Bei Wind und Wetter

Genau, es hat mich buchstäblich weggeweht. Diesen Hoppser, den man unfreiwillig macht, wenn der Wind einen hochhebt und ein Stück weiter (hoffentlich) wieder absetzt, habe ich in Cannes noch nicht oft erlebt. Aber gestern auf dem Weg zum östlichsten Zipfel der Stadt, der Pointe Croisette, warf mich der Wind in die Luft. Wow! Ich konnte den Fotoapparat kaum halten, so wehte es, Haare, Windjacke und Tuch wirbelten durch die Luft und die Worte, die ich einer anderen Frau zurief, flogen ungehört davon. Il y avait du vent! 

Der Himmel sah bizarr aus, die Möwen schienen sich im Ostwind zu amüsieren und es war ganz großartig! Und wieder nehme ich mir vor, jeden Tag und bei jedem Wetter raus und ans Meer zu gehen. Das Meer ist es auch bei Regen und Sturm immer ein Erlebnis, und mich nur eine halbe Stunde draußen durchpusten zu lassen, tut mir immer gut. Rote Backen inklusive.

Die Surfer und Kiter aber waren weit draußen und rasten am Horizont von rechts nach links und wieder zurück.

Das Zoomobjektiv meiner Kamera ist nicht sehr stark, insofern bleibt alles klein. Zusätzlich war gestern alles eigenartig unscharf: meine Brille war binnen Sekunden mit einer feuchten Salzschicht bedeckt. Die Fotos habe ich quasi blind gemacht.

 

 

 

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Il y a du vent

„Wir könnten am Strand spazierengehen“, schlug ich in meiner anfänglich naiven Côte d’Azur-Verliebtheit gerne mal vor. „Oder am Strand in einem Restaurant Essen gehen.“ Essen am Strand gibt mir immer ein Urlaubsgefühl, das ich, die „da arbeitet, wo andere Urlaub machen“, doch auch mal haben will. „Il y a du vent“, knurrte Monsieur nach einem kurzen Blick aus dem Fenster. Es ist windig. Zu windig, für Monsieur, den alten Segler. Es machte mich jedes Mal rasend. Wind! Ph! „Wo ist denn hier Wind?!“, empörte ich mich und starrte aus dem Fenster, um zu sehen, was er sieht. Er zeigte auf die Baumwipfel der Zypressen vor dem Fenster, die sich, man muss schon genau hinsehen, leicht bewegen. Es könnte auch Einbildung sein. Ich starre die Zypressen kritisch an. Haben sie sich bewegt? Ja, doch, vielleicht. „Und wegen dem bisschen Wind, können wir nicht an den Strand?“, frage ich fassungslos. Monsieur antwortet nicht mal. Er hat schon gesagt, was gesagt werden musste. Il y a du vent.

Ich bin kein Kind der Küste und des Meers. Ich kann nicht auf Anhieb beim Gekräusel der Wellen sagen, „Wind aus Südost“ oder mit schicksalhafter Stimme: „Mistral“. Bei Mistral geht ja gar nichts mehr. Kein Einheimischer geht bei Mistral raus. Auch die Segler suchen jetzt nervös Schutz im rettenden Hafen. Obwohl wir hier im Osten nur mit den schwachen Ausläufern des Mistral zu tun haben. So richtig weht der Mistral weiter drüben in der eigentlich so lieblichen Provence, besonders gern im unteren Rhônetal, in Arles, Avignon, in der Camargue oder in Marseille. Und zwar entweder drei Tage oder sechs Tage oder neun Tage, sagen französische Bauernregeln. Der Himmel wird dann wolkenlos und stahlblau, das Blau des Meeres bekommt ein intensives, karibisches Blau, ein „Überblau“ habe ich irgendwo gelesen.

Aber gleichzeitig bläst er einem den Kopf weg. Nach mehreren Tagen Mistral sind Mensch und Tier gleichermaßen durchgeschüttelt und erschöpft, „fada“ sagt man hier, verrückt. Napoleon soll Mördern Gnade gewährt haben, oder er hat ihnen zumindest die Todesstrafe erlassen, wenn ihre Tat nach drei Tagen Mistral erfolgt war. „Ver-rückt“ im Sinn des Wortes, sind häufig auch die Mauern, zusammengebrochen nämlich.

In der Zwischenzeit habe ich begriffen, dass das leichte Lüftchen, das die Wipfel der Zypressen im Inneren der Stadt schaukeln lässt, am Strand wie ein ausgewachsener Sturm empfunden wird. Obwohl er natürlich immer noch verharmlosend Wind heißt. Da wehen einem die Sandkörner stechend ins Gesicht, dass man sich verzweifelt Tücher um den Kopf wickelt, wie ein Tuareg in der Sahara. Die Strandrestaurants haben rund um die Terrassen ihre durchsichtige Plastikverkleidung angebracht, an der nun der Wind zerrt. Das Plastik knattert und flattert und selbst wenn man drin isst, kommt es einem ungemütlich vor. Draußen aber fegt es nicht nur die Gläser und Servietten und Blumenkübel davon, auch die nicht zusammengeklappten Sonnenschirme machen plötzlich einen Satz und fliegen in wilden Umdrehungen am Strand entlang. Il y a du vent. 

Er ist anstrengend der Wind, das weiß ich heute, auch wenn es nicht der Mistral ist. Seit heute Nacht weht und heult und pfeift der Wind wieder ums Haus. Ostwind habe ich gerade erfahren. Die Fensterläden unseres Hauses und der Nachbarhäuser klappern. Im Kloster auf der kleinen Ile St. Honorat, wo man dem Wind noch viel mehr ausgeliefert ist, habe ich zum ersten Mal innen angebrachte Fensterläden gesehen. Der Sinn erschließt sich einem erst wirklich bei starkem böigen Wind oder bei Sturm. Das Geklapper eines oder mehrerer nicht oder nicht ausreichend fixierter Fensterläden, die mit unstetem KNALL, RUMMS, KLAPPklappKLAPP, QUIETSCH und wieder KLAPP die ganze Nacht, dem böigen Wind ausgeliefert, wieder und wieder an die Hauswände schlagen, raubt einem nicht nur den Nachtschlaf, es macht einen fada, verrückt.

Nach acht Jahren Côte d’Azur sehe und verstehe ich jetzt die Zeichen. Heute aber bewegen sich nicht nur die Wipfel der Zypressen, sondern die Zypressen biegen sich komplett und bedrohlich über unser Dach. Wer nicht muss, geht jetzt nicht raus. Il y a du vent, sagt Monsieur wie erwartet und zieht die Decke übers Kinn. Er dehnt lieber seine Sieste noch etwas aus. Die einzigen, die sich dem Wind und den entsprechenden Wellen leidenschaftlich entgegenwerfen, sind Surfer oder Kiter. Die Pointe de la Croisette, der östlichste Zipfel von Cannes, ist ein beliebter Spot.

Und ich geh‘ jetzt raus Surfer gucken :D  Il y a du vent! 

wird fortgesetzt … Fotos folgen …

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Momente des Vergessens

„On m’a empêché de prendre mon déambulateur à la clinique et voilà!“, sagt meine Schwiegermutter vorwurfsvoll zu mir und es ist klar, wen sie mit dem eigentlich neutralen „on“ meint. Ich habe verhindert, dass sie ihren Gehbock aus dem Krankenhaus mitgenommen hat. Und jetzt haben wir den Salat. Sie kann nicht aus dem Auto aussteigen. Sie hat keinen Gehbock, ha!

Ich fange an zu zweifeln. Tatsächlich kenne ich den Gehbock meiner Schwiegermutter nicht und ich war nicht zugegen, als sie ins Krankenhaus eingewiesen wurde, bzw. sich hat einweisen lassen, gegen den Willen von Monsieur. Ich ging davon aus, dass der Gehbock im Krankenzimmer der der Krankenhausstation war, genau wie der Rollstuhl, mit dem wir sie zum Auto gefahren haben. Monsieur und ich haben sie nach einer guten Woche im Krankenhaus abgeholt und nach Hause gefahren, und während sie und ich vor der Haustür warten, ist Monsieur nach oben geeilt, um den Gehbock meiner Schwiegermutter zu holen, damit sie sich, Schrittchen für Schrittchen vorwärts bewegen kann. So der Plan. Nun, ich beginne zu zweifeln. Wenn es nun tatsächlich ihr Gehbock war? Ich erkläre noch einmal „ich ging davon aus, dass es der Klinik-Gehbock war …“ „NEIIIN“, meine Schwiegermutter würde jetzt vermutlich gern mit dem Fuß aufstampfen, aber so viel Kraft hat sie nicht mehr in den Füßen. „Es ist MEIN Gehbock!“ Ich seufze. Wenn wir jetzt hier ohne Gehbock sind und nochmal zurück zum Krankenhaus fahren müssen … es ist 12 Uhr und meine Schwiegermutter hat feste Essenszeiten. Ihre Schimpftiraden will ich mir gar nicht vorstellen.

Sie murmelt halblaut noch ein paar Unfreundlichkeiten „so etwas passiert immer, wenn zu viele Leute da sind …“ und „ich hätte besser alles selbst gemacht“. Sie sieht mich nicht an, aber ich weiß schon, mit „zu viele Leute“ bin ich gemeint, woraufhin ich ihr ihre vier Taschen vor die Haustür stelle und meinerseits unfreundlich sage, „na, dann machen Sie doch alles selbst“. Hat sie vermutlich nicht gehört. Sie trägt ihre Hörgeräte nicht mehr. Ich gehe aus der verbalen Schusslinie und warte.

Monsieur kommt die Treppen heruntergeeilt, in der Hand einen Gehbock, viel massiver als der vom Krankenhaus, und stellt ihn vor meiner Schwiegermutter ab. Sie sieht mich triumphierend an und sagt mit ebensolcher Stimme: „Sehen Sie! Da ist er, mein Gehbock! Ich wusste es ja!“

Ich enthalte mich jeden Kommentars.

Meine Schwiegermutter, die im Sommer 98 wird, war in ihrer Wohnung gefallen. Ich war nicht zugegen, ich schipperte mit meiner eigenen Mutter auf der Rhône herum. Sehr nett übrigens. Das nur am Rande. Nun, der Sturz hat ihr nicht nur ein Hämatom von der Hüfte bis zum Knöchel eingebracht, sondern sie auch kurzzeitig verwirrt. Monsieur hat vier Tage und Nächte bei ihr verbracht, aber sie fand sich nicht angemessen betreut und ließ sich von ihrer neuen Hausärztin kurzfristig ins Krankenhaus einweisen, als Monsieur nur schnell bei uns zu Hause die Katze fütterte. So hat man es mir erzählt. Ich war ja nicht da. Meine Schwiegermutter wurde im Krankenhaus dann aber nicht, wie sie es sich erhoffte, wie die Königinmutter umsorgt, einen Arzt sah sie gleich gar nicht. Es war Mittwoch vor Ostern. Sie wurde geröntgt und man besah ihr Hämatom, versicherte ihr, dass nichts gebrochen war, aber viel mehr passierte nicht. Medizinisch gesehen jedenfalls. Was passierte war, dass sie sich mit den Krankenschwestern herumstritt, weil sie nicht das essen wollte, was man ihr gebracht hat. Sie ließ es demonstrativ unangetastet stehen und genau so nahm es die Krankenschwester wieder mit. „Die geben mir hier nichts zu essen!“ erzählte sie uns. „Sie wollte nichts essen“, erklärte uns die Krankenschwester. Wir besuchen sie am folgenden Abend. Sie schlief tief und fest und während wir überlegten, ob wir sie wecken oder nicht, kam die Krankenschwester mit dem Abendessen. Meine Schwiegermutter brauchte gefühlt Stunden, bis sie sich zurechtgeruckelt hat, und dann schaut sie verständnislos das Abendessen an. „Was ist das denn?“, fragt sie. Monsieur liest den Begleitzettel vor: „Omelette mit Spinat und Käse. Das ist bestimmt gut.“ „Das soll ich jetzt essen?“ „Ja, Maman“, sagt Monsieur und hält ihr die Gabel hin, „du musst etwas essen“. Sie schüttelt den Kopf und besieht den Zettel. „Das ist das Abendessen von Freitag Abend“, sagt sie dann empört. „Was für eine Idee, mir jetzt das Abendessen von Freitag Abend zu servieren!“ „Aber es IST Freitag Abend“, bestätigen wir. Sie sieht uns mit einem eigenartigen Gesichtsausdruck an, leicht amüsiert, so als würde sie uns Scherzkeksen nicht auf den Leim gehen. „Ich will meinen Kaffee“, sagt sie enschieden und schaut auf die Armbanduhr. „Halb sieben, da kann man doch seinen Kaffee erwarten, oder?“ Sie schiebt das Omelette weg. Nichts zu machen, sie will es nicht essen, sie will ihren Kaffee, denn sie will uns auch nicht glauben, dass es Freitag Abend ist. Das passiert jetzt jedes Mal, wenn sie von einem Schläfchen erwacht. Auch mitten in der Nacht. Da ruft sie dann bei uns an und weiß nicht, wo sie ist und warum und klagt nun sogar weinend ihren Kaffee ein: „Die geben mir hier nichts zu essen!“ Das sind Momente, wo sie mich rührt in ihrer Hilflosigkeit. Monsieur redet auf sie ein, erklärt ihr, wie sie die Krankenschwester rufen kann und bleibt am Telefon, bis die Krankenschwester gekommen ist. Er schläft nicht mehr vor Sorge, sagt, die ungewohnte Umgebung tut ihr nicht gut und er will seine Mutter aus dem Krankenhaus holen. Es ist Karsamstag. Um Acht Uhr morgens eilt er, gegen die Besuchsordnung, ins Krankenhaus, um seine Mutter zu sehen. Die hat aber in der Zwischenzeit ihren Kaffee bekommen und ist zufrieden und außerdem klar im Kopf. Und nein, sie will im Krankenhaus bleiben. Sie sind alle ganz reizend hier, vor allem der junge Krankenpfleger. Sie hat zunehmend weniger verwirrte Momente und wehrt sich vehement gegen alle Versuche, ihr für zu Hause eine Dame zu suchen, die abends darauf achtet, dass sie isst, trinkt, die (richtigen) Medikamente nimmt und gut ins Bett kommt. Sie brauche niemanden.**

So ist es bislang. Seit sie wieder in ihrer gewohnten Umgebung ist, hat sie auch keine Momente des Vergessens mehr. Also diese besondere Art des Vergessens. Vergesslich ist sie schon. Aber das bin ich ja auch in der Zwischenzeit. Ich fand es dennoch sehr bizarr, diesen ersten Momenten des Vergessens beizuwohnen.

The Usual from Zubin Sethna on Vimeo.

** Nur damit Sie sich nicht sorgen, jeden Vormittag kommt bereits eine Krankenschwester und eine Dame, die ihr bei der Toilette und dem Anziehen hilft. Außerdem hat sie fünfmal in der Woche eine Dame, die ihr bei den kleinen Dinge im Haushalt hilft und einmal pro Woche eine Putzhilfe. Sonntags ist sie „alleine“, wird aber entweder besucht (Familie, Freundinnen) oder irgendwohin eingeladen (Familie, Freundinnen). Jeden Tag rufen Monsieur und seine Tochter an, und sie wechseln sich beim Einkaufen und bei allem anderen ab. Meine Schwiegermutter hat alle Angebote, etwa, bei uns im Haus im Erdgeschoss zu wohnen oder in ein Altersheim hier um die Ecke zu gehen, abgelehnt.

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WMDEDGT 04/2018 außer Konkurrenz

Heute ist der 6. April. Ich war den ganzen Tag lang sicher, heute sei der 5. und es wäre Tagebuchbloggen dran, Sie wissen schon bei Frau Brüllen. Aber nein, ich habs verpasst. Und es war sogar Jubiläumsbloggen. Gestern. Hm. Da ich aber schon den ganzen Tag alles vor mich hinmemoriere, damit ich nur nichts vergesse, kriegen Sie den heutigen Tag trotzdem. Tagebuchbloggen außer Konkurrenz also.

Gegen 7 Uhr aufgewacht. Ziemlich vermatscht. Ich hatte gestern Schwierigkeiten einzuschlafen. Monsieur schnarchte, auch dann noch als ich ihn anstupste und er sich auf die Seite drehte. In der Nachbarwohnung lief noch der Fernseher. Ich höre ja alles, Sie wissen das schon. Ich schlafe ohne Ohrstöpsel, seitdem der Ohrenarzt sie mir quasi verboten hat. Es klappt erstaunlicherweise gut, das Schlafen ohne, ich bin selbst am meisten darüber erstaunt, dass ich mir sie so ratzfatz abgewöhnen konnte. Ich schlafe anders seither. So richtig kann ich es nicht erklären. Aber ich muss zunächst einschlafen, das ist das Schwierigste. Wenn Monsieur schnarcht, geht es nicht. Ich greife also irgendwann doch wieder zu den Ohrstöpseln. Jetzt wiederum finde ich das Gefühl, Schaumstoffstöpselchen in den Ohren zu haben komisch. Aber ich schlafe ein. Um halb fünf wache ich auf und huste. Monsieur hat seine nächtliche Spülsession und ist nicht da. Ich huste und huste und huste. Ich stehe auf und suche Hustensaft und stecke ein Kissen unter das Kopfkissen. Ich huste. Halsweh habe ich auch. Ich habe seit vier Monaten Halsweh. Nicht genug, um krank zu sein, aber zu viel, um sich gesund zu fühlen. Seit einer Woche fühle ich einen Druck auf den Bronchien. Ich nahm und nehme Hustenzäpfchen und bin sogar mal zwei Tage im Bett geblieben, um es gar nicht zu einer Bronchitis kommen zu lassen. Im Bett fühlte ich mich gut. Seit gestern Nacht huste ich wieder. Irgendwann dämmerte ich wieder ein.

Monsieur, der nach dem nächtlichen Spülen wieder ins Bett kam und problemlos weitergeschlafen hat, steht sofort auf, er hat um halb neun einen Zahnarzttermin. Ich quäle mich aus dem Bett, trinke einen Kaffee und esse zwei Stück Rührkuchen und danach geh ich ins Bad. Die Hustenzäpfchen machen mir Durchfall. Husten muss ich trotzdem. Ich beschließe zum Arzt zu gehen. Vielleicht ist es allergisch, vielleicht was anderes, vielleicht gibt es ja irgendein Mittelchen, das meine Halsschmerzen beendet. Es ist bald Schwimmsaison, ich will ins Wasser, den ganzen Winter war ich nicht schwimmen, weil ich mich so halswehig fühlte. Ich ziehe mein neues grasgrünes Kleidchen an und fühle mich sehr beschwingt. Das Wetter ist genau richtig, um es noch noch mit Strumpfhosen und Jacke anzuziehen.

Monsieur fährt zum Zahnarzt. Heute ist Nathalie-Tag und ich räume noch schnell etwas auf. Ich lege Monsieurs Klamotten zusammen, die über dem Sessel hängen und fange an zu schimpfen. Er hat die nagelneuen weißen T-Shirts, eine gute Qualität, zum Streichen angezogen und sie sind voller Farbflecken. Herrjeh.

Um Neun kommt Nathalie. Wir beziehen zusammen das Bett frisch, ich bin in der Zwischenzeit fast sicher, dass meine Husterei allergisch ist, letztes Jahr um diese Zeit hatte ich eine große Allergiekrise, deren Ursache ungeklärt blieb, aber irgendwas ist es vielleicht doch, außer der Katze – gegen die ich eine Desensibilisierung begonnen habe, aber beide Labors, die den Wirkstoff produzieren, arbeiten nicht mehr oder noch nicht wieder oder was auch immer, die Desensibilisierung wird also abgebrochen. Aber da ich vor allem im Bett huste, will ich alles abziehen, waschen und neu beziehen. Und die Katze bekommt energisch wieder Bettverbot. Man wird ja so ein bisschen nachlässig im Laufe der Zeit. Ich wechsele das Winterdeckbett gegen ein neues leichteres Übergangsdeckbett, und will später das Deckbett einschließlich meines kleinen Daunenkissens zur Wäscherei bringen.

Monsieur kommt um halb zehn zurück vom Zahnarzt. Er hat Fleisch und Hackfleisch gekauft, das ich in Portionen einfrieren soll, aber ich will jetzt zum Arzt aufbrechen, und stopfe das Fleisch zunächst in den Kühlschrank. Monsieur bittet, dass ich vorher noch schnell meine Freundin anrufe, die eine Wohnungsauflösung macht und uns eine Waschmaschine angeboten hat. Ob wir die Waschmaschine in den nächsten Tagen abholen könnten? Leider fährt die Freundin morgen für den restlichen Monat in die Berge und es ginge nur heute. Heute nachmittag spielt Monsieur Bridge. Er hat eine neue Partnerin, die er schon einmal versetzt hat, nochmal kann er das nicht machen. Also jetzt. Passt es jetzt? Der Freundin passt es, aber ich sage, dass ich jetzt zum Arzt gehe und keine Waschmaschine abholen kann. Monsieur sagt, ach komm, wir holen die Waschmaschine schnell ab und du gehst danach zum Arzt. Ich maule etwas herum, dass ich mich, seit ich in diesem Land lebe, an diese unorganisierte Art anpassen muss, und dass ich es satt habe, und ich ziehe mich um, im Kleidchen und mit Ballerinas kann ich keine Waschmaschine tragen. Wir fahren ans andere Ende von Cannes und die Freundin zeigt uns die Wohnung, in der viele dunkle schwere Möbel stehen, die zu schade für den Sperrmüll sind, die aber dennoch kein Mensch mehr will, auch ich nicht. Die Freundin schluchzt etwas. Ihr Mann ist noch nicht lange tot, alles hier ist voller Erinnerungen. Die Waschmaschine ist noch in der Küche eingebaut und zwar ziemlich massiv. Monsieur hat kein Werkzeug dabei. Natürlich nicht. Ich ziehe die Augenbrauen hoch. Die Freundin hat auch kein Werkzeug. Wir suchen dennoch im Abstellkämmerchen und finden zwar kein Werkzeug, aber alte Fotoapparate des verstorbenen Mannes und wieder schluchzt die Freundin. Und ein zusammengeklappter Tisch mit Samtoberfläche. Ein Bridgetisch sagt Monsieur und bekommt glänzende Augen. Ach, das alte Ding, sagt die Freundin, nimm ihn mit. Wir nehmen den Bridgetisch mit und noch einen Aktenschrank, eine Fotografie des Bergdorfs und noch eine Enzyklopädie des Niçois, den Dialekt, den man in Nizza spricht, und die Monsieur einem Bouquinisten anbieten will, aber nicht die Waschmaschine, wir kriegen sie nicht losgeschraubt. Machen wir später im April, es eilt ja nicht, sagt Monsieur jetzt großzügig. Ich sehe ihn giftig an. Wir umarmen die Freundin und fahren die Möbel nach Hause. Es ist Punkt zwölf. Nathalie verlässt das Haus. Es ist sauber, wie toll! Monsieur hat Hunger. Es gibt die Reste der Lasagne von gestern, aber wir haben nichts Frisches, keinen Salat, kein Gemüse. Monsieur findet das nicht schlimm und trinkt frischen Rosé dazu und isst noch etwas Brie mit frischen Brot. Ich esse einen halben Apfel und ein Joghurt. Die Katze frisst ihr Katzenfutter.

Dreizehn Uhr Sieste. Das Bett ist frisch bezogen und ich lege mich müde ab. Und huste augenblicklich. Monsieur legt sich hin und schläft. Ich huste und ärgere mich. Der Arzt hat Nachmittags keine Sprechstunde, da macht er Hausbesuche. Freitags mittags ist er aber vielleicht sowieso schon weg. Wochenende. Um 14 Uhr bin ich müde gehustet und wir stehen wieder auf. Ich fahre Monsieur zum Bridge, behalte seine Kreditkarte, betanke das Auto und fahre zum Supermarkt einkaufen. Auf dem Weg wollte ich bei der Wäscherei das Deckbett abgeben, aber in der Straße vor der Wäscherei stehen Polizeiwagen und Polizisten herum, ich traue mich nicht, mich in zweiter Reihe kurz illegal hinzustellen und fahre direkt zum Einkaufen.

Ich wollte Ihnen eigentlich ein Panoramafoto des Angebots vom gekochten Schinken machen. Ich bin immer wieder fassungslos über die zehn oder noch mehr Meter Schinken. Aber ich habe mein Handy nicht dabei. Kein Foto also. Es gibt gekochten Schinken in Packungen mit zwei Scheiben, mit vier Scheiben, mit sechs oder mit acht Scheiben Schinken. Mit Schwarte oder ohne. Mit weniger Salz und ohne Nitrit und ohne OGM und ohne was weiß ich, und das alles von mehreren Marken. Außerdem gibt es wieder diese Großfamilienangebote. Drei Packungen mit acht Scheiben für den Preis von zwei Packungen. Das kommt für uns nicht infrage, aber das gleiche Angebot gibts auch für allerhand anderes. Beim Wasser greife ich zu. Wasser brauchen wir immer. Dreimal sechs Flaschen stilles Wasser und dreimal sechs Flaschen Eau gazeuse für jeweils den Preis von nur zwei Packungen. Damit ist der Wagen schon voll. Ich bin uninspiriert für das Abendessen. Im Winter gibts abends immer Suppe, aber ich habe keine Lust mehr auf Suppe. Winter ist es nicht mehr. Warm ist es aber auch noch nicht und für Salate ist es definitiv noch nicht der Moment. Das Gemüse im Supermarkt macht mich auch nicht an. Ich will es lieber morgen auf dem Markt kaufen. Ich entscheide mich für ein paar Crêpes und Galettes. Daraus kann man was machen. Ich nehme relativ lustlos noch allerhand anderes mit. Um halb fünf bin ich fertig, fahre nach Hause, stelle dort zunächst alles nur in den Hausflur. Ich versuche nochmal, die Wäscherei anzufahren und finde halbwegs nah einen Parkplatz und laufe von dort mit dem Deckbett zur Wäscherei. Bis Mittwoch, sagt die Frau in der Wäscherei und sucht auf dem Kalender das Datum. Heute ist der Sechste, sagt sie und ich begreife, dass ich das Tagebuchbloggen verpasst habe.

Auf dem Weg zurück, sage ich meinem Schneider guten Tag und bestelle spontan ein Sommerkleid. Er hat drei knallige Stoffe zur Auswahl und ich kann mich nicht entscheiden, aber er wird sowieso erst ein Modell nähen. Wir philosophieren noch ein bisschen über das Leben und ich fahre nach Hause. Halb sechs. Die Katze klagt ihr verpasstes 17 Uhr Fressi ein. Ich räume die Einkäufe weg, mache mir einen koffeinfreien Kaffee und fange an, hier zu tippen. 19 Uhr Monsieur kommt vom Bridge und erzählt. Er schaltet den Fernseher an. Das Telefon klingelt. Ich habe Halsweh und huste. Jetzt ist es kurz nach Acht, ich gehe in die Küche und mache Abendessen. Viertel nach Neun, ich schreibe hier und schaue nebenbei fern. Später muss ich das Fleisch noch einfrieren. Das war mein Tag. Danke, wenn Sie bis hierhin gelesen haben. Und ein schönes Wochenende!

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Der Wolf ist da!

Heute kamen dann auch meine Belegexemplare, hurrah! Ich konnte sie nicht in der Wiese dekorieren, wie ich es ursprünglich vorhatte (Wölfe im Unterholz), sie war zu nass. Hier regnete es nämlich die letzten Tage und nicht zu knapp. Heute aber scheint die Sonne, da habe ich schnell ein paar Fotos gemacht. Aus Gründen, die wir nicht verstehen, ist aber nur eines halbwegs gelungen.

Wölfe im Vorgarten

Ich wünsche Ihnen allen ein schönes Wochenende!

 

 

 

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Spiegel-Bestseller

Oh was sind wir stolz und froh: Christine Cazons „Wölfe an der Côte d’Azur“ ist auf Platz 16 der aktuellen Spiegel-Bestsellerliste!!! Danke Ihnen allen!!!

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Das Cannes von Christine Cazon

„Das ist ja wie in Norddeutschland hier“, lachte Hilke Maunder, als sie aus dem Auto stieg und fast davongeweht wurde. Glücklicherweise ist die Journalistin ursprünglich Hamburgerin und so schnell erschüttern sie die Wetterverhältnisse nicht. Auch Sturm, Kälte und strömenden Regen an der Côte d’Azur nimmt sie lachend mit.

Die Autorin hat sich mit Hilke Maunder getroffen und ihr „ihr“ Cannes gezeigt. Es war ein toller Nachmittag, trotz des Côte d’Azur untypischen Wetters. Das „andere“ Cannes bei „anderem“ Wetter sozusagen.

Reportage und Fotos von Hilke Maunder

Die super schöne Reportage über die Autorin und „ihr“ Cannes gibt es  klick –> auf Hilke Maunders Blog „Mein Frankreich“.

Herzlichen Dank Hilke, für deine Begeisterung und Ausdauer, das Cannes jenseits des Touristentrubels kennenzulernen!

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Ein Wolf auf dem Balkon

Ceci n’est pas un loup

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La belle au bois dormant

Kürzlich sagte ich schon, dass Cannes keine junge Stadt ist. Grafitti gibt es hier nicht. Fast nicht, sage ich jetzt. Denn es gibt „junge“ Orte und dort gibt es auch Grafitti, nur, offiziell ist das alles nicht. Schon der Zugang zum Gelände, das in Privatbesitz ist, auch wenn der Besitzer sich hier nicht sehen lässt, ist nicht gestattet. Aber welche abenteuerlustigen Jungs und Mädchen schreckt das wirklich?! Selbst ich erkundete zu einer Zeit verlassene Kleingärten, stolperte dazu über Stacheldraht, kletterte dort auf Bäume, aß die Kirschen und klaute Johannisbeeren und Rhabarber. Zu wissen, dass es eigentlich verboten war, machte die Sache umso spannender. Und auch heute hat das Verbotene für mich noch einen Reiz. Zumindest, wenn es darum geht, besondere Orte zu entdecken. Bevor Sie also wirklich gar keinen Schnee mehr sehen wollen, zeige ich Ihnen schnell noch die Fotos des Aussichtsturms l’observatoire und des ehemaligen Salon de thé, in ihrem heutigen und Schnee-aktuellen Zustand.

Zutritt verboten

L’observatoire

Auf der Aussichtsterrasse

l’observatoire et salon de thé

innen

innen Detail

außen Grafitti

außen Grafitti II

auf der Terrasse

Mimosenschneemann

Hier noch einmal der Link zur —>  Geschichte. 

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Schneespaziergang in Cannes

Heute früh war es so kalt, dass mir die Nasenhärchen zusammenklebten, als ich kurz zur Post und zum Bäcker gegangen bin. Und die Straßen waren gesalzen wie für einen Katastrophenfall. Sie sind hier mit Schnee und Eis so ungeübt, Sie kennen einfach kein Maß. Dank der Kälte ist der Schnee nämlich immer noch da. Zumindest etwas weiter oben, dort, wo ich gestern auch schon war. Ein bisschen mehr Licht gab es heute auch, so dass ich Ihnen noch ein paar Schneefotos zeigen werde. Ich höre Sie stöhnen, ich weiß, Sie haben den Schnee und die Kälte eigentlich satt, manche sind auch extra wegen der Sonne und der milden Temperaturen hierher gekommen und sind jetzt extrem vergrätzt. Dabei ist er so schön der Schnee in Cannes, und so selten, dass ich Sie voraussichtlich erst in zehn Jahren wieder damit behelligen werde. Und so schlimm wie der Schneefall 1956, von dem sich nicht nur unsere Orangenbäume nie wirklich erholt haben, ist es ja auch nicht.

1956, ENORME TEMPÊTE DE NEIGE SUR LE VAR ! from Honnorat jean claude on Vimeo.

Also dann …  ein kleiner Schneespaziergang nicht gerade in Cannes, aber oberhalb, in la Croix des Gardes, mit Blick auf Cannes.

Spazierweg in la Croix des Gardes

Blick auf die Iles de Lérins

Blick auf Cannes

Blick auf eine Villa

Schneebelastete Mimose

Blick auf das Esterelgebirge

Während ich hier schreibe stellt Salvatore Adamo in meiner Lieblingssendung C’est à vous gerade sein neues Album vor. Tatsächlich entdecke ich Adamo, dessen Stimme ich früher nicht mochte, gerade für mich. Hier ein zum Wetter passender früher Titel von ihm: Tombe la neige

Salvatore Adamo – Tombe La Neige 1963 from smalltown on Vimeo.

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Es schneit in Cannes!

Es schneit! Seit heute morgen. Die ersten drei grisseligen Flöckchen habe ich noch spöttisch dokumentiert.

die ersten Schneeflöckchen

Ich glaubte nicht wirklich an den angekündigten Schnee. Aber dann wurden es dicke Flocken und ich bin in Windeseile in den Naturpark La Croix des Gardes gefahren, der ein bisschen erhöht liegt. Dort wo ich immer die Mimosen aufnehme, Sie wissen schon. Und dann war ich so aufgeregt über all den Schnee und hatte ganz schnell eiskalte, steife und nasse Finger, dass ich fast alle Fotos verwischt und verwackelt habe.

Mimosen und Schnee

Mimosen im Schnee

Schnee La Croix de Gardes

Es schneit in Cannes! Wow! Das hat es schon jahrelang nicht mehr gegeben. Das letzte Mal angekündigt war er für 2012. Damals schneite es sogar in Marseille, aber nicht bei uns. Heute aber! Und es hat noch nicht aufgehört.

la neige

Und wissen Sie, wo ich eben für Sie war?! In La Californie, auf dem Villenhügel, der von weitem ganz weiß aussah. Da kurvte ich unter von der Schneelast tief hängenden Mimosenbüschen bis nach oben und fand mich irgendwann per Zufall auf der Rückseite des Aussichtsturms wieder.

gebeugte Mimosen

Chateau d’Eau und Palmen

Aussichtsturm

Als ich ankam hüpfte gerade ein junger Mann durch ein Loch im Gitterzaun und war unter seiner Kapuze quasi unsichtbar und auch sonst gleich diskret verschwunden. Ich sah von Weitem noch andere Gestalten auf dem Grundstück herumlaufen. Kurz zögerte ich. Aber dann siegte die Neugier und ich kletterte schnell durch das Loch. Auch hier habe ich vor lauter Aufregung darüber, an einem Ort zu sein, der nicht legal zugänglich ist, mit zitteriger Hand Fotos gemacht.

Blick auf Cannes

Blick aufs Meer

Und dann stand ich auf der legendären Aussichtsterrasse …

Schnee, Cannes und Meer

Ist dieser Blick nicht großartig? Oh Mann, wäre das schön, wenn es hier noch ein Café oder einen Salon de Thé gäbe. Die Geschichte der Aussichtsterrasse und der Bergbahn, die hier nicht mehr hochfährt, habe ich –> hier schon einmal erzählt.

Aussichtsterrasse d’antan

Die Gestalten, die dort herumliefen, waren übrigens ganz harmlos. Zumindest bauten sie, solange ich dort war, gerade einen harmlosen Schneemann.

Schneemannbau

Mimosenschneemann

Es schneit immer noch. In der Stadt bleibt der Schnee zwar nicht liegen, aber schon 50 Meter höher ist es weiß!

Schnee in la Californie

zu Fuß … im Schnee

Mal sehen, wo wir morgen hingehen :)

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Street Art in Cannes

Cannes ist keine junge Stadt. Street Art oder Graffiti, wie es sie in Marseille, Paris und in jeder anderen Stadt gibt, findet man hier nicht. Insofern war ich verblüfft als ich im Suquet, in der Altstadt von Cannes, an manchen Mauern und Hauswänden eine Art Straßen-Kunst entdeckte. Ein Junge, der Fische angelt, eine ältere Frau, tanzende Mädchen.

Angeln an der Wand

Angeln an der Wand Detail

Frau sitzend

Le Suquet

tanzende Mädchen

Mir gefiel es gut und ich war enttäuscht, dass manche der Kunstwerke schon bald wieder verschwunden waren. Ich dachte natürlich, sie sei unrechtmäßig angebracht worden und die Hausbesitzer oder die Stadt Cannes ließen sie wieder verschwinden. Wie sollte es hier auch anders sein. Es dauerte einen Moment, bis ich begriffen habe, dass es sich um eine offizielle Ausstellung unter freiem Himmel handelt, die im Prinzip schon zu Ende geht. Seit letzten Sommer hat Olivia Paroldi im Suquet Kunst an die Wände und Mauern gemalt. Das heißt, sie hat nicht wirklich auf die Mauern gemalt; zunächst sind ihre Arbeiten gravures, ich sage mal laienhaft eine Mischung aus Linolschnitt oder Holzschnitt, und hier kann man sehen, wie sie arbeitet.

Letztlich klebt sie Drucke mit Tapetenkleister an die Wände, so wie man auch Plakate ankleben würde. Genauso schnell kann man ihre Kunst auch wieder entfernen. Und das war auch Absicht dieser Ausstellung.

Ich habe heute die offizielle Ausstellung (gut versteckt) im Suquet besucht und kam sehr begeistert und, mein Lieblingswort, ich bin mir dessen bewusst, berührt wieder heraus.

Ausstellung

Vor allem aber bin ich enttäuscht, dass ich so viel großartige Kunst im Suquet seit Monaten verpasst habe. Wie konnte das sein, frage ich mich, aber naja, der Suquet ist Touristen-Ausflugsziel, unsereins läuft nur selten, meist auch nur mit Besuch durch die Gässchen, wenn man etwa den Blick von der Aussichtsterrasse zeigen will.

Blick von der Terrasse

Die Ausstellung wurde zudem Ende August eröffnet, da lag ich mit einem Manuskript in den letzten Zügen und hielt mich nicht mal in Cannes auf. Aber, sehen wir es positiv, immerhin habe ich ein paar Werke noch „draußen“ und die Ausstellung gesehen! Bis zum 22. April ist sie noch kostenfrei! zu sehen (allerdings nur am Wochenende, und zwischen zwölf und zwei Uhr ist sie natürlich auch geschlossen, hier wird zu Mittag gegessen!).

Tanz

Glasbläserin

Olivia Paroldi zeigt in der Ausstellung noch andere Werke aus vergangenen Projekten, darunter Les enfants de l’exil . Sie hat Bilder von Kindern auf der Flucht, in Ländern, in denen Krieg war und ist, und an aktuellen Grenzorten angebracht: Bosnien, Sarajevo, Ventimiglia …

Mädchen aus dem Meer

Mädchen sitzend

KInder auf dem Weg

Les enfants de l’exil ist auch in einem Buch dokumentiert und Werke der Künstlerin sind –> ebenfalls hier zu erwerben.

 

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Cannes nocturne

Hier ein kleines Coucou zum Wochenende. Dies ist ein Foto meines „Enkels“, das er vor ein paar Tagen (besser Abenden) mit einer Drone aufgenommen hat. Ich bin völlig hin und weg davon und könnte mir stundenlang die Details ansehen. Ich habe eben lange überlegt, wo sich eigentlich dieses Fußballfeld (rechts im Bild) befindet, das ich noch nie gesehen habe. Es gehört zu einer Schule (Institut Stanislas) und ist von außen weder sichtbar noch zugänglich. Ich habe es auf der Sportseite der Schule wiedergefunden.

Cannes nocturne (credits: Clément N. Cannes)

Hier ist es kalt und soll noch kälter werden. Außerdem ist uns Schnee vorhergesagt. Falls es dazu kommen sollte, die Region zittert schon vor Angst, werde ich dokumentieren, klar. Dass es in Paris geschneit hat und der Schnee die Stadt einerseits in einen romantischen Märchentraum, andererseits in einen Chaoszustand verwandelt hat, haben Sie mitverfolgt?! Tagelang sprach man in den Nachrichtensendungen von nichts  anderem. Sie können sich ausmalen, wie es hier würde …

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Bohnen in die Ohr’n

Diesen Ohrwurm hatte ich stundenlang, ach was, tagelang im Kopf, nachdem ich letzte Woche die Ohrenarztpraxis verlassen hatte. Genau wie das Gepiepse, dass Monsieur unter seinen Kopfhörern nicht, ich am anderen Ende des Praxisraums aber sehr wohl hörte. Der Ohrenarzt amüsierte sich, meinte, wir hätten uns gut gefunden, die Blinde und der Taube. Nein, natürlich meinte er, dass ich ein ausgezeichnetes Hörvermögen hätte, ermunterte Monsieur aber, es zukünftig mit Hörgeräten zu versuchen. Wir gingen beide etwas frustriert nach Hause. Monsieur, der der Ansicht ist, dass er im Prinzip alles hört, war gekränkt, dass man nachweisen konnte, dass er tatsächlich nur wenig hört und vor allem keine hohen Töne. Ich, die ich gerne etwas wollte, um mein „Ich höre viel zu viel“ zu dämmen, musste mir sagen lassen, dass es genau das Gegenteil ist, das ich tun solle, nämlich, nicht noch mehr ausgeklügelte Ohrstöpsel IN die, sondern ALLES RAUS aus den Ohren zu nehmen! Je mehr ich mich abschotte auf der Suche nach Stille, desto empfindlicher würde ich. „Irgendwann werden Sie so abhängig, dass Sie ohne Ohrstöpsel nicht mehr schlafen können“, sagt mir der Ohrenarzt ernst. „Haha“, antworte ich, „das ist bereits der Fall seit etwa …“. Tatsächlich weiß ich nicht mehr, wann ich angefangen habe, nachts Ohrstöpsel in die Ohren zu stopfen. Schon immer, zumindest seit Jahrzehnten will mir scheinen. Und jetzt brauche ich sie, sogar in den Bergen, wo es nachts in der Regel mucksmäuschenstill ist. Der Ohrenarzt ist besorgt, rät zur Sophrologie und dazu, dass ich ab sofort die Ohrstöpselchen weglasse. „Quoi?“ Ich schaue ihn groß an. „Gefällt Ihnen nicht, was ich sage, was?!“, grinst er. Nein, tatsächlich macht mir das sofort Stress. Ich sage ihm dann auch nicht, dass ich noch einen Sack Ohrstöpsel zu Hause habe. Ich brauche nämlich, tatsächlich wie eine Abhängige, ganz bestimmte Ohrstöpsel. Kleine gelbe, zusammenquetschbare Schaumstoff-Tönnchen (oder sind es Zylinder, den Unterschied habe ich gerade nicht parat), Einweg-Gehörschutzstöpsel heißen sie offiziell (und nein, ich gebe Ihnen den Link nicht, ich will Sie gar nicht erst auf den „Geschmack“ bringen), finde ich für meine empfindlichen Öhrchen (zumindest zum Schlafen) optimal. Es gibt sie in Einzelpäckchen (zwei Stöpsel natürlich), manchmal Doppelpäckchen (zwei mal zwei) in Drogerien oder Apotheken. Einmal aber sagte mir eine Apothekerin, es gäbe sie nicht mehr. Ich brach fast zusammen. Quelle catastrophe! Panisch suchte ich den Ohrstöpsel-Hersteller im Internet, fand ihn und die Stöpsel und bestellte eine Tonne davon, um für den angesagten großen Ohrstöpselgau gewappnet zu sein, der natürlich nie eingetreten ist. Die Apothekerin hatte sehr wahrscheinlich nur die kleinen gelben Dinger nicht, jede Menge andere aber vorrätig und dachte, sie könne mir genausogut diese verkaufen. Ist doch egal, was man in die Ohren steckt. Von wegen! Da könnte ich ja auch gleich Guacamole nehmen. Ich bin Ohrstöpsel-Spezialistin, ich habe alles ausprobiert in den vergangenen Jahrzehnten und ich stopfe mir noch lange nicht alles in die Ohren. Auch keine Guacamole übrigens. Ich habe also noch eine Lkw-Ladung gelber Ohrstöpsel, die ich vermutlich demnächst auf dem Flohmarkt verkaufen werde. Ich schlafe nämlich seit ein paar Nächten ohne. Es ist ganz grauslich. Schon, dass Monsieur neben mir atmet, stört mich, und ich stoße ihn unsanft an, dass er sich zusammenreißt und gefälligst damit aufhört, oder, Vorschlag zur Güte, zumindest leiser atmet. Vom gelegentlichen Schnarchen wollen wir gar nicht reden. Mein Nachtschlaf ist sehr fragil, das war er schon mit den Stöpseln, ohne ist es geradezu … mir fällt nicht mal einen Vergleich ein, der diese Hochempfindlichkeit ausdrücken könnte. Es ist ein zitteriger Beinahe-Wach-Zustand etwa einen Millimeter unter der Schlafoberfläche. Verstehen Sie, was ich meine? Naja, vermutlich schlafen Sie einfach. Ich versuche zwar, mich auf meinen Atem zu konzentrieren und denke Mantramäßig „Einaaaaatmen“ und „Ausaaaaatmen“ und atme natürlich ein und aus, das Schlafen aber klappt noch nicht wirklich und ich bin jetzt vor allem tagsüber sehr müde und extrem gereizt. Schlafentzug ist ja eine Foltermethode, bei mir würde sie sofort wirken. Nach drei Tagen und Nächten ohne Schlaf, würde ich alles unterschreiben. Nun, irgendwann werde ich so müde sein, dass ich abends einfach ein- und dann durchschlafe. Das ist zumindest die Theorie. Wir arbeiten dran. Gähn.

Ich gebe Ihnen hier nur eine Kurzversion. Eine Minute fünfundzwanzig reicht völlig. Falls Sie nostalgisch werden sollten und sich plötzlich Gus Backus‘ andere heitere Schlager der Sechziger Jahre anhören wollen, verweise ich auf Youtube oder Spotify. Aber Achtung! Nicht alles ist heute noch politisch korrekt, aber immer ist es gnadenlos ohrwurmig.

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Die dunkle Seite der Côte d’Azur

das neue mare Heft

Oh! Große Freude! On est ravi! Wir sind entzückt!

Endlich halten wir selbst das schöne neue mare-Heft (#126 / Südpol) in den Händen, von dem wir schon vom Hörensagen wussten, dass …  sich eine wunderbare Besprechung der Kriminalromane Christine Cazons darin befindet! Und dann noch von einem ausgewiesenen Frankreichkenner.

Und so ist es! Lesen Sie selbst!

wunderbare Kritik in mare

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12 von 12 plus 6 / Februar 2018

Es sei so wenig Text diesmal, wurde mir gerade zugetragen. Stimmt. Ich bin müde heute Abend. Liefere jetzt aber doch etwas Text nach. Ich habe gerade mal „12 von 12“ in den Schlagworten angeklickt und es ist lustig, anscheinend mache ich da nur einmal im Jahr mit und das ist im Februar. Einmal auch im Januar und im März und dann vergesse ich es wieder. Ich war überzeugt, ich hätte da mindestens schon zwanzig Mal teilgenommen. Heute habe ich dran gedacht und ganz viel fotografiert, ich hätte fast 24 von 12 machen können.

Aufgewacht bin ich um 7Uhr mit Pepita, die sich heimlich ins Bett geschlichen hat.

Pepita im Bett (die Bettwäsche gabs letzten Februar auch schon)

Danach frühstücken wir zusammen. Pepita auf meinen Knien. Klar.

Frühstück mit Pepita

Um Neun fahren wir los. Wir sind bei der Police Nationale vorgeladen, wegen des Gerichtsprozesses. Mehr wissen wir auch nicht. Wir fahren wieder in dieses superenge Parkhaus. Im 5. Stock gibt es einen Platz.

1. Parkhaus 5. Stock

Da wären wir. Ich kenne das Commissariat ja schon. Die Scheiben sind schmutzig, sieht man in der Sonne besonders.

wir sind bei der Police Nationale vorgeladen

Erstmal warten wir in der Halle, da mache ich ein paar dezente Fußbodenfotos. Mehr traue ich mich nicht.

Fußboden in der Halle (Police Nationale)

Dann kommt die Polizistin und ich darf gar nicht mit. Vorgeladen ist nur Monsieur. Ich darf aber im zweiten Stock im Flur warten. Viel passiert nicht. Die Putzfrau wischt den Boden. Polizisten mit und ohne Uniform gehen vorbei und sagen manchmal „guten Tag“. Alles ruhig hier.

Warten (Police Nationale)

Es dauerte gar nicht so lang, war aber eher unbefriedigend. Ich fahre Monsieur nach Hause und fahre selbst zurück in die Stadt zu einer kleinen Lidl-Filiale, eigentlich will ich dort nur Kirschen im Glas kaufen. Die gibt es sonst nirgends. Gibts aber auch nicht mehr bei Lidl. Zumindest nicht in dieser Filiale. Ich kaufe dafür allerhand anderes und fahre zurück nach Hause und stelle die Tüten in den Hausflur und weiter gehts zur Allergologin. Ich habe den Termin bei der Allergologin heute früh extra nach hinten geschoben, weil ich nicht wusste, wie lange es bei der Polizei dauern würde. Ich habe nun zu bester Mittagessenzeit einen Termin (12 Uhr). Da ich in der Ecke der Allergologin selten einen Parkplatz finde, fahre ich wieder in ein Parkhaus, das ich noch nicht kenne. Sehr gruftig. Im 5. Untergeschoss finde ich endlich einen Platz.

2. Parkhaus 5. Untergeschoss dieses Mal

Am Aufzug hängt ein Schild, dass es noch weiter unten einen „Privaten Club“ gäbe: l’Anonyme. Nichtraucher muss man allerdings sein. Ich bin aber nicht gucken gegangen.

l’Anonyme Club privé

Ich bin pünktlich um 12 Uhr da, warte aber noch eine gute halbe Stunde, es sind noch zwei Personen vor mir dran. Der Wartesaal ist aber viel netter als der bei der Polizei. Nette Zeitschriften. Jazzige Musik.

wieder Warten (bei der Allergologin)

Salle d’attente

Schlechte Nachrichten: Das Labor, das meine Desensibilisierungsflüssigkeiten produziert, arbeitet immer noch nicht. Wir werden das letzte Fläschchen noch ein bisschen weiterbenutzen. On verra.

Desensibilisierung

Danach mache ich ein Foto vom blauen Himmel, von dem ich heute nicht viel sehe.

oh! blauer Himmel!

Als ich nach Hause komme hat Monsieur schon gegessen und macht Sieste. Pepita hat auch schon gegessen und macht auch Sieste.

Sieste, zumindest für Pepita

Ich esse schnell und im Stehen n’importe quoi und lege mich auch kurz hin. Kann aber nicht schlafen.

Arbeit

Also stehe ich auf und arbeite ein bisschen. Ich schreibe schon am sechsten Krimi. Der fünfte ist noch nichtmal erschienen. Tss.

Um halb sechs gehe ich zur Apotheke, um Hustensaft für den hüstelnden Monsieur zu kaufen. Danach fahre ich zum großen Supermarkt am Rande der Stadt, um all das zu kaufen, was es beim Discounter nicht gab.

Einkaufswagen

Einkaufen

Kaufe auch hier viel mehr als ich wollte. Unter anderem Yakitorisauce, es ist asiatische Woche und sie steht quasi mitten im Weg, und weil ich bei Arthurs Tochter ein leckeres Rezept gefunden habe, das ich nachkochen will, muss die Yakitorisauce mit. Es gibt zwar nicht die beste aller Saucen, aber es gibt eine. Nicht selbstverständlich. Ich erwerbe dann zwar nicht Spinat, aber Mangold.

schon ist es dunkel, aber wir haben jetzt Licht vor der Haustür

Das alles dauert länger als ich gedacht habe. In der Zwischenzeit ist es, ich fasse es nicht, fast halb Acht und bereits dunkel. Wir haben aber seit dem Wochenende Licht an der Tür, das mit Bewegungsmelder funktioniert. Super. Fini das Schlüssellochsuchen im Dunkeln.

Abendessen: chinesische Hühnersuppe, homemade

Ich koche ohne Rezept eine chinesische Nudelsuppe mit Hähnchenbrustfilet. Geht schnell. Ist lecker. Ohne Yakitorisauce. Jetzt sitze ich vor dem Fernseher. Monsieur schläft schon. Pepita schläft auch. Ich auch gleich. Bonne nuit!

Die anderen 12 von 12 -Blogger (fast 200!) gibts wie immer –> hier

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Samstagsspaziergang im Februar

Gestern war es sonnig, leichter Wind, so gegen 15 Uhr waren es in der Sonne etwa 12°C. Sie sehen, ich dokumentiere doch ein bisschen das Wetter. Am Strand aber ist Baustelle.

Baustelle

Ganz Cannes ist in diesem Winter eine Baustelle.

Großbaustelle Cannes

Da entlang der Promenade (Boulevard Midi) die Restaurants verschwunden sind (wegen der Baustelle) sieht man überraschend die Häuserfassaden wieder. Nicht unbedingt ein Vorteil.

Fassaden der Strandpromenade (Blvd. Midi)

Wir liefen also nicht an unserem üblichen Strand spazieren, sondern ein Stück stadteinwärts.

Stadtstrand

Am Strand lag allerhand Müll und etwas verstreut ein alter Kachelboden. Eigentlich ist unser ganzes Haus voll mit diesen sechseckigen roten Kacheln les tomettes, ich kann sie bei aller Liebe zur provenzalischen Tradition manchmal nicht mehr sehen. Am Strand aber finde ich sie charmant und nehme sie mit als zukünftige Flaschenuntersetzer.

les tomettes

Und wir kletterten über Steine …

Gegenlicht

… und fanden Zeichen. Kunst? Phantasie? Magie?

Kunst? Phantasie? Magie?

Rückweg entlang einer Gartenmauer. Mit im Bild die unvermeidlichen Stromleitungen.

Blick über Gartenmauer

Strompalme

Monsieur hat kürzlich bei einem Bouquinisten einen Bildband über (beinahe) sämtliche Cannoiser Straßen gefunden und mir geschenkt. Ich bekam sofort Lust, meine Cannes-zu-Fuß-Spaziergänge wieder aufzunehmen.

 

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… et la confiture!

Confiture d’oranges sous mimosa

Nur damit es dokumentiert ist. Dieses Jahr ist die Confiture wieder gelungen. Immer noch dasselbe Rezept. Ich habe sie aber vorsichtshalber mit 2 Kilo Gelierzucker (sucre de cannes pour fruits jaunes) gemacht, aber dann nicht die vorgeschriebenen 7 Minuten sprudelnd gekocht, sondern gewartet, bis ich den Eindruck hatte, sie beginnt zu gelieren, das war nach gut 12 Minuten. Voilà, Sie wissen bescheid :D

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Romain, Emile und Kiki

Ich arbeite jetzt mal alles ab, was noch in meinem Hirn hängt, was ich Ihnen schon seit Anfang des Jahres erzählen wollte, damit das Hirn mal wieder frei ist und anderes beackern kann. Muss ja. Wir haben La Promesse de l’Aube gesehen. Ein Film nach dem gleichnamigen Roman (über die Mutter und das Leben) von Romain Gary. (Wir haben auch noch zwei, drei andere Filme gesehen, aber die habe ich schon wieder vergessen. Sagt alles.)

Er hatte ein abenteuerliches Leben mit seiner ihn abgöttisch liebenden, überengagiertenambitionierten (manchmal suche ich Worte, herrjeh) Mutter, zumindest hat er es abenteuerlich erfunden und ich war begeistert von dieser wilden Geschichte, liebte Charlotte Gainsbourg in der Rolle der Mutter und Pierre Niney in der Rolle des erwachsenen Romain Gary, der den Lärm des mexikanischen Karneval nicht ertragen konnte, während er an eben diesem Roman schrieb. Tolle Szene. Romain Gary hat wahnsinnige Kopfschmerzen, glaubt, er habe einen Hirntumor und müsse sterben. Dabei hat er nur seit Tagen und Nächten zu viel Weißbrot und Guacamole (sic!) gegen den Lärm in seine Gehörgänge gestopft. (Ich habe übrigens nächste Woche einen Termin beim Ohrenarzt. ORL heißt der HNO-Arzt hier: Oto-rhino-laryngologist, ein Ohren-Nasen-Halsarzt.) Zurück zum Film, ganz besonders mochte ich Pawel Puchalski, der Romain Gary als Kind spielt. Hinreißend! Die intellektuelle Presse spottete, der Film sei platt und eher La promesse de Daube (eine Daube ist ein Rindfleischeintopf, und so bezeichnet man hier gern schlechte Filme; manchmal sagt man auch C’est un navet! „Es ist eine Rübe.“ Ich überlege gerade verzweifelt wie man in Deutschland schlechte Filme bezeichnet?! Herrjeh sagt man, „das war ja mal ein Weißkohl“? „Ein faules Ei“?) Anyway. Filmkritiker, n’est-ce pas. Es ist so einfach, etwas zu kritisieren. Ich fand den Film toll und war danach kurzzeitig von einem Romain Gary-Fieber befallen und wollte alles über ihn wissen und von ihm lesen und las zumindest alles, was ich über sein erfundenes Alter ego Emile Ajar finden konnte. Ich fand das (erneut) alles wahnsinnig spannend und habe immerhin auch einen Film einer Literatursendung aus dem Filmarchiv INA käuflich erworben und wollte Ihnen das Thema aufgearbeitet haben. Aber man hat ja einfach nicht genug Zeit, nicht wahr, ich habe alles nur angelesen und dabei blieb es und ich verweise Sie, falls es Sie überhaupt interessiert, auf die oben schon verlinkte Wikipedia Biographie oder auf einen alten Blogartikel von mir.

Noch schnell ein Buchtipp: Die BD/die Graphic Novel über das Leben der „Muse“ Kiki de Montparnasse habe ich sehr gerne gelesen.

Im Sommer war hier eine Ausstellung über Man Ray in der Villa Domergue. Darüber wollte ich damals schon geschrieben haben. Über den Maler Domergue, bei dem die Frauen der Zeit Schlange standen, um sich von ihm mit Schwanenhals zeichnen zu lassen.

Und im Garten der schönen Villa stehen abenteuerlich hohe und durchgehend schön zurechtgestutzte Zypressen. Die sehen ein bisschen aus wie die Holzspielzeugbäume meiner Kindheit. Nur in groß. So groß, dass man darunter stehen kann. Und sie sind echt. Natürlich.

Die habe ich damals für Herrn B. dokumentiert, kam aber, wie immer, nicht dazu, es zeitnah zu schreiben (was ich nicht gleichsofort verblogge, geht meistens verloren). Können Sie sich die Toskana ohne Zypressen vorstellen? Seht her, auch Südfrankreich ist voll davon!, wollte ich damals rufen. Erhaltet das südliche Flair im Norden! Aber ich habs verpasst, jetzt ist es zu spät, man hat sich dort schnöde von der Zypresse getrennt.

Die Man Ray Ausstellung (Zeichnungen, kaum Fotos, allerdings lächerliches Fotografierverbot!) entzog sich meinem Verstand, sagen wir so. Und den dreiminütigen experimentellen Film mit Kiki de Montparnasse (Frau trifft Mann und Frau trifft anderen Mann und geht mit ihm ins Bett und das alles in grisseligem Grau) habe ich mehrfach angesehen. Ich verstehe, dass das Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts experimentell und aufregend war (Sexleben! Da ist es wieder!) Spricht mich heute aber nicht mehr an. Sehr viel näher ist mir Man Ray und seine Kunst in dieser BD gekommen. Und Kiki natürlich.

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Alles oder nichts

Was ich hier alles schon geschrieben haben wollte … ich verstehe nicht, wie andere jeden Tag schreiben können, jeden Tag! Tagebuchbloggen. So was wird dann natürlich auch belohnt. Ich finde das irgendwie klasse einerseits, andererseits frage ich mich, ob diese Menschen, die jeden Tag ihr Leben aufschreiben noch ein zweites Tagebuch haben für all das, was man der Welt nicht mitteilen will. Denn natürlich schreibt man von all den Kinderkrankheiten, dass man Spiegelei gegessen und sich über einen Handwerker geärgert hat, aber niemand schreibt von seinem Intimleben. NEIN, bitte! Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich wills gar nicht wissen, wirklich nicht! Aber ich frage mich doch, ob man, wenn man alles festhält, dann nicht auch  … oder?! Oder hat man dann einen kleinen analogen Taschenkalender, in den man kleine Kreuze macht, in Schwarz für HmHm und in Rot für die Menstruation?! KREISCH!

Ich leite hier locker über zu den neuen Frauenzeitschriften, die ich im Dezember in Deutschland entdeckt habe. Also neu für mich. Fräulein gibts wohl schon eine Weile. die dame immerhin ist neu. Ich habe lange gegrübelt, dachte, bin weder Fräulein noch bin ich schön, aber die dame war mir dann doch zu anstrengend und so griff ich zum Fräulein und zu Barbara, die stand gleich daneben und kannte ich auch noch nicht. Den Aufstieg von Barbara Schöneberger habe ich irgendwie verpasst. Damals, haha, so weit sind wir schon, zu meiner Zeit liebe Kinder, war sie noch ein Geheimtipp. Jetzt ist sie überall und hat eine Zeitschrift. Ich glaube, dass mir diese gutgelaunte Ironie dauerhaft auf die Nerven geht. Ich kann das nicht mehr. Früher war ich gut in dieser Art Smalltalk, immer ein ironisches Bonmot auf den Lippen. So etwas geht Ihnen verloren, wenn Sie kurz vor den Wechseljahren nochmal ins Ausland gehen, ohne die Sprache wirklich zu können. Hier sind wir dann froh, wenn wir halbwegs akzentfrei einen verständlichen Satz sagen können, wer will denn Ironie. Hier in Frankreich bin ich komplett ironiefrei und witzlos. Als ich Monsieurs Sohn kürzlich mein Menü erzählte und gut gelaunt und wild augenzwinkernd sagte, ich habe das Rezept gewählt, weil laut Youtube-Film alles in 2 Minuten 30 fertig sei, fühlte er sich bemüßigt mir zu erklären, dass dieser Film nicht in Echtzeit gedreht sei. So viel zu meiner Fähigkeit, mich in einer anderen Sprache amüsant auszudrücken. Wo war ich? Barbara. Ehrlich gesagt ist nicht viel hängengeblieben von all den witzigen Überschriften. Und vom Inhalt auch nicht. In Fräulein habe ich ziemlich viel herumgelesen, weil sie doch anders aussieht, weil sie ohne Schminktipps und Parfümproben auskommt und das einzige Rezept darin ist das von Frankfurter Kranz, und im Prinzip ist es ein Loblied auf die Butter. So etwas ist lustig. Diese künstlerischen Fotostrecken sind jedoch nichts für mich und auch die neue deutsche Zeitschriftentypographie ist mir fremd. Außerdem waren im Text wahnsinnig viele Satzfehler. Geld für den Fotografen der Modestrecken hat man, aber für den Korrektor nicht mehr. Jaja, sagen Sie, und halten mir meine eigenen Orthographie- und Kommafehler vor. Ich weiß. Das kommt auch vom Auslandsleben. Man kann dann irgendwann zwei Sprachen nicht. Die eine nicht mehr, die andere noch nicht. In Fräulein werden wir Fräuleins dann aber offen zu mehr Selbstbefriedigung aufgerufen und der Vorschlag, uns selbst  zu heiraten kommt auch. In Zeiten von #metoo heißt es, haben wir bald keine andere Wahl. So weit sind wir dann schon. Ich sags Ihnen, es dauert nicht mehr lang und die Tagebuchblogger schreiben auch über ihr Sexleben. Schon weil uns ja positive Role Models fehlen. Wenn uns keine(r) sagt, wie es gut gehen kann, und alle nur die „Schweine“ ans Licht zerren (in Frankreich heißt die #metoo Aktion sehr aggressiv #balancetonporc, in etwa „verpfeif dein Schwein“), wo soll das hinführen?! (Aber nein, keine Sorge, ich fange dieses Mal nicht an.) Über die Menopause schreiben sie ja nun endlich auch. In Barbara gings auf ein paar Seiten auch um die Menopause („Mit Volldampf in die heiße Phase“). Und in der Bahnhofsbuchhandlung stand neben all diesen Frauenzeitschriften auch ein eigenes Heft mit dem Titel Menopause oder war es Wechseljahre? Egal, aber Dankeschön auch. Zu meiner Zeit, huch schon wieder, zu meiner Zeit, seufz, wollte noch keine darüber sprechen und jetzt wird es einem überall entgegengebrüllt.

Ich hätte natürlich auch zu analogen Kalendern überleiten können, wegen der Kreuzchen, haha, kleiner Scherz *zwinkerzwinker*. Da hatte ich letztes Jahr um diese Zeit auch schon mal einen Text geplant. Welcher Kalender heute wirklich noch passt. Das ist noch schwieriger als das richtige Notizbuch wählen, sage ich. Ich habe ganz viele schöne Notizbücher, wunderschöne sogar. Große und kleine. Aber wirklich funktionieren bei mir nur kleine billige DIN A 6 Hefte mit Ringheftung, die ich in alle Richtungen beschreibe und wirklich immer dabeihabe. Das gleiche habe ich dann noch in DIN A 5 und vorsichtshalber in DIN A 4. Mein analoges Tagebuch für Träume, psychologische Introspektive und phasenweise Morgenseiten ist seit gefühlten Ewigkeiten ein dickes Clairefontaine-Heft. Damit habe ich natürlich angefangen, als ich noch nicht in Frankreich gelebt habe und diese violetten feinen Linien so charmant fand. Fragen Sie mal meine „Enkelkinder“, die finden die Linien ihrer Schulhefte nicht charmant. Hier findet man dann deutsche Leuchtturm-Kladden charmant. So gehts. Kalender ist auch ganz schwierig. Ich trage seit bestimmt 40 Jahren jedes Jahr einen Taschenkalender mit mir herum. Ich habe da schon alle Varianten durch, vom Frauen- und Lesbenkalender über einen rätoromanischen Lyrikkalender zu den klassische Agendas mit Wochenplaner in allen Größenordnungen und wieder zurück. Die hatte ich letztes Jahr (für den nicht zustande gekommenen Blogtext) alle gesichtet und war gerührt: Alle Kalender waren immer vollgeschrieben und vollgemalt. Zusätzlich klebten Kinokarten drin oder getrockente Blumen, Zuckerpapierchen und eine Vogelfeder. Seit ein paar Jahren sind meine doch so sorgsam ausgewählten Taschenkalender am Ende des Jahres fast genauso leer wie am Anfang.

Ende des vorletzten Jahres war ich in einer Ausstellung im Bonnard-Museum und betrachtete entzückt die winzig kleinen Kalender, in die Bonnard jeden Tag seine Wetterbetrachtung schrieb und manche Skizze malte. Er schrieb etwa beau, vent froid (schön, kalter Wind) oder violet dans les gris (Violett im Grau) oder brumeux, pluie (diesig, Regen). Ich mochte die kleinen Kalender und ich mag das mit der Wetterbetrachtung. Ich beende alle meine Mails immer mit dem Blick aufs Wetter. Aber trotzdem habe ich nichts davon jeden Tag in den süßen kleinen Kalender mit Goldschnitt und Dünndruckpapier geschrieben, den ich mir sofort nach der Ausstellung gekauft habe, und auch nicht „Was schön war“ oder „Glücksmomente“, keine Geburtstage und gar nichts eigentlich. Und wissen Sie was, es wird mir gerade klar, warum das so ist. Ich habe ein Smartphone und blogge. Das ist es. Früher zog ich, wenn schon kein Buch, dann meinen Kalender heraus und notierte alles hinein. Jetzt lese ich unterwegs, wenn überhaupt, im Smartphone und alles Wichtige schreibe ich in den Blog. Und die Kreuzchen? Sind für die Nachwelt nicht erhalten. Ach Mensch.

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