich. Das hat es noch nie gegeben. Abgenommen habe ich ganz nebenbei auch. Keine dramatischen Zahlen, aber ich bin ganz glücklich damit. Essen ist normal geworden. Großartig.

Ich kann das Thema gerne, falls es Sie weiterhin interessiert, noch einmal ausführlicher behandeln, schreiben Sie mir eine Kontaktmail und was Sie wissen wollen, Sie müssen sich hier nicht in den Kommentaren (selbst wenn man sie derzeit nicht sehen kann) outen.

Das vergangene Jahr war zwar wahnsinnig anstrengend, aber in persönlicher Hinsicht sehr erfolgreich. Und ich bin darüber sehr glücklich. Glücklich, genau. Das spüre ich auch mehr und mehr. Schön, was?

Al Fresco Dining

Glücklich machend und schön sind auch die Bilder von Susie Lubell, einer amerikanisch-israelischen Künstlerin, der ich seit ein paar Jahren in ihrem Schaffen folge und von der ich zwei weitere Bilder erstanden habe. Eines, weil ich ein Bild von diesem eigenartigen Jahr haben wollte, das ausdrückt, was ich fühle. Und eines (mein Geburtstags- und Weihnachtsgeschenk), weil ich mich darin verliebt hatte. Sie sind vorgestern angekommen und ich bin wirklich ganz begeistert von ihrer Farbigkeit, ihrer Frische, ihrer Energie, die unser Heim wohltuend aufpeppen. Erste improvisierte Installation vor ungemachtem Bett, weil die Farben so toll passen!

Improvisation vor ungemachtem Bett
Sequencing

Auch schön sind all die Bücher, die hier angekommen sind, und denen ich gerne etwas mehr Raum geben möchte, zuvor müssen sie aber gelesen werden. Vielleicht komme ich jetzt dazu, wenn es, immer frei nach Karl Valentin, nach der stillen Zeit endlich wieder ruhiger wird.

Lesen!

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Le reveillon 2020

Gleich ist dieses Jahr zu Ende und ich komme zu nichts. Auch nicht zu den exzessiven Silvesterwünschen in den sozialen Medien, es nimmt ja kein Ende, alle vielhundert Freunde wünschen etwas Jahresendzeitliches und dann wünschen alle vielhundertfach zurück und noch einmal und und und. Ich mag Sie alle wirklich gern, aber das schaffe ich nicht dieses Jahr. Tut mir leid. Und nein, das Problem mit den verschwundenen Kommentaren habe ich auch noch nicht klären können. Gestern hatte ich noch ein knapp ganztägiges französisches Essen für zwei Personen: von Acht bis Zwölf vorbereitet, gegessen, erzählt und mit Abstand zusammengesessen von Zwölf bis halb Sieben. Es war sehr schön, verstehen Sie mich nicht falsch. Aber Zeit und Energie bindend. Heute dann Einladung zum kleinen nachmittäglichen Crêpes-Essen bei Freunden, das auch von 15 Uhr bis 19 Uhr dauerte und nur aufhörte, weil um 20 Uhr Sperrstunde ist, und wir bis dahin zuhause sein mussten. So wie es aussieht, wird die Sperrstunde ab dem 2. Januar auf 18 Uhr vorverlegt. Fängt ja gut an, diese neue Jahr … seufz.

Der heutige Abend wird sehr ruhig, uns stört es weniger, wir sind keine Silvesterfeierer und waren erleichtert, als wir uns nach ein paar Jahren anstrengender Feierei gegenseitig gestanden haben, dass wir an Silvester lieber Team Sofa sind. Das wissen Sie natürlich, wenn Sie mich schon etwas länger lesen. Feuerwerk gibt es in Frankreich auch nicht, zumindest kein privates (wenn Sie hier nochmal einen alten Text über meinen Faux pas mit Wunderkerzen in Paris lesen wollen) und dieses Jahr gibt es auch kein Feuerwerk der Stadt. (Sollen ja alle zuhause bleiben und nicht gucken gehen!). Sie können gern auch noch bei Hilke Maunder über französisches Silvester nachlesen.

Unser Essen wird heute weniger üppig, Reste von gestern und ein paar nette Sächelchen von einem neu entdeckten griechischen traiteur. Um Mitternachtt, wenn ich noch wach bin, gibts falschen Champagner (ohne Alkohol), Prost und santé, und ich höre und sehe mir dieses virtuelle Live-Konzert in der ebenso virtuellen Kathedrale Nôtre Dame à Paris von Jean Michel Jarre an – Das wollte ich Ihnen unbedingt noch mitgeben, kommt vermutlich zu spät für Sie, aber vielleicht gibt es hier noch eine(n) versprengten Leser(in), der/dem das Freude machen kann. Ab 23.25 Uhr bis 0.15Uhr.

ps: ich habe jetzt x-mal versucht, dieses Video erfolgreich einzubetten, aber man kann es nicht abspielen – wie dem auch sei, ich habs mir eine Zeitlang live angesehen, es war spektakulär, aber die Musik ist nicht mehr ganz meine Welt.

Alles andere erzähle ich Ihnen an einem der nächsten Tage – es sind bislang keine weiteren ausschweifenden Geselligkeiten vorgesehen und es wird vermutlich eine Woche lang regnen. Da sollte was gehen.

Ich gebe Ihnen noch diesen Text von Yoko Ono aus meinem anderen Adventskalender mit, den ich sehr mochte. Er stand dort eigentlich am 24. Dezember, seitdem bin ich dort auch lesetechnisch im Rückstand. Wie gesagt, ich komme zu nix.

Himmelsstück X

Der Himmel ist nicht nur über unseren Köpfen. Er streckt sich bis runter auf die Erde. Immer, wenn wir den Fuß vom Boden heben, laufen wir im Himmel.

Laufe mit diesem Wissen durch die Stadt. Überlege, wie lange du heute im Himmel gelaufen bist.

Ich wünsche uns allen, dass wir im nächsten Jahr viel im Himmel laufen!

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Weihnachten 2020 – die Fortsetzung

Oh weh, WordPress zwingt mir ein neues Layout auf. Ich wollte nur schnell etwas tippen und nicht ein neues Layout lernen. Grrr. Keine Ahnung, was das jetzt gibt. Warum kann nicht alles so bleiben, wie es war … herrjeh, unmerklich wird man zu jemandem, den man früher verachtet hat. Diese Technik-Muffel, die den Fortschritt verweigern. Man wird doch noch ein neues Programm lernen können …

Herzlichen Dank für Ihre lieben Kommentare zum letzten Beitrag, ich will da auch noch persönlicher antworten, aber jetzt erstmal die Fortsetzung … wollen Sie doch wissen, oder?

Am 24. passierte hier nicht allzuviel, ich versuchte mich in jeder HInsicht für den 25. vorzubereiten und machte einen Plan, was ich in welcher Reihenfolge zuzubereiten hatte und sah noch einmal im Internet die Videos für die Orangensauce an und für die vol aux vents, die kleinen Blätterteigpasteten, die mit Meeresfrüchten in einer anderen Sauce gefüllt werden. Alles alleine zu machen (vom Tisch decken, nicht zu früh, damit die Katze sich nicht wieder mittenreinlegt, über sämtliche Saucen, den Braten, die Beilage, den Salat, das Dessert und die Schnuckeleien danach) an alles im richtigen Moment zu denken, und rechtzeitig fertig zu bekommen, ist immer hart an der Grenze dessen, was ich vermag – ich habe solche aufwändigen Essen ja noch nicht so oft im Leben hergestellt. Ich mache das gleiche Essen wie im letzten Jahr, damit fühle ich mich halbwegs sicher und versuche so, eine Tradition zu erarbeiten.

Als erstes mache ich die vol aux vents, ich erinnere mich aber nicht mehr, mit welchen Gläsern ich den Blätterteig letztes Jahr ausgestochen habe und mache sie aus Versehen sehr groß, eine Blätterteigpackung reicht nicht aus, für die vierte Pastete, breche ich eine andere Packung an. Drei Pasteten explodieren geradezu im Ofen, sie kugeln in sechs Teilen rund auf dem Backblech herum und die vierte geht gar nicht auf. Ich versuche die sechs aufgeblähten Blätterteigkugeln eher wenig erfolgreich in drei Pasteten zurückzuformen und werfe die vierte, platt und schwer, weg. Ich entscheide, noch einmal vier kleine Pasteten zu machen, und erkenne, dass ich für die vierte Pastete zuvor einen falschen Teig (pâte brisé, statt pâte feuilleté) genommen hatte. Na prima. Beim zweiten Anlauf klappt es, auch hier kugeln mehrere aufgeplusterte Pastetenteile im Ofen herum, aber sie lassen sich zusammensetzen.

Jetzt die Basis für die Orangensauce. Mit selbstgemachtem Karamell, abgelöscht mit Rotweinessig, Orangensaft hinzu, Kalbsfond – eigentlich einfach, aber ich habe sie noch nie so gemacht. Klappt.

So arbeite ich mich von einem zum anderen, ich bin schon ein bisschen schlecht in der Zeit, wegen der doppelten Pasteten, dann, halb elf, kleiner Überfall von Monsieurs Tochter, wir machen um halb Zwölf ein halbes Stündchen Apéro und Geschenke mit allen, hat sie entschieden, wir sagen nach all dem Drama nicht nein, ich sage nur, ich kann nicht wirklich dabei sein, ich schaffs nicht, aber das wird großzügig abgewinkt. Ich lege einen Zahn zu bei den Vorbereitungen, schicke Monsieur das bestellte Brot und die Bûche abholen, bin dann, klar, auch dabei, wir sitzen mit so viel Abstand wie möglich im Wohnzimmer herum, alle sind da, aber nicht alle sind wirklich begeistert von dieser Aktion. Es gibt echten und falschen Champagner und improvisierten Apéro und Geschenke. Ich bekomme von Monsieur eine pinkfarbene Baskenmütze geschenkt, die ich aus lauter Begeisterung den ganzen Tag aufbehalte. Es dauert natürlich über eine Stunde, dann verschwindet die kleine Familie wieder, meine beiden Gäste aber sind schon da und ich bin nicht fertig, ich habe vor allem vergessen, die Ente in den Ofen zu schieben. Oh! Eine Stunde bei 180°C sagte der Metzger, ich nehme es vorweg, es werden dann anderthalb Stunden, die Wartezeit versuche ich mit den foie-gras-Häppchen und den vol aux vents au fruits de mer zu überbrücken. Der Champager ist jetzt auch schon alle. Es wird alles gut, nur etwas spät, dafür überspringen wir den Käse und den Salat und kommen gleich zur geeisten Bûche de Noel, die daher nicht rechtzeitig aus dem Gefrierfach genommen, hart wie Stein ist und alle stochern herum und Merengueteile fliegen über den Tisch. Für den Kaffee, zu dem Clementinen, frische Datteln und Schokolädchen gereicht werden, wechseln wir wieder ins gelüftete Wohnzimmer, wo ich ein Massaker entdecke: die Katze fand es reizend, dass wir ihr ein paar foie-gras-Häppchen auf dem niedrigen Tisch übrig gelassen haben, sie liegt zufrieden und schwer auf dem Sofa.

Wir sitzen dann noch bis 17 Uhr zusammen, dann zieht sich der Himmel schwarz zu und die Gäste beschließen, vor dem angekündigten Gewitter aufzubrechen. Ich bin so erschöpft, dass ich nur noch halb abwesend in den Fernseher starre, das erstaunlich starke Gewitter nehme ich nur am Rande wahr. Dabei beschert es uns weiße Weihnachten: Hagel und Schnee an der Côte d’Azur! Ich sehe es erst am nächsten Morgen in der Zeitung.

Es ist kalt, aber die Sonne scheint schon wieder, Monsieur will Fahrradfahren (macht er auch) ich beeile mich, um zum etwas höher gelegenen Naturpark zu fahren, in der Hoffnung, noch ein paar Mimosen im Schnee zu fotografieren. Ich kratze das Eis von der Windschutzscheibe, bin aber zu spät, Hagel und Schnee sind in der Sonne schon geschmolzen. Man sieht nur von Weitem die schneebedeckten Alpengipfel.

Ich drehe trotzdem eine große Runde, es sind noch nicht allzuviele Menschen unterwegs.

Zurück, große Freude, es gab Post (hier ist ja kein zweiter Weihnachtstag, sondern schon wieder ein schnöder Samstag) und noch ein Päckchen von Leserinnen! Wie lieb von Ihnen! Ich danke Ihnen allen, die Sie mir geschrieben und so nette Leckereien geschickt haben! Mittags ist es heute einfach, es gibt Reste von gestern, danach lege ich ein paar Teile in das neue Puzzle (ein Geschenk, das ich mir selbst gemacht habe), dann nicke ich kurz weg. Nachmittags treffen wir Freunde auf einen Steh-Kaffee draußen, die Stadt ist voll, wir laufen trotzdem spazieren und ich muss ganz viel fotografieren.

Heute habe ich mich weiter ausgeruht, die verfleckte Tischwäsche gewaschen, gepuzzelt (fertig), gelesen und telefoniert. Am Mittwoch mache ich das nächste Essen für zwei Freunde aus den Bergen. C’est une obligation, sagt Monsieur. Na dann. Keine Ahnung, was ich machen werde, aber darüber denke ich erst morgen nach.

ps: und es war dann gar nicht so schlimm mit dem neuen Layoutprogramm – sieht zumindest alles gut aus, uff!

pps: Danke für alle Ihre Kommentare und auch für die Hinweise, dass man die Kommentare nicht mehr sehen kann – ich habe alles geprüft, auf meiner Layout-Seite kann ich es nicht ändern. Hängt sicher mit diesem Update zusammmen, ich muss das dieser Tage mit meinem treuen Admin klären – ich bitte um etwas Geduld. Schreiben dürfen Sie mir natürlich trotzdem, ICH sehe ja in den Eingeweiden des Programms alles ;-)

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No Zimt – Weihnachten 2020

Es war ein verrücktes und anstrengendes Jahr und es geht verrückt und anstrengend zu Ende.
Ich bin ja, obwohl nun Französin, immer auch noch die kleine, vernünftige Deutsche, die sich klaglos an Umstände und Gegebenheiten anpasst. Dieses Jahr ist nunmal COVID und wir sollen uns nicht mit allzu vielen Menschen versammeln. Ich weiss nicht, wie die Verlautbarung oder Empfehlung oder Verordnung für Weihnachten gerade aussieht, ob wir nun fünf Personen aus zwei Haushalten oder sechs aus drei Haushalten oder wie auch immer sein dürfen, klar ist, viele werden nicht um einen Tisch sitzen, und Reisen, insbesondere nach Baden-Württemberg sind gerade auch nicht möglich.

Mit dem Wissen, dass meine Mutter dieses Jahr zu den Feiertagen also ziemlich alleine sein wird und zusätzlich alle Veranstaltungen in Ihrem Haus abgesagt wurden: kein Konzert, kein Adventskaffee, kein Weihnachtsbazar, kein festliches Buffet, und in der Kapelle wird es auch keine Weihnachtsandacht geben, stattdessen kann man sich dort nun testen lassen, ob man COVID hat oder nicht. Nicht so sehr zum Halleluja-Jubeln, selbst dann nicht, wenn man negativ getestet ist. Angesichts dessen also, und angesichts der Tatsache, dass Monsieur vor zwei Monaten noch operiert worden war, zwar wieder recht fit ist, aber dennoch fragil, dachte ich, unausgesprochen, dass wir dieses Jahr jeder für sich bleiben und es kein großes Familienessen geben wird. Die Umstände, nicht wahr. Ich gebe zu, mir käme das entgegen, es wäre „mon tour“ gewesen, aber ich bin erschöpft und mir tut immer noch alles weh. Ich habe auch weder gebacken (sondern Christstollen aus Dresden bestellt) und keine einzige Karte geschrieben. Bitte verzeihen Sie mir das, wenn Sie normalerweise eine von mir bekommen haben, es ging dieses Jahr nicht. Monsieurs Sohn hatte angekündigt, dass er dieses Jahr nicht käme. Er hat einen neuen Job und zu viel Arbeit und überhaupt. Ich nickte das ab, für mich ist es kein Drama, aber wir sind schon lange in einem Drama, nur ich habe es noch nicht gemerkt.

Denn alle sind dieses Jahr so allein. Dieses französische Alleinsein an Feiertagen, mein Lieblingsklassiker: sie sind zu zweit oder zu dritt oder zu viert und nicht so schrecklich allein, finde ich. Im französischen Sinn aber ist auch eine Familie mit vier Personen schrecklich allein an einem Weihnachtstag ohne festliches Essen im großen Kreis.

Die einzige Person in meinem Umkreis, die wirklich allein ist, ist meine Mutter, das sage ich hin und wieder auch, und ich denke weiterhin und in kompletter Verkennung der Situation, dass jedes Paar und jede Familie für sich bleibt. Die Umstände, nicht wahr. Es ist einfach so. Ich hatte sogar im Kopf, anstelle der Familie, eventuell eine Bekannte einzuladen, die nämlich allein im Wortsinn ist, aber glücklicherweise habe ich das nicht angeleiert, sonst hätte meine französische Familie, die gerade schrecklich allein ist, mich schon gesteinigt. Denn es ist dramatisch schlimm, dass man nur ein paar Kilometer auseinanderlebt und sich AN WEIHNACHTEN NICHT sehen kann! Das hat es noch nie gegeben! Ich schüttele ein bisschen den Kopf. Französische Dramatik. Wird sich schon wieder legen, denke ich.

Man muss an dieser Stelle vielleicht einfügen, dass mein Vater an Weihnachten vor jetzt dreiunddreissig Jahren gestorben ist. Wir verbrachten ein letztes Weihnachten zusammen, kurz darauf verlor er das Bewusstsein und er starb ein paar Tage später, am 2. Januar. Danach war kein Weihnachten mehr. Also eigentlich war auch schon vorher kein Weihnachten mehr, weil mir die Familientraditionen gerade zu Weihnachten zu schwer wogen und ich damit gebrochen hatte. Aber nach dem Tod meines Vaters war definitiv kein Weihnachten mehr an Weihnachten, und wir wollten auch nicht so tun als ob, wir entschieden, es ist Schluss, es gibt auch keine Geschenke mehr. Punkt. Die folgenden Jahre blieb ich alleine, feierte mit Freunden oder Freundinnen, die aus anderen Gründen auch alleine waren, tanzte in Discos, sass in Kneipen herum, oder fuhr ein paar Jahre lang über die kritischen Tage nach Norwegen zum Langlaufen. Wenn man mal so ein gegenläufiges Weihnachten verbracht und festgestellt hat, wie viele andere Menschen auch nicht auf klassische Art Weihnachten feiern (wie viele Menschen übrigens auch arbeiten!), dann wird es ganz leicht. Man MUSS das alles nicht machen, nur weil man es schon immer so gemacht hat. Viele bewunderten mich (angeblich) für meinen Mut, damit gebrochen zu haben, und stöhnten mir vor wie schrecklich Weihnachten sei, die nervigen Traditionen, die Geschenke und die Familie. „Dann macht es einfach nicht“, schlug ich immer mal vor, denn ich glaube auch nicht, dass Jesus, um dessen Geburt es eigentlich geht, sich das so gewünscht hätte, aber nein, es geht dann doch nicht, ungehörig geradezu, sich das nur vorzustellen. Dann eben nicht, ich zuckte mit den Schultern und deckte mich mit Büchern und Filmen ein und kuschelte mich gemütlich und allein aufs Sofa.

Hier aber, in diesem konservativen Land, bricht die Vorstellung Weihnachten nicht zusammen im großen Kreis und so wie immer zu feiern nicht nur der älteren Generation das Herz, sondern auch der jüngeren. Das Telefon klingelt seit Wochen, und in immer kürzer werdenden Abständen wird wieder und wieder durchgesprochen, wie tragisch es ist, dass man sich an Weihnachten nicht sehen kann. Ich, mit meinem etwas nüchternen Blick auf Weihnachten, verstehe das alles nicht. Wir sind alle nicht wirklich allein und wir bleiben dieses Jahr aufgrund der Situation jeder bei sich, wo ist das Problem?

Irgendwann habe ich diese nicht enden wollenden Diskussionen satt, die Zeit schreitet voran, es ist schon der 19. Dezember und noch immer wird jeden Tag alles hin- und herdiskutiert. Ich habe das Gefühl, von mir wird das erlösende Wort erwartet und na gut, wenn ich ein Weihnachtsessen machen soll, dann will ich es bald wissen, um noch etwas vorbereiten zu können. Ich entscheide also, das andere verwaiste „Eltern“-Paar einzuladen, das sonst (so wie wir) „ganz allein“ wäre. Ich dachte, das ist ein guter Kompromiss. Wir wären zu viert, das ist Regelkonform, aber es stößt sofort auf Unverständnis, denn die Familie der Tochter fühlt sich mit vier Personen nun „ausgeladen“ und klar, schrecklich allein gelassen. Das Telefon klingelt nun auch nicht etwa weniger sondern mehr. Das eingeladene Paar, zumindest eine Person, fände es unerträglich, hier zu sein und die Kinder und Enkel nicht sehen zu können und will lieber nicht kommen. Die Tochter aber spricht nicht mehr mit mir. Ich verzweifele langsam. Dass ich nicht alle einladen kann, ist für mich selbstverständlich, ich bin auch nicht alleine mit der Ansicht, es sind zusätzlich zwei Personen gegen das große gemeinsame Essen, aber es gibt doch hartnäckige Vertreter des großen Essens („acht Personen sind nicht so viel!“) und sie sind in der Überzahl. Und das Telefon klingelt. Ich werde langsam hysterisch und hatte zwischenzeitlich gedanklich schon ein witziges Theaterstück geschrieben, so dermaßen hanebüchend kam mir dieses Weihnachtstheater vor, in dem alle wie unvernünftige Kinder mit dem Fuß aufstampfen: aber ich will Weihnachten wie immer haben!

Aber dann war schlagartig die Luft raus aus allem Witz, die Tochter, pragmatisch und in der Regel eher wenig gefühlig, begann zu weinen, als ich ihr alternativ ein Essen für Ihre Familie zwei Tage später vorschlage. Das ist nicht dasselbe, weint sie: In vierundvierzig Jahren wird dies ihr erstes Weihnachten ohne festliches Familienessen, und ohne dass sie ihre Eltern sähe. Ich sehe sie fassungslos an. Sie sieht ihre Eltern fast täglich, aber dieses Weihnachtsding ist ihr (und tatsächlich der gesamten atheistischen Familie), tatsächlich so wichtig und sie ist sehr verletzt. Ich erkläre nun meine Weihnachtsnüchternheit, erzähle von meinem Vater und weine dann auch, nach dreiundreißig Jahren, einmal mehr um ihn. Wir weinen beide in ihrer Küche und schniefen in unsere Masken.

Wir reißen uns zusammen und versuchen noch einmal einen Kompromiss zu finden, eine Art Wintergrillen mit allen, draußen auf der Terrasse. Das Wetter ist mild, es wird an Weihnachten laut Météo nicht regnen – wir telefonieren erneut mehrfach halbstündig hin und her, aber es scheitert am Einspruch einer Person.

Ich mache jetzt also ein festliches Essen für vier, mit dem niemand wirklich glücklich ist, aber absagen will es natürlich auch keiner mehr. Immerhin sind wir dann nicht allein, befinden alle, denn das wäre noch schlimmer. Die Familie der Tochter ist jetzt absichtlich nicht da und fährt ins verschneite Bergdorf. (Dort wäre ich langsam auch lieber) Ich verspreche, die Familie der Tochter demnächst ebenso festlich zu bekochen (Regelkonform, vier Erwachsene aus zwei Familien plus zwei (zugegeben große) Kinder). Aber es bleibt eine tiefe Verstimmung.

Was ist mit den Geschenken, frage ich. Wann sollen wir das machen, vor dem Bergaufenthalt oder danach? Alle zucken nur missmutig mit den Schultern. Ach Geschenke. Darauf hat nun wirklich keiner Lust. Dieses Jahr gibts keine, brummen sie unzufrieden. Na toll. Seit Jahren predige ich das und mich hört keiner. Dieses Jahr habe ich zum ersten Mal für jeden ein Geschenk und bin auch richtig zufrieden damit, und jetzt wollen sie sie nicht? Weihnachten 2020. Es bleibt anstrengend. 

Ich bin dieses Jahr so gut wie nirgends hingekommen, die weihnachtlichen Fotos sind vom letzten Jahr, ich habe sie meines Erachtens damals nur auf Facebook geteilt.

Einen wundervollen Spaziergang durchs weihnachtlich erleuchtete Nizza können Sie auf dem Blog von Feli machen.

Hier ein etwas älterer weihnachtlicher Rundgang durch Cannes (sieht aber alles immer noch so aus).

Die Musik, ein Konzert in der Heidelberger Peterskirche, verdanken ich und Sie meiner Freundin Sabine, die mir heute den Link dazu schickte. Herzlichen Dank dafür!

Das Programmheft dazu gibt es hier!  Und ich zitiere meine Freundin:

Zum Konzert… ja, am Anfang hört es sich sehr „modern“ an… ich kann versichern, dass ändert sich nach dem 1. Stück (was ohnehin eine Kombination aus zwei Werken ist)… ich finde es ganz zauberhaft, wie alle Mitwirkenden zusammen musizieren… und den Videobeitrag an sich, in dem stimmungsvolle Aufnahmen von den Kirchenfenstern der Peterskirche vorkommen, aber auch Heidelberg (nicht nur) bei Nacht, der um die Ecke fahrende Linienbus – immer mit der wundervollen Musik untermalt – ihren Auftritt haben… Und unbedingt auch die Texte im Programmheft lesen – sie passen so in diese Zeit…!

Danke Sabine!

Ich wünsche Ihnen (wenn Sie es feiern) so frohe Weihnachten wie möglich! Lassen Sie sich vom Alleinsein nicht verdrießen, und wenn doch, seien Sie getröstet, man darf auch weinen an Weihnachten. Es geht vorbei, auch diese eigenartige Zeit wird vorbeigehen, und die Geburt Jesu verheißt  Hoffnung, Licht und Liebe! Und wenn Sie das nicht glauben, dann wünsche ich Ihnen einfach so Licht und Liebe! Passen Sie weiterhin auf sich auf!

à bientôt!


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