“Kommt ihr am Sonntag oder habt ihr jemandem “Procuration” erteilt?”, fragte mich vor ein paar Tagen eine Freundin aus dem Bergdorf. Die soziale Kontrolle im Dorf, in dem 90 Personen in die Wählerliste eingetragen sind, ist groß. Dass ich dort wähle, seitdem ich Französin geworden bin und an allen Wahlen teilnehmen kann, ist selbstverständlich. Hier zählt jede Stimme. Überhaupt zählt in so einem Mikrokosmos jede und jeder. Im Guten wie im Schlechten. Eine Person, die in unregelmäßigen Abständen im Alkohol versinkt, und Touristen, die Jurte und Zirkuswagen für die Ferien gemietet haben, nicht empfängt und die Unterkünfte verkommen lässt, trägt genauso zum Ruf des Dorfes bei wie die junge Schäfer-Familie mit drei Kindern, die etwas “bohemien” lebt, alternativ in Zelt und Jurte, aber freundlich und hilfsbereit ist und außerdem ausgezeichneten Käse macht.
Selbstverständlich fahren wir ins Dorf zum Wählen. Es ist immer ein Tagesausflug, aber er dient auch dazu, mit den Menschen Kontakt zu halten. Man begrüßt sich und spricht mit allen, erkundigt sich nach den Neuigkeiten, und wir erzählen unsererseits les nouvelles von “unten”, von der Küste, und wenn es nur das stickige Wetter ist, über das man klagt. Dieses Mal erzähle ich vom Knie und bekomme solidarische Mitleidsbekundungen aller älteren Damen, die sich, wie ich, vorsichtig an Gehstöcken über den steilen und unwegsam-steinigen Dorfboden bewegen. Ach, ach!
Immerhin hat die Mairie, die Gemeindeverwaltung, einen barrierefreien Zugang zum “Hôtel de Ville”, zum Rathaus, geschaffen, nicht nur für die gehbehinderte Mutter der Bürgermeisterin, aber das familiäre Handicap hat die Entscheidung dafür sicherlich beschleunigt.
Gestern wurde nicht nur regional gewählt, sondern auch départemental, beide Wahllokale im selben kleinen Büro, weshalb sich die “Wahlkabine” als Regal im unaufgeräumten Nebenraum entpuppt. Ich konnte es auf die Schnelle nicht richtig dokumentieren und ich will mein Dorf auch nicht bloßstellen, aber es hat schon einen eigenen Charakter, zwischen zusammengeklappten Möbeln, Kaffeemaschine und Aktenordnern in einem Rattan-Regal zu wählen.

“A voté”, ruft einer der Wahlhelfer, als ich meinen mehrfach gefalteten Zettel im kleinen Umschlag in die Wahlurne stecke: “Madame hat gewählt!”

Man bekommt im Vorfeld jede Menge Papier nach Hause geschickt, zig Namen auf den verschiedenen Wählerlisten: mit dem entscheidende Slogan, ZOU oder debout la France!, beispielweise, meint “verschwindet” oder “steh auf Frankreich!”, zwei ziemlich rechte Gruppierungen, die nicht mit Marine Le Pens extrem rechter Partei paktieren wollen und auch nicht mit der rechten Nachfolgepartei Sarkozys. Schwierig, zu verstehen, was sie von den anderen konkret unterscheidet. Dass alle Parteien in Frankreich sich ständig neu benennen und der ehemalige FN (Front National) jetzt harmloser als RN (Rassemblement National) daherkommt, verwirrt zusätzlich. Es stehen in unserer Region PACA (Provence-Alpes-Côtes-d’Azur) ein paar rechte Gruppierungen, zwei ökologische und eine kämpferische Linke (Lutte ouvrière), die noch immer den Konflikt zwischen Arbeitern und Kapitalisten austrägt und auch noch immer mit Hammer und Sichel firmiert, zur Wahl.

In Frankreich links zu sein, meint etwas anderes als in Deutschland links zu sein, und in Frankreich rechts zu sein ebenso. Unpolitisch aber kann man nicht sein. Einmal wurde ich vor einem Gespräch gefragt “bist du rechts oder links?”, als ich damals irgendetwas stotterte, dass ich als Deutsche in Frankreich im Grunde unpolitisch sei, wurde verächtlich abgewinkt. Man hat hier seine Überzeugungen, die sind oft familiär geprägt und dieser gemäßigte Mittelweg, mit dem “Besten von Rechts und Links”, den Macron mit seiner Bewegung “En marche!” sucht, der wird hier nicht verstanden.
Die Franzosen sind ein rebellisches Volk, es wird viel, laut und dramatisch palavert, aber dann wollen sie einen, der auf den Tisch haut und etwas entscheidet. Damit ist dann die eine Hälfte einverstanden, die andere selbstverständlich nicht, und die geht dann auf die Straße und beginnt zu streiken. Das ist alles etwas verkürzt dargestellt, Sie verstehen schon.
Vorher aber wählen sie. In Frankreich braucht man eine absolute Mehrheit, bekommt ein Kandidat mehr als 50% im ersten Anlauf, ist die Wahl entschieden; häufig ist das nicht der Fall, weshalb es einen zweiten Wahlgang eine Woche später gibt. Alle Parteien, die im ersten Wahlgang nicht über zehn Prozent gekommen sind, fallen beim zweiten Wahlgang weg. Häufig ziehen sich die anderen Parteien, die keine Mehrheit auf sich vereinigen können, ebenso zurück, damit es am Ende nur zwei Kandidaten zur Stichwahl gibt. Die Parteien, die sich zurückziehen, geben häufig Wahlentscheidungen an ihre Wähler. Jean-Luc Mélenchon, von der extrem Linken Partei ” La France insoumise” (sinngemäß etwa “unbeugsames Frankreich”) sagte gestern schon deutlich, er ziehe sich zurück und fordere seine Wähler auf, Marine Le Pen “zu verhindern”. Heißt im Klartext, auch extrem linke Wähler wählen unter Umständen letztlich eine rechte Partei, damit die extrem rechte Partei nicht zum Zug kommt. Man wählt also taktisch, nicht für, sondern gegen jemanden. Manche sagen aber auch, ich habs satt immer gegen etwas zu wählen, und meine Ideen und Überzeugungen letztlich in der Regierung nicht berücksichtigt zu sehen. Und sie wählen daher gar nicht. So geschehen gestern.
Bei der Regionalwahl haben sich frankreichweit dieses Mal zwei Drittel der Bevölkerung NICHT zu den Wahlurnen begeben. Knapp siebzig Prozent der Franzosen haben NICHT gewählt! An manchen Orten sogar über 80%.
Nicht “a voté” sondern “n’a pas voté!” wollte ich meine Überschrift zu diesem Text auch wählen, aber es wäre vermutlich unverständlich geworden.
Zwei Drittel Nichtwähler! Wie kann das sein?
Die Franzosen, aus vielerlei Gründen unzufrieden mit der herrschenden Politik, drücken ihre Unzufriedenheit häufig im ersten Wahlgang mit einer Protestwahl aus. So kommt immer mal wieder die rechtsextreme Partei in die Stichwahl, was regelmäßig alle zum Aufschreien bringt, eine Woche lang wird laut diskutiert, und im zweiten Wahlgang wählt man dann zähneknirschend das “kleinere Übel”. Glücklich ist dann natürlich niemand. Auch der so gewählte Kandidat sollte sich nicht darüber hinwegtäuschen, dass er für viele nicht der Herzenskandidat ist.
Da eine Stimmenthaltung, die sogenannte “vote blanc”, man geht wählen, wählt aber niemanden, weil einem niemand aus der Politikerriege zusagt, bei der Wahl nicht berücksichtigt wird, ist das Nicht Wählen die andere Art von Protest. Es ist mehr als nur ein achselzuckendes “m’en fous”, dieses “Mir doch egal, kann eh nix beeinflussen, die machen, was sie wollen”, wie es oft heißt. Dazu passt, was nur ganz wenige selbstkritische Politikerinnen sagen, die Menschen verstehen nicht, was die Regionen, die erst vor etwa dreißig Jahren geschaffen wurden, eigentlich sind und was sie machen. Sie sollten die Dezentralisierung vorantreiben, nicht mehr alles sollte über Paris geregelt werden, aber im Prinzip sind sie nur eine weitere undurchschaubare Schicht im Millefeuille der französischen Verwaltung, die noch mehr Erlasse und Gebote schaffen, mit denen einfache Vorgänge länger und komplizierter werden. Ganz zu schweigen von zusätzlichen Posten in der Verwaltung, die von den Steuergeldern bezahlt werden müssen
In meinem Bergdorf haben immerhin zwei Drittel gewählt! Man fühlt sich verpflichtet, jeder kennt jeden, man kennt auch die regionalen Politiker persönlich. Der Kandidat, der für das Département zur Wahl stand, Charles-Ange Ginesy, er stammt aus einem der Dörfer da oben, hat extra für unsere kleine Gemeinde (und vermutlich für jede Gemeinde im Département) ein Flugblatt drucken lassen, auf dem aufgelistet wurde, was das Département unter seiner Amtszeit für unser Dorf getan hat: Kosten für Straßeninstandhaltung, Straßenbeleuchtung und Wasserversorgung gehen in die zig Tausende. Euer Dorf liegt mir am Herzen, will er uns sagen, und indirekt drückt er aus, dass ohne seinen Einfluss vermutlich Schluss sei mit Subventionen für unser kleines Bergdorf.

Unsere Bürgermeisterin wünscht sich, dass er möglichst einstimmig gewählt wird, und da jede Stimme zählt, werden Personen, die sich nicht selbst zur Wahlurne begeben konnten, unterstützt, damit sie “Procuration” beantragen. Nein, es ist keine Briefwahl. Man überträgt seinen Wahlwunsch auf eine Person seines Vertrauens; dazu muss man vorher nur mal eben zur Polizei oder zur Gendarmerie und beweisen, dass man der oder die ist, der oder die man vorgibt zu sein. Wenn Sie krank sind und nicht laufen können, kommen die Polizisten oder Gendarmen dazu auch zu Ihnen nach Hause. Klingt kompliziert? Bah oui, mais c’est la France!
Match serré titelt Nice Matin heute morgen für unsere Region PACA (Provence-Alpes-Côtes-d’Azur). Ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem derzeitigen Amtsinhaber Muselier, der 33% der Stimmen erreichte und Mariani, dem Herausforderer, der Marine Le Pen nahesteht, und der bereits über 35% der abgegebenen Stimmen auf sich vereinigte. Also 35% von 30% wohlgemerkt. Ich kann nicht gut rechnen, aber das verstehe sogar ich, dass es nicht viel ist. Kein Grund zum Jubeln.

Marine Le Pen aber reibt sich (zumindest in unserer Region) trotzdem die Hände und ruft nun ihre Schäfchen auf, nächste Woche deutlich zu sagen, was sie wollen (Schluss mit dem “herrschenden” System), um Mariani einen sichtbaren Vorsprung zu geben. Wählen sei nicht nur ein Recht, sondern auch eine Pflicht, ruft sie. Die anderen Parteien rufen natürlich ebenso “wählt! wählt! wählt!” Alle versuchen zeitgleich, ein Pöstchen zu ergattern. Wenn ich mich zurückziehe und eine Wahlempfehlung für dich ausspreche, dann will ich aber einen Posten im Regionalparlament haben.
Die Regionalwahl hätte ein Stimmungsbarometer für die Präsidentschaftswahl im nächsten Jahr sein sollen, stattdessen ist sie ins Wasser gefallen. Zwei Drittel Nichtwähler sprechen eine deutliche Sprache. Gewählt haben die, die irgendwie irgendwem verpflichtet sind, der Rest der Bevölkerung hat durch massives Nichtwählen das derzeitige politische System (einschließlich Marine Le Pen) abgewählt.
Was wird also nächstes Jahr bei der Präsidentschaftswahl passieren? Niemand weiß es.

















































































































































