Was anderes von anderswo

Ich lese und erlebe gar nicht genug, also zumindest nichts, was hier zu vermelden wäre, um auch so schöne Sammelartikel zu machen, mit hübschen Links zu anderen Blogs und Zeitungstexten und was weiß ich. Wenn ich es mal versuche, nennt man mich planlos. Sehense.

Das hier aber möchte ich doch gerne verlinken: Falls Sie gestern bei Caro Kännchen, alias die liebe Nessy, noch weiter im Blog gestöbert haben, sind Sie vielleicht auch auf diesen Text gestoßen. Lustig und auch wieder gar nicht. Die Kommentare sind ebenso erheiternd und eigentlich auch gar nicht. Ich persönlich war nie bei Parship, ich habe aber auf diverse Kleinanzeigen geantwortet, so machte man das zu meiner Zeit noch. Ich würde in der Zwischenzeit aber auch dort für sofortige Treffen plädieren, man kann da viel Zeit sparen, denn nach dem Austausch vieler hoffnungsvoller langer Mails ist es um so frustrierender, wenn man den ersehnten Menschen ins Café stiefeln sieht und sofort Lust hat, sich auf dem Klo zu verstecken. Er ist es nicht. Ich weiß es sofort, aber ich bringe es nicht übers Herz, es ihm direkt zu sagen, geschweige denn verstecke ich mich wirklich auf dem Klo. Das ist mein Problem. Wir trinken erst noch einen Milchkaffee und gehen noch ein Stück spazieren und ich höre mir sein Leben an und sage dann leise, „es passt nicht für mich“ und er weint, und sagt, „aber du kennst mich doch noch gar nicht“. Stimmt, aber herrjeh, mehr will ich gar nicht kennenlernen.

Für mich klappte es aber gar nicht mit Kleinanzeigen. Auch wenn ich anfangs mutig viele Menschen getroffen und dann enttäuscht, nur noch Anzeigen gelesen habe. Ich könnte noch tausendundeine Geschichte erzählen, und nicht nur von mir, aber das verbietet sicher sowieso die DSGVO, und kürze daher mal ab: Monsieur und ich hätten uns nie, weder über Kleinanzeigen noch über Parship oder Meetic, wie das französische Pendant heißt, getroffen. Ich hätte schonmal nie einen so viel älteren Mann gesucht. Auch sein Foto hätte mich nicht besonders angezogen. Ich hätte da schon zweimal weggeklickt. Oder ach was, bestimmt drei oder auch viermal: geschieden, Kinder, Enkelkinder. Und doch passt es. Es ist aber auch eine ganz besondere Geschichte. Aber sie hat mit einer zufälligen, aber echten Begegnung begonnen. Also ich plädiere somit ganz altmodisch für das Real Life.

Morgen wieder was anderes.

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12/12 im Juni

Heute ist der 12. und da ist bei Caro von Draußen nur Kännchen 12 von 12 dran, und ich mache mit! Das ist im Juni Premiere!

Kurz nach Acht aufgewacht. Die Sonne scheint.

Sonne und blauer Himmel (eher selten dieses Jahr)

Kaffee mit Katze. Wir machen ein Schattenselfie. Eigentlich müsste man sofort an den Strand, denn morgen soll es schon wieder regnen, aber das frisst mir heute zu viel Zeit, ich habe gestern schon nicht allzuviel geschrieben, aus Gründen.

Schattenselfie mit Pepita

Ich werfe eine Maschine Wäsche an.

Halb Zehn, ich bin im Büro, lese die Tageszeitung und inspiriere mich an allerhand faits divers und Dramen. In Nizza hat eine junge Frau ihre Mutter erstochen.

Zeitung lesen

Viertel vor Zehn. Ich habe alle Türen und Fenster offen, um mal durchzulüften – darüber will ich schon lange einen Beitrag schreiben: Durchlüften! Das ist eine sehr deutsche Angelegenheit, glaube ich und geht nur, wenn Monsieur nicht da ist. Darüber schreibe ich irgendwann. Dies ist der 500 Beitrag übrigens auf diesem Blog und ich wollte eigentlich etwas ganz Außerordentliches dafür schreiben. Aber nun ja, man kann nicht alles und dass ich bei 12 von 12 im Juni teilenehme, finde ich schon außerordentlich genug ;-)

Wachkatze im durchgelüfteten Haus

Die Katze, eine Gegnerin der geschlossenen  Türen, findet Durchlüften klasse.

10 Uhr: Ich höre, weil alle Türen und Fenster offen sind, nicht nur Autolärm und, das ist erstaunlich, trotzdem Vogelgezwitscher in den Lärmlücken, ebenso das laute Ratschen zweier Elstern, sondern auch oben das Telefon klingeln und renne hoch. Durch diesen Anruf ändert sich hier für die nächsten Monate so allerhand (das hat sich aber schon gestern angekündigt) : Ich werde mein Büro einem jungen, bedürftigen Mann zur Verfügung stellen. Wohin ich meine persönlichen Sachen räume und wo ich zukünftig schreiben werde, wird noch entschieden.

10. 06 Uhr : Die Katze kommt rein und legt sich unter den Schreibtisch. Wir mögen beide das Schaffell :)

Pepita auf Schaffell

Die Katze ist unentschieden, rein, raus.

rein und raus

Ich schreibe bis Viertel vor Zwölf halbwegs konzentriert. Dann gehe ich nach oben und bereite das Mittagessen vor.

Um Punkt zwölf erfahre ich, dass ich Großcousine geworden bin. Leider kein Foto. Wäre aber vermutlich auch nicht konform mit der neuen DSGVO.

12.30 Uhr Monsieur kommt spät, bringt aber überraschend Essen vom Libanesen mit. Das wird in Plastiktüte und Plastikbehältern geliefert, ist aber so lecker, dass ich mich trotzdem freue. Das von mir vorbereitete Essen kommt zurück in den Kühlschrank. Wir essen draußen. Die Sonne muss man ausnutzen.

Essen vom Libanesen

Nach dem Essen hänge ich schnell die Wäsche auf. Wenn wir schonmal Sonne haben, müssen wir das ausnutzen.

13.20 Uhr Sieste.

Sieste

Bis 14.07 Uhr hat genau dreimal das Telefon geklingelt. Immer ist es la Pub, publicité, Werbeanrufe. Da Monsieur im Rentenalter ist, bekommen wir viele Anrufe, die uns freudig darüber in Kenntnis setzen, dass wir zum Essen eingeladen sind, eine Kiste Wein oder Fortbildungskurse gewonnen haben oder gar einen Ausflug. Ich lehne kategorisch alles ab. Gratis, rufen die Menschen aufgeregt in mein Ohr. Alles ist gratis, verstehen Sie nicht! Einer ist so dreist und will trotzdem Monsieur sprechen, ich habe nicht das Recht, es für ihn abzulehnen. Sicher doch. Monsieur haben die Anrufe nicht weiter in seinem Mittagsschlaf gestört. Mich schon.

3900 die Nummer der Telekom

Ich trinke einen Kaffee, versuche Orange anzurufen, der moderne Name der Télécom, um Internet in den Bergen zu reaktivieren, nachdem ich x mal die Eins, die Zwei oder die Sternchentaste gedrückt habe, Telefonnummern eingegeben und ja oder nein in den Apparat gerufen habe, sagt mir eine automatische Stimme, die Anrufer seien derzeit zu zahlreich und ich möge bitte im Internet nach der Lösung meines Problems suchen. Das versuche ich, klappt aber nicht, die Seite schreit Alarm, kaum dass ich versuche mich einzuloggen. Super. Jetzt versucht Monsieur sein Glück mit Gaz de France wegen eines anderen Problems und ist am Rande des Nervenzusammenbruchs.

16 Uhr ich bin im Büro, antworte auf ein paar Mails und lese im Internet herum.

16.47 Uhr Ich schreibe.

Schreiben

18.30 Uhr Monsieur bringt mir das Telefon nach unten. Dabei bin ich extra hier unten, um nicht von Anrufen gestört zu werden. Aber er schafft es nicht, das den Anrufern zu sagen. Telefonanrufe muss man annehmen. Ich rufe alle Menschen viel zu selten an, ich weiß, dann haben alle immer viel zu erzählen. Eine gute Stunde bleibe ich mit dem Hörer am Ohr.

am Telefon

Dann gehe ich nach oben und bereite das Abendessen zu. Einfach heute, es gibt das im Kühlschrank aufbewahrte Mittagessen für Monsieur und ich esse die Reste vom Mittag.

Ich hänge die Wäsche ab. Vielleicht bügele ich gleich noch vor dem Fernseher.

20.30 Uhr ich schreibe hier. Wir werden gleich einen alten Western sehen, den wir neulich aufgezeichnet haben: Johnny Guitar. Im Deutschen hat er noch den Untertitel Wenn Frauen hassen. Wenn das nix ist.

Ich schummele ein bisschen. Das hier muss für das 12. Foto herhalten.

Danke fürs Lesen der Alltagspoesie! Die anderen 12/12 er finden Sie wie immer –> hier! Herrjeh, schon mehr als 80!

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Bild(er) zum Sonntag

Badestege am Plage du Midi

Müll Région PACA

es ist bedeckt heute

Schwimmen geht immer

Ich wollte gar nicht heute, ich bin alleine am Strand, ich wollte einfach nur etwas in der Sonne liegen, aber es ist bedeckt, also laufe ich am Strand entlang und dann kann es nicht nicht sehen und wenn ich es sehe, kann ich nicht so tun als ob. Zunächst stolpere ich über etwas, was aussieht wie ein verendender grauer Tintenfisch, aber es ist nur eine verendende graue Plastiktüte, vermutlich ist es das, was hier biodégradable genannt wird, abbaubare Maisfasern oder was weiß ich. Sieht aber trotzdem eklig aus. Ich entsorge es in der Tonne eines Strandrestaurants. Dort entsorge ich auch ein Stück braunen Markisenstoff, der im Meer schwimmt. Dann spricht mich tatsächlich eine Dame an und hält mir mit spitzen Fingern eine Sonnenbrille entgegen. Die hat sie gefunden, ob ich die wolle? „Ich sehe Sie jeden Tag“, sagt sie mir, „Sie sammeln das doch, oder?“ Ich nehme die Sonnenbrille und während wir sprechen, sehe ich ein grünes Ding, das ein Stück weiter im Sand liegt. Es ist ein Filzkegel, ein Spielzeug. Ich nehme es auch an mich. „Ich kann das nicht anfassen“, sagt mir dir Dame, aber sie findet es gut, dass ich es mache. Immerhin. Ich lege den gesammelten Müll neben mein Handtuch und fotografiere es. Zwei Damen und ein Herr sehen es mit gerümpfter Nase. „Wie eklig“, sagen sie. „Die Côte d’Azur ist nicht mehr, was sie mal war.“ Sie sehen mich an, als sei es meine Schuld und sie packen demonstrativ  ihre Sachen zusammen. Ich entsorge den Müll wieder in der Tonne eines Strandrestaurants, diesmal ist es der Maître Nageur, eine Schwimmaufsicht, der es mir anbietet und sich bedankt. Ich sehe noch eine Windel. Aber das ist für mich mit bloßen Fingern heute auch nicht möglich. Ich schwimme ein Stück. Der Himmel zieht sich weiter zu. Die Segelschiffe kommen. Auf dem Rückweg kaufe ich die ersten Kirschen, Aprikosen und noch einmal Spargel. Schönen Sonntag!

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Der Strand, der Müll und das Meer

Heute war es limite degueulasse, die Ekelschwelle erreicht. Es hat mehrere Tagen geregnet. Caro, Cannoise und Antiboise aber ursprünglich aus Norddeutschland, würde mich sofort korrigieren, ich übertreibe, es waren täglich nur ein paar Minuten und außerdem wurde es dahinten schon bald wieder hell … danke, bei uns hat es reingeregnet und nicht zu knapp. Das Wasser tröpfelte nicht, sondern rann von der Decke in Monsieurs Bastelwerkstatt. Egal. Das nur, um zu sagen, am Strand fand man heute wenig frischen bunten Plastikkram, denn niemand war die letzten Tag am Strand, sondern es gab nur allerhand alten, angespülten hellgewaschenen Dreck. Ich laufe am Strand entlang und bücke mich hier und da und sammelte den Müll in ein Plastiksäckchen. Ein Mann kommt genervt auf mich zu, ich solle aufhören, alle Muscheln einzusammeln, es gäbe eh kaum welche. Ich sage, dass ich keine Muscheln sammle und er reißt mir das Plastiksäckchen auseinander, um hineinzusehen. Er versteht nicht, was er sieht. „Was ist das?“. „Müll“, sage ich. „Sie sammeln Müll?“ fragt er verständnislos. „Ja.“, antworte ich. Er sieht mich an, als habe ich den Verstand verloren. „Warum machen Sie das denn?“, fragt er dann angewidert. „Darum“, sage ich. Er lässt mich stehen.

Ich trage den Rest der Strecke das zerrissene Säckchen wie ein Baby an meiner Brust, damit ich nichts verliere. Finde noch zwei verrostete Stangen, die das Meer hier ausgespuckt hat. Ich musste an Frank Schätzings „Der Schwarm“ denken, in dem das Meer zurückschlägt. Die Fische einen Fischer in sein eigenes Netz ziehen und ertränken, die Wale das Wale watching satthaben und nun ihrerseits auftauchen, um die Touristen in den Booten zu betrachten, und das Meer kotzt uns den Dreck wieder zurück an den Strand.

Auf dem Weg zur Mülltonne grabe ich zwei Bierflaschen aus dem Sand und es riecht penetrant nach Urin. Diesen Geruch kriege ich dann nicht mehr aus der Nase, obwohl ich anschließend noch ein Stück schwimme. Auf der Suche nach etwas Idylle klettere ich auf den Wellenbrecher, um ein Segelboot am Horizont aufzunehmen und stoße auf den nächsten Müll. Herrjeh. Seit einer Woche gibt es hier alle fünfzig Meter je zwei Mülltonnen, es gibt schon wieder das erste Dixie-Klo, wie ich sie hasse, diese Plastikhäuschen am Strand, aber genau die geben dem Strand das Eco-Label. Ein angetrunkener junger Mann pisst dennoch gegen die Steine des Wellenbrechers. Dankeschön. Eine Bekannte erzählt mir, dass sie sich anschnauzen lassen musste, als sie einmal einen Hundebesitzer zurechtwies, er möge die Hinterlassenschaft seines Hundes mitnehmen: Salope! Was geht es dich an? Ich zahle Steuern! Die Gruppe der jungen Leute, die die Nacht oder zumindest den frühen Morgen am Strand verbracht hat, lässt dann auch sämtliche Plastikbecher und Plastikflaschen liegen. Zehn Meter von der Mülltonne entfernt. Ich sage nichts, werfe es aber weg. Zuhause dusche ich von Kopf bis Fuß, schrubbe mir die Hände und desinfiziere sie zusätzlich.

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ps: Die Zitronenfalterin hat mich gebeten, diesen Beitrag auf Ihrem Blog zu verlinken. Dort gibt es im Juni eine Blogparade zur Nachhaltigkeit.  Das mache ich gerne!

pps: Astridka von Le monde de Kitchi hat mich gestern  in einem Kommentar auf die Blogparade des DHM, des Deutschen Historischen Museums in Berlin, hingewiesen: Europa und das Meer. Mein Beitrag wurde ursprünglich nicht dafür verfasst, passt aber ganz gut. und ich werde ihn deshalb dort verlinken.

Ich bin Deutsche, lebe in Frankreich, insofern bin ich aktive Europäerin und wir (mein Mann, Franzose, und ich)  sammeln jeden Tag, an dem wir an „unserem“ Strandabschnitt sind, dort den Müll. Mein Mann macht das schon seit 50 Jahren so. Ich habe mich ihm vor zehn Jahren, als ich hierherkam, angeschlossen. Die Müllmänner, die frühmorgens den Strand reinigen, machen das eher auf nachlässige Art und sie gehen nicht am Wasser entlang. Wir hingegen laufen, eigentlich aus sportlich-gesundheitlichen Gründen, ganzjährig mit den Füßen im Wasser und sammeln dabei das, was wir dort an (Plastik-)Müll finden, was angeschwemmt wurde und im Wasser schwimmt.  Ich habe es dieses Jahr, angeregt durch die vermehrte Plastik-Diskussion, erstmals dokumentiert und darüber geschrieben, etwa hier oder hier  Eine weitere Plastiksammelaktion gab es auf der Ile Ste. Marguerite. #DHMMeer

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Weltumwelttag

Ok, ich wusste nicht, dass heute Weltumwelttag ist, bis ich die Zeitung gelesen habe. Insofern kommt mein kürzlich angekündigter Beitrag vollkommen zur rechten Zeit, und den müssen Sie noch, auch wenn es Ihnen vielleicht auf die Nerven gehen mag, dieses Beharren auf dem Plastik- und Abfallthema. Gibts nichts Schöneres in Südfrankreich? Wann blüht denn der Lavendel?

„Hast du das gesehen?“, Monsieur bremst hart auf der Croisette, auf der Höhe des Luxushotels Carlton. Wir sind unterwegs zur Fourrière, dem Ort, an dem man abgeschleppte Autos auslösen kann – gegen eine Handvoll Scheine und dem Nachweis sämtlicher gültiger Autopapiere. Monsieur hatte unseren alten Opel, der gerade noch einmal über die TÜV-Hürde gehüpft ist, vermutlich einmal zu viel auf einer dafür nicht vorgesehene Stelle geparkt, aber was wollen Sie machen, es gibt immer weniger Parkplätze, aber immer mehr Autos oder zumindest immer größere und wir stehen daher häufig à la perpette, weit ab vom Schuss, wenn überhaupt. Manchmal wird es eben ein nicht wirklich legaler Platz. Eben aber halten wir mit dem luxuriösen Zweitkleinwagen auf der Croisette und starren auf ein Plakat.

Das geht ein bisschen weit, findet Monsieur, man könne doch die Araber (wie wir hier vereinfachend für alle Menschen aus dem Nahen Osten sagen) nicht so stigmatisieren. In der nähe vom Carlton. Wie unangenehm. Das Carlton wurde in den letzten Jahren Monopolymäßig mehrfach weiterverkauft und gehört derzeit einem gewissen Ghanim Bin Saad Al Saad, einem reichen Geschäftsmann aus Quatar. Die Klientel  des Hotels stammt oft auch aus den reichen Erdölstaaten, arabisch eben, und ihnen hat man jetzt so ein Plakat vors teuer bezahlte Hotelfenster gehängt. Und nicht nur eins.

180 Euro Strafe für eine achtlos weggeworfene Kippe oder eine weggeworfene Dose. Während wir uns noch wundern und weiterfahren, sehen wir, fast ein bisschen erleichtert die gleichen Plakate auch in Russisch und Englisch und selbst in Italienisch.

Hin und wieder auch in Französisch, aber die kennen wir schon. Neu ist, dass wir (ich sag jetzt mal ‚wir‘) unsere Gäste, die Touristen, die hier doch jedes Jahr ersehnt und umworben werden, ohne die hier ja auch nichts laufen würde, also zumindest nicht mehr viel und deren Geld wir doch gerne nehmen, dass wir die jetzt in ihrer eigenen Sprache streng ansprechen: Hallo! Ordentlich jetzt aber! Schön aufräumen! Es sei mal dahingestellt, ob die Police Municipale wirklich den Prinz von X oder den Emir von Y wegen eines Vergehens der incivilité ein Knöllchen von 180 Euro verpassen würde, obwohl die es sich leisten könnten, nicht wahr, den Witz, dass man in diesen Ländern ein neues Auto kauft, wenn der Aschenbecher voll ist, kennen Sie sicher noch. Anyway. Kommt komisch. Als seien die französischen Plakate nicht aussagekräftig genug. Auf Deutsch gab es übrigens kein Plakat. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass wir (auch jetzt sage ich ‚wir‘, merken Sie’s?!) per se als ordentlich und dsizipliniert eingeschätzt werden, wir gehen nicht bei Rot über die Straße und wir trennen unseren Müll schon seit dreißig Jahren, das weiß man ja auch hier, oder ob nur einfach nicht genug deutsche Touristen in Cannes sind?!

Eins noch, nicht genug für einen eigenen Beitrag, ich wills ja auch nicht übertreiben:  In Antibes werden ab September 60 Testfamilien versuchen, zukünftig Müll zu vermeiden. Eine Aktion von Univalom die großartig „100% zéro déchet“ in etwa ‚Hundert Prozent Null Müll‘ fordert. Also man soll schlicht gar keinen Müll produzieren. Es gibt für Interessierte jeden Samstag Workshops, bei denen man lernen kann, Seifen und Hygieneartikel selbst herzustellen (ich weiß nicht warum, aber bei „Hygieneartikel herstellen“ habe ich das Bild von Tampons häkelnden Frauen vor meinem geistigen Auge und haha, während ich denke, ich habe einen guten Witz gemacht und nur mal so auf google suche für alle Fälle, habe ich das hier gefunden. Ok, ich sag nix mehr.), Verpackungen zu recyclen, einen Müllfreien Kindergeburtstag zu veranstalten (das möchte ich sehen!) und vieles mehr. Außerdem habe ich so erfahren, dass es tatsächlich demnächst Läden geben soll, in denen man seine eigenen Behälter zum Einkaufen mitbringen kann. Diese Läden haben dann einen eigens geschaffenen Aufkleber an der Tür kleben. Das lese ich natürlich triumphierend Monsieur vor, und halte ihm sein „ne les fais pas chier“ vor. Er seufzt ergeben. Auf nach Antibes! möchte ich rufen, aber seien wir realistisch, es haben sich erst 35 Familien für die Herausforderung „zéro déchet“ eingeschrieben. Antibes hat knapp 75.000 Einwohner. Auch wenn die Verantwortliche des Projekts hoffnungsvoll sagt, „Kleine Bäche machen einen Fluss“, so handelt es sich hier noch um die ersten Tropfen. Die versickern vermutlich noch im selbst gehäkelten Tampon. ;)

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Der Fischer, der Strand, die Kippen und das Meer

Ein Fischer ganz nah am Strand

die Netze sind leer

Kippen am Strand

der junge Mann und das Meer

Ich hatte mich heute am Strand mal auf Kippen spezialisiert, warum, zeige ich Ihnen morgen oder übermorgen, schöner Cliffhanger, was?! Allerdings bin ich auch über eine zerbrochene Bierflasche gestolpert und habe fein und vorsichtig wie eine Archäologin auch noch das letzte Stückchen Glassplitter aus dem Sand gesucht; die Flaschenreste und „meinen“ bis dahin gesammelten Müll lagerte ich neben den Handtüchern zwischen, um schnell noch ein paar Kippen einzusammeln. Bis ich zurück kam, hatte Monsieur schon alles entsorgt. Insofern nur ein Kippenfoto. Aber Sie wissen auch so, wie eine zerbrochene Bierflasche aussieht, denke ich. Wie lange Kippen wirklich brauchen, bis sie abgebaut sind, weiß ich nicht, 400 Jahre scheint mir etwas hochgegriffen, viele sahen schon ziemlich zerfasert aus, aber schön ist es dennoch nicht. Es gibt in Cannes sogar irgendwo rauchfreie Strände, ich müsste mich mal informieren, ob das wirklich funktioniert, denn hier wird immer noch wahnsinnig viel geraucht. Ich folge auf Instagram einer netten Seite, die @ImfrenchbutIdontsmoke heißt. Schicke Schwarzweißfotos aus den Sechzigern (nicht nur) von (überwiegend) französischen Stars, allesamt rauchend. Daran hat sich bis heute wenig geändert.

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Schlaflos in Cannes

Hier regnet es schon wieder. In Deutschland ist es Sommer, bei uns ist es ein komischer nasser Frühling. Ein Tag Sonnenschein, zwei Tage Regen, Gewitter, Sturm, immer schön im Wechsel, aber bestimmt doppelt so viel Regen wie Sonne. Und Morgen nochmal drei Grad kälter als heute. Heute ist auch schon nicht so warm. Nur zur Erinnerung, ich lebe in Südfrankreich. Da ist es Ende Mai normalerweise frühsommerlich heiß und sonnig. Dieses Jahr regnet es. Der Vorgarten ist grün, so grün, denn das Unkraut, um diese Jahreszeit in der Regel schon vertrocknet, wuchert sich geradezu ekstatisch in Höhe und Breite. Unraut jäten ist ja ein Millionärsvergnügen, habe ich bei Micha kürzlich gelesen. Adele, die Sängerin, habe auf einen Auftritt mit Millionengage verzichtet, weil sie lieber in ihrem Garten Unkraut jäten wolle. Ich jäte auch gerne in meinem Vorgarten Unkraut, aber bei mir fällt es eher in die Kategorie Prokrastination. Falls mir jemand eine Million Euro oder Pfund Sterling oder meinetwegen auch Dollar dafür geben möchte, dass ich mit dem Unkraut jäten aufhöre und irgendwohinkomme, um Ihnen was zu erzählen, vorzulesen, unter Umständen auch zu singen, also ich würde es noch machen. Nur mal so dahingeworfen. Vielleicht nützt es etwas.

Was sonst? Spiderman lebt. Spiehderman sagen die Franzosen hier, sogar die Moderatorin von C’est à vous spricht es so aus. In Paris hat ein Afrikaner, der sich illegal in diesem Land aufhielt, ein Kleinkind von einer Balkonbrüstung im vierten Stock eines Hauses gerettet und hat als Dank für seine Heldentat nicht nur ein Gespräch mit Macron gewonnen, sondern auch die Französische Staatsbürgerschaft und einen Job bei der Feuerwehr. Sehr schön. Es gab allerdings auch böse Stimmen. Das alles sei gefaked gewesen, eine Propaganda-Veranstaltung Macrons, hieß es. Da waren doch zwei Leute, die das Kind irgendwie festhielten, warum muss denn da noch einer spektakulär die Fassade hochklettern. Fake! Tatsächlich sieht die Situation auf dem Amateurvideo, das durchs Netz schwirrt, ein bisschen unklar aus. Unklar ist auch, warum ein illegaler Asylbewerber, der ein französisches Kind rettet, ein Held wird, ein Franzose, der einem illegalen Asylbewerber hilft, jedoch ein Krimineller.

Frankreich hat dann heute, im Prinzip ist es schon gestern, ganz unpropagandamäßig mal wieder ein illegales Flüchtlingscamp in Paris geräumt. Es ist ein Elend. Die Afrikaner, die hier an der italienisch-französischen Grenze festhängen, bevor sie einfach weiter laufen, immer weiter laufen … wollen häufig nach Paris. Paris! sagten mit aufgerissenen Augen ein paar Frauen, als Daniel Cohn-Bendit sie in seinem Road Movie La Traversée, 50 Jahre nach 68, nach ihrem Ziel befragte. Paris. Welch ein Elend.

Leider ist die Szene nicht in dem Interview mit Cohn-Bendits Regisseur und Kameramann, nur der weinende Pfarrer, der sagt, wie unmenschlich das alles ist, und dass er gerade drei Afrikaner, die er für ein paar Tage aufgenommen und versteckt habe,“evakuiert“ habe und schon stünden zwei andere vor seiner Tür.

Das habe ich heute Nacht geschrieben. Um Ein Uhr fünzehn war ich wieder aufgestanden, das mit dem Einschlafen funktionierte trotz angewandtem autogenen Training nicht. Noch nicht, ich weiß, man muss es üben. Training heißt es ja auch. Vielleicht lag es auch nur am Vollmond. Danke übrigens für diese überwältigende Resonanz auf meinen Meditationstext. So viele Kommentare und Anregungen hatte ich schon lange nicht mehr. Ich hatte allerdings auch schon lange nicht mehr so viele LeserInnen. Kaum verlinkt mich Herr B., schnellen die Zahlen nach oben. Unglaublich. Es geht dann auch irgendwann wieder gnadenlos bergab, da kann ich dann schreiben, was ich will. Ich weiß. Im Moment setzen mich die hohen Zahlen aber ziemlich unter Druck. Schreib was, schreib was!

Dieses Jahr ist es schwierig mit dem Schreiben. Schreiben für Geld meine ich. Noch schwieriger als sonst, scheint es mir. Ich müsste nachts schreiben. Wenn alles ruhig ist, wenn keiner mehr was von mir will. Nur bin ich da derzeit zu müde. Zu müde zum Schreiben, zu wach zum Schlafen. Ich habe die letzte Bücher überwiegend frühmorgens geschrieben. Da habe ich mich auf Aufstehen um Vier oder halb Fünf programmiert und das hat die meiste Zeit auch richtig gut geklappt. Damals schlief ich aber noch mit Ohrstöpseln und der Schlaf war anders. Jetzt, wo ich gerade wieder ohne Ohrstöpsel richtiges Schlafen lerne und mich freue, wenn ich manchmal so richtig tief schlafe, ganz ohne Hilfsmittel, will ich mich nicht gleich wieder durch extremes Frühaufstehen durcheinanderbringen. Ich verlinke mal den Text für die vielen neuen Leser, kleines Service-Angebot, keine Ursache, gerngeschehen, so sind wir.

Tags aber bin ich schnell abgelenkt, unkonzentriert, wir hatten das schon. Und nein, Noise Cancelling Kopfhörer sind nicht die Lösung, ich sagte es neulich schon in einem Kommentar und nehme es hier noch einmal auf, damit es offiziell wird:  Ich war bereit für mehrere hundert Euro das letzte SuperduperModel von Bose zu erwerben, aber Noise Cancelling Kopfhörer funktionieren prima, so lange man Musik damit hören will. Dann hört man die Musik kristallklar ohne Nebengeräusche und hat wirklich das Gefühl „in einer eigenen Welt“ zu sein (getestet, klasse!) Ich will beim Arbeiten aber keine Musik hören, sondern Stille haben. Das funktioniert nicht, mit keinem Kopfhörer. Ich hatte so etwas mal in einem Film gesehen und wünschte mir so etwas seither –

(Anm: man sieht zwar die Kopfhörer, die Stille kommt aber im Trailer nicht rüber)

Als ich das dem Kopfhörer-Spezialisten erzählte, lachte er: das war ein Film! Sowas gibts nicht :( Ich war deshalb sogar beim Ohrenarzt, der hat mir jedoch von allem Abschotten abgeraten und mich auf den „Einatmen-Ausatmen-Weg“ geschickt. So jetzt wissen Sie alles.

Zum Plastik. Irgendjemand schrieb, er oder sie warte auf ein Update. Nun. ich war die letzten Tage nicht am Strand, es regnete. Ich kann Ihnen aber aus Erfahrung sagen, hier ist der Strand nie sauber, also so richtig, höchstens in dem Moment, wo wir den Müll gesammelt haben, (und ich sammle nicht mal die Kippen ein!). Jedem Strandmorgen geht ein Strandabend voraus. Bei jedem Strandabend bleibt wieder genauso viel Müll liegen und jeden Tag und jede Nacht wird auch Müll angeschwemmt. Es gibt zwar eine Müllreinigung, eine grobe mit Maschinen und eine Müll-Brigade, eine handvoll Männer, die frühmorgens mit signalroten Jacken und schwarzen Müllsäcken den Strand entlanglaufen und hier und da etwas mit Zangen auflesen und in den Müllsack versenken. Aber es ist eher so ein halbherziges Auflesen. Da unten liegt noch was, och, da lauf ich jetzt nicht mehr hin. Da schwimmt was im Wasser? Nicht mein Bereich. Monsieur und ich lesen Müll auf, schon immer und jedes Mal, wenn wir am Strand sind. Nicht einmal haben wir erlebt, dass es uns jemand nachgetan hätte. Es ist auch nicht unsere Absicht. Wir machen es nicht demonstrativ mit dem moralisch erhobenen Zeigefinger und auch ganz ohne Wut oder Empörung. Wir machen es einfach. Einfach so. Ich möchte deshalb auch nicht immer Müllfotos vom Strand zeigen. Es macht nichts besser. Bücken Sie sich, heben sie eine Plastiktüte oder ein Stück Müll auf, entsorgen Sie sie/es korrekt. Punkt.

Gestern holte Monsieur ein Mittagessen im kleinen Restaurant an der Ecke. Da sind die Portionen für Handwerker gedacht und so groß, dass uns zusammen eine Mahlzeit reicht. Es gibt dort jetzt auch Papiertüten, das Essen aber war in einem festen Plastikbehälter mit Deckel, so dass ich dachte, den spüle ich aus und verwende ihn beim nächsten Mal wieder. Als ich es Monsieur vorschlage, verzieht er das Gesicht. „Zu kompliziert“ murmelt er, und ich weiß, dass er mich gerade schon ein bisschen fanatisch findet, zu deutsch. Lass mal locker, Christjann. Ne les fait pas chier, sagt er. Das ist ziemlich vulgär und meint in etwa, geh Ihnen nicht auf die Nerven.

Vous me faites chier brüllt der Teenager-Enkel neuerdings häufig durchs Haus. Er lernt als zweite Fremdsprache Deutsch, aber wenn ihn an dieser Sprache gerade überhaupt etwas interessiert, dann das deutsche Äquivalent zu „Ihr macht mich scheißen“. Nur damit glaubt er sich gewappnet für eine Deutschland-Reise. Mir ist ehrlich nichts eingefallen, nicht nur, weil ich vermeiden wollte, dass er seinen Gasteltern als erstes etwas Vulgäres entgegenruft und dann noch sagt, er habe es von mir. Erst heute Nacht fiel mir Ankotzen ein. Es kotzt mich an. Ihr kotzt mich alle an. Sagt man das noch? Ich bin ja nicht mehr so drin in der aktuellen Sprache. Vielleicht sagt man heute auch nur Fuck you. Fökk würden die Franzosen dann sagen Fökk juh. Ich habe es dem Enkel dann nicht mehr gesagt, kann er sich von seinem kleinen Austausch-Freund in Berlin beibringen lassen. Der Knabe ist nämlich für eine Woche in Berlin. Ach Berlin. Da würde ich auch gerne mal wieder hin. Was ich nicht alles möchte.

Und dann fällt mir noch das hier ein. Nicht am Balkon, sondern am Fenster ;-)

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Im Hier und Jetzt

Seit Jahren will ich Meditation machen. Um ruhig zu werden, um Abstand zu finden, zu allem, was mich so schnell überrollt. Mir ist schnell alles zu viel. Das habe ich schon einmal erzählt. Es passiert zu viel. Zu viel Aktion. Zu viele Menschen. Zu viel Gefühl. Meine Gefühle, die Gefühle der anderen. Alles zu viel. Meditation soll da helfen. Bewusst im Hier und Jetzt sein soll außerdem glücklich machen. Seit Jahren bin ich angezogen von Meditation und seit ebenso langer Zeit wehre ich mich dagegen. Natürlich habe ich das immer mal probiert. Habe vor langer Zeit schon ein Ommmm für die Mondgöttin gesummt, später in einem buddhistischen Zentrum bei Vollmond stundenlang Mantren gesungen und noch später mit einem evangelischen Pfarrer in einer Kleingruppe versucht „Nichts“ zu denken, so lange bis mir die Füße eingeschlafen sind und ich gequält nur noch an meine Füße dachte. Das war es alles nicht. Es fühlte sich falsch für mich an. Ich hatte immer das Gefühl, das nur zu spielen.

Ich höre seit einiger Zeit regelmäßig den Podcast von Clotilde Dusoulier und sie sprach vor kurzem von Meditation und letzte Woche gab es im Abendprogramm des Fernsehens eine ganze Sendung über Meditation. Dort sprachen sie davon, dass es Meditations-Apps fürs Handy gäbe. Das brauche ich, dachte ich, eine Anleitung, jemand,  der mir sagt, dass ich ein- und ausatmen soll, sonst macht mein Hirn sich selbständig. Ich fing an zu suchen und wollte nicht glauben, wieviele selbstberufene Menschen einem geführte Meditationen anbieten. Ich hörte mich testhalber auch durch tibetanischen Mönchsgesang, den Klang tibetischer Schalen, Vogelzwitschern, Bergbachplätschern, Regendwaldregen, Elfengesang und allerhand esoterische Musik und tiefenentspannende Hirnwäsche. Irgendwie bin ich dann auf dem französischen Markt der geführten Meditationen hängengeblieben. Alle erzählen irgendwie dasselbe, aber es ist die Art, wie sie es sagen, die ich mag oder eher nicht mag. Ich bin bei aller Spiritualität nicht sehr esoterisch. Sanfte Männer, deren göttliche Erleuchtung ich schon in ihrer aufgesetzt zugewandten Stimme spüren kann, die mir außerdem liebevoll  Namasté entgegensäuseln, kann ich nicht ab. Außerdem quillt mir bei den meisten Angeboten zu viel Musik, Getön und Gezwitscher in die Ohren. Bei Jonathan Lehmann bleibe ich hängen. Er hat keine professionell sanfte Stimme, die Tonqualität ist auch eher schlecht, als habe er es zu Hause am Küchentisch aufgenommen, aber er ist nüchtern, ruhig, sachlich und außer seinen Sätzen ist es still. Ich höre ihn mir abends im Bett an und schlafe dabei ein. Genial. Jonathan spricht mich abends in den Schlaf.

Heute Mittag Sieste. Im Haus ist es unruhig, der Nachbar von oben werkelt im Treppenhaus, er baut einen automatischen Türöffner ein. Das ist toll, aber der Lärm machte mich schon den ganzen Morgen zappelig, so kann ich nicht arbeiten und suchte den hintersten Winkel in der Wohnung. Von dort höre ich weniger das Werkeln im Treppenhaus, dafür aber heitere Bläsermusik aus dem benachbarten Altenheim. Mein angespanntes Nervenkostüm verlangt geradezu nach einer geführten Meditation. Einatmen. Ausatmen. Ich fange mit Jonathan an, aber da ist mir heute zu viel Stille, ich höre trotz Kopfhörer in den langen stillen Momenten die Tür im Treppenhaus knallen. Jetzt hätte ich gern einen dieser Namasté-Jünger, deren Meditation mit Musik unterlegt ist. Ich finde keinen, der mir genehm ist und klicke eher zufällig auf Xavier, einen weiteren in der Stille sprechenden Herrn, aber er ist etwas ausführlicher als Jonathan, das brauche ich heute. Nehmen wir den. Brille ab. Augenmaske auf, Ohrstöpsel des Kopfhörers in die Ohren und ich installiere mich comfortablement. So lange er spricht, höre ich nichts anderes. Einatmen. Ausatmen. Bewusst in diesem Moment, hier und jetzt, Einatmen und Ausatmen. Nach vier Minuten schweigt Xavier. Er schweigt lange. Hallo denke ich, wo ist er denn? Kommt da noch was? Ich reiße die Maske von den Augen, um zu sehen, ob ich aus Versehen die Meditation angehalten habe. Aber nein, jetzt spricht Xavier auch weiter. „Sie haben vielleicht bemerkt, dass Sie nicht mehr auf ihre Atmung konzentriert sind“, sagt er. Ja, denke ich. Du warst zu lange weg. „Ihre Gedanken sind weit weg vom Hier und Jetzt … es ist normal und nicht schlimm, in dem Moment, wo Sie es bemerken, sind Sie wieder hier, mitten in der Meditation.“ Sehr tröstlich. Ich weiß das eigentlich auch schon von Jonathan. „Ich atme ein und nähre meinen Körper, ich atme aus und reinige meinen Körper.“ Es klingelt. Es klingelt wie mein Handy. Es ist mein Handy. Irgendjemand ruft mich an. Ich reiße die Augenmaske von den Augen und starre kurzsichtig auf das Smartphone,  es ist Cathy. Ich schaffe es, den Anruf anzunehmen, aber Xavier spricht immer weiter. Ich reiße mir die Kopfhörerohrstöpsel aus den Ohren und höre jetzt alles wie von Ferne, auch Cathy. „Christjann?“ ruft sie von sehr weit. „Christjann?“ „Ja“, flüstere ich, denn ich will Monsieur, der neben mir unbehelligt von den Geräuschen und ohne jegliche Meditation schläft, nicht aufwecken. „Christjann?“ Herrgott, ich suche die Brille und springe mit dem Smartphone in der Hand aus dem Bett nach nebenan. Ich höre Cathy und Xavier aus den herunterhängenden Ohrstöpseln und reiße den Stecker raus. Jetzt höre ich endlich Cathy laut und deutlich. Uff. „Hast du geschlafen?“, fragt sie laut. Nein, sage ich ebenso laut und versuche zu erklären, dass ich eine Meditation gemacht habe und bei ihrem Anruf mit den Stimmen und dem Kopfhörer durcheinander gekommen bin. An ihrer Reaktion merke ich, dass ich besser gesagt hätte, ich hätte geschlafen. Eigentlich will sie Monsieur sprechen. Der ist durch all das Gehampel sowieso wach geworden und telefoniert jetzt mit meinem Smartphone mit Cathy. Dann werde ich beauftragt noch eine SMS zu schicken und Monsieur schließt schon wieder die Augen. Ich installiere mich wieder comfortablement und fange erneut an, mit Xavier ein- und auszuatmen. Dann schweigt er wieder. Ich höre die Tür im Treppenaus rummsen. Xavier schweigt. Ich atme. Monsieur wirft sich auf die Seite. Ein Scooter quäkt laut vor dem Haus vorbei. Die Tür rummst nochmal. Bei jedem Rumms wackelt das Haus. Muss er ausgerechnet heute diesen blöden Türöffner einbauen? Es ist totale Stille in den Kopfhörern. Bei Jonathan glaubte ich in der Stille, die bei ihm vorbeifahrenden Autos zu hören. „Wenn ihr Verstand herumvagabundiert und versucht, Sie weit weg zu führen, erinnern Sie sich an ihren Atem, der da ist, jederzeit, hier und jetzt.“ Xavier spricht und ich höre Monsieur, der laut in meine Richtung atmet. Die Tür rummst. Die Tochter des Nachbarn hüpft durchs Treppenhaus und ihr helles Stimmchen übertönt Xavier. Einatmen. Ausatmen. Monsieur hat bedauerlicherweise einen anderen Atemrhythmus und ich bin beinahe geneigt, mich seinem Rhythmus anzupassen. Und schon wieder schweigt Xavier lange. Zu lange für mich. Als er mir zum dritten Mal sagt, dass ich nicht auf meine Atmung konzentriert bin, werde ich sauer. Natürlich nicht. Du schweigst. Monsieur atmet. Die Tür rummst. Ich denke, dass ich trotz allem ziemlich im Hier und Jetzt bin, mit all den Geräuschen, die ich höre. Allerdings meilenweit entfernt vom meditativen Glück. Monsieur wälzt sich zur Seite und steht auf. Gut. Ich versuche die letzten Minuten alleine mit Xavier noch einmal konzentriert ein- und auszuatmen. Ich erschrecke, als etwas Schweres auf mich fällt. Die Katze tritt schnurrend auf meinem Bauch herum und arbeitet sich langsam balancierend über meine Oberschenkel nach unten. Dann quetscht sie sich zwischen meine leicht auseinanderliegenden Unterschenkel. Sie sucht Körperkontakt und beginnt dann energisch sich zu putzen. Ich bin im Hier und Jetzt. Aber sowas von.

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Strand, Meer und Plastik

Der Süden ist blau

Strand aufräumen – #noplastic

ich war schwimmen – Monsieur liest Zeitung

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Deutsche in Cannes

Das ZDF war da und hat –> „Deutsche in Cannes“ gefilmt. Und wer war dabei? Richtig, die Autorin Christine Cazon. Sie erscheint ab Minute 2:31.  Viel Vergnügen in Cannes :)

 

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Das Kettensägenmassaker … in Cannes

Heute früh war ich nur kurz auf dem Markt, um ein Kilo Quark bei meinem Bio-Käsehändler zu kaufen, Nur dort gibt es einen Quark, dessen Konsistenz für einen Käsekuchen infrage kommt. Der Markt ist aber wie eine Droge, schrieb ich schon andernorts und ich habe in einem knappen halben Stündchen 50 Euro auf den Kopf gehauen für Quark und Käse und Olivenöl und violetten Spargel und Honig von Bohnenkrautblüten, Sarriette oder Pebre d’ai heißt das Bohnenkraut in Französsich oder Provenzal, und Kartoffeln, die Mona Lisa heißen (ok, sie waren trotz des berühmten Namens am wenigsten teuer) und da ich, angefixt von Arthurs Tochter, mit dem letzten Geld heute kleine Auberginen erstehen musste, fielen die Pfingstrosen diesmal aus.

Wer hätte gedacht, dass ich mal Auberginen statt Blumen kaufen würde! Ausgerechnet Auberginen! Auberginen sind ja relativ neu in meinem Küchenleben. Habe ich in Deutschland nie gegessen und noch seltener gemacht. Auberginen. Komische Dinger. Monsieur liebt Auberginen und kauft sie manchmal, in der Hoffnung, ich würde ihm Auberginenbeignets machen oder sonst eine fettige Köstlichkeit. Meistens wartet er vergeblich, denn Auberginen lasse ich tatsächlich hin und wieder im Kühlschrank vergammeln. Sie bleiben mir fremd und ich mag ihre Konsistenz nicht. Meine reizende Schwiegermutter, die mir jahrelang aus purer Lust am Kritisieren, jegliche von mir gekauften Auberginen als zu groß, zu klein, zu alt, zu frisch, zu hart, zu weich, zu viel Kerne, zu violett, zu gestreift … abgelehnt hat, ist sicher nicht unerheblich schuld an meiner Abneigung dieser Gemüsesorte. Heute aber kaufte ich viele kleine sehr niedliche violette  Auberginenbabies und dachte, Monsieur mit diesem Mittagessen zu betören. Monsieur war heute früh woanders werkeln, ich erwartete ihn gegen halb eins und hatte gerade erst die Auberginen mit der Gabel eingepiekst, mit Olivenöl übergossen und mit Knoblauchsalz bestreut, machte ein Foto und ab in den Ofen, als er schon neben mir stand. „Schon da?“, frage ich. Dann sehe ich seine blutbesudelten Kleider und die Hand mit den durchgebluteten Taschentüchern. Die Kettensäge war irgendwie explodiert. Monsieur war früher Apotheker und ist sozusagen Selbsthelfer. Er gibt Anweisungen, und ich klebe mit zitternden Händen Pflasterstreifen über die klaffenden Wunden, aber so richtig wohl ist mir nicht. Ich hole also die Auberginen wieder aus dem Backofen und fahre Monsieur entschlossen in die Notfallambulanz der Klinik, die auf Handchirurgie spezialistiert ist. Er sträubt sich so gut wie gar nicht, was ich als schlechtes Zeichen werte. Notfall, schrie sofort die Sekretärin, das Verwaltungsprozedere muss trotzdem gemacht werden. Während wir noch auf irgendeinen Zettel warten, kommt ein junges Mädchen und ist noch viel notfalliger als Monsieur, sie hat sich die Hand durchgeschnitten. Zwei Fließenleger mit geschwollenen Händen sind auch noch da, sie zeigen sich auf ihren Smartphones gegenseitig ihre Arbeit mit Marmorfließen, 1400 Euro der Quadratmeter, höre ich, dann kommt noch ein Fahrradunfall. Und eine alte Dame hat sich beim Rausholen des Kerns einer Avocado mit dem Messer verletzt. Das nüchterne Wartezimmer wird voller und voller, immerhin ist Monsieur unter den ersten Notfällen und soll alsbald operiert werden. Wir warten nun in einem Zimmer, der Gatte schon mit Häubchen und OP-Hemd, und starren auf den Fernseher. Wir kommen gerade richtig zur Vermählung von Prinz Harry und Prinzessin Meghan, hurrah, wer hätte gedacht, dass ich das heute ganz ohne schlechtes Gewissen sehen kann. Stand by me. Schluchz. Die Krankenschwestern starren auch auf den Bildschirm und legen schonmal eine Manschette zum Blutdruckmessen falsch herum an, aber sie wissen, wie lang Meghans Schleppe ist und dass im Haarreif Diamanten stecken. Sie diskutieren den Unterschied zwischen Diadem und Haarreif. Ich hoffe, dass der Chirurg später weniger royalistisch begeistert ist und sich aufs Nähen konzentriert.

Gegen 14 Uhr verschwindet Monsieur zeitgleich mit dem Mädchen und dem Fahrradunfall im OP-Block. Ich darf die Hochzeit nicht weiter schauen, sondern soll im Garten warten. Garten, naja. Etwas Grün mit ein paar Bänken. „Wie lange etwa?“, frage ich. „Eine gute Stunde“, heißt es. Ich ziehe mir einen Kaffee, setze mich in die Sonne und höre einen Podcast und noch einen, schreibe in FB und rödele langsam den Akku meines Handys leer. Dann laufe ich etwas durchs Viertel, glaube, dass in der nahen Avenue Montrose ein Gedenkstein für Naziopfer stehen soll, denn in der von den Deutschen annektierten Villa Montrose war damals ein Gefängnis. Ich laufe die Straße entlang, denke wehmütig an meine Stadtspaziergänge, die ich nicht mehr mache und finde den Gedenkstein nicht. Dann die Erleuchtung. Montfleury heißen Villa und Straße! Nicht Montrose. Montfleury sagt das Navi auf dem Handy, Montfleury ist ganz woanders. Nun gut. Ich gehe zurück zur Klinik, ziehe einen weiteren Kaffee, setze mich erneut auf eine Bank und warte. Ich nehme es vorweg, ich warte sechs Stunden. Zwei davon zu Hause, als ich nämlich die Nase voll habe von schlechtem Kaffee in Plastikbechern und Chips in Plastiktüten und ekelhaft aromatisiertem Wasser in Plastikflaschen und verärgert denke, dass ich morgens so leckere Sachen mit so wenig Plastik wie möglich eingekauft habe, nur um jetzt so einen Müll in Plastik zu futtern.

Gegen 20 Uhr habe ich den Gatten wieder zu Hause auf dem Sofa. Ich schiebe die Auberginen nochmal in den Ofen, sie sehen aber schon ein wenig verunglückt aus, und rase schnell zur Notfallapotheke. Haha. Großes Treffen. Der Fahrradunfall steht schon an der Theke, nach mir kommt der Freund des Mädchens, das sich die Hand durchgeschnitten hat. Als ich dran komme, hat der Apotheker nichts mehr da, kein Verbandszeug, kein Antibiotikum, gar nichts. In Antibes könne ich es versuchen oder in Nizza. Oder morgen früh in der Notfallapotheke, die die Tagschicht übernimmt. Sie ist größer, hat mehr Vorrat, wenn ich da ganz früh hingehe, könnte es klappen. Super. Zuhause finde ich keinen Parkplatz und stelle mich ganz französisch halb auf den Zebrastreifen. Die Auberginen sind fertig, sehen komisch aus, ich füttere Monsieur. „Naja“, sagt er. Ich hätte doch Pfingstrosen kaufen sollen.

ps: Heute morgen erfahre ich, dass der Chirurg dem Gatten eine Transplantation gemacht hat. Wie genau weiß ich nicht, noch ist alles eingewickelt, aber die Wunden waren von der Säge so ausgefranst, dass er viel wegschneiden musste und sie daher mit Haut oder Fleisch aus dem Handballen auffüllte. Ups. Nun, immerhin habe ich gestern noch erfahren, dass es DER Handchirurg schlechthin ist, wenn man einen Termin bei ihm möchte, muss man sechs Monate warten, wir hatten also Glück im Unglück.

Dem Gatten geht es soweit gut. Ich war ganz früh in einer großen Apotheke und habe nun alles, was wir brauchen, vor allem die Antibiotika. Die kleine Apotheke in der Nähe des Palais des Festivals, die gestern Notdienst hatte, war während des Festivals schon leergekauft worden. Der Apotheker war gestern selbst am Rande des Nervenzusammenbruchs.

So. Jetzt muss ich Geschirr spülen. DAS kann er nämlich vorerst nicht tun, der Arme, seufz.

pps: Und, pardon für die reißerische Überschrift, die Goldene Palme bekam natürlich nicht der uralte Horrorschocker „Das Kettensägenmassaker“ sondern ein japanischer Film The shoplifters. Hier eine kurze Zusammenfassung auf Cannes 2018.

 

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Ein französisches Mittagessen – Dienstag

Ich dachte, ich zeige Ihnen mal ein normales französisches Mittagessen, damit Sie sich das nicht zu glamourös vorstellen. Dreigängig heißt ja nur, dass das Essen in mehrere Häppchen zerlegt wird und bedeutet nicht zwingend einen festlich gedeckten Tisch. Heute, im Zuge der Plastikdiskussion, zeige ich auch die Details.

Wir essen früh heute, Monsieur muss „aux Impots“, zum Finanzamt, da war heute Morgen eine zwei Kilometer lange Schlange, er versucht es also um die Mittagszeit nochmal. Ich wähle die Spargel als Vorspeise, weiß, dass es knapp wird, will sie aber auf jeden Fall machen, weil sie schon seit Samstag im Kühlschrank liegen. Sie kommen vom Discounter (Monsieur) und sind in Plastik eingepackt gewesen. Ich hatte das Plastik geöffnet und ein feuchtes Küchentuch um die Spargel gewickelt.

Ich schneide die unteren Enden großzügig ab und schäle ebenso großzügig. Backofen ist schon an, ich werde sie nach dem Rezept von Arthurs Tochter in Papilloten im Backofen machen. Bestes Rezept ever für Spargel. Hier werden Spargel als Entrée mit Vinaigrette gegessen und sollen bissfest sein, man muss sie zum Einstippen in die Vinaigrette „stabil“ in die Hand nehmen können! Die Backofen-Gar-Methode ist dafür idealst!

Ich rühre die Vinaigrette an mit Olivenöl (nicht bio, aus Spanien, aber in Glasflasche), einer Art weißem Balsamicoessig (Glas), Senf (Glas) und Pfeffer und Salz.

Monsieur deckt den Küchentisch, ich achte darauf, dass alles, was wir brauchen schon auf dem Tisch steht, dann muss ich nicht noch x-Mal aufstehen: Joghurt (Plastik), Zucker (brauner Rohrzucker in Karton), ein Stück Käse (Reblochon aus dem Supermarkt, ehemals in Plastik), Wein (Rosé, Glas), Mineralwasser (Plastik), Zitronensaft (Glas). Und noch handgerüttelter Himbeeressig für die Artischockenvinaigrette (Bio, lokal, Glas).

Ich teste die Spargel, sie sind noch etwas al dente und Monsieur isst daher schonmal eine Artischocke.

Ich stelle Wasser für die Nudeln (in Plastik) auf und heize die Pfanne für das Kalbsschnitzel (vom Metzger, in Papier) vor. Ich mache mal Werbung für meinen Metzger, der mir gerade sagte, dass jemand, der meinen Blog gelesen habe, bei ihm eingekauft habe. Also bitte, wenn Sie hingehen wollen, nur zu, sagen Sie ihm, dass Sie über mich kommen, das freut ihn (und mich dann auch).

Die Spargel sind gar. Super!

Sie schmecken so köstlich. Ich will es gar nicht glauben und hole das Plastik aus der Tonne, um zu sehen, wo sie herstammen: Les Landes, aus den sandigen Böden des Südwesten Frankreichs, immer noch regional. Wir diskutieren über meine Discounter-Gemüse-Vorurteile.

 

Die Nudeln sprudeln im Wasser, sie brauchen sieben Minuten. Ich muss das Fleich so braten, dass beides gleichzeitig fertig ist, deswegen hüpfe ich zwischen Herd und Tisch hin und her und esse die Spargel stehend.

Die Nudeln sind fertig, werden abgeschüttet, bekommen ein kleines Stück Butter und kommen zurück in den Topf und so auf den Tisch. Das Fleisch ist gar. Wir teilen das Schnitzel in zwei Drittel (Monsieur) und ein Drittel (ich).

Danach esse ich ein Joghurt mit Zucker. Monsieur nimmt den Käse mit Brot (in Papiertüte). Er knabbert danach noch ein paar Haselnüsse.

 

 

 

 

 

 

Kaffee aus der Kaffeemaschine wird in das leere Weinglas serviert (nur Monsieur, nicht dokumentiert). Fertig. Sieste bzw.  heute auf zum Finanzamt.

Alles in allem, vom Beginn des Spargelschälens bis zum Kaffee (vergessen zu dokumentieren) hat es eine Stunde gedauert. Ich stand allerdings noch am Herd, während Monsieur schon die Artischocke und dann die Spargel aß. Ich aß meine Spargel halb stehend. Erst wenn das Fleisch gar ist, kann ich mich auch setzen. Das schockiert deutsche Freundinnen immer, dass ich so überkommene Lebensweisen lebe. Das ist in diesem Land nicht so ungewöhnlich, und, zumindest in unserer kultur- und altersübergreifenden Beziehung, letztlich der Status quo. Da könnte ich lange drüber diskutieren. Es wurde hier auch schon lange diskutiert. Letztlich läuft es auf „do it like the Frenchies“ hinaus.

Tatsächlich höre ich sofort auf zu kochen, wenn Monsieur, was selten vorkommt, abwesend ist. Dann gibt es mittags tagelang Nudeln mit Pesto und abends Brot mit irgendwas drauf. Ich weiß, dass ich mich besser ernähre, wenn ich für uns koche :D

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lokal, bio, no Plastik – ein Resumée

„Nimm eine Tasche!“, rufe ich Monsieur hinterher, der schon halb aus der Tür ist, auf dem weg zum Baumarkt, und auf dem Rückweg wird er Fleisch vom Metzger mitbringen. „Ja, ist wirklich nervig, dass es nirgendwo mehr Taschen gibt“, schimpft er sofort los. „Wir haben eine Million Taschen“, sage ich und verweise auf den Küchenunterschrank und zeige außerdem auf die große eckige Lidl-Tasche, die im Flur herumsteht. Er nimmt sie widerspruchslos, er hat das Alufolienthema gestern mitverfolgt und er weiß von meinem Experiment, weniger Dinge in Plastik zu konsumieren.

Ich müsste ja noch weiter ausholen, aber wer will das alles wissen? Also zum einen gab es in Cannes (und in vielen anderen französischen Städten) lange gar keine Mülltonnen. Nein, ich spreche nicht von getrennten Mülltonnen, sondern von Mülltonnen generell. Ich habe hier schon mal darüber geschrieben, es ist eigentlich ein Artikel über die Hitze in der Stadt. Hitze! Kommt mir ganz komisch vor, das zu lesen, denn dieses Jahr ist es hier sehr deutsch, das Klima. Gerade haben wir Filmfestival, da regnet es immer, heißt es, das stimmt, aber es liegt meines Erachtens doch an den Eisheiligen, dass es schon wieder seit zwei Tagen schüttet und kalt ist. Ich sagte das mit den nicht existenten Mülltonnen, weil Monsieur bis vor ein paar Jahren die Plastiktüten, die er beim Einkauf mitnahm, in Müllsäcke umwandelte, und da sie eher klein sind, wurde der Müll quasi jeden Tag in besagtem Tütchen auf die Straße gestellt. Wenn man das so seit über dreißig Jahren machte, dann ist es nicht leicht, sich umzugewöhnen. So viel dazu.

Als ich das gestern alles aufschrieb und darüber nachdachte, wie und ob ich mein Einkaufsverhalten zukünftig ändern will, kam ich zum Schluss, dass ich das eigentlich schon ganz gut mache. Ich habe nicht die Zeit jeden Tag zwei Scheiben frischen unverpackten Schinken beim Metzger zu kaufen. Ich versuche einmal wöchentlich, oder auch an zwei verschiedenen Tagen, das Nötige zu erstehen, Markt und Supermarkt, ich sagte es schon. Neben dem Markt ist ein Parkhaus, wo man die erste Stunde kostenfrei parken kann, ein Anreiz, die Innenstadtläden und den Markt zu nutzen. Ohne dieses Angebot (es sollte einmal aufgehoben werden, da gab es einen wütenden Aufschrei der gesamten Bevölkerung!) würden alle direkt in den Supermarkt am Rande der Stadt mit den Parkplätzen fahren. Hier wird nun einmal Auto gefahren. Das ist so. Wird sich auch nicht ändern bei dem schlechten Nahverkehrssystem, das alle naselang bestreikt wird.

Und ja, Herr B. fragte es so indirekt immer mal wieder, ich habe einen Plan, einen vagen Plan dessen, was ich in der Woche zubereiten werde. Der sich aus dem zusammensetzt, was ich auf dem Markt Schönes finde (Spargel, Erdbeeren), dem, was es gerade im Supermarkt im Sonderangebot gibt (Doppelpackung Gnocchi), dem, was wegen irgendwelcher Traditionen und Feiertage zu geben hat (Crêpes, Galette des Rois) und vor allem, dem, was schnell geht und dem was ich „kann“, und ich berücksichtige zusätzlich, ob es einen Geburtstag gibt und ich einen Schokokuchen backen soll, ob Monsieur und ich schon lange Lust auf etwas Spezielles haben, ob Leute vorausssichtlich zum Apéro kommen werden, von denen sich eine Person vegan ernährt. Ob es überhaupt Gäste geben wird undsoweiter. Das alles versuche ich im Kopf zumindest anzuplanen und entsprechend beim Einkauf mitzunehmen.

Hier ist Essen und soziales Leben viel wichtiger, darf viel mehr Raum einnehmen und viel mehr kosten. Wichtig ist, dass es frisch zubereitet ist, großzügig bemessen und schmeckt. Und auch wenn wir nur zu zweit sind, gibt es immer eine Vorspeise, einen Hauptgang, Käse und ein Dessert. Es ist oft banal, es gibt im Moment mittags gern eine Artischocke als Vorspeise (super, kostet mich keine Mühe und Zeit, muss nichtmal eine Vinaigrette anrühren, weil das jeder auf seinem Teller macht), im Sommer häufig gibt es den von Monsieur ungeliebten Mozzarella mit Tomaten, danach ein Stück Fleisch mit Gnocchi oder Nudeln, ein Stück Käse und/oder ein Dessert (Joghurt, Dickmilch, Pudding, Creme). Wenn es keine Artischocken gibt, gibt es oft Rohkostsalat (Karotten, geht schnell oder Rotkohl) oder im Winter gerne Endivien mit Orangen, zack, schnell, gut und frisch. Oder eben einen grünen Salat. Das wiederholt sich alles in gewissen Abständen und in Variationen. Hin und wieder versuche ich etwas Neues, stoße auf ein Rezept oder habe Gäste, für die ich etwas Aufwändiger koche, dann gibts für uns noch tagelang Reste. Ich mache auch gerne einen (kleinen) Braten, den kann man dann an mehreren Tagen essen. Oder ich kaufe beim Metzger ein gegrilltes Hähnchen (sehr lecker, schnell, verträglich teuer, wir essen zwei bis dreimal daran). Oft bringt Monsieur überraschend Fisch mit oder Austern oder was weiß ich. Dann essen wir eben das. Dazu gibts in der Regel Reis (und Salat und Käse und Dessert). Abends gibts manchmal Reste, oder gerne Nudeln mit irgendeiner Soße oder eine Tortilla oder ein Omelette oder eine Quiche, ein Risotto, manchmal auch Milchreis, Kartoffeln und Hering … davor eine Scheibe Schinken, danach ein Joghurt. Im Winter gibts in der Regel abends Suppe (selbstgemacht) im Sommer gemischte Salate. Zum Frühstück gibt es übrigens meistens Obstsalat (mit Joghurt). Die Zutaten für all das versuche ich immer im Kopf, im Einkaufswagen, im Kühlschrank und Vorratschrank zu haben. Im Großen und Ganzen. Wenn es ein Gäste-Essen gibt, geht man in der Regel nochmal extra einkaufen. Das ist so. Ich bin immerhin sehr stolz, weil ich alles aufbrauche! Ich will so wenig wie möglich wegwerfen von den frischen Sachen und kaufe erst Nachschub, wenn alles soweit aufgebraucht ist, dass ich nichts mehr damit machen kann, oder ich kaufe im kleinen Laden neben dem Bäcker irgendetwas zusätzlich ein. Ich habe auch ein paar Tiefkühlsachen zur Not, Fleisch wird auch häufig in größeren Mengen gekauft und eingefroren (es ist danach nicht mehr so wie frisch!).

Ich bin in Frankreich mit der ganzen Esserei und Kocherei sehr anspruchsvoll geworden, was Frische und Geschmack angeht und ich würde immer eine frische, feste Salatgurke, die nicht bio ist, der labberigen bio-Salatgurke vorziehen. Es hat Jahre gedauert, bis ich wusste, welchen Zucker ich am liebsten mag, welche Butter, welchen Joghurt, welche Dessertmarke, welche Schokolade, welchen Käse (das ist eine Wissenschaft für sich!), welches Brot, welche Äpfel, welche Trauben, welche Orangen … bis ich wusste, wie Rind-, Lamm-, Kalbs-Fleisch schmecken kann und wie unterschiedlich Fisch! Ich suche aus dem riesigen Angebot die von mir als gut getesteten Marken oder das, was mir am besten gefällt, mir am frischesten vorkommt, was (vermutlich) den besten Geschmack hat, und ich achte erst in zweiter Linie auf Bio und auf den Preis. Beim Kaffee zum Beispiel habe ich wochenlang herumexperimentiert. Mit Bohnen (und einer überaus schnell defekten Hipster-Kaffeemühle) und gemahlenem Kaffee verschiedener Röstereien, und Bio, Eco, Fair Trade, um letzten Endes bei einer Mischung aus entkoffeiniertem Kaffee (Malongo, Supermarkt, fair trade) und klassischem Espressokaffee (Carte Noire, Supermarkt) zu landen. Schmeckt mir am besten. Und ich will (neben guter Qualität) einen guten Geschmack, das ist das Wichtigste.

Worauf ich im Alltag, jenseits der Lebensmittel besonders achte, ist, das in China produzierte (nicht nur Plastik-)Zeug zu vermeiden. DAS ist wirklich eine Herausforderung. All das Dekozeug! Geschirr! Neulich habe ich einen neuen Fön erworben. Sich da für den einzigen in Italien hergestellten Fön zu entscheiden, der teurer ist als die anderen französischen Marken, die alle in China produzieren lassen, das muss man wollen! Schuhe suchen, die in Portugal hergestellt werden oder in Italien. Kleider, die nicht unter unwürdigen Bedingungen genäht werden. Wieviele Kleider braucht man überhaupt? Ich habe neuerdings einen Schneider.

Das alles mache ich und das finde ich gar nicht so wenig. Aber es gibt auch Tage, wo ich keine Energie habe, keine Lust, keine Zeit, dann geht es auch anders und Monsieur kauft wieder in Plastik verpackte Erdbeeren aus Spanien beim Discounter oder er bringt Lammleber aus dem Supermarkt mit („hat mich so angelacht“) statt vom Metzger, und eine neue Plastiktasche. Na gut. Tant pis. Mich hat ja die Paella gestern auch so angelacht. Ich versuche nicht mehr so streng zu sein. Wenn ich, so wie gestern, den Aluminiumfoliengau erlebe, dann (sage ich mir heute) ist es halt so. Es zeigt nur, wie alleine ich bin in meinem südfranzösischen Umfeld. Und wie weit wir noch entfernt sind von „No-Plastik“. Diese kategorische Strenge will ich sowieso nicht mehr. In gar keinem Bereich. Hallo. Lass mal locker. Durchatmen. Wenn ich etwas gelernt habe in dreizehn Jahren Frankreich, dann ist es eine gewisse Lockerheit gepaart mit Pragmatismus, Der Franzose ist immer pragmatisch. Wir haben Plastikmöbel auf der Terrasse. Sie lachen vielleicht. Ich schäme mich vor deutschen Gästen dafür. Für die Franzosen ist das ganz normal. Das ist hier so. Seit ich hier bin, würde ich sie gerne austauschen, ernte dafür nur verständnisloses Achselzucken. Das ist gutes, langlebiges Plastik, es war schon vor mir da, es gibt keinen Grund, sich davon zu trennen. Das Wichtigste ist sowieso, dass wir  an dem Tisch was zusammen essen können. „Hoffentlich hast du was Feines gekocht, Christjann, allez, mach mal den Pastis auf!“ Der immerhin ist in einer Glasflasche. Prost!

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Alltagsexperiment: Einkaufen ohne Plastik

Herr Buddenbohm hat vor kurzem die Plastikdebatte losgetreten. Also Einkaufen ohne Plastik. Geht das eigentlich? Wenn man nicht gerade neben einem Unverpackt-Laden wohnt, wird es eher schwierig. Selbst in einer Großstadt in Deutschland. Das tröstet mich ja ein bisschen, denn in Frankreich ist Plastik zwar Thema und es gibt, zumindest offiziell, keine Plastiktüten mehr, aber im real life ist schon das Tütending schwierig umzusetzen. Ich habe es heute wieder probiert. Ich muss vorher vielleicht etwas ausholen:

Plastik oder besser kein Plastik ist ja mein Thema, allerdings sammeln wir es am Strand auf und es ist, auch wenn ich nur einmal ausführlich davon berichtet habe, jeden Morgen aufs Neue erschreckend, was alles an (Plastik-)Müll am Strand liegt, und zwar selbst, nachdem die Müllabfuhr und die Müllmänner schon durch sind!

Beim Einkaufen habe ich das strenge ökologische Prinzip schon lange abgelegt. Man kommt damit in Südfrankreich und vor allem hier in der Festivalstadt nicht weit. Schon der Gatte, aus einer anderen Generation, fragt fassungslos, wenn ich meine zwei kleinen Schächtelchen mit Medikamenten aus der Apotheke in der Hand trage: „Hat sie dir keine Tüte gegeben?“ „Ich habe die Tüte abgelehnt“, erkläre ich zum x-ten Mal und rede mir den Mund fusselig und zeige zuhause auf den Küchenunterschrank, der ein reines Tüten-Eldorado ist. Plastiktüten, Papiertüten, sogar ein paar Stofftüten in allen Farben, Größen und Stärken. Monsieur aber, ein ehemaliger Apotheker, findet Medikamente in der Hand zu tragen ist irgendwie unfein, indiskret oder was weiß ich. „Eine Papiertüte wenigstens“, sagt er unzufrieden. „Eine Papiertüte! Wozu? Damit ich sie zuhause wegwerfe?“ Er schaut grummelig. Andere Generation, wie gesagt.

Schon, dass wir überhaupt Müll trennen in diesem Haushalt, ist mein Verdienst. „Ich kann keinen Müll“, sagte Monsieur kokett, als wir uns kennenlernten und warf alles in ein kleines Säckchen. „Ich lern dich Müll“, dachte ich da noch und habe eine nette Kolumne darüber geschrieben. Wir sind heute, müllmäßig zumindest, nicht viel weiter. Immerhin trennen wir Plastik, Papier, Glas und Restmüll. Wir sammeln trockenes Brot für (die Tiere) eines/n Bauern in den Bergen und ich drehe den Wasserhahn zu, wenn Monsieur sich die Zähne putzt. Vermutlich hat es damit zu tun, dass ich meine persönliche Öko-Herausforderung schon zu Hause habe, und immer wieder den Strand aufräume, dass ich mir nicht noch weitere Herausforderungen suche. Einkaufen ohne Plastik, um zum Thema zu kommen.

Ich habe vor Jahren schon zwei große Bastkörbe erstanden, um damit einkaufen zu gehen. Monsieur bevorzugt dennoch die großen rechteckigen (kostenpflichtigen) Mehrwegplastiktaschen der Supermärkte. Davon besitzen wir ein gutes Dutzend. Ich habe es aufgegeben, sie auszusondern, wenn wir nicht mindestens zwölf dieser Taschen im Haus haben, die überall sichtbar herumstehen oder zusammengeknäult irgendwo liegen, kauft Monsieur verzweifelt welche nach. „Ich hab‘ keine Tasche gefunden“. Außerdem besitze ich ein paar dieser Nylonbeutel, die sich klein zusammenfalten lassen und versuche immer, wenigstens einen dieser Beutel in der Handtasche dabeizuhaben für Spontaneinkäufe. Nein, hier trägt man keinen Rucksack und nein, hier fährt man nicht Rad und verstaut seine Einkäufe nicht in Radtaschen, wie man es vielleicht in Köln macht. Diskutieren Sie nicht, nehmen Sie es hin. S’adapter, sich anpassen, ist das, was man lebenslang tut, wenn man in einem anderen Land lebt. Do it like the Romans oder wie immer es heißt. Do it like the Frenchies in meinem Fall.  Genau. Kommt natürlich darauf an, wo man lebt. Es gibt die kleine ökologische Enklave Mouans Sartoux, mit einem grünen Bürgermeister, dort gibt es auch einen Unverpacktladen und Tauschbörsen und derlei Scherze, da wird in den Schulkantinen bio gegessen und überhaupt. Da wohne ich aber nicht, und ich finde es etwas sinnlos, erst 15 Kilometer mit dem Auto zu einem Unverpacktladen zu fahren. Öffentliche Verkehrsmittel? Machen Sie sich nicht lächerlich. Zur Zeit wird außerdem gestreikt.

Ich wohne in der Festivalstadt und die hat nicht das ökologischste Image, das habe ich an der einen oder anderen Stelle schonmal gesagt. Unser Bürgermeister versucht zwar die Bevölkerung und die Touristen zu sensibilisieren, mit Aktionen wie Ici commence la mer „Ab hier beginnt das Meer“ – aber versuchen Sie mal einem arabischen Prinzen, der gerade für zehntausend Euro die Nacht eine Hotelsuite gebucht hat, und mit seinem goldfarbenen Bentley 50 Meter die Croisette hinauf und hinunter fährt, zu erklären, dass er seine Coladose nicht auf die Straße werfen darf. Hier bekommen arabische Prinzen selbst dann Straffreiheit, wenn Sie eine Fußgängerin anfahren. Niemand will die bestzahlende Klientel von Cannes verärgern. Die Russen kommen schon nicht mehr, was soll aus Cannes werden, wenn auch die Quatari die Lust an Cannes verlieren?!

Aber na gut, wir immerhin werfen unsere Abfälle nicht auf die Straße und sammeln Pastikmüll am Strand und ich versuche heute mal plastikfrei einzukaufen. Seitdem Herr B. darüber berichtet, arbeitet es ja wieder in mir. Ich kaufe in der Regel einmal in der Woche alles Frische auf dem Markt ein (frisch, lokal und letztlich doch in Plastiktüten!) und alles andere einmal in der Woche im großen Supermarkt am Rande der Stadt. Ich bin immer erschüttert, wieviel wir jede Woche aufs Neue einkaufen, wir sind eigentlich nur zu zweit, aber hier wird ja zweimal täglich dreigängig und warm gegessen. Auf No Plastik im Supermarkt habe ich bislang jenseits der Maisfasertütchen noch nicht geachtet.

Manchmal kauft auch Monsieur ein. Da bin ich dann schon dankbar, dass er überhaupt einkauft, dann will ich nicht noch an allem herumkritisieren, auch wenn ich zum Beispiel das Erdbeerthema (lokal! dann, wenn sie reif sind!) jedes Jahr aufs Neue durchdiskutiere. „Aber ich hatte solche Lust!“ oder „Aber sie waren billiger!“ bekomme ich zur Antwort. „ABER SIE SCHMECKEN NICHT!“ sage ich in Großbuchstaben, aber Monsieur schüttet einfach etwas mehr Zucker drüber, dann gehts schon. Andere Generation, wie gesagt. Monsier kauft vorzugsweise bei Lidl ein, vor allem wegen des Rosé. Seit der Leclerc den billigen, aber ausgezeichneten Luberon-Rosé aus dem Programm genommen hat, was einer Katastrophe gleichkam (auch dazu gabs eine Kolumne), ist Monsieur auf der Suche nach einem Ersatz. Eine Zeitlang war es der Bordeaux-Rosé, den es bei Lidl gab. Es scheint, dass Monsieur aber auch dort den Bestand ausgetrunken hat, die letzten beiden Male gab es ihn nicht. Möglicherweise wechseln wir in naher Zukunft noch einmal unsere Einkaufsläden.

Geschmack und Frische sind hier in Frankreich ja so wichtig, dass viele nicht verstehen, wozu man denn müdes Bioobst im Bioladen ohne Kühltheke kaufen soll, wenn man im Supermarkt den ununterbrochen mit Wassernebel frisch gehaltenen schönen (nicht bio) Salat kaufen kann. Auch ich finde das Obst und Gemüse im Bioladen direkt neben dem Markt nicht attraktiv, zumal hier jeden Tag außer montags Markt ist. Jeden Tag, weil man hier traditionell jeden Tag einkauft. Das Baguette hält Mengen- und Frischemäßig genau einen Tag. Hier wird Brot ja anders gegessen. Hier wird überhaupt anders gegessen. Ich komme vom Hölzchen aufs Stöckchen, bevor ich endlich zu meinem plastikfreien Einkauf komme. Lange Rede, aber wenn man für sein frisches Baguette losgeht, dann macht man schnell noch Halt im kleinen Laden an der Ecke und beim Metzger. So machen es die alten Damen schon immer und immer noch. „Schnell noch“ ist natürlich relativ. In diesen kleinen Lädchen wird ja gerne sozialisiert und geschwätzt. Meine Schwiegermutter ruft jeden Tag an, um ihre Einkaufswünsche durchzugeben und ist sehr unzufrieden, dass man ihr aus Zeitgründen nur noch ein- bis zweimal die Woche einkaufen will. Wo soll sie das denn alles aufbewahren? Dann ist es ja nicht mehr frisch undsoweiter.

Bei meinem Metzger (wenn Sie wüssten wie stolz ich bin, dass ich jetzt auch „meinen“ Metzger habe und dass ich manchmal sogar auf dessen Frage „wie soll ichs schneiden?“ eine intelligente Antwort habe!) wird das Fleisch in gewachstes Papier eingepackt und Tüte gibt es nur auf Nachfrage (Monsieur bekommt immer eine). Es dauert lang, er ist gesprächig, aber er sagt mir auch wie ich mein Rinderbraten zubereiten soll, das schätze ich. Teuer ist es auch. Aber das ist dem Franzosen ja egal, wenn es nur gut ist.

Im kleinen Casino Laden (geschickterweise neben dem Bäcker!), bei dem ich hin und wieder einkaufe, schon, weil ich ihn unterstützen will, denn ich will auch weiterhin einen kleinen Laden in meinem Viertel haben, gibt es Papierüten, aber das Obst und Gemüse ist selten richtig frisch, selbst am Liefertag, denn es wird immer erst das Alte abverkauft. Eine Tüte an der Kasse gibt es nicht mehr. Aber ansonsten ist es ein kleiner Laden mit wenig Auswahl, in dem alles abgepackt ist. In Plastik natürlich. Teuer ist es hier auch.

Der große Supermarkt am Rande der Stadt. Ein Leclerc. Einer der weniger teuren Supermärkte. Teuer genug. Hier gibt es Maisfasertütchen und in die MUSS alles gepackt werden, selbst die Bananen, sonst schimpft die Kassiererin, der man nicht zumuten kann, dass sie das alles anfasst. Französische Supermärkte überfordern mich immer mal wieder. Es gibt von allem zu viel. Fünfhundert Sorten Shampoo und Flüssigseife, hundert Sorten Zahnpasta (es gibt sogar Männerzahnpasta!) fünfzig verschiedene Packungen an abgepacktem Schinken, hundert Sorten Schokolade, tausend Sorten Käse (Kuh, Ziege Schaf) allein im Kühlregal, hundert Sorten Joghurt (Kuh, Ziege, Schaf), zwanzig Sorten Butter (doux, demi-sel), zwanzig Sorten Zucker (braun, weiß, Rübenzucker, Rohrzucker), dreißig Sorten Olivenöl, hundert Sorten stilles und weniger stilles Mineralwasser und Cola und Fanta und alles, alles in Plastik verpackt. Außer Wein und Bier und Champagner, hurrah! Alkohol könnte einem wirklich sympathisch werden. In Frankreich gibt es kein Pfandsystem. Aber wir trennen! Pensez au tri! heißt es hier auf allen Verpackungen, „Denken Sie an die Mülltrennung!“ Lange Zeit musste es tatsächlich auch reichen,  an die Mülltrennung zu denken,  denn in Cannes wurde der Müll sauber getrennt und gesammelt und dann auf einer Mülldeponie wieder zusammengeschüttet. Auch das war für Monsieur lange ein Argument, sich einen Dreck um die Mülltrennung zu kümmern. Ich kann es ihm nicht verdenken.

So, das alles als Hintergrundinformation. Falls Sie überhaupt noch da sind. Herr B. und seine Gattin haben das alles in mehreren Beiträgen hier und hier und hier geschrieben, das ist vermutlich leichter verdaulich. Jetzt aber: Mein bewusster plastikfreier Einkauf.

Heute früh. Ich gehe auf den Markt, Betonung auf ich GEHE. Das Auto steht so weit weg (es ist Filmfestival in dieser Stadt, selbst in unserem Viertel gibt es keine Parkplätze mehr!), quasi halbe Strecke auf dem Weg zum Markt, dass es sinnlos ist, es zu bewegen. Außerdem geht es auf dem Hinweg nur bergab. Ich habe einen Bastkorb und zwei der französischen großen Plastiktaschen dabei. Im Prinzip habe ich vor, nach dem Markt auch zum Leclerc zu fahren, daher die Plastiktaschen.

Der Markt: Richtig gut und mit kleinen lokalen Erzeugern ist er  erst ab Donnerstag. Manche der Erzeuger kommen auch nur am Wochenende. Anfangs stresste mich der Markt noch mehr als der Supermarkt. Zu viele Händler, zu großes Angebot, alles muss hier schnell gehen, alle reden auf einen ein. Insbesondere die arabischen Händler quatschen einen mit Madame! hier und Madame! da zu. „Probieren Sie Madame!“ „Hier nehmen Sie Madame!“ „Madame! MADAME!“ Schrecklich. Ich habe ungelogen Jahre (!) gebraucht, um mich da wohl zu fühlen und „meine“ Händler zu finden (das wechselt hin und wieder, wenn eine der Omis altersbedingt nicht mehr kommt). Es gibt auch einen lokalen Fischmarkt, aber frischen Fisch kaufen (einen ganzen Fisch, kein Filet!) überfordert mich immer noch, dazu brauche ich Monsieur.

Hier schonmal das Siegerfoto :)

Ich kaufe sechs Eier in einem mitgebrachten (!) Eierkistchen beim Eierhändler. Bei meinem Gemüsehändler kaufe ich Salat, Rübchen, Radieschen, Artischocken, frischen Knoblauch, frische Zwiebeln, Frühlingszwiebeln, Bohnen und Zucchini und ich gebe ihm den Korb und sage „Sie können es direkt hineintun“. „Ohne alles?“, fragt er nach. Normalerweise bekomme ich nämlich auch auf dem Markt alles in Papier- und Plastiktüten gepackt. Das möchte ich diesmal vermeiden. „Ohne alles“, bestätige ich. „Gut“, sagt er und packt die Bohnen und die empfindlichen Zucchini trotzdem in Papiertüten. Aber ich bin schonmal sehr zufrieden. Keine Plastiktüte immerhin. Erdbeeren hat er nicht mehr, doch ich finde einen Stand einer Frau, die ausnahmsweise heute hier Erdbeeren verkauft, weil sie gerade sehr viele haben. Aus dem Tanneron, das ist hier gleich nebenan. Klasse. Ich kaufe zwei Pappschälchen und lasse zu, dass sie wegen der Empfindlichkeit in eine Papiertüte gesteckt werden. An einem Obst- und Gemüsestand, der zwar Großhändler ist, aber immer schmackhafte Äpfel aus den Alpen hat, kaufe ich ein paar Äpfel (Chanteclerc) und eine Zitrone (nicht bio, das grämt mich). Ich verzichte auf die Mango, sie ist zwar ohne Plastik, aber nicht lokal, das versuche ich nämlich gleichzeitig auch zu beherzigen, nehme dafür eine große Tomate mit (Coeur de Boeuf) aus Frankreich, es ist noch nicht Saison, aber naja, irgendwas will ich mit dem Mozzarella essen, wenn schon nicht die Mango. Außerdem nehme ich drei kleine Avocados mit, obwohl Avocados ja auch weder lokal und überhaupt zweifelhaft sind, aber sie sind immerhin ohne Plastik und ich plane einen semi-veganen Apéro und will eine Guacamole machen. Ich reiche der Verkäuferin meine Plastiktasche, sie hat schon fix alles in diverse Plastiktüten gesteckt und will diese in meine Plastiktasche geben, ich sage, „es war eigentlich, um die Plastiktüten zu vermeiden“, sie nickt und leert tatsächlich alles wieder aus den Plastiktüten direkt in meine Tasche. Ich bin sehr zufrieden, fast ein bisschen euphorisch, dass das klappt, wenn man nur insistiert, und laufe an der gigantischen Paella-Pfanne vorbei. Ich kann es nicht erklären, ich habe noch nie Paella auf dem Markt gekauft, aber ich habe plötzlich ein gieriges Verlangen nach Paella, hingegen überhaupt keine Lust zu kochen. Sie sieht saftig aus, fette Crevetten, Muscheln, Huhn. Ich kaufe spontan eine doppelte Portion. Sie wird in eine große Plastikschale ohne Deckel gefüllt und noch bevor ich es richtig verstehe, wickelt die Dame gefühlt zehn Meter Alufolie darum. Ein zweites deckelloses Plastikschälchen gibts mit den Crevetten, auch da wird Alufolie herumgewickelt. Das alles kommt in eine eigene Plastiktüte, weil es heiß ist. Ich stehe da und könnte heulen. Danach bin ich völlig durch den Wind. Das Auto, um zu Lerclerc zu fahren, will ich jetzt nicht auch noch nehmen und beschließe, den Rest der Einkäufe beim kleinen Monoprix an der Ecke vom Markt mitzunehmen. Plastik, wo ich hinsehe. Obstsalat in Plastikbechern. Ich kann jetzt nicht noch mehr Plastik kaufen und erstehe nur das Nötigste. Milch. Soll ich jetzt Biomilch aus der tausend Kilometer entfernten Bretagne kaufen oder nicht Biomilch, die vorgibt, Milch von Höfen aus den Alpen zu verwenden?! In Plastik natürlich. Milch in Glasflaschen habe ich in Frankreich noch nie gesehen. Jetzt wäre ich doch gerne im Leclerc, der hat nämlich bei aller Fülle, auch immer Milch und Joghurt von kleinen Anbietern, selbst wenn natürlich alles ebenso in Plastik. Ich wähle die Alpenmilch, finde immerhin gemahlenen Kaffee ohne Koffein in Bioqualität (in Alu). Die Sahne ist auch Bio, aber natürlich in doppeltem Plastik. Der Mozzarella ist Bio und in Plastik. Klar, aber Mann! Ich habe das Gefühl, meinen plastikfreien Markteinkauf mit der Alufolienpaella komplett zunichte gemacht zu haben und gehe zu Fuß mit den Taschen nach Hause. Bergauf. Ich ächze. Auf halber Strecke komme ich am Auto vorbei. Es ist jetzt eh alles egal, ich fahre nach Hause und zum Bäcker. Ein Baguette in Papiertüte, wie jeden Tag. Einen Parkplatz finde ich erstaunlicherweise auch.

Zu Hause messe ich die Alufolie aus. 90 Zentimeter Alufolie für die Paella. 50 Zentimeter für Crevetten. Ich schäme mich so und ringe mit mir, ob ich das öffentlich zugeben soll.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Paella immerhin ist köstlich.

Pepita bekam die Crevettenköpfe und war auch zufrieden.

Es gab dazu frischen Salat und danach die Erdbeeren. Die erdbeerigsten Erdbeeren der Saison. Aus dem Tanneron.

ps: Die Zitronenfalterin hat mich gebeten, diesen Beitrag auf ihrem Blog zu verlinken. Dort gibt es im Juni eine Blogparade zur Nachhaltigkeit. Das mache ich gerne!

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82 Frauen

71st Cannes Film Festival – Screening of the film „Girls of the Sun“ (Les filles du soleil) in competition – Red Carpet Arrivals – Cannes, France, May 12, 2018. Women gesture during an event where 82 women from the film industry walk the red carpet to represent the limited number of female filmmakers who have been selected for the festival’s competition lineup over its 71 years. REUTERS/Jean-Paul Pelissier

Das für mich wichtigste Cannes-Ereignis heute: 82 Frauen, die über den roten Teppich die Stufen zum Palais des Festival erklimmen. Anlässlich des ersten Films einer RegisseurIN, Eva Husson, Girls of the Sun / Filles du soleil, ein Film über kurdische Kämpferinnen, der dieses Jahr im offiziellen Wettbewerb teilnimmt und heute Abend gezeigt wird, gab es diese symbolische „Montée des marches“ von 82 Frauen aus der Filmbranche, überwiegend Schauspielerinnen und Regisseurinnen.

Die Zahl 82 bei der Filmfrauen-Aktion entspricht der Zahl der Regisseurinnen, die seit dem ersten Festival im Jahr 1946 in den Hauptwettbewerb geladen wurden. Das sind gerade mal 5%.

Dieses Jahr sind drei Regisseurinnen vertreten. Gezeigt werden 21 Filme. Von der geforderten 50/50 Regelung sind wir noch etwas entfernt.

Hier der französische Artikel, dem ich das oben gezeigte Foto entnommen habe.

Hier ein französischer Beitrag, in dem die Namen aller an dieser Demonstration teilnehmenden Frauen aufgelistet sind.

Und hier zwei  Trailer des Films Les filles du soleil  / Girls of the Sun.

 

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Alternativprogramm

Während es in Cannes mit dem Festival gerade so richtig losging, und man dem neuen Film des Altmeisters Godard entgegenfieberte und  spekulierte, ob Godard wohl kommen werde, verbrachten wir einen Tag in einem Paralleluniversum. Am Donnerstag waren wir auf der Ile St. Honorat, der kleineren der Lérins Inseln, wo ich hin und wieder eine Auszeit im Kloster nehme. Hilke Maunder hat sie –> hier etwas ausführlicher beschrieben. Sie hat dort auch das „jährliche Event“ erwähnt, das an Christi Himmelfahrt stattfindet, ich zitiere:

„An Christi Himmelfahrt pilgern die Nachfahren der alten Familien aus Cannes nach Saint-Honorat, um den Treueeid ihrer Vorfahren fortbestehen zu lassen. Nach der großen Messe, die von den Mönchen der Abteikirche von Lérins gesungen wird, führt ihre Prozession zur Musik von Einhandflöte und Tamburi zur St.-Peters-Kapelle (chapelle Saint-Pierre). Dort überreichen sie symbolisch ihre Opfergaben, allesamt lokale Produkte, an ihren Lehnsherrn, den Gebietsherrn von Cannes, den Prinzen des Heiligen Grabes und den Abt der Abtei von Lérins.“

L’allégeance, der Treueeid, wird seit 1448 alljährlich erneuert und auch wenn es neuerdings ein „touristisches Event“ geworden ist, so ist er für die Anciennes Familles Cannoises ebenso wie für die Mönche eine wichtige symbolische und ernstzunehmende Handlung. Dort waren wir also, denn Monsieur gehört den Anciennes Familles Cannoises an, auch wenn seine Familie erst seit vier Generationen hier ansässig ist und nicht, wie etwa die Familie des Bürgermeisters, schon seit dem 15. Jahrhundert.

Um 9 Uhr morgens nahmen wir das Boot mit jeder Menge Touristengruppen, den Mitgliedern der Academie Provencale, die natürlich wieder traditionell angezogen waren, und den Mitgliedern der Anciennes Familles Cannoises. Das Wetter ist dieses Frühjahr an der Côte d’Azur nicht so wie man sich das gemeinhin vorstellt. Es ist frisch und regnet häufig. Nur hin und wieder gibt es wunderbare Sonnentage, an denen ich dann, ganz wie früher in Deutschland, dringend raus muss, denn wer weiß, wann es das nächste Mal wieder so schön wird. Am Donnerstag sah es gewittrig aus, wir nahmen Regenjacken, Tücher und warme Pullover für die kurze, aber windige Überfahrt mit, ebenso wie Sonnenmilch, Hut und Sonnenbrille.

In der überfüllten Kirche kamen wir inmitten einer Touristengruppe zu sitzen, das war etwas nervig, denn zwei ältere Damen vor uns tuschelten die ganze Zeit, „wie ergreifend“ es doch sei, „diese Mönche, nein, also wirklich so festlich, wundervoll, ganz fantastisch“, die Dame neben mir schickte hingegen ihre Sitznachbarin ständig los, um noch ein Foto zu machen „von ganz vorne“ oder von einem bestimmten Mönch und vom dem, was sie tun, denn wir saßen hinter einer großen Säule und man sah nicht alles. Das geht ja nicht, wozu ist man denn extra gekommen. Dabei hatte ich vorher noch gedacht, dass es nur noch wenige Momente gibt, wo nicht fotografiert wird, ich dachte auch, eine katholische Messe gehöre dazu, aber ich revidiere meine Überlegungen, vermutlich wird nur auf Beerdigungen nicht mehr fotografiert, und vermutlich auch nur dann, wenn man persönlich betroffen ist.

So war ich dann auch den ganzen Tag im Zwiespalt, an dieser Veranstaltung als angeheiratete Cannoise an der Seite Monsieurs mit allen Sinnen aktiv und würdig teilzunehmen oder meiner semi-journalistischen selbstauferlegten Verpflichtung, Ihnen davon zu berichten und aussagekräftige Fotos zu machen, nachzukommen und mich so auf die Seite der fotografierenden Touristen zu begeben.

Schon beim Auszug aus der Kirche, jetzt schien übrigens groß die Sonne, auf dem Weg zur Chapelle St. Pierre, standen die Mitglieder der Academie Provencal für uns Spalier und es gab ein traditionelles Flötenkonzert. Mich rührt so etwas und nein, ich konnte es nicht fotografieren. Vor der Kapelle wird dann die Geschichte des Treueeids erzählt, der Bürgermeister spricht ein paar Worte, danach der Abt, und dann wird der Treueeid (–> hier nachzulesen) von den anwesenden Cannois brave gens genou en terre „niederknieend“ und „Hand aufs Herz“ auf französisch und provenzalisch gesprochen. Es ist (ich habe schon mehrfach daran teilgenommen) immer wieder berührend wenn der Gatte neben mir (aber nicht für mich) in die Knie sinkt und voller Inbrunst diesen Text spricht *aufschluchz*, ebenso wie die anderen Cannois, und ich möchte diesen Augenblick nicht stören, indem ich die Kamera draufhalte wie die Touristen „wundervoll! ergreifend!“ Das heißt, ich tue es verschämt und natürlich wird es nix. Ich hätte es besser lassen sollen und gleich diesen Film suchen, den es nämlich schon gibt!

Danach überreichen die Cannois dem Abt mitgebrachte lokale Produkte, das geht von Brot und Käse über Schinken, Fisch, Obst, Gemüse und Blumen. Und es werden natürlich wieder provenzalische Weisen (Coupo Santo) gesungen. Anschließend werden die Anwesenden von den Mönchen in den Klostergarten (des Gästehauses) eingeladen und dort wird tatsächlich der Wein der Abtei (Weißwein in diesem Jahr) verkostet. Der klösterliche Weinanbau auf der Insel ist limitiert, es gibt nur eine kleine Produktion, der Wein ist entsprechend gefragt und kostbar. Ihn hier angeboten zu bekommen, ist eine Ehre. Er wird von den Mönchen freundlich ausgeschenkt und ich finde es immer ein wenig beschämend, wie sehr sich die Menschen darauf stürzen und den Mönchen die Gläser quasi aus den Händen reißen.

Er ist besonders grün der Klostergarten dieses Jahr, denn es regnet wirklich viel dieses Jahr und ich nehme zum ersten Mal die Maulbeerbäume wahr, vermutlich, weil ich gerade in Lyon von der Seidenherstellung gehört habe.

Anschließend geht es zum einzigen Restaurant auf der Insel, wo wir unter Pinien und Olivenbäumen und mit Blick aufs Meer zusammen essen. Dieses Mal saßen wir mit netten Menschen zusammen und erzählen aus unserem Leben. Nicht immer ist das so. Mit der Dauer der Zugehörigkeit zu Cannes wird gerne kokett gewetteifert und Monsieur, dessen Familie erst seit vier Generationen hier ansässig ist und zudem mit einer Ausländerin verheiratet, wird gern mal links liegen gelassen (ich natürlich noch linkser, denken Sie sich).

Es gibt wieder Tanz und Musik zur Freude auch der anderen Gäste des Restaurants,

wir gehen danach ein bisschen spazieren, das Mittelmeer ist zwischen den Inseln jetzt karibisch blau, und Monsieur findet eine Bank, oder besser einen Tisch für seine Sieste.

Und nachmittags geht es wieder zurück nach Cannes, ins Festivalgewusel.

Und nur damit  Sie es wissen, Godard, immerhin schon 87, ist zur Premiere seines Filmes nicht erschienen, war aber überraschend via ein in die Luft gehaltenes Mobiltelefon präsent und beantwortete auch Fragen. Sein Film Le livre d’image gilt als „experimentell“ und geht vielleicht im besten Sinne als Kunst durch.

Und Everybody Knows, den Film den ich Ihnen das letzte Mal anpries, stellte der Figaro verächtlich auf die Stufe einer Telenovela. Ich sprach mit ein paar blasierten versierten Cinéphilen, die ebenso meinten, der Film sei wirr und banal, aber was wolle man schon von einem iranischen Filmemacher erwarten, der in Spanien drehe, ohne ein Wort Spanisch zu können. Sie sehen, die Meinungen sind geteilt. Ich, mit meiner südfranzösischen Dorfvergangenheit, mag den Film sehr.

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Cannes zu Zeiten des Festivals 2018

Eigentlich habe ich gar keine Zeit, nicht wahr, aber das schöne Plakat des diesjährigen Filmfestivals wollte ich Ihnen dennoch zeigen. Jean-Paul Belmondo und Anna Karina im Film von Jean-Luc Godard Pierrot le Fou. Ich kenne den Film aus den Sechziger Jahren gar nicht, aber habe, nachdem ich den Trailer gesehen habe, total Lust, ihn zu sehen. Ah, la France … genau so stellen wir uns das ja immer vor. So ist es nicht mehr, aber träumen wird man ja noch dürfen.

Wir waren gestern in der Vorpremiere. Nein, nicht im großen Saal des Palais des Festivals, sondern schnöde im Kino. Rar sind die Momente, wo ein Film dort in allen Sälen gleichzeitig läuft und bis auf den letzten Platz ausverkauft ist. Wir hatten unsere Karten auch schon seit einer Woche reserviert. Es lief der brandneue Film des iranischen Filmemachers Asghar Farhadi Everybody knows mit Javier Bardem und Penelope Cruz. Großartig! Bis zur letzten Sekunde. Und dann geht es im Kopf weiter. Ich weiß nicht, ob Sie dieses sozial enge Dorfleben kennen, wenn nicht, wird der Film vielleicht weniger eindringlich. Aber diese Geschichten, die jeder kennt und über die niemand spricht und die dennoch das Dorfleben unterschwellig wie Nervenstränge durchziehen, kenne ich aus „meinem“ französischen Dorf auch. Ich habe Javier Bardem mit Penelope Cruz vor ein paar Tagen schon in Escobar gesehen. Javier Bardem fett und hässlich und brutal. Ich nahm ihm Escobar ab und ich glaube ihm eine Woche später diesen Paco, einen Winzer in einem spanischen Dorf. Und Penelope Cruz ist ebenso glaubwürdig. Großartig, sagte ich das schon?

Alles andere aus Cannes: Zum ersten Mal sind mehr Frauen in der Jury als Männer, es gibt drei Filmemacherinnen in der offiziellen Auswahl, Selfies auf dem roten Teppich sind verboten (nur die Schauspieler dürfen, wenn sie unbedingt wollen). Thierry Frémaux will es zukünftig unglamouröser, (noch) mehr „engagierte“ Filme statt Hollywoodträume, es ist nicht unumstritten und die Presse sieht die Filme nicht mehr frühmorgens vor allen anderen. –> hier können Sie, wenn Sie mögen, alles aktuell verfolgen.

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Flusskilometerfressen – Zurück nach Lyon

die Rhône bei Avignon

Und weiter gehts die Rhône hinauf. Le Rhône eigentlich, im Französischen zumindest, im Deutschen heißt es die Rhône. Ob ein Fluss in Frankreich weiblich und une rivière oder männlich und daher un fleuve ist, hängt davon ab, ob er sich in einen anderen Fluss wirft, wie es so nett auf Französisch heißt: „se jette dans le fleuve“ oder den Weg bis zum Meer zurücklegt, um sich dann in dieses zu werfen „se jette dans la mer“. Im Deutschen gilt, zumindest offiziell, die gleiche Regelung – ein Fluss fließt in den Strom, und der Strom fließt ins Meer, ohne dass dabei allerdings zwischen weiblich und männlich unterschieden wird. Der Neckar und der Main fließen in den Rhein, dieser, ebenso wie die weiblichen Ströme Donau und Elbe fließen völlig unbehelligt ihres Fließgewässergeschlechts ins Meer. Im normalen Sprachgebrauch spricht man aber selten vom Strom, auch der Rhein geht als Fluss durch.

eine Burgruine

Nun, wir machen jetzt Flusskilometer. Ohne Pause geht es bis Lyon oder zumindest fast: In Viennes ist am nächsten Morgen ein kurzer Halt vorgesehen, von hier geht es mit Bussen zu den Ausflügen nach Lyon.

Plötzlich verlangsamt das Schiff und legt an einem unscheinbaren Steg an. „Eine Person verlässt uns hier“ werden wir über das Mikro aufgeklärt. Ich habe natürlich viel zu viele Krimi-Szenarien im Kopf, und musste sofort an Merle Krögers Havarie denken. Dort wird auf hoher See ein schwerkranker illegaler Flüchtling von einem Kreuzfahrtsschiff ausgeschifft. Was ist es bei uns? Eine Leiche? Ein Passagier? Ein Mitglied der Crew? Ich erfahre es nicht, schon weil ich nicht neugierig nachschauen gehe und auch nicht nachfrage.

Nachts wache ich auf, das bis dahin so sanft gleitende Schiff ruckelt etwas. Es lärmt, es ruckelt. Ich ziehe den Vorhang auf. Wir sind wohl in einer Schleuse. Direkt vor meinem Fenster ist ein unbegreiflichen Ding, ich starre es an, es gruselt mich und ich ziehe den Vorhang schnell wieder zu.

nachts … Gruseliges vor dem Fenster

Das Schiff ruckelt. Ich denke darüber nach, wie es wäre, um Drei Uhr nachts ins Wasser zu müssen. Ich kann nicht schlafen und nehme letztlich ein Mittelchen, mit dessen Hilfe ich wieder einschlafe. Beim Frühstück am nächsten Morgen sprechen auch an den anderen Tischen die Menschen von der etwas unruhigen Nacht. Motorschaden? Haben wir einen treibenden Baumstamm gerammt? Gab es ein technisches Problem in der Schleuse? Ich möchte vor allem meine Mutter nicht weiter beunruhigen und hörte bewusst nicht hin und frage auch nicht nach. Die beiden Offiziere laufen betont lächelnd und fröhlich „Guten Morgen“ wünschend durchs Schiff. Mich macht so etwas eher misstrauisch. Kurz vor Neun ertönt die Stimme der Offizierin durch das Bordmikro. Wir waren nachts wirklich irgendwo in einer Schleuse hängengeblieben und aufgrund der dadurch entstandenen Verspätung, werden wir nicht rechtzeitig in Viennes sein, die geplanten Ausflüge müssen leider abgesagt werden. Wie schade, wir waren schon gestiefelt und gespornt. Nur eine der Reisegruppen war in der Lage ihren Bus zu einem klitzekleinen Hafen zu ordern, an dem wir einen kurzen Stopp machten und dort zusahen, wie die kleine Gruppe uns verlässt.

Ausblick von Deck

Wir hingegen haben überraschend frei. Wir gehen trotz des Windes an Deck und machen dort obligatorische Beweisfotos: Wir sind auf einem Schiff!

Beweisfoto 1

Beweisfoto 2

Vor Dreizehn Uhr werden wir nicht in Lyon sein, heißt es, wir setzen uns also gemütlich in die Lounge, bestellen jede einen Longdrink und stellen uns selbst einen improvisierten kleinen Lyon-Ausflug zusammen. Ich war ja schon einmal in Lyon und kenne das eine oder andere. Allerdings werden wir in Lyon nicht genug Zeit haben, um die Altstadt und die Basilique Notre-Dame de Fourvière zu besuchen und danach noch ein feines Essen in einer der Brasserien von Bocuse zu genießen. Dafür aber haben wir zum ersten Mal auf der Reise wirklich Zeit zum Nichtstun. Und wir haben Zeit zum Stöbern im kleinen Bordshop, der geöffnet ist. Wir finden schöne Ringe aus Muranoglas und plaudern ein wenig mit der charmanten und wirklich reizenden Italienerin, die den Shop führt. Es ist erstaunlich ruhig an Bord, wir sind wenige in der Lounge, wo andere Reisende lesen und die Drei-Generationen-Familie  Gesellschaftsspiele spielt. Der bulgarische Kellner hat Zeit, ein Foto von uns zu machen.

Longdrink in der Lounge

Das Mittagessen, für das wir ursprünglich nicht eingeplant waren, ist dieses Mal etwas improvisiert, aber es gibt wie immer Deko und satt werden wir natürlich auch.

Frühlingsdeko am Büffet

Zur Ankunft in Lyon muss ich natürlich wieder an Deck, ich will den Zusammenfluss von Rhône und Saone aufnehmen, verpasse es dann fast, weil ich derart von dem neuen Museum, dem abstrakten Musée des Confluences  (wörtl: Museum des Zusammenflusses) beeindruckt bin. Leider aber ist alles Grau in Grau, das Wetter ist schlecht geworden.

der Zusammenfluss von Saone und Rhône

Selfie am Zusammenfluss

Le Musée des confluences

Als wir später auf unser Taxi warten, das uns in das Stadtviertel La Croix Rousse fahren soll, beginnt es zu regnen.

Ankunft Lyon

Lyon

Blick von Deck

Blick auf Notre-Dame de Fourvière

Lyon ist eine ehemalige Seidenweberstadt. Der abgesagte Ausflug hätte uns unter anderem auch in eine Seidendruckerei führen sollen. Wir beschließen, dass wir im Maison des Canuts an einer Führung durch die Geschichte der Weberei teilnehmen wollen. Canuts heißen die Weber in Lyon.

Ich verlinke hier mal den Arte Film Lyon, das Erbe der Seidenweber, den ich hier lange als Film stehen hatte, aber er spielt sich immer von selbst ab, das nervte etwas.

Die junge Frau, die uns die unterschiedlichen alten Webstühle erklärt und ein Stückchen Seidenstoff für uns daran webt, ist aber keine Weberin, sondern eine extra für diese Führung ausgebildete Kraft, man merkt, sie hat das alles schon sehr oft erzählt, aber sie erklärt es gut, wenn auch sehr schnell. Ich bin auch so gepackt von diesen Webstühlen und von all den Informationen, dass ich anfangs das Fotografieren vergesse. Außerdem übersetze ich natürlich noch halblaut für meine Mutter, denn es ist eine französischsprachige Führung.

Webstuhl

die Schiffchen

Erklärungen am Webstuhl

Es geht in der Führung von der Seidenherstellung bis zu den Weberaufständen im Viertel La Croix Rousse. Im 19 Jahrhundert existierten hier tausende von Manufakturen in extra dafür gebauten Häusern.

Leben und Arbeiten in der Manufaktur

Heute gibt es gerade noch zwei Webereien, die nur deswegen überleben, weil sie (fast ausschließlich) für das Schloss in Versailles tätig sind. 17 Jahre arbeiteten sie nur daran, die Stoffe und gewebten Seidentapeten für die Restaurierung des Schlafzimmers des Königs herzustellen. Das Muster und die Fäden für die gewebten Seidentapeten sind so aufwändig, dass man nur knapp drei Zentimeter pro Tag davon weben kann. Aber auch die durchschnittlich 30 Zentimeter „normalen“ Seidenstoff, die ein Weber pro Tag weben konnte, sind beeindruckend wenig. 60 Meter Stoff brauchte man für ein Kleid der damaligen Zeit. Zwei Monate dauerte es, alleine den Stoff dafür zu weben

Kokon

der seidene Faden

gesponnene Seide

Seidenbild

Wir dürfen später Seidenkokons anfassen und den Faden, der beinahe unsichtbar ist. Auch die unterschiedlichen Seidenqualitäten erspüren wir mit unseren Händen. Seide nicht gleich Seide. Mir fällt wieder das Büchlein „Seide“ von Alessandro Baricco ein. Und als wir etwas über die Lyoner Weberaufstände erfahren, denke ich, ich sollte Gerhart Hauptmanns Drama „Die Weber“ noch einmal lesen.

Sedenspulen

nochmal Spulen

Seide, Seide, Seide

Wir kaufen aber dennoch kein Seidentuch in dem schönen Laden, sondern gehen Kaffee trinken und essen ein feines Birnentörtchen.

im Salon de Thé

bei Birnentarte und Milchkaffee

Dann fahren wir im strömenden Regen mit dem Taxi zurück zum Schiff. Dort kommen wir gerade Recht, um mit der Crew, einschließlich des Kapitäns auf das Ende unserer Reise anzustoßen. Alle haben sich fein gemacht, nur wir nicht, aber es ist nicht schlimm. Einer der Kellner, der sich anfangs über unsere Alkohlabstinenz amüsiert hat, hat auf uns gewartet und streckt uns nun strahlend jedem ein Glas Orangensaft entgegen, da wollte ich nicht sagen, dass ich extra eine Antihistamintablette zusätzlich genommen habe, um zur Feier des Tages an einem Sektchen zu süppeln, na gut. Wir stoßen also mit Orangensaft an.

Lyon bei Nacht

Jetzt gilt es noch zu bezahlen. Ich hatte All-inclusive gebucht, aber die Trinkgelder und die Ausflüge sind ein Extra. Es dauert ein wenig, aber während wir in der Schlange anstehen, komme ich mit anderen Reisenden ins Gespräch, über das Leben und das Schreiben und wir tauschen Visitenkarten aus.

beleuchtets Ufer in Lyon

Wir verbringen die letzte Nacht auf dem Schiff, das nun ganz ruhig am Kai liegt. Am nächsten Morgen fahren wir als einzige im riesigen Reisebus zum Bahnhof. Dort warten wir lange, bis der Zug nach Deutschland endlich angekündigt wird. Nun müssen wir hoppladihopp doch eilen, der Platz im ersten Stock des Zuges ist schön, aber der schwere Koffer muss hochgetragen werden … aber alles ist gut gegangen. Mein Zug kommt ein Stündchen später auch. Es war schön. Gerne wieder. Im nächsten Jahr vielleicht?

a rose is a rose is a rose

Zur Reisevorbereitung haben wir gerne auch noch –> hier gelesen.

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Grün, grün, grün sind alle meine Kleider …

… grün, grün, grün ist alles, was ich hab. Zumindest alles, was ich an weißer Unterwäsche besitze. Ich bin überlastet. Ich kann es mir nicht anders erklären, warum ich, als ich meine Unterwäsche in die Waschmaschine werfe, kurzentschlossen auch das neue grellrote Synthetiksportshirt von Monsieur mit hineinstecke, das er gestern zum Radfahren trug. Weil ich in absehbarer Zeit nichts anderes in hellem Rot zu waschen habe, die Maschine mit meiner Unterwäsche nicht voll ist und ich dieses Sportteil nicht per Hand waschen will, vermutlich. Nein, Monsieur wäscht seine Wäsche nicht selbst, weder von Hand noch in der Maschine. Bei Feinwäsche und 30 Grad wird schon nichts passieren denke ich und stecke dennoch eines dieser Tüchlein hinein, die die Farbe aufsaugen. Ich bin eigentlich eine Wäsche-Farbtrennerin der ersten Stunde und hatte früher auch Waschmittel für Buntwäsche und schwarze Wäsche neben dem für Weißwäsche. In der Zwischentzeit habe ich nur noch ein Waschmittel für alles und finde es ausreichend. Heute Morgen habe ich schon eine schwarze Maschine gewaschen und nun eben schnell noch meine zarten Höschen und BH’s, die ich bei meinem letzten Besuch in Deutschland erworben habe. Und als ich sie aus der Waschmaschine hole, ist alles grün. Ein zartes Anisgrün. GRÜN! Nicht etwa tomatenrot, was es auch nicht besser gemacht hätte, mir aber versttändlicher gewesen wäre, nein, G.R.Ü.N. !!! Das Farbtüchlein ist auch grün. Immerhin. Neulich habe ich alte weiße Handtücher anisgrün gefärbt. Ist gelungen, ich mag dieses Grün. Bei den Handtüchern zumindest. Aber meine Höschen und die BH’s sind ebenso grün und die Spitze daran ist gelb. Ich hasse es. Anisgrün. Der Anisgeruch der zerbrochenen Flasche Pastis, hängt auch immer noch in der Luft. „Warum hast du denn auch ausgerechnet dieses rote Teil mitgewaschen?“, fragt der in Haushaltsdingen gut bewanderte Monsieur vorwurfsvoll. Und jetzt passierts. Ich raste aus. „DEINE KOMMENTARE BRAUCHE ICH NUN WIRKLICH GAR NICHT, WENN DU DEINE WÄSCHE MAL SELBST WASCHEN WÜRDEST UND WENN DU ÜBERHAUPT MAL ETWAS IM HAUSHALT MACHEN WÜRDEST“, lege ich los. Ich bin etwas ungerecht, gerade hat er nämlich eingekauft, aber eigentlich hatte ich ihm nur sechs Eier und Fleisch zusätzlich auf die Liste der Einkäufe für seine Mutter geschrieben. Er kam mit zwei vollen Taschen zurück. Ich packe alles aus und knalle die Einkäufe auf den Tisch. „Was ist das denn bitte? Ein Kilo spanische Erdbeeren! HA! Wieso müssen wir spanische Erdbeeren kaufen, wenn es schon französische gibt?“, empöre ich mich. „Noch einen Salat! Wir haben schon zwei! Und wieso hast du denn DREIMAL sechs Eier gekauft?“, frage ich mürrisch und versuche die Eier zusätzlich zu dem Salat im Kühlschrank unterzubringen.

Zeichnung : F. K. Waechter

Im Kühlschrank ist nicht so viel Platz, weil ich heute früh schon einen Käsekuchen gebacken habe, der mich Nerven gekostet hat und der vielleicht nicht lange genug gebacken ist und jetzt im Kühlschrank hoffentlich fest werden will. Wir haben heute Abend Gäste und morgen gehen wir zur Schwiegermutter essen, da bringe ich nun immer alles vorgekocht und vorgebacken mit. Auch etwas Käsekuchen, so er gelungen und noch nicht aufgegessen ist. Wenn Sie wüssten, was das für ein Problem ist, mit dem Käsekuchen in Frankreich. Schon allein der Quark! Wissen Sie, wie schwierig es ist, guten Quark zu bekommen? Nicht dieses labberige, dünne Zeug, das sie einem hier als fromage blanc verkaufen. Ich könnte einen ganzen Eintrag über Käsekuchen schreiben. Sechs Eier kamen in den Kuchen. Sonst brauche ich wochenlang kein einziges Ei. Ich mag keine Eier eigentlich. Außer im Kuchen.  Jetzt habe ich 18. Achtzehn! Monsieurs Mutter hatte 12 Eier auf die Liste geschrieben und beim Auspacken festgestellt, dass sie noch sage und schreibe exakt 12 Eier im Kühlschrank hat. Was macht eine alte Dame überhaupt mit zwölf Eiern? „Und diese angebrochene Schachtel mit Nudeln?“, frage ich und halte sie hoch. „Die habe ich neulich für sie gekauft, es ist aber nicht die richtige Sorte“, seufzt Monsieur, „jetzt hat sie sie mir zurückgegeben.“ Das kann ich verstehen, es sind komische kurze und feine Nudeln, die ich weder als Suppennudeln noch für Pastagerichte verwenden würde. Was soll ich also damit machen? Ich bekomme noch eine angebrochene Packung mit Tiefkühlerbsen. Sie war meiner Schwiegermutter zu groß. Vermutlich ist es, weil die Erbsen so grün sind, und mich ungut an meine Unterwäsche erinnern, denn mir reißt jetzt die Hutschnur. „WER BIN ICH DENN?“, brülle ich vor dem Tiefkühlfach und versuche die Erbsen hineinzustopfen. „WER BIN ICH DENN, DASS ICH DIE GANZEN DÄMLICHEN RESTE DEINER MUTTER NEHMEN MUSS? MIR REICHTS!“. Und: „ICH KANN NICHT MEHR! ALLES MUSS ICH MACHEN. DU MUSST MEHR IM HAUSHALT HELFEN, OHNE DASS ICH ES IMMER WIEDER SAGEN MUSS! NICHT MAL DEN MÜLL BRINGST DU VON ALLEINE RUNTER! UND WENN ICH DICH BITTE, BIST DU ZU MÜDE! ICH BIN AUCH MÜDE!“ Monsieur holt Luft, wird aber mit der berechtigten Frage „WER HAT DEN EIMER MIT DER ZERBROCHENEN PASTISFLASCHE RUNTERGETRAGEN HEUTE MORGEN, DER SEIT GESTERN IN DER KÜCHE RUMSTEHT, HÄ?“ zum Schweigen gebracht. „DU MACHSt NICHTS! NICHTS! SO GEHTS NICHT MEHR WEITER! ALL DIESE BLÖDE KOCHEREI MITTAGS UND ABENDS UND ALL DIE LEUTE, DIE IM FRÜHJAHR IN WUNDERVOLLER FERIENLAUNE HEREINSCHNEIEN, Coucou, wir sinds! UND FÜR DIE ICH MAL EBEN KOCHEN SOLL UND MICH FREUEN, DASS SIE DA SIND! ICH MUSS SCHREIBEN! WANN SOLL ICH DAS DENN TUN DEINER MEINUNG NACH?  Und weil ich gerade so schön im Rausch bin, geht es weiter „DU BIST MAL STILL!“, brülle ich die Katze an, die an der Schranktür kratzt und nach ihrem Futter maunzt. Erschrocken schaut sie mich an. Tatsächlich maunzt sie nicht weiter. Monsieur ist still geworden und füttert jetzt die Katze. Immerhin etwas. Außerdem nimmt er das Fleisch und steckt es ganz eigenmächtig in Gefriertüten und räumt es ins Gefrierfach. Geht doch. Eine Premiere. Herrjeh. Muss ich dafür immer so brüllen?

Streitkultur, sagte Marion in einem Kommentar, wie schön, dass wir eine Streitkultur hätten. Ich musste erstmal nachlesen, was das eigentlich ist, ich war nicht so sicher, ob ich wirklich eine Streitkultur habe. Aber immerhin habe ich in den letzten Jahren gelernt, auszudrücken, was mir missfällt. Ich bin dabei, vermutlich weil ich es immer bis zum Äußersten kommen lasse, etwas heftig, aber, anders als in Deutschland haben die Menschen, mit denen ich mich hier herumstreite, keine Angst vor meinem Ausbruch. Meine Streitkultur ist wohl von südlandischem Temperament. Und tatsächlich ist, wenn ich Dampf abgelassen habe, alles wie weggeblasen. Nein, es bleibt nichts ungut quer stecken. Das ist klasse. Monsieur spült das Geschirr vom Mittagessen und gibt mir einen Kuss. Alles ist gut. Nur meine Unterwäsche, die ist immer noch grün.

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Ein Wochenende

Plage du Midi

Der April ist dieses Jahr, wie andernorts auch, recht unbeständig. Gestern war es schön, so dass wir an den Strand gegangen sind. Wir schwammen, ich zum zweiten und Monsieur zum ersten Mal, und lagen dann so ein bisschen in der Sonne herum. Monsieur kann das nicht sehr lange aushalten, insofern waren wir pünktlich um 12 Uhr im Strandrestaurant zum Essen. Premiere. Das Restaurant hatte seinen Saisoneröffnungstag und für uns war es auch das erste Mal, dass wir am Strand aßen. Ich habe kein Foto davon gemacht, aber es sehr genossen. Außerdem war nett zu sehen, dass die seit Jahren in dieser Formation bestehende Restaurant-Crew, beinahe alle Ankommenden mit Küsschen und Umarmungen begrüßte: Hier kennt man sich. Sie hatten kurze drei Monate im Winter geschlossen, in denen das Restaurant allerdings starke Schäden erlitten hat (Sturm und Vandalismus), noch bis Freitag war hier gehämmert und gesägt worden, um alles wieder herzurichten; jetzt endlich geht es wieder los!

Blautöne mit Möwe

Abends waren wir beim kleinen und feinen Konzert im Garten der Moulin Forville. Poésie und Jazz heißt es dort seit drei Jahren einmal im Jahr. Es war das erste pleinair-Konzert in diesem Jahr und ich mag diesen versteckten, unscheinbaren Ort.

(Wenn man mir bei Gelegenheit erklären könnte, warum meine Handykamera bei gleicher Einstellung manchmal winzige Fotos macht und manchmal riesige, wäre ich dankbar! Ich habe jetzt mal die Hälfte der Fotos aus dem Speicher entfernt, vielleicht hilft es.)

Nachts im Suquet

Philippe Balatier von Nojazz begleitete diesmal junge Poetryslammer mit seiner elektronischen Musik. Ganz großartig: die jungen Rapper und Slammer, ihre Texte, und vor allem die Musik! Ich bin, seitdem ich ihn zum ersten Mal gehört habe, ein großer Fan von Philippe Balatier und stelle gerne nochmal diesen Song rein.

Heute ist der letzte Sonntag im Monat und außerhalb der Sommersaison ist dann die Promenade am Strand bis nach Mandelieu für Autos gesperrt. Man kann dort ungehindert Spazierengehen, Radfahren, Rollschuhlaufen, Joggen und hört dabei das Wellenrauschen. Das ist wunderschön, zumindest vormittags, wenn noch nicht so viele Menschen unterwegs sind. Denn diese Aktion der Stadt wird lebhaft angenommen. Heute war aber zusätzlich auch ein Triathlon, weshalb die Strecke zunächst für die Sportler gesperrt war. Wir standen mit unseren Rädern ein bisschen dumm herum. „Gehen Sie noch einen Kaffee trinken“, schlug uns ein Polizeibeamter vor. In einer Stunde etwa könnten wir losradeln, meint er. Während wir noch überlegen, was wir machen, läuft eine der provenzalischen Musikgruppen fröhlich plaudernd an uns vorbei und wir sehen Menschen vom gestrigen Abend (die Moulin Forville ist Sitz eines provenzalischen Museums, wir berichteten), die uns zuwinken: „Kommt in den Park Mistral, heute ist der 104. Todestag von Frédéric Mistral!“ Es gibt dort einen Festakt und den ganzen Tag wird es in Cannes zu Ehren des provenzalischen Dichters Musik und Tanz und Theateraufführungen in provenzalischer Sprache geben.

Square Mistral

Im frisch gestalteten Park Mistral,

Grüne Oase

 

in dem nun endlich auch die (frisch gereinigte) Büste des Dichters steht (früher stand sie außerhalb des Parks und zwischen Mülltonnen und Straßenschildern und kein Mensch nahm sie wahr)

Frédéric Mistral umgeben von seinen Romangestalten

haben sich schon andere provenzalische Gruppen versammelt.

Warten in der Sonne

zeigt her Eure Schuh …

Nachwuchs

Mademoiselle provençale

Drei Herren

Eine Dame

die ganz Kleinen werden geschoben

 

Kleine Trommler unterwegs

Plaudern

 

 

Da wir sowieso nichts besseres vorhaben, stellen wir uns dazu und hören uns die Ansprachen in provenzalischer und nicht provenzalischer Sprache an. Unser Bürgermeister ist stolz, dass seine Wurzeln in Cannes bis ins 15. Jahrhundert reichen. Ein mondänes Dorf sei Cannes geworden, sagt er, und es sei eine Herausforderung, das provenzalische, traditionelle und das internationale Leben zu vereinen. Einen Seitenhieb auf Marine Le Pen, die dieser Tage in Nizza erwartet wird, gibt es auch.

Andächtiges Lauschen

Es folgen Chorgesang und Trommel- und Pfeifenkonzerte die feierliche Kranzniederlegung.

Trommel- und Pfeif-Konzert

Kleine Trommler in Aktion

Und es rührt mich alles: die etwas heterogen klingenden Damenstimmen, mit welcher Ernsthaftigkeit junge Mädchen Tanzschritte üben

Tanzprobe

und kleine Jungens auf die Trommel schlagen und wie selbstverständlich auch die jungen Männer, die während des offiziellen Aktes, etwas abseits stehen und rauchen,

JUnge Männer im selbstgewählten Abseits

lautstark in die provenzalische Hymne Coupo Santo einstimmen.

Dann gehen sie los und ziehen durch die Innenstadt.

Ich mache noch ein Foto der Büste und staune, dass Mistral für sein Werk den Nobelpreis für Literatur erhalten hat.

Der Dichter mit Lichtstrahl

Auszug der provenzalischen Rede

Einer der provenzalischen Redner lässt es sich nicht nehmen, uns noch einmal von Mistral vorzuschwärmen. Er ist ganz ergriffen und hat am Ende Tränen in den Augen. „Lesen Sie Mistral“, sagt er eindringlich, „er ist auch isn Deutsche übersetzt worden!“ Ich verspreche es ihm, aber erstmal schwingen wir uns auf unsere Räder und radeln die Autofreie Straße am Meer entlang.

Freie Fahrt

Heute übrigens waren die Strände voller blauer Segelquallen, die jedes Jahr überall angeschwemmt werden.

Blau in Blau

Später erstehen wir noch etwas frisches Gemüse (frische Erbsen!!!) auf dem Markt und Monsieur muss dringend ein paar frische Austern haben.

Markteinkauf mit frischen Austern

Alles ist ganz wunderbar, bis Monsieur eine volle Flasche Pastis fallen lässt. Alles ist voller Scherben, der Küchenboden klebt und es riecht penetrant nach Anis. Grrrr. Nach einer wilden Putzaktion mit lauten Schuldzuweisungen wie „DU hast diese Flaschen da hingestellt! Ein total unpraktischer Platz!“ „Das ist ja wohl das allerletzte, ICH versuche schon immer die Flaschen aus der Küche zu verbannen, weil ich eh keinen Platz habe, aber DU stellst sie immer wieder da hin!“ undsoweiter, versöhnen wir uns letzlich beim Genuss der Austern. Sie waren wirklich ausgezeichnet. Ich mag ja sonst eher die Fines de Claires, aber diesmal sind die Bouzigues nicht so salzig und schmecken mir auch.

Jetzt gehen wir gleich ins Kino. Wie war Ihr Wochenende?

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