Des images déchirantes, sagen die Journalisten mehrfach. Herzzerreißende Bilder. Ich kann mich nicht erinnern, Journalisten jemals so tief ernst und berührt gesehen zu haben. Ich, emotional wie immer, habe Tränen in den Augen, während ich die aktuellen Bilder im TV sehe. Ein Franzose, der (im derzeit noch wenig betroffenen Lviv im Westen der Ukraine) eine französische Supermarktkette leitet, sagt, auf die Frage, warum er nicht nach Frankreich ausreise: “Alle meine Mitarbeiter sind da, niemand ist gegangen, alle sind mutig und engagiert; in einem Supermarkt geht es darum, die Menschen mit Lebensmitteln und allem Notwendigen zu versorgen. Das tun wir. Ich kann meine Mitarbeiter doch jetzt nicht alleine lassen.” Ob er keine Angst habe, wurde er auch gefragt. “Noch nicht”, antwortet er.
Das französische Filmarchiv INA hat heute eine (klick–>)Balade dans Kiew, einen kleinen Spaziergang in Kiew in den 60er Jahren, ausgekramt. Kiew gehörte damals allerdings zur UdSSR. (Achtung: Dies ist nur ein kopiertes Foto. Ich kann das INA-Video hier nicht direkt einbetten. Sie müssen bitte auf den oben angegebenen Link klicken und dort den Film öffnen.)
Die Ukraine habe so viele Eroberer gesehen, aber keiner konnte die Vitalität der Ukrainer zerstören, lautet einer der letzten Sätze. “Ruhm für die Ukraine!” ruft Vitali Klitschko stolz zum Abschluss seiner Posts auf Instagram.
Ich habe daraufhin ein paar aktuelle Reisevideos angesehen. Ich gebe Ihnen mal dieses hier, weil es am meisten von der Ukraine zeigt. Ich, die ich im Kalten Krieg aufgewachsen bin, habe ja immer noch diese grauen, tristen Bilder im Kopf von all diesen “armen” Ländern im Osten, die ich dann auch nach dem Mauerfall und der Öffnung des Ostens so gut wie nie besucht habe. Als eine (Internet-)Freundin vor ein paar Jahren sagte, sie habe sich “in Bukarest verliebt” (erst in die Stadt, dann in einen Mann) und dort hinzog, konnte ich es nicht fassen. Ich sehe immer nur Ceaucescu und diesen überdimensionierten Palast und all die hungernden Menschen vor mir. Geht aber nicht nur mir so. Manche Amerikaner, die Reisevideos gedreht haben, sind offensichtlich auch mehr als überrascht, dass sie dort im Osten etwas Richtiges zu essen kriegen und sogar schnelles Internet haben. Wow! Und alles ist so billig! Ich entschuldige mich für alle meine Vorurteile. Die Ukraine werde ich jetzt wohl nie mehr so sehen. (Achtung: Man konnte sogar Tchernobyl besichtigen. Das wird von uns bleiben, denke ich, im Fall dass …)
Bei INA gab es heute auch Serge Reggiani, der einen Text von Boris Vian interpretierte: le Java des bombes atomiques. Klingt, wenn man nicht auf den Text hört, wie ein heiteres Liedchen. Der Text hat es in sich. Er ist vor allem terrible. Schrecklich, furchtbar. Aus dem zunächst amateurhaft Bomben bastelnden Onkel wird ein Fanatiker, der seine Bomben immer weiter perfektioniert. Alle Staatsoberhäupter statten ihm einen Besuch ab. Der Onkel sperrt sie ein und bombt sie in die Luft. Es sei ein unglücklicher Zufall gewesen, stammelt er später vor Gericht, und dennoch sei er überzeugt, Frankreich damit gedient zu haben. Er wird verurteilt, amnestiert und … zum neuen Regierungschef gewählt.
Ist natürlich eine pazifistische Botschaft.
Fließender Übergang zur Wahlkampagne. Macron hat gestern Abend ein kleines erstes Video veröffentlicht, der Auftakt einer mehrteiligen Serie Le Candidat, deren Folgen immer freitags veröffentlicht werden. Man folgt ihm (und seinem Hund, nur kurz im Bild) in sein Büro im Elysée, sieht, wie er seinen Brief an die Franzosen verfasst und er spricht assez décontracté, ziemlich locker, zu den Franzosen. Über seine Erfolge in den letzten Jahren (niedrige Arbeitslosigkeit, viele Ausbildungsplätze) zum Beispiel. Er habe auch weiterhin ehrgeizige Pläne für Frankreich. Als amtierender Präsident aber müsse er, insbesondere in dieser außergewöhnlichen Situation, weiterhin seine Arbeit tun, er habe zum Beispiel lange mit Putin und mit Zelensky telefoniert, aber er verspricht, sein Programm vorzustellen und sich, wie die anderen Kandidaten, den Fragen der Franzosen zu stellen. Nichts sei bislang entschieden, sagt er, auf die Frage, ob er die Wahl nicht eigentlich schon “in der Tasche habe”.
Nun gut. Gerade steigen seine Umfragewerte, denn er macht als “Mediator” eine bemerkenswerte Arbeit. Insbesondere die älteren WählerInnen (die, die in der Regel auch wählen gehen) setzen auf Sicherheit und wollen keine Experimente mit einem neuen unerfahrenen Kandidaten oder einer unerfahrenen Kandidatin. Aber nichts ist sicher in dieser Welt, wie wir gerade erfahren. Alles kann passieren. Auch das Schlimmste.
Über Macrons Brief an die Franzosen können Sie zum Beispiel hier nachlesen, das muss ich Ihnen nicht alles übersetzen. Es war auch noch nicht sein Programm, sondern nur seine Ankündigung, dass er wieder kandidiere, und dass sein Wahlkampf aufgrund der Situation nicht wie üblich stattfinden könne.
Süß, oder?
Habe ich gerade auf Etsy als digitalen Print erstanden. Hat die Tochter einer Kiewer Künstlerin gemalt, und es ist eine Möglichkeit direkt Menschen in der Ukraine zu unterstützen. Ich habe auch noch einen traditionellen Schal von einer anderen ukrainischen Etsy-Händlerin erworben. Es gäbe auch traditionell bemalte Holz-Ostereier, Stickvorlagen oder traditionelle Blusen … Etsy hat sich bereit erklärt, ukrainischen Händlern die Gebühren zu erlassen.
Derzeit quill Etsy über mit Blau-Gelben Kunstwerken, Schmuck und bedruckten T-Shirts #StandWithUkraine und F** Putin. Es ist zuweilen etwas unübersichtlich, wer daran etwas verdient. Ich war sofort sehr verliebt in ein kleines blau-gelbes Filzherz, es wurde aber von einer Italienerin in Italien genäht. Ich zweifle nicht an ihren guten Absichten, aber ich wollte lieber Menschen direkt in der Ukraine unterstützen.
Es sieht so aus, dass auch AirBnB derzeit bei Buchungen von “Feriendomizilen” in der Ukraine den “Gastgebern” die Gebühren erlässt und das Geld direkt überweist, ohne zu (er)warten, dass der/die Buchende dort wirklich eincheckt. Text dazu in Englisch.
Le pire est à venir, ist das Fazit, das Macron nach dem heutigen Telefonat mit Putin zieht. Ich muss sagen, ich bin heute so schockiert von dem, was man von dem Telefonat von Macron mit Putin erfährt, dass es mir schwerfällt, irgendetwas, außer dem Lebensnotwendigen, zu tun. Ich starre auf die Fernsehbilder der Zerstörung in der Ukraine und bin wie gelähmt.
Gestern Abend hat unser Präsident angekündigt, welche wirtschaftlichen Probleme auf uns zukommen werden, wenn Russland und die Ukraine als Wirtschaftspartner ausfallen. Heute Abend wird er seine Kandidatur als Präsidentschaftskandidat bekannt geben. Wir warten nur auf die Art und Weise und auf die Worte, die er wählen wird. Es wird 11 oder 12 Kandidaten geben, je nachdem, ob Philippe Poutou (Nouveau Parti anticapitaliste (NPA), seine 500 Patenschaften bis einschließlich morgen noch zusammenkriegt oder nicht. Christiane Taubira hat sie nicht bekommen und sich zurückgezogen.
Oh Mann, ich saß hier doof vor dem TV und wartete ganz allein auf die Ankündigung Macrons … Nix is. Letzten Endes hat er “nur” einen lettre aux Francais geschrieben, einen offiziellen dreiseitigen Brief, der morgen überall (auch) in der regionalen Presse zu lesen sein wird. Ok. Wir wissen also, dass er Kandidat werden wird. Immerhin. Morgen mehr.
Beim morgendlichen auf-der-Stelle-Radfahren schaue ich Videos. Die Themen wechseln je nach Aktualität: vor Weihnachten sah ich mir Kochrezepte von Sternekoch Philippe Etchebest (trotz seiner polternden Prolligkeit mein neuer Held!) an. Heute war es ein Video zur Geschichte der Ukraine, das kurz vor dem Ausbruch des aktuellen Kriegs aufgenommen wurde (wie vorausschauend), also aktuell ist und sehr informativ. Ich verstehe nun, warum Putin einen Anspruch auf die Ukraine zu haben glaubt.
Der junge Mann hat auch ein Video zum Atomkrieg gemacht, das ich natürlich auch angesehen habe, es ist bereits ein paar Jahre alt, damals befürchte man eher einen aggressiven Akt aus Nordkorea. Seit Herr Putin die Atomwaffen, zumindest verbal, ins Spiel gebracht hat, denke ich darüber nach, was wäre wenn. Frankreich hat auch Atomwaffen, nicht so viele wie Russland, aber immerhin so viele, dass unser Außenminister (und früherer Verteidigungsminister) Jean-Yves Le Drian auf Putins Drohung mit den Atomwaffen, knallhart antworten konnte: “Wir haben auch Atomwaffen!” Ich hoffe, das reicht erstmal als Abschreckung. Das Video ist aus heutiger Sicht nicht sehr beruhigend, weswegen ich es auch nicht verlinke, können Sie aber leicht finden, wenn Sie mögen.
Ich hoffe, das geht heute als Blau-Gelbes Symbolbild durch. Das Blau der ukrainischen Flagge ist ja eher hell. Fröhlicher wirds heute nicht mehr.
Ich bin ganz und gar nicht sicher, ob ich diesen Rhythmus beibehalten kann, aber das Folgende will ich gerne schnell teilen.
Marine Le Pen schreddert Millionen Exemplare eines achtseitigen Hochglanzflyers, der für den Wahlkampf gedacht war. Darin ein heute nicht mehr ganz politisch korrektes Foto von ihr, sie posiert nämlich lächelnd und Hände schüttelnd mit Vladimir Putin. Das hübsche Foto von Marine im dunkelblauen Kostüm können Sie auf der Seite der Zeitung (klick–>) Libération ansehen. (Zuerst gefunden über Jürgen Hollstein)
An der Côte d’Azur sollen nach unserem Wirtschaftsminister Bruno Le Maire die Luxusvillen, die Luxusjachten und Luxuslimousinen Putins, seiner “Familie” und seiner Freunde “eingefroren” werden. Selten bekommen wir in unserer Zeitung so viel People News geliefert: Obwohl Putins Privatleben das bestgehütete Geheimnis Russland sei, erfahren wir, dass die junge Begleiterin Putins, Alina K., eine ehemalige rhythmische Sportgymnastin, ehemals Abgeordnete der Douma, in der Zwischenzeit millionenschwere Besitzerin von Putins Villa in Roquebrune Cap Martin sei. Es wird aber schwer nachzuweisen sein, weil die Villa mehrfach den Besitzer wechselte und alles über unzählige Offshore-Firmen abgewickelt wurde. Das Immobilienbüro, das den 240 Millionen-Dollar-Deal vorgenommen hatte, “leide an Amnesie”, heißt es. Man kann sich ja auch nicht an alles erinnern. So wird es vermutlich auch mit allen anderen Luxusvillen der Damen und Herren im Umkreis des russischen Präsidenten sein: sie gehören ihnen gar nicht, sie wohnen dort im besten Fall nur zur Miete. Ich fürchte, Bruno Le Maire wird sich die Zähne daran ausbeißen.
Gérard Dépardieu, 2013 bei den Franzosen in Ungnade gefallen, weil er wegen einer Steuergeschichte nach Russland emigrierte, dort die russische Staatsbürgerschaft annahm und Herrn Putin nicht nur herzlich an seine fleischige Brust drückte, sondern ihn zudem als Wohltäter pries, ist in der Zwischenzeit wieder häufiger in seiner alten Heimat und wird auch wieder geschätzt. Gerade erschien ein hochgelobter Film, in dem er Maigret spielt. Er sei DER Maigret schlechthin, heißt es. Von Dépardieu wurde natürlich ein Statement zum Ukraine-Krieg erwartet. Er gab es heute. In einer Nachricht an AFP (Agence France Presse) schrieb er, er sei gegen den Krieg, den er als “Bruderkrieg” (uneguerre fratricide) bezeichnet. Russland und die Ukraine seien Bruderländer (des pays frères). Man solle die Waffen niederlegen und verhandeln. Ob es von den beiden Bruderländern gehört wird, sei dahingestellt. Für die Ukraine steht Dépardieu vermutlich auf der Liste der Feinde, denn 2014 hat er sich dazu hinreißen lassen, zu sagen, “er liebe Russland und die Ukraine, die zu Russland gehöre.” (Quelle: Courrier international von heute)
Erster Tag der Fastenchallenge. Sie erinnern sich vielleicht noch vom letzten Jahr. Es ging wieder los mit den Brillen, das passte mir gut, die Schublade mit den Brillen und Krimskrams quoll schon wieder über. Kaum hatte ich letztes Jahr das Päckchen an lunettes sans frontières geschickt, fielen mir noch weitere Brillen (von der verstorbenen Schwiegermutter) in die Hände. Die durften jetzt gehen. Auch die (Sonnen-) Brillen, denen ich letztes Jahr noch eine “Chance” gab, die aber nie getragen wurden, dürfen jetzt weg. Und viel Kleinkram ebenfalls. Letzten Endes habe ich sogar alle Masken in dieser Schublade untergebracht Hurra, Aufgabe 1 erledigt! Und ich fand einen blau-gelben Schlüsselanhänger (aus Vence), der aussieht wie die ukrainische Flagge, der durfte bleiben und wird heute zu meinem Alltags-Blau-Gelb.
Kein Internet. Das wünschte ich mir ja in den letzten Monaten immer mal wieder, in einem internetfreien Raum zu sein. Heute aber finde ich es eher unangenehm, dass wir kein Internet haben, nicht nur, weil ich vielleicht Entscheidendes im Ukraine Krieg verpassen könnte, Fernsehen (und Telefon) haben wir ohne Internet nämlich auch nicht, sondern weil ich tatsächlich heute mal wieder das Bedürfnis habe, einen Blogtext zu schreiben, der morgen vielleicht schon veraltet sein wird, es dreht sich ja alles so schnell.
Klar, es ist schon alles gesagt, auch die, die gesagt haben, dass sie nichts zu sagen haben, haben das schon gesagt. Mein Spezialgebiet ist die Ukraine auch nicht, mein Spezialgebiet ist Frankreich, Südfrankreich, und wenn wir es genau nehmen wollen, dann auch nur die östliche Ecke Südfrankreichs, die Côte d’Azur, Cannes, um ganz genau zu sein. Nur hier bin ich und kann wirklich beurteilen, ob etwas stattgefunden hat oder nicht. Eine winzige Demonstration von einer Handvoll Ukrainern auf der Croisette hat es gegeben, da glaubten wir anderen noch, Putin würde sich mit den zwei kleinen Pro-russischen Regionen, die hier Donbass und Lougansk heißen, zufriedengeben. Derzeit wird in Cannes nicht demonstriert, in Nizza vielleicht, das kann ich gerade nicht googeln (Nachtrag: am Sonntag demonstrierten dort etwa 500 Personen!) Aber in Cannes sind schon ein paar Hilfs-Lkws bestückt worden und Richtung Ukraine losgefahren (und in der Zwischenzeit sogar heil angekommen!). Das immerhin hat die Mairie mit ihrem dynamischen Bürgermeister geschafft. Dieser Bürgermeister, mit dem ich aus Gründen nicht immer einverstanden bin, hat auch Jean-Luc Mélenchon “parrainiert” (Parrain = Pate), damit der seine 500 Bürgermeister”patenschaften” bekommt, ohne die man hier nicht auf eine Präsidentschaftskandidatsliste kommen kann. Mit Jean-Luc Mélenchon bin ich auch die allermeiste Zeit nicht einverstanden, aber dass ein deutlich konservativer Bürgermeister aus “demokratischen Gründen“, einen extrem linken Präsidentschaftskandidaten „parrainiert“ ist überraschend und zumindest bemerkenswert. Der Bürgermeister hat aber vor allem auch eine gute Com‘ wie man das hier nennt, eine sehr gute Kommunikationsabteilung.
Dabei sind wir vom Wahlkampf derzeit sehr weit entfernt. Niemand interessiert sich in der aktuellen Situation dafür, Politiker und Präsidentschafskandidaten ziehen sich von angesetzten Wahlkampf-Fernsehsendungen zurück, weil sie Wichtigeres zu tun haben. Offiziell hat Macron immer noch nicht gesagt, ob er kandidiert oder nicht, aber er hat heute gestern Nachmittag lange mit Putin konferiert (was haben die sich denn anderthalb Stunden zu sagen, wurde hier im Fernsehen gefragt), und selbst Macron-Gegner zollen ihm Respekt, das Gespräch mit Putin gesucht zu haben (außer Mélenchon, der sich gerade etwas wenig respektvoll dazu äußerte). Das erste Treffen der Abgeordneten beider Länder heute gestern Nachmittag in Belarus war wohl dennoch nicht erfolgreich. Das hat ja vermutlich auch niemand erwartet, wichtig waren les Pourparlers (das integrierte deutsche Korrekturprogramm schlug mir gerade Purpurbär vor, entzückend, was?), wie es hier heißt, meint die Verhandlungen, auf alle Fälle.
Dass der ukrainische Präsident ursprünglich tingelnder Komödiant war, und der Bürgermeister von Kiew einer der zwei Klitschko-Brüder, ehemals für Deutschland antretende Boxer, wissen Sie natürlich schon. Dass sich die Brüder Klitschko, die einst nuschelnd für die Milchschnitte Werbung machten (diesen Hinweis habe ich über Buddenbohm bei Novemberregen vom 26.2.2022 gefunden), sich schon 2014 bei der Revolution in der Ukraine politisch engagiert haben, hat mich damals schon beeindruckt. Wie mutig sie sind und wie mutig auch der eher schmächtige ukrainische Präsident ist, beeindruckt mich heute. “Demonstriert!” Ruft Wladimir (oder ist es Vitali?) uns auf Instagram zu. “Zeigt euch! Erhebt eure Stimme!” Wir sollen von diesem demokratischen Recht Gebrauch machen, da wir, anders als die Demonstranten in Russland, die es auch gibt und die zu Tausenden verhaftet werden, dabei nichts zu befürchten haben.
Demonstriert! Erhebt eure Stimme! In Köln, wo man traditionell am Rosenmontag auf den Straßen unterwegs ist, wurde heute gestern Rosenmontagsdemonstriert! Und vermutlich nicht nur da. Ich bin im Herzen dabei und schreibe.
Nice Matin hat seinen Titel seit Kriegsbeginn in Blau und Gelb gehalten, sämtliche Fernsehsender haben rechts oben eine kleine ukrainische Flagge eingeblendet, in Paris leuchtet(e?) der Eiffelturm und im Süden der Pont du Gard in Blau und Gelb durch die Nacht. In Ermangelung einer blau-gelben Flagge, die ich wehen lassen könnte, teile ich hier solidarisch mein Alltags-Blau-Gelb.
In Frankreich war 1981 auch ein Komödiant angetreten, um Präsident zu werden: Coluche, mit bürgerlichem Namen Michel Colucci. Erst war es nur eine spaßige Idee, er wolle der Kandidat für all die Franzosen sein, die sich nicht gesehen fühlten, sagte er. Mit seiner clownesken Art und seinen flapsigen Reden, in denen er kein Blatt vor den Mund nahm, wurde er immer erfolgreicher. Als er in den Prognosen schon mit 16 % gehandelt wurde, wurde es den etablierten Politikern langsam unwohl. In der Folge wurde Coluche mehr und mehr unter Druck gesetzt, man kramte Skandale aus, und er bekam sogar Morddrohungen. Aber erst, nachdem sein langjähriger Regisseur, mit dem er auch die „Wahlkampagne“ organisiert hatte, Vater von zwei Kindern, ermordet wurde, offiziell ein „Verbrechen aus Leidenschaft“, gab Coluche auf und zog sich von der Präsidentschaftswahl zurück. Coluche selbst kam fünf Jahre später bei einem Motorradunfall in der Nähe von Opio ums Leben, ein kleiner Ort nicht weit von hier. Dort hat man ihm in der Zwischenzeit einen Kreisverkehr gewidmet, und alljährlich findet dort an seinem Todestag eine Biker-Demo statt. Coluche ist im Gedächtnis der Franzosen nicht nur als genialer Clown und seriöser Schauspieler (etwa in Tchao Pantin!) verankert, sondern vor allem als Gründer der Restos du coeur, (Die Restaurants der Herzen), die er ins Leben gerufen hat; die Organisation versorgt bis heute mittellose Menschen mit Lebensmitteln.
Die 500 Bürgermeister-Paten, die man als Präsidentschaftskandidat zusammenkriegen muss, sollten solche “Spaß-Kandidaten” wie Coluche verhindern. Bis heute ist nicht geklärt, ob Coluche wirklich 623 Patenschaften erhalten hatte, wie es damals hieß, oder tatsächlich nur eine einzige, wie es kürzlich in einer Abendshow “enthüllt” wurde. Wie dem auch sei, die Erinnerung an Coluche löst selbst bei Monsieur, einem eher konservativen Wähler, Bedauern aus. Er wäre vermutlich ein besserer und mutigerer Präsident geworden, als alle anderen, die wir seither hatten, meint er.
Nun, wir hoffen, dass der mutige Präsident der Ukraine, die Brüder Klitschko und ihre Familien am Leben bleiben.
Es ist der erste Krieg, den ich miterlebe, bei dem ich den Anfang nicht verpasst habe. Ich dachte immer, ich hätte den Jugoslawienkrieg nur deswegen nicht richtig verstanden, weil mir irgendeine Info am Anfang gefehlt habe. Und jetzt hat es genauso überraschend angefangen wie 1939 mit dem Überfall auf Polen, was mir bis heute immer unglaublich erschien. Das kann doch nicht so “einfach” gewesen sein? Aber doch, so “einfach” hat es begonnen. Damals wie heute. (Gut, es gibt immer auch eine Geschichte davor, schon klar.) Nur geht heute alles noch viel schneller und gestern vorgestern wurde mir schwindlig, als plötzlich die Atomwaffen ins Gespräch kamen. Herrjeh, ich bin im Kalten Krieg aufgewachsen, ich dachte, wir wären davon heute weit entfernt, aber nein, wir sind näher dran als je zuvor. Aber Europa ist auch solidarischer als je zuvor, vielleicht überhaupt erstmals solidarisch, und das ist ermutigend.
Und auch wenn wir hier sehr an der Nabelschnur von BFMTV und anderen Nachrichtensendern hängen, manchmal muss ich abschalten, ausschalten, etwas anderes hören, denken, tun. Das alles wird nicht so schnell vorbei sein, wir können nicht die folgenden Monate, Jahre (?) vor dem Fernseher hängen, um nur keine Entwicklung zu verpassen. Das bedeute nicht, dass ich nicht informiert bin. Aber ich brauche auch Musik oder Stille. Will einen Kuchen backen oder Aufräumen. Wer hätte gedacht, dass ich mal Spaß am Aufräumen finden könnte! Ich habe mich kurzfristig entschlossen, wieder an der Fastenchallenge “Entrümpeln” teilzunehmen. Vielleicht werde ich nicht so engagiert dabeisein wie letztes Jahr, muss ich auch nicht, aber Ordnung machen kommt mir gerade als ein sehr friedliches und wohltuendes Projekt vor.
Noch etwas anderes: In Paris findet gerade der Salon de l’agriculture statt. Die Landwirte werden damit für einen Moment ins Lampenlicht gerückt und sie teilen vor laufender Kamera ihre Besorgnis, denn sie sind von den Konsequenzen des Ukraine-Kriegs auch betroffen: der Preis für Futtergetreide zum Beispiel, normalerweise aus der Ukraine oder Russland importiert, schießt gerade in die Höhe. Werden sie ihre Tiere noch ernähren können? Wie schwierig es ist, heutzutage mit einem Hof zu (über-)leben, zeigt die Statistik: Jeden Tag bringt sich in Frankreich ein Landwirt um. Im Fernsehen wurde gerade der absolut sehenswerte Film Au nom de la terre (deutscher Titel Das Land meines Vaters) ausgestrahlt. Der Regisseur erzählt darin die tragische Geschichte seiner Familie bzw. seines Vaters, der versucht, den Hof seines Vaters erfolgreich(er) weiterzuführen und damit scheitert. Ich hatte den Film schon im Kino gesehen, er hat mich erneut getroffen; Sie wissen, mir liegen die (kleinen) französischen Landwirte (und nicht nur die) seit meiner eigenen Bauernhofzeit am Herzen; der Film hat erneut mein Bewusstsein über das, was wir essen, aufgerüttelt. Wir ernähren uns gut, ich kaufe Gemüse die meiste Zeit auf dem Markt, aber ich möchte viel mehr Produkte direkt vom Erzeuger erwerben, nicht nur wegen der Qualität, sondern auch damit mehr Geld bei ihnen ankommt. Und tatsächlich habe ich (nach nur knapp zwölf Jahren) am anderen Ende von Cannes (eigentlich in Mandelieu) einen Erzeugermarkt gefunden! Hurrah! Letzte Woche habe ich dort zum ersten Mal eingekauft und war sehr begeistert. Auf dem Gelände der ehemaligen Baumschule Orso (der Betrieb der Großeltern der jetzigen Besitzer) stehen heute Obst- und Olivenbäume, laufen Hühner frei herum und wird Gemüse angebaut. Sie bieten im Verkaufs-Haus weiterhin eine große Auswahl an Gemüse, Obst, Fleisch, Milchprodukten, Wein, Säfte und Brot von regionalen (nicht nur bio-)Erzeugern an. Das, was sie nicht verkaufen, transformieren sie in aromatisch duftende Ragouts, salzige Tartes oder süße Kuchen. (Es gibt leider nur eine Facebookseite)
Ein anderer Direktverkauf ist Crowdfarming: Letztes Jahr habe ich Mangos aus Spanien erworben und ein Reisfeld in der Camargue “adoptiert”. Heute habe ich Avocados aus Spanien bestellt. Gut, für einen Einpersonenhaushalt ist es vermutlich ungeeignet, wenn man vier Kilo Avocados auf einen Schlag erhält, aber ich werde sie hier mit den Nachbarn teilen. Ja, hallo, wir müssen hier weitermachen, es gibt auch andere Themen, die weiterhin wichtig sind, und Essen müssen wir sowieso, wie es in Frankreich immer gerne heißt.
Édouard Bergeon, der Filmemacher, hat übrigens mit aunomdelaterre.tv einen Streamingkanal geschaffen, der derzeit hundert Stunden Dokumentationen und originelle Reportagen zu Landwirtschaft, Ernährung, besser Essen etc. anbietet. Ich bin zwar nicht bei Netflix und Co. Hier aber bin ich jetzt dabei. Offiziell geht die neue Seite am 21. März an den Start, sie läuft aber schon (der Streamingdienst existierte bereits und war vorher schon anderswo gehostet, man trennte sich aber wegen unterschiedlicher Ansichten). Und ja, natürlich ist das alles nur in französischer Sprache, ich wollte es trotzdem teilen.
Und zu guter Letzt, zwei andere Events, falls wir nicht in den nächsten Tagen von einer Atombombe getroffen werden, was die Götter verhüten mögen, wird es zwei Lesungen geben, eine live (hohoo!) in Nizza im Centre Culturel Franco-Allemand, schon mehrfach aus Pandemiegründen verschoben, ich wünsche mir sehr, dass sie am 13. März tatsächlich stattfinden kann. Es ist ein Sonntag, um 16 Uhr gehts los. Ich lese aus “Von hier bis ans Meer” und freue mich, wenn Sie kommen!
Die zweite Lesung wird im Rahmen der Städtepartnerschaft Nürnberg-Nizza stattfinden. Am 7. April, am Tag des offiziellen Erscheinens des 9. Duval-Krimis “Verhängnisvolle Lügen” wird es, wie schon im vergangenen Jahr, eine Online-Lesung geben, die auch aufgezeichnet wird. Die Lesung findet ab 19 Uhr statt. Noch ist die Lesung hier nicht angekündigt, (aber vielleicht interessiert Sie ja auch der Vortrag zu den französischen Wahlen?) Sie werden Sie aber demnächst an derselben Stelle finden! Falls Sie (an meiner Lesung oder einem der Vorträge) teilnehmen möchten, melden Sie sich bitte zu gegebener Zeit (via der verlinkten Seite) bei Frau Birgit Birchner vom Amt für Internationale Beziehungen an. Sie bekommen dann rechtzeitig einen Zoom-Link zugeschickt.
So. Next day. Internet kam abends spät erst wieder, ich schrieb bis 1 Uhr morgens, dann wollte ich lieber nochmal darüber schlafen, eine Überschrift hatte ich auch noch nicht. Heute früh war ich beim Friseur, dann ging das Auto kaputt, mittags bekamen wir Besuch, und am Nachmittag besuchten wir jemanden. In der Zwischenzeit hat Präsident Zelensky via Video-Konferenz vor dem Europäischen Parlament gesprochen und ihm (und dem ukrainischen Botschafter) wurde lange applaudiert. Alles andere können Sie selbst mitverfolgen und jetzt schicke ich diesen Text mit unorigineller Überschrift raus, bevor zu viel anderes passiert und mein Text schon nicht mehr aktuell ist.
Ich bin erschöpft. Lange schon und viel tiefer, als ich es selbst glaubte. Ich dachte anfangs, ich bräuchte nur mal ein paar ruhige Tage. Aber nach ein paar ruhigen Tagen spürte ich die Erschöpfung noch viel mehr. Es ging nichts mehr. Oder nur noch sehr wenig. Der Alltag gerade so. Alles andere hätte ich zwar gerne getan, ging aber nicht. Ich schob alles vor mir her und schubste es immerwährend in ein undefiniertes “Später”. Auf Mails antworten, etwa. Das Projekt “Weihnachtskarten schreiben” wechselte in “Ich werde zum neuen Jahr schreiben”, das darf man in Frankreich den ganzen Januar lang. Aber der Januar verging, ohne dass ich auch nur eine Mail geschweige denn Briefpost geschrieben hätte. Ich habe niemandem geschrieben. Auch Ihnen allen nicht, die mich zunehmend dringlicher und überall (Kommentare, Mail, Briefpost, Instagram und Facebook) fragen, ob es mir gut gehe, ob ich grundsätzlich nicht mehr schriebe oder was denn nur los sei. Ich danke Ihnen sehr. Es ist schön, schmeichelhaft und tröstlich, dass Sie mich und meine Texte vermissen und ich danke Ihnen allen für Ihre Nachrichten. Aber schreiben ging erstmals nicht. Wirklich gar nicht.
Lesen, also richtiges Lesen, ging auch nicht. Ich huschte über einen Blogtext hier und da, und über ein paar Einträge bei Instagram. Ich las erstaunlich oft von Erschöpfung, was mich aber nur wenig tröstete, denn immerhin konnten die Menschen schon oder noch von ihrer Erschöpfung schreiben. Ich war so erschöpft, ich konnte es nicht mehr.
Wieviel Energie es kostet, ständig Fotos zu machen und sie etwa bei Instagram einzustellen, ein paar launige Worte zu schreiben und alles mit den sogenannten Hashtags zu versehen und in die Welt zu schicken, merkt man erst, wenn die Energie dafür nicht mehr da ist. Und damit ist es ja nicht getan. Denn man will ja gelikt werden, Herzchen kriegen, nette Worte im besten Fall, auf die man dann ebenso nett zurückschreibt, selbst Herzchen verteilt und anderer Leute Fotos anschaut. Never ending Story. War und ist mir alles zu viel.
Ich habe es schon ein paar Mal ansatzweise gesagt, zitiere mich hier auch gerne nochmal selbst, die vielen Kontakte, überhaupt das viele nach Außen gehen, virtuell oder reell, erschöpft mich viel schneller als andere. Das letzte Jahr war anstrengend und ich bin rückblickend schon monatelang über meine Kräfte gegangen. Ich hätte letztes Jahr eine Pause machen sollen, aber man ist eben so drin im Rhythmus, es geht immer alles so weiter und selbst, als mir beide Knie quasi zeitgleich “wegbrachen”, machte ich trotzdem weiter. Wäre ja auch noch schöner. Die Knie schmerzten sehr und das Leben wurde noch anstrengender. Dann bekam ich das Hermann-Kesten-Stipendium und damit eine Einladung nach Nürnberg. Vierzehn Tage Kunst, Kultur und Begegnungen. Großartig, wollte ich nach anderthalb Jahren ereignisloser Pandemie unbedingt machen. Etwas anderes sehen und erleben. Es wurde auch großartig, aber am ersten Tag dachte ich, ich schaffe es gerade mal zur Apotheke um die Ecke, um mir Schmerztabletten zu besorgen. Wenn der Treffpunkt für einen Ausflug die U-Bahnhaltestelle war, war ich, bis ich dort ankam, schon am Ende. Man kümmerte sich aber lieb um mich, ich durfte mit dem Taxi fahren. Es gab tolle Begegnungen, Kontakte zu anderen AutorInnen, ÜbersetzerInnen. Nürnberg als Stadt war eine echte Entdeckung. Das alles euphorisierte mich einerseits, andererseits ermüdete es mich körperlich und geistig. Den als Gegenleistung erwarteten Text über meinen Aufenthalt dort, habe ich aber bis eben nicht geschrieben. Kaum zurück, musste der Krimi fertig werden und spätesten seit diesem Moment hechelte ich allem hinterher.
Ich hatte nämlich zusätzlich eine Ausbildung als Intueat-Coach begonnen; Anfang letzten Jahres, als man auf mich zukam, schien mir diese Ausbildung absolut das Richtige zu sein und ich meldete mich spontan und begeistert an. Los gings dann zu der Zeit, in der ich schon außer Atem war. Ich mache es kurz, ich habe die Ausbildung vor zwei Wochen abgebrochen, obwohl ich in den letzten Monaten viel gelernt und tolle Menschen kennengelernt habe. Ich mache aber nicht weiter, weil ich spüre, ich würde als zukünftiger Coach erneut zu viel “nach Außen” gehen, zu viel für mich, ich habe dauerhaft einfach keine Energie, mich wirklich auf andere Menschen und ihre (Ess-)Probleme einzulassen und ihnen dabei herauszuhelfen. Vielleicht wäre ich ein guter Coach geworden, wenn ich diesen Weg früher, nicht Monate, sondern Jahrzehnte früher, gegangen wäre.
Immerhin ist bei so einer Ausbildung der Weg das Ziel – man lernt dabei nicht nur andere, sondern eben auch sich selbst zu coachen. Was würde ich jemandem raten, der/die so erschöpft, wie ich es bin, vor mir stünde?
Lass es los. Kümmere dich um dich. Atme.
Ich lasse also vieles los und mache Medien-Detox. Gar nicht so leicht. Im Kopf ist immer dieser Drang zum “Foto machen” und “dokumentieren”. Hin und wieder mache ich sogar Fotos. Der Januar war hier dieses Jahr so schön (und so trocken), dass es beinahe wehtat. Diese Sonne, diese Wärme. Die Mimosen wiegen ihre zarten gelben Puschel im leichten Wind, im Vorgarten blühen Narzissen üppig in Weiß und Gelb wie noch nie zuvor, und die ersten Kapmargeriten mischen sich magentafarbig dazwischen. In der Nebenstraße haben sich wie jedes Jahr quasi über Nacht die Mandelbäume in zarte weiße und rosafarbene Wolken verwandelt. Es ist Frühlingsstimmung. Das will ich doch zeigen. Aber die Fotos vom blauen Meer und den gelben Mimosen bleiben ungezeigt. Mal eben schnell was tippen und hochladen ist plötzlich unendlich schwer und ich mache es nicht. Dann entscheide ich, es bewusst sein zu lassen, aber wie lange es dauert, bis ich etwas Schönes, das ich erlebe (tolles Essen im Strandrestaurant, Füße in den Wellen) nicht mehr dokumentiere und es einfach nur lebe, ohne überhaupt daran zu denken, es zu teilen, ist erstaunlich. Dass ich Instagram und Facebook vorübergehen hätte deaktivieren können, habe ich erst kürzlich erfahren; das wäre vielleicht hilfreich gewesen. Tiktok habe ich immerhin deinstalliert. Diese Plattform, wo alle tanzen und ansonsten ultrabescheuerte, mit hysterischem Lachen unterlegte Mann-Frau Videos machen (Eifersucht, idiotische Scherze, Schadenfreude, Anmache, Geld, Betrug, Klauen) wie weit sind wir von einem gleichberechtigten Leben entfernt, denk ich jedes Mal, wenn die Menschheit sich diesen Mist anschaut?
Muss ich da überall noch mitrennen? Ich werde dieses Jahr sechzig. 60. Kurz vor der Rente, sozusagen. So fühle ich mich zwar trotz der Erschöpfung und der körperlichen Beschwerden nicht, aber dennoch. Sechzig, hallo! Seniorin sozusagen, zumindest für die Bahn, da bekomme ich jetzt schicke SeniorInnenangebote. Da darf ich vielleicht ein bisschen müder sein, etwas weniger energiegeladen als noch mit vierzig. Pause machen. Ausruhen. Ausatmen. Einatmen.
Es geht mir dezent besser, wie Sie der Tatsache entnehmen können, dass ich heute hier schreibe. Die Knie aber sind immer noch malade, die diversen Spritzen mit Hyaluronsäure in verschiedenen Viskositäten haben bislang nur bedingt geholfen. Ich gehe am Stock und meide Treppen und weite Wege und kann dezidierte Aussagen zu Schmerzmitteln machen, die helfen oder auch nicht. Der Heimtrainer, der immerhin angeschafft wurde, damit ich mich überhaupt ein bisschen bewege, hat zumindest nicht geschadet. Ein Termin bei einem Orthopäden (sprich Chirurgen), der mir anempfohlen wurde, wurde jetzt immerhin ausgemacht. Und nein, vorher habe ich es nicht geschafft; außerdem wurde ja auch immer von der langfristigen Wirkung der Spritzen geredet, die es abzuwarten gälte.
AusatmenEinatmen
Ein paar Neuigkeiten aus Frankreich kriegen Sie heute auch: Das Wichtigste zuerst: Wir nähern uns der Präsidentschaftswahl! In zwei Monaten ist es soweit. Erstmals darf ich den Präsidenten mitwählen und informiere mich. Wir haben (in etwa) die “üblichen Verdächtigen”, die Sie vielleicht noch vom letzten Mal kennen, (mein Gott, was habe ich da nicht alles geschrieben!) zusätzlich aber noch einen Kandidaten aus der extrem rechten Ecke, der Marine Le Pen das Wasser abgräbt: Eric Zemmour. Für die Konservativen, die vor fünf Jahren von François Fillon repräsentiert wurden, geht Valérie Pécresse ins Rennen. Für die Sozialisten haben sich Anne Hidalgo (Bürgermeisterin von Paris) und Christiane Taubira (ehemalige Justizministerin) aufstellen lassen, und Yannick Jadot repräsentiert die Ökologische Partei. Der amtierende Präsident Emmanuel Macron hat seine Kandidatur offiziell noch nicht bekannt gegeben. Frankreichs Wahlkampf spiele sich eher rechts ab, zitiere ich den Deutschlandfunk, der die wichtigsten Kandidaten ebenfalls vorstellt.
Wir sind derzeit noch in der Phase, in der die Kandidaten 500 sie unterstützende Bürgermeister (aus mindestens 30 Départements) finden müssen; dies wird zwar jedes Mal von den “kleinen” Kandidaten lautstark kritisiert, soll aber Spaßkandidaturen vermeiden und Kandidaturen von nationaler Bedeutung absichern. Im Fernsehen gab es aber gestern Abend schon einen zweieinhalbstündigen Schlagabtausch mit einem Präsidentschaftskandidaten: Mehrere Journalisten befragten Jean-Luc Mélenchon zu seiner Einstellung zu Klima, Energie, Gesundheit, Sicherheit und pouvoir d’achat, also wieviel Geld die Franzosen zur Verfügung haben (wenn Strom, Benzin, Lebensmittel immer teurer werden). Was würde er tun, wenn er morgen Präsident sei? Bis zur Wahl am 10. April wird jeden Donnerstag ein anderer Kandidat/Kandidatin so vorgestellt.
Ich habe mir spaßeshalber Elyze aufs Handy geladen, eine App, (die sich an junge Wähler wendet und) mit deren Hilfe man spielerisch erfahren soll, welche/r Kandidat/Kandidatin seinen politischen Überzeugungen am ehesten entspricht: Man kann Aussagen der Kandidaten zustimmen oder ablehnen und sich auch zusätzliche Informationen holen. Ob es den jungen WählerInnen weiterhilft? Ich fand zumindest das Ergebnis, das die App mir ausspuckte, recht zweifelhaft.
Anderes Thema zum Wochenende: Wir haben Les jeunes amants gesehen, ein wundervoller Film mit Fanny Ardant. Eine Liebesgeschichte zwischen der siebzigjährigen Shauna (Fanny Ardant) und einem sehr viel jüngeren Mann. Es wird nicht einfacher dadurch, dass er verheiratet ist und Kinder hat. Der Film ist nach einer wahren Geschichte entstanden, die die Eltern der bereits verstorbenen ersten Regisseurin so erlebt haben. Die Regisseurin, die den Film letztlich drehte, wollte für die Rolle der Shauna eine Schauspielerin haben, die an sich keinerlei Schönheitschirurgie hat machen lassen. So viele gibt es da wohl gar nicht. Fanny Ardant sieht toll aus und sie ist hinreißend. Und nein, nichts ist peinlich und der Film endet nicht kitschig. Falls Sie können, unbedingt ansehen!
Ich bin so froh, dass es 12 von 12 gibt, das ist gerade das passende Format für mich. Mehr geht gerade nicht.
In aller Herrgottsfrühe fährt Monsieur zu einer Baustelle in die Berge. Ich werde zwei Tage alleine sein. Mit Pepita natürlich. Nachdem Monsieur davongefahren ist, trinke ich Kaffee im Bett. Mit Pepita natürlich.
Kleine Pflegestunde im Bad. Keine Ahnung, warum das Foto so wurde.
Ich erledige ein paar dringende Sachen und bringe einen Brief zum kleinen Tabakladen, der auch Poststelle ist. Am Ende der Straße sehe ich den Weihnachtsbaum des Viertels und beschließe, ihn mir näher anzusehen.
Sieht schön aus, von Weitem zumindest, ist aber hundert Prozent Plastik.
Ein paar Schritte gehe ich noch: Lieblingsblick.
Zurück, entdecke ich im Vorgarten die letzte Rose. Ist sie nicht schön?
Auf dem Sofa. Ich sehe eine Aufzeichnung von etwas. Mit Pepita natürlich.
Ich mache grüne Tapenade (Olivenpaste). Köstlich. Bringt allerdings meinen Mixer an den Rand seiner Möglichkeiten. Drei Scheibchen geröstetes Brot mit frischer Tapenade gibts als Vorspeise
Mittagessen: ein kleines Stück Bavette mit carbonisierten karamellisierten Zwiebeln, dazu Reste vom gestrigen Kartoffepüree.
Sieste ohne Foto. Danach bekomme via Mail den nächstjährigen Duval erneut zurück zur weiteren Bearbeitung. Ist jetzt nicht mehr so viel, ich sitze aber allein fürs erste “schnelle Drübergucken” bis abends und höre erst auf als der Magen knurrt.
Viel Hunger, es muss schnell gehen. Es gibt selbstgebastelte chinesische Suppe.
Fernsehen. Mit Pepita natürlich (dieses Mal nicht im Bild). Da ich alleine bin, kann ich den Krimi auf arte in Deutsch ansehen.
Da bin ich wieder. Nur kurz heute, 12 Fotos, wenig Text. Nur, damit Sie sehen, ich bin wieder da, und es geht mir halbwegs gut. Danke für Ihre Treue, alle Mails und Nachrichten und (Nahrungs-Umstellungs/Ergänzungsmittel- und OP-)Tipps. Ich kann Ihnen derzeit leider nicht allen persönlich antworten, aber ich habe alles gelesen und bin sehr gerührt, dass Sie sich sorgen und an mich denken! Zum Dank mache ich heute bei 12von12 mit. Sie kennen es schon, 12 Bilder vom 12. des Monats sammelt Caro von “Draußen nur Kännchen”, die heute außerdem einen runden Geburtstag hat! Das passt doch! Bon anniversaire! Herzlichen Glückwunsch von hier!
Frühstück im Bett
2. Derzeitige “Nahrungsmittelergänzung” (2 x täglich)
3. Neue Brille! Seit Samstag. (Hat erstaunlicherweise noch keine/r bemerkt) Eigentlich sogar zwei neue Brillen, eine für Nah- und eine für Normal. Das ist die “normale”. Die Brillen sind Teil einer neuen ergonomischen Arbeitsplatz-Ausstattung. Nachdem ich neun Jahre lang immer dachte, reicht doch, in einem Eckchen und am Küchentisch … bis mir in diesem Sommer dann alles wehtat, ich viel Kortison brauchte und Krankengymnastik, und es immer noch nicht so richtig gut ist. Drei Wochen nicht zu schreiben, und auch das Handy nur selten in der Hand zu halten, haben mir definitiv gutgetan. (Die Knie sind ein anderes Problem, kamen aber auch dazu). Ich weiß, die Haare … Friseur ist morgen dran.
4. Arbeit am neuen Arbeitsplatz: Stuhl, Schreibtisch, sogar eine ergonomische Maus habe ich jetzt.
5. Wir haben mehrere zukünftige Baustellen. Nein, das ist kein Katzenpipi, hier ist etwas undicht. Der plombier kommt vielleicht morgen.
6. Überraschend kommt Post! Die Belegexemplare der russischen Edition des 3. und 4. Duvals sind angekommen! Bin sehr begeistert!
7. und 8. Wir besichtigten heute Mittag (zur besten Essenszeit!) das Maison Bernard, un Palais des Bulles in Théoule. Es ist eines von drei Häusern in diesem Stil, die Anttti Lovag gebaut hat (und wird oft fälschlicherweise Pierre Cardin zugeschrieben, aber Cardin hat das zweite Haus später gekauft, nicht konstruieren lassen; es ist derzeit übrigens zu erwerben für (Achtung!) 350 Millionen Euro!). Man kann das Palais des Bulles hin und wieder sehr ausführlich besichtigen, es gilt dort aber strenges Fotografierverbot. Daher nur zwei eher unspektakuläre Bilder von fern und von “hinter dem Haus” (die beiden Bulles im zweiten Foto gehören nur zu einem “Schuppen” für Motorräder und Gartengeräte). Über dieses Haus (und die Blicke!) müsste ich einen ganzen Text machen (mir fehlt es etwas an Muße und Zeit) – es ist époustouflante, atemberaubend! Leider absolut nicht barrierefrei, ächz! (Aber das Haus wurde “organisch” an das Gelände angepasst bzw. in die Felsen hineingebaut) Und es ist auch nicht sicher, ob man wirklich ganzjährig so leben möchte. Aber es war immer nur Zweitwohnsitz für die Familie Bernard. Ich gebe Ihnen hier einen Link zur Seite der Stiftung, die die Besichtigungen organisiert, dort bekommt man ein paar Blicke. Ein Buch über dieses Haus, seinen Architekten und seinen Besitzer (Pierre Bernard, ein Industrieller, und seine Familie) wird Anfang November erscheinen.
Hier ein relativ aktuelles Filmchen über das dritte Haus in Tourettes-sur-Loup im Hinterland von Nizza.
9. Wir essen danach an einem Kiosk mit Blick aufs Meer. Sehr leckerer Salat mit Linsen, Foto leider etwas unscharf.
Später kurze Sieste, danach telefoniere ich zweimal, arbeite noch ein bisschen, antworte auf Mails, Nachrichten und Kommentare.
10. Bis Pepita neben mir maunzt. Sie hat Hunger.
11. Es ist irgendwie sehr kalt. Die Heizung (und der Warmwasserboiler) sind en panne, kann kurzfristig behoben werden, fallen aber (seit Tagen immer schneller) alle paar Stunden wieder aus.
12. Der Gatte sieht fern, ich tippe hier, später habe ich noch eine angenehme Bettlektüre: Das sehr schön gestaltete Büchlein von Wibke Ladwig ist in den letzten Tagen angekommen. Ich freue mich sehr darauf, die neue Lesebrille mit den Geschichten aus der Heimbürokantine einzuweihen.
“Il reste pour toujours le Magnifique” twitterte Macron gestern. Eine Anspielung auf den Filmtitel “Le Magnifique” – der im Deutschen weniger gelungen “Der Teufelskerl” heißt, meint, er bleibt für immer der großartige wundervolle räusper nunja “Teufelskerl”. Jean-Paul Belmondo, Bébel, wie ihn die Franzosen liebevoll genannt haben, ist gestorben. Nachrufe gibt es überall, auch in der deutschen Presse, da muss ich Ihnen nichts verlinken. Aber Frankreich trauert. Nicht nur Macron, alle haben sich geäußert, auch unser Bürgermeister hat einen langen Text auf Facebook veröffentlicht, Belmondo war viel und häufig an der Côte d’Azur, hat hier Filme gedreht und mit seinen Kumpels und Familie seine Urlaube verbracht. “Bébel éternel” titelt heute Nice Matin und bringt acht Sonderseiten mit den Erlebnissen Belmondos an der Côte d’Azur. Das Fernsehen hat das Programm der gesamten Woche umgeworfen und alle Kanäle zeigen nun Belmondo-Filme und Dokumentationen.
Alles kann man nicht sehen, wir entschieden uns gestern Abend für “Le Magnifique” – der Film switcht zwischen einer Art James-Bond-Handlung und dem ärmlichen Alltag des Autors, der sie schreibt, hin und her. Ziemlich viel, von dem, was der Autor erlebt, fließt in die Krimihandlung ein. Ich musste sehr lachen, als er den “plombier”, den Installateur, in seiner Handlung auftauchen und erschießen lässt. Der plombier ist eine geradezu mythische Gestalt im französischen Alltag. Gibt es ihn wirklich? fragt man sich oft, denn er kommt so gut wie nie, kaum ist er da, ist er auch schon wieder weg, und das, was er anfasst, funktioniert schon Stunden später nicht mehr. Ich hatte in diesem arbeitsreichen Sommer ebenso das Vergnügen, darüber wird es zu gegebener Zeit auch eine Kolumne geben. Auf jeden Fall fühlte ich mich Belmondo in seiner Krimi-Autor-Rolle gestern sehr nah. (die plombiers im Film fahren übrigens Vélo Solex! Das ist vermutlich auch etwas, was Sie von mir noch nicht wissen: ich hatte mit 16 eine Vélo Solex! Und das aufm Dorf, wo damals alle, die etwas auf sich hielten, eine Herkules M5 fuhren; mein Weg nach Frankreich war vorgezeichnet!)
Die Krimiautorin hat ihr Manuskript übrigens abgegeben, und nicht, wie Belmondo am Ende des Films, aus dem Fenster geworfen.
Mir persönlich ist Belmondo als Vierzehnjähriger in “l’Animal” zum ersten Mal erschienen. “Ein irrer Typ” heißt der Film auf Deutsch. Ich ging damals nicht oft ins Kino. Gefühlt einmal im Jahr vielleicht. Ich lebte in einem Dorf und für Kino musste man “in die Stadt” fahren. Diesen Film habe ich mit meiner katholischen Mädchengruppe (Frohschar IV, was einem alles wieder einfällt!) gesehen. Ich fand es damals ein bisschen unerhört, für einen Film mit diesem Titel überhaupt Geld auszugeben. Aber dann war ich hin und weg, schockverliebt sagt man heute. So etwas Freches und Charmantes und Lustiges hatte ich vorher noch nie gesehen. Und ich fand Belmondo hinreißend gut aussehend, ohlàlà!
Vermutlich ist mir Belmondo zeitlich sogar schon früher begegnet. In “Die tollen Abenteuer des Monsieur L.” nämlich (ich erspare Ihnen den französischen Titel), den es vor kurzem auf arte zu sehen gab und den es jetzt auch wieder zu sehen gibt. Es war einer der Filme, den ich aus meiner Kindheit erinnere, ohne dass ich Titel oder Schauspieler hätte benennen können. Aber die Geschichte des lebensmüden reichen Mannes, der erst dann wieder Lust am Leben verspürt, als ihm, von ihm selbst angeheuerte, Killer nach dem Leben trachten (ok, etwas verkürzt, das ist in etwa das, was ich erinnerte, und außerdem abenteuerliche Szenen, in denen rasant schnell von Boot zu Boot gesprungen wurde), hat sich mir ins Gedächtnis gegraben, und als ich ihn neulich eher zufällig sah – “Les tribulations d’un chinois en Chine” sagte mir nämlich nichts, womit Sie den französischen Titel jetzt doch bekommen, war ich ganz aus dem Häuschen. “Das ist er, der Film, den ich schon so lange mal wieder sehen wollte!”, rief ich Monsieur ekstatisch zu. Bedauerlicherweise finde ich ihn heute weniger amüsant als seinerzeit als Kind, und weniger schnell auch, die Zeiten ändern sich.
Immer noch gerne sehe ich “Le professionnel” (Der Profi) oder auch “L’alpagueur” (Der Greifer) mit dem sehr jungen Bruno Cremer, der dort einen so kalten Killer spielt, dass ich ihm in seinen späteren Film-Rollen nie einen “guten” Kommissar abnahm. Sehr viel besser als früher gefällt mir heute hingegen “A bout de souffle”. Kein Wunder eigentlich. Belmondo aber sagte, dass er sich in den Action-Filmen viel mehr amüsiert habe, als in den sogenannten Autoren-Filmen. Er wäre auch gerne Sportler geworden und konnte sich nicht so richtig zwischen Film und Sport entscheiden, und mit dieser Art von Filmen, in denen er seine Stunts in der Regel selbst spielte, konnte er beide Seiten ausleben und amüsierte sich zusätzlich großartig, und das französische Publikum liebte ihn dafür! Dass Belmondo am Donnerstag eine nationale Ehrung zuteilwird, ist für Frankreich selbstverständlich.
Themenwechsel. Bei Herrn Buddenbohm gab es heute Links, unter anderem zum Wahlomat. Was es alles gibt, nicht wahr. Ich wähle nicht mehr in Deutschland, obwohl ich es könnte, aber ich folge der deutschen Politik nicht mehr ausreichend, um etwas Sinnvolles zu wählen. Ich habe den Wahlomat für die Bundestagswahl nämlich ausprobiert und wissen Sie was rauskam? Inhaltlich stehe ich dem Südschleswiger Wählerverband am nächsten. Und bevor es mich zu den “etablierten” Parteien verschlägt, steht eine lange Liste von anderen Kleinparteien dazwischen. Gut, nicht die AfD, das hat mich beruhigt. Der Südschleswiger Wählerverband setzt sich als nordische Minderheitenpartei für eine dezentrale und bürgernahe Politik ein, heißt es. Vielleicht eine andere Alternative? Seien Sie froh, dass ich in Deutschland nicht wähle!
Gerne gelesen habe ich auch einen anderen dort verlinkten Artikel “Kaufen Sie kein Elektroauto”. Spricht mir aus der Seele.
Und noch ein eleganter Themenwechsel. Die Autorin, die sich zwar in einen mittleren körperlichen Behindertenstatus geschrieben hat, wird demnächst nach Deutschland fliegen (mit Betreuungsdienst am Flughafen, so weit sind wir schon), denn, tatatatammm, sie wurde als eine der Teilnehmerinnen des diesjährigen Hermann-Kesten-Stipendiums im Rahmen der Städtepartnerschaft Nürnberg – Nizza ausgewählt! Dort werde ich also zwei mit Kultur und Begegnungen vollgestopfte Wochen erleben, und darauf freue ich mich riesig! Ich werde sogar eine Lesung geben. Ganz in echt UND virtuell, eine Hybrid-Veranstaltung sozusagen, keine Ahnung, wie das funktionieren wird, aber ich lade Sie zu beidem ein, am 14. September, um 19 Uhr entweder ganz in echt ins Zeitungs-Café Hermann Kesten, Wespennest 4, in Nürnberg oder via ZOOM. Ich lese allerdings wieder aus “Lange Schatten über der Côte d’Azur”, das haben Sie möglicherweise schon einmal erlebt – darüber hinaus lese oder erzähle ich auch aus meinem französischen Leben, für die, die vor Ort sind, die Krimilesung schon erlebt haben, mich und mein Leben aber noch nicht kennen. Solls ja geben. SIE wissen das natürlich alles, gähn. Wählen Sie sich trotzdem ein, oder noch besser, kommen Sie hin, wenn Sie in der Ecke leben und Zeit haben, ich freue mich so sehr auf echte (und klar, auch virtuelle) Begegnungen! Anmelden müssen Sie sich aber schon, schicken Sie, wie beim letzten Mal, eine Mail an den Veranstalter Hier lesen Sie mehr! oder hier. (Anmeldeschluss am Vortag!)
Meine derzeitige Lektüre ist aus gegebenem Anlass dieses sehr schön gemachte und leider schon vergriffene Buch aus dem Nimbus Verlag.
Hier noch ein bisschen Belmondo. Iesch wähle die franssöhssische Version, niescht wahr.
Ok, hier die deutsche Version, der französische Trailer hat eine miserable Qualität (aus heutiger Sicht, sehr ähm klamaukig)
Sie erinnern sich, dass ich im Januar, lang ist es her, Feli vom Blog Berlinerin in Frankreichin Nizza besucht hatte? Wir liefen damals lange durch Nizza und erzählten uns aus unserem deutschen und vor allem aus unserem französischen Leben. Ich verlinke es Ihnen nochmal, damit Sie ein paar blaue Bilder sehen, denn dieses Jahr bin ich sehr unbeweglich, leider, die Knie, Sie wissen schon, dabei war MOVE doch mein Wort des Jahres geworden, auch das habe ich in diesem Januar-Text wieder gefunden. Also, ich move seit Wochen leider nirgends hin, höchstens frühmorgens an den Strand zum Schwimmen, da aber nehme ich kein Handy mehr mit, einmal geklaut reicht. Das können Sie auch gerne hier noch einmal nachlesen. Insofern keine aktuellen blauen Bilder, dabei ist hier wirklich viel Sommer und der Himmel ist sehr blau. Im Nachbardepartement Var allerdings ist der Himmel sehr rot oder sehr schwarz, um das auch zu sagen, nur dreißig Kilometer Luftlinie von hier brennen Wälder, Häuser und Campingplätze ab. Es ist sehr ernst. Es sind auch Menschen und Tiere verbrannt, denn so schnell haben sich die Feuer noch nie ausgebreitet, der Wind hilft da leider ordentlich mit, und auch nach drei Tagen sind die Feuer noch nicht unter Kontrolle. Und dieses Inferno nur, weil vermutlich jemand auf einer Autobahnraststätte achtlos seine Kippe aus dem Fenster geschnippt hat.
Alle anderen dramatischen und besorgniserregenden Themen des Weltgeschehens bekommen wir hier auch mit, seien Sie gewiss. Und während all das Schreckliche passiert, ist überraschend Elton John in Cannes an einem der schickeren Strände (der nur mit einem Boot erreicht werden kann) aufgetaucht und hat sich zu einem Song hinreißen lassen. Sie sehen Elton John und Partypeople in Cannes. (Sie sehen ebenso, Masken tragen nur die KellnerInnen und die Bodyguards von Elton.) “Elton John entflammt das Publikum in einer Strandbar in Cannes” titelte irgendeine Gazette geschmacklos, angesichts der Flammen ein paar Kilometer weiter. Das alles passiert gleichzeitig. So ist die Welt.
(Klicken Sie die schreckliche Werbung (bei mir Prostata-Mittel *augenroll*) vor dem Video weg, sobald Sie können!)
https://www.youtube.com/watch?v=uaI2difTYRY
Dennoch höre ich Elton John immer gerne, swinge hier vor dem PC mit, und keinesfalls wollte ich Ihnen DAS spontane Sommerevent von Cannes vorenthalten. Jetzt aber wieder zurück zu Feli und mir, denn Feli hat auf ihrem Blog über meine und ein bisschen auch über ihre Erfahrungen des Auswanderns nach Frankreich geschrieben. Sehr nett, sehr frisch. Das Foto hier ist nur ein Screenshot, wenn Sie den Beitrag lesen wollen, dann klicken Sie bitte hier. Herzlichen Dank Feli! Ich winke nach Nizza!
Hier ganz schnell ein paar Lesetipps, viel Zeit habe ich nicht. Daher nur zwei Fotos und ein paar knappe Sätze.
“Trümmermädchen” von Lilly Bernstein war ein Lesetipp von Marion. Ich habe es gern gelesen, weil es mir Köln, die Kriegs- und Nachkriegszeit sehr nahe gebracht hat. So nahe, dass ich manchmal ein Tränchen verdrückte, was bei mir zwar schnell vorkommt, aber das ganze Buch hat mich doch bei den Gefühlen gepackt. Ich hatte Köln, als ich dort lebte, nie so richtig gemocht, weil ich die Stadt, gerade die Innenstadt, so furchtbar hässlich fand. Ich fand keinen Lieblingsort. Durch dieses Buch, in dem man einmal mit den Protagonistinnen im Luftschutzkeller sitzt (sehr eindrückliche und beklemmende Szene) und die Zerstörung der Stadt “direkt” miterlebt, habe ich mich Köln sehr angenähert.
ps: Leider liegt das Lesen von „Trümmermädchen“ schon so lange zurück, dass mir die Hälfte dessen, was ich dazu erzählen wollte, gestern entfallen war. Es hat mich sehr angerührt, es liest sich leicht, ist aber keinesfalls seicht, und ich konnte so sehr mit den Kindern mitfühlen, die sagen „ich will es nicht mehr kalt haben“ und „ich habe Hunger“. Ich bin auch gefühlt mit Anna und Marie weite Wege durch Köln gelaufen; ich erinnerte mich, dass ich einmal an Karneval in Sülz gelandet war, dort aber mitten im Getümmel einer Kneipe schlagartig hohes Fieber bekam und im Nieselregen bis nach Deutz nach Hause lief -fuhr ja keine Straßenbahn- ich zitterte und fror und heulte und fühlte mich schwach und lief und lief. Daran musste ich denken, als Marie jeden Tag so weit zu Bülls Backstube laufen musste.
Ebenso in Köln spielt das dokumentarische “Sieben Heringe”. Es ist das sachlich-intellektuelle Gegenstück zu “Trümmermädchen”. Jürgen Wiebicke dokumentiert das späte Erzählen über Kriegs- und Nachkriegszeit (das Organisieren, “Fringsen”, nach dem Kölner Kardinal Frings, in Notzeiten “erlaubtes Stehlen”, kommt in beiden Büchern vor) von Mitgliedern seiner Familie. Ich lese diese Art von Büchern gerne, aber ich bin froh, dass ich auch “Trümmermädchen” gelesen habe und mich einmal gefühlsmäßig und nicht immer nur streng intellektuell diesem Thema angenähert habe.
Anne Weber, “Annette, ein Heldinnenepos”, war ein Lesetipp und (in der Büchergilde-Ausgabe) ein Geschenk von Wiebke. Schon lange wollte ich etwas von Anne Weber lesen, eine deutsche Autorin und Übersetzerin, die in Paris lebt und die es schafft, ihre Bücher immer zeitgleich in einem deutschen und in einem französischen Verlag erscheinen zu lassen. Wir sind immer noch im selben Thema: Anne Weber erzählt das unwahrscheinliche Leben der Anne Beaumanoir, die erst in der französischen Résistance und später im algerischen Befreiungskrieg agiert hat. Einmal wird sie als Heldin gefeiert und später landet sie als “Terroristin” im Gefängnis. Hat mich beeindruckt!
In Juan-les-Pins steht seit Jahrzehnten die Bauruine eines alten Grandhotels “Le Provençal”. Lutz Hachmeister entpuppt sich als “intimer” Kenner nicht nur der Geschichte dieses Grandhotels, sondern der gesamten Côte d’Azur. Nicht so amüsant wie ich hoffte, aber ein Insiderschmöker. Das Buch war ein Geschenk von Frau Ackerbau. Über Herrn Ackerbau kam ich (indirekt) zu diesem Musiktipp bzw. zu dem Album “The French Mademoiselle” von Jacqueline Taieb, die gerade mal 14 oder 15 war, als sie diese Songs schrieb und sang. Ein zu Unrecht vergessenes Album aus den Sechzigern. “7 heures du mat” kannte ich, ohne es zu kennen, es wurde mehrfach in Werbespots verwendet. Ich hoffe, das Video ist in Ihrem Land abspielbar.
“111 Lieux à Toulouse à ne pas manquer” verfasst von Hilke Maunder, der Autorin des für Frankreich unumgänglichen Blogs “Mein Frankreich“, gibt es auch in Deutsch, ich habe es aber aus familiären Gründen in Französisch erworben. So verstehen wir alle was wir lesen, wenn wir das nächste Mal in Toulouse sind, denn dort lebt Monsieurs Sohn. Sehr schöner Insider-Reiseführer, der eher Unbekanntes und Abwegiges in der rötlichen Backsteinstadt vorstellt. Ich habe oben einen Toulouse-Artikel von Hilke verlinkt; dort gibt es auch die Bestellmöglichkeiten für beide Ausgaben. Wenn Sie über die angegebenen Links bestellen, erhält Hilke zusätzlich ein paar wenige Cents.
Ein anderes Insider-Büchlein ist “Menschen in Paris” des Hamburger Fotografen Stephan Gabriel (von dem meine letzten Autorinnenfotos stammen), ein in BoD hergestellter kleiner Bildband, den ich als ehemalige Buchhändlerin als Geschenkband für ParisliebhaberInnen empfehlen würde, vereint, wie der Titel verspricht, eine Menge kleiner Porträts besonderer Menschen in Paris: der Imker, der auf den Dächern von Paris Bienenstöcke aufgestellt hat und dort den unter dem unromantischen Namen “miel béton” bekannten Honig produziert. Eine deutsche Kneipe, ein deutscher Tante Emma-Laden, eine deutsche Köchin werden vorgestellt, Frankreichs erste weibliche Barbierin bekommt ein Kapitel, ein Regenschirmreparateur (was mich so an die Comédie Musicale “Les parapluies de Cherbourg” erinnert), ein Kioskbesitzer, der Nachbarschaftshilfe anbietet, und noch ein paar andere. Das Porträt, das mich besonders berührte, ist das der Concierge im 11. Arrondissement, die am 13. November 2015, beim Anschlag auf das Bataclan, die sonst fest verschlossenen Türen zum Hof und zu ihrer kleinen Concierge-Wohnung öffnete, damit Menschen sich in Sicherheit bringen konnten. Der Band kann beim Autor bestellt werden, und wird, auf Wunsch mit Widmung, gut verpackt und umgehend versendet.
Und hier ein weiterer Link zu einem wunderbaren Literatur-Podcast, der im Moment ausschließlich über das Regionalradio Okerwelle, gehört werden kann. In Zeiten, in denen Literatursendungen bei den großen Sendern weggekürzt werden, ist es wohltuend zu erleben, dass diese Literatursendung neu geschaffen wurde. Eine knappe Stunde sprechen Julia Bekurs und ihre Kollegin Britta Schinke im Podcast mit dem Titel “Der erste Satz” freundlich, engagiert (und mit sympathischen Stimmen) über Bücher, die sie lesen, gelesen haben oder lesen werden. Die vorgestellten Bücher bekommen viel Raum, es geht nicht nur um den ersten Satz, in der letzten Folge wurden ganze Seiten vorgelesen, und häufig kommt auch der Schutzumschlag “zu Wort”, der hin und wieder ein Anreiz gewesen ist, das Buch zu wählen! Trotz der angenehmen Ruhe, mit der in diesem Podcast gesprochen wird (Langsamkeit würde es nicht treffen) schaffen beide Frauen es, viele und ganz unterschiedliche Titel vorzustellen. In der letzten Folge ist mir persönlich Mirna Funk “Winternähe” sehr nah gekommen und wird ein Lesewunsch. Die Krimireihe der Autorin Christine Cazon wird übrigens ab etwa Minute 24 vorgestellt.
Einen schönen Lesesommer wünsche ich Ihnen! Für mich ist und bleibt es, wie jedes Jahr, ein Schreibsommer. À bientôt!
Ich war versucht, den Text “Alfred, Amy, Amal und Ahrweiler” zu übertiteln, hatte aber Angst, dass die Menschen aus anderen Hochwassergebieten sich gekränkt fühlen könnten. So, damit wissen Sie aber schon, was Sie hier heute erwartet. Bisschen Klatsch und am Ende wirds ernst.
Ich hänge allem hinterher, herrjeh. Alfred Biolek ist gestorben, das wissen Sie schon und muss ich Ihnen nicht verlinken, da gab es bestimmt in den deutschen Medien genug Rückblicke. Ich mochte ihn und vor allem seine Sendung Bios Bahnhof sehr gerne. Die Kochsendungen ging ein bisschen an mir vorbei, Sie wissen, dass ich früher nicht gerne gekocht habe. Ich erinnere mich trotzdem an ein Guiness Stew, das Heike Makatsch bei Alfredissimo gekocht hat. Ich habe Biolek fassungslos in Erinnerung, Rindfleisch mit Bier im Ofen und basta. Habs leider nicht mehr gefunden.
Amy Winehouse hatte gestern ihren zehnten Todestag, auch zu ihr gabs Nachrufe und Sendungen, auch in Frankreich, gestern Abend spät. Mein Lieblingssong. Erstmals (dank der Sendung gestern Abend) den Text verstanden. Nicht lustig.
Kommen wir zu lebendigen Stars: Amal und George haben ihr Landgut in Brignoles erworben (wir berichteten), sind erstmals dort gewesen, und sie haben den Bürgermeister zu sich eingeladen! Das ist doch nett, ich glaube, das hat bisher keiner der Stars hier unten gemacht. Entsprechend stolz hat der Bürgermeister ein Foto auf seiner Facebook-Seite gepostet. Hätte ich vermutlich auch gemacht. Brignoles ist ein Städtchen mit etwas mehr als 17.000 Einwohnern, übrigens, gerade beim Googlen erfahren, mit Groß-Gerau in Südhessen verschwistert! Bei uns hieß Groß-Gerau auch immer nur französisch angehaucht Gra(h)n-Scheroh, obwohl ich damals noch gar nichts von Brignoles wusste. Groß-Gerau ist ein eher unscheinbares Städtchen, das man vom Vorbeifahren Spargel- und Erdbeeranbau im Ried kennt, ebenso vom Zuckerrübenanbau (Südzucker) und via Rüsselsheim für Opel. Am charmantesten fand ich seinerzeit das Kino Riedcasino, für dessen alternativen Charme und das besondere Kinoprogramm ich weite Wege auf mich genommen habe, es scheint aber nicht mehr zu existieren. Womit wir immerhin den Reigen zu Clooneys geschlossen hätten. In Brignoles also. Und nun machen sich alle über den kleinen Bürgermeister mit seinem Bäuchlein und seinem stolzen FB-Foto lustig. Egal, wir erfahren, dass Amal Clooney ausgezeichnet Französisch spricht. Sehr charmant seien beide und der Bürgermeister hofft, dass die Präsenz des Ehepaars Clooney Brignoles etwas Aufschwung geben möge. Warum auch nicht. Sehen Sie nicht alle drei entzückend aus?
Ex-ex-Präsident Sarkozy wurde für zwanzig Minuten (braungebrannt und unrasiert) in Le Lavandou gesehen, wo er zu einer Restaurant-Eröffnung eingeladen war. Wie Sie vielleicht wissen, wurde Sarkozy aber zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, die er zwar in einer Art Luxus-Knast, nämlich im Anwesen seiner Schwiegermutter ganz in der Nähe von Le Lavandou verbringt, Hausarrest hat er aber, Restauranteröffnung hin oder her, trotzdem. Zwanzig Minuten Ausgang stand man ihm dann wohl zu, bevor ihn seine sogenannten Body-Guards wieder “nach Hause” fuhren. Er ließ sich also nur im Restaurant sehen, gegessen hat er dort nicht.
So viel aus unserer Rubrik People.
Was sonst? Das neue Frankreich Magazin kam heute gleich dreimal an! Toll! Ich bin derzeit allein zu Haus, genieße es, in meinem Rhythmus zu leben, komme aber trotzdem zu nix. Hier hat die 4. Welle begonnen, die Krankenhäuser sind schon mit Patienten der Delta-Variante voll, die sogenannten 7-Tage-Inzidenzzahlen meines Departements verrate ich Ihnen besser nicht, sie explodieren nämlich, und der Sommer mit all den Urlaubern ist noch nicht vorbei. Ich sehe mich im September schon wieder im Lockdown, dabei war ich noch gar nicht wirklich draußen. Daher haben wir jetzt den umstrittenen “Pass-Sanitaire”, mit dem man nachweist, dass man zweimal geimpft oder negativ getestet ist, wenn man irgendwo reinwill (Kino, Restaurants, Einkaufszentren). Konzerte, eben noch vollmundig angekündigt, werden wieder abgesagt, weil nun nicht mehr 1000, sondern nur noch 50 Menschen versammelt sein dürfen. Noch ist die Maskenpflicht im öffentlichen Raum nicht wieder Pflicht geworden, das wird aber möglicherweise nicht mehr lange auf sich Warten lassen.
Zum Hochwasser in Deutschland. Wie Sie sich vielleicht erinnern, waren wir seinerzeit in Cannes auch betroffen. Wir haben bestimmt 5000 verschlammte Bücher weggeworfen. Und ja, wir haben nur Bücher verloren, nicht viel mehr, ein Hobby, die Sammlung des Gatten. Es tat weh, aber wir können ohne weiterleben. In Deutschland haben so viele Menschen alles verloren, es ist erschütternd. Ich bin, aus Gründen, den Büchermenschen besonders nah und möchte hier ein paar Links teilen.
Es gibt zwei konkrete Hilfsaktionen über Gofundme.com für eine Buchhandlung in Bad Münstereifelund eine Buchhandlung in Kall. Ich bin sehr gerührt zu sehen, dass in beiden Fällen, die erhoffte Zielsumme schon überschritten wurde. Ob die wirklich reicht, um weiterzumachen und monatelang ohne Einkünfte zu überleben, sei dahingestellt. Es gibt aber noch andere Buchhandlungen, die “ertrunken” sind, das Börsenblatt zählt sie hier auf. Man kann die Buchhandlungen direkt oder auch über das Sozialwerk des Deutschen Buchhandels, Stichwort “Hochwasser 2021” unterstützen; die Bankverbindung findet sich im verlinkten Artikel.
Über diesen Text von Friederike vom Landlebenblog habe ich von der Autorin Karin Joachim erfahren, der die Ahr das Haus durchgespült hat. Sie hat dabei alles verloren. Sie jammert nicht, bittet aber um Unterstützung durch den Kauf ihrer Bücher. Über Isabel Bogdan hörte ich von dem Antiquar und Versandbuchhändler Tobias Wimbauer in Hagen, dem das halbe Buchlager (50.000 Bände) abgesoffen ist und der dringend einen neuen Lagerraum für die restlichen Bände und vielleicht auch sonst Hilfe benötigt. Ich habe leider keinen richtigen Link gefunden, aber Tobias Wimbauer sucht derzeit über ebay nach einem Lagerraum.
Geldspenden, auch Sachspenden sind eine Sache, aber falls Sie Zeit und körperliche Kraft haben, bitte helfen Sie aktiv irgendwo. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie mühsam das Wühlen im Schlamm ist und wie die körperliche Kraft nachlässt und wie sehr die Unterstützung von HelferInnen motivieren kann, weiterzumachen. Es ist eine Scheiß-Arbeit, und man wagt nicht, jemanden damit zu behelligen. Ich werde unseren HelferInnen, vor allem denen, die auch nach mehreren Tagen noch da waren, nie vergessen, was sie getan haben. Vielleicht können Sie auch mit Kaffee oder gekochtem Essen helfen oder mit dem Belegen von Sandwiches oder was weiß ich. Ich verlinke dazu jetzt aber keinen Text, ich vermute, Ihre Zeitungen sind voll davon. Wenn nicht, suchen Sie einfach im Internet nach “Hochwasser wie kann ich helfen”. Danke.
Es ist vorbei das Festival. Ich war häufiger im Kino als gedacht, ich hätte auch noch viel mehr Filme sehen können, denn es gab Freikarten à gogo; es war deutlich weniger Publikum da als sonst, und man wollte die Filme ungern in halbleeren Sälen vorführen. Ich habe morgens um Acht den neuen Film von Jacques Audiard gesehen, Les Olympiades, und ebenso morgens in aller Frühe einen marokkanischen Film Haut et Fort von Nabil Ayouch.
Jacques Audiard hat mich mit De Rouille et d’Os “Von Rost und Knochen” seinerzeit sehr beeindruckt und Nabil Ayushs “Much loved”, ein Film über Prostituierte in Marokko, fand ich auch sehr gut.
Die neuen Filme sind beide weniger stark. Les Olympiades habe ich dennoch gerne gesehen: Ein in Schwarz-Weiß gedrehter Film über multikulturelle Liebe im 13. Arrondissement in Paris, Chinatown, in der Hochhaussiedlung, die Les Olympiades heißt. Kein weltbewegender Film, aber angenehm, französisch, es wird viel gevögelt geliebt. Der Saal war voll. Das Publikum hat zwischendurch gelacht und am Ende viel applaudiert.
Nabil Ayouch will hingegen die Welt verändern; zumindest versucht sein zunächst nicht besonders sympathisch wirkender Held, Anas, ein ehemaliger Rapper, in einem ärmlichen Vorort von Casablanca Jugendlichen (Jungen und Mädchen) den Rap näherzubringen und damit Musik, Tanz, Ausdruck. Das gefällt natürlich nicht allen. Es passiert nicht viel in diesem Film, Haut et Fort meint “Laut und Deutlich” und er hat eine deutliche Botschaft: Jugendliche diskutieren über ihr Leben und werden zunehmend mutiger, freier und kritischer. “Wir sind kein Religionskurs” schimpft Anas einmal, als die Diskussionen der Jugendlichen zu sehr von dem getragen sind, was “die Religion erlaubt” und was nicht. Er betet auch als einziger nicht, und beobachtet vom Dach aus, wie sich die ganze Stadt zur Gebetszeit niederkniet. Mich erinnerte es an eine moderne marokkanische Variante von “Der Club der toten Dichter”. Auch hier Applaus, der Saal aber war weniger voll.
Ein Doku-Film, der hier sehr gemocht wurde, ist Charlotte Gainsbourgs Film über ihre Mutter Jane Birkin Jane par Charlotte. Das ist natürlich superfranzösisch. Charlotte wird hier ebenso geliebt wie Jane und alle Journalisten sind hingerissen von dieser Zartheit, wie beide Frauen miteinander kommunizieren. Eine Liebeserklärung. Ein Mutter-Tochter-Tête-à-tête. Es gab berührende Standing Ovations.
Titane von Julia Ducourneau habe ich bewusst nicht angesehen und ich verlinke nichtmal den Vorfilm. Zu bizarr, zu gewalttätig. Sex mit Autos. So etwas will ich nicht sehen, auch wenn er mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde. Nicht nur ich hatte den Eindruck, dass es dieses Jahr bei der Preisvergabe sehr politisch korrekt zuging. Man wollte die Goldene Palme wohl unbedingt einer Frau geben, und die zweite Frau im Rennen kam aus Ungarn. Ungarn ist politisch wieder nicht ganz so korrekt und Titane ist sicher der bizarrste Film der Auswahl – passt. Spike Lee, wieder in einem sehr speziellen Anzug, hat leider die Dramaturgie des Abends durcheinander gebracht, indem er die Gewinnerin der Goldenen Palme als Erstes nannte, statt den “ersten Preis”. Irgendwie wirkte danach alles etwas verrutscht. Überhaupt fand ich die ganze Zeremonie komisch unprofessionell, als würden sie das alles zum ersten Mal machen.
Jetzt ist es also rum. Es hat hier noch einmal viel geregnet, was auch für uns im Juli ungewöhnlich ist; bis eben hatten wir richtig kühle Nächte und haben sogar wieder eine Decke aus dem Schrank geholt. Das ist natürlich die Überleitung zur Hochwasserkatastrophe in Deutschland, von der ich erst mit etwas Verspätung erfahren habe. Als ich Monsieur davon erzählte, sagte der “nun übertreib mal nicht!”, aber schon kamen unfassbare Bilder in den französischen Abendnachrichten, und sie kamen sogar auf die Titelseite der Tageszeitung, und das während des Festivals! Die Stadt Cannes, die 2015 eine vergleichbare Katastrophe erlitten hat, aber regional begrenzter, (Sie erinnern sich vielleicht) hat den betroffenen Gebieten in Deutschland finanzielle Unterstützung zugesagt. Weltumspannende Solidarität, denn die hat Cannes damals auch erfahren. Dabei arbeiten wir im Süden auch noch an den Schäden, die die Hochwasserkatastrophe letztes Jahr im Hinterland in den Tälern Tinnée, Vesubie und Roya angerichtet hat; das ist hier noch lange nicht überstanden. Ich kenne also diese Bilder von den verschlammten und teilweise weggeschwemmten Häusern, von den weggebrochenen Brücken und aufgeplatzten Straßen, gestrandeten Möbeln, Holz, Kühlschränken, Autos. Aber Bilder von Menschen, die “in meinem sicheren Deutschland” auf Dächern ihrer Häuser sitzen und gerade noch so gerettet werden, treiben mir Tränen in die Augen. Für mich sind die deutschen Häuser, Dörfer und Städte der Inbegriff von Solidität. Und dann werden sie in minutenschnelle genauso weggeschwemmt wie kleine Holzchalets in Südfrankreich, das erschüttert mich sehr. Ich bin tout coeur mit allen Menschen, die betroffen sind.
Ich will ja immer noch viel mehr erzählen, habe seit Wochen einen anderen Blogbeitrag in Arbeit, aber man kommt ja zu nix. Hier jetzt also nur schnell und in eigener Sache den Hinweis auf das Interview am Mittwoch, 21. Juli 2021 im WDR 5 – in der Sendung “Neugier genügt” bekomme ich eine halbe Stunde “Redezeit”: ein Live-Gespräch zwischen 11 und 11.30 Uhr. Wenn Sie auf den Link zum WDR klicken, sollten Sie dann direkt zur Sendung kommen.
ps: Hier der Link zur Aufzeichnung des Interviews, falls Sie es live verpasst haben sollten oder auch, wenn Sie meine Stimme nochmal hören wollen
Vermutlich das erste Mal, dass ich im Juli an 12 von 12 teilnehme. Schon am Morgen dachte ich, dass es zumindest farblich ein doofes 12 von 12 werden wird, es sah zumindest sehr nach Gewitter aus, hat sich im Laufe des Tages dann aber zu einem schwülwarmen halbbedeckten Tag entwickelt. Es hat schon zweimal geregnet im Juli, absolut ungewöhnlich, auch die sonnige Côte d’Azur hat einen “Schlechtwetter-Sommer”. Hat vielleicht auch mit dem Filmfestival zu tun, denn es regnet immer (!) während des Filmfestivals, darauf kann man wetten. Da kann man es verschieben so viel man will, Mai oder Juli, vollkommen egal.
Frühstück. Manche Dinge ändern sich nicht. Pepita wartet vor dem Küchenunterschrank.
Am Mittwoch ist Nationalfeiertag, ich bekomme heute außerdem vermutlich Spritzen in die Knie und weiß nicht, wie es mir danach gehen wird, deswegen machen wir heute früh umfassende Einkäufe. Da ich auch starke Schmerzen in der Schulter habe, bitte ich den Gatten, mich zu begleiten, ich kann fast nix mehr mit dem Arm machen, schon gar nichts Schweres (2 x 6 Flaschen Perrier zu Beispiel) heben. Seit dem Beginn von Corona vor anderthalb Jahren ist Monsieur nicht mehr im großen Supermarkt am Rande der Stadt gewesen. Er hat alle möglichen Veränderungen verpasst und versteht schonmal nicht, dass man nur noch zu zweit im Aufzug sein darf. Er starrt auch das dünne Papiertütchen verständnislos an, das ich ihm am Obststand reiche. Was ist das? Das ist eine Papiertüte, erkläre ich ihm, die haben die komischen Maisfasertüten abgelöst. Die gibt es jetzt hier für Obst und Gemüse. Aha.
Mit dem Gatten einzukaufen ist für mich ein doppeltes Logistikproblem. Zunächst muss ich eine zweite Einkaufsliste für ihn machen. Eindeutige und leicht auffindbare Dinge soll er in seinen Wagen werfen, den Rest nehme ich. Wir haben zwei Wagen, denken Sie sich schon. Die sind auch beide voll am Ende, das erstaunt mich immer wieder. Vor allem erstaunt mich, dass zwei Wochen später alles aufgegessen und aufgebraucht ist und wir von vorne beginnen. Erschwerend kommt hinzu, dass unser Metzger eine schlimme Bandscheibengeschichte hat und die Metzgerei bis auf Weiteres geschlossen ist. Der Kühl-Lieferwagen meiner Gemüsekisten-Mädels ist ebenso zusammengebrochen, sie können nicht mehr liefern. Ich komme also zeitgleich weder an gutes Fleisch noch an frisches Gemüse – zumindest in meinem derzeitig eingeschränkten Bewegungsradius. Der Gatte hat wenig Ambitionen meinen aufwändigen Markt (Gemüse, Obst, Fisch, Käse, Eier) – Supermarkt (Kaffee, Nudeln, Waschmittel, Katzenstreu, Klopapier, Rosé uvm.) – Metzger – Bäcker – Einkaufsmarathon zu übernehmen. Also wird heute ganz pragmatisch etwas mehr im Supermarkt eingekauft. Monsieur findet aber vieles nicht, der Supermarkt hat in der Zwischenzeit mehrfach umgeräumt, dafür nimmt er, wie von der Umräumaktion beabsichtigt, anderes mit. So haben wir am Ende doppelt Schinken, doppelt Melone, doppelt Desserts (nicht schlimm, wird aufgegessen) aber auch Dinge, die sich mir nicht erschließen: Mülltüten (wir haben Mülltüten bis Ende des Jahres) Dosenaprikosen (in Zeiten, in denen es frische Aprikosen gibt), salziges Popkorn, Chips, Kapern. Ich muss mich mit meiner Einkaufsliste und dem, was er nicht gefunden hat, beeilen, denn Monsieur geht schon zielstrebig zur Kasse. Ich schärfe ihm ein, dass er VOR der Kasse auf mich WARTEN soll! Sie lachen? Ich sags Ihnen, ich lache da nicht mehr.
Eingekauft
Zurück, räume ich alles dahin, wo es hingehört und freue mich wieder einmal über den neuen geräumigen Kühlschrank. Schon mache ich Mittagessen, früh heute, den ich habe zu bester Mittagspausenzeit mein (kurzfristig früheres) Rendezvous mit der Rhumatologue. Es gibt rohe Artischocken als Vorspeise für den Gatten, ich aß zwei Scheiben Wassermelone, dann von gestern aufgewärmtes Ofengemüse und frische Lammleber. Kein Käse, wir haben gerade einen anspruchsvollen (geschmacklich und olfaktorisch) Reblochon beendet. Als Nachtisch gibts Eis. Foto etwas spät aufgenommen.
Dann warte ich vor dem Haus; Monsieur fährt mich in die Innenstadt und parkt das Auto.
Ich gehe ein paar Schritte durch die belebte Rue d’Antibes und sehe Filmküsse im nur noch leicht bedeckten Himmel. Hier Simone Signoret und Yves Montand.
Wartezimmerromantik. Ich bekam erneut Kortison in die schmerzende Schulter/Oberarm, außerdem das Rezept für zweimal drei Hyaluronspritzen, die es in wöchentlichen Abständen demnächst in beide (!) Knie geben wird. Aber eben noch nicht heute.
Monsieur holt das Rezept für mich und dann das Auto, ich trinke, während ich auf halbem Weg auf ihn warte, einen Espresso, das Foto ist leider verschwommen, auch sehr unspektakulär, aber wer weiß wie lange das noch möglich ist, es wird ja alles schon wieder schlimmer. Kein Wunder eigentlich.
Wieder zuhause, beantworte ich ein paar Mails, daddel mit dem Telefon herum, klaue dieses schöne Foto meiner Kunst-Cousine @petrapan, die bereits das neue Frankreichmagazin liest!
Kümmere mich um die Katze, die einen 17 Uhr Snack einklagt, Wasser trinken will und außerdem Streicheleinheiten braucht.
Kleines Telefonat, schon gibts Abendessen. Wir bekamen Leisa-Nudeln von der Alb auf Linsenbasis geschenkt, die probiere ich heute Abend aus; ich esse sie mit selbstgemachtem Pesto und finde sie toll! Monsieur isst ein Stück Lammleber von heute Mittag und kaut unzufrieden auf den Nudeln herum, sie können ihn nicht überzeugen. Nichts geht über Nouilles (komische kurze Bandnudeln).
Monsieur schaut bereits einen alten Western, ich setze mich vielleicht dazu; später habe ich diese Nachtlektüre zu beenden.
Ok, die Alliteration klappt nur bedingt. Aber wir wollen nicht zu kritisch sein, es ist Sommer, es ist heiß, das Hirn dampft. Ich habe sogar den 5. und “Was machst du eigentlich den ganzen Tag” vergessen. Keine Entschuldigungen, was alles nicht geht, nur jetzt schnell ein paar Eindrücke aus Cannes, der sommerlichen Festivalstadt, denn es hat gestern begonnen, das diesjährige Filmfestival. Letztes Jahr fiel es aus, dieses Jahr wurde es noch von Mai in den Juli verschoben, und man bangte lange ob, und ja, jetzt ist es da, und vielleicht ist es nicht so voll wie sonst, aber es ist ausreichend Getümmel in der Innenstadt, die wir jetzt großräumig meiden.
Das 74. Filmfestival in Cannes wurde also gestern Abend eröffnet. Und ich war dabei! Zumindest habe ich die Eröffnungszeremonie und die ersten “montée des marches” der Jury und der Schauspieler des Eröffnungsfilms gesehen, allerdings via Live-Übertragung von Canal+ in einem kleinen Stadtteilkino. Es war das erste Mal, dass ich “so nah dran” war und es war schon beeindruckend. Vor allem ist es wahnsinnig laut, hunderte Fotografen im Smoking, rechts und links des roten Teppichs positioniert, brüllen ununterbrochen, dass sich die Stars bitte zu ihnen drehen möchten, die Stars drehen sich dann auch gehorsam und lächelnd in alle Richtungen und gehen laaangsam den Teppich entlang und die Stufen hinauf.
Am Rand stehen Journalisten von Canal+ und ziehen immer mal eine Schauspielerin (Jodie Foster, Carla Bruni, Marion Cotillard), Filmschaffende oder die Kulturministerin Roselyn Bachelot vom roten Teppich und vor die Kamera und die Mikros und fragen stakkatomäßig dies und das. Viel Zeit ist nicht. Schon formiert sich die Jury des Filmfestivals um den in fluo-pink gekleideten Spike Lee. Mit ihm hat erstmals ein Afroamerikaner die Rolle des Jury-Präsidenten inne. Und wir haben fünf Frauen, darunter die französische Sängerin Mylène Farmer, und drei Männer (aus insgesamt sieben Ländern) in der Jury. Und als erstes bekommt Jodie Foster eine Ehrenpalme für ihr Werk: Sie spricht zu meiner Überraschung perfekt französisch und dankt mehrfach ihrer Frau Alexandra. Mehr political correctness geht nicht am ersten Abend.
Spike Lee hat gestern zwar ziemlich wenig Text, macht aber von sich reden, dank des farbigen Outfits bis hin zur fluo-pinkfarbigen Sonnenbrille, und zieht klar, alle Blicke auf sich. Monsieur, der seit Jahren eine fluo-grüne Sonnenbrille trägt, ist vermutlich plötzlich ziemlich hip.
Es drängeln sich auch trotz COVID ziemlich viele Menschen (vorwiegend ohne Masken) am Absperrgitter, stehen auf Leitern und rufen ihren Stars ebenso zu. Manche bekommen sogar ein Autogramm – Marion Cotillard war sehr freundlich und schrieb ihren Namen ziemlich oft auf ihr entgegengestrecktes Papier und lässt sogar Selfies machen.
Der große Saal im Palais des Festivals ist voll, nicht alle tragen Maske, aber die meisten. Nach der Eröffnungszeremonie (wie gesagt Jodie Foster bekommt die Ehrenpalme und hält eine lange Rede in perfektem Französisch; ist sie nicht großartig?)
sehen wir im Kino, genau wie das Publikum im Saal, den Eröffnungsfilm “Annette” von Leos Carax, von dem ich zu meiner Schande noch nie gehört habe. Ich bin also komplett neutral und gespannt auf den Film. Er wird uns als eine tragédie musicale angekündigt, ein tragisches Musical, ein gesungener Film. Aber eben kein heiterer.
Es beginnt dynamisch, Marion Cotillard, Adam Driver, ein paar Musiker (Sparks) und ein Chor laufen durch die Straßen und singen, “so may we start”, vielleicht singen sie auch was anderes, aber das ist das, was ich verstehe, “Lasst uns anfangen”, sie singen in Englisch. Es gibt aber französische Untertitel. Wollen Sie den Inhalt? Wenn nicht, überspringen Sie den Absatz nach dem Trailer.
Ich hoffe, das Video ist in Ihrem Land zu sehen.
Eine zarte Opernsängerin Ann (Marion Cotillard) und ein, wie man später erfährt, gewalttätiger Komiker Henry (Adam Driver), der sein Publikum mit provokanten Szenen zum Lachen bringt, sind überraschend ein Liebespaar geworden. Sie bekommen ein Kind, ein Mädchen, Annette, die beinahe bis zum Schluss von einer Marionette gespielt wird. Sehr bizarr. Der Komiker trinkt zu viel, ist eifersüchtig und bringt erst die Sopranistin um, später noch den besten Freund, der vielleicht der echte Vater von Annette ist, denn er hatte eine kurze Liebesaffäre mit der Sängerin. Außerdem beutet er seine kleine Tochter “Baby Annette” aus, die von ihrer Mutter auf mystische Weise eine magische Stimme “geerbt” hat. Die Tochter singt dann eines Abends vor einem Millionenpublikum nicht mehr, sondern klagt ihren Vater an, Menschen getötet zu haben. Ende im Gefängnis. Hier jetzt singt ein echtes kleines Mädchen, dass sie ihrem Vater nie verzeihen wird, was er getan hat. Das alles wird gesungen, dauert 2 Stunden und 20 Minuten und ist damit sehr lang. Ich hatte Hunger, Schmerzen im Knie, das ich nicht bewegen konnte, gähnte hinter meiner Maske und war versucht, mein Smartphone zu öffnen, um zu sehen, ob es etwas Interessanteres gäbe. Zu meiner Beruhigung ging es dem Publikum im Saal nicht anders. Die ZuschauerInnen waren im besten Fall verstört. Die meisten gelangweilt und genervt. Niemand klatschte. Die Kritiken in Nice Matin gehen heute von “Punk Oper” über “meisterhafter Märchenerzähler” bis zu “Unklar” und sie vergeben 1 bis 3 (von 5) Palmen. Telerama aber, das intellektuelle Kulturblatt, spricht von einem Gesamtkunstwerk.
So viel zum Kino in Cannes. Das Sommerliche folgt (hoffentlich bald) in einem Sommer-Special.
Für den zweiten Wahldurchgang habe ich Procuration beantragt. Man muss ja alles mal gemacht haben, nicht wahr. Dazu muss man sich zunächst das Dokument cerfa 14952*02 herunterladen, online ausfüllen, wozu man wiederum die Angaben der Person benötigt, die für einen wählen soll, man druckt es aus und begibt sich damit zur Polizei oder zur Gendarmerie.
Ich wählte das nächstliegende Commissariat, indem auch Commissaire Duval tätig ist, ich dachte, ich zwinkere ihm mal wieder zu; ich kam extra kurz nach 14 Uhr, der Beginn der Mittagsschicht, er war aber vermutlich noch in der Mittagspause.
Ich stand um diese Uhrzeit nicht allzulange in der Sonne vor dem Commissariat herum; es dürfen derzeit immer nur sechs Personen gleichzeitig hinein, man muss sein Anliegen an einer Sprechanlage formulieren und dann öffnet sich eine Türschleuse. Die zweite Tür öffnet sich, sobald die erste wieder geschlossen ist. Ich durfte aber zusätzlich hinein und mich, nachdem ich mein Anliegen vorgetragen und sämtliche Dokumente vorgezeigt hatte, sogar setzen, Gehstock sei Dank.
Man muss nicht begründen, warum man nicht selbst wählen geht, aber man muss en règle sein und die Person, die anstatt wählt, natürlich ebenso. Und sie muss im gleichen Wahlbezirk wählen dürfen. Ich bin zwar en règle, aber ich habe noch kein französisches Ausweisdokument, insofern schleppte ich den Brief vom Innenminister mit mir herum, der mir bestätigte, dass ich Französin sei.
Ein Teil meines Antrags auf Procuration blieb bei der Polizeidienststelle, die ihn an die Mairie in Châteauneuf weiterleiten wird. Ich bekam meinen Teil datiert und abgestempelt, schickte ein Foto davon für alle Fälle an die Freundin, dann rief ich sie an und flüsterte ihr ins Ohr, wen sie bitte für mich wählen möge.
So viel Auswahl haben wir nicht mehr. Vielleicht haben Sie in einem Kommentar zum letzten Beitrag gelesen, dass in unserer Region der Kandidat der Grünen gezwungen worden war, sich zurückzuziehen. Er hatte zunächst verlauten lassen, dass er auch beim zweiten Durchgang zur Wahl stehen wolle, dann aber wurde er von seiner Parteileitung angewiesen, sich zurückzuziehen, um, wie so oft, die Wahl von Marine Le Pen “zu verhindern”.
Der zweite Wahldurchgang funktioniert im Verhältniswahlrecht – wer die meisten Stimmen hat, hat gewonnen. Mariani, der Kandidat, der Marine Le Pen nahesteht, und der im ersten Durchgang schon über 35% Stimmen bekommen hatte, würde, wenn sich nichts ändert, vermutlich gewinnen, denn Muselier und Felizia, der Kandidat der ökologischen Partei, würden sich die “Gegenstimmen teilen” (31% Muselier, 16% Felizia). Indem Felizia seine Liste zurückzieht, hofft man, dass dessen Wähler nun, zumindest zu einem gewissen Prozentsatz, Muselier, als das “kleinere Übel” wählen, sodass dieser mehr Stimmen als Mariani erhält, und man so einmal mehr Marine Le Pen verhindert hat.
Das Verhältniswahlrecht des zweiten Durchgangs gilt aber nur für die Wahl, es gilt nicht für die Aufstellung des Regionalparlaments. Der, dessen Partei gewonnen hat, regiert. Die anderen bekommen ein oder zwei Personen ihrer Wählerliste ins Parlament, damit könnten sie sich vielleicht hin und wieder Gehör verschaffen, wirklich erreichen können sie so gut wie nichts. Da ich aus dem Land des Verhältniswahlrechts und der Koalitionen komme, bleibt mir dieses “alles oder nichts”-System fremd. Der Gatte sagt, anders könne man dieses (ohnehin schwer regierbare) Land nicht regieren, weist aber darauf hin, dass Muselier von Anfang an auch Macrons Partei LREM La République en marche hinter sich habe, also bereits eine Art “Koalition” geschaffen habe, was ihm von “Partei-Puristen” übrigens übel genommen wird.
Um 16.25 Uhr erfahre ich, dass ich gewählt habe, im Dorf sind tatsächlich noch ein paar Personen mehr im Wahlbüro erschienen als bei der ersten Runde, 76 von 90. So sieht es auch im Rest unserer Region aus: Hier, wo es um etwas geht, haben sich die Menschen doch aufgemacht und gewählt (aber dennoch nur etwa 35%).
Im Rest Frankreichs ist die Wahlbeteiligung jedoch extrem gering. Noch geringer als beim ersten Wahldurchgang. Gerade haben wir erfahren, dass es die niedrigste Wahlbeteiligung ever war. Die einen erklären es gerne mit dem Wetter: es regnet in einem Teil des Landes, die Sonne scheint zu verlockend in unserem Teil. Die anderen sagen, die jungen Leute (die größte Gruppe der Nichtwähler) haben anderes im Kopf nach Monaten mit COVID-Maßnahmen. Wieder andere sagen, die Regionen sind grundsätzlich überflüssig, was sie tun ist undurchsichtig und im Zweifelsfall haben sie keine Macht, daher ist die Wahl für die WählerInnen uninteressant.
Wie dem auch sei, um 20 Uhr haben wir erfahren, dass in unserer Region, wie zu erwarten, Muselier gewählt wurde, und zwar mit deutlichen 56% (exakte Zahlen gegen 22 Uhr). Uff!
“Kommt ihr am Sonntag oder habt ihr jemandem “Procuration” erteilt?”, fragte mich vor ein paar Tagen eine Freundin aus dem Bergdorf. Die soziale Kontrolle im Dorf, in dem 90 Personen in die Wählerliste eingetragen sind, ist groß. Dass ich dort wähle, seitdem ich Französin geworden bin und an allen Wahlen teilnehmen kann, ist selbstverständlich. Hier zählt jede Stimme. Überhaupt zählt in so einem Mikrokosmos jede und jeder. Im Guten wie im Schlechten. Eine Person, die in unregelmäßigen Abständen im Alkohol versinkt, und Touristen, die Jurte und Zirkuswagen für die Ferien gemietet haben, nicht empfängt und die Unterkünfte verkommen lässt, trägt genauso zum Ruf des Dorfes bei wie die junge Schäfer-Familie mit drei Kindern, die etwas “bohemien” lebt, alternativ in Zelt und Jurte, aber freundlich und hilfsbereit ist und außerdem ausgezeichneten Käse macht.
Selbstverständlich fahren wir ins Dorf zum Wählen. Es ist immer ein Tagesausflug, aber er dient auch dazu, mit den Menschen Kontakt zu halten. Man begrüßt sich und spricht mit allen, erkundigt sich nach den Neuigkeiten, und wir erzählen unsererseits les nouvelles von “unten”, von der Küste, und wenn es nur das stickige Wetter ist, über das man klagt. Dieses Mal erzähle ich vom Knie und bekomme solidarische Mitleidsbekundungen aller älteren Damen, die sich, wie ich, vorsichtig an Gehstöcken über den steilen und unwegsam-steinigen Dorfboden bewegen. Ach, ach!
Immerhin hat die Mairie, die Gemeindeverwaltung, einen barrierefreien Zugang zum “Hôtel de Ville”, zum Rathaus, geschaffen, nicht nur für die gehbehinderte Mutter der Bürgermeisterin, aber das familiäre Handicap hat die Entscheidung dafür sicherlich beschleunigt.
Gestern wurde nicht nur regional gewählt, sondern auch départemental, beide Wahllokale im selben kleinen Büro, weshalb sich die “Wahlkabine” als Regal im unaufgeräumten Nebenraum entpuppt. Ich konnte es auf die Schnelle nicht richtig dokumentieren und ich will mein Dorf auch nicht bloßstellen, aber es hat schon einen eigenen Charakter, zwischen zusammengeklappten Möbeln, Kaffeemaschine und Aktenordnern in einem Rattan-Regal zu wählen.
“A voté”, ruft einer der Wahlhelfer, als ich meinen mehrfach gefalteten Zettel im kleinen Umschlag in die Wahlurne stecke: “Madame hat gewählt!”
Man bekommt im Vorfeld jede Menge Papier nach Hause geschickt, zig Namen auf den verschiedenen Wählerlisten: mit dem entscheidende Slogan, ZOU oder debout la France!, beispielweise, meint “verschwindet” oder “steh auf Frankreich!”, zwei ziemlich rechte Gruppierungen, die nicht mit Marine Le Pens extrem rechter Partei paktieren wollen und auch nicht mit der rechten Nachfolgepartei Sarkozys. Schwierig, zu verstehen, was sie von den anderen konkret unterscheidet. Dass alle Parteien in Frankreich sich ständig neu benennen und der ehemalige FN (Front National) jetzt harmloser als RN (Rassemblement National) daherkommt, verwirrt zusätzlich. Es stehen in unserer Region PACA (Provence-Alpes-Côtes-d’Azur) ein paar rechte Gruppierungen, zwei ökologische und eine kämpferische Linke (Lutte ouvrière), die noch immer den Konflikt zwischen Arbeitern und Kapitalisten austrägt und auch noch immer mit Hammer und Sichel firmiert, zur Wahl.
In Frankreich links zu sein, meint etwas anderes als in Deutschland links zu sein, und in Frankreich rechts zu sein ebenso. Unpolitisch aber kann man nicht sein. Einmal wurde ich vor einem Gespräch gefragt “bist du rechts oder links?”, als ich damals irgendetwas stotterte, dass ich als Deutsche in Frankreich im Grunde unpolitisch sei, wurde verächtlich abgewinkt. Man hat hier seine Überzeugungen, die sind oft familiär geprägt und dieser gemäßigte Mittelweg, mit dem “Besten von Rechts und Links”, den Macron mit seiner Bewegung “En marche!” sucht, der wird hier nicht verstanden.
Die Franzosen sind ein rebellisches Volk, es wird viel, laut und dramatisch palavert, aber dann wollen sie einen, der auf den Tisch haut und etwas entscheidet. Damit ist dann die eine Hälfte einverstanden, die andere selbstverständlich nicht, und die geht dann auf die Straße und beginnt zu streiken. Das ist alles etwas verkürzt dargestellt, Sie verstehen schon.
Vorher aber wählen sie. In Frankreich braucht man eine absolute Mehrheit, bekommt ein Kandidat mehr als 50% im ersten Anlauf, ist die Wahl entschieden; häufig ist das nicht der Fall, weshalb es einen zweiten Wahlgang eine Woche später gibt. Alle Parteien, die im ersten Wahlgang nicht über zehn Prozent gekommen sind, fallen beim zweiten Wahlgang weg. Häufig ziehen sich die anderen Parteien, die keine Mehrheit auf sich vereinigen können, ebenso zurück, damit es am Ende nur zwei Kandidaten zur Stichwahl gibt. Die Parteien, die sich zurückziehen, geben häufig Wahlentscheidungen an ihre Wähler. Jean-Luc Mélenchon, von der extrem Linken Partei ” La France insoumise” (sinngemäß etwa “unbeugsames Frankreich”) sagte gestern schon deutlich, er ziehe sich zurück und fordere seine Wähler auf, Marine Le Pen “zu verhindern”. Heißt im Klartext, auch extrem linke Wähler wählen unter Umständen letztlich eine rechte Partei, damit die extrem rechte Partei nicht zum Zug kommt. Man wählt also taktisch, nicht für, sondern gegen jemanden. Manche sagen aber auch, ich habs satt immer gegen etwas zu wählen, und meine Ideen und Überzeugungen letztlich in der Regierung nicht berücksichtigt zu sehen. Und sie wählen daher gar nicht. So geschehen gestern.
Bei der Regionalwahl haben sich frankreichweit dieses Mal zwei Drittel der Bevölkerung NICHTzu den Wahlurnen begeben. Knapp siebzig Prozent der Franzosen haben NICHT gewählt! An manchen Orten sogar über 80%.
Nicht “a voté” sondern “n’a pas voté!” wollte ich meine Überschrift zu diesem Text auch wählen, aber es wäre vermutlich unverständlich geworden.
Zwei Drittel Nichtwähler! Wie kann das sein?
Die Franzosen, aus vielerlei Gründen unzufrieden mit der herrschenden Politik, drücken ihre Unzufriedenheit häufig im ersten Wahlgang mit einer Protestwahl aus. So kommt immer mal wieder die rechtsextreme Partei in die Stichwahl, was regelmäßig alle zum Aufschreien bringt, eine Woche lang wird laut diskutiert, und im zweiten Wahlgang wählt man dann zähneknirschend das “kleinere Übel”. Glücklich ist dann natürlich niemand. Auch der so gewählte Kandidat sollte sich nicht darüber hinwegtäuschen, dass er für viele nicht der Herzenskandidat ist.
Da eine Stimmenthaltung, die sogenannte “vote blanc”, man geht wählen, wählt aber niemanden, weil einem niemand aus der Politikerriege zusagt, bei der Wahl nicht berücksichtigt wird, ist das Nicht Wählen die andere Art von Protest. Es ist mehr als nur ein achselzuckendes “m’en fous”, dieses “Mir doch egal, kann eh nix beeinflussen, die machen, was sie wollen”, wie es oft heißt. Dazu passt, was nur ganz wenige selbstkritische Politikerinnen sagen, die Menschen verstehen nicht, was die Regionen, die erst vor etwa dreißig Jahren geschaffen wurden, eigentlich sind und was sie machen. Sie sollten die Dezentralisierung vorantreiben, nicht mehr alles sollte über Paris geregelt werden, aber im Prinzip sind sie nur eine weitere undurchschaubare Schicht im Millefeuille der französischen Verwaltung, die noch mehr Erlasse und Gebote schaffen, mit denen einfache Vorgänge länger und komplizierter werden. Ganz zu schweigen von zusätzlichen Posten in der Verwaltung, die von den Steuergeldern bezahlt werden müssen
In meinem Bergdorf haben immerhin zwei Drittel gewählt! Man fühlt sich verpflichtet, jeder kennt jeden, man kennt auch die regionalen Politiker persönlich. Der Kandidat, der für das Département zur Wahl stand, Charles-Ange Ginesy, er stammt aus einem der Dörfer da oben, hat extra für unsere kleine Gemeinde (und vermutlich für jede Gemeinde im Département) ein Flugblatt drucken lassen, auf dem aufgelistet wurde, was das Département unter seiner Amtszeit für unser Dorf getan hat: Kosten für Straßeninstandhaltung, Straßenbeleuchtung und Wasserversorgung gehen in die zig Tausende. Euer Dorf liegt mir am Herzen, will er uns sagen, und indirekt drückt er aus, dass ohne seinen Einfluss vermutlich Schluss sei mit Subventionen für unser kleines Bergdorf.
Unsere Bürgermeisterin wünscht sich, dass er möglichst einstimmig gewählt wird, und da jede Stimme zählt, werden Personen, die sich nicht selbst zur Wahlurne begeben konnten, unterstützt, damit sie “Procuration” beantragen. Nein, es ist keine Briefwahl. Man überträgt seinen Wahlwunsch auf eine Person seines Vertrauens; dazu muss man vorher nur mal eben zur Polizei oder zur Gendarmerie und beweisen, dass man der oder die ist, der oder die man vorgibt zu sein. Wenn Sie krank sind und nicht laufen können, kommen die Polizisten oder Gendarmen dazu auch zu Ihnen nach Hause. Klingt kompliziert? Bah oui, mais c’est la France!
Match serré titelt Nice Matin heute morgen für unsere Region PACA (Provence-Alpes-Côtes-d’Azur). Ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem derzeitigen Amtsinhaber Muselier, der 33% der Stimmen erreichte und Mariani, dem Herausforderer, der Marine Le Pen nahesteht, und der bereits über 35% der abgegebenen Stimmen auf sich vereinigte. Also 35% von 30% wohlgemerkt. Ich kann nicht gut rechnen, aber das verstehe sogar ich, dass es nicht viel ist. Kein Grund zum Jubeln.
Marine Le Pen aber reibt sich (zumindest in unserer Region) trotzdem die Hände und ruft nun ihre Schäfchen auf, nächste Woche deutlich zu sagen, was sie wollen (Schluss mit dem “herrschenden” System), um Mariani einen sichtbaren Vorsprung zu geben. Wählen sei nicht nur ein Recht, sondern auch eine Pflicht, ruft sie. Die anderen Parteien rufen natürlich ebenso “wählt! wählt! wählt!” Alle versuchen zeitgleich, ein Pöstchen zu ergattern. Wenn ich mich zurückziehe und eine Wahlempfehlung für dich ausspreche, dann will ich aber einen Posten im Regionalparlament haben.
Die Regionalwahl hätte ein Stimmungsbarometer für die Präsidentschaftswahl im nächsten Jahr sein sollen, stattdessen ist sie ins Wasser gefallen. Zwei Drittel Nichtwähler sprechen eine deutliche Sprache. Gewählt haben die, die irgendwie irgendwem verpflichtet sind, der Rest der Bevölkerung hat durch massives Nichtwählen das derzeitige politische System (einschließlich Marine Le Pen) abgewählt.
Was wird also nächstes Jahr bei der Präsidentschaftswahl passieren? Niemand weiß es.
2. Monsieur legt eine Morgenpatience, ich sehe die Wahlunterlagen an. Am nächsten Sonntag ist Regionalwahl. Es gäbe dazu viel zu sagen, im Prinzip läuft es auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen von Muselier (gemäßigt rechts) gegen Mariani (der sich mit Marine Le Pen verbünden will) hinaus. Zusätzlich gibt es zwei grüne Grüppchen, zwei weitere rechte und Lutte Ouvrière, die Arbeiter-Partei, die wie immer davon spricht, die Bourgeoisie zu enteignen.
3. Aufräumen. Symbolbild. Von gestern auf heute ist es heiß geworden, ich suche heute zum letzten Mal für lange Zeit Socken zusammen.
4. Vier Farben Rot. Ich warte auf meine Mitfahrgelegenheit. Wir fahren zur Mitgliederversammlung des Deutsch-Französischen Vereins, bei dem ich vor kurzem Mitglied geworden bin.
5. Unterwegs nach und in Nizza. Da ich nicht fahre, kann ich endlich mal Fotos machen; es beeindruckt mich immer, wenn ich auf der hochgeständerten Schnellstraße quasi zwischen den Hausdächern hindurchfahre.
6. Wir kommen im Hotel an, wo wir essen und tagen werden. Was für ein Blick!
7. Erst das Vergnügen … wir essen (hier der Entrée)8. … dann die Arbeit9. Danach erneut das Vergnügen: Apéro auf der Terrasse.
10. Blick nach links
11. Wieder zu Hause. Abendessen. Monsieur hat eine Pizza bestellt und selbst abgeholt. Gute Initiative, ich bin nämlich zu platt zum Kochen.
12. Bettlektüre. (Ich wollte immer noch was zur letzten Bettlektüre “Trümmermädchen” und zu meiner Lektüre überhaupt schreiben, nicht sicher, ob ich das noch schaffe, die Zeit des Schreibens wird wie immer im Sommer eng.) Dieses Buch (Leserinnenempfehlung) hat mich interessiert und dann doch abgeschreckt – noch ein fremdes Land mit einer unbekannten Geschichte; ich weiß von Frankreich noch immer zu wenig, und jetzt soll ich zusätzlich Griechenland und seine Geschichte (im Zweiten Weltkrieg) verstehen? Aber dann hat es mich gepackt – dass eine der Erzählfiguren Engländerin ist, die in Griechenland ähnliches erlebt und fühlt wie ich in Frankreich, hat mir den Einstieg erleichtert.
Es ist der 5. und Frau Brüllen ruft an jedem 5. des Monats auf zum allgemeinen Tagebuchbloggen: WMDEDGT kurz für Was machst du eigentlich den ganzen Tag?
Es ist Samstag. Pepita weckt mich: sie scharrt an der Tür und miaut herzzerreißend. Ich blicke aufs Telefon: 7.30Uhr. Ich drehe mich noch einmal hin und her, dann wird Pepitas Verzweiflung unerträglich und ich stehe ich auf und öffne die Tür zum Schlafzimmer. Große Erleichterung bei der Katze. Sie begleitet mich ins Bad. Während ich Pipi mache, trinkt sie in der Badewanne Wasser.
Ich begrüße Monsieur, mache mir Kaffee, die Katze umschnurrt mich miauend und behauptet, sie habe nichts zum Frühstück bekommen. Monsieur behauptet das Gegenteil. Ich glaube in diesem Fall Monsieur. Dann setze ich mich mit Kaffee aufs Sofa und die Katze springt auf meine Knie und lässt sich genussvoll das Winterfell auskämmen. Zumindest fünf Minuten lang schnurrt sie. Dann will sie in Ruhe gelassen werden. Schwupps ist es 8.30 Uhr. Ich schubse sie sanft von meinen Knien.
Ich beginne eine Liste für den Blogeintrag, entschließe mich, es stattdessen sofort in den Blog zu schreiben, sonst wird es mir zu viel abends. Habe eine Mail, die ich lese und dann in Zusammenarbeit mit Monsieur beantworte. Nein, höfliches Schrift-Französisch kann ich immer noch nicht alleine.
8.50 Uhr ich gehe ins Bad. Als ich wieder rauskomme, ist die Samstags-Nathalie schon da. Wir trinken erstmal einen Kaffee zusammen, wie man das hier so macht, und sie erzählt mir ihr Leben. Sie hat viel auf dem Herzen, sie ist aber multitache, sie kann beim Sprechen saubermachen. Ich kann das nicht so gut, stecke aber trotzdem zwischendurch Wäsche in die Waschmaschine und beginne die Morue zu entsalzen. Dann räume ich den Tisch im Eingangsbereich leer. Seit dem Entrümpel-Seminar lasse ich es nicht mehr zum großen Chaos kommen. Anschließend ist die Wäsche dran: Bügelwäsche, Handtücher zusammenlegen, Klamotten aufhängen. Das Bügeln breche ich ab, weil Nathalie das Wohnzimmer saugen und durchwischen will. Wir machen das Bett zusammen (das Dilemma des riesen Deckbetts mit den riesen Bettbezügen, sie erinnern sich). Wir drehen gleichzeitig die Matratze um 180 Grad. So etwas geht nur zu zweit.
11 Uhr, ich gehe in die Küche, tausche das Wasser der Morue zum zweiten Mal aus und mache zunächst die Knoblauchmayonnaise, Aïoli genannt. Das ist eigentlich einfach, gelingt mir aber nicht immer, und ich habe es gern hinter mir, um den Kopf freizuhaben. Auch wenn das Essen, Aïoli, ziemlich simpel ist. Ich glaube, wir hatten es im letzten Monat um dieselbe Zeit auch schonmal. Mayonnaise ist gelungen. Ich hänge die Wäsche auf und bereite das Gemüse, die Kartoffeln und die Eier vor. Das Telefon klingelt, es ist für Monsieur, den ich vom Heimwerken aus meinem Büro (ich habe es zurück, hurrah!) hole. Dort sind feuchte Stellen an den Wänden, die bearbeitet werden wollen. Der Charme des Altbaus, immer bröckelt was ab. Monsieur spachtelt die Wände mit seinem Lieblingswerkstoff PF3. Der muss dann, wenn er abgetrocknet ist, mehrfach abgeschleift werden und staubt dabei alles ein. Ich freue mich schon.
12.15 Uhr Nathalie ist gegangen, Pepita wurde gefüttert. Gefühlt wimmerte sie seit Stunden (vergeblich) die Morue an, deren Wasser ich nochmal wechsele und sie dann dampfgare. Wir essen auf der Terrasse: Aïoli. Köstlich. Die Morue hätte einen vierten Wasserwechsel vertragen, sie ist sehr salzig. Wir trinken etwas mehr. Monsieur trinkt einen Weißwein, der dringend weggetrunken werden muss. Zum Nachtisch gibts die restlichen Erdbeeren von gestern.
Um 13.10 Uhr legt Monsieur sich schon zur Sieste hin. Ich entdecke einen Umschlag mit Fotos (ein Kellerfund) aus dem Eingangstisch und schaue französische Familienfotos von vor meiner Zeit an. Dann lese ich ein bisschen im Telefon herum.
Um 13.40 lege ich mich zur Sieste hin. Ich bin gerade eingenickt, als das Telefon klingelt. 14 Uhr. Frechheit. Ein älterer Herr hat sich verwählt, entschuldigt sich vielmals. Na gut. Ich lege mich wieder hin, aber döse nur noch.
14.25 Uhr stehe ich auf, trinke einen Espresso und mache aus einem Teigrest und vier Aprikosen eine kleine Tarte.
15.20 Die Tarte ist fertig, ist aber noch so heiß, dass sie blubbert. Der Gatte steht auf und sieht von nun an Tennis.
15.30 Uhr ich beschließe, in der kleinen Wohnung einer Freundin, in die ich manchmal geflüchtet bin, um in Ruhe zu arbeiten, meine Sachen abzuholen und den Schlüssel zurückzugeben (ich habe ja jetzt “das Büro” wieder). Ich finde (ein Dank in den Himmel) einen Parkplatz direkt vor dem Haus (mein linkes Knie ist derzeit quasi außer Kraft, ich laufe nur mühsam). In der Wohnung (mit Balkon und Meerblick) kann ich nicht widerstehen und setze mich einen Moment in die Sonne und lese (“Athen, Paradiesstraße”; war eine Empfehlung einer Leserin, nimmt mich, nach anfänglichem Fremdeln, total gefangen). So sitze ich dort auch länger, als ich vorhatte. Zurück fahre ich am Meer entlang, es ist so toll sonnig und blau heute! Und viele Menschen sind unterwegs, auf der Straße genauso wie am Strand. Auf der Straße ist stop and go wie im Hochsommer. Weniger prickelnd.
18.30 Uhr. Ich finde keinen Parkplatz und drehe im Viertel meine Runden (all das erinnert mich an einen Grönemeyer-Song), kaufe erstmal ein Brot und drehe erneut, und siehe da, nicht weit vom Haus ist ein Platz frei geworden. Ich schicke meinen Dank in den Himmel.
18.45 Uhr. Ich esse etwas von der säuerlichen Tarte, beantworte eine Mail, schaue Tennis mit Monsieur und kämme wieder das Fell von Pepita aus, die schon wieder auf meinen Knien liegt.
gegen 20 Uhr klingelt es. Der große Enkel erzählt ein bisschen die Neuigkeiten. Er hat noch eine Prüfung, dann hat er sein Abi, wenn er die Prüfung nicht vermasselt, hat er “mention très bien”, also eine Eins mit Sternchen. Er ist daher auch von zwei Prépa-Schulen angenommen worden (zwei Jahre Pauken für die Vorbereitung auf “grandes écoles” ; das ist Teil des sehr eigenartigen französischen Ausbildungs-Systems) – und hat sich für die “Prépa” in Nizza entschieden, weil sie den Weg zu “besseren” Universitäten“grandes écoles” öffnet (ich versuche es für Deutsche normalerweise mit dem Unterschied zwischen Universitäten und Fachhochschulen zu erklären, aber es ist eigentlich nicht vergleichbar). In Nizza hat er sich heute für ein Zimmer in einem Wohnheim eingeschrieben. Also, er bekommt sicher ein Zimmer, er weiß nur noch nicht welches.
20.30 Uhr wie essen Reste von heute Mittag, dazu Baguette mit Schinken und Käse, und zum Nachtisch etwas von der Tarte.
21 Uhr. Wir sehen (mit der Katze auf den Knien) einen Film von Yann Arthus Bertrand: Legacy. Kennen Sie vielleicht schon. Wenn nicht, schauen Sie ihn an. So schön und so schrecklich, obwohl wir das eigentlich alles schon wissen. Mich hat am meisten erschüttert, dass die kilometerlangen Mandelbaumplantagen in Kalifornien mit aus Australien eingeflogenen Bienen, bestäubt werden, weil es nicht genug Bienen in Kalifornien gibt. Was für ein Wahnsinn. Leider sterben ganz viele Bienen bei dem Transport. Macht nix. Nächstes Jahr nehmen wir frische.
https://www.youtube.com/watch?v=dJC30mclOCM
Und hier der Grönemeyer-Song, der mir nicht mehr aus dem Kopf geht.
Seit gestern ist die Außengastronomie in Frankreich wieder geöffnet und der Einzelhandel darf auch wieder Kunden empfangen! Hurra! Gestern aber bin ich nur kurz um die Mittagszeit durch die Innenstadt geeilt, um mir bei der Rheumatologin eine Spritze in den linken Arm geben zu lassen, danach war ich schlagartig müde, der Arm links schien gefühlt doppelt so dick und doppelt so schwer. Ich hatte also nicht mal Lust auf einen Café in einem Café, von Shopping wollen wir gar nicht reden, ich schleppte mich nur noch zur Apotheke, um für das rechte Handgelenk eine Schiene zu bestellen. Schiene heißt das vielleicht nicht auf Deutsch, aber das richtige Wort will mir gerade nicht einfallen une orthèse souple auf Französisch. Sie wissen schon. 48 Stunden solle ich nichts tun, sagte sie noch. Weder etwas tragen, noch Autofahren, noch tippen! Konnte ich auch nicht mehr. Ich ging früh ins Bett. Heute ist es besser, aber Wunder gibt es nicht, der Arm tut anders weh und die Schulter schmerzt deutlich mehr. On verra.
Aber heute! Heute haben wir einen Tisch im LieblingsrestaurantLe coup de fourchette in Théoule bestellt. Ein kleines, unprätentiöses Restaurant im Bistrostil, leider auf der Schattenseite der Straße gelegen und ohne Blick, aber es wird geführt von sehr herzlichen Menschen und sie kochen sehr fein! Dort fuhren wir also hin, das Wetter war besser als gestern, sonnig und nur wenig Wind. Der Empfang war so herzlich, wir haben uns so gefreut, uns gegenseitig wiederzusehen, wir wären uns gerne um den Hals gefallen. Aber nein, keine bises, das dann doch (noch) nicht.
Es gab als amuse bouche kleine geröstete Brotscheiben mit selbst gemachter Tapenade. Einfach und lecker. Monsieur wählte ein Filet de Boeuf (Rinderfilet) mit Fritten und ich ein Filet de Morue auf Artischocken und grünem Spargel. Beides köstlich. Ich konnte es allerdings nicht aufessen, weil ich nämlich noch ein Dessert wollte. Und einen Café
Rundherum in allen Restaurants saßen Menschen und alle strahlten mit der Sonne um die Wette! So viel Freude, so viel Erleichterung war spürbar. Auf dem Rückweg, da ich ja nicht fahren durfte (der Arm!), knipste ich aus dem fahrenden Auto und ich heulte fast, so berührt war ich heute von diesem Blau, diesem flirrenden Sonnenlicht, dieser erleichterten und leichten Atmosphäre, alles sah so hell, so frisch und so froh aus. Wie frisch geputzt. Das erinnert mich gerade an den Osterspaziergang des werten Herrn Goethe: “sie sind alle ans Licht gebracht”. Was für ein wundervoller und blauer Tag!