Seit Tagen starren wir in den Himmel, es gibt immer mal wieder kurze dunkle Wolkenzusammenballungen, manchmal ein Donnergrollen, ein kurzer Windstoß, jetzt gehts los, denken wir seufzend, endlich, Wasser, Luft … heute morgen dann etwa zehn Regentropfen und … nix wars. Seit drei Monaten haben wir eine unglaubliche Hitzewelle. Alles vertrocknet, das Weinlaub, das im nebenan gelegenen Park wächst, sich aber vor allem an unserer Hofmauer ausbreitet, und das sich sonst im Herbst wundervollst in gelb und rot verfärbt, verliert braunverbrannte Blätter und die Hofmauer ist schon halb kahl. Dass der Wein im Park kein Wasser mehr findet, obwohl es dort immer feucht ist und wo man noch das Denkmal für das allererste Wasserreservoir der Stadt finden kann, ist erstaunlich. Ich habe erstmals wieder ein paar Blumen im Hof, aber wir gießen kaum, Wasser ist teuer und knapp; das Wasser vom Salatwaschen wird schon immer zum Blumengießen zweitverwertet.
In den Bergen ist der Brunnen weiterhin ausgetrocknet, für Wanderer, die hofften, dort ihren Wasservorrat aufzufüllen, stand bis vor kurzem ein Schild, das die Situation erklärte und für alle Fälle ein Sixpack mit Wasser daneben. Jetzt ist die Auberge wieder eröffnet (ein netter junger Mann, der seit zwei Jahren im Dorf lebt, hat sich dazu entschlossen, hurrah!)

und die durstigen Wanderer können dort Wasser erbeten oder besser, ein Getränk konsumieren. Die provisorische Wasserleitung, die über einen Abzweig einer anderen Quelle seit ein paar Monaten das Dorf versorgt, ist noch immer aktuell. Allerdings durfte man mit dem wenigen Trinkwasser nicht die Gärten gießen und schon gar nicht seinen Rasen wässern, damit er schön grün ist. So geschehen im Weiler des Bergdorfs, wo man es für einen Geburtstag “schön” haben wollte. Nun gut. Die Gemüsegärten, potager auf Französisch, nicht gießen zu können, ist jedoch eine Katastrophe. Alle haben da oben einen Garten, auch die Familie der Bürgermeisterin, deren Mutter eine richtige Gärtnerin ist, was vielleicht die Suche nach einer Alternative beschleunigte, und es gibt für die Gärten jetzt eine neu gelegte Wasserleitung mit Wasser, das kein Trinkwasser ist. Es ist ein bisschen schmutzig, wer weiß durch welche Erdschichten es sich gräbt, aber den Tomaten, den Zucchini und den Stangenbohnen ist das ziemlich egal. Wir haben dort oben keinen Gemüsegarten nur ein paar Cassis- und Johannisbeerbüsche, die wurden noch nie gegossen und trugen dennoch stets kiloweise Beeren, aber dieses Jahr waren die Beeren klein, vorzeitig reif und schon fast vertrocknet, als wir ankamen. Wir haben nur ein paar wenige Gläser Gelee damit zustande gebracht, eine Art “Trockenbeere-Auslese” sozusagen. Die Zeiten, dass wir tagelang Beeren ernten und dann an drei Abenden hintereinander Gelee kochen mussten, sind wohl vorbei.
Was wir auch nicht haben ist Senf. Seit Wochen, Monaten schon, sind die Regale leer und/oder stattdessen mit Mayonnaisegläsern aufgefüllt.

Frankreich, das Land des Dijon-Senfs, hat keinen Senf! Nein, es hat ausnahmsweise nichts mit dem Krieg in der Ukraine zu tun, oder zumindest nicht in erster Linie, sondern mit den Missernten (nach Trockenheit!) in Kanada. Ich habe früher nie Senf gegessen und eine Senfkrise wäre seinerzeit in Deutschland ungerührt an mir vorübergegangen. In Frankreich brauche ich ihn nun beinahe täglich für meine Salatsauce, die Vinaigrette à la moutarde (ein bisschen Senf in eine Schüssel geben, mit etwas Essig (je nach Vorliebe, ich bevorzuge eine Art weißen Balsamico) verrühren und Olivenöl (nach Geschmack, ich habe derzeit ein feines italienisches Öl) dazugeben, Salz und Pfeffer, fertig! Kann beliebig mit Kräutern oder Knoblauch verändert werden, aber nein, bitte keinen Zucker!) (ein ps mitten im Text: Ich wurde nach Mengenangaben für die Vinaigrette gefragt, ich mache das aus der “lamäng” wie man andernorts sagt, meint, nach Gefühl. Als Basis verweise ich gerne auf das Rezept bei Véronique. Ich persönlich mag Essig weniger und nehme entsprechend wenig. Das muss man für sich ausprobieren; grundsätzlich kommt aber immer zuerst der Senf in die Schüssel, er löst sich mit dem Essig beim Verrühren schön auf, danach gibt man das Öl dazu.) Und sehr gerne mache ich Hühnchen (oder Kaninchen) à la moutarde. Und jetzt gibt es einfach keinen Senf! Ich wischte mit einem Gummischaber, einer maryse, auch die allerletzten Reste des schon leicht gräulich gewordenen angetrockneten Senfs aus dem Glas, das ich unter anderen Bedingungen schon lange entsorgt hätte. Glücklicherweise habe ich in den Bergen in einem kleinen Supermarkt (überteuerten) polnischen Senf “Dijon-Art” gefunden.

Abgabe ein Glas pro Haushalt! Und jetzt hat mir Christine K., eine liebe Französin, die in Deutschland lebt, von dort zwei Gläser französischen Dijon Senf re-importiert! Uff! Der wird jetzt sparsam verwendet, dann komme ich ein paar Monate damit hin. Warum der französische Senf-Export noch funktioniert ist mir ein Rätsel.

Wir waren mit Tetiana und den beiden Jungs für neun Tage in den Bergen, ganz oben, am Ende des Schotterweges, im alten Sommerhaus, der ehemaligen Schule. Wenn Sie mich schon lange lesen, dann kennen Sie das alles schon. Dass die Sommer in Cannes unerträglich sind, haben Sie auch schon mehrfach bei mir gelesen: zu heiß, zu laut und zu voll. Cannes feierte gerade drei Tage “Electro-Plages”, die von einer mir bekannten Journalistin, die dort mitfeierte, ob ihrer guten Stimmung, guter Vibes, der guten Organisation und überhaupt euphorisch gelobt wurden. Wir hatten davon drei Tage und Nächte Bass-Gewummer. Ätzend. Also auf in die Berge. Tetiana wunderte sich, dass ich tagelang einkaufte und wir mit zwei Autos hochfahren mussten (Lebensmittel für neun Tage für 3 Erwachsene, 2 Kinder und mögliche Überraschungsgäste, plus Katze und Gepäck). Gibt es keine Geschäfte in den Bergen? wunderte sie sich. Nein, gibt es tatsächlich nicht. Und ich wollte die mühsame Hin- und Herfahrerei ein paar Tage lang vermeiden.
Die Fahrt war lang, die Jungs ganz still, unsicher, was auf sie zukommen würde. Die Straßen wurden immer enger und kurviger, und die Schotterpiste am Ende ertrugen sie mit angehaltenem Atem. Dann sind wir da, es ist still, die Luft frisch und klar, wir öffnen die Tür zum Haus, ich zeige dem großen M ihr zukünftiges Zimmer im ersten Stock und stoße energisch die Fensterläden auf. “Boah!” ruft er und strahlt mich an. Der Blick auf die Berge und die Wiesen gefällt ihm offensichtlich. Das Zimmer mit den zwei Betten, mit Tisch und Stühlen wird sofort in Besitz genommen. Jeder ein eigenes Bett! So viel Platz! Wir zeigen das Haus, den Garten, die Kinder entdecken einen Fußball und kicken schon begeistert im Garten herum. Monsieur sucht für sie im Keller Spielzeug und findet bunte Bauklötzchen, mit denen in den nächsten Tagen viel Krieg und Frieden gespielt wird, die gelben und blauen Klötzchen (sind natürlich ukrainische Panzer) werden von einem einbeinigen Playmobilhelden angeführt und besiegen die roten und grünen Klötzchen, das denken Sie sich schon. Dass wir in der alten Küche blaue und gelbe Teller haben, ist auch einfach großartig.


Tetiana läuft begeistert und ehrfürchtig durch das alte Haus: Ein Museum! sagt sie immer wieder. Damit erklären wir dann zukünftig auch alles, was ein bisschen anders funktioniert: wenig, und schon gar kein warmes Wasser in der Dusche, wenn gleichzeitig die Waschmaschine läuft zum Beispiel: Museum!
Aber schon ist es spät und am nächsten Tag ist Sommerfest, das Fest der Ste. Anne. Ich verlinke Ihnen mal den Beitrag von vor zwei Jahren, so ähnlich war es dieses Mal auch. Nur, dass es dieses Jahr am selben Abend zusätzlich auch wieder ein großes Fest unten im Dorf gibt. Dort fahren wir natürlich auch hin. Zunächst gibt es offizielle Reden der regionalen Politiker und der Bürgermeisterin, dann ein laaanges Essen mit siebenunddrölfzig Gängen auf dem schön geschmückten Dorfplatz. Wir sitzen mit netten Menschen an einem runden Tisch mittendrin, es ist eine tolle Stimmung, alle sind gut gelaunt. Tetiana isst brav alle Gänge und glaubt beim sogenannten “trou normand” (in unserem Fall frische Wassermelone) schon beim Dessert angekommen zu sein, aber nein, erkläre ich ihr, es ist nur ein Zwischengang, er dient nur der Verdauung, damit jetzt die Hauptspeise serviert werden kann. Sie ist schockiert, es ist ihr erster Kontakt mit einem französischen Festessen (und sie braucht später zusätzlich eine Brausetablette Citrat de Betaine zur Verdauung). Es wird getanzt und gesungen, und ich greife vorweg, wenn ich Ihnen sage, wir haben einen tollen Covid-Cluster geschaffen, am nächsten Tag war nämlich das halbe Dorf krank. Wir alle aber glücklicherweise nicht. An diesem Abend aber blieben wir tapfer bis zum Dessert um ein Uhr morgens, der kleine M schlief da bereits auf Tetianas Schoss und wachte auch auf der Holperstrecke zurück nicht auf.

Ich habe übrigens auch (ein bisschen) getanzt, seitdem ich nämlich die Knie kaputt habe, bedaure ich so sehr, in meinem Leben nicht genug getanzt zu haben! Immer hatte ich Angst, dass man mich (und meinen Hintern) anstarren würde, dass man sich das Maul zerreißen würde, weil ich nicht gut genug tanzte und was nicht alles. Was macht man sich das Leben schwer! Das ist heute vorbei, ich tanzte sogar bei einer Polonäse mit, la chenille, die Raupe, heißt das hier, etwas, was ich früher, weil “zu blöd”, auch nicht gemacht hätte. Ich konnte also tanzen, ein bisschen wenigstens, ich dachte, das werde ich anderntags schwer bereuen, aber nein, es ging alles gut. (Kleiner Vorgriff: nach 9 Tagen unwegsamen Geländes und vieler uralter hoher Stein- und Holzstufen, schrien die Knie, trotz begleitender Wanderstöcke, nach Erlösung, und ich sehnte das Schwimmen im Meer wieder herbei, wofür ich dann auch die drückende Hitze Tag und Nacht (31 Grad um 23 Uhr drinnen!) an der Küste inkauf nahm.)
Dann beginnt der “normale” Bergurlaub, die Erwachsenen laden sich gegenseitig zum (erneut stundenlangen) Essen ein und man spielt nachmittags zusammen Boule, Monsieur nimmt sich einem Stapel Holz an, die Kinder rennen herum, zunächst von einer Schaukel zur anderen, sie dürfen bei den Nachbarn auf dem Trampolin hüpfen und Tischfußball spielen, es gibt Hunde, denen man zigtausendmal Bälle und Stöcke werfen kann und es gibt bei uns Pepita, die gestreichelt und vom kleinen M. immer liebevoll zugedeckt wird.



An einem Nachmittag besuchen wir die junge Schäferfamilie und wandern (die Knie am Limit) zu den Schafen, die derzeit unterhalb des Dorfes im Wald weiden. Die beiden Ms haben keine Angst vor Tieren, sie streicheln auch furchtlos einen großen Hütehund und wuseln durch die Schafherde.


Später können sie auch noch Esel streicheln und mit Brot füttern. Nur den angebotenen Schafskäse möchten sie nicht probieren.
Das ist ein bisschen schade – die Kinder essen tatsächlich nur Kartoffeln, Nudeln und zum Frühstück “kleine Crêpes”, die sich für mich überraschend als Blinis herausstellen, und die Tetiana uns nun häufig als Nachtisch macht – kleine süße Eierküchlein, die wir mit Zucker bestreuen oder einen Klacks Marmelade draufsetzen und dann gierig verschlingen. In Frankreich isst man Blinis vor allem in der salzigen Variante mit Lachs oder Forellenkaviar, meistens zu den Jahresendfesten, und ich kannte bislang tatsächlich nur das Fertigprodukt, das irgendwie, und selbst aufgewärmt, nach Karton schmeckt. Ab sofort wird es also selbst gemachte Blinis geben! Tetiana ist allerdings nicht in der Lage das Rezept “detailliert” weiterzugeben, sie wirft einfach ein paar Eier, Mehl, Milch, Zucker, Naturjoghurt und eine Prise Backpulver zusammen, rührt, bis die Konsistenz stimmt und backt dann kleine Küchlein aus. Basta.


Ich hatte extra wundervolle Pfirsiche beim Erzeuger gekauft, weil ich so gerne mein “Aha-Erlebnis” mit den südfranzösischen Pfirsichen weitergeben wollte. Richtig große, reife, saftige und gleichzeitg feste Pfirsiche, die einen unglaublich aromatischen Geschmack haben, habe ich erstmals in Südfrankreich gegessen. Hier schält man Pfirsiche übrigens, was nur geht, wenn die Früchte sehr reif sind. Hier schält man im Übrigen auch Tomaten, auch das geht nur mit richtig reifen Tomaten, die ich ebenso erst in Südfrankreich zu Schmecken bekommen habe. Die Kinder aber wollen das alles nicht probieren. Auch nicht meine leckeren Karamellcreme-Desserts. Kennen sie nicht, wollen sie nicht. Ihre Mutter bereitet ihnen zeitversetzt ihr bescheidenes Essen zu, ich zucke irgendwann mit den Achseln, ich habe keinen Erziehungsauftrag, es ist nicht meine Familie. Hingegen kocht Tetiana abends manchmal für uns, einfache aber immer sehr leckere Gerichte auf Kartoffel- oder Reisbasis. Mich erinnert es an deutsches Essen “von früher”.
Wir verbringen sehr angenehme Tage zusammen, und hätten wir nicht Termine “unten”, und würden meine Knie nicht so schmerzen, wären wir alle gerne noch länger an diesem ruhigen, kühlen (nachts 10, tagsüber 24 Grad!) und friedlichen Ort geblieben.
Zurück, werfe ich mich wieder ins Meer und weiche geschickt den Quallen aus, die jetzt von sportlichen älteren Herren mit einem Kinderfischnetz herausgesammelt werden. Sie dafür zu bewundern und einen erleichterten Blick auf die eliminierte Qualle zu werfen, gehört nun zum morgendlichen Strandritual. Der Strand wird voller, wir nähern uns dem langen 15. August-Wochenende.
In der Zeitung war heute die Nachricht vom Tode Jean-Jacques Sempés zu finden. Was für ein Käseblatt, dieser Nice-matin, denke ich verärgert. Sie haben nur einen winzigen Artikel verfasst für den Papa vom Petit Nicolas und für den Zeichner all der detailverliebten melancholischen und so französischen Zeichnungen, die ich so geliebt habe (und immer noch liebe). In der deutschen Presse steht etwas mehr, immerhin.
Und hier noch ein Artikel auf arte.



































































