
Bei diesen bereits hochsommerlichen Temperaturen Mitte Juni gibt es immerhin eine nette Sache: Die Wäsche, sogar die großen Bettwäsche-Stücke – erinnern Sie sich? Die 2,20 Meter mal 2,40 Meter großen Deckbettbezüge, die man hier hat –, sie verdrehen sich in der Waschmaschine immer zu einem vollgestopften Klumpen, in dem sich alles sammelt. Man kann das Monster kaum aus der Waschmaschine ziehen. Diese Wäschemonster sind in der Regel mein Wäschealptraum: Sie sind nass und schwer, schwer aufzuhängen und sie trocknen schlecht. Jetzt sind sie in Rekordzeit trocken. Wir haben das Deckbett gerade erst gegen die leichtere Leintuch-Decken-Variante ausgetauscht. Ich kam noch nicht mal zum Waschen, da ist auch die leichtere Variante bereits zu warm und wir strampeln nachts die Decke weg. Der Sommer kam über Nacht. Und sofort ist alles zu heiß, zu schwül, zu anstrengend. Ich wedele mir zwar in dieser Saison erstmals mit einem Fächer lauwarme Luft zu, aber mit dem Ding in der Hand kann man nicht arbeiten. Heute Morgen habe ich deshalb den Ventilator aus dem Keller geholt und reaktiviert.

Ich wusch gestern drei (und heute bereits eine) Maschinen Wäsche, kriege alles in Nullkommanichts trocken und werde heute Abend, trotz Hitze und mit Unterstützung des Ventilators, die Sommerhemden des Gatten bügeln. Dazu schaue ich übrigens die Netflix-Serie „Pernilla”, die im norwegischen Original „Pörni” heißt, mit durchgestrichenem o. Die kennen Sie vermutlich alle schon, ich bin immer etwas spät dran. Es ist eine norwegische Dramedy, in der man einer vierzigjährigen alleinerziehenden Mutter und Sozialarbeiterin im Alltag zuschaut. Es gibt Trauer um die in einem Unfall getötete Schwester, einen Neffen, der zum Pflegesohn wird, einen Vater, der sich im hohen Alter als homosexuell outet, zwei sehr unterschiedliche Teenagertöchter, einen abwesenden, von ihnen verehrten, aber an ihnen uninteressierten Kindsvater und eine nicht so richtig funktionierende Liebesgeschichte mit einem deutlich jüngeren Mann. Das könnte trist und elend sein, ist es aber nicht (die kurzen Szenen, die Pernillas Arbeitsalltag mit vernachlässigten Kindern zeigen, sind allerdings herzzerreißend). Die erste Staffel habe ich fast in einem Rutsch durchgeschaut!
Wenn man derzeit durch Cannes Straßen läuft, hört man stets ein leises monotones Fiepen, in der Regel kommt es von oben. Hebt man den Blick, sieht man auf den Dächern plusterige graue Jungmöwen, die sich seelisch und körperlich auf ihren ersten Flug vorbereiten, aufgeregt unterstützt von den Eltern, die es, nicht weit entfernt, von einem anderen Dach etwa, ermuntern, loszufliegen. Leider kreischen sie ihre ängstliche Möwenbrut ziemlich laut an, das würde mich auch eher einschüchtern. Gleichzeitig werfen sie sich ebenso laut kreischend tieffliegend durch die Lüfte, um uns Menschen für alle Fälle gleichmal in Schach zu halten. “Hee! Achtung! Unser Kind wird gleich losfliegen, weg da! Wehe ihr rührt unser Kind an!” “Los jetzt flieg schon!”, kreischen sie dann wieder nach oben zu ihrem unentschlossenen Kind. “Wir können nicht ewig warten! Wir halten den Weg frei, aber du musst jetzt mal losfliegen! Los jetzt! Komm schon!” Irgendwann haben die Möwenkinder genug gefiept, die Eltern genug geschimpft und ermuntert. Dann heben die grauen, rundlichen Möwenbabys endlich ab. Noch ziemlich ungelenk fliegen sie mit ausgebreiteten Flügeln schnurstracks geradeaus. Man ahnt ihren panischen Blick und möchte nicht in ihrem Weg stehen. Sie können noch nicht manövrieren. Es würde unweigerlich zu einer Kollision kommen. Wahrscheinlich würde man gleichzeitig von den aufgeregten Eltern attackiert werden. Es ist viel los in den Lüften von Cannes und es ist ziemlich laut! Im Wikipediaartikel habe ich hübsche Hörbeispiele gefunden, und ich lerne außerdem, dass wir es erstens mit der Silbermöwe zu tun haben, zweitens, dass die grauen Möwenbabies vier Jahre brauchen, bis sie erwachsen sind, und dass das, was ich als lautes Kreischen bezeichne, eigentlich ein “Jauchzen” ist und Territorialabgrenzungen dient.
Das Jauchzen der Silbermöwe (Hörbeispiel[7]) kann mit aau aau au kjiiiau kjau kjau beschrieben werden. Es wird meist von einigen tief bellenden Lauten eingeleitet, denen ein sehr erregter, hoher Laut und dann eine in Intensität und Tonhöhe absteigende Rufreihe folgt.[1] Das einleitende Bellen, das auch mit hau oder bau beschrieben werden kann, ist auch separat als Aufforderung zum Abfliegen zu vernehmen. Im Flug wird es mit den Flügelbewegungen synchronisiert und ist dann ein zweisilbiges aa-o.[8]

Und das Meer. Noch ist es kühl und erfrischend, und vorausgesetzt man ist früh da, am besten noch vor den Wasserski-Motorbooten, dann ist das Schwimmen eine echte Freude, es fühlt sich so viel entspannter und freier an, im Meer zu schwimmen als im Schwimmbad, wo ich zwar gestern Abend auch war, der Vorteil hier, ganz klar: keine Quallen, aber bisher habe ich im Meer noch keine gesehen; früh um Acht am Meer ist es wundervoll, alle sprechen noch leise und man sagt sich mit freundlichem Insider-Lächeln beim Schwimmen “guten Morgen” und “Ist es nicht ganz wunderbar?”.

Um zehn Uhr ist die erste Reihe bereits voll und ich halte es nicht mehr in der Sonne aus. Außerdem ist es jetzt laut. Ganz Cannes ist in dieser Saison (mal wieder) eine Baustelle. Der Markt ist nach wie vor wie ein Kunstwerk von Christo eingepackt und auch hier am Strand sind die Bauarbeiten für die nach zehn Jahren neu zu errichtenden Restaurants noch nicht abgeschlossen. Nur eines von zwei Restaurants ist rechtzeitig zum Saisonauftakt fertig geworden. Das relativ neue Loi littoral sieht vor, dass man am Strand nur noch in abbaubarer Leichtbauweise Restaurants errichten kann. In der Realität sind das ziemlich hässliche Container-Konstruktionen, die immerhin mit Holz verkleidet sind. Nach zehn Jahren muss man sie abreißen und wieder neu bauen.

Vielleicht werden die Konzessionen auch alle zehn Jahre erneuert, das entzieht sich meiner Kenntnis. Es ist auf jeden Fall eine gewaltige Investition für die Restaurateure, was erklärt, warum das Essen dort auch ziemlich teuer ist. Nach zehn Jahren alles neu zu machen (einschließlich der Fundamente), ist aber nicht verkehrt, in der letzten Saison war hier und da alles schon ziemlich schmuddelig, angerostet und windschief. Wind, Salz und Wellen sind eine Herausforderung für jedes Bauwerk am Meer. Dieses Jahr wird also bald alles nagelneu sein, einschließlich des Mobiliars und der Sonnenschirme, auf der Seite Richtung Mandelieu zumindest.


So viel für heute von hier, ab morgen erneut ein kleiner Deutschland-Aufenthalt, dann fliehen wir vermutlich vor der Hitze in die Berge – à bientôt!













































































































































































