Corona Tagebuch Tag 3

Heute morgen suchte Monsieur unsere Hausärztin auf, damit Sie ihm einen „Passierschein“ fürs Meer ausstellen möge, damit er dort seine Venenerkrankung durch Wassertreten behandeln kann, wie alle Zeit. Strand und Meer gehören nämlich nicht zu unserem Ausgangssektor. Mit dem „Passierschein“ und dem anderen Dokument bewaffnet und einem Handtuch unterm Arm zieht er glückselig von dannen.

Ich laufe vom Haus aus zum Naturpark, der zumindest zu Teilen gerade noch zu unserem Sektor gehört; Monsieurs Tochter, die eine große Tour laufen wollte, wurde von der Polizei aufgehalten, kontrolliert und zurückgeschickt. Ich lief nur ein Ründchen und das war zumindest heute noch erlaubt. Unser Bürgermeister läuft selbst Marathon und hat in ganz Cannes Laufpfade eingerichtet, ich war ihm dafür heute wirklich dankbar. Ich laufe nicht in dem Sinn, ich marschiere dynamisch, könnte man sagen und eigentlich tue ich es nicht so wahnsinnig gerne, die Knie und das Übergewicht bremsen meinen Bewegungsdrang erheblich. Aber seit Januar marschiere ich wenigstens einmal die Woche und heute hat es mich wirklich beglückt. Die Möglichkeit, dass es morgen schon nicht mehr möglich sein kann, ließen mich Sonne, Wind, das Grün und den Blick aufs Meer umso mehr genießen.

Heute hatte ich zum ersten Mal auch Lust weiter zu laufen als die kleine Runde. Hey, wir machen Fortschritte! Auf dem Rückweg pflückte ich ein paar Blumen, es wachsen so viele wilde Freesien, es ist eine Freude!

Der Gatte kommt beglückt vom Meer, aber es war das letzte Mal, seit heute Mittag ist der Zugang zum Meer untersagt, es gab zu viele Menschen, die sich dort vergnügten. Und wir haben ja keine Ferien sondern Ausgangssperre. Im Naturschutzpark liefen auch allerhand Menschen herum, mit Hund und ohne, Hundeausführen könnte gerade das einzig lukrative Geschäft sein, ich leih dir meinen Hund, so könnten auch Drogendealer noch arbeiten, denn deren Geschäft geht, ähnlich wie das der Prostituierten, gerade gegen Null. Tut mir leid, das ist die Krimischriftstellerin in mir, die immer auch die weniger legalen Tätigkeiten mitdenkt. Einbruch wird auch gegen Null gehen, sind ja alle zuhause. Vermutlich wird es viel Totschlag im Affekt geben in den nächsten Monaten, denn das Laufen im Naturpark wird demnächst auch untersagt, so geht zumindest das Gerücht, und wohin soll man dann hin mit seinen Aggressionen gegen den Ehepartner, der einen am dritten Tag der Ausgangssperre schon nervt bis zum Anschlag? Nein, nicht bei uns, alles friedlich hier, aber in China soll es nach der Aufhebung der Ausgangssperre einen Run auf Scheidungsanwälte gegeben haben. 

Heute möchte ich Ihnen ein paar Links geben, mit denen Sie sich vielleicht beschäftigen können oder möchten in Ihrer vielen freien Zeit zuhause. Ich weiß, es gibt nicht nur Menschen, die nicht wissen, wie sie die Einsamkeit und die Zeit alleine zuhause herumkriegen, sondern auch solche, die Homeoffice machen sollen mit zwei quengeligen Kleinkindern oder zwei energiestrotzenden Teenagern (wir haben zwei über uns wohnen, ich bin indirekt betroffen) oder auch drei und vielleicht reicht auch ein gelangweiltes Kind schon, und all das auf ein paar wenigen Quadratmetern ohne Balkon. Ich bin zwar in Cannes aber nicht aus der Welt, ich weiß, wie Menschen wohnen können. In Frankreich sind die Wohnungen in der Regel kleiner als in Deutschland, Touristen spotten in der Regel, dass man das Hotelzimmer um das Bett gebaut hat, so klein ist es. Hier werden auch Räume unter den 9 Quadratmetern, die offiziell ein Zimmer ausmachen, als „Wohnung“ vermietet und das Klo ist auf dem Gang. Gibts alles noch. Anyway, darum geht es gar nicht, ich will sagen, ich bin mir bewusst, dass nicht alle mein „Betreuungsprogramm“ brauchen, aber vielleicht kann der oder die eine oder andere etwas damit anfangen.

Mir wurde von einer Leserin (merci Beate!) dieser Hinweis auf Raphael Bonelli, einen Wiener Psychiater gegeben, der bisher zumindest, jeden Tag ein Video veröffentlicht zur Corona-Lage. Ich mag den sehr, aber ich habe auch eine Schwäche für das Wienerische und diese leise Ironie und ich habe einen Hang zu Sinnfragen, daher also bitte, ich weiß nicht, ob Sie sich mit ihm anfreunden können, ich gebe Ihnen hier mal ein Video, nicht das erste, weil das fast eine Stunde dauert und dadurch eher abschreckt.

So, ein paar andere Hör-Tipps, jenseits von Panik und Sinnhaftigkeit, einfach nur Hörspiele gibts zum Beispiel beim Deutschlandfunk oder beim WDR . Die Berliner Philharmoniker geben demnächst kostenlose Konzerte per Internet hör- und vielleicht auch sichtbar, man muss nur bis Ende März einen Gutschein einlösen. Die Oper in Paris bietet Livestreams ihrer Opern an, aber leider nur in Frankreich abzurufen und die MET in New York soll das ebenso und sogar weltweit abrufbar anbieten, ich hab den richtigen Link zwar nicht gefunden, aber die Info gebe ich gern weiter. Im Louvre und vielen anderen Museen soll man nun auch virtuell herumlaufen können, ich schau mir das gleich noch genauer an.

So viel für heute! Bleiben Sie weiterhin zu Hause und außerdem gesund!

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Corona Tagebuch Tag 2

Es ist Mittwoch, aber es fühlt sich an wie Sonntag. So still draußen, kaum Autos. Um halb Elf bin ich daher immer noch im Nachthemd und verstehe jetzt den Satz, der durch die Medien gerufen wird, man könne im Pyjama die Welt retten. Monsieur würde gerne an den Strand, ich drucke ihm das Dokument aus, das auch Sport machen oder Hunde ausführen vorsieht, jedoch alleine.

Er kann an den Strand gehen, danach gehe ich. Zusammen dürfen wir es nicht. Und wir dürfen uns auch nicht „zufällig“ am Strand treffen und dann dort zusammen sein. Und ja, das wird kontrolliert. Alleine aber hat Monsieur keine Lust, er leistet daher dem Handwerker, der jetzt hörbar im Keller schabt, von Weitem zumindest, Gesellschaft. Ich bin ja gern alleine, aber die geselligen Südfranzosen haben es schwer damit. Um das Sonntagsgefühl etwas zu verscheuchen, werfe ich eine Maschine Wäsche an. Die Teenager donnern schwungvoll durch die Wohnung über uns, man hört es auch viel mehr, wenn der Straßenlärm so minimiert ist.

Gestern haben wir erfahren, dass die jüngste Schwester meiner Schwiegermutter verstorben ist. Nein, kein Corona-Fall, einfach so, weil ihre Zeit gekommen war, insofern kann sie beerdigt werden, aber nur die allerengste Familie darf, mit Abstand etc.pp. daran teilnehmen. Nicht mal alle drei Kinder dürfen dabei sein. Es wird noch immer viel hin- und hertelefoniert. Auch Freunde rufen an, die eine halb demente Mutter zu betreuen haben. Nicht einfach alles.

Wir essen, machen danach eine Sieste. Monsieur spielt Bridge mit oder gegen seinem PC. Pepita schläft. Nachmittags kommt wieder mehr Autoverkehr auf, aber immer noch ist es viel stiller als sonst und wenn ich die Fenster öffne, höre ich Vögel zwitschern! Am hellichten Tag!

Ich bin ziemlich unproduktiv, hänge nur viel im Internet, klicke hier und lese da, ich würde gerne etwas Positives, Helfendes und Verständliches zum Corona-Virus posten, das Beste, was mir heute unter die Augen gekommen ist, ist (via Claus Ast, der die Bildchen darin zeichnete) das Video von Gert Scobel. Er ist ein bisschen anstrengend, finde ich, aber seriös. Bitte glauben Sie nicht schnell und unkritisch alles, was im Netz steht und nicht alle Verschwörungstheorien, die kursieren, ich will sie hier gar nicht aufzählen. Ich glaube, es ist mit diesem Virus ein bisschen so wie mit der Aids-Erkrankung, die, als sie begann, schrecklich viele Menschenleben forderte. Für mich blieb es lange abstrakt und unwirklich, weil ich in meiner kleinen Welt niemanden kannte, der mit dem Virus infiziert war. Es bedeutete aber nicht, dass der Virus nicht existierte und die vielen Menschen, die „positiv“ getestet waren, zur Anfangszeit zumindest, rasend schnell und elend starben, und auch wenn es überwiegend Homosexuelle und Drogenabhängige betraf, so gab es auch Opfer unter Heterosexuellen.

Ja, es sind bislang weltweit „nur“ ein paar tausend Menschen an dem Corona Virus gestorben (mehr als 3000 in China, mehr als 2000 in Italien, auf die anderen Länder wird das richtige „Hoch“ der Epidemie noch zukommen). Deswegen machen wir so eine Katastrophe daraus? Die aktuelle Maßnahme, zu Hause zu bleiben, dient vor allem dazu, das Gesundheitssystem nicht zum Kollabieren zu bringen. Ich versuchte es gestern schon zu erklären. Wenn zeitgleich zu viele Menschen auf die Intensivstation müssen und jeden Tag neue Infizierte nachkommen, die anderen aber noch immer auf der Intensivstation liegen, ja was dann? Lassen wir sie halt sterben? Tatsächlich treffen italienische Ärzte jetzt solche Entscheidungen. So lange es uns nicht betrifft, ist es uns wurscht? Ich möchte die sehen, denen es heute wurscht ist, wenn die morgen auf einer Liege im Flur eines Krankenhauses nur notdürftig versorgt werden können. Wenn wir in unserem Umfeld keine(n) Arzt/Ärztin oder eine Krankenschwester/Krankenpfleger oder alle, die im medizinischen Bereich arbeiten, haben, der/die erschöpft und unter Einsatz seiner/ihrer eigenen Gesundheit „beweist“, dass Notstand ist, dann glauben wir es nicht. Die Situation in Italien ist nicht ausgedacht. Die italienischen Ärzte sind am Ende Ihrer Kraft und Ihres Materials, es gibt einen Aufruf von Ärzte ohne Grenzen nach europäischer Hilfe. Ich weiß nicht, ob es etwas bringt, wenn ich das hier veröffentliche, aber ich würde mir wünschen, dass Europa und europäische Ärzte zusammenarbeiten würde, und sich gegenseitig helfen.

So, ich war Brot kaufen und noch trois bricoles, ein paar Kleinigkeiten, im kleinen Lebensmittelladen im Viertel. In der Boulangerie war es wie gestern. Leergekauft der Laden und erschöpft die beiden Frauen, die dort arbeiten. Es gibt jetzt einen Plastikschutz hinter der Kasse, damit man die Dame nicht anspuckt vermutlich. Im kleinen Lebensmittelladen ist der Besitzer ähnlich erschöpft. Sie haben wie verrückt gearbeitet die letzten beiden Tage, erzählt er, die Regale sind teilweise leer (abgepacktes Fleisch, Schinken und Wurst), aber sonst ist alles noch da, vor allem Rosé, wegen dem ich den Weg dorthin gemacht habe. Monsieur fand, die Situation erfordere doch ein Glas Wein am Abend. Ich hatte vorher die Nachbarn gefragt, ob ich ihnen Brot mitbringen solle, aber sie wollten auf ihren täglichen Ausflug nicht verzichten.

Ich denke, ich mache aus dem täglichen Weg jetzt einen Themenspaziergang. Heute nur mal die leeren Straßen. Das Besondere ist, dass ich mich in die Mitte der Straße stellen konnte, um sie aufzunehmen. Undenkbar vorher, die Avenue de Grasse ist die Alternativroute zur Autobahn, seitdem der Boulevard Carnot verkehrsberuhigt ist, fahren alle hier durch. Auch Lkw’s. Es ist ein unablässiger Autostrom. Normalerweise.

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Corona Tagebuch Tag 1

Es wird langsam ruhiger. Nur noch vereinzelt fahren Autos und Motorräder, alle zehn Minuten ein Bus, die sonst stark befahrene Avenue de Grasse entlang. Seit 12 Uhr mittags gilt die Ausgangssperre, wer jetzt noch unterwegs ist, muss mit einem ausgefüllten Dokument nachweisen, warum : Arztbesuch, Einkauf, Arbeit. Sogar Sport darf man derzeit noch draußen machen, aber nur einzeln. Hat man dieses Dokument nicht bei sich, kann man, im Falle einer Kontrolle, zu einer Geldstrafe verdonnert werden. Ich bekam diese Mitteilung gestern Abend von der Regierung aufs Handy geschickt.

Das Dokument kann man auf www.gouvernement.fr herunterladen, immer vorausgesetzt, dass man Internet, PC und funktionierenden Drucker hat (man kann den Text auch mit Hand abschreiben, wurde gerade gesagt, aber man braucht für jedes Außer-Haus-Sein erneut einen Schein! Das wird, zugegeben, etwas lästig, wenn Sie Ihren Hund fünfmal am Tag ausführen). Es gibt Kontrollen, hat mir die Nachbarin von oben gerade bestätigt, die vom späten Einkaufen (mit Schein) zurück kam und mir eine Tüte mit Lebensmitteln vor die Tür gestellt hat.

Das ist genau das, was die Menschen in Macrons Rede nicht verstanden haben. Man soll sich um seine Nachbarn, nicht aber um seine Familie kümmern? Hä? Also in unserem Fall sind wir Nachbarn und Familie, aber in der Regel wohnt man eben häufiger mit „Nachbarn“ und nicht immer mit Familie zusammen. Insofern ist Hilfe und Solidarität, immer mit ausreichendem Sicherheitsabstand versteht sich, durchaus gewünscht und machbar, mit dem Nachbar und natürlich auch mit der Nachbarin. Heute morgen hatte die Nachbarin es schon einmal versucht, ergebnislos kam sie zurück, zu viele Menschen, zu viel Hektik im Supermarkt. Heute Morgen war es überall extrem hektisch. Monsieurs Zahnärztin bestellte Monsieur kurzfristig ein, weil sie, da ohne Masken, nicht mehr weiterarbeiten wird. Monsieur war ihr letzter Patient für eine ungewisse Zeit. Ich fuhr mit Pepita zum Tierarzt, einen Termin, den ich immerhin gestern schon ausgemacht hatte, da sie sich am Sonntag sämtliches Fell von ihrem so wuscheligen Bauch, den Sie neulich noch bewundern konnten, geleckt hat. Wir kamen von unserem Wahltag in den Bergen nach Hause und sie war total kahl und hatte sich auch ihren Popo nackt- und wundgeleckt. Wir warteten also mit großem Sicherheitsabstand vor der Tierarztpraxis mit anderen Hunden und Katzen und ihren BesitzerInnen und nervösen TierfutterkäuferInnen. Pepita bekam zwei Piekser und ein paar Kapseln für zuhause und jetzt ist sie wieder ruhiger und hat aufgehört sich wie besessen abzulecken. Auf der Rückfahrt machte ich beim Metzger Halt, der gerade mit einem halben Rind beliefert wurde, ich kaufte ein gegrilltes Hähnchen für mittags und ein bisschen Fleisch und Schinken.

In der Apotheke holte ich mein Medikament ab, sah jedoch davon ab frisches Brot zu holen, es war katastrophal voll in und vor der Bäckerei. Jetzt werden wir und wird alles ruhiger. Unten schabt und kratzt ein Bauarbeiter sehr allein in einem Kellerraum Estrich an die Wände. Eine Baustelle, die gestern begonnen wurde und auch beendet wird.

 Wir sind uns bewusst, dass wir in einer sehr privilegierten Lage sind. Zwei Menschen und eine Katze in einer großen Wohnung mit Hinterhof und kleinem Vorgarten, den wir erstmals nutzen können, weil die Autos nicht mehr unablässig daran vorbeirauschen; wir verstehen uns gut, haben ausreichend Geld, auch wenn viele Mieter jetzt ihre Miete nicht zahlen werden, werden wir es hinkriegen. Wir haben Bücher und Filme und uns immer noch genug zu sagen. Wir haben es warm, haben Wasser und Strom und Fernsehen und Internet, auch wenn das Internet mit zwei zusätzlichen Homeofficern und zwei Homeschooling machenden Teenagern schwächelt. Der Kühlschrank ist voll. Es geht uns gut. Unsere Freitags-Nathalie wohnt mit Tochter, Schwiegersohn, drei kleinen Kindern und einem Hund auf dreißig Quadratmetern. Andere leben in weniger harmonischen Beziehungen und Familien zusammen. Andere sind alleine und halten es schlecht zuhause aus. Aber trotzdem machen wir das jetzt alle: wir bleiben zuhause, weil es die einzige Möglichkeit ist, die ansteigende Kranken-Kurve abzuflachen. Es geht nicht darum, ob Sie sich gesund und unbesiegbar fühlen und keinen Kranken kennen, oder dass auf einmal 50% Prozent der Bevölkerung krank werden, es geht darum, diesen Virus, den wir vermutlich alle irgendwann haben werden, nicht spazierentragen zu unseren Eltern, Großeltern und Kranken. Wir haben derzeit vier Menschen mit einer Krebserkrankung in unserem Bekanntenkreis. Das sind keine alten und gebrechlichen Menschen, es sind Menschen im mittleren Alter, sie sind Eltern und vielleicht schon Großeltern, Partner und Freunde, sie können gesund werden, wenn ihnen nicht dieser blöde Virus dazwischen kommt. Das Problem ist, dass an diesem Virus zu viele Menschen zeitgleich sehr krank werden und es nicht genügend Betten auf den Intensivstationen gibt, nicht genügend Beatmungsgeräte und nicht genug die Ärzte und das Personal schützendes Material. In Italien stehen die Krankenwagen vor den Krankenhäusern Schlange wie Taxen vor dem Bahnhof und es gibt keine Betten für die Kranken. Wenn Sie ein freies Bett haben und ein Beatmungsgerät und zeitgleich zehn verzweifelt nach Luft japsende Kranke, wem geben Sie es? Und am nächsten Tag gibt es zehn neue Erkrankte und am übernächsten Tag noch einmal fünzehn neue Erkrankte und so fort, und die anderen Kranken liegen immer noch auf der Intensivstation. Vielleicht ist die Situation in deutschen Krankenhäusern besser, ich wünsche es Ihnen, aber wir können helfen, die Kurve der mit dem Virus Infizierten Schwerkranken abzuflachen, indem wir einfach zu Hause bleiben. Niemand will, dass Sie in den Krieg ziehen. Sie sollen nur zu Hause bleiben. Das kann man schon mal machen, oder? Und das ohne zu jammern und ohne zu schimpfen, ob die Maßnahmen zu spät kommen, wer Schuld hat, welcher unfähige Politiker sowieso zurücktreten sollte undsoweiter. Es gibt eine Krise und es gibt ein danach, sagten die Ärzte gestern einhellig. Wir streiten uns jetzt nicht herum, wir helfen und machen, was möglich ist! Danach kann man analysieren und das zusammengesparte Gesundheitssystem hoffentlich umstrukturieren. Macron sagte so etwas neulich. Ich hoffe, er denkt nach der Krise auch noch so.

Ich bin gelassen. Es ist mein Wort für das Jahr und hatte ich lange auch Zweifel, ob es nicht zu groß ist, ob ich nicht ein bescheideneres Wort hätte wählen sollte, bin ich heute überzeugt, dass es das richtige Wort für mich ist. Das bedeutet nicht, dass ich nicht wüsste, wie sich Angst anfühlt. Ich kenne dieses flatterig-zitterige Gefühl, das mir in der Regel den Nacken hochkriecht und mich von innen ausfüllt, das mich hilflos macht und unfähig, angemessen zu reagieren. Ich werde gelähmt wie das Kaninchen vor der Schlange. Ich kenne Angst gut. Ich weiß aber auch, wie ich sie banne. Ich entscheide, dass ich mir dramatische Nachrichten nicht ungebremst antue. Ich beschäftige mich mit anderem. Ich sehe einen Film, lege ein Puzzle, höre Musik oder ein beruhigendes Audio oder eine Entspannungs-CD, streichle die Katze, spazierengehen hilft auch, aber das ist ja jetzt nur eingeschränkt möglich. Am besten hilft mir, wenn ich meine Ängste und Gedanken, die unablässig rattern, aufschreibe und sie mir anschaue. Es sind nur Gedanken, aber ich bin nicht meine Gedanken. Ich kann auch etwas anderes denken! Das weiß ich, seit ich meine(n) französische(n) Lieblings-Coach Clotilde Dusolier höre, sie hat einen wunderbaren Podcast, den ich Ihnen ans Herz legen möchte, er ist in französischer Sprache, das ist sein einziger Nachteil. (Vielleicht kennt jemand einen guten hilfreichen Podcast oder Videos in deutscher Sprache, ich sammle das gerne hier.) Clotilde hat kürzlich einen kleines Video „Wie man die Gelassenheit in Zeiten von Corona wiederfindet“ verfasst. Und man kann ein kleines Büchlein herunterladen „le guide pratique de la sérénité“, und damit konkret an seinen Ängsten und Sorgen arbeiten. Mir hilft das. Es ist das Beste, was ich Ihnen derzeit mitgeben kann.

Abgesehen von den sangesfreudigen Italienern, die sich überall im Land um 18 Uhr zum Singen auf den Balkons und an den Fenstern verabreden. Das haben Sie sicher schon gesehen. Nett oder?

Bleiben Sie ruhig, es gibt keinen Grund zur Panik, es gibt genug zu Essen, alles ist da und es gibt Lieferdienste. Bei Hilke Maunder finden Sie noch einmal alles ganz konkret zu Corona in Frankreich. Bleiben Sie zuhause und vor allem bleiben Sie gesund!


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Ausgangssperre – le confinement

Voilà, es ist soweit. Gerade hat Präsident Macron eine Ausgangssperre angeordnet. Ab morgen 12 Uhr mittags. Wir haben es schon erwartet, Italien ist schon lange soweit und auch Spanien hat sie am Wochenende angeordnet. Für erste vierzehn Tage, heißt es. Aber es ist uns allen klar, es wird länger dauern. Und die Ausgangssperre wird nach Bedarf angepasst. Denn zur Zeit darf man noch einkaufen, sogar Joggen ist nicht wirklich verboten, allerdings alleine, aber Macron appelliert an unser Verantwortungsbewusstsein und unsrere Solidarität mit den anderen (den Virus nicht unbewusst weiterzugeben) und sich nicht mit Freunden und Familie zu treffen, und nicht, so wie gestern geschehen, in geselligen Gruppen in Parks herumzusitzen oder am Fluss oder am Meer. Die Parks werden daher ab morgen geschlossen. Im Prinzip sollen wir zu Hause bleiben und nur unvermeidbare Ausgänge vornehmen. Ein Arztbesuch etwa oder der Kauf des Baguettes. Das sagt er tatsächlich. „Nous sommes en guerre“ sagte er wiederholt, „une guerre sanitaire“, aber ein Krieg erfordere besondere Maßnahmen. So werden auch die Grenzen zu den anderen Ländern geschlossen. Franzosen, die aus dem Ausland zurückkommen wollen, können aber jederzeit kommen. Es ist eine lange Rede. Er bitte uns, nicht in Panik zu verfallen, keine hysterischen Hamsterkäufe zu machen, er bitte uns um Ruhe, Solidarität und Verantwortungsbewusstsein. Der zweite Wahlgang, der für nächsten Sonntag vorgesehen war, findet nicht statt, beziehungsweise wird dort, wo er nötig ist (in Cannes wurde David Lisnard mit 88% im ersten Wahlgang gewählt), bis auf weiteres verschoben.

Da sich das schon in den diversen Sendungen heute Abend ankündigte, war ich noch schnell in der Apotheke, um ein Medikament zu erstehen; dort hatte man die Regale umgestellt, um verschiedene Zonen zu schaffen und mit Klebeband Abstandslinien auf den Boden geklebt. Die Apothekerin war schon völlig erschöpft. Die Aggressivität der Menschen, sagte sie, sei kaum zu ertragen. In der Bäckerei gegenüber gleiches Szenario. Viele orangefarbene Streifen zeigen an, was ein Meter Abstand bedeutet. Zwei abgekämpfte Bäckereifachverkäuferinnen vor fast leeren Regalen.

Ärzte, die heute den ganzen Abend im Fernsehen zu Wort kamen, sind enttäuscht, ihnen geht dieses „lasche“ Ausgangsverbot nicht weit genug. Sie sagen, wir sind mit der Epidemie nur acht Tage hinter Italien, wir hätten jetzt schon strengere Maßnahmen treffen können, um es gar nicht so weit kommen zu lassen. Sie erzählen von unhaltbaren Zuständen in den Krankenhäusern im Osten Frankreichs, das ist konkret das Elsass. Ein Arzt, der vergangene Nacht Dienst am Notfalltelefon hatte, sagte sichtlich erschöpft, „wir hatten 11.000 Anrufe für alles und nichts“. Er appelliert an die Vernunft der Franzosen, die Notfallnummer und den Notarzt nur wirklich im Falle eines Notfalls anzurufen und nicht weil man Bauchweh habe. „Reißen Sie sich zusammen“, sagt er nicht, aber er meint es. Ins Krankenhaus solle man erst gehen, wenn man hohes Fieber habe und Atemprobleme, vorher sei dort kein Platz für einen. Und dann auch nicht wirklich, so wie es scheint. Die Ärzte sagen ungern, dass sie eine Auswahl treffen müssen, wem sie ein Beatmungsgerät geben können und wen sie seinem Schicksal überlassen müssen. Das Militär wird von nun an, wie in einem Krieg, eingesetzt, um die Kranken in andere Krankenhäuser zu transportieren, wo die Kapazitäten noch nicht erschöpft sind.

Macron gab noch weitere Maßnahmen bekannt, damit die Menschen, die durch den Verdienstausfall in Not geraten, überleben können. Es wird Hilfen geben, Elektrizitätsrechnungen, Wasser- und Gaskosten sowie Mieten sollen gestundet werden und allerlei anderes. Das kann man im Einzelnen sicher morgen überall nachlesen.

In Deutschland schreibt sich seit ein paar Wochen der Journalist und Autor Christian Y. Schmidt in den sozialen Medien heiser; er lebt eigentlich in China. Er hat die Epidemie dort erlebt und findet, dass Deutschland gnadenlos hinterhertrödelt. Wenn Sie pertinente Zahlen und sehr konkrete Hinweise haben wollen, googeln Sie ihn auf Facebook. Ich kann ihn und das alles nur in kleinen Dosen vertragen, aber ich denke, eine gewisse Hellsichtigkeit sollten wir alle haben in diesen Tagen. So viel für eben. Aus unserem Quarantäne-Aufenthalt schreibe ich Ihnen die nächsten Tage. „Restez chez vous“ haben heute Krankenschwestern und Ärzte in kleinen Videos auf FB oder wars Instagram? gefordert. Meint, „helft uns, indem ihr zuhause bleibt“. Helfen Sie den Ärzten und dem ganzen medizinischen Personal und bleiben Sie zuhause! Und vor allem: Bleiben Sie gesund!

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Je suis française oder Wahlen in Zeiten von Corona

Die Situation galoppiert hier davon. Sie wissen es sicher schon. Seit heute Nacht 00.00 Uhr sind alle Restaurants, Bars, Diskotheken und Läden, die nicht dringend geöffnet sein müssen, also alle, die nicht Lebensmittel verkaufen, in Frankreich geschlossen. Bäcker sind geöffnet, Metzger, der kleine Tante-Emma-Laden im Viertel und auch der Zigarettenkiosk (für einige ist das lebenswichtig, machen wir uns nichts vor) und die großen Supermärkte. Wie es mit den Lebensmittelmärkten aussieht, weiß ich nicht. Wir machten gestern dort einen Gemüsegroßeinkauf. Der kleine Fisch, ein loup de mer,war fast genauso teuer wie der Rest der Einkäufe. Aber ausgezeichnet. 

Apotheken sind ebenso weiterhin geöffnet und sie dürfen jetzt ihre eigenes Desinfektionsgel brauen und zu einem staatlich festgesetzten Preis verkaufen. Alles andere zu, geschlossen. Alle Einzelhandelsläden, seien es Optiker(in), Patissier(ière), Klamotten- und Schuhläden, Souvenirshops, Tättowierstudio, Buchhandlung oder Büroartikel und was es nicht alles gibt. Alles zu. Auch die Markt-Händler der typischen französischen Gemischtwarenmärkte, Straßenhändler, Künstler, professionelle Brocanteurs, also Leute die Flohmärkte und Antikmärkte machen, keine(r) darf arbeiten. Viele von ihnen, viele Einzelhändler und kleine Unternehmen werden das nicht überleben, fürchte ich. Ich bekam vor drei Tagen noch eine geradezu händeringende Mail meines Optikers, „zu kommen“, aber jetzt ist er zwangsläufig geschlossen. Die Tochter von Monsieur ist freie Dienstleisterin und wurde Freitag bereits von ihrer Firma „freigestellt“. Ihr zweites Standbein als Mitarbeiterin bei den Kongressen ist auch weggebrochen. Der Lebensgefährte des Sohnes ist unfreiwillig und bis auf weiteres in unbezahltem Urlaub. Die Kinder sind zu Hause, denn Schulen und Crèches, Universitäten sind sind sowieso geschlossen. Alle Veranstaltungen abgesagt, alle Kongresse, Theateraufführungen, Konzerte, Marathons, Flohmärkte, Sportfeste, und sogar das ehrwürdige Filmfestival findet dieses Jahr nicht statt. Kinos sind auch geschlossen.

Alle Vereine zu. Privat werden Hochzeiten und Geburtstagsfeste abgesagt und jede Menge Urlaube. Wir sollen stattdessen zu Hause bleiben. Nur wählen dürfen wir noch, die Kommunalwahlen finden bizarrerweise statt, immerhin unter Hygieneauflagen, und so machten wir heute vermutlich den letzten Ausflug für lange Zeit in die Berge, aber nur ein aller-retour, morgens hin, nachmittags zurück, denn ich wollte es dieses Mal nicht verpassen, bin ich doch vor kurzem Französin geworden und darf jetzt ganz offiziell wählen! Ok, bei Kommunalwahlen durfte ich schon immer wählen, stand aber bisher als Ausländerin in einem gesonderten Verzeichnis, und dieses Mal wählte ich „comme tout le monde“, wie alle, wie die Bürgermeisterin des Bergdorfs sagte.

Vor kurzem erhielt ich einen Anruf des Rathauses von Cannes und kurz darauf einen aus der Mairie des Bergdorfes: Félicitations! Glückwunsch! Die Kommission hat Ihrem Antrag zur naturalisation zugestimmt! Vous êtes française! Ich habe mich wirklich viel mehr gefreut, als ich selbst erwartet habe, ich sprang hier durch die Wohnung, als hätte ich im Lotto gewonnen. Monsieur war gerührt, dass ich mich so freute, und führte die neue kleine Französin standesgemäß zum Essen aus. Dann haben sich beide Gemeinden darum gerissen, mich als Wählerin zu bekommen und ich habe mich für das Bergdorf entschieden. Da bin ich jetzt die 102. Wählerin :-) Verstehen wir uns nicht falsch, da oben leben ganzjährig derzeit nur etwa 25 Menschen, aber einige mehr (Zweitwohnsitzler) sind dort auf der Wählerliste eingeschrieben: mit mir jetzt 102. Nicht wirklich viel, alle kennen alle, deswegen konnte ich auch wählen, obwohl ich bislang weder ein französisches Ausweisdokument noch die Wählerkarte rechtzeitig erhalten habe, weil „ich bekannt bin“, wie mir die Sekretärin der Mairie zusicherte.

Nun fuhren wir also in die Berge. Heute Morgen kaum ein Auto auf der Straße und nur hier und da ein Mensch mit einem Baguette unterm Arm. Die Autobahn fast so leer wie an den Autofreien Sonntagen in den Siebziger Jahren während der Erdölkrise, falls die Älteren unter uns sich daran noch erinnern. Ich bin damals Rollschuh gelaufen auf der Autobahn, es kann aber auch ein noch nicht fertig gestellter Abschnitt gewesen sein, so genau weiß ich das nicht mehr. Nur dieses tolle Gefühl von so viel freier und glattester Rollschuhpiste! Damals bin ich ja noch mit so eigenartigen Dingern gerollert, die man unter die Schuhe geschnallt hat, und mit denen dann über Stock und Stein. Die Autobahnpiste sonntags war wirklich genial! So leer war es also heute früh. Wir waren schon nach anderthalb Stunden im Bergdorf, das dort noch von schneebedeckten Bergen umringt ist.

Da oben schien die Sonne, der Himmel so blau und auf der Terrasse vor der Mairie standen weit gestreut Stühle, damit man in Ruhe warten konnte, denn es durfte immer nur ein(e) Wähler(in) in den Raum.

Madame le Maire

Wir haben im Dorf jetzt auch einen öffentlichen Bücherschrank und ich habe zwei nette zeitgeschichtliche Alben mitgenommen: Les Francais en vacances und Les métiers des Francais.

Wir gaben uns alle keine Küsschen, sondern winkten uns zu und schickten Luftküsse und setzten uns auf die weit entfernten Stühle und plauderten in der Sonne. Eine 100 jährige Einwohnerin und ihre kranke Tochter besuchten wir zu Hause, blieben aber winkend an der Eingangstür stehen. „Wir haben keinen Virus“, rief die Dorfälteste abwinkend, „ihr könnt ruhig reinkommen.“ „Naja“, sagen wir, mit Blick auf ihre schwer atmende Tochter, „wir aber vielleicht, und wir wollen ihn besser nicht mit euch teilen.“

In der Mairie wurden wahlweise Hände gewaschen oder Handschuhe gewählt, man bekam seine Liste (es gab nur eine Liste :D , man konnte also das Team wählen oder nicht, aber es gab keine Alternative) und einen kleinen Umschlag. Einen Stift hatte man selbst mitzubringen, für den Fall, dass man einen Kandidaten auf der Liste streichen wollte. So geht das hier. Ich hatte einen Stift, strich aber niemanden, ich finde das Team prima und bin auch mit der scheidenden Bürgermeisterin für weitere sechs Jahre einverstanden.

Zu Mittag aßen wir mit großem Sicherheitsabstand am großen Esstisch bei einer Freundin und gegen 16 Uhr fuhren wir wieder zurück. Jetzt waren die Straßen voller, an der Küste waren zwar alle Etablissements geschlossen, die Menschen aber liefen bei schönstem Wetter in Gruppen auf den Uferpromenaden spazieren oder saßen dort gruppiert herum, und da war nix mit Abstand. Der Franzose ist ja eher ungehorsam.

Gerade erhielt ich die Wahlergebnisse aus dem Dorf: Wahlbeteiligung 79; gültig 77, das Team ist im ersten Wahlgang fast einstimmig von allen und die Bürgermeisterin wieder gewählt worden. Super! Und abends waren sie dann alle im Haus der ältesten Dorfbewohnerin (und ihrer kranken Tochter!) und haben gefeiert. Abstand? Virus? Welcher Virus? So ist er der Franzose.

Die ersten Hochrechnungen für die großen Städte Frankreichs trudeln gerade ein, es ist unübersichtlich mit all den Arrondissements in Marseille und Paris, aber in Paris scheint Anne Hidalgo, wegen ihrer Umweltpolitik sehr umstrittene Bürgermeisterin, es doch wieder zu schaffen; es gibt bei mehreren KandidatInnen (in Paris gleich drei Frauen!) unter den beiden KandidatInnen, die am besten abgeschnitten haben, nächsten Sonntag eine weitere Wahl; man spricht insgesamt von einer geringen Wahlbeteiligung. We’ll keep you informed!


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12 von 12 im März 2020

Monsieur weckt sich und mich mit einem Aufschrei „Wir haben vergessen den Sperrmüll rauszustellen!“ Es ist Donnerstag und 6 Uhr morgens. Der Sperrmüll wird erst heute Abend rausgestellt, ich sinke zurück ins Kissen, döse, kann aber nicht mehr schlafen. Als ich endlich aufstehe und das Fenster öffne, sehe ich milchiges Wetter und den Sperrmüll. Gestern wäre fototechnisch ein spannenderer Tag gewesen, wir haben anderen Müll zur Mülldeponie gebracht.

Erstmal Frühstück. Warmes Porridge hat sich bewährt. Heute mit Apfel, Banane, Mango und Granatapfel. Kein Kaffee sondern Mutlivitaminsaft, bin etwas angeschlagen, versuche das mit Aspirin in Schach zu halten. Wir glauben erstmal nicht an den Virus, sind aber wachsam und ich gehe nirgendwohin heute und in den nächsten Tagen.

Ich verbringe den Tag auf dem Sofa und im Bett mit Filmen und Vorträgen. Ich hatte mich zur  „flow-summit 2020“ eingeschrieben und wurde elf Tage lang mit Vorträgen zugeworfen, mit denen ich kaum etwas anfangen konnte. Erst heute, am Zusatztag, finde ich einen Film und einen Vortrag, die mich ansprechen. Für Sie vielleicht schon ein alter Hut, für mich neu und erhellend.

Gerald Hüther, Neurobiologe, wurde für den Film awake2paradise zum Thema „Lernen“ interviewt; Teile des Interviews sind im Film zu sehen, aber er es gibt dazu auch einen längeren ausgekoppelten Vortrag. Großartig!

Ich bin so begeistert von dem Vortrag, dass ich Monsieur damit zusabbel und weder vom Kochen noch vom Essen Fotos anfertige. Es gab rohe Artischocke mit Vinaigrette zum Entrée, danach Buchweizen und Fenchel, und für Monsieur ein Stück Lammfleisch. Danach Käse, Obst, Kaffee (Monsieur) ein fertiger amerikanischer Cheesecake (zum Teil, für mich). Hier zwei Danach-Fotos.

Sieste, ohne Foto.

Dafür ein Foto von gestern (der interessantere Tag, wie so oft). Wir wissen seit gestern, dass wir im weiteren Bekanntenkreis einen Virusfall haben: Ein älteres Ehepaar (Mitte 80). Er wird mit Sauerstoffflasche vermutlich am Wochenende aus dem Krankenhaus entlassen. Die Informationslage war schlecht. Er konnte weder telefonieren noch SMS’en schicken, letzteres, weil er nicht wusste, wie es geht; das KH-Personal hatte schon genug zu tun, man wollte es nicht mit zusätzlichen Anrufen belästigen. Sie ist seit knapp vierzehn Tagen zu Hause in Quarantäne. Niemand darf zu ihr. Die Nachbarn stellen die Einkäufe vor die Tür. Das ist das Tragische, dass man die Personen, egal wie alt und krank sie sind, nicht besuchen darf. Zusätzliche Maßnahmen: Man darf grundsätzlich nicht mehr seine Angehörigen in den Alters- und Pflegeheimen besuchen, selbst die, die im Sterben liegen, bleiben jetzt allein. Tragisch. Ich nehme die Lage nun auch etwas ernster und war gestern noch einmal einkaufen. Ich habe ja die letzten Wochen, Monate gar, nur inhäusig und vor dem PC verbracht, insofern lebte ich wie in einer Seifenblase und das echte Leben mit Virus und ÖPNV und leergekauften Supermärkten bekam ich nicht mit. Von meinem Fenster sah die Welt ganz in Ordnung aus. Nur, wenn ich Nachrichten sehe, werde ich nervös. Ich fuhr gestern also mit gemischten Gefühlen einkaufen, aber die Situation im Supermarkt dann wieder total beruhigend. Alle Regale sind wieder voll. Klopapier, Nudeln, Mehl, alles da. Keine Hamsterkäufe. Ich finde sogar Desinfektionstüchlein. Selten liebte ich die überdimensionierten französischen Supermärkte mehr als gestern. 

Komische Stimmung, vor allem mit dem komplett geschlossenen Italien in 50 km Entfernung und dem Aufruf von Matteo Renzi, nicht leichtsinnig zu sein. Die Einstellung „wir haben keine Angst, wir gehen ins Theater“ sei im Falle eines Terrorangriffs angemessen, sagt er, aber nicht bei einer pandemischen Krise, deren Ausbreitung zu verlangsamen sei. Am Wochenende werden in Frankreich die Kommunalwahlen stattfinden, es gibt Hygieneregeln, aber man befürchtet dennoch eine sehr niedrige Wahlbeteiligung.

So, ich sollte auch einen Live-Blog machen, das ist anscheinend im Trend und der Lage angemessen. Gerade war unser Präsident im Fernsehen. Wir schließen Frankreich jetzt auch. Also zu großen Teilen jedenfalls. Er bittet uns, so gut es geht, zuhause zu bleiben, und von zu Hause zu arbeiten, um die Epidemie zu verlangsamen.
Personen über 70 Jahren, les plus fragiles, sollten grundsätzlich zu Hause bleiben. Der arme Monsieur: Pas de nouilles, pas de Bridge. Wir werden ausgiebig zum Lesen kommen. Schulen, Kinderkrippen, Universitäten sind ab Montag geschlossen. Gut dass unsere „Kleinen“, schon so groß sind. Busse und Bahnen fahren eingeschränkt, damit eine Möglichkeit gegeben ist, Ärzte und Krankenhäuser aufzusuchen. Die Wahlen finden am Sonntag unter strengen Hygieneauflagen statt. I’ll keep you informed.

Und jetzt also stellen wir den der Sperrmüll raus, der morgen in aller Frühe abgeholt wird.

Und zum Abschluss noch etwas Erfreuliches. Zum ausführlichen Bloglesen komme ich jetzt endlich auch mit dem erzwungenen Hausarrest, hurrah! Zum Beispiel den von Maria Al-Mana, Unruhewerk heißt er. Ich habe ihn schon einmal verlinkt. Es lohnt sich, nicht nur weil Maria die Krimis von Christine Cazon besprochen hat. Das ist zwar schon einen Moment her, aber ich war mit anderem beschäftigt und habe es dann leider aus den Augen verloren. Mea culpa. Aber jetzt! Schöne Besprechung! Herzlichen Dank Maria!

Passen Sie auf sich auf! Bleiben Sie gesund und zu Hause, nicht nur wegen Ihnen, sondern wegen all der anderen. Wir gehören alle zusammen in dieser Gesellschaft und sogar in dieser Welt!

Danke fürs Lesen! Die anderen 12 von 12er finden Sie wie immer bei Frau Kännchen

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Pas de nouilles pour Monsieur C.

So. Der Gatte legt Patiencen, die Katze liegt tiefenentspannt auf dem Balkon, ich gehe zum letzten Mal mein Manuskript durch. Jetzt wissen Sie auch, warum Sie so wenig von mir gehört haben, ich habe hier viel geschrieben. Nein, nicht am nächsten Krimi, an den setze ich mich sofort im Anschluss. Wir sind ja fleißig hier, aber daran haben Sie nicht gezweifelt, oder?! Diese Blättersammlung wird ein anderes Buch. Es wird im Herbst erscheinen und noch ist es geheim, aber wir sind ja unter uns und Sie sagen es nicht weiter, n’est-ce pas?!

Und sonst so? Da ich wenig rauskomme, habe ich die Corona-Hysterie staunend im Fernsehen und in der Zeitung verfolgt. Wir sind ja nah an Italien und haben jetzt auch ein paar Inifizierte im Departement, 14 oder 18, und auch ein bis drei davon in Cannes, so genau weiß ich es nicht, es ändert sich ja auch ständig. Gestorben ist hier noch niemand, also gestorben wird ständig, etwa 1700 Menschen sterben täglich in Frankreich, davon sind knapp 90% über 60 Jahre alt, das heißt die gesundheitlich Schwächeren sterben zuerst, aber am Virus selbst ist bis eben noch niemand gestorben. (Gestorben waren gestern doch schon ein paar Menschen, laut gerade aktuellem Stand sind es derzeit 25 Personen, tut mir leid für die ungenaue Berichterstattung!) Aber wir wollen uns dennoch alle nicht anstecken und geben uns keine Hand und schon gar keine Bises und meiden Veranstaltungen, bei denen sehr viele Menschen von überallher kommen könnten und deshalb wurden in Nizza die letzten Tage des Karnevals abgesagt und in Menton die letzten Tage des Zitronenfests, in Cannes wurde ein großer Immobilienkongress MIPIM annuliert, also im Prinzip wurde er abgesagt, weil die Teilnehmer nicht kommen wollten, zwei weitere Kongresse, MIPTV und Cannes Series, wurden ebenso abgesagt oder in den Herbst verschoben. Jetzt bibbern alle wegen des Filmfestivals. Es gilt bislang ein Versammlungsverbot, das vorsieht, dass nicht mehr als 5000 Personen irgendwo zusammenkommen dürfen. Sämtliche Hotels und ihr Servicepersonal, die Restaurants und Taxifahrer, alle, die mit dem Tourismus und den Festivals und Kongressen Geld verdienen, fürchten, dass sie dieses Jahr nichts verdienen und jammern und klagen bereits über die Verluste, die sie machen.

Ich bin letzte Woche pflichtschuldigst einkaufen gefahren, weil in der Zeitung stand, Auchan, ein Supermarkt, sei leergekauft worden und ich dachte, bevor es gleich nichts mehr gibt, sollte ich wenigstens den Kühlschrank auffüllen. Deswegen die Überschrift: Pas de nouilles pour Monsieur C.***  Es gab keine Nudeln mehr, also es gab noch ein paar Sorten, aber nouilles, die Lieblingssorte von Monsieur, eigentlich völlig unspektakuläre kurze und schmale Bandnudeln, also im Prinzip sehen sie aus wie Bandnudelbruch und ich finde sie ausgesprochen langweilig, aber diese Nudeln sind typisch französisch und so wie es aussieht nicht nur Monsieurs Lieblingssorte, sondern auch die anderer Franzosen. Und die waren weg. Ausverkauft. Überhaupt war ein ziemlicher Nudelnotstand in den Regalen, und ich musste an mich halten, dass ich nicht auch schwupps fünf Packungen Spaghetti kaufte statt einer, wenn es schon keine nouilles gab. Gab es wirklich keine mehr? Ich bückte mich. Doch! Ganz hinten unten gab es noch kürzere und noch dünnere nouilles einer anderen Marke, aber das weiß ich schon, mit denen brauche ich gar nicht ankommen, die können den echten nouilles nicht das Nudelwasser reichen. Das wissen auch die anderen Franzosen, deswegen sind diese Nudeln noch da. Mehl war auch knapp und Reis sowieso. In Australien soll es gar einen Klopapiernotstand gegeben haben. Oder war es in Deutschland? Ich habe vorsichtshalber welches eingekauft und auch Katzenstreu für die Katze. Sicher ist sicher. Ansonsten war aber noch alles da in meinem Supermarkt. Und die Leute wirkten auch entspannt. Die nervösen Nudelgroßeinkäufer waren ja schon weg.

Die Universitäten, Schulen und Crèches sind hier noch geöffnet. Anderswo, irgendwo im Norden Frankreichs, und in Italien sowieso, alle geschlossen. Es führt hier zu bizarren Szenarien, denn man hat einerseits untersagt, dass Kinder die „fragilen“ Senioren in den Altersheimen besuchen dürfen, Kinder gelten als potentielle Virenschleudern, allerdings ist es hier so üblich, dass die Senioren, nicht gerade die im Altersheim, aber alle anderen, die Kinderbetreuung übernehmen, im Falle von Schulschließungen wegen Streik oder eben auch Viren. Also was jetzt? Wir schließen die Schulen und schicken die kleinen Virenschleudern zu den besonders gefährdeten Großeltern? Super.

Ansonsten scheint die Sonne wieder, wir waren heute am Strand und auf dem Markt und es war wie immer, würde ich sagen. Wir haben nur indirekt gehamstert, weil Monsieur dieselben Sachen eingekauft hat wie ich: Artischocken, Radieschen, Orangen und Mandarinen, davon haben wir jetzt eben etwas mehr.

Im Kino waren wir letzte Woche noch, wir haben eine Vorpremiere von de Gaulle gesehen. Sehr eindrückliche Verfilmung einiger weniger Tage im Juni 1940, als die Deutschen begannen Frankreich zu erobern, die Franzosen Haus und Hof verließen und panisch in den Süden flüchteten, es war ein dramatischer Exodus auf den Landstraßen und sie wurden dort leichtes Ziel von Tieffliegern. Bis die französische Regierung unter Petain entschied, das Frankreich sich den Deutschen ergibt. Nicht alle Politiker trugen diese Entscheidung mit, de Gaulle ging nach London (während seine Familie sich unter die Flüchtenden in Frankreich mischte) und rief von dort über die BBC die Franzosen auf, dass noch „nicht alles verloren sei“, es ist der Appel du 18. Juin, dem in Frankreich jedes Jahr gedacht wird. Es war der Beginn der Resistance, der Widerstandsbewegung in Frankreich. De Gaulle selbst wurde daraufhin von der französischen Regierung der französischen Staatsangehörigkeit enthoben, ebenso aller militärischer Grade und Ehrungen, man verurteilte ihn wegen Verrat zum Tode und forderte ihn auf zurückzukommen. Tat er natürlich nicht.


***Das ist ein Insiderjoke, denn der Lieblingskriminalroman des Gatten heißt „Pas d’orchidées pour Miss Blandish“.

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Nieselregen

Cannes kann auch anders. Grau, Nebel und Niesel. Ich hab irgendwo auch noch blauen Himmel und die letzten Mimosen dokumentiert, aber wir wollen ja realistisch abbilden, wie es hier auch sein kann, nicht wahr. Gestern war es schon grau, weshalb ich dann nicht rausgegangen bin, ganz wie eine echte Südfranzösin. Heute ist es dann zusätzlich noch nieselig, bin aber doch los, ich habe auch noch deutsche Anteile ;-) und es war gut! Schönen Sonntag allerseits!

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hinter der Palme blühen die Magnolien
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… und Claire

Claire Bretécher ist gestorben. Vorgestern schon. Ich habe gar keine Zeit Ihnen zu erzählen, was Sie mir bedeutete, und das klingt auch so komisch, „was sie mir bedeutete“. Aber ich merke, dass sie mir viel bedeutete, als ich nämlich eben die deutschen Nachrufe durchlas, die ich Ihnen der Schnelle halber hier hineinstellen wollte, da merke ich, dass keiner das ausdrückt, was ich fühle. Zunächst sprechen alle immer von „Agrippina“, das ist ein Generationenproblem, die Menschen in den Medien werden immer jünger. Oder ich immer älter, vermutlich beides. Ich bin mit den „Frustrierten“ aufgewachsen. Ich habe kürzlich noch einmal einen Band der „Frustrierten“ auf einem Bücherflohmarkt erstanden, „Les Frustrés“ diesmal. Als Jugendliche habe ich die Comics in der deutschen Übersetzung gelesen. Jetzt lese ich die bandes dessinées auf Französisch. Ich habe die Frustrierten geliebt. Und ich liebe Les Frustrés immer noch. Vielleicht habe ich sie damals gar nicht wirklich verstanden, denke ich jetzt, also diese Anspielungen auf die französische Gesellschaft, bourgeois und bobo. Aber ich hatte das Gefühl, SIE verstand etwas in mir. Zumindest berührte sie etwas in mir. Mein Weg nach Frankreich war von ihr schon vorgezeichnet, haha. Agrippina habe ich dann gar nicht gelesen, Teenager-Probleme waren mir als vermeintlich schon Erwachsene egal. Später gab es Doktor med. Bobo und Mütter aber nichts hat mich mehr so gepackt wie die Frustrierten. Ich nehme mal diesen Text aus dem Tagesspiegel und den hier aus dem Deutschlandfunk und dann ein bisschen was Französisches zum Anschauen. Da kommt noch ein älteres Filmchen hinterher. Lohnt auch. Und gerade wurde mir noch ein schöner Beitrag von arte zugetragen. Da hätte ich auch selbst drauf kommen können. Adieu Claire Bretécher!


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12 von 12 im Februar 2020

Der Blick aus dem Fenster: blauer Himmel // Die Katze hat Durst // Mein Frühstück // Ganz früh schon schöne Post aus Deutschland // Am PC // Monsieur hat mir Anemonen vom Markt mitgebracht // Unterwegs: Wir sind zum Essen in Golfe Juan eingeladen // Ende des Essens // Unterwegs: zurück. Immer noch blauer Himmel // Nochmal schöne Post, diesmal aus St. Tropez! // Sieste // Abendessen: Gemüsesuppe mit Huhn (Reste) //

Heute ein etwas pragmatischer Beitrag für 12 von 12 bei Frau Kännchen. Danke fürs Gucken! Und die anderen 12 von 12er wie immer hier!

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Sabine und Ciara

Bei uns hieß Sabine Ciara und sie wütete im Norden Frankreichs auch ganz gewaltig, im Süden wurde sie nur als „leichte Brise“ gehandelt, das ist so bis 35 Stundenkilometer Wind. Die Palmen hat es dennoch geschüttelt. Ich wollte Wellen fotografieren und ging los. Mit beißendem Sand im Gesicht und zwischen den Zähnen stemmte ich mich bis zu den Felsen in La Bocca gegen das bisschen Wind. Das Meer brauste, sah aber nach nix aus auf den Fotos, also wartete ich flatternd eine Stunde auf den Sonnenuntergang. Mit mir warteten andere und manch einer kletterte erwartungsvoll auf die Felsen. Und dann kam keiner. Nach Gelb kam sofort Schwarz.

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WMDEDGT 02/2020

War in der Nacht mehrfach wach, schlafe aber gegen Morgen tief ein. Werde wach, weil sich die Katze energisch zwischen meine Unterschenkel drängt. Ich mache mir Frühstück: warme Haferflocken mit Obst (köstlich!), dazu Kaffee, und frühstücke gegen halb neun,  jetzt mit der Katze auf den Knien, und Monsieur und ich besprechen den Tag. Unsere aggressive Miteigentümerin in dem Haus, in dem wir bereits einen (von ihr angezettelten) Prozess verloren haben, hat veranlasst, dass das Amt für Hygiene das Haus inspiziert. Es sei in einem unhygienischen Zustand. Außerdem haben wir eine Aufforderung der Stadt Cannes erhalten, unverzüglich die Fassade desselben Hauses zu renovieren. Madame C., im Stadtrat und gute Freundin des Bürgermeisters, macht von ihren Beziehungen Gebrauch. Ich schicke immer mal wieder Stoßgebete in den Himmel, dass uns das Universum von ihr erlösen möge. Monsieur bricht gegen 9 Uhr auf, um die Leute von der Hygiene zu empfangen, kommt unverzüglich zurück, weil er seine Sonnenbrille sucht. Es ist heute allerwunderbarstes Frühlingswetter. Wir suchen vergeblich die Jacke von gestern, in der die Sonnenbrille steckt. Schließlich geht er mit einer anderen Sonnenbrille los.

Ich gehe ins Bad. Stopfe Wäsche in die Waschmaschine. Setzte mich an den Schreibtisch, beantworte gefühlt nur zwei, drei Mails, schon ist Monsieur zurück (er hat Jacke und Sonnenbrille im Auto gefunden). RAS: Rien à signaler. Das Hygieneamt hat im und am Haus nichts zu beanstanden (noch sind nicht alle korrupt!), allerdings halten sie den synthetischen Rasen, den die Miteigentümerin in ihrem neuerdings „privaten“ Garten hinter dem Haus verlegt hat, für problematisch. Tant mieux. Synthetischer Rasen und synthetische Hecken sind hier der letzte Schrei: sie ziehen keine Schädlinge an, müssen nicht beschnitten und vor allem nicht (mit dem immer teurer werdenden Leitungswasser) gegossen werden, sind dennoch quasi immergrün. Super praktisch! Und super zum K***. Ich dachte, mich trifft der Schlag, als ich den Kahlschlag sah, den der Garten erlitten hat. Früher eine verwilderte Oase, jetzt kahl und 100% Synthetik.

„Die Mieter haben jetzt endlich eine Aussicht auf einen sauberen Garten“ hat sie uns wissen lassen. Es ist die trübsinnigste Aussicht, die man sich vorstellen kann. Der „Garten“ ist nun auch eingezäunt und abgesperrt. Dort hinein dürfen die Mieter jetzt nicht mehr. Wozu auch. Das Hygieneamt allerdings ist von dem Synthetikrasen nicht angetan. Das Wasser fließe nicht richtig ab und würde so zur Bruststätte für Stechmücken. Bleibt zu beobachten.

Monsieur hat auch eingekauft und geht jetzt noch Brot holen. Er bringt zusätzlich Schmalzgebäck mit, ganses oder bugnes heißen die hier. Wir nähern uns auch in Südfrankreich dem Karneval. In der Post war heute ein Buch, ich lese kurz hinein, nehme mir vor, es heute Abend beim #Lesemittwoch anzufangen. Ich antworte noch auf eine Mail, dann ist es schon Zeit für das Mittagessen. Hacksteak, Tagliatelle mit Pilzsoße, grüner Salat, Käse und zum Dessert Schmalzgebäck für Monsieur, Schokopudding für mich. Ich werfe die Wäsche in den Trockner. Es folgt die Sieste. Danach gehen wir eine halbe Stunde in la Croix des Gardes spazieren, noch immer blühen die Mimosen, von Ferne sieht man Schnee auf den Alpengipfeln, es ist heute frühlingswarm, sonnig und blauhimmelig. Es soll schlechter werden, also wollten wir das ausnutzen.

15.30 Uhr: Monsieur besucht eine Freundin seiner Mutter und sucht dort in alten Unterlagen nach einem Dokument, ich mache mir einen Tee, gehe an den Schreibtisch zurück und suche ebenso, allerdings etwas weniger alte Unterlagen und verliere mich zusätzlich in alten Texten. Wie gut, dass ich auch zehn Jahre alte Mails aufgehoben habe, sie erhellen den Sachverhalt, an den ich mich nicht mehr erinnere. Ich schreibe dazu eine Mail.

Schwupps ist es 18 Uhr. Monsieur ist zurück, mit dem Dokument, und schaut fern. Monsieurs Tochter kommt. Auch sie wühlte in alten Papieren und es wird diskutiert. Es geht immer noch um die Erbschaftsangelegenheiten der Schwiegermutter. Ich backe Rosenkohl mit Datteln und Mandeln im Backofen. Wir essen. Ich hole die Wäsche aus dem Trockner, werde heute aber nicht mehr bügeln. Ich schreibe diesen Text zu Ende. 20.30 Uhr: Feierabend. Jetzt wird gelesen.

Dieser Text gehört in die von mir unregelmäßig geführte Tagebuchbloggen-Serie „Was machst du eigentlich den ganzen Tag“ kurz WMDEDGT, die sehr regelmäßig von Frau Brüllen geführt wird. Die anderen Teilnehmer dieser Blogparade finden Sie ebenfalls dort. Danke, wenn Sie meinem Tag bis hierhin gefolgt sind.




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Mandelblütenschnee

Zuerst dachte ich, es sei Schnee, der da auf dem Boden lag. Aber nein, es sind Mandelblüten! Heimlich, still und leise haben sie zu blühen begonnen und der Wind der letzten Tage wehte die Blüten von den Bäumen. Es wird Frühling!

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Erinnern – Commémorer

Hier wird ein bisschen gekränkelt und außerdem viel gearbeitet, aber das wollte ich heute doch auch hier (und nicht nur auf FB) geteilt haben. Heute, am 27. Januar, ist Internationaler Tag zum Gedenken an die Opfer des Holocaust. Die israelische Gedenkstätte Yad Vashem hat eine Rememberance-Wall, eine Erinnerungs-Wand, eingerichtet, man kann sich dort mit seinem Namen und seinem Land einschreiben und bekommt postwendend über einen Zufallsgenerator das Foto und die Informationen eines Holocaustopfers „zugeordnet“: ein Mann, eine Frau, ein Kind, den/die/das man somit vor dem Vergessen bewahrt. Man wird als „Erinnerungs-Patin“ zusammen mit diesem im Holocaust ermordeten Menschen auf besagter Erinnerungs-Wand genannt. Christiane Dreher aus Frankreich erinnert … steht bei mir nur. Mir wurde ein kleines Mädchen ohne Vornamen zugeordnet.

Erinnern


Ich erinnere an ein kleines Mädchen, dessen Vornamen wir nicht wissen. Sie wurde 1938 als Tochter von Shmuel und Ester Preisz (geb. Muler) in Miskolc in Ungarn geboren und in Auschwitz ermordet. Sie wäre heute so alt wie meine Mutter.

Je commémore une petite fille dont on ne sait même pas le prénom. Elle est née 1938, elle est la fille de Shmuel et Ester Preisz, avant la guerre elle vivait à Miskolc en Hongrie. Elle était assassinée à Auschwitz. Aujourd’hui elle aurait le même âge que ma mère.

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bleu blau blue

Die Fotos sind von gestern. Sieht heute aber genauso aus. Und heute war ich schwimmen! Leider ohne Beweisfoto. Es war recht frisch und lange bin ich auch nicht geschwommen, aber immerhin: 12. Januar Anschwimmen! Absoluter Rekord! Luft 14°C, in der Sonne gefühlt 19°C, Wasser 15°C.

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Leberkrise, die zweite

Fast auf den Tag genau erlebte ich meine zweite Leberkrise und mache, weil noch etwas flagada oder patraque wie man hier sagt, ich noch etwas schwach bin oder groggy auf gut deutsch, daher einfach ein Blogrecycling. Liest du –> hier! Es ist das zweite Mal, dass ich die Jahresendfeste – les reveillons –  komplett in Frankreich verbrachte. Diesmal habe ich die französische Familie innerhalb einer Woche zweimal bekocht, ich bemühte mich, trotz der vorgegebenen Traditionen, um eine „leichte“ Variante und habe zum Beispiel als siebten Gang des ersten Weihnachtsessens keine Buttercreme-Bûche de Noël,  sondern eine „bûche glacé“ aus Vanilleeis und Himbeersorbet aufgetragen. Dennoch, die gedrängte Aufeinanderfolge von all den kulinarischen Genüssen, ohne die es hier nun einmal nicht geht, war irgendwann wieder zu viel für meinen Magen, die Leber und die Galle. Meine Mutter reiste nach einer ebenso qualvollen Nacht ab, auch ihr Magen streikte, was zeigt, dass wir Deutschen einfach keine in jahrzehntelangem Esstraining erworbenen Magenresistenz haben, sie also nahm gestern Abend tapfer ihren Flieger nach Deutschland, während ich mich, zusätzlich fiebrig, noch kaum aufrecht halten konnte. Danke übrigens noch für all Ihre Anteilnahme und Wünsche! Meine Mutter kam letzten Ende noch gut hier an und wir verbrachten zwei intensive Wochen (esstechnisch, familienlastig und unternehmensfroh), wir hatten sonnigste Tage und blauesten Himmel, aßen und spazierten am Meer entlang und ebenso durch den bereits (teilweise) erblühten Mimosenwald. Sie reiste gestern Abend nach Hause, dieses Mal klappte alles so geschmeidig,  wie man es sich wünschte, und nun erholen wir uns von all den französischen Exzessen.

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Frohes Fest

Ein frohes Fest wünsche ich (jetzt schon, ich weiß nicht, ob ich später noch dazu komme) und außerdem happy Chanuka! Das jüdische Lichterfest beginnt dieses Jahr am 22. Dezember und wird bis zum 30. Dezember gefeiert. Der hineinfotografierte Text, der aus meinem anderen-advents-kalender stammt und dort eigentlich für den 23. Dezember vorgesehen ist, hat mich gerührt.

aus: der andere advent

Gerade bin ich noch einmal sehr gerührt: Meine Mutter sollte heute Abend mit dem Flugzeug nach Nizza kommen. Ich hatte alles geplant, Begleitservice reserviert, damit sie, die nicht mehr allzugut zu Fuß unterwegs ist, nicht alleine mit ihren Koffern durch diesen riesigen Flughafen in Frankfurt irren muss. Es gab einen Shuttle-Bus bis zum Flughafen, alles schon vor Monaten reserviert. Der Shuttle-Bus blieb wegen eines schlimmen Unfalls drei Stunden auf der Autobahn blockiert, meine Mutter kam am Flughafen an und der Flieger hob gerade ab in den dämmrigen Abendhimmel. Ohne sie. Der Fahrer des Shuttle-Busses begleitete meine Mutter immerhin bis zum Schalter und erklärte die Situation. Aber dort war man recht schnipppisch: der Begleitservice sei nicht mehr zuständig. Sie sei gecancelled, sagte man ihr. Sie war zu spät. Man kann nichts mehr für sie tun. Punkt aus. Basta. Das war der Moment, an dem ich meine Mutter zum ersten Mal am Telefon hatte. „Ich bin gecancelled„, sagt sie, und bemüht tapfer „Ich weiß jetzt nicht, wie es weitergeht“, dann unterbricht sie mitten im Satz das Gespräch. Ich rufe zurück. Sie nimmt nicht ab. Vermutlich hört sie es nicht, oder was weiß ich. Ich beginne die Fluggesellschaft zu verfluchen. Ich meine, das sieht man doch, dass meine Mutter eine ältere Dame ist und, zumindest in gewissem Maße, Hilfe braucht. Deswegen habe ich den Begleitservice doch gebucht, Himmel nochmal! Sie braucht schon im Normalfall Hilfe beim Koffer aufgeben und um sich nicht zu verlaufen und vor allem um diese endlos langen Wege bis zum Gate XY zu laufen, bzw. eben gerade nicht zu laufen, sondern zu fahren, in einem Rollstuhl oder Elektroauto. Man kann sie doch gerade dann, wenn es noch zusätzlich Schwierigkeiten gibt, bitte nicht einfach so stehen lassen. Gerade jetzt braucht sie Hilfe, um zu schauen, ob und wie man den Flug umbuchen kann, und wo sie dazu hinlaufen muss in diesem Flughafenlabyrinth! Meine Mutter ruft wieder an. Immerhin hat sie erfahren, dass sie „hoch“ und irgendwo „warten“ muss, „bis ihre Nummer aufgerufen wird“. Und da geht sie jetzt hin, aber sie ist immer noch allein mit den beiden Koffern. Ich seufze. Ich kann nur ahnen, um was es geht. Anscheinend versucht man sie umzubuchen. „Ich weiß noch nichts“, ruft sie zwischendurch an, „ich muss noch warten!“ Lange ist es nicht sicher, ob sie heute noch einen Platz im späteren Flieger bekommen kann und wenn ja, zu welchem Aufpreis, oder ob sie am Flughafen übernachten muss. Ich suche schon mal vorsorglich die Hotels am Flughafen, aber auch das wäre alles zusätzlich verwirrend und kompliziert. Gerade eben rief sie erneut an. Sie hat einen Platz im späteren Flieger, hurrah!, und sie unterbricht schon wieder das Gespräch, diesmal aber, weil schon „die junge Frau“ kommt, die sie dahin begleitet. Im Elektroauto. Uff. Später ruft sie noch einmal an: Die nette junge Frau habe mit ihr den Koffer aufgegeben, sie ist mit ihr durch die Kontrolle und eine andere hat sie zum Gate gefahren (das jetzt hoffentlich nicht mehr geändert wird), alles ist gut. Sie hat drei Stunden Zeit und trinkt jetzt erstmal einen Kaffee. Ich bin sehr erleichtert. „Musstest du etwas aufzahlen?“, frage ich. Aber nein! Ihr Flug wurde kostenlos umgebucht. „Es ist Weihnachten“, habe der junge Mann am Schalter zu ihr gesagt, als er ihr das neue Ticket ausgestellt hat. Oh Mann, ich heule hier. Danke! Danke Fluggesellschaft! Danke Universum! Es ist Weihnachten! Ja! Frohe Tage, egal ob Sie glauben oder nicht, und egal, an welchen Gott Sie glauben. Frohe Tage! Seien Sie gut zu sich und zu anderen! Haben Sie es gut und seien Sie froh miteinander! 

Dies ist kein Weihnachts- sondern ein Abendlied, aber ich finde es gerade so friedlich und wohltuend. Den Hinweis auf das wundervolle Vokalensemble Sjaella aus Leipzig verdanke ich Asja G. aus Biestow. Vielen Dank!

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Kolumnistin

Und fast vergessen: Ich freue mich Ihnen ankündigen zu dürfen, dass ich, unter dem Namen Christine Cazon, die zukünftige Kolumnistin des wunderbaren Frankreich Magazins sein werde! Schon im nächsten Heft finden Sie einen Beitrag von mir! :D

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Jacques Ferrandez

Letzten Samstag war ich bei einer Signierstunde. Jacques Ferrandez, mein Lieblings-BD-Zeichner und Autor war in Cannes in der wundervollen inhabergeführten (!!!) Buchhandlung autour d’un livre zu Gast.

autour d’un livre

Als ich in Frankreich ankam, ich sage es ja immer wieder, war es nicht so weit her mit meinem Französisch. Dass ich nach vier Wochen fließend spräche und selbstredend auch französische Literatur läse, glaubte ich vorher zwar, aber dem war nicht so. Ich starrte auf die Bücher in der klitzekleinen Gemeindebibliothek und blätterte lust- weil verständnislos durch die Seiten. Kleinkinderbücher, auch wenn sie sprachlich meinem Niveau entsprachen, wollte ich nun auch nicht gerade lesen. Und dann entdeckte ich die BD’s, des Bandes dessinées. Mit Comics wie Micky Maus, Donald oder Lucky Luke hatte das wenig zu tun. Erwachsenencomics, Graphic Novels heißen sie heute auch, erzählen richtig anspruchsvolle Geschichten, manchmal Literatur und/oder Geschichte. Nicht alle Zeichner sprechen mich an. Aber die Carnets d’Orient von Jacques Ferrandez (gezeichnet und geschrieben) haben mich sofort angezogen. Auch weil er in dieser zehnbändigen Serie von Algerien erzählte, und von Algerien als französischer Kolonie und dem nachfolgenden Unabhängigkeitskrieg wusste ich wirklich gar nichts. Ich begann also mit Jacques Ferrandez BD’s französisch zu lesen und etwas über französische Geschichte zu lernen. Danach las ich alles, was ich von ihm kriegen konnte.

„Richtige“ Bücher, also Literatur in französischer Sprache, lese ich immer noch sehr zögerlich. Als ich vor ein paar Jahren
Meursault, contre enquête von Kamel Daoud, einem algerischen Autor, in französischer Sprache lesen wollte, das sich auf Camus‘ Der Fremde bezieht, wusste ich, dass ich zunächst Camus lesen müsste, um Kamel Daoud zu verstehen. Uff. Glücklicherweise hatte Jacques Ferrandez gerade angefangen Camus Werke als BD zu zeichnen, das hat mir das Lesen (und das Leben ;-) ) ziemlich erleichtert.

Jetzt hat uns Jacques Ferrandez viel aus seinem Leben erzählt (seine Familie stammt ursprünglich auch aus Algerien, sie hatte ein Schuhgeschäft gegenüber des Hauses, in dem Camus gelebt hatte) und von seiner Art zu arbeiten. Und dann hat er mir vier neue Bücher ganz reizend signiert :)

ps: Kamel Daouds Meursault … ist in der Zwischenzeit bei Kiepenheuer & Witsch unter dem Titel „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“ auch auf Deutsch erschienen.

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Was seither geschah …

Ich weiß es nicht mehr. Also, was seit meinem letzten Text alles geschehen ist, meine ich. Ich renne seit Wochen durch die Welt und summe beschwörend „EASE“, Sie erinnern sich, mein Wort des Jahres. Nein, dies ist noch kein Rückblick und kein Erfahrungsbericht wie es mir mit diesem Wort gegangen ist. Immerhin habe ich das Wort nicht vergessen und es hat mich das ganze Jahr beruhigt. Gerade sage ich es mir in Großbuchstaben: EASE. Noch eine Woche bis Weihnachten und ich weiß noch nicht, was ich am 25. kochen werde. EASE. Ich habe die Ehre meine französische Familie zu bekochen. EASE.

Also ich versuche mal ganz schnell die letzten Wochen zusammenzufassen, bevor alles, was ich Ihnen schon so lange erzählen will, aus meinem Hirn verschwindet. Bei allem war und ist auch einfach viel Müdigkeit und sehr viel Rücken, dem ich auch weder mit Yoga noch mit dem Ostheopathen langfristig beikomme. Ich war ja vor dem Defa-Festival noch in Deutschland und sah Familie und Freunde, und davor hatte ich Besuch von einem ehemaligen Kollegen, den ich seit etwa dreißig Jahren nicht gesehen hatte: das sind bei aller Freude immer auch sehr intensive Begegnungen, die mich irgendwie ermüden.

Martinstag

Deutschland also: Ich habe am Martinstag nicht Gans gegessen, sondern Sauerbraten. Irgendwie enttäuschend, ich nahm mir daher vor, den Sauerbraten jetzt doch mal selbst zu machen, dazu gleich mehr. Am gleichen Abend sah ich überraschend einen Laternenumzug mit vielen Kindern und Laternen und dem St. Martin zu Pferde und es wurde gesungen: Rabimmelrabammelrabumm und es rührte mich so, dass ich schluchzte und schniefte.

Rabimmelrabammelrabumm

Herrjeh Deutschland im Herbst. Nebel. Friedhöfe. Bunte Blätter. Und Rabimmel. 

Friedhof

Zurück gings sofort ins DEFA-Festival, es ist auch im Rückblick immer noch ganz großartig gewesen!, gerne hätte ich noch die Kommentare der Zuschauer eingefügt, aber wie es hier so ist, der Vereinspräsident kam damit nicht rechtzeitig rüber, ich hatte am gleichen Abend schon wieder Gäste und kochte noch ganz unter deutschem Einfluss Sauerbraten (dazu gleich mehr) und dann war das Zeitfenster dafür schon wieder zu. Wir fuhren für zwei Tage ins Bergdorf, dort gab es Dinge zu entscheiden und den Weihnachtsmarkt mitvorzubereiten. Sehr weit kamen wir zumindest mit letzterem nicht, es begann nämlich zu regnen und zwar ordentlich und so blieben wir im Warmen drinnen und tüteten immerhin mehrere Kilo Pätzchen ein und schrieben Etiketten und banden Schleifchen und all diese Dinge, die niemand sieht und die dennoch Zeit fressen.

Spritzgebäck

Es wurde auch entschieden, dass ich dieses Jahr für die Suppe, die wir während des Weihnachtsmarkts mittags immer gratis ausschenken, zuständig bin. Man drückte mir, der Suppenbeauftragten, einen drei Kilo schweren Kürbis in den Arm und ein vages Rezept (mit Maronen wurde gewünscht) und ich solle es mal ausprobieren. Und es regnete. Viel. Die erste dramatische Hochwassersituation war hier schon am 23. November. Sie haben vielleicht Bilder in den Nachrichten gesehen. Der Süden stand unter Wasser. Wir waren dieses Jahr persönlich nicht betroffen, glücklicherweise, aber anderen in Cannes und in Mandelieu und in Biot und auch im Nachbardepartement Var stand das Wasser schon wieder bis zum Hals. Wir persönlich wohnen ja nicht am Wasser sondern leicht am Hang, da denkt man immer, es könne einem nichts passieren, aber in einer Nachbarstraße rutschte aufgrund des vielen Wassers ein ganzer Hang und mit ihm eine Mauer ab und das darunter geparkte Auto war hin. Nicht unser Auto. Alles gut bei uns. Aber Cannes und der Süden haben schon wieder gelitten.

Schnell noch zum Sauerbraten. Das ist wie mit dem Käsekuchen. Ich esse in Deutschland dauernd beides und suche den Geschmack von früher. Und bin enttäuscht. Macht das keiner mehr so wie früher oder hat sich mein Geschmack so verändert? Der Gatte hatte mir für den Tag nach dem DEFA-Festival schon gleich Gäste eingeladen und ich beschloss mutig Sauerbraten zu machen. Kann ja nicht so schwer sein. Ich las hundertundein Sauerbratenrezept und vertraute den badischen Landfrauen (klar mache ich badischen Sauerbraten und nicht diese Rosinen-und Lebkuchenvariante aus dem Rheinland, die Rheinländer mögen mir verzeihen, aber ich bin im Süden aufgewachsen!). Ich fotografierte aus einem deutschen Kochbuch die Abbildung eines schematisch in Stücke gezeichneten Rindes und ging damit zum Metzger meines Vertrauens. Das Stück Fleisch da brauche ich!, erklärte ich ihm, hielt ihm mein Handy entgegen und tippte auf die Stelle. Er zog die Augenbrauen hoch. Was wollen Sie denn machen? fragt er zurück. Ich erkläre ihm Sauerbraten. Aha, sagt er und kratzt sich am Kopf. Wo ist das Problem? frage ich. Das Problem ist, dass die Franzosen das Rind anders zerlegen. Er zeigte mir ein französisches Rinderschema. Das Stück Fleisch, das ich ihm im deutschen Rind zeige, ergibt im französischen Rind vier verschiedene Stücke. Welches davon soll es sein? Keine Ahnung. Irgendeins, sage ich, wird schon werden. Aber so einfach ist es nicht für den Metzger. Er schleppt mich nach nebenan in einen Pizzaladen, der gerade umgebaut wird. Der neue wohlgenährte Besitzer kommt aus Lothringen, ist mit einer Deutschen verheiratet und spricht auch Deutsch. Saurbrohde, sagt er, klar kennt er den. Lecker! Welches Stück Fleisch? fragt der Metzger. „Ha! Na da muss isch mei Frau frohe“, sagt der Lothringer und ruft seine deutsche Frau in Pirmasens an. In süßem saarländischen Dialekt fragt er nun seine Frau nach dem Fleisch für Saurbrohde. „Du liewe Zeit! Da muss isch mei Mudder ahruffe“, höre ich die deutsche Frau des lothringer Pizzabäckers durchs Telefon rufen. Leider ist die wissende  Mudder dann nicht erreichbar, sie hätte es vermutlich sowieso nur wieder auf Deutsch gewusst: Bug oder Schulter oder so etwas. Wir stehen wieder vor dem Rinderschema. Wir beratschlagen jetzt zu dritt und ich gehe letzen Endes mit einem Stück Fleisch für Pot auf feu nach Hause. Dort lege ich es ein in Rotwein und etwas Rotweinessig mit Karotten und Lauch und Zwiebeln undsoweiter. So ganz schwach kommen da Erinnerungen hoch, so hat es früher ausgesehen und gerochen, ich bin guter Dinge. Drei Tage liegt der zukünftige Sauerbraten jetzt in seiner Beize und dann wird er in einem gusseisernen Topf gebraten. Glücklicherweise kommen die Gäste erst abends. Der Sauerbraten brät bei niedriger Temperatur nämlich nicht die angegebenen zwei Stunden, sondern etwa vier, ich kann ihn schon kaum noch riechen, aber er ist immer noch nicht so butterzart, wie ich das erwarte.  Aber die Gäste sind jetzt da. Ich habe noch einen deutschen Zwiebelkuchen als Entrée gemacht, die typischen Klöße als Beilage zum Sauerbraten dann aber doch gegen Kartoffelpürree ausgetauscht. Und Rotkraut gabs auch nicht. Allzu viel Fremdes, was ich außerdem selbst zum ersten Mal mache, wollte ich dann doch nicht anbieten. Der Braten ist, sagen wir, al dente. Sauer ist er schon. Die Soße ist auch sauer. Ich kann es kaum essen, so sehr habe ich den Geruch in der Nase. Die Gäste kauen angestrengt und sind höflich. „Originell“ sagt Monsieur hinterher. Es bleibt so viel übrig, dass wir am nächsten Tag noch einmal Gäste bewirten können. Das Fleisch ist auch nach dem erneuten Aufwärmen (ich zitiere: „Sauerbraten ist immer besser am nächsten Tag“) noch immer nicht wirklich weich. „Très original“ heißt es auch hier wieder. Ich bin jetzt nicht sicher, ob es doch ein anderes Stück Fleisch hätte sein sollen, aber fürs erste bin ich sowieso geheilt vom Sauerbraten.

Ok, nach dem Sauerbraten kam die Kürbissuppenphase. Monsieur und ich aßen in der verregneten Folgewoche abends ununterbrochen Kürbis-Maronensuppe in unterschiedlicher Zusammensetzung und mal mit Curry, mal mit Cumin und mal nur mit Sauerrahm verfeinert und letztlich bestellte ich 15 Kilo Kürbis für die zu erstellenden 25 Liter Suppe.

Die Suppenbeauftragte ist auch Christstollenbäckerin. Leider wollte sich das in jahrelanger Erfahrung zusammengeschriebene Rezept nirgends finden lassen. Leichte Verzweiflung. Ich suchte überall, aber es blieb verschwunden. Ich las also wieder tausenderlei traditionelle und weniger traditionelle Christstollenrezepte, versuchte mich an Mengenangaben zu erinnern und grübele wieder über die Anzahl der Eier und die Backtemperatur. Nur dass ich die frische Hefe vom Bäcker kaufe und nicht mehr die komischen Würfel aus dem Supermarkt nehme, das wusste ich noch vom letzten Mal. In der Bäckerei ist es jetzt so ähnlich wie beim Metzger. Was wollen Sie denn machen? fragt man mich. Ich versuche Christstollen zu erklären. „Ah, Chrieststohlen„, ruft die Chefbäckereifachverkäuferin wissend, „kenne ich aus dem Elsass!“ Ich möchte 80 Gramm Hefe, so steht es im Rezept. Die junge Bäckereifachverkäuferin, die in der Backstube verschwindet, kommt wieder und fragt nach der Menge Mehl, die ich verwenden werde. „Ein Kilo“ sage ich, „aber es wird ein schwerer Teig mit Früchten, Rosinen und Mandeln!“ „15 Gramm“ sagt der befragte Bäcker bräuchte ich. Ich sage im Rezept stünde was von 80 Gramm. Die Bäckereifachverkäuferin rennt wieder zurück in die Backstube, aber der Bäcker bleibt bei seinen 15 Gramm. Ich bin zugegeben skeptisch. Die junge Bäckereifachverkäuferin befragt jetzt den Patissier in einem anderen Teil der Backstube. Der erhöht auf 20 Gramm. Wir diskutieren, die Schlange hinter mir wird lang und länger und ich kaufe gegen den Rat der gesamtem Bäckereimannschaft vorsichtshalber 100 Gramm frische Hefe.

Ich machs kurz. Der Christstollen sieht toll aus, der Teig war auch wunderbar aufgegangen, der fertige Stollen aber ist etwas fest. Geschmacklich aber ist er gut. Immerhin.

Es regnete immer noch, aber wir gehen trotzdem ins Kino. Zwei der Säle sind abgesoffen und die Filme können nicht gezeigt werden, unser Film läuft, wir sinken ein in klatschnassen vollgesogenen Teppichboden. Die Sitze aber sind trocken. Wir sehen den deutschen Dokumentarfilm über Marthe Hoffnung: Chichinette – ma vie d’espionne (Wie ich zufällig Spionin wurde). Kennen Sie vielleicht schon. Wir fanden den Film ganz großartig.

Dann wurden hier mehrere Familiengeburtstage gefeiert, da gehen ja immer ganze Tage drauf. Sechs Stunden saßen wir für das Essen am Tisch. SECHS! In Deutschland war ich auch zu einem großen Geburtstag eingeladen, da waren wir nach zackigen zwei Stunden wieder raus aus dem Restaurant. Hier wurde es dann noch viel länger, denn es regnete so stark, dass wir über Lautsprecher und über automatisierte Anrufe aufgefordert wurden zu Hause zu bleiben, uns im Zweifelsfall in die höhere Etage zu retten und unter keinen Umständen in Keller und Tiefgarage zu gehen. Es war Katastrophenalarm. Die Sirenen heulten wieder und wieder. Schon sehr aufwühlend dieses Sirenengeheul. Beim letzten Hochwasser vor vier Jahren waren allein in Cannes elf Menschen ertrunken, viele davon, weil sie noch schnell ihr Auto aus der Tiefgarage retten wollten und dann, weil die Elektronik der Garagentore nicht mehr funktionierte, unterirdisch in der vollgelaufenen Garage in ihrem Auto ertranken. Dieses Szenario galt es dieses Mal unbedingt zu vermeiden. Daher die Durchsagen und die Anrufe und die Sirenen. Es sind aber trotzdem Menschen ums Leben gekommen. Aber nicht unsere Gäste aus Marseille und Nizza, die wir dann alle notbeherbergt haben. Keine Züge, keine Busse fuhren und kein Auto kam durch. Zu viel Wasser. Hier ein passender Artikel dazu. Auch wenn der darin genannte Baudirektor der Präfektur keine Einkaufszentren mehr genehmigen will, IKEA, und mit IKEA tausende von Parkplätzen, kommen in Nizza trotzdem. In zwei Jahren soll es (nach zwanzig Jahren Gerangel) dann endlich soweit sein, dass wir für ein Billyregal nicht mehr bis nach Toulon fahren müssen. Billy gibt es vermutlich schon gar nicht mehr, aber ich bin Ikeamäßig nicht mehr auf dem Laufenden, die Entfernung bis nach Toulon ist einfach zu groß. 

Schnee auf St. Honorat
Schafe

Dann war Weihnachtsmarkt in den Bergen. Wir sind schon vorab angereist, um mit den zwei aktivsten Helfern die letzten Dinge in Ruhe zu tun und um in Ruhe die Suppe zu kochen. 60 Liter Suppe! In zwei gigantischen, alleine nicht mehr zu stemmenden Töpfen. 15 Kilo Kürbis wurden aufopferungsvoll geschält und geschnitten.

Kürbissuppe

Die Suppe wurde gut, ich wurde von allen gelobt, und alle sechzig Liter haben wir ausgeschöpft, aber mir hat, wenn auch nicht die Suppe, aber der diesjährige Weihnachtsmarkt generell einen schalen Geschmack hinterlassen. Im Vorfeld war es schon ein „débrouillez-vous“-Ambiente. Schaut wie ihr klar kommt, heißt das. Irgendwie war es dieses Mal mühsamer, schon allein die Schlüssel für den Raum zu finden, in dem die Bänke und die Gasflaschen stehen. Beides brauchen wir. Den Schlüssel hat S. Der S., angerufen, hat ihn nicht. Er schwört, er hat ihn nicht, zumindest nicht als letzter gehabt, und er hat ihn an den Platz in der Mairie zurückgehängt. In der Mairie ist der Schlüssel aber nicht. Der Ersatzschlüssel unter dem Blumentopf ist auch weg. Wir rufen hier und dort an, laufen durchs Dorf, fahren zu einem Hof. Niemand hat den Schlüssel. Nach zwei Stunden sind wir genauso weit wie vorher. Und was machen wir jetzt? Bah, débrouillez vous! heißt es patzig. So war es mit allem. Wir haben uns so gut es ging débrouillé, aber dieses Jahr hatten wir zum Beispiel auch keine Lichterketten über dem Dorfeingang und auch nicht über den Platz gespannt, weil naja … entweder fehlte der Schlüssel zum Kämmerchen oder die Girlanden waren nicht da, wo sie sein sollten und am Ende war niemand da, der sie anbringen und anschließen wollte. Tant pis, dann eben nicht.

Lichterkette

Wir hatten bestes Wetter, Sonne, milde Temperaturen, kein Regen, kein Schnee. kein Glatteis, keinen Wind, keine Konkurrenzveranstaltung in Nachbardorf, eine super siebenköpfige Musikgruppe, die Stimmung machte, und es kamen nur wenige Menschen. Wenige Kinder auch. Der Nikolaus verteilte seine Mandarinen und Bonbons daher an alle.

Musik
Nikolaus

Die Menschen, die da waren kauften nichts. Oder nur sehr wenig, vor allem die Eier und den Käse des Bauern vom Hof aus St.Martin. Der ging daraufhin vergnügt in der Auberge einen trinken. Es gab kostenlose Mittagssuppe für alle, und plötzlich waren viele Menschen da. Danach war es leer auf dem Platz. Die anderen externen Aussteller packten missmutig ihre Sachen zusammen. Um halb zwei gab es nur noch unseren Stand. Der Käsebauer trank noch immer Weißwein in der Auberge. Plötzlich baute irgendjemand die verwaisten Zelte ab, stopfte die Weihnachtsdeko auch rund um unseren Stand in große Säcke, wir räumten dann auch zusammen und um 15 Uhr war alles vorbei. Wie jetzt? Das alles, so viel Einsatz und Arbeit für nur knapp sechs Stunden Weihnachtsmarkt?!

Kränze

Vielleicht hätte ich es rosiger gesehen, wenn ich mich mit Glühwein hätte betrinken können, davon war nämlich noch genug übrig, aber ich bleibe ja nun mal immer so nüchtern. Die Nikolausandacht war stimmungsvoll, wir sangen dieses Jahr „Donnez-moi“ von den Frangines. Der Diakon hat es ausgewählt, denn die beiden Schwestern, Les Frangines, singen im Prinzip einen Bibeltext. er stammt aus dem Hohelied der Liebe „und hätte ich die Liebe nicht“. Sehr schön! Das Essen im Gemeindesaal war lecker und die Stimmung ausgelassen. Aber ich war nach neun Jahren ähnlich enttäuscht wie beim ersten Mal. Vielleicht lag es auch nur daran, dass ich etwas müder war als sonst, wer weiß. Nächstes Jahr wieder? Nicht so sicher.

Und hier das Video, das Jean-Pierre Champoussin, der rasende Reporter des Tales, dieses Jahr gemacht hat:

Das Video von Jean-Pierre Champoussin
Bonne nuit la montagne
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